tb-2Emile Meyerson Victor Kraft    
 
FEDERIGO ENRIQUES
Probleme der Wissenschaft
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"Wenn es Aufgabe der Logik ist, den strengen Rahmen der Beweise und Definitionen zu konstruieren, so bleibt noch Raum für eine Untersuchung, die den Prozeß erforscht, durch den sich das unbearbeitete Material der Sinneswahrnehmungen in einen solchen Rahmen einfügen läßt. Im übrigen beschränkt sich die rein logische Prüfung auf ein formales Urteil, indem sie Fehlschlüsse verwirft und verbietet mit schlecht definierten Begriffen zu operieren; aber auch auf diesem Gebiet wird erkenntnistheoretische Kritik geübt, und für sie bildet jedes, wenn auch unvollkommene Verfahren einen Versuch und im allgemeinen auch einen Schritt näher zur Wirklichkeit und hat in diesem Sinn einen Wert, der nicht vernachlässigt werden darf."

§ 8. Das Erkenntnisproblem

Es war nicht die Gier nach Reichtümern, was die Philosophen angetrieben hat, mit allen Kräften das Problem zu verfolgen, das sich auf die Wirklichkeit und die Erkennbarkeit der Dinge bezieht.

Wenn ihre Anstrengungen Erfolg gehabt hätten, so war ihnen ein einziges Ergebnis verheißen: durch den philosophischen Zweifel hindurch jenes sichere und natürliche Vertrauen der Menschen wiederzufinden, welches unberührt jenseits aller Kritik steht.

Aber gerade die logisch schärfsten Geister, die sich auf diesen Weg begaben, schienen zu gerade entgegengesetzten Resultaten zu kommen: nichts verbürgt jene angebliche Wirklichkeit, zu der zu gelangen uns kein Mittel verliehen ist; nur die Vorstellung ist wahr, und das Ich bleibt unbestrittener Herrscher in einer Welt, die sich um dasselbe bewegt.

Merkwürdige Folgerungen! man könnte wahrlich leicht die Antwort darauf geben, die DIOGENES dem ZENO gab, als dieser ihm beweisen wollte, daß es keine Bewegung gebe; der Zyniker erhob sich vom Boden, wo er gesessen hatte, und begab sich schweigend auf und ab zu wandeln.

Gerade so antwortet die positive Philosophie dem metaphysischen Idealismus, indem sie auf die Tatsachen hinweist, die die Wissenschaft gesammelt hat.

Die Selbstüberhebung des Geistes, der sich als Alleinherrscher in einer Traumwelt wähnt und in seinem eigenen Inneren ihre Gesetze entdecken will, widerlegt sie durch den Hinweis auf eine Wirklichkeit, die sich täglich erweitert und sich von uns entfernt und die der eitlen Bemühungen spottet, sie unseren Meinungen oder unserem Willen zu unterwerfen.

Aber eigentlich sind Scherze stumpfe Waffen im Kampf gegen die Philosophen. Und wer sich damit begnügt, sie zu verlachen, verdient vielleicht, an das Sprichwort erinnert zu werden: "risus abundat in ore stultorum" [Wer blöd ist, lacht leicht oder ständig. - wp]

Da es sich um gebildete Männer handelt, so ist es sicher weiser, sie zu verstehen zu suchen und aus ihren Irrtümern zu lernen. Denn eine absurde Schlußfolgerung kann den Gang der Wissenschaft nicht aufhalten, und ein Irrtum, den man nur von der lächerlichen Seite betrachtet, wäre eine verlorene Gelegenheit, etwas zu lernen.

Wie kann man an dem zweifeln, was für jeden Menschen seit frühester Kindheit das Gewisseste ist?

Vielleicht gelingt es nicht, das zu verstehen, wenn man sich nicht in der Phantasie zurückversetzt in jene fast aus der Erinnerung entschwundene Zeit, wo Traum und Wirklichkeit zusammenfließen, und wo das Bild, das der Spiegel zurückwirft, ebenso wirklich erscheint wie die Person, die davorsteht.

Da Wahrheit und Irrtum in unseren Geist beide durch die Pforte eintreten, die die Sinne der Erkenntnis öffnen, so sehen wir uns sehr bald gezwungen, uns in acht zu nehmen, um nicht durch Jllusionen getäuscht zu werden.

Gerade aus diesem Wunsch des Menschen, nicht getäuscht zu werden, entspringt das Erkenntnisproblem!

Es handelt sich immer und einzig darum, die Wirklichkeit erkennen zu lernen trotz der tausend Fehlerquellen, die unsere Beobachtung fälschen.

Man muß also einen relativen Unterschied feststellen.

Der metaphysische Idealismus dagegen verlor, indem er dem Trugbild eines eingebildeten Absoluten folgte, diese Relativität aus den Augen und führte uns dadurch auf den Punkt zurück, von dem wir ausgegangen waren, nämlich zu der Verwechslung von Traum und Wirklichkeit. Ob man dem einen den Namen der anderen gibt oder umgekehrt, macht keinen wesentlichen Unterschied.

Es kommt auf Bergtouren zuweilen vor, daß man nicht genau weiß, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Steigt man dann den felsigen Abhang eines Vorberges empor, so glaubt man es wohl zum Berühren nahe, aber hinter diesem Berg öffnet sich dem Blick unverhofft ein neues Tal. Wir müssen vorsichtig wieder hinuntersteigen und nach einem mehrstündigen ermüdenden Marsch befinden wir uns vielleicht nicht höher als am Ausgangspunkt. Aber Zeit und Mühe waren nicht vergebens aufgewendet; denn wenn auch jetzt bei erweitertem Horizont der Gipfel weiter erscheint, so haben wir uns ihm in Wirklichkeit doch genähert, indem wir ein Hindernis überwanden, das ihn unseren Augen verbarg. Man darf nur nicht den Mut verlieren und in einem schwachen Augenblick die Flinte ins Korn werfen.

Der Kampf beginnt von neuem, mit einer Willensanstrengung! Und wenn der Abhang auch steil ist, wenn auch ungeheure Risse, vom Schnee verborgen, sich unter unseren Füßen auftun, wir wollen doch vorsichtig hinaufklimmen, indem wir uns aneinander festhalten, wir wollen uns an das Seil binden und uns die Hände reichen!

So kann man bildlich vom metaphysischen Idealismus sagen: Wenn er den steilen Hügel des erträumten Absoluten erstiegen hat, steht er vor einem tiefen Abgrund und jenseits erstrahlt die Wirklichkeit, die er erreichen wollte. Wir aber sind diesem wirklichen Ziel näher, denn wir haben uns die relative Natur der Frage klar gemacht.

Mögen also alle, die den guten Willen haben, sich einer momentanen Schwäche erwehren und sich vereinigen, um mit neuer Kraft die neuen Schwierigkeiten zu überwinden, die sich unseren Augen darbieten.


§ 9. Die Gefahren der Sprache

Man muß vor allem die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Deshalb muß bemerkt werden, daß die Sprache, deren wir uns bedienen, um unsere Gedanken auszudrücken, letzten Endes ein System zur symbolischen Bezeichnung der Dinge ist. Dadurch, daß sie schrittweise zum Ausdruck allgemeinerer Tatsachen emporsteigt, liefert sie uns ein einfaches Schematisierungsverfahren und erlaubt uns dadurch abstrakte Begriffe zu erörtern, die sich weit von der Wirklichkeit entfernen, welche unmittelbar unter unsere Sinne fällt.

Aber der Gebrauch dieses mächtigen Werkzeuges, das unserem schwachen Verstand zu Hilfe kommt, ist nicht frei von Gefahren. Wer seinen Flug in die luftigen Höhen des Gedankens nimmt, läuft Gefahr, die Bedeutung der Worte zu vergessen, die sinnlos werden, wenn sie aufhören die Dinge zu bezeichnen. Wenn man an diesem Punkt angelangt ist, dann ist nichts leichter als formal mit den Symbolen zu operieren, aber die Entwicklung des Gedankens, die ja nach Allgemeinheit strebt, wird dann nicht mehr gezügelt durch die konkrete Welt, der sie sich entfremdet hat.

Wenn man sich also nicht in sinnlose Träume verlieren will, so darf man nicht die oberste  Bedingung der Positivität  vergessen, daß nämlich ein Urteil, falls es eine Erkenntnis enthalten soll, immer in letzter Linie besondere oder allgemeine Tatsachen bejahen oder verneinen muß.


§ 10. Absolut und relativ:
das Absolute in der Bewegung

Diese Bemerkungen werfen ein helles Licht auf die klassischen Argumente, mit denen man die Existenz von etwas  Absolutem  beweisen will, das sich für alle Zeiten unserer Erkenntnis entzieht.

In der Sprache kommt das Wort "absolut" im Gegensatz zu "relativ" vor. Die Bedeutung des Wortes läßt sich leicht aus dem Gebrauch entnehmen, den man gewöhnlich in Bezug auf irgendeinen Gegenstand davon macht.

Wenn wir in einem Wagen fahren, so sehen wir die Bäume an uns vorbeieilen und sagen dann, daß sie sich relativ zu uns bewegen; aber in einem absoluten Sinn stehen die Bäume still, und der Wagen, in dem wir fahren, bewegt sich.

Dieses Absolute wird selbst wieder etwas Relatives, wenn man es vom Standpunkt der Astronomie betrachtet. Die Bäume werden von der Erde getragen, die sich um die Sonne bewegt.

Aber auch die Sonne scheint eine eigene Fortschrittsbewegung zu besitzen, relativ zu den entsprechenden Fixsternen, deren gegenseitige Ortsveränderungen man während einer nicht zu langen Zeit vernachlässigen kann.

Nichtsdestoweniger haben über lange Zeiträume ausgedehnte Beobachtungen gezeigt, daß auch diese zu Unrecht "Fixsterne" genannten Gestirne sich relativ zueinander bewegen. Ihre Entfernungsänderung muß ungeheuer sein, wenn die Änderung der Winkel merkbar ist, unter denen sie von einem so entfernten Punkt wie unserer Erde aus gesehen werden.

Es ergibt sich also, daß eine Bewegung, die in einem bestimmten Tatsachenzusammenhang als absolut erscheint, sich in einem weiteren Gebiet als relativ herausstellt. Es handelt sich um ein Absolutes, das verschiedener Grade fähig ist, und das dem Bedürfnis der Wissenschat entspricht, einen festeren Stützpunkt zu suchen.

Wir wollten nur ein Beispiel anführen, ohne die Diskussion bis zu der Grenze zu verfolgen, die man beim heutigen Stand unserer Kenntnisse erreichen kann.

Wir werden noch Gelegenheit haben, das Problem zu erörtern, welches der absoluteste Sinn ist, den wir der Bewegung beilegen können. Aber es wird sich immer darum handeln, dem Wort "absolut" eine relative Bedeutung von größerer Ausdehnung zu geben, die der Gesamtheit der bekannten mechanischen Beziehungen besser entspricht.


§ 11. Das Absolute in der Moral

Wählen wir ein zweites Beispiel aus einem ganz anderen Gebiet.

Wer einen Zweck  will, muß  wenigstens eins der Mittel wollen, die zu ihm führen. In diesem Sinn erscheint das Gefühl der Notwendigkeit unter den Motiven eines jeden Willens, sei er nun gut oder schlecht.

Zu dieser Art von Pflicht gegen sich selbst gesellen sich ähnliche gegen die Gesellschaft, die, wenn auch erworben durch den suggestiven Einfluß anderer, sich nur verstehen lassen als gefordert mit Rücksicht auf einen stillschweigend anerkannten Zweck, sei es auch nur durch den Willen einer sozialen Gemeinschaft, anstatt durch den eigenen.

Nun macht die Moral einen Unterschied zwischen solchen Pflichten, sie setzt den "absoluten Pflichten" die "relativen" entgegen, und sie gibt zu, daß die Schwierigkeit der Handlung die Nichterfüllung von diesen rechtfertigen könne, behauptet aber, daß ein solches Motiv uns in keiner Weise der Mühe überhebt, jene zu erfüllen. Warum?

Weil es sich um ein Sollen handelt, das sich auf allgemeine Zwecke bezieht, deren stete Verfolgung für die menschliche Gesellschaft mehr Wert hat als alle noch so großen vorübergehenden Opfer oder Schädigungen.

Aber der Wert des Zweckes, der eine absolute Bedeutung gegenüber gewissen Beweggründen hat, erscheint seinerseits relativ im Verhältnis zu anderen Zwecken derselben Ordnung. Die Pflicht, welche Erfüllung erfordert, ohne Rücksicht auf die Opfer oder den Schaden des Handelnden, verlangt nicht ebenso die Unterordnung anderer Pflichten; der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und der moralische Konflikt kann nur gelöst werden durch eine vergleichende Bewertung der in Frage stehenden Ideale und durch ihre Unterordnung unter irgendein höheres Ideal.

Aber kein Ideal ist das höchste, und der höchste Zweck, der innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft und zu einer bestimmten Zeit absolute Geltung hat, wird relativ, wenn man ihn mit der Moral anderer Völker unter anderen Lebensbedingungen vergleicht.

Man wird vielleicht einwenden, dieses absolut höchste Ideal sie die Gerechtigkeit.

In der Tat drückt in jedem Augenblick und auf jeder Stufe der sozialen Entwicklung die humane Idee der Gerechtigkeit die höchste Synthese der Werturteile aus; aber sind nicht diese Urteile selbst zu jeder Zeit einer Ausdehnung auf einen weiteren Kreis von Beziehungen fähig? Und folgt daraus nicht, daß ihr allgemeinster und abstraktester Ausdruck niemals als erreicht angesehen werden kann?

Der absolute Wert in der Moral bedeutet also nichts anderes als eine erweiterte Relativität. Diese Feststellung drängt sich jedem auf, der die Moral wissenschaftlich als eine Tatsache betrachtet, unabhängig von jeder möglichen Rücksicht auf Schaden oder Vorteil, die daraus entstehen könnten. Aber die Gefahr des gefürchteten Schadens besteht nicht für den, der dieses Übergewicht im Auge behält, welches die ethischen Zwecke über die Motive der individuellen Handlungen haben. Denn das ist das einzig praktisch Wichtige, was durch ein solches Absolutes ausgedrückt wird. Übrigens trägt die Behauptung, daß die Moral relativ sei, selbst dazu bei, die Kriterien unserer Urteile und unseres Verhaltens zu veredeln, besonders bei den Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern unter verschiedenen Lebensbedingungen. Nichts ist ungerechter als den Maßstab unserer Moral an Menschen anzulegen, die uns unähnlich sind; und der absurde Anspruch, dies aufgrund einer natürlichen Überlegenheit zu tun, würde dem Philosophen einen leichten Grund zum Spott geben, wenn seine praktischen Folgen nicht bitterere Gedanken erweckten.


§ 12. Was ist das Absolute in
einem transzendenten Sinn?

In den vorangehenden Beispielen erscheint das Absolute, dem üblichen Sprachgebrauch entsprechend, als eine tiefere und weiter von uns entfernte Relativität.

Allerdings lehrt uns in einem solchen Fall ein unbestimmtes Gefühl, daß das Wort nicht in seiner strengen Bedeutung gebraucht ist. Aber in der Regel nimmt man sich nicht die Mühe, diese erweiterte Bedeutung zu bestimmen, die dem Wort in unbestimmter Weise untergelegt wird.

Prüfen wir nun, was das Wort für die Philosophie geworden ist.

Da es im Relativen Grade gibt, so gibt man vor, in einer unendlichen Reihe bis zum Ende aufzusteigen, um etwas zu erreichen, das unter keinem Gesichtspunkt mehr relativ ist und deshalb im eigentlichen Sinne als absolut bezeichnet werden kann.

In einer unendlichen Reihe von Stufen bis zum Ende aufsteigen? Der Widerspruch in diesem Vorhaben leuchtet ein. Aber das offenbar Absurde ist unvermeidlich vermöge einer im menschlichen Geist festgewurzelten Jllusion.

Es ist ein besonderer Vorteil der symbolischen Schreibweise, daß man mit ihrer Hilfe ein Element, das in einer Reihe irgendeine Stelle hat, darstellen kann, ohne nacheinander alle die Operationen ausführen zu müssen, die nötig wären, um zu ihm zu gelangen. So können wir z. B. mit der Zahl 164.792.843 rechnen, ohne nacheinander alle Einheiten herzuzählen, aus denen sie besteht; und in ähnlicher Weise können wir arithmetische Rechnungen über 2h1000 aufstellen, ohne die tausend Multiplikationen auszuführen, die durch das Zeichen angedeutet werden.

In diesen Fällen faßt der Geist gewissermaßen in einem abgekürzten Verfahren aufgrund logisch feststehender Beziehungen eine Reihe ausführbarer Operationen zusammen, die nur eine längere Zeit in Anspruch nehmen würden. Und der Gedanke erreicht ein ganz bestimmtes Glied innerhalb der Reihe selbst.

Aber die so erworbene Gewohnheit, durch ein Symbol die Operationen zu ersetzen, welche die wirkliche Definition ausmachen, führt zu der Täuschung, daß die Sache durch das Zeichen definiert sei, und daß man deshalb das  letzte Element  einer unendlichen Reihe nur mit einem Wort zu bezeichnen brauche, damit dem Wort ein Gegenstand entspricht. Dennoch ist in diesem Fall das Zeichen bedeutungslos, da die  transzendente  Operation, die damit angedeutet werden soll, unmöglich ist. Abgekürzte Verfahren erlauben dem Gedanken eine endliche Anzahl von Operationen schneller zu vollziehen, niemals aber eine unendliche. Eine Unendlichkeit läßt sich in keiner noch so langen Zeit erschöpfen wie man auch ihre Elemente zusammenfaßt.


§ 13. Die transzendenten Prozesse und
die physiologische Psychologie

Dieser letzteren Behauptung kann man eine schärfere Fassung geben, aus der die Jllegitimität der transzendenten Prozesse, von denen oben die Rede war, noch deutlicher hervorgeht.

In der Tat erlaubt die physiologische Psychologie, die Zeit zu  messen,  die zu einem psychischen Akt nötig ist. Und da sich in jedem Fall ein Minimum von Zeitdauer findet, so kann man dem menschlichen Geist in keiner Weise die Fähigkeit zuschreiben, eine unendliche Anzahl von Akten in einer wie immer gegebenen Zeit zu vollziehen.


§ 14. Die transzendenten Prozesse
in der Analysis des Unendlichen

Es kann daher nicht überraschen, daß die entgegengesetzte Voraussetzung, wenn man sie fehlerhaften Definitionen zugrunde legt, zu unzähligen Widersinnigkeiten führt.

Die Infinitesimalrechnung war das Gebiet, auf dem derartige Widersinnigkeiten sich am klarsten zeigten, ehe die transzendenten Überlegungen daraus glücklicherweise verbannt wurden. Und die Kritik der Begriffe  "unendlich", "unendlich klein", "Reihe"  und  "Grenze"  scheint uns die beste Vorbereitung zu sein, um in den Sinn der vorhergehenden Bemerkungen gut einzudringen.

Das Erste, was diese Kritik feststellt, ist, daß das Wort "unendlich" nicht auf Zahlen oder gegebene Größen angewendet werden darf, sondern daß es nur die Art des Wachstums einer veränderlichen Größe bezeichnet, welche Werte annehmen kann, die größer sind als jeder beliebige vorgegebene Wert. Das drückt man aus, wenn man sagt, daß das Unendlihe nicht, wie LEIBNIZ annahm,  aktuale  Bedeutung hat (1), sondern nur  potentielle  oder  genetische.  Das gleiche gilt für das unendlich Kleine.

Die Wichtigkeit dieser Art, die Dinge zu betrachten, besteht in der Erkenntnis, daß es widersinnig ist,  eine Zahl durch eine unendliche Reihe als deren letztes Glied definieren  zu wollen. Es kann vorkommen, daß  außerhalb  der Reihe eine Zahl existiert, der sich die Glieder der Reihe nähern und die demnach ihre  Grenze  darstellt. Aber die Existenz dieser Grenze drückt im wesentlichen nur eine Eigenschaft der Art aus, wie sich die Glieder einer anderen Reihe  verändern,  nämlich derjenigen, die aus den Differenzen zwischen der Grenze und den Gliedern der ursprünglichen Reihe besteht. Demnach kann  die Existenz der Grenze nicht aus der bloßen Tatsache der Existenz der Reihe geschlossen werden, mit anderen Worten, die Grenze kann nicht ausschließlich durch die Reihe definiert werden, sondern nur, indem man die Reihe mit etwas unabhängig und außerhalb von ihr Gegebenem vergleicht. 

Der praktische Wert dieser Bemerkungen ist nachgerade all denen bekannt, die die Infinitesimalrechnung kennen. Denn die unendlichen Algorithmen geben gewöhnlich zu  Reihen ohne Grenze  Anlaß, und wenn man so operiert, als könnten diese eine solche Grenze definieren, so kommt man zu dem merkwürdigsten Ungereimtheiten.

Zum Beispiel stellen sich die Reihen, die man aus einem unendlichen Summationsprozeß erhält (abgesehen von denjenigen, die gegen eine Grenze  konvergieren),  als  divergente  oder als  unbestimmte  dar. Zu diesen beiden Kategorien gehören beziehungsweise die Reihen
1plushalb

und
1 - 1 + 1 - 1 + 1 - ...

Mit der Benutzung dieser Reihen nun kann man die Gleichheit zweier beliebiger Zahlen beweisen!

Und nicht genug damit; auch beim Gebrauch der konvergenten Reihen darf man nicht vergessen, daß es nur auf Verabredung beruth, wenn man durch sie eine Zahl außerhalb ihrer (die Grenze) darstellt. Wenn man das vergäße, so würde es sich in der Tat um etwas Transzendentes handeln, und wenn man die Reihe als  Summe von unendlich vielen Gliedern  auffaßt, so könnte man sich berechtigt glauben, mit ihr gemäß den Eigenschaften der Summe zu operieren und beispielsweise die Reihenfolge der Summanden zu  ändern;  aber auf diese Weise könnte man z. B. aus der konvergenten Reihe:
1minushalb

nach Belieben Reihen entstehen lassen, die nach verschiedenen Grenzen konvergieren oder auch divergente oder unbestimmte Reihen.

"Jedes transzendente Definitions- oder Rechnungsverfahren eliminieren", das ist die für das Verständnis der Infinitesimalrechnung wesentliche Bedingung, die CESARO am Anfang seiner schönen Vorlesungen ausspricht, indem er dem Leser empfiehlt, alle metaphysischen Gedanken aus seinem Geist zu verbannen!

Den Lehren, die wir aus der Analysis des Unendlichen gezogen haben, wollen wir die hinzufügen, die sich aus der modernen  Mengenlehre  ergeben.

Hier hat sich die transzendente Definition bei der Konstruktion gewisser "Mengen" gezeigt, die man auffaßt als "Gesamtheit der unendlichen Größen, denen eine gewisse Eigenschaft zukommt".

Unter den Beispielen, die wir anführen könnten (und die durch die Untersuchungen von CANTOR, DUBOIS-REYMOND u. a. ins Licht gesetzt worden sind), wollen wir ein sehr einfaches wählen, auf das RUSSELL kürzlich die Aufmerksamkeit der Mathematiker gelenkt hat.

Auf mehrfache Weise kann man eine Menge bilden

s-ident
,
die aus den Elementen α1, α2, α3 ... besteht und die sich nicht selbst als Element enthält (so daß also keines der  α  mit  s  identisch ist. Nun definieren wir ∑ als die  Menge aller derjenigen Mengen, denen die genannte Eigenschaft zukommt: 

summa-s

Zunächst ergibt sich, daß summa nicht unter den Elementen  s  vorkommen darf, denn das würde dem widersprechen, was wir über die  s  vorausgesetzt haben. Wenn aber andererseits summa nicht in der Menge {s} enthalten ist, so erschöpft diese Menge nicht alle  s,  denen die genannte Eigenschaft zukommt.

Der Widerspruch zeigt, daß der Begriff der Menge summa illusorisch ist, und so offenbart sich die Fehlerhaftigkeit des transzendenten Verfahrens, durch das ∑ definiert wurde.


§ 15. Der psychologische Wert des Absoluten

Aber die logische Untersuchung, die den Fehler in der transzendenten Definition aufweist, erschöpft die Frage des Absoluten nicht. Wie würde sich sonst der bevorzugte Platz erklären, den das Absolute in dem Glauben einnimmt, der mit den innersten Gefühlen der Menschenseele verknüpft ist? Wie könnte eine falsche Fragestelung einem Symbol  Wert  verleihen, dessen Inhaltlosigkeit wir erkannt haben?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zu den Betrachtungen über "das Absolute in der Moral" zurückkehren.

Wir sprachen schon von der eigentümlichen Neigung des menschlichen Willens, die ihm gesetzten Ziele einer Rangordnung zu unterwerfen, in der das nähere Ziel dem ferneren untergeordnet ist.

Das Bestehen einer solchen Rangordnung verlangt aber, daß der höchste Zweck in jedem Augenblick hinreichend stark auf den Willen einwirkt, um den zufälligen Triebfedern entgegenzuwirken, die sonst den Entschluß von ihm ablenken würden. Und diese autosuggestive Kraft erhält er durch die Erfahrung, die der Wille von seiner eigenen Festigkeit macht, und sie enthüllt sich im darauffolgenden Bewußtsein  sich  nicht zu ändern.

Man sieht daraus, daß die fortschreitene Erweiterung der Rangordnung der Zwecke und ihre Beständigkeit für den menschlichen Willen zwei einander widersprechende psychologische Forderungen bilden. Ein neuer höherer Zweck kann die vom Willen bereits angenommenen nicht ändern, ohne dessen Vertrauen in die eigene Stetigkeit und Kraft zu erschüttern.

Wenn im Leben des Individuums oder der Gesellschaft die Perspektive der Zwecke sich plötzlich erweitert, so entsteht dadurch eine jener  kritischen Perioden,  die durch eine Desorganisation des Wollens ausgezeichnet sind. Ein solcher Zustand der Ohnmacht, der die menschliche Persönlichkeit für Augenblicke vernichtet, trägt sein Heilmittel gewöhnlich in sich selbst, indem er das Interesse am Aufsuchen neuer Ziele aufhebt. Ist so dem Fortschritt Einhalt geboten, so kommt es zur Entscheidungsschlacht zwischen den widerstreitenden Trieben, die in der Seele um die Herrschaft ringen; und wenn dann ein Entschluß Sieger bleibt, indem er sich als fähig erweist, sich die andern unterzuordnen, so verwendet der Geist auf ihn die ganze Energie, die ihm das Bedürfnis verleiht, einem schmerzhaften Zustand zu entgehen.

Jeder Mensch macht, wenn er aus dem Knaben- in das Jünglingsalter oder aus diesem in das Mannesalter tritt, eine kritische Periode, wie sie eben beschrieben wurde, durch und überwindet sie aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe.

Ähnliche Willenskrisen entstehen in manchen geschichtlichen Augenblicken auf sozialem Gebiet. Es entstehen dann Perioden revolutionärer Desorganisation, die auf einen zu raschen Fortschritt folgen und ihn aufhalten. Diejenige Macht, die in solchen Zeiten Sieger bleibt, erfährt dadurch einen übermäßigen Zuwachs an Autorität.

Der psychologische Wert des Absoluten beruth auf den Bedingungen des oben beschriebenen Fortschritts. Es wäre ein leichtes, Beweise aus der Geschichte dafür beizubringen.

Die Jllusion, als könnte man die unendliche Reihe der Zwecke bis zu Ende durchlaufen, entspricht dem Bedürfnis, für den angstvollen Zweifel,  jenseits  eine Schranke zu finden, wo die Konflikte des Willens durch einen Machtspruch gelöst werden.

In diesem Sinne ist das Absolute weniger eine regulative Idee als eine Bedingung der Freiheit des Geistes, die alle Fähigkeiten in einem Brennpunkt vereinigt, während jeder fremde Antrieb und jede Kritik unterdrückt wird durch das Bewußtsein:  credo quia absurdum est  [Ich glaube, weil es absurd ist - wp].

Dieser wesentlich schwärmerische und religiöse Zustand der Seele bedeutet für den Psychologen ein Problem; aber den Erkenntnistheoretiker interessiert er nicht.

Zu erklären, wie und warum in unserer Zeit zugleich mit dem Erschlaffen des religiösen Glaubens das Absolute Gegenstand einer Untersuchung wurde, die daraus eine Wissenschaft machen will, wäre gewiß lehrreich und zwar nicht nur vom historischen Standpunkt. Aber eine solche Erklärung würde eine längere Untersuchung erfordern.

Uns genügt es, aus den vorhergehenden Betrachtungen den Schluß zu ziehen, daß das Absolute als Gegenstand verstandesmäßiger Konstruktionen aufhört, absolut zu sein, und daß es angesichts der Kritik den Wert eines Imperativs einbüßt, der über allen Zwecken des Willens und über allen geistigen und sinnlichen Trieben steht.

Was bleibt also von jener angeblichen Metaphysik anderes übrig als ein Dokument zugleich von der Ohnmacht und von der Herrschaft des Menschengeistes?

Ein IKARUS, der den Flug zum Himmel wagte und in die Tiefen des Meeres stürzte.

Entmutigt versinkt die Vernunft ins Meer des Unerkennbaren.


§ 16. Wesen und Schein

Wir sahen, wie der Trugschluß, den man gewöhnlich in die Worte faßt, "Das Relative setzt das Absolute voraus" auf einer Täuschung durch Worte beruth, hinter denen sich ein sinnloser Definitionsprozeß verbirgt.

All die ähnlichen Antinomien, von denen die klassische Philosophie voll ist, erklären sich auf analoge Weise. Sie können auf die Form eines unendlichen Prozesses gebracht werden oder sich als einfache Gegensätze darbieten; aber im letzten Fall handelt es sich um einen rein formalen Gegensatz, der ebenso dazu dient, ein sinnloses Wort zu bilden.

Diese Art Antinomien ziehen ihre ganze Kraft aus dem Umstand, daß sie  bis zu einem gewissen Grad  wahr sind, wenn man nämlich die Ausdrücke nicht in ihrer strengen Bedeutung nimmt.

Man spricht z. B. vom  Wesen  (Substanz) der Dinge im Gegensatz zu ihrer  Erscheinung.  Kohle und Diamant sind im Wesen dasselbe, wenngleich sie in ihrer Erscheinung nichts gemein haben. Andererseits verbergen Diamant und Bergkristall unter einer ähnlichen Erscheinung verschiedene Substanzen.

In solchen Fällen macht man einen wichtigen Unterschied zwischen den unmittelbaren Sinneseindrücken, die wir auf ein gewisses Ding beziehen und der Gesamtheit der Beziehungen dieser Sache zu der sie umgebenden Welt, von denen wir teilweise eine vermittelte Kenntnis erlangen können.

Und diese Beobachtung geht auf ARISTOTELES zurück. Der Philosoph bemerkt z. B., daß das ins Wasser getauchte Ruder, obgleich unvershrt uns doch geknickt erscheint. Aber der Sinn der Unterscheidung änderte sich im Lauf des Mittelalters als der Geist des Absoluten die hellenische Kultur begrub.

Sehen wir nun, was bei KANT aus dieser Unterscheidung geworden ist!

Die Erscheinung, oder wie KANT sich ausdrückt, das Phänomen, wird dem Sein ansich oder Noumenon gegenübergestellt, wo dieser letzte Ausdruck in einem absoluten Sinn genommen wird. (2) Man abstrahiere bei der Betrachtung irgendeines Körpers von allen Beziehungen, die für uns mittelbar oder unmittelbar wahrnehmbar sind; was dann übrig bleibt, ist das wahre Wesen des Körpers.

Ein solcher Widersinn bliebe allerdings unerklärlich, wenn er nicht mit einer anthropomorphen Vorstellung von der Welt zusammenhinge. Dabei stellt man sich vor, daß, wenn man in das Innere eines Steins gelangen könnte, man Empfindungen haben würde, die geeignet wären, sein wahres Wesen zu enthüllen.

Der verworrene Zustand des Geistes, der der Betrachtung des Wesens als etwas Absolutem entspricht, erinnert genau an diesen Anthropomorphismus, den wir wahrscheinlich in unserer frühesten Kindheit durchgemacht haben.

Man kann sich aber eigentlich nicht wundern, daß man in Bezug auf diese angebliche Wesenheit zu agnostischen Folgerungen gelangt (3), wenn man sie so definiert, daß in der Bedeutung des Wortes nichts mehr übrig bleibt!


§ 17. Das Unbekannte

Allerdings wollen wir damit dem Gefühl von einem "großen Geheimnis des Universums" nicht widersprechen, einem Gefühl, das die Reflexionen über die Idee des Wesens in unserem Geist erwecken. Die Erkenntnis der vielfachen Beziehungen, die alle Dinge miteinander verknüpfen, veranlaßt uns, dahinter ein zu entschleierndes Unbekanntes zu vermuten und es uns als unmöglich vorzustellen, die Dinge, die in seinen Bereich fallen, zu erschöpfen. Aber die Behauptung der Existenz des Unerkennbaren ist kein adäquater Ausdruck dieser Ansicht!

In Übereinstimmung mit der Kritik, die unser Landsmann ARDIGO in diesem Punkt an der Lehre SPENCERs übt, können wir nicht zugeben, daß der unserer Erkenntnis zugänglichen Wirklichkeit eine andere geheimnisvolle Wirklichkeit gegenübersteht, die jeder Anstrengung des Gedankens  notwendig  trotzt. Im Gegenteil zeigen die vorhergehenden Bemerkungen, daß es eine Reihe von unserer Erkenntnis gleich zugänglichen Objekten gibt; aber da diese Reihe sich als unendlich erweist, so ergibt sich, daß unser Wissensdurst nie gänzlich gelöscht werden kann.

In der Tat ein glücklicher Umstand für die menschliche Gesellschaft, der sich ein Ausblick auf einen unbegrenzten Fortschritt eröffnet!


§ 18. Der Unterschied zwischen
subjektiv und objektiv nach Kant

Dem Unterschied zwischen Schein und Wesen verwandt ist der zwischen Subjekt und Objekt zwischen subjektiv und objektiv.

WIr können es uns ersparen, zu wiederholen, daß eine derartige Unterscheidung, absolut genommen, sinnlos ist. Sie entspricht nämlich einerseits einer transzendenten Auffassung des Dinges ansich (das mit dem Wesen zusammenfällt), und andererseits einer transzendenten Auffassung des Ich als eines von den verschiedenen Erscheinungsformen der Persönlichkeit unabhängigen Substrates, das diesen zugrunde liegt.

Es ist immer derselbe auf das Absolute gerichtete Geist der Kritik, der dem kantischen Agnostizismus den Boden bereitet.

Aber nur wer die Dinge von einem speziellen Gesichtspunkt aus betrachtet, kann die Philosophie KANTs dahin deuten, daß sie zu einem skeptischen Ergebnis führt, indem sie mit der positivistischen Philosophie zusammentrifft.

Und wenn diese Seite der Lehre darauf gerichtet erscheint, gewissen praktischen Forderungen zu genügen, "sofern sie gerade den praktischen Datis den Platz für eine Erweiterung der Erkenntnis läßt, den die spekulative auszufüllen sich als unfähig erweist" (4), so kann man wohl behaupten, daß dadurch, daß ihre Fehlerhaftigkeit ins Licht gesetzt wird, der Wert der Revolution, die KANT gegen die alte Metaphysik ins Werk setzte, nicht vermindert wird. Wenn man den Geist der kantischen Schriften ohne Engherzigkeit zu verstehen sucht, so stellt sich in der Tat heraus, daß bei diesem Philosophen die Unterscheidung von subjektiv und objektiv keine unfruchtbare Antinomie blieb, sondern daß sie für ihn der Ausgangspunkt für eine neue Auffassung der wissenschaftlichen Realität wurde, eine Auffassung, zu der der Positivismus auf anderem Wege auch gelangte.

Wir glauben, daß sogar vom streng positivistischen Standpunkt aus die Philosophie KANTs noch einen wissenschaftlichen Charakter annehmen kann, sofern man sich herbeiläßt, nur ihren Geist im besten, was sie enthält, zurückzubehalten und sie im übrigen auf veränderter Grundlage neu aufzubauen.

In der Tat behält die Lehre "daß man in der Erkenntnis ein persönliches (subjektives) und ein reales (objektives) Element unterscheiden muß, und daß letzteres von Mensch zu Mensch veränderlich, sich in gewisse allgemeine Formen der menschlichen Sinnlichkeit und des menschlichen Verstandes einfügt" eine positive Bedeutung, sofern man den Wert der Unterscheidung anerkennt, ohne darin etwas Absoutes finden zu wollen.

Aber dazu muß man nicht nur die Entwicklungen der zügellosen nachkantischen Spekulationen übergehen, sondern auch die Urteile des Meisters selbst über die "Antizipation  a priori  der  Form  einer möglichen Erfahrung" (vgl. KANT a. a. O. Seite 321) und über "die objektive Realität, welche den Erkenntnissen  a priori  durch die  Möglichkeit der Erfahrung  verliehen wird" (a. a. O. Seite 215); diese Urteile sind in sich selbst zweideutig, und ihre authentische Interpretation sowohl als ihre Anwendung enthalten den ursprünglichen Fehler der transzendenten Auffassung des Unterschiedes von Subjektivem und Objektivem. Und indem man durch sie dahin gelangte, implizit eine gewisse Objektivation der psychischen Strukturgesetze im Aufbau der Geometrie oder der Mechanik anzuerkennen, hat man schließlich der Metaphysik die Tore wieder geöffnet, die KANT für immer verriegelt zu haben glaubte.

Andererseits hat das, was am Kritizismus lebensfähig war, außerhalb der Entwicklung der Philosophie im vorigen Jahrhundert, auf den Gebieten der Wissenschaft, in die er Eingang fand, durch Anregung und Erneuerung tiefe Spuren hinterlassen. Und auf dieser Grundlage soll sich die neue Kritik erheben, die die positiven Probleme der Erkenntnis beleuchten wird!


§ 19. Der Unterschied zwischen Subjektivem
und Objektivem positiv betrachtet

Hat der Unterschied zwischen Subjektivem und Objektivem in Bezug auf unsere Erkenntnisse einen positiven Gehalt? In welcher Weise kann er aufrecht erhalten werden, da wir doch die Antinomie zwischen Subjekt und Objekt im transzendenten Verstand fallen sahen? Wir wollen einige Beispiele untersuchen, die geeignet scheinen, uns zu einer passenden induktiven Definition zu führen.

Betrachten wir eine kleine Schachtel mit würfelförmigen Klötzen, wie man sie (nach dem FRÖBELschen System) kleinen Kindern zum Spielen gibt. Der Boden der Schachtel ist durch zwei schwarze Striche in vier quadratische Felder geteilt, die gleich den Seiten unserer Würfel sind. Das Kind lernt daraus, "daß  vier  Würfel nötig sind, um den Boden der Schachtel zu bedecken".

Wir sind alle einig in der Erkenntnis, daß diese Aussage einen  objektiven Bestandteil  enthält: in der Tat, wenn die Schachtel größer wäre im Verhältnis zu den Würfeln, so könnten  sechs  oder  acht  usw. dazu nötig sein. Hinwiederum geht in den Ausdruck dieser Erkenntnis ein  subjektiver Bestandteil  ein. In erster Linie die  sprachliche Form  des Wortes "quattro", das von verschiedenen Personen verschieden ausgesprochen wird, und für das ein Franzose den Laut "quatre", ein Deutscher "vier" setzt usw. In zweiter Linie ihre  psychologische Form.  (5) Ein Kind stellt sich die "Vier" vor, indem es die Würfel in Gedanken den vier Fingern der Hand mit eingebogenem Daumen zuordnet, ein anderes nimmt die vier Kügelchen einer Rechenmaschine; ein drittes Kind, das noch nicht zählen kann, hat man gelehrt, mit Bleistift auf die Würfel je einen Viertelkreisbogen zu zeichnen; dadurch gelingt es ihm, so viele Würfel zu legen, als nötig sind, um den Boden der Schachtel zu bedecken, indem es sie so aneinandersetzt, daß die Bögen (in roher Annäherung) einen Kreis bilden. Das letzte Kind besitzt, wie die andern, die in Rede stehende Erkenntnis aber nicht mehr durch die zahlenmäßige Darstellung, sondern durch Vermittlung einer geometrischen Figur.

Wir sagen, daß die Erkenntnisse unserer Kinder  objektiv  die gleichen sind, denn sie  stimmen überein in der Voraussicht,  die man von ihnen verlangt, indem sie in gleicher Weise die Würfel vorbereiten, die den Boden der Schachtel bedecken sollen, während diese Voraussicht  nicht  erfüllt wäre, bei  einer anderen Schachtel  oder bei  Würfeln  von  anderen  Dimensionen. Wir sagen dagegen, daß dieselben Erkenntnisse  subjektiv  verschieden sein, denn sie haben die Voraussicht auf verschiedene Weise erlangt, durch verschiedene  Bilder. 

Aber sobald wir unsere Kritik weiter treiben, bemerken wir:
    1. daß die erwähnte Voraussicht nur durch Vermittlung irgendwelcher Bilder möglich ist und daß daher eine  reine  objektive Erkenntnis nicht möglich ist;

    2. Daß die subjektive Art der Vorstellung auf die Voraussicht selbst und auf andere ähnliche einwirkt, weshalb man sagen muß, daß sie einen objektiven Bestandteil enthält.
müllerschachtelIm vorigen Beispiel tritt das sehr deutlich hervor. Das Kind, das sich die erwähnte Tatsache geometrisch vorstellt, weiß  weniger  als die anderen, insofern als es nicht gleich erkennen wird, daß seine vier gezeichneten Würfen den Boden der Schachtel auch bedecken würden, wenn sie in einer Anordnung darauf gestellt würden, bei der die vier Bögen eine vom Kreis verschiedener Figur ergeben würden ). In anderer Hinsicht  lehrt  die erwähnte geometrische Vorstellung  mehr,  nämlich vorauszusehen, bei welcher Anordnung der Würfel der Boden der Schachtel bedeckt wird usw.

An diesem Beispiel kann man schon erkennen, daß der  subjektive und der objektive Bestandteil nicht zwei irreduzible Elemente der Erkenntnis sind, sondern vielmehr verschiedene Ansichten derselben, die sich ergeben aus ihrer Gegenüberstellung mit anderen Erkenntnissen ein und derselben Person oder verschiedener Personen hinsichtlich einer Sache oder verschiedener. 

Wir begegnen dem  objektiven  Element überall da, wo eine  Übereinstimmung der Voraussicht  vorhanden ist, unabhängig von der Art, wie sie (von ein und derselben Person oder von mehreren) erlangt wird.

In der Mannigfaltigkeit dieser möglichen  Arten  begegnen wir dem  subjektiven  Elemente.

Aber sogleich bei fortschreitender Erweiterung der Erkenntnis die beiden Elemente  immer mehr auseinandertreten,  so werden sie doch  niemals absolut  getrennt. Der Begriff des Objektiven und der des Subjektiven entstehen vielmehr in jedem Augenblick durch Abstraktion aus der Vergleichung von Erkenntnissen, die immer einer Erweiterung fähig bleiben.

Folglich wird die subjektive Ansicht der Erkenntnisse immer etwas Objektives enthalten ebenso wie die objektive etwas Subjektives.

Immerhin kann die Unterscheidung viel weiter getrieben werden, als sich aus dem angeführten Beispiel ergibt.

Indem man immer die  Vergleichung von Erkenntnissen  zugrunde legt, kann man sich nämlich über jene Objektivität erheben, die sich aus der Vergleichung zwischen den Erkenntnissen ergibt, die verschiedene Personen von derselben Sache besitzen; und wenn man ebenso die Art vergleicht, wie verschiedene Gegenstände erkannt werden, so kann man eine Subjektivität der Vorstellungen erkennen, die allen Menschen gemeinsam ist.

Auf dieser neuen wissenschaftlichen  Stufe der Unterscheidung  von Subjektiv und Objektiv ergibt sich ein neuer Umstand, daß nämlich "die Vorstellungsart, die in einem gegebenen Fall zu einer verifizierten Voraussicht führt, in Bezug auf andere mögliche Voraussagen zu einem Irrtum führen kann". Das drückt man dadurch aus, daß man sagt, mit der subjektiven Ansicht der Erkenntnisse seien  Erscheinungsweisen  der Dinge verbunden, die nicht ihrer  Wirklichkeit  entsprechen. Die so erhaltene Unterscheidung führt also zu einer  Korrektur  der ursprünglich erworbenen Erkenntnis, indem man sie in zwei Teile spaltet, von denen der eine (der objektive Bestandteil) dem größeren  Komplex  von Voraussagen besser entspricht, der andere (der subjektive Bestandteil) mit dem ersten zusammen die Voraussicht im einzelnen abweichenden Fall liefert (oder wie man sagt, den  trügerischen Schein erklärt). 


§ 20. Das Subjektive und Objektive
bei der Messung

Das gerade können wir durch die Untersuchung eines einfachen und klaren Beispiels erkennen.

Wenn man von der  Größe  oder den  Dimensionen eines Gegenstandes  spricht, so meint man eine zusammengesetzte Erkenntnis, die die Übereinstimmung vielfacher Voraussichten in sich schließt in Bezug auf Erfahrungen des Tastsinns, des Gesichtssinns usw.

Nun wollen wir einmal die Dimensionen eines vorgelegten Gegenstandes als  bekannt  voraussetzen. Von diesen Dimensionen verschafft uns der Gesichtssinn eine gewisse unmittelbare Erkenntnis, in die verschiedene Elemente eingehen, die wir unserer Analyse unterwerfen müssen.

Vor allem muß man die Entfernung und die Stellung des Gegenstandes berücksichtigen und die Fehler korrigieren, die aus dieser Beziehung des Gegenstandes zum Subjekt entspringen und in mehrfacher Weise die Bedingungen seines Anblicks verändern.

Aber danach bleiben in unserer Erkenntnis noch gewisse Elemente, die vom Bau des Sehorgans abhängen und die, wie die Psychophysik lehrt, von Mensch zu Mensch veränderlich sind, die aber jedenfalls auf gewissen allgemeinen Umständen der Wahrnehmungen beruhen. So erscheinen z. B. zwei Punkte, die durch einen leeren Raum getrennt sind, näher beieinander als zwei gleich weit voneinander entfernte Punkte, deren Zwischenraum stetig mit Materie erfüllt ist; und in ähnlicher Weise werden gleiche Längen verschieden geschätzt, je nachdem sie gleichmäßig oder wechselnd gefärbt sind usw.

Wir sehen schon im erwähnten Beispiel den Einfluß des subjektiven Elementes, das dem Gesichtseindruck innewohnt, und den die Tastempfindungen uns zu korrigieren erlauben. Aber auch ohne auf die exakten Messungsmethoden mittels des Tastsinnes zu rekurrieren, kann man leicht verstehen, wie geeignete Experimente zur Entdeckung der systematischen Fehlerquellen führen können, ohne das Gebiet der Gesichtswahrnehmungen zu verlassen. Es genügt in der Tat, auf die Färbung der verschiedenen Teile des Gegenstandes zu achten, erfüllte Räume durch leere zu ersetzen usw. Und wenn man so einmal gewisse Regeln in Bezug auf die  Luftperspektive  im weitesten Sinne des Wortes aufgestellt hat, so besitzt man darin ein Mittel, um die Gesichtswahrnehmungen zu korrigieren und so zu einer genaueren Erkenntnis der Dimensionen von Körpern zu gelangen, die unserem Urteil unterbreitet werden. Auf diese Weise kann man Vorausbestimmungen treffen, die besser mit den verschiedenen möglichen Erfahrungen durch den Gesichtssinn bei einer und derselben oder bei verschiedenen Personen zusammenstimmen.

Wenn wir nunmehr jede Beschränkung auf ein einzelnes Sinnesgebiet fallen lassen, ohne doch das Gebiet der Messung zu verlassen, so finden wir Stoff zu interessanten Betrachtungen.

Die Messung besteht in einem vergleichenden Urteil zwischen einer unbekannten Länge und einer anderen, die als Maßeinheit dient, sie wird vollzogen mittels der Sinne und mit Hilfe geeigneter Instrumente. Das benutzte Instrument gestattet einen gewissen Genauigkeitsgrad, den man als ein objektives Datum des Urteils ansehen kann. Aber außerdem muß man die  Art,  wie das Instrument gehandhabt wird, den  physischen und psychischen Zustand  des Experimentators und tausend andere Nebenumstände in Betracht ziehen; denn alle diese rufen, wo es sich um einen gewissen Grad von Genauigkeit handelt, Abweichungen in den Versuchsresultaten von einem zum andern Mal bei einer Person und in ihrer Gesamtheit bei verschiedenen Personen hervor.

Sehen wir jetzt von den  systematischen Fehlern  ab, um uns lediglich mit den  zufälligen  zu beschäftigen, so begegnen wir der merkwürdigen und lehrreichen Tatsache, daß das Mittel aus den Beobachtungsergebnissen bei demselben Experimentator die Tendenz zeigt, vom  genauen  Wert um einen konstanten Fehler abzuweichen, den man als die  persönliche Konstante  bezeichnet.

Auf zwei Weisen kann diese Tatsache erkannt werden. Einmal durch Anwendung vollkommenerer Meßinstrumente und andererseits durch Gegenüberstellung der Beobachtungen verschiedener Personen. Aber wenn einmal die persönliche Konstante festgestellt und zur systematischen Korrektur der Messung benutzt worden ist, so erreicht man damit einen höheren Grad von Genauigkeit, der in der besseren Übereinstimmung zwischen den Resultaten eines Experimentators und zwischen denen verschiedener Experimentatoren zum Ausdruck kommt.

Die obigen Bemerkungen machen klar, welcher positive Gehalt in der Behauptung vom subjektiven Element in der Erkenntnis enthalten ist.

In der Tat sehen wir im vorhergehenden Beispiel nochmals, daß es sich nicht darum handelt, dem  Objekt  eine in Beziehung auf das  Subjekt  strenge transzendentale Bedeutung zu geben. Dadurch daß die Unterscheidung eine relative wird, verliert sie gewiß nicht an Bedeutung; es gelingt, ein Datum aus dem Bau der Sinnesorgane klar zu bestimmen, obgleich die Erkenntnis selbst, die wir als genau betrachten, mittelbar auf den Sinnen selbst beruth, deren Ungenauigkeit wir gerade ins Licht setzen.

Aber wir müssen die vorhergehenden Bemerkungen noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten.

Man erhält das obenerwähnte  Fehlergesetz,  indem man die Gesamtheit der mannigfaltigen Beobachtungen durch ihr  arithmetisches  Mittel ersetzt, von dem man annimmt, daß es sich dem  genauen Maß  mehr nähert.

Zwei Fragen erheben sich da.

Vor allem sehen wir, daß der Begriff eines  genauen  Maßes am Gedankenprozeß beteiligt ist, der zur Korrektur der sinnlichen Fehler führt. Es ist dies ein wichtiger Punkt, auf den besonders die Kantianer ihr Augenmerk richten werden.

Was ist das genaue Maß? Ist es nicht das Absolute in der Messung? Und sollten wir uns nicht auf diese Weise gezwungen sehen, dem Absoluten einen Platz anzuweisen, das wir doch vorher für sinnlos erklärt haben?

Wir wollen die Frage kaltblütig prüfen.

Wenn gefragt wird: "Kann man sich in der Folge der fortschreitenden Annäherungswerte eines Maßes ein  letztes  Glied denken?" So antworten wir: nein! In diesem realistischen Sinne bedeutet das genaue maß gar nichts. Die Annahme, daß eine unmittelbare genaue Maßbestimmung möglich sei, begegnet weiter verschiedenen Einwänden. Das, was wir über den Bau der Materie wissen oder annehmen, und das, was wir über die Natur des Lichts (besonders den Begriff der  Wellenlänge)  voraussetzen, bildet ein Hindernis für eine solche Annahme; ist es doch nicht schwer, z. B. für die kleinste mit dem Mikroskop sichtbare Länge eine theoretische Grenze anzugeben, die von der praktisch erreichten nicht allzuweit entfernt ist.

Aber auch all das ist für uns gleichgültig, wenn wir zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen die  Annahme  der Existenz eines genauen Maßes machen.

Der Wert dieser Annahme besteht lediglich darin, daß sie erlaubt, die Tatsachen, die mit den experimententellen Bestimmungen des Maßes zusammenhängen, durch einen logisch wohl definierten Begriff (den Begriff einer  Zahl)  darzustellen, so daß die darauf gegründeten Überlegungen zu Voraussichten führen, die durch die Erfahrung bestätigt werden. Nun bildet diese Unterordnung der sinnlichen Daten unter  Begriffe  gerade einen  Bestandteil unserer psychischen Organisation,  dessen Wichtigkeit für die Erkenntnistheorie wir später hervorzuheben Gelegenheit haben werden.

Noch einige Worte über das  Postulat des Mittels,  das mit unserem Thema nicht so eng zusammenhängt.

Sehr witzig bemerkte einmal LIPPMANN zu POINCARÉ, daß in solchen auf die Wahrscheinlichkeit bezüglichen Fragen die Übereinstimmung der Gelehrten eine vollkommene sei, weil die Mathematiker glauben, sie seien durch das physikalische Experiment entschieden, während die Physiker glauben, die Mathematik habe sie gelöst. Und POINCARÉ antwortete, indem er das Wort bestätigte, die Frage brauchte nicht mehr erörtert zu werden, es handle sich nur um Versuchsergebnisse.

Die Wahl des arithmetischen Mittels zur Darstellung einer Folge von Beobachtungen entspricht der Wahl derjenigen Zahl, durch die die Summe der Quadrate der Differenzen der einzelnen Beobachtungswerte den kleinsten Wert annimmt. Diese Wahl ist  a priori  willkürlich. Aber das Prinzip, auf dem sie beruth, rechtfertigst sich durch die größere Übereinstimmung, die die Vergleichung verschiedener Beobachtungsreihen ergibt. Im ganzen entspricht also der physikalische Begriff des Maßes einem Intervall, innerhalb dessen die durch das Determinierungsverfahren gelieferten Werte liegen und das man soweit wie möglich zu verkleinern strebt. Dieses Intervall wird kleiner, wenn man die aus den einzelnen Beobachtungen gewonnenen Resultate durch ihre Mittelwerte ersetzt. Dies ist die Bedeutung des Mittelpostulates, auf das GAUSS die  Fehlertheorie  gegründet hat. Man nimmt das arithmetische Mittel, das die Quadratsumme der oben genannten Differenzen zu einem Minimum macht, weil es sich gerade darum handelt, im Resultat das Intervall zu verkleinern, das die äußersten erhaltenen Werte von demjenigen nach beiden Seiten trennt, der von beiden gleich weit entfernt ist.


§ 21. Subjektiv und Objektiv
im Aufbau der Wissenschaft

Die weitere Verfolgung der obigen Beobachtungen führt uns zu keiner eingehenderen Diskussion des Problems der  positiven Definition der Wirklichkeit;  dieses Problem werden wir ausführlicher im II. Kapitel behandeln, welches eine Kritik der Tatsachen und Theorien enthalten soll.

Hier wollen wir uns darauf beschränken, zu bemerken, daß das Beispiel der Messung uns über den wissenschaftlichen Wert der Unterscheidung von Subjektivem und Objektivem in der Erkenntnis belehrt. Sieht man nämlich von jeder transzendenten Deutung ab, so wird diese Unterscheidung zum Ausgangspunkt eines  Verfahrens der fortschreitenden Korrektur  im Fortgang der Wissenschaft. Wenn nun auch dieser Gesichtspunkt diejenigen nicht befriedigen kann, die sich die Arbeit der Wissenschaft auf irgendeinem Gebiet als abgeschlossen vorzustellen lieben, so entspricht er doch den Erfordernissen des Fortschritts und hat daher eine viel positivere und befriedigendere Bedeutung für die praktischen Zwecke.

Zweifellos strebt die Wissenschaft nach einer immer objektiveren Erkenntnis. In jedem Stadium ihrer Durcharbeitung unterdrückt sie daher in ihrer dogmatischen Darstellung diejenigen Elemente, die nach dem augenblicklichen Stand der Kenntnisse subjektiv erscheinen. Aber die Elimination des Subjektiven wird noch weiter getrieben werden müssen in einem vorgeschritteneren Stadium, in dem die Korrektur des vorhandenen Fehlers weiter fortgeschritten sein wird. Und andererseits werden jene subjektiven Elemente, die als Residuen der vorhergehenden Elimination ausgeschieden werden, bei erneuter Kritik noch etwas Objektives ergeben.

So kann man den Fortschritt der Wissenschaft mit der Bewegung einer Schaukel vergleichen, die derjenige, der darauf sitzt, so hoch wie möglich zu schwingen strebt; jedem Stoß nach vorn entspricht eine Schwingung, durch die auch die Bewegung nach rückwärts verstärkt wird das macht den Stoß immer wirksamer.

Vom genetischen Gesichtspunkt aus betrachtet, steigt nicht nur die Wissenschaft zu immer höherer Objektivität auf, sondern auch die Subjektivität der Vorstellungen, die ihr als Mittel der Erkenntnis dienen, erreicht ihrerseits immer höhere Grade.


§ 22. Kritik der Positivismus

Der angegebene Bauplan vervollständigt diejenige Betrachtung der  ausgebildeten  Wissenschaft, die der positiven Philosophie angehört.

Die geistige Bewegung, die mit diesem Namen bezeichnet wird, verdankt ihren Ursprung der Reaktion gegen die willkürlichen Begriffsbildungen des metaphysischen Idealismus, der umso gefährlicher war, als er Anspruch auf sehr hohe (vielmehr absolute) Objektivität erhob, während er doch nur eine Übertreibung der Subjektivität widerspiegelte.

Während IMMANUEL KANT mit seiner Kritik die Täuschung dieser angeblichen metaphysischen Objektivität aufdeckte (indem er freilich dabei den Zugang zu einer unberechtigten Ausdehnung des Subjektiven über das Objektive öffnete), was das Ziel AUGUSTE COMTEs ihre negative Kritik; den vielgestaltigen und einander widersprechenden philosophischen Systemen stellte er die ausgebildete Wissenschaft gegenüber und setzte den Charakter der "Tatsachenerkenntnisse", auf denen sie beruth, ins Licht.

ICILO VANNI hebt mit Recht hervor, daß COMTE dieses Kriterium der  wirklichen Erkenntnis  in der  Übereinstimmung der Menschen  findet, d. h. im  sozialen  Wert der Wissenschaft im Gegensatz zum  individuellen  Wert der Metaphysik. Wir haben oben neben diesem wichtigen Unterscheidungsmerkmal des Objektiven andere angeführt, die im Gebiet des Individuellen bleiben.

Wie dem auch sei, der  positivistische Geist,  der das ganze Werk COMTEs beherrscht, offenbart sich in einer rigorosen Auswahl derjenigen Erkenntnisse, denen der Charakter der Objektivität zugesprochen wird. Unabhängig von der Schule von Schriftstellern und Soziologen, die sich hauptsächlich der Weiterbildung einiger Resultate der letzten comtischen Spekulationen gewidmet hat, hat jener Geist in den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft einen starken Einfluß ausgeübt und hat seinen vollendetsten Ausdruck auf dem Gebiet der physikalisch-mathematischen Erkenntnis gefunden, von der die Spekulation des Meisters ausgegangen war.

Indessen zeigt sich die erwähnte Wirkung auf allen Gebieten des Wissens in doppelter Weise: einerseits im Bestreben eine in immer höherem Grad von den verschiedenen Vorstellungsweisen unabhängige Form der Erkenntnis zu gewinnen; andererseits in einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber allem, was diese Vorstellungsweisen betrifft, und in einer summarischen Verurteilung der Metaphysik, die aus ihnen ihre Nahrung zieht.

Wir haben bereits bemerkt, daß diese negative Seite des Positivismus, obgleich gerade sie den meisten Anklang zu finden scheint, in unseren Augen seine schwächste ist. Die Kritik der Metaphysik, die sich daraus ergibt, gibt dieser einerseits  mehr  zu, als nötig ist, und begreift andererseits in ihrer Verurteilung Dinge, die verteidigt zu werden verdienten.


§ 22a. Positivismus und Metaphysik

An der alten Metaphysik ist etwas zu verteidigen? Und dieser Zweifel allein genügt nicht, um von seiten aller Gelehrten ein Scherbengericht gegen denjenigen herbeizuführen, der ihn ausspricht?

Wir bitten vor der Fällung des Urteilsspruchs den  Angeklagten  zu hören, ohne das Vorurteil, als hätte man einen  Überführten  vor sich.

Vor allem handelt es sich darum, festzustellen, "was man gewöhnlich unter Metaphysik versteht". Vielleicht nur wenige oder keiner von den Positivisten hat sich diese Frage gestellt. Oder sie sind wenigstens häufig bei der Antwort stehen geblieben:  "Metaphysik ist die Wissenschaft vom Absoluten,  das hinter der physikalischen Relativität liegt (6); dieses  Absolute ist unerkennbar  und folglich eine Wissenschaft davon ein Unding."

Für uns hingegen ist das  Absolute ein Ausdruck ohne Bedeutung,  der fehlerhaft definiert ist; daher gesteht man von diesem Standpunkt der Metaphysik zu viel zu, wenn man ihr die  Existenz  eines wenn auch unerkennbaren  Gegenstandes  zugibt, auf den sie sich bezieht.

Aber die oben wiedergegebene Definition der Metaphysik ist unvollständig. Die Metaphysik kombiniert nicht lediglich sinnlose Zeichen, von denen sie vorgibt, sie hätten eine transzendente Bedeutung, sondern sie bemüht sich ihren Gegenstand durch  Bilder  darzustellen, die eine konkrete Bedeutung haben.

Wer sich nur ein wenig damit beschäftigt, eines jener  ontologischen Systeme  zu prüfen, in denen der Geist der Metaphysik am reinsten zum Ausdruck kommt, der findet bald, daß die  Wesenheiten,  aus denen dort die Welt aufgebaut wird, nichts anderes als  Bilder von realen Dingen  sind. Wenn auch ihre Erfinder sich dagegen verwahren, daß die von ihnen erdachten  Substanzen, Äther  oder  Flüssigkeiten  irgendetwas mit den konkreten Dingen zu tun hätten, mit denen die Worte assoziiert sind, da sie etwas darstellen, das hinter den Erscheinungen ist, so erkennt man doch leicht, daß diese Verschiedenheit nur darin besteht, daß man Eigenschaften, die verschiedenen Dingen zukommen, durch einen geistigen Assoziations- und Abstraktionsprozeß vereinigt hat.

Letzten Endes ist eine  Ontologie  eine  subjektive Darstellung der Wirklichkeit,  ein vom menschlichen Geist geformtes  Modell,  dessen  Bestandteile zwar der Wirklichkeit entnommen, aber nach einem bestimmten subjektiven willkürlich für allgemein erklärten Gesichtspunkte zur Erklärung eines gewissen Komplexes von Erkenntnissen kombiniert werden. 

Die ersten ontologischen Systeme, die die Geschichte kennt, tragen diesen Charakter noch in besonders unbeholfener Weise zur Schau, so z. B. das System des THALES von Milet, der die Feuchtigkeit erklärte, indem er das "Wasser" als den Ursprung aller Dinge ansah. In den höher entwickelten Lehrgebäuden ist der Assoziations- und Abstraktionsprozeß komplizierter.

Aber in der modernen Philosophie tritt noch die transzendente Art hinzu, in der man die Universalität des Systems versteht; dieses soll nicht nur imstande sein, jedes mögliche neu hinzutretende Datum zu erklären, sondern es macht sich auch anheischig, das  Ganze der Wirklichkeit  selbst und somit das Absolute im Gegensatz zum Relativen zu begreifen.

Der theologische Ursprung der heutigen Metaphysik erklärt zur Genüge, daß sie den erwähnten Charakter angenommen hat. Immerhin erkennt man von einem gewissen Gesichtspunkt aus, wie diese Degeneration, die eine systematische Verfehltheit in die Ontologien bringt, sich nach psychologischen Gesetzen aus jener philosophischen Methode entwickeln mußte, die nach einigen vorbereitenden Betrachtungen sich gänzlich von der Außenwelt abkehrt. Allerdings erlaubt eine solche Abkehr dem Denker sein eigenes Weltbild für abgeschlossen zu halten, so daß die  Unendlichkeit  der Welt, die eine Folge des  genetischen  Prozesses ist, durch den wir unsere Erkenntnisse erwerben, in das erwähnte Bild nicht aufgenommen werden kann, es sei denn, daß man sie als eine  aktuale  auffaßt.

Doch, anstatt uns noch länger bei der Kritik jener transzendenten Verfahren aufzuhalten, deren Nichtigkeit wir bereits gezeigt haben, wollen wir lieber anerkennen, daß auch in den Ontologien der modernen Metaphysik sich immer ein  System von Bildern,  ein  Modell  findet, das sich zuweilen in geeigneter Weise einer Gruppe realer Tatsachen anpassen läßt und das jedenfalls, indem es neue Assoziationen auslöst, in der Entwicklung der Wissenschaft eine nützliche Rolle spielen kann. Einzig diesen Bestandteilen ist es zu verdanken, wenn man in den sonderbarsten metaphysischen Systemen Bemerkungen begegnet, die eine später wirklich eingetretene wissenschaftliche Entdeckung vorauszuahnen scheint.

Andererseits sind neben den metaphysischen Ontologien, die ihren Anspruch, eine  endgültige  und  vollständige  Wissenschaft zu liefern nicht verhüllen (und die sich nicht die Mühe nehmen, zu untersuchen, ob solche Eigenschaftswörter vor diesem Hauptwort überhaupt einen Sinn haben) für ein begrenztes Gebiet von Erkenntnissen andere  ontologische Systeme  konstruiert worden und werden es noch tagtäglich. Auch hier fehlt nicht die Tendenz des menschlichen Geistes, sich in ihrer Betrachtung zu isolieren und ihre Gültigkeit über ihren ursprünglichen Bereich auszudehnen! (7)

Diese bescheideneren und nützlicheren Konstruktionen, die sich oft verborgen in der Wissenschaft finden, sind der unerbittlichen Kritik COMTEs nicht entgangen, sondern er hat sie als metaphysisch gebrandmarkt. Der Äther oder die Fluida, mit denen die Physiker in ihren Hypothesen die unsichtbare Welt bevölkern, haben vor seinen Augen keine Gnade gefunden; und das gleiche gilt von so vielen anderen ähnlichen Begriffen, die auch heute noch von vielen Gelehrten angewandt werden. Jeder, der vom Geist des Positivismus angehaucht ist, wird zugeben, daß COMTEs Verwerfungsurteil insoweit berechtigt ist, als solche Konstruktionen und Theorien mit dem Anspruch auftreten,  objektive Erkenntnisse  darzustellen; daß aber diesen (sagen wir ruhig  metaphysischen)  Theorien nicht in der Entwicklung der Wissenschaft als  psychologischen Vorstellungen  ein gewisser Wert zukommt, diese Behauptung kann man nicht ohne vorhergehendes gründlicheres kritisches Studium dieser Entwicklung annehmen.

Doch es ist nunmehr an der Zeit, den Positivismus in bestimmten wissenschaftlichen Gebieten einer Kritik zu unterwerfen.


§ 23. Physikalischer Positivismus

In keinem anderen Zweig des Wissens hat die positivistische Lehre so große Erfolge zu verzeichnen wie gerade neuerdings in den physikalischen Wissenschaften. Das erscheint übrigens natürlich, wenn man bedenkt, daß wir der Physik den ersten realistischen Begriff des Faktums verdanken und daß in der Physik die experimentelle Methode ihren Ursprung hat.

Den höchsten, den reinsten Positivismus findet man z. B. in den Werken von MACH und KIRCHHOFF. Dieser ging so weit, aus der Mechanik den Begriff der  Kraft  zu verbannen, denn er schien ihm, besonders in der Astronomie, ein subjektives Element in der Darstellung der Bewegung zu bilden. Die physikalischen Theorien liefern für jede Gruppe von Erscheinungen eine Differentialgleichung, die für sich allein alle Einzeltatsachen umfaßt, sie werden systematisch von allem gereinigt, was lediglich anschauliche Bedeutung besitzt.

Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich eine unerwartete Konsequenz, die POINCARÉ in einer genialen Bemerkung hervorhebt: Wenn nämlich für eine Gruppe von Erscheinungen  eine mechanische Erklärung  existiert, so gibt es deren unendlich viele.

Es gibt z. B. eine mechanische Erklärung des Lichts, nach der dieses auf einer gewissen Art von  Äther schwingungen beruth; daraus allein folgt, daß man auf unendlich viele verschiedene Weisen andere Reihen von Schwingungen konstruieren kann, die gleichfalls auf alle Lichterscheinungen passen.

Die Sache erscheint durchaus paradox: mechanische Theorien können, obgleich unter sich verschieden, doch zugleich  wahr  sein, d. h. gleichermaßen der Wirklichkeit entsprechen, indem sie nämlich die gleichen Tatsachen umfassen und sich nur in dem unterscheiden, was an ihrer Darstellung subjektiv ist.

Welch ein Fortschritt vom Standpunkt der Logik! Alle die müßigen Diskussionen über die Wahl zwischen  äquivalenten  Theorien erweisen sich in unerwarteter Weise als entschieden, man gelangt dahin, jede spezielle Darstellung der Tatsachen aufzugeben und nur in jedem einzelnen Fall danach zu fragen, ob sie eine mechanische Erklärung zulassen. So befreit sich die Physik von gewissen traditionellen Methoden; es scheint schwer die Durchführung des postivistischen Gedankens in dieser Wissenschaft noch weiter zu treiben.

Aber die Emanzipation ist noch nicht vollkommen, es bleibt noch eine Notwendigkeit für den menschlichen Verstand, sich konkrete mechanische Bilder zu machen, und man würde einen Fehler begehen, wenn man zwei Theorien von verschiedenem subjektiven Wert als völlig gleichberechtigt betrachten wollte.

In diesem psychologischen Gesichtspunkt liegt auch die Kraft, die den Menschen vorwärts treibt auf dem Weg der Entdeckungen; daher sind auf jedem Gebiet nur wenige Theorien erdacht und ernsthaft diskutiert worden, nämlich diejenigen, die dem Bedürfnis nach Einfachheit genügten, das dem menschlichen Verstand innewohnt.

Der englische Geist eines MAXWELL oder THOMSON scheut nicht davor zurück, solchen Theorien bis in die kleinsten Einzelheiten zu folgen; und die konkrete Vorstellung der Ätherbewegung führt sie zur Entdeckung von Tatsachen, die die Bewunderung der ganzen gelehrten Welt erwecken.

Wir verlassen nicht das Gebiet der physikalischen Erkenntnis, wenn wir kurz die Frage der  atomistischen Hypothese  berühren, in der sich der psychologische Wert metaphysischer Vorstellungen besonders klar zeigt.

Wir wollen hier nicht die Widersprüche besprechen, die sich an die Annahme von Atomen knüpfen. Da wir uns keinen Teil der Materie anders vorstellen können als mit allen ihren Eigenschaften begabt, so stößt das Bild, das wir uns von den Atomen machen, die wir uns als sehr kleine Körper vorstellen, auf vielleicht unüberwindliche Schwierigkeiten, sobald wir ihm Realität beilegen.

Allerdings können wir nicht verschweigen, daß die neuen Untersuchungen, die vom Experiment mit der CROOKEschen Röhre ausgehen, und die neuen Gedanken über die elektrische Erklärung der Unteilbarkeit des Atoms vielleicht die schwerwiegendste der erwähnten Schwierigkeiten zu beseitigen geeignet sind. Nichtsdestoweniger würde eine ähnliche Schwierigkeit beim  Elektron  wieder auftreten, so daß ein auf das Positive gerichteter Geist in der atomistischen Hypothese nichts anderes als eine subjektive Vorstellung sehen kann.

Wenn man das Atom der konkreten Eigenschaften beraubt, die seinem Bild zukommen, so muß man es als ein Symbol betrachten. Der logische Wert der atomistischen Theorie hängt dann davon ab, ob es gelingt, eine Zuordnung herzustellen zwischen ihren Symbolen und der Wirklichkeit, die sie darstellen soll.

Betrachten wir jetzt die Zeit, in der diese Theorie in die moderne Chemie aufgenommen wurde, so sehen wir, daß die rohen atomistischen Formeln nur die unveränderlichen Beziehungen ausdrücken, die zwischen den Verbindungen der einfachen Körper dem Gewicht und Volumen nach bestehen, wobei letztere auf einen wohldefinierten gasförmigen Zustand bezogen werden.

Nachdem aber die atomistische Terminologie einmal in die Wissenschaft eingeführt ist, führt sie dazu, die Bedeutung der Symbole zu erweitern und in der Wirklichkeit nach Tatsachen zu suchen, die diesem erweiterten Begriff entsprechen.

Die Theorie schreitet vorwärts, sozusagen angetrieben von ihrer metaphysischen Seite oder, wenn man will, von der Ideenassoziation, die durch die konkrete Atomvorstellung ausgelöst wird.

So treten in der Chemie der Kohlenstoffverbindungen anstelle der rohen Formeln  Strukturformeln;  diese stellen mit Hilfe der Gruppierung der Atome im Molekül Formationsbeziehungen zweiten Grades dar, d. h. Beziehungen, die bei gewissen chemischen Umsetzungen stattfinden, bei denen einzelne Gruppen von Elementen einen invarianten Charakter zeigen. Da hier das ebene Bild des Moleküls nicht genügte, um z. B. die Tatsachen der Isomerie zu erklären, so hat VAN T'HOFF zur stereochemischen Darstellung gegriffen.

Müssen wir noch an die kinetische Gastheorie erinnern, an die Tatsachen, die durch die Dissoziation der Moleküle in Ionen erklärt worden sind, oder an die Hypothesen, auf die z. B. van der WAALs durch den Gedanken geführt wurde, daß die Atome wirkliche räumliche Ausdehnung besitzen? Sollen wir von den physikalischen Phänomenen ganz anderer Art (z. B. von den Farben der dünnen Häutchen, aus denen die Seifenblasen bestehen) sprechen, die WILLIAM THOMSON mit der Messung dieser Größe in Verbindung gebracht hat?

Diese Menge von Resultaten zeigt deutlich, daß es für den Fortgang der Wissenschaft keineswegs nützlich ist, einer Theorie den Weg zu versperren, indem man nur auf ihren positiven Gehalt, d. h. auf die Gesamtheit der Tatsachen sieht, die sie erklärt; ihr Wert beruth in weit höherem Maße in den Hypothesen, die sie vermöge der psychologischen Vorstellung ihrer Symbole zu suggerieren vermag.

Wir wollen daraus nicht den Schluß ziehen, daß die atomistische Hypothese den außerordentlich verfeinerten Sinneswahrnehmungen eines Wesens entsprechen müßte, das einem vervollkommneten Menschen gleichen würde; wir wollen überhaupt nicht mit der Möglichkeit solcher imaginären Wahrnehmungen argumentieren, sofern sie als eine Steigerung der unsrigen gedacht sind. Sondern wir wollen in Bezug auf die atomistische Theorie ein Wort wiederholen, das ein berühmter Meister über die Einheit der Materie gesagt haben soll: wenn bei einer ersten Prüfung eine Tatsache, die der atomistischen Vorstellung widerspricht, als möglich erscheint, so besteht eine große Wahrscheinlichkeit, daß dies durch die Erfahrung widerlegt wird.

Besteht nicht in dieser Fähigkeit, sich den Tatsachen anzupassen und ein Bild von ihnen zu geben die  positive  Bedeutung einer Theorie?


§. 24. Biologischer Positivismus

Wenn mehrere Alpinisten auf verschiedenen verschlungenen Pfaden durch dichte Wälder schließlich den Gipfel eines Berges erklommen haben, so können sie wohl die Meinungsverschiedenheiten über die Wahl des Weges, die sie vorher trennten, vergessen, um gemeinsam die Erreichung des ersehnten Zieles zu feiern. Angesichts der großartigen Aussicht, die alle Anstrengungen belohnt, werden unsere Leute alle Diskussionen aufgeben bis zu dem Augenblick, wo der Wunsch, noch höher zu steigen, sie von neuem zur Wahl des Weges zwingt.

So auch die Physiker; wenn sie dazu gelangt sind, vielfache Arten von Tatsachen unter eine einzige allgemeine Tatsache zusammenzufassen, die sich in einer Differentialgleichung ausdrückt, so können sie die Frage der subjektiven Vorstellung ruhen lassen, die sie zu diesem Resultat geführt hat. Erst ein weiterer Fortschritt wird eine Untersuchung dieses Gegenstandes erfordern.

Aber in den biologischen Wissenschaften ist die Zahl der einfachen und allgemeinen Gesichtspunkte, zu denen man bisher gelangt ist, gering; die enorme Kompliziertheit der Tatsachen erschwert ihre Gewinnung; die aus kärglichen Beobachtungen und vorläufigen Assoziationen entstandenen Vorstellungen erweisen sich allzuoft als unzulänglich; und zum Gefühl der Ohnmacht gesellt sich leicht die Vorstellung von etwas Vagem, Unbestimmten, Mystischen, gewissermaßen eine geheime Furcht, die den Forscher aus seinem dunklen und verwachsenen Pfad bedrückt und seine ohnehin schwachen Kräfte noch mehr vermindert.

Dieses Bild erläutert recht gut den Zustand der biologischen Wissenschaften zu der Zeit, als unter dem Einfluß der allgemeinen Philosophie der Geist des Positivismus gleich einem frischen Wind in sie hineinblies.

Daher bestand die erste Wirkung des Positivismus auf diesem Gebiet der Wissenschaft in der Ausschaltung der illusorischen mystischen Erklärungsversuche und in einer Belebung der Detailforschung: die geduldigen anatomischen Untersuchungen, mit denen schon CUVIER mit Hilfe des Sektionsverfahrens in den inneren Bau des tierischen Organismus eingedrungen war, erweitern sich zur Embryologie der Seetiere und führen später zur Lehre von den Zellen dank den Entdeckungen der  histologischen  [Gewebe- , wp]  Technik. 

Mit den anatomischen Forschungen halten die Fortschritte der Biochemie und der Physiologie gleichen Schritt; der ersten gelingt es, die Ansicht zu widerlegen, daß die organische Materie anders zusammengesetzt sei als die anorganische; die andere führt viele physiologische Vorgänge auf physikalisch-chemische zurück und erklärt sie dadurch. Diese einzelnen gesicherten Tatsachen bilden offenbar den bedeutsamsten Teil der Erfolge, die die biologische Forschung unserer Tage aufzuweisen hat.

Aber sie entsprechen der analytischen Absicht einer Forschung, die darauf ausgeht, die Lebenserscheinungen physikalisch-chemisch zu erklären. Schon COMTE hat, obgleich er die Ähnlichkeit zwischen Biologie und Physik hervorhob, auf ihre Unterschiede aufmerksam gemacht und Einspruch erhoben gegen den Versuch, die eine auf die andere zurückzuführen; und die Natur der synthetischen Physiologie im Gegensatz zur Physik ist von CLAUDE BERNARD klar auseinandergesetzt worden: die  physiologische Synthese  besteht in einer neuen Art von Beziehungen, in einer neuen Gruppierung der Elementarerscheinungen, die als ein  hierarchisch determiniertes  System aufgefaßt werden.

Diese Synthese nun kommt in gewissem Grad in einigen allgemeinen Vorstellungen zum Ausdruck, die gerade auf diesem Gebiet die Rolle von leitenden Ideen der Untersuchung spielen.

Wenn die  Entwicklungshypothese  für die Anatomie und Physiologie diese Rolle von leitenden Ideen der Untersuchung spielen.

Wenn die  Entwicklungshypothese  für die Anatomie und Physiologie diese Rolle übernommen hat, so verdankt man es gerade den theoretischen Konstruktionen, daß sie den Anstoß gegeben hat zu der Erklärung der Tatsachen der  Vererbung  und der  Variation  und zu den Ausblicken auf die damit zusammenhängenden Probleme der allgemeinen Zellenlehre.

Bei flüchtiger Betrachtung dieses Gebietes sehen wir bald, daß die bloße Vergleichung der Beobachtungen und Experimente, mit einem Wort das positive Studium der Tatsachen nach ihrem objektiven Gehalt anscheinend nicht mehr ausreicht. Von neuem erheben sich auf den Trümmern der alten diskreditierten Theorien des  Animismus,  der  Lebenskraft,  und des  nisus formativus  [Bildungstrieb - wp] neue Vorstellungen, die aber von einer geistigen Strömung gespeist werden, welche sich früher wegen mangelnder Kenntnisse nicht in gebührendem Maße ausbreiten konnte. (8)

Da auf allen Seiten das Studium der Zelle betrieben wurde, auf das die Probleme der Zeugung und der histologischen Entwicklung hinausliefen, so versteht man, daß die positive Forschung sich den innersten Eigenschaften des Plasmas und speziell der Keimelemente zuwandte und versuchte, diese realen Unterschiede mit den verschiedenen Eigenschaften der Organismen in Verbindung zu setzen, die sich daraus entwickeln.

Aber dieser Weg scheint nicht direkt zum Ziel zu führen; ein Beispiel wird die Sache klar machen.

Zu den deutlichsten Unterschieden, die sich im Bau der Keimzellen zeigten, gehörte die Zahl der Chromosomen, d. h. derjenigen Teile des Zellkerns, die sich mit dem Mikroskop unterscheiden lassen.

Diese Zahl bildet eine konstante Eigenschaft einer jeden zoologischen Spezies, die auch bei der Zeugung unverändert bleibt infolge der Zellteilung, die vor der Befruchtung stattfindet.

Es erscheint nun a priori sehr natürlich in dieser Zahl ein Zeichen für die Stufe zu suchen, die in der Phylogenes erreicht ist: aber eine elementare Beobachtung zeigt ihre geringe Bedeutung für den Charakter der Art. Es genügt in der Tat die Bemerkung, daß  Ascaris megalocephala  (auf die sich die Untersuchungen der elementarsten entwicklungsgeschichtlichen Erscheinungen beziehen) zwei  völlig ähnliche  Varietäten aufweist,  Ascaris univalens  und  Ascaris bivalens.  Die Keimzelle der ersten enthält  zwei  Chromosomen, während die der zweiten deren  vier  enthält!

Wenn man daher die Eigenschaften der Tiere aus dem Bau ihrer Keimzelle erklären will, so darf man diese Erklärung nicht von dem verlangen, was man in der Zelle selbst sieht; sondern man muß die Hypothese weiter treiben, indem man sich ein Bild vom Zellenbau in seinen unsichtbaren Teilen macht.

Andererseits zwingen die mannigfaltigen Erscheinungen, die im allgemeinen mit dem Protoplasma zusammenhängen, bereits dazu, seine Struktur als außerordentlich kompliziert anzunehmen.

Nur um die Bewegungen des Plasmas zu erklären, haben sich viele Autoren die verschiedensten Vorstellungen von seiner physikalischen und chemischen Natur gemacht; wir wollen von den neuesten die von QUINCKE und BLÜTSCHLI erwähnen (der letztere konstruierte eine Substanz von zellenförmiger Struktur mit Hilfe eines Gemenges von Öl und einer Lösung von Kaliumkarbonat); ferner die von BERTHOLD, der das Plasma mit einer außerordentlich komplizierten Emulsion vergleicht, in der gewisse osmotische und chemische Erscheinungen auftreten; endlich die von VERWORN, der (um von der Fähigkeit, sich zusammenzuziehen, Rechenschaft zu geben) sich das Plasma aus Molekülen zusammengesetzt denkt, die durch drei Zustände hindurchgehen können, indem sie oxidieren und plötzlich zerfallen. Diese Theorien tragen das Gepräge von, wenn man will, geistvollen, aber auch etwas groben  Bildern;  ihr primitiver und eng umgrenzter Charakter verleiht ihnen einen geringen wissenschaftlichen Wert, so daß trotz der merkwürdigen von BLÜTSCHLI erzielten Reproduktion der kariokinetischen Figuren wenige Biologen geneigt sind in solchen Gesichtspunkten mehr als erstaunliche Analogien zu erblicken; nur wenige trauen ihnen zu bei weiterem Eindringen zur Entdeckung neuer Tatsachen zu führen. Daher der große Unterschied, der solche Theorien von den metaphysischen Ontologien trennt, wo die umfassendere Vorstellung beim Autor die Jllusion erzeugt, als habe er die Wirklichkeit als Ganzes oder wenigstens einen Teil von ihr erschöpft.

Viel näher der Metaphysik verwandt erscheinen hingegen die  allgemeinen Theorien  über den Bau der Keimzellen, Theorien, die veranlaßt wurden durch die konstatierte Unzulänglichkeit der physikalisch-chemischen Begriffe über die Struktur des Plasmas, insofern diese uns nur über die Zahl und Beschaffenheit seiner Bestandteile belehren, nicht aber über die speziellen Lebenserscheinungen, die aus der Verteilung und Gruppierung derselben entstehen.

Trotzdem sie auf einer viel tieferen Stufe der Ausbildung stehen, zeigen diese Theorien in ihrer Konstruktion eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den physikalischen Darstellungen, eine Analogie, die umso mehr hervortritt, als die moderne Ansicht sich vom Physizismus entfernt hat. Wie die Physiker ihre Äther und Fluida in Analogie zu den festen, flüssigen und gasförmigen Körpern geschaffen haben, indem sie deren Eigenschaften entsprechend den zu erklärenden Tatsachen kombinierten, so haben die Biologen versucht sich eine Vorstellung von der Keimzelle zu machen nach dem Bild der Aggregate von einzelligen Wesen, oder nach dem der Tierstöcke oder geradezu nach dem der organisierten tierischen Gesellschaften.

In der Tat stellen sie sich die Zelle als ein Aggregat oder einen Organismus von Partikeln vor, denen schon gewisse elementare Eigenschaften der belebten Materie zugeschrieben werden; schon die Worte, mit denen sie die gegenseitige Wirkung und Gegenwirkung dieser Partikel bezeichnen, drücken klar eine solche Vorstellung aus.

Dies ist wenigstens der Grundcharakter der neuesten Theorien, die DELAGE als  "mikromeristisch"  und  "organizistisch"  bezeichnet. Wissenschaftliche Theorien, sagt man, nicht metaphysische; denn in der Tat erheben sie nicht den Anspruch universelle Systeme zu bilden, sie bauen sich vielmehr selbst erst auf einer atomistischen Vorstellung von der Materie auf; auch verlieren sie sich nicht in die mystischen Nebel des alten Animismus, noch erstreben sie in irgendeiner Weise eine transzendente Erklärung des Lebens.

Einige Sehen in ihnen sogar  positive  Theorien, weil sie die Tatsachen nicht aus den Augen verlieren und sich gemäß den Beobachtungen und Experimenten anpassen und umformen; aber dieses Attribut hat im Munde der Biologen nicht seine strenge Bedeutung entsprechend dem comtischen Geist, der die Theorien der Elektrizität und des Lichts und die atomistische Theorie selbst verwirft, denen doch in diesem Sinne ein höherer Grad von Positivität zukommt.

Wahrhaft positive kann eine Theorie nur genannt werden, wenn sie lediglich aus  Tatsachenhypothesen  besteht, wie aber soll man sich hier die  physiologischen Elementarteile,  aus denen sich die Zelle zusammensetzen soll, gewissermaßen als lebende Wesen vorstellen, da es doch ihr Grundcharakter ist, sich als  Organismen  darzustellen?

Man kann für die mikromeristische Hypothese das wiederholen, was über die atomistische gesagt worden ist; die Vorstellung vom Atom als einem wirklichen materiellen Teilchen stößt auf die Schwierigkeit, daß man dieses Teilchen gewisser Grundeigenschaften wie der Teilbarkeit berauben muß; entsprechend stößt die Vorstellung von physiologischen Elementarteilen auf die Schwierigkeit, daß man etwas, was lebt, der Eigenschaft der Organisation berauben muß.

Es ergibt sich also, daß, wenn die einfache Annahme einer gewissen physikalisch-chemischen Konstitution das  Leben  des Plasmas nicht hinreichend erklärt, am Problem nichts geändert wird für diejenigen seiner Teile, die schon als lebend betrachtet werden, es sei denn, daß es gelingt, sie wirklich als  Elemente  zu fassen. Aus dem Versuch dieser Schwierigkeit zu entgehen entspringen auch die Unstimmigkeiten, die die Kritik in den einzelnen Theorien findet.

Diese Bemerkungen zeigen, daß man unrecht daran täte, diesen biologischen Theorien einen positiven Wert beimessen zu wollen, den wir nicht einmal ihren physikalischen Schwestern zuerkennen können. Aber das vermindert nicht ihren wissenschaftlichen Wert als Bilder oder Modelle, die geeignet sind auf Tatsachenhypothesen zu führen. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nicht einmal auf die Diskussion von Theorien einzugehen, die von Männern wie SPENCER, HAACKE, HAECKEL, DARWIN, WEISMANN, ROUX usw. aufgestellt worden sind. Es genügt einen raschen Überblick über die positiven Probleme zu geben, die sich dabei ergeben. Wie mannigfaltig und interessant sind diese Probleme, wenn auch das, was jene Theorien zu ihrer Lösung beitragen, noch so geringfügig ist!

Indessen hat natürlich jeder Autor in seine Vorstellung von der Keimzelle diejenigen Ansichten hineingetragen, die ihm in Bezug auf das Leben der tierischen Aggregate oder der Arten eigentümlich sind; HAECKELs sogenanntes  "biogenetisches Grundgesetzt"  sucht, indem es einen Parallelismus zwischen Phylogenes und Ontogenes annimmt, diese Übertragung zu rechtfertigen, die gewissermaßen eine Bedingung für die Fruchtbarkeit der Bilder ist, die aus den früher erwähnten Analogien und Vergleichungen entspringen. Nun sind natürlich diejenigen, welche die Hauptursache der Variation der Arten in der äußeren Umgebung erblicken, gezwungen, die Differenzierung des Plasmas  epigenetisch  zu erklären, indem sie die physiologischen Einheiten des Keims als gleichwertig ansehen; andererseits greifen diejenigen, welche die Hauptursache der Variation in inneren Eigenschaften der Art suchen, nach  präformistischen  Erklärungen im modernen Sinn des Wortes. (9)

Hier seien einige Beispiele von dem Einfluß angeführt, den solche Ansichten auf die Forschung ausüben.

Die epigenetische Ansicht, die eine  Isotropie des Eies  voraussetzt, veranlaßt PFLÜGER den Einfluß der Schwerkraft auf seine Entwicklung aufzuklären, indem er (durch geeignete Versuche an befruchteten Froscheiern) zeigte, daß sich die Teilungsebenen senkrecht zur einwirkenden Kraft ausbilden; gewöhnlich werden diese Versuche als Beweis für die  Isotrophie des Zellplasmas  gedeutet. Aber demgegenüber hält ROUX an der  Anistropie  [Richtungsabhängigkeit - wp]  des Kernes  fest gemäß seiner Vorstellung, die zur Präformationslehre neigt, und diese Ansicht führt ihn dazu, experimentell zu untersuchen, wie sich die Entwicklung des Eies vollzieht, wenn sie durch eine langsame drehende Bewegung der Einwirkung der Schwerkraft entzogen wird, sie veranlaßt CHABRY, sine bewunderungswürdigen Experimente an den  Ascidien  auszuführen, indem er einige Blastomeren [Zellteilung durch Abschnürung - wp] des Eies tötet und unvollständige Larven erhält.

Die Schlüsse, die durch diese Experimente nahegelegt erscheinen, werden ihrerseits widerlegt durch die Ergebnisse anderer Untersuchungen (DRIESCH, WILSON) an Amphibien, Seeigeln usw., wo trotz Abtötung einer Blastomere sich ein vollständiger Embryo entwickelt. Und eine Bestätigung der epigenetischen Ansicht von der Isotropie des Eies bedeuten auch einige Ergebnisse der vergleichenden Embryologie, z. B. die, daß die Keimblätter bei den Manteltieren einander gleichen.

Solche offenbaren Widersprüche erhöhen nur das Interesse an den Versuchen so verschiedene Tatsachen adäquat zu erklären. Und jedenfalls stehen die oben erwähnten Beispiele nur in einer indirekten Beziehung zu den Ansichten über die Konstitution des Keims.

In höherem Maße zeigt sich allerdings die Wichtigkeit solcher Ansichten bei den allgemeinen Vererbungsfragen.

Bis vor wenigen Jahren wurde die  Erblichkeit der erworbenen Eigenschaften  als eine Tatsache angesehen, die vorzüglich zu den epigenetischen Ansichten stimmte. Da tritt, veranlaßt durch seine theoretische Vorstellung vom Keimplasma, WEISMANN auf und bestreitet sie kühnlich, und EMERY, der die Grundlage dieser Theorie billigt, macht sie annehmbarer, indem er (durch die  Enzymhypothese)  das Prinzip der Nichtvererbbarkeit abschwächt in Bezug auf die allgemeinen Giftwirkungen.

Die jüngste Polemik über diese Frage zwischen WEISMANN und SPENCER ist zu bekannt. Es kommt uns nicht zu, hier eine Entscheidung zu treffen. Aber wer möchte die Wichtigkeit gewisser Vorstellungen verkennen, wenn sie die Macht haben, so lehrreiche Diskussionen hervorzurufen, wenn von ihnen neue Beobachtungen und Experimente, neue reale Unterscheidungen ausgehen, deren objektive Bedeutung von niemand bestritten werden kann?

Wir ahnen wohl den Einwand, den uns jemand machen könnte! Um solche fruchtbaren Debatten herbeizuführen, sind sicherlich gewisse allgemeine theoretische Ansichten notwendig, aber was hat das mit der detaillierten Vorstellung vom Plasma zu tun, in der sich WEISMANN gefällt? Ist es vielleicht nicht klar, daß die vielen genauen Einzelheiten dieses Autors, die vielen Beschreibungen von unsichtbaren Dingen, die oft nicht einmal in Wirklichkeit denkbar sind, unnütze Anstrengungen einer fruchtbaren Einbildungskraft sind, die sich weit von der positiven Betrachtung der Tatsachen entfernt?

Wir antworten darauf: WEISMANN hat mit Hilfe einer systematischen Konstruktion von Bildern einige Tatsachenhypothesen auf dieselbe Weise gefunden, wie MAXWELL gewisse Beziehungen der Elektrizität und des Lichtes vorausgesagt hat mit Hilfe eines Modells aus einer Theorie, die selbst nicht durchaus eine Tatsachenhypothese war. Wir legen diesen Ansichten nicht eine positive Bedeutung bei, die sie nicht haben; wir trennen auch kritisch das, was daran physikalische oder biologische Hypothese ist, von dem, was lediglich vorstellungsmäßigen oder psychologischen Wert hat. Aber wir verkennen nicht, daß eine solche Trennung gewöhnlich nur möglich ist,  nachdem  die Theorie ihren Dienst getan hat, und vor allem leugnen wir nicht darum die Wichtigkeit eines im konstruktiven Stadium einer Wissenschaft allgemein üblichen Verfahrens, weil es nicht von Anfang an die Merkmale einer positiven Erkenntnis aufweist.

Auch die wissenschaftliche Konstruktion ist ein Faktum, das in seiner psychischen Realität studiert werden muß, und dessen Erkenntniswert man zugeben muß, sofern durch sie positive Fragen irgendwie geklärt oder gelöst werden!


§ 25. Psychologischer Positivismus

Eine Lehre, die aus dem Begriff des Faktums das vorstellungsmäßige Element eliminiert, kann für eine eigene Wissenschaft von den Vorstellungen keinen Raum bieten.

Wir dürfen uns daher nicht wundern, im System COMTEs eine Verwerfung der Psychologie zu finden und den Versuch sie auf ein Kapitel der Physiologie zu reduzieren. Vergeblich erweckten die neuesten Entwicklungen von HELMHOLTZ, FECHNER, WEBER, WUNDT usw. die Hoffnung, das positivistische Ideal verwirklicht zu sehen.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen haben uns allerdings eine höchst wertvolle Analyse der Sinnesempfindungen geliefert; morgen vielleicht werden sie zu noch verborgeneren Erscheinungen vordringen; die Assoziationen der sinnlichen Bilder, die Gehirnprozesse, die den höheren Tätigkeiten entsprechen, werden durch sie aufgeklärt werden. Die physiologische Methode kann so zu einem wichtigeren Hilfsmittel für das Studium der psychischen Grundtatsachen werden.

Aber das Unternehmen, die psychologische Erkenntnis auf diese Analyse zu beschränken, stößt auf ähnliche Schwierigkeiten, wie sie sich der Reduktion der Physiologie auf Physik entgegenstellten. Die psychologische Synthese entwickelt andere Beziehungen als jene Elemente: die psychologische Verknüpfung der Erscheinungen ist eine andere als diejenige, die dem Gesichtspunkt der Physiologie entspricht.

Deshalb wird stets neben der physiologischen Psychologie Raum vorhanden sein für eine  Beobachtungspsychologie,  die von der englischen Schule seit LOCKE in positivem Sinn betrieben wird; diese vergleichende Wissenschaft, die die von CLIFFORD als ejektiv [ausfließend - wp] bezeichnete Methode befolgt, wird von DARWIN, SPENCER, ROMANES usw. auf die psychischen Äußerungen der Tiere ausgedehnt und gelangt schließlich dahin unter diesem Gesichtspunkt die sämtlichen primitiven Lebenserscheinungen zu untersuchen (Psychologie der Protisten von VERWORN).

Vor allem aber bleiben die eigentlichen Objekte der Psychologie die Gefühls- und Verstandesäußerungen des Menschengeistes: Wissenschaft, Kunst, Religion, Sprache, Recht usw.

Nehmen wir einmal an, der physiologische Mechanismus der musikalischen Erfindung sei vollkommen aufgeklärt: dem Rhythmus entsprächen gewisse Variationen nervöser Tonalität, Veränderungen des Blutdrucks, anabolische und katabolische Erscheinungen usw.; wäre wohl das künstlerische Schaffen BEETHOVENs auf diese Weise erklärt?

Es sei dem Physiologen zugestanden, daß er die Gesamtheit der Gehirnvorgänge charakterisiert hat, die einem logischen Schluß entsprechen, was trägt eine solche Erkenntnis bei zum Verständnis des Gedankenprozesses, der einen NEWTON auf seine unsterbliche Entdeckung führte?

Wir verlangen etwas anderes von der Erklärung dieses Prozesses; es handelt sich um Beziehungen, zu deren Verständnis wir auf KEPLER und GALILEI und noch weiter zu den Vorläufern der Mechanik in der alexandrinischen Schule zurückgehen müssen. Das sind weit voneinander getrennte Gehirne, in denen sich physiologisch ganz getrennte Vorgänge abgespielt haben; und ihre von uns geforderte Synthese muß diese Vorgänge in die Sprache des Gedankens übersetzen, nicht den Gedanken in die Sprache der Physiologie.

Untersuchen wir einmal die Entwicklung der Sprachen. Die Sprachwissenschaft, das vergleichende Studium der Grammatik ergeben die Gesetze, nach denen sie sich verändern wie lebende Organismen; diese Gesetze beziehen sich zum Teil auf phonetische Elemente, zum Teil auf begriffliche. Und da die Wirkung einer großen Anzahl sehr verschiedener Erscheinungen zwischen den Wirkungen der einzelnen einen Mittelwert bildet, so erscheint es nicht ungereimt in einigen von ihnen die Spuren physiologischer Ursachen zu suchen.

Aber wer sähe nicht, wie töricht die Annahme wäre, daß die Sprachwissenschaft sich eines Tages auf das Studium der BROCAschen Gehirnwindung reduzieren könnte?

Ohne noch weitere Beispiele anzuführen, halten wir die Behauptung für hinreichend geklärt, daß das physiologische Mittel niemals verwechselt werden darf mit dem Zweck der psychologischen Forschung, d. h.  einer Erkenntnis, die die in diesem Gebiet geforderten Voraussagungen zu leisten vermag. 


§ 26. Der Positivismus
in Geschichte und Soziologie

Die Stellung COMTEs zu den historischen und soziologischen Wissenschaften ist ziemlich merkwürdig, denn die besonderen soziologischen Ansichten des Meisters scheinen dem indirekten Einfluß zu widersprechen, den der Geist des Positivismus auf diesen Gebieten ausübt.

Das Bestreben, die Tatsachen sicherzustellen, macht die historische Untersuchung zur Grundlage der soziologischen Wissenschaften und verbessert die Methode jener Untersuchung durch die Quellenkritik. Daraus folgt, daß das historische Faktum in seiner Objektivität als unabhängig von der traditionellen Darstellung aufgefaßt wird, entkleidet all dessen, womit die künstlerische Einbildungskraft es umgibt, in der noch lebendigen Wirklichkeit seiner materiellen Spuren, die von den vielfältigen und zahlreichen Dokumenten gebildet werden.

Aber gegenüber der hieraus sich ergebenden Spezialisation der Forschung hat COMTE auch hier die Notwendigkeit der Synthese betont. Wenn er nun auch hierin mit seinen übrigen Ansichten in Übereinstimmung bleibt, so scheint dies doch nicht in gleichem Maße der Fall zu sein, wenn er diese Synthese an das  Gesetz der drei Stufen  knüpft.

Die Erklärung des sozialen Fortschritts aus der Entwicklung der Erkenntnis aus der theologischen Phase zur metaphysischen und zur positiven, die Unterordnung der Tatsachen unter eine ideologische Darstellung, widerstreiten dem Bestreben, systematisch alle symbolischen Darstellungen zu eliminieren.

Die mildeste Kritik, die man daran üben kann, besteht in der Bemerkung, daß die Ausarbeitung einer soziologischen Wissenschaft den Durchgang COMTEs durch das metaphysische Stadium erforderte!

Eine weitere Entwicklungsstufe kann man in der Tat in der ökonomischen Lehre finden, die heutzutage unter dem Namen des  "historischen Materialismus"  bekannt ist. Diese dem Geist des Positivismus vollkommen entsprechende Lehre gibt heute ein wichtiges leitendes Kriterium der historischen Forschung ab, indem sie einmal eine Auswahl der für gewisse Interessen notwendig zu untersuchenden Fakta gestattet und diese andererseits durch neue bemerkenswerte Beziehungen verknüpft.

Betrachtet man aber den historischen Materialismus als systematische Ansicht, die andere geschichtliche Faktoren und besonders die ideellen eliminiert oder übergeht, so zeigt sich die Notwendigkeit einer Kritik, die dem psychologischen Element seinen Platz wieder anweist. Gegenüber der Behauptung, daß die Willensäußerungen auf sozialem Gebiet und die Ideen, von denen sie beeinflußt scheinen, in Wahrheit durch den Druck der ökonomischen Forderungen bestimmt werden, steht die Gegenbehauptung, daß die wirtschaftlichen Beziehungen ihrerseits auf viele verschiedene Weise willkürlich verändert werden, z. B. durch Rechtseinrichtungen.

Diese können als  historische Gebilde  nur verstanden werden, wenn man die realen und  idealen Faktoren des Rechts  zugleich betrachtet; und wenn man in der  begrifflichen Form  desselben eine Vereinigung der Normen erblickt, die als Ausfluß eines als stetig vorausgesetzten Willens angesehen werden, der ein "Reich der Gleichheit" garantiert und danach strebt sich  durch Analogie auszudehnen,  so daß bei der Entscheidung von Interessenkonflikten eine  Ökonomie des Wollens  zustande kommt.


§ 27. Die positiven Ziele, die man einer
Theorie der Wissenschaft stecken kann

Wir haben in der vorstehenden Kritik einige der positivistischen Schule eigentümliche Ansichten herauszuheben versucht, die den Begriff der wissenschaftlichen Realität auf den objektiven Bestandteil beschränken, da, wo es dem richtig verstandenen Geist des Positivismus gemäß erscheint, auch den subjektien in Betracht zu ziehen.

Im physikalischen und biologischen Gebiete bezieht sich das subjektive Element auf die Darstellung der Tatsachen und hat besondere Wichtigkeit bei der Erwerbung der Erkenntnis.

Auf dem Gebiet der psychologischen und sozialen Wissenschaften bildet dieser Bestandteil einen viel wesentlicheren Teil des zu erklärenden Faktums, insofern als sich an ihn die  Voraussagen  knüpfen, die den Gegenstand der Erkenntnis bilden.

Die Unterscheidung von Subjektivem und Objektivem hat übrigens nur relativen Wert, und die Betrachtung des Ganzen der Erkenntnis führt zur Verschmelzung der Gesichtspunkte von Physik und Psychologie, indem sie schon in der ersten etwas Psychologisches hervortreten läßt.

Da aber die vorstehenden Bemerkungen die Aufgabe einer Kritik erklärt haben, die in der Wissenschaft Subjektives und Objektives trennt, indem sie zeigten, daß diese Kritik einen allgemeinen Faktor beim Fortschritt der Wissenschaft bildet, so sehen wir jetzt aus dieser Kritik sich die großen Probleme der  positiven Erkenntnislehre  erheben, und wir verstehen Bedeutung und Zweck dieser Lehre.

Vor allem müssen die Kriterien festgestellt werden für unseren Begriff der objektiven Realität im Gegensatz zur Jllusion und der Sinnestäuschung. Die wahrhaft positive Entwicklung einer solchen Untersuchung müßte eine reiche Anwendung der Theorie auf dem Gebiet der Beobachtungs- und Experimentiertechnik gestatten: die Korrektur des  persönlichen Fehlers  bei astronomischen und geodätischen [erdoberflächigen - wp] Messungen bietet dafür ein lehrreiches Beispiel.

Aber neben dem, was das Sinnesorgan gibt, finden sich im Prozeß der Erkenntnis auch die Daten der psychischen Verarbeitung.

Der ursprüngliche Begriff der Realität erweitert und ergänzt sich; das rohe Faktum entwickelt sich und nimmt die Eigenschaften der wissenschaftlichen Tatsache an. Wie geht dieser Prozeß vor sich, wie und wie weit kann man dabei subjektive und objektive Elemente unterscheiden? Was bleibt dann noch willkürlich in der Wissenschaft, und welche Bedeutung ist dieser Willkür beizumessen?

Die Analyse des Tatsachenbegriffs wird uns zuerst zu dem allgemeinen Resultat führen, daß die wissenschaftliche Erkenntnis sich in Begriffen zu vollziehen strebt, und sie wird uns dadurch einige Grundkritierien für die Bewertung wissenschaftlicher Theorien an die Hand geben.

Nun werden wir in der Begriffsbildung nicht nur (in Übereinstimmung mit MACH) eine  Denkökonomie  finden, sondern auch eine  psychologische Entwicklung  nach einem bestimmten Punkt hin; das Studium dieser Entwicklung wird uns dann veranlassen einerseits die  Probleme der Logik  zu diskutieren, andererseits die  Erwerbung der allgemeinsten Begriffe  der Geometrie und der Mechanik, ihre wirkliche Bedeutung und ihre fortschreitende Erweiterung. Diese ersten  Probleme der Wissenschaft  sollen nach unserer Absicht eine  Einleitung  in die positive Erkenntnislehre bilden.

Hier wollen wir noch die zweifache Ansicht ins Licht setzen, nach der man eine solche erkenntnistheoretische Wissenschaft betrachten kann, je nachdem man sie vom logischen oder vom psychologischen Standpunkt betrachtet.

Nach der ersten Ansicht, die den Naturwissenschaften eigentümlich ist, bezieht sich die Kritik auf das Reale und untersucht es als Gegenstand des Wissens unabhängig von den Fehlerquellen, die von der Schwachheit des menschlichen Verstandes herrühren. Die so verstandene Erkenntnislehre ist eine Ergänzung der eigentlichen Logik, deren Begriff man nach der strengen Bedeutung des Wortes einschränken muß, damit die Beschäftigung mit der formalen Widerspruchslosigkeit des Raissonements nicht den Blick trübe für die klare Erkenntnis der empirischen Grundlagen der Tatsachenerkenntnis.

Wenn es Aufgabe der Logik ist, den strengen Rahmen der Beweise und Definitionen zu konstruieren, so bleibt noch Raum für eine Untersuchung, die den Prozeß erforscht, durch den sich das unbearbeitete Material der Sinneswahrnehmungen in einen solchen Rahmen einfügen läßt. Im übrigen beschränkt sich die rein logische Prüfung auf ein formales Urteil, indem sie Fehlschlüsse verwirft und verbietet mit schlecht definierten Begriffen zu operieren; aber auch auf diesem Gebiet wird erkenntnistheoretische Kritik geübt, und für sie bildet jedes, wenn auch unvollkommene Verfahren einen Versuch und im allgemeinen auch einen Schritt näher zur Wirklichkeit und hat in diesem Sinn einen Wert, der nicht vernachlässigt werden darf.

Um dies etwas deutlicher auszudrücken, wollen wir sagen, daß die Logik den idealen Weg zeigt, auf dem der Fortschritt der Wissenschaft vor sich gehen soll, während die positive Erkenntnislehre seinen wirklichen Weg aufzeichnet; in das Gebiet der ersten fallen nur die Methoden der Begründung (und zwar nach unserem Begriff der formalen oder analytischen Begründung), währnd der zweiten auch die Methoden der Auffindung angehören.

Hieran schließt sich die Betrachtung der Erkenntnistheorie vom psychologischen Gesichtspunkt. Das Verfahren des menschlichen Geistes, abgesehen von der Übereinstimmung des erreichten Ergebnisses mit der Wirklichkeit muß den Gegenstand einer besonderen Untersuchung bilden; dieselbe findet mit Hilfe der veränderlichen Elemente die subjektiven Daten in der Darstellung des Faktums und wirft so ein Licht auf die psychische Tätigkeit des Erkennens.

Die beiden Untersuchungen vereinigen sich in Bezug auf die Wissenschaft zu einem gemeinsamen Ziel: einer fortschreitenden Trennung der subjektiven von den objektiven Bestandteilen in den verschiedenen Arten der Erkenntnis und ein vergleichendes Urteil über die wissenschaftlichen Theorien nach den gesicherten Tatsachen, die sie erklären und zusammenfassen und nach den Entdeckungen, die sie zu suggerieren fähig scheinen.

Von den modernen Gelehrten scheint vor allem HELMHOLTZ einen klaren Blick für die Aufgabe gehabt zu haben, die die Erkentnislehre für die Wissenschaft zu erfüllen berufen erscheint.

Es ist einer seiner Ruhmestitel, ausgesprochen zu haben, daß die Diskussion jeglicher Art wissenschaftlicher Fragen schließlich auf erkenntnistheoretische Probleme hinausläuft. Aber man wird nicht eher über die Nützlichkeit der Behandlung dieser Probleme in einem allgemeinen Sinn richtig urteilen zu können, als bis die positive Erkenntnistheorie unabhängig von allen philosophischen Kontroversen durch die gemeinsame Arbeit aller Jünger der Wissenschaft aufgestellt sein wird.

Dann erst wird sich zeigen, wie lehrreich die Diskussion einer Theorie sein kann für die Beurteilung einer anderen, die sich auf ein anderes Tatsachengebiet bezieht, und wie z. B. dem Biologen mehr noch als das Studium der  Ergebnisse  der Physik die Kritik ihrer Untersuchungsmethoden und des Gehaltes ihrer Theorien vom erkenntnistheoretischen Standpnkt nützen kann.

Indessen geht die Wichtigkeit solcher Untersuchungen bereits aus dem hervor, was bis jetzt in diesem Sinn geleistet worden ist. Vor allem erscheinen einige positive Ergebnisse der Kritik heutzutage in immer hellerem Licht dank der Arbeit von Denkern, die sie fortschreitend von den Unbestimmtheit zu befreien suchen, welche den früheren philosophischen Spekulationen, die den Keim dazu enthalten, anhaftete. Eine verheißungsvolle Aussicht für den, der sich solchen Untersuchungen zuwendet!


§ 28. Die Methoden: die geschichtliche,
die psychologische, die wissenschaftliche

Damit die erkenntnistheoretische Arbeit auf allen Wissensgebieten sich schneller und eifriger vollziehe, gemäß den Erfordernissen eines gesunden Fortschritts, muß man durch strenge Kritik eine scharfe Trennung herstellen zwischen dem besonderen Gegenstand der Erkenntnistlehre und den mannigfaltigen Gegenständen, die in das Gebiet der Philosophie im weitesten Sinne des Wortes fallen.

Man kann auf drei Wegen an die Probleme der Erkenntnis herankommen:

Vor allem durch die Geschichte des Denkens, wie es in unserem Land allgemein üblich ist.

Aber diese Methode kann nicht wahrhaft fruchtbar sein, wenn man nicht beim Studium der Ideen die Entwicklung ihrer Konsequenzen in den einzelnen Wissenschaften berücksichtigt.

Wir haben schon gesagt, was wir uns für einen Begriff von der Philosophie machen, daß wir in ihr ein Streben des Menschengeistes nach Einheit und Allgemeinheit in den Erkenntnissen und in den Zwecken erblicken. Wir haben auch bemerkt, daß dieses Streben sich gleichermaßen im Aufbau der Wissenschaft und in den poetischen Träumen einer nicht von einem lebendigen Gefühl für die Wirklichkeit gezügelten Einbildungskraft zeigt. Übrigens fehlt auf diesem Gebiet eine scharfe Trennung, so daß die Entstehung einer Wissenschaft sich nicht allzusehr von einem jener Halbträume unterscheidet, wie man sie kurz vor dem Erwachen hat.

Hieraus erhellt sich die Gefahr einer historischen Vorbereitung, die sich lediglich auf das unscharf begrenzte Gebiet der Philosophie bezieht. Ein gesunder Geist gelangt auf diesem Weg leicht zu jner Form des Skeptizismus, die jedem Gedanken den gleichen Wert beimißt, sofern er nur eine gewisse Übereinstimmung mit sich selbst aufweist.

Dieser Standpunkt mag für eine Geschichtsforschung angemessen sein, für die jede Philosophie ein Anzeichen für eine Richtung des menschlichen Geistes und unter diesem Gesichtspunkt ein interessantes Untersuchungsobjekt bildet. Aber er ist gefährlich für die Wissenschaft, in der es vor allem darauf ankommt, die Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden. Und sie kann leicht die Flamme ersticken, die im Philosophen der Entdeckungseifer entfacht.

Aber auch abgesehen von der eben erwähnten Gefahr zeigen viele Beispiele, daß für das Studium der Fragen der Erkenntnis die bloße Betrachtung der allgemeinen auf dem Gebiet der Philosophie erörterten Ideen unzureichend bleibt. Deshalb muß die Geschichte der Philosophie, wenn sie für die Lösung der Erkenntnisprobleme von Nutzen sein will, sich mit der Geschichte der Wissenschaft ergänzen, so wie diese von denjenigen Männern aufgefaßt wird, die mehr als das Leben der Entdecker die Entwicklung der Gedanken und die Reihe der Entdeckungen verfolgen.

Es handle sich z. B. daraum, den Wert der Unterscheidung von  Quantität  und  Qualität  zu diskutieren.

Für KANT steht diese Unterscheidung subjektiv a priori fest. JOHN STUART MILL hat diese Ansicht wieder aufgenommen, indem er sie auf eine, wie mir scheint, klarere Form brachte: die Unterschiede, die in verschiedenartigen Wahrnehmungen wurzeln, können nicht quantitativ verglichen werden, d. h. sie gehören qualitativ irreduziblen Erkenntnissen an.

In diesem Sinne sind Wärme und Bewegung, wie auch Elektrizität und Licht qualitativ nicht aufeinander zurückführbar.

Wie verhalten sich solche Behauptungen zum cartesianischen Prinzip, daß in der physischen Welt alles durch Ausdehung und Bewegung  erklärbar  sein muß?

Die Prüfung der philosophischen Kontroverse kann nur zu folgendem allgemeinen Schluß führen: wenn auch die qualitativen Unterschiede sich den quantitativen eines einheitlichen Prozesses zuordnen lassen, so wird doch die Erkenntnis der Tatsachen durch eine solche  Erklärung  nicht erschöpft; so kann z. B. die Erkenntnis der Lichterscheinungen sich nicht im Kapitel der Optik erschöpfen, das die mechanische Theorie des Lichtes im strengen Sinn enthält.

Aber in der positiven Wissenschaft wird die Frage in anderer Weise gestellt. Da wird gefragt, ob die qualitativ verschiedenen Erscheinungen der physischen Welt sich irgendwie durch einen einheitlichen Prozeß darstellen lassen, der ein Modell von ihnen liefert, und in dem nur quantitative Unterschiede in Betracht kommen (vgl. Kapitel VI).

Wir fahren nun fort in der Übersicht über die Methoden, die unserem Zweck dienen.

Der historischen Methode kann man in gewissem Sinne die physiologisch-psychologische, wie sie HELMHOLTZ im Auge hatte, entgegensetzen.

Die Untersuchung der Entwicklung der Erkenntnisse nicht mehr in der Erscheinungsreihe, die die Geschichte von ihnen bietet, sondern vermittels des Studiums der Sinnes- und Verstandesorgane scheint der direkte Weg zur Lösung der erkenntnistheoretischen Probleme zu sein.

Aber wir haben schon auf die Schwierigkeiten einer solchen physiologischen Untersuchung hingewiesen, und ohne den Wert einiger Resultate schmälern zu wollen, die aus der Analyse der Sinnesempfindungen hervorgegangen sind, müssen wir doch wiederholen, daß es noch eine andere Art der Verknüpfung gibt, auf die hin die psychologischen Objekte und besonders diejenigen, auf die sich unsere Untersuchung bezieht, vor allem erforscht werden müssen.

Im Hinblick auf diese Verknüpfungen erscheint auch die entwicklungstheoretische Methode in der Psychologie, wenigstens so, wie sie von SPENCER verstanden wird, als unzureichend zu einer wirklichen Erklärung der Erkenntnisprobleme; weniger wegen der ausschließlich epigenetischen Ansichten dieses Philosophen als wegen des besonderen Charakters der Fragen selbst, um die es sich handelt.

Der Prozeß der Erkenntnis, wenngleich er das Resultat einer stetigen Entwicklung ist, weist doch qualitative Diskontinuitäten auf. Das heißt: an einem gewissen Punkt der psychologischen Entwicklung kann ein geistiger Faktor für die Erkenntnis eine Bedeutung gewinnen, die er vorher in keinem Grad besaß. Im übrigen bleibt die Entwicklungspsychologie, da sie sich mit den einfachsten Erscheinungen beschäftigt, weit entfernt vom eigentlichen Objekt der Erkenntnislehre, die die Entstehung der höchst entwickelten Wissenschaft aufklären will.

Eine dritte Methode, die sich für das Studium der erkenntnistheoretischen Probleme als fruchtbar erwiesen hat, besteht in der direkten kritischen Prüfung der Wissenschaft, die dabei selbst als das zu erklärende Faktum angesehen wird.

Es ist dies eine Methode der Beobachtung und Vergleichung ähnlich denen der Naturwissenschaften.

Es ist übrigens besser, die Erkenntnis auf ihrer höchsten Entwicklungsstufe zu betrachten, als die vulgäre.

Der Botaniker, der es schwer findet, im Embryo die Bestandteile zu unterscheiden, braucht die Pflanze nur wachsen zu lassen, um jene in reinlicher Trennung vor sich zu haben. In ähnlicher Weise zeigt die wissenschaftliche Entwicklung der Begriffe die Bedeutung der physischen und psychischen Elemente, aus denen sie hervorgegangen sind.

Das wurde dem Autor dieser Schrift zum erstenmal an der Geometrie klar, als er drei Zweige dieser Wissenschaft sich vom gemeinsamen Stamm abzweigen sah, die zusammen eine vollständige Verarbeitung der Daten der verschiedenen Sinne darboten, aus denen die Raumvorstellung entspringt. Doch ist hier nicht der Ort, diese Frage, die den Gegenstand eines besonderen Kapitels bilden wird, beiläufig abzuhandeln.

Wir wollen nur dem, was wir oben über die wissenschaftliche Methode gesagt haben, hinzufügen, daß es nicht genügt, die allgemeinen Resultate der Wissenschaft zu betrachten und in einer Synthese zu koordinieren, sondern man muß an ihnen entsprechend den oben definierten Zwecken der Erkenntnistheorie in logischer und in psychologischer Hinsicht Kritik üben.

So hat gerade in Ermangelung einer solchen Kritik der Positivismus AUGUSTE COMTEs die Probleme der Erkenntnis in keiner Weise beantwortet, obgleich die Erneuerung der Philosophie durch die Wissenschaft der große Gedanke des Meisters war. Daher erscheint ihm der englische Positivismus der JOHN STUART MILL, BAIN, LEWES usw. überlegen, wenngleich diese Philosophen vielleicht keine so umfassende und tiefe Auffassung von den einzelnen Wissenschaften besaßen.

Unser Schluß kann nicht in einer Ausschließung einer Methode und in der Zubilligung eines ausschließlichen Vorzugs für eine andere bestehen.

Das Studium der Wissenschaft als "Faktum" muß sich die Lehren der Geschichte so gut wie die Ergebnisse der Psychologie zunutze machen.

Aber vor allen Dingen kommt es darauf an, daß die Erkenntnistheorie selbst als eine wahrhafte positive Wissenschaft aufgefaßt wird; d. h. daß ihre Jünger sich bestimmte Probleme stellen und sie mit möglichst strengen Methoden zu lösen suchen. Mag, wer da will, seiner Einbildungskraft freien Lauf und sich den metaphysischen Träumen hingeben. Aber diese Poesie erhabener Geister, die als Ausdruck für ein Bedürfnis der menschlichen Seele sich immer wieder erneuern wird, soll ihre Zügellosigkeit nicht in die positive Erkenntnislehre, die ihr fremd bleibt, hineintragen.

Die letztere hat einen realen Gegenstand zu erklären und daher wirkliche Probleme zu lösen, die nicht abhängen dürfen von den unbeständigen Meinungen der Philosophen und von den  sozialen  Interessen, die diese leiten.

Jene werden sich davon in gewissem Maße befreien können, wenn sie sich entschließen systematisch alles auszumerzen, was mit den transzendenten Verfahrensweisen der Vernunft zusammenhängt.

Die Untersuchung, die die  Probleme der Wissenschaft  lösen will, ist derselben logischen Bedingung unterworfen, die alle Zweige des Wissens erfüllen müssen, in denen es sich irgendwie um "Tatsachen" handelt.

Es erscheint möglich, daß sich die Fachleute innerhalb dieser Grenzen unabhängig von der Metaphysik über die Begründung einer positiven Erkenntnislehre einigen, die dann ihrerseits wieder zu jener gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit beitragen wird, die wir als Mittel zu einem höheren Fortschritt herbeisehnten.
LITERATUR - Federigo Enriques, Probleme der Wissenschaft, 1. Teil: Wirklichkeit und Logik, Leipzig und Berlin 1910
    Anmerkungen
    1) Allerdings muß diese Behauptung eingeschränkt werden, im Hinblick auf die nicht archimedischen Zahlsysteme, die neuerdings in verschiedener Weise von VERONESE, LEVI-CIVITA, HILBERT u. a. konstruiert worden sind. Es mag erlaubt sein, diese Konstruktionen zu übergehen und es mag genügen zu bemerken, daß sie von keinem transzendenten Definitionsverfahren Gebrauch machen.
    2) Wir meinen hier das Noumenon im negativen Sinn verstanden, von dem KANT im dritten Hauptstück des zweiten Buches der "transzendenten Analytik" spricht.
    3) Die Analyse KANTs läuft in der Tat auf eine Unerkennbarkeit des Noumenon hinaus, die er damit ausdrückt, daß er die Unmöglichkeit behauptet, ein Noumenon im  positiven  Sinne zu erkennen.
    4) Vgl. "Critique de la raison pure" trad. BARNI, 2. Ausgabe, Vorwort, Seite 28 - Ebenso: Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe KEHRBACH, Seite 20f (Anm. d. Übers.)
    5) Ein psychologischer Unterschied drückt sich zuweilen schon in der sprachlichen Verschiedenheit aus: so stellt z. B. ein Italiener die Zahl achtzig als 10 x 8 dar, ein Franzose als 20 x 4 (quatrevingts).
    6) Zu solchen Ehren hat es das Wort gebracht, mit dem man ursprünglich dasjenige Buch in der Sammlung der aristotelischen Werke bezeichnete, das auf das der Physik folgte!
    7) Ein charakteristisches Beispiel ist die  Entwicklungslehre,  die bei SPENCER ein richtiges  metaphysisches System  geworden ist, wenn auch ohne den Fehler des Transzendentalismus, für den der Autor nur  außerhalb  des positiven Teiles seiner Philosophie einen Platz hat. - Um die Entwicklung außerhalb des Feldes der Biologie (wo sie eine wissenschaftliche Theorie ist) zu rechtfertigen, läßt sich der große Philosoph verleiten unter seine Grundsätze solche aufzunehmen, wie die "Unbeständigkeit des Homogenen", seine Differenziation unter dem Einfluß "zufälliger Kräfte" und ähnliches mehr: Sätze, für die schwerlich ein Jünger der Mechanik die volle Verantwortung übernehmen wird, denen aber jeder den Wert von in gewisser Hinsicht ziemlich glücklich gewählten  Bildern  zugestehen wird.
    8) Vgl. IVES DELAGE, La structure du protoplasma et les théories sur l'hérédité, et les grands problémes de la Biologie générale, Paris 1895
    9) Die alte Lehre von der Präformation oder Evolution nahm an, daß die Keime ineinandergeschachtelt seien, so daß jedes Ei oder Spermatozoon (nach den Ovisten oder den Spermatisten) alle Nachkommen als Embryonen enthalten sollte, die sich dann nur zu entfalten brauchten. Diese absurde Hypothese ist längst aufgegeben, aufgrund der mikroskopischen embryologischen Untersuchungen. Aber die neue Präformationslehre fordert die Existenz verschiedener Elemente im Keim als Repräsentanten, sei es der anatomischen Teile des ausgewachsenen Organismus, sei es seiner elementaren Eigenschaften oder Charaktere.