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GEORG WERNICK
Der Wirklichkeitsgedanke
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"Bei Gefühlen sowohl wie bei Willensphänomenen ist der Unterschied zwischen Erlebtem und Reproduziertem nicht annähernd so scharf wie bei Empfindungen. Ob man die rote Farbe sieht oder nur vorstellt, darüber hegt man im allgemeinen nicht den geringsten Zweifel, ob man sich aber über etwas tatsächlich freut oder sich nur noch der erlebten Freude erinnert, vermag man nicht mit der gleichen Sicherheit anzugeben."

XII.

Der bisher betrachtete Sinn der Wirklichkeit ist sicher der ursprüngliche. Nur was der Mensch mit seinem Sinn erfaßt oder erfassen kann, was ihm körperlich fühlbar ist oder sein kann, gilt ihm  zunächst  als wirklich.  Später  kam die Zeit, wo der Mensch - bildlich gesprochen - seinen Blick von außen nach innen lenkte, oder wo er - eigentlich gesprochen - das Vorhandene in einen neuen, bisher unbekannten Zusammenhang brachte. Dadurch entstand eine neue Wirklichkeit, die subjektive, mit anderen Gesetzen und teilweise anderen Inhalten als die bisher bekannte, die aber, je deutlicher sie hervortrat, umso mehr mit der objektiven an Wichtigkeit wetteifern konnte, besonders, da man zu erkennen glaubte, daß sie jene bestimmend beeinflussen konnte. Es bildeten sich Gedanken wie: Vorstellung, Ich, Du, Bewußtsein usw. Bisweilen, wenn auch selten, schien es, als ob das Neue das Alte in sich aufnehmen und auflösen könnte, durch die angebliche Entdeckung, daß ja doch alles, was uns bekannt ist, nur unsere Vorstellung sei, daß wir eine andere Wirklichkeit als die subjektive anzunehmen also keine Veranlassung haben. So entstand die Lehre des theoretischen Idealismus oder Psychismus, die, soweit sie etwas über den letzten Grund der Dinge aussagen will, uns hier nichts angeht, soweit sie jedoch Anspruch erhebt, die einzig mögliche Konsequenz aus psychologischen Beobachtungen zu ziehen, die Tatsache verkennt, daß den gegebenen Inhalten keineswegs ursprünglich der Charakter des Subjektiven innewohnt, sondern ihnen erst durch verwickelte Akte beigelegt wird, sowie daß die Annahme einer objektiven Welt sich mindestens ebenso natürlich und unvermeidlich ergibt, wie die einer subjektiven, daß endlich die Einordnung der ersteren in die letztere nur in sehr gezwungener Weise erfolgen kann. Andererseits hat man im Materialismus, der bisher stets als Reaktion gegen den Idealismus aufgetreten ist, versucht, die subjektive Wirklichkeit als bloßes Nichts hinzustellen und nur die objektive gelten zu lassen; doch unterliegt diese Ansicht ganz entsprechenden Einwänden wie die entgegengesetzte. Vom Standpunkt der Psychologie muß man vorbehaltlos anerkennen, daß beide Arten der Wirklichkeitsverwertung tatsächlich nebeneinander bestehen und beide demnach der Erklärung bedürfen. Die eine dieser Erklärungen glauben wir in den vorangegangenen Abschnitten gegeben zu haben, die andere ist das Ziel der folgenden Erörterungen.

Einleitend wollen wir die bemerkenswerte Tatsache feststellen, daß es Inhalte gibt, die niemals als objektiv wirklich gelten. Da sind zunächst die Gefühle. Wir rechnen sie niemals als Glieder der objektiven Wirklichkeit zu, auch wenn sie volle Wirklichkeitsfarbe zeigen. Diese Tatsache ist durchaus nicht selbstverständlich, ja sie kann Befremden erregen, wenn wir bedenken, daß sich Gefühle in vielen Fällen auf das engste ab objektiv Bewertetes knüpfen, daß ihr Ausschluß von den Assoziationen, durch die wir zur Vorstellung von wirklichen Dingen gelangen, daher unmotiviert erscheint. Woher kommt es nun, daß wir Gefühle, die bei der Betrachtung von Gegenständen auftreten, doch nicht diesen selbst, sondern einer ganz neuen Wirklichkeit zuschreiben? Man könnte zunächst auf die flüchtige Natur des Zusammenseins von Gefühlen mit Empfindungsinhalten hinweisen, die einer assoziativen Verbindung beider Inhaltsgruppen ungünstig ist. Derselbe unveränderte Empfindungskomplex kann je nach Stimmung oder sonstigen Dispositionen von sehr verschiedenen Gefühlen begleitet sein. Der Hungrige betrachtet eine Speise mit Lust, die den Übersättigten mit Ekel erfüllt, der übermüdetet Tourist denkt an einen Aufstieg mit Entsetzen, der ihm, wenn er frisch ist, sehr angenehm erscheint. Freilich ist auch bei Tönen, die wir doch der objektiven Welt zuschreiben die Verbindung mit den übrigen Empfindungsinhalten eine lockere, immerhin aber bemerken wir bald und wo wir es nicht bemerken, wissen wir es doch, daß Töne nur dann auftreten oder aufhören, wenn im Bereich anderer Empfindungsinhalte bestimmte Änderungen vor sich gehen. Wir haben also in der Unbeständigkeit der Verbindung mit dem objektiv Bewerteten in der Tat eine charakteristische Eigenheit der Gefühle zu erblicken; allein das, worauf es hier im letzten Grund ankommt, ist doch noch ein anderes. Es liegt im Umstand, daß die Wirklichkeitsfarbe der Gefühle unabhängig ist von der der Empfindungskomplexe. Wird man z. B. vor die Leiche eines Freundes geführt, von dessen Tod man noch nichts wußte, so veranlaßt der Anblick derselben Gefühle des tiefsten Schmerzes, wendet man sich ab, so verlieren die Wahrnehmungsinhalte ihre Wirklichkeitsfarbe, sie sinken zu Reproduktionen herab, der Schmerz aber bleibt, was er war, er wird keineswegs gedankenhaft, er wird erlebt und gefühlt, so gut wie vorher. Die Elemente eines Wahrnehmungsbildes zeigt mit die Erfahrung in einer solchen Verbindung, daß sie allesamt gleichzeitig sinnliche Lebendigkeit erhalten und verlieren und eben hierauf beruth, wie wir gesehen haben, die Entwicklung und Einübung der besonderen Assoziationskategorie, die die objektive Wirklichkeitswertung bedingt. Die Gefühle dagegen erweisen sich unabhängig von der Wirklichkeitsfarbe des Wahrgenommenen, sie setzen sich unverändert fort, auch wenn diese aufhört, wenn in den Gesichtskreis ganz andere Objekte eintreten als die, mit denen wir sie in Beziehung wissen; daher können sie nicht durch den gleichen Vorgang ihren Wirklichkeitswert erhalten wie Empfindungsinhalte. Man wende nicht ein, daß auch zwischen Empfindungen, die wir zur Vorstellung eines Objekts assoziieren, Unabhängigkeit der Wirklichkeitsfarben besteht. Wenn ich einen Gegenstand betrachte und berühre, so verliert zwar dadurch, daß ich die Augen schließe, die eine Empfindungsgruppe ihre Wirklichkeitsfarbe, während die der anderen bleibt und ähnlich liegt es, wenn ich statt die Augen zu schließen, die Hand wegziehe, allein diese Unabhängigkeit ist doch eine sehr bedingte und keinesfalls mit der zwischen Gefühlen und Empfindungen festgestellten auf eine Stufe zu stellen. vor allem zeigt mir die Erfahrung, daß, wenn die eine Gruppe der Empfindungen Wirklichkeitsfarbe besitzt, die Wirklichkeitsfarbe der zweiten Gruppe sehr leicht gleichfalls hergestellt werden kann, während der Schmerz um den toten Freund noch so lebhaft sein kann, ohne daß ich dadurch in den Stand gesetzt wäre, die Wahrnehmung des Toten hervorzurufen. Ferner zeigt die Erfahrung, daß wenn es ganz unmöglich ist eine Gruppe von Wahrnehmungsinhalten in sinnlicher Lebendigkeit zu erhalten (wegen räumlicher Entfernung oder zeitlichen Nichtmehrvorhandenseins des Objektes), dieses mit den anderen zugehörigen Gruppen ebensowenig möglich ist, während auch in dieser Hinsicht das Gefühl von der Beschaffenheit des Empfindungsinhaltes unabhängig ist.

Ähnlich wie bei den Gefühlen liegt die Sache bei den Willensphänomenen. Zwar wissen wir bisher nicht, von welcher Beschaffenheit die unter diesem Namen zusammengefaßten inneren Vorgänge sind. Noch sind die Fragen nicht entschieden, ob wir es hier mit Komplexen von Vorstellungen und Gefühlen zu tun haben oder mit Vorstellungen, die besonders hartnäckig im Bewußtsein haften oder endlich mit einer ganz besonderen Gruppe psychischer Akte. Uns genügt die unbezweifelbare Tatsache, daß wir uns zu gewissen Zeiten gewissen Objekten gegenüber als wollend wissen und daß dieses psychische Phänomen seine Wirklichkeitsfarbe beibehält unabhängig von der Wirklichkeitsfarbe des gewollten Objekts. Der Hungrige begehrt Speise, ganz gleich, ob er sie vor sich sieht oder an sie denkt. Er mag angesichts der Nahrung die Augen offen oder geschlossen halten, die Beschaffenheit des Willens wird dadurch nicht geändert. Oder man faßt die Sache anders auf, indem man annimmt, daß nicht die Speise, sondern die Geschmacks- bzw. die Sättigungsempfindung Gegenstand des Willens sei. In diesem Fall stehen die Wirklichkeitsfarben von Willen und zugehörigem Empfindungsinhalt in einer Art von disjunktivem Verhältnis. Solange der Wille unbefriedigt ist, hat er volle Wirklichkeitsfarbe, während diese dem begehrten Inhalt fehlt, ist er dagegen befriedigt, so kann er vielleicht als Erinnerung fortexistieren, während das Objekt sinnlich lebendig ist. Man nun diese Auffassung oder die vorher angeführte richtig sein, unter beiden Voraussetzungen wird man es begreiflich finden, daß der Wille keine objektive Bewertung erfährt.

Neben dem bisher betrachteten ist noch folgendes weitere Moment von einiger Bedeutung. Bei Gefühlen sowohl wie bei Willensphänomenen ist der Unterschied zwischen Erlebtem und Reproduziertem nicht annähernd so scharf wie bei Empfindungen. Ob man die rote Farbe sieht oder nur vorstellt, darüber hegt man im allgemeinen nicht den geringsten Zweifel, ob man sich aber über etwas tatsächlich freut oder sich nur noch der erlebten Freude erinnert, vermag man nicht mit der gleichen Sicherheit anzugeben. Fast könnte man versucht sein zu behaupten, daß die Erinnerung an ein Gefühl nie anders zustande kommt, als indem das Gefühl selbst auflebt, wenn auch nur in geringer Stärke. Indes dürfte diese Behauptung doch zu weit gehen und sich durch entgegenstehende Erfahrungen widerlegen lassen. Jedenfalls können wir niemals mit Genauigkeit den Augenblick angeben, in welchem ein Gefühl aufhört erlebt und anfängt vorgestellt zu sein, während das Entsprechende bei Empfindungen sehr wohl möglich ist. Im wesentlichen dasselbe gilt aber auch vom Willen. Diese Kontinuierlichkeit der Übergänge, dieses Verschwommenheit der Wirklichkeitsfarbe macht Gefühle und Willensakte gleichfalls ungeeignet, der objektiven Wirklichkeit mir ihren schärferen Konturen eingefügt zu werden. Jene Inhalte lassen sich in der Bezeichnung auf die es hier ankommt, nicht so unzweideutig fassen, um objektiven W-Vorgängen unterworfen zu werden.

Dagegen weisen wir es zurück, die besondere Bedeutung, die Gefühl und Willen für die Entstehung des Gedankens der subjektiven Wirklichkeit haben, auf die innere Beschaffenheit dieser Inhalte, die ihnen ganz unabhängig von den Beziehungen, in denen wir sie vorfinden, zukommt, zurückzuführen. So wenig wir der Einzelempfindung einen Hinweis auf einen außer ihr befindlichen Gegenstand zugestanden haben, so wenig gestehen wir dem Einzelgefühl oder Einzelwillen den Hinweis auf einen unter oder hinter ihnen stehenden seelischen Träger zu. Vielmehr behaupten wir, daß der Gedanke an das Subjekt so gut wie der an das Objekt erst durch Verarbeitung von Erfahrungen über die Wirklichkeitsfarbe von Inhalten entstehen kann. Es ist oft behauptet worden, daß das Gefühl oder daß der Wille eine geheimnisvolle Beziehung zum Selbstbewußtsein oder zur Persönlichkeit in sich berge, ich kann jedoch nicht finden, daß derartige Behauptungen, mag man ihnen mehr eine psychologische oder metaphysische Wendung geben, irgendeinen klaren Sinn haben oder sich auf deutlich vorzeigbare Beobachtungen stützen; sie verdanken ihre Entstehung, wie ich glaube, mehr einem dunklen Gefühl als einer wirklichen Kenntnis des Sachverhaltes.

Wir haben bisher gezeigt, daß uns gewisse Inhalte gegeben sind, die wir dem objektiven Wirklichkeitszusammenhang nicht einzufügen vermögen. Diese Feststellung ist noch keine hinreichende Antwort auf unsere Frage, sondern kann nur als Vorbereitung auf eine solche gelten. - Wir wollen jetzt zunächst noch auf eine zweite Tatsache hinweisen, die schon in engerer Beziehung zur eigentlichen Lösung des Problems steht, auf das Vorhandensein des eigenen Körpers.

Es wird heute fast allgemein anerkannt, daß die Erfahrungen, die man mit dem eigenen Körper macht,  eine  der Grundlagen für die Entstehung subjektiver W-Vorgänge abgeben. Ohne diese Erfahrungen würden zwar auch der Gedanke geistiger Realitäten zustande kommen, aber er wäre von wesentlich anderer Art als unter den tatsächlichen Verhältnisse. Worin die besonderen Erfahrungen bestehen, die wir mit "unserem" Körper machen, den wir ja  auch  wie irgendein anderes Objekt wahrnehmen und für wirklich halten, ist häufig auseinandergesetzt worden. Trotzdem wollen wir hier die betreffenden Punkte zusammenstellen.
    1. ist zu allen Zeiten ein Teil der Elemente des fraglichen Komplexes sinnlich gegeben, ein anderer Teil aufgrund eines Willensaktes der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich. Zu den ersteren gehören die Druckempfindungen, die durch gegenseitige Berührung der Hautteile, wie sie bei der faltigen Beschaffenheit des Reliefs unvermeidlich sind, sowie durch das innere Leben, wie Pulsschlag, Bewegung des Brustkorbes usw. hervorgerufen werden, zur zweiten, die durch Betasten der gesamten Oberfläche entstehenden Empfindungen, sowie bei Tage oder künstlicher Beleuchtung die meisten optischen Empfindungen. Dadurch, daß dieser Komplex andauernd vorhanden oder zugänglich ist, erzwingt er sich eine Beachtung, die kein anderer in Anspruch nehmen kann.

    2. Druckempfindungen treten nur bei objektiv wirklicher Berührung des Drückenden mit dem eigenen Körper auf. Jede Druckempfindung liefert somit einen Beitrag nicht nur zum Komplex des fremden, sondern auch dem des eigenen Körpers. Aber auch das umgekehrte gilt: Jedesmal, wenn der eigene Körper von einem fremden berührt wird, entsteht die Wahrnehmung des Druckes, während gegenseitige Berührung von fremden Körpern, von deren Wirklichkeit ich vielleicht durch den Gesichtssinn überzeugt werde, mit derartigen Empfindungen nicht verbunden ist.

    3. Gewisse Akte, nämlich Willensregungen, sind stets von Veränderungen des eigenen Körpers begleitet, die der unmittelbaren Wahrnehmung zugänglich sind. Unmittelbare Beziehungen zwischen dem Willen und Veränderungen fremder Körper lehrt uns die Erfahrung dagegen nicht kennen.

    4. und das ist das wichtigste. Veränderungen des Körpers, besonders gewisser Teile, nämlich der Sinnesorgane, bewirken eine äußerst weitgreifende Veränderung des sinnlich gegebenen Teiles der objektiven Wirklichkeit. Ich schließe z. B. die Augen und sämtliche optische Wahrnehmungen hören auf, ich drehe mich um und das gesamte optische Wirklichkeitsbild ist total geändert, ich trete einen Schritt vor und die Gegenstände der unmittelbaren Nachbarschaft erscheinen in veränderter Größe und bisweilen veränderter Reihenfolge, ich bewege meine Hand, die auf einem harten Körper liegt und die Druckempfindungen hören auf usw. All das kann natürlich nur so festgestellt werden, daß man, während das neue Bild wahrgenommen bzw. das alte nicht mehr wahrgenommen wird, die Vorstellung des letzteren reproduziert und sie als kurz vorher erfolgte Wahrnehmung anerkennt, daß man, kurz gesagt, den neuen Zustand mit dem alten in vergleichende Beziehung setzt.
Der zuletzt genannte Punkt enthält nun den deutlichen Hinweis, in welcher Richtung die Lösung unseres Problems zu suchen ist. Wir erfahren, daß nach Eintreten gewisser Willensphänomene, die ihrerseits bekanntlich durch Gefühle beeinflußt werden, durch Vermittlung des Körpers tiefgehende Änderungen ind der Wirklichkeitsfarbe des Gegebenen eintreten. Das objektive Geschehen auf dem Gebiet des "eigenen" Körpers hat dieses Besondere, daß es nicht nur ein anderes objektives Geschehen nach sich zieht - das tut es auch, insofern nämlich jede Bewegung des Körpers andere Körper beeinflußt -, sondern auch tiefgreifende Änderungen in der  Wirklichkeitsfarbe  der vorhandenen Inhalte hervorruft. Durch die stete Wiederholung dieser Erfahrung gewöhnen wir uns daran, Gefühl, Wille und den eigenen Körper als Bedingung der Wirklichkeitsfarbe der Inhalte anzusehen. Damit erblicken wir das Gegebene unter einem Gesichtspunkt, der für die Entwicklung des Gedankens der objektiven Wirklichkeit in Betracht kam. Bei diesem letzteren handelte es sich darum, die Dinge in einen Zusammenhang zu bringen ohne Berücksichtigung der momentanen Wirklichkeitsfarbe, hier dagegen liegt der Akzent gerade auf der Verschiedenheit der Wirklichkeitsfarben. Das Innewerden dieser Verschiedenheit und ihres Bedingtseins durch Gefühl, Willen, Körper ist die Grundlage des Gedankens der subjektiven Wirklichkeit. Wir sind aufmerksam geworden auf eine Änderung, die an den Inhalten auftreten kann, die wir bei Bildung des objektiven Wirklichkeitszusammenhangs nicht beachtet haben. Jetzt wird sie in den Vordergrund gerückt und damit rücken die Dinge selbst in eine wesentlich neue Ordnung. Die genauere Ausführung des hiermit angedeuteten Grundgedankens ist die Aufgabe der folgenden Erörterungen.

Wir können die Frage nach der Beschaffenheit der subjektiven W-Vorgänge zunächst in 2 Unterfragen zerlegen: was heißt es, einen Komplex für gegenwärtige psychische Wirklichkeit, was ihn für vergangene oder zukünftige halten. Wir müssen mit der Beantwortung der ersten Frage beginnen, die wir vorerst noch weiter spezialisieren wollen: was heißt es, einen  wahrgenommenen  Inhalt für psychische Wirklichkeit halten. Die Antwort ist schwieriger als die auf die analoge Frage für objektive Wirklichkeit. Dort konnten wir einfach erklären: für wirklich halten ist wahrnehmen. Hier kommen wir mit einer derartigen absoluten Lösung nicht aus. Zwar hat man versucht, sich bei einer solchen zu beruhigen. Nach der Lehre LOCKEs nehmen wir das innere Geschehen ebenso unmittelbar wahr wie das äußere. Wir können nach Belieben den Blick von der äußeren Wirklichkeit nach dem "Inneren" lenken und gewahren hier eine neue Wirklichkeit, die aber - in dem hier angenommenen Fall - wunderbarerweise mit der äußeren Wirklichkeit ganz genau übereinstimmt. Eine derartige Doppelexistenz der Inhalte aber widerstreitet, wie wir wiederholt gesagt haben, vollständig der Erfahrung; auch die sorgfältigsten Beobachtung zeigt uns nicht die geringste Spur davon, sondern zeigt uns die Inhalte einfach. Was wir beobachten, ist vielmehr folgendes. Wir nehmen Dinge als objektiv wirklich wahr und beruhigen uns bei dieser Wahrnehmung. Plötzlich besinnen wir uns darauf, daß alles dieses ja nur Vorstellung, inneres Erlebnis sei und mit einem Schlag ist die Ansicht der Inhalte verändert; was vorher objektiv war, ist jetzt subjektiv. Diese Selbstbesinnung ist offenbar der fragliche Vorgang, dessen Natur wir erkennen wollen. Wir wenden dieselbe Methode an wie bei der Erörterung der objektiven W-Vorgänge. Es liegt auch hier ein Gedanke vor und wir müssen versuchen, ihn zu reduzieren. Das Ergebnis ist, wie ich meine, dieses: wenn gewisse objektive Veränderungen an meinem Körper vor sich gehen, Schließen der Augen oder ähnliches, so hören die Inhalte in der bisherigen Form auf, sie werden zu bloßen Reproduktionen. Es kommt also darauf an, daß ich denselben Inhalt, den ich wahrnehme, gleichzeitig als der Wirklichkeitsfarbe entbehrend vorstelle und beides, Wahrnehmung und Vorstellung, in Beziehung zueinander setze. Ich sehe in der Tat nicht, wie ich auf anderem Weg zur subjektiven Ansicht der Inhalte gelangen sollte. Könnte ich nicht zur Wahrnehmung den enstprechenden bloßen Gedanken hinzufügen, wegen Mangels an Erfahrungen oder an Reproduktionsfähigkeit, so wäre die Wirklichkeit mit einer Menge von Dingen erfüllt, mit Tälern, Flüssen, Bergen, Menschenleibern usw., aber damit wäre die Sache abgeschlossen, eine andere  Stellung  gegenüber dem allem wäre unmöglich. Jetzt aber kann das Bewußtsein auftreten (wegen vorangegangener diesbezüglichen Erfahrungen): alles dieses wird mit einem Schlag anders, wenn zwei Augenlider sich senken, bzw. wenn der Wille zur Ausführung dieser Bewegung auftritt und sogleich erscheint alles in einem neuen Zusammenhang. Auch der subjektive W-Vorgang ist also eine Assoziation; während aber bei dem objektiven Vorgang der fragliche Inhalt mit anderen, schließlich mit dem sinnlich Gegebenen, nach der Kategorie der Gleichartigkeit verbunden wir, kommt hier umgekehrt die Kategorie der Ungleichartigkeit zur Anwendung, indem die Wahrnehmung zur (gedankenhaften) entsprechenden Vorstellung in Beziehung gesetzt wird. Fragt man, wie es denn möglich ist, daß ich die Inhalte auf zwei ganz verschiedene Arten in Beziehung setze, so ist darauf sehr einfach zu antworten, daß die Erfahrung mich beide Arten der Beziehungen kennen lehrt und daß es vom momentan vorhandenen Interesse und der damit zusammenhängenden Richtung der Aufmerksamkeit abhängt, welche dieser Beziehungen für die Assoziationstätigkeit maßgebend sind. Die Erfahrung zeigt mir ein und denselben Wahrnehmungsinhalt sowohl in Kontiguität [Angrenzung, wp] mit anderen Wahrnehmungsinhalten als auch mit der ihm entsprechenden gedankenhaften Vorstellung; assoziative Beziehungen müssen sich also sowohl in der einen als in der anderen Richtung bilden; welche von diesen Beziehungen bei späteren Reproduktionen die entscheidende Rolle spielt, hängt, wie gesagt, ganz von der sonstigen psychischen Verfassung ab. Ein zweites (sekundäres) Moment, das uns die doppelte Gruppierung der Inhalte erleichtert, ist dieses, daß sowohl der objektive als auch der subjektive Wirklichkeitszusammenhang ein im großen und ganzen lückenloser, sich selbst genügender, d. h. für die Assoziationstätigkeit bequemer ist. Freilich hat dieser Satz auch sehr wesentliche Ausnahmen. Das psychische Geschehen zeigt immer wieder Unterbrechungen und Unstetigkeiten, die wir nur so verständlich, d. h. für die Assoziationstätigkeit ungefährlich machen können, daß wir die objektive Wirklichkeit mit in den Bereich der Betrachtung ziehen.

Insofern unsere Theorie relativ ist, d. h. den subjektiven W-Vorgang in einer Beziehung der Inhalte untereinander erblickt, wendet sie sich gegen alle Theorien eines intuitiven Erfassens des "Inneren", wie sie seit DESCARTES' cogito ergo sum immer wieder aufgestellt sind; insofern sie den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeitsbewertung als prinzipiell, nicht als graduell ansieht, tritt sie neueren Theorien entgegen, die den Unterschied zwischen Körperlichem und Geistigem verwischen (vgl. das Zitat aus MACK in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 27, Seite 53). Dagegen glauben wir unsere Anschauungen zum Teil in Übereinstimmung mit dem bekannten empiriokritischen Standpunkt AVENARIUS'.

Wir haben die erste Teilfrage erst zur Hälfte beantwortet, noch wissen wir nicht, was die psychische Wirklichkeitsbewertung von Reproduktionen bedeutet. Man könnte geneigt sein, hier einen besonderen W-Vorgang zu leugnen, die Wirklichkeitsbewertung einfach mit dem Bewußtsein zusammenfallen zu lassen. Allein wir finden einerseits keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Wirklichkeitsbewertung einer Reproduktion und einer Wahrnehmung, so daß es nicht angängig erscheint, die Erklärung beider Vorgäne in ganz verschiedener Richtung zu suchen, andererseits weist die Selbstbeobachtung darauf hin, daß auch in diesem Fall die Wirklichkeitsbewertung ein über das bloße Bewußtwerden des Inhaltes hinausgehender Vorgang ist, daß hier eine Reflexion, eine besondere Bezugnahme auf die Vorstellung vorliegt, die mit ihrem reinen Inhalt nicht erschöpft ist. Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir auch hier die Wirklichkeitsbewertung einerseits im Gegenüberstellen von Vorstellung und Wahrnehmung, andererseits in einer Bezugnahme auf Körper, Willen und Gefühl erblicken. Das Psychische ist "nur" gedacht, nicht wirklich gesehen, wir sind uns dessen bewußt, daß wir denselben Inhalt auch in anderer Weise erleben könnten als es augenblicklich geschieht. Also auch hier liegt eine Assoziatioin mit einem Reproduzierten inhaltlich Identischen vor, das, ohne Wirklichkeitsfarbe zu besitzen, doch zur vorhandenen Vorstellung in dieselbe Beziehung gesetzt wird, in der er erfahrungsgemäß die Wahrnehmung zu der entsprechenden Vorstellung steht.

Als zweites kommt ein gewisses Spontaneitätsbewußtsein, d. h. ein Innewerden der Abhängigkeit des Vorhandenen vom Willen. Wir wissen, daß wir willkürlich die Aufmerksamkeit vom vorhanden Inhalt ab- und einem neuen zuwenden können. Verstärkt wird dieses Moment durch leise Spannungsempfindungen im Gehirn und in peripherischen Sinnesorganen, die oft mit Muskelkontraktionen, wie z. B. dem Stirnrunzeln, verbunden sind; ich wenigstens spüre dieses bei Akten der Selbstbesinnung so deutlich, daß ich zu ziemlich genauen Lokalisationen imstande bin. Daß man Vorstellungen häufig als ein Tun betrachtet, kann, da es in den vorgestellten Inhalten ganz und gar nicht liegt, nur in begleitenden Empfindungsinhalten seinen Grund haben. Angestrengtes Nachdenken kann Kopfschmerzen veranlassen und etwas Verwandtes muß, wenn auch in sehr geringem Maße, bei jeder geistigen Tätigkeit stattfinden, die ja bekanntlich mit Änderungen in der Blutzufuhr und damit dem Druck der Gefäße auf die zentrale Nervensubstanz parallel geht. Wendet sich die Aufmerksamkeit diesen Dingen zu, so erhalten die Inhalte damit einen besonderen Charakter, den wir in den Worten  "meine  Vorstellung" zum Ausdruck bringen. (1) Wir können uns kurz dahin resümieren, daß sich hier im ganzen dasselbe Schema ergibt, wie beim subjektiven W-Vorgang, der sich auf Wahrgenommenes bezieht: assoziative Verknüpfung im Sinne der ungleichen Wirklichkeitsfarbe und in Verbindung damit Vorstellungen von körperlichen Vorgängen und von Willensimpulsen.

Einer reproduzierten Vorstellung kann ich in dreifachem Sinne subjektive Wirklichkeit beilegen, entweder indem ich sie als meine eigene momentan vorhandene anerkenne oder als vergangene bzw. zukünftige Wahrnehmung oder als vergangene bzw. zukünftige Reproduktion. Beispielsweise kann ich den Komplex "Meer", den ich gegenwärtig bilde, als momentanes Erzeugnis meiner Phantasie auffassen, ich kann mich erinnern, daß ich auf meinem gestrigen Spaziergang das Meer gesehen oder daran, daß ich auf dem Spaziergang an dasselbe dachte. Der Komplex ist in allen drei Fällen derselbe, sowohl nach Inhalt wie nach Wirklichkeitsfarbe wie nach zeitlichem Auftreten, es fragt sich, wodurch er zu einer dreifachen Wirklichkeitsbewertung gelangt. Der erste der drei Fälle ist durch das Vorhergehende vorläufig erledigt, den beiden anderen gelten geltend die folgenden Erörterungen.
LITERATUR - Georg Wernick, Der Wirklichkeitsgedanke, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 31, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Vgl. WILLIAM JAMES, Principles of Psychology, 1891, Bd. I, Seite 302