tb-2 Die Wissenschaft und die TatPaul NatorpMoritz SchlickTheodor Elsenhans    
 
HEINRICH GOMPERZ
Zur Psychologie
der logischen Grundtatsachen

[2/6]
    I. Erkenntnis ohne Sprache
II. Wort und Begriff
III. Satz und Urteil
IV. Satzverbindung und Schluß
V. Anschauliches und begriffliches Denken

"Wer den Begriff  Hund  dem Begriff  Tier  unterordnet, der denkt sich die Beziehungen der Gedanken überhaupt nicht mehr in anschaulicher Form, sondern die Worte sind ihm zu Vertretern zahlloser Gedankenverbindungen geworden, die alle zum Gebrauch des Bewußtseins bereit liegen, ohne daß nur eine einzige unmittelbar anschaulich wird."

II. Abschnitt
Wort und Begriff

1. Schon wenn ich das Wort als das einfachste Element der Sprache und den Begriff als das einfachste Element des Denkens bezeichne, setze ich mich vielfachem Widerspruch aus. Zuerst ein paar Bemerkungen über den ersten Punkt. Man hat gesagt, nicht das Wort sei ein wirkliches Element, sondern erst der Satz. Das Wort sei lediglich eine Abstraktion. Die lebendige Rede gehe in zusammenhängenden Sätzen vor sich. (1) Man hätte auch noch schärfer vorgehen können und fragen: Wann hat jemals ein Mensch zu einem anderen: und, aber, sondern, gesagt, als nur in einem Satz? Oder auch: wenn man die Konstanz als Maßstab der Einheit nehmen wollte, dann dürfte man nicht die Wörter, sondern höchstens die Laute als ursprüngliche Sprachelemente ansehen und doch ist es sicher, daß die einzelnen Konsonanten nicht früher da waren als die Silben und Wurzeln.

Allein alledem lege ich keine große Bedeutung bei. Denn erstens haben diese Worte eben, im Gegensatz zu Lauten und Silben, eine konstante Bedeutung und damit sind sie hinreichend als erste Elemente der Sprache, d. h. als primäre, bedeutungsvolle Lautzeichen, charakterisiert. Zweitens hat die moderne Linguistik den Nachweis geführt, daß jedes Wort ursprünglich selbst ein Satz, d. h. ein selbständiges Lautzeichen war (2) und daß dies im Chinesischen heute eigentlich noch der Fall ist. (3) Demnach wir dem wohl kein ernsthaftes Bedenken entgegenstehen, wenn man das Wort als das erste Produkt der Sprache bezeichnet.

2. Schwieriger scheint die Sache in Bezug auf die Begriffe zu liegen. Und es obliegt uns jedenfalls, ehe wir daran gehen, zu zeigen, wie sich die Begriffe unter dem Einfluß der Worte entwickeln, zu zeigen, daß sie überhaupt erste Elemente des logischen Denkens sind. Schwieriger insofern, als diejenigen Recht haben, die Gewicht darauf legen, daß, um einen Begriff wie "Säugetiert" zu bilden, schon eine ganze Menge von Beobachtungen, Vergleichen, Urteilen und auch wohl Schlüssen nötig sind. Allein auch diese Schwierigkeit ist längst aufgeklärt, oder wenigstens: die ausschlaggebende Unterscheidung ist längst gemacht worden.

So sagt WUNDT (4): "Wenn die Begriffe die Elemente unseres logischen Denkens sind, so versteht es sich von selbst, daß wir mit ihnen den Aufbau der Logik beginnen müssen. Und doch ist es ebenso gewiß, daß die vollendeten Begriffe der Wissenschaft alle anderen logischen Funktionen voraussetzen." Er unterscheidet nämlich "logische Begriffe" im engeren Sinne und "wissenschaftliche Begriffe", freilich um zu zeigen, daß sich die einen aus den anderen entwickeln. So wäre die allgemeine Vorstellung, die ein Laie von einem Kamel hat, ein logischer Begriff, die Gesamtheit aller Eigenschaften des Kamels, wie sie dem Zoologen gegeben ist, ein wissenschaftlicher Begriff. Und WUNDT meint, vom ersteren gehe die Untersuchung aus, beim letzteren ende sie; deshalb sei es kein Widerspruch, wenn die Begriffe auf der einen Seite als Elemente, auf der anderen Seite als Ergebnisse der Erkenntnis behandelt werden. (5) Allein wir können von unserem Standpunkt noch weiter gehen. Denn die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung. Solche wissenschaftlichen Begriffe sind vielmehr Gesetzmäßigkeiten, nämlich Gesetzmäßigkeiten der Koexistenz von Qualitäten oder Phänomenen. Sie nehmen logisch dieselbe Stufe ein wie Naturgesetze, d. h. Gesetzmäßigkeiten der Sukzession von Phänomenen. Die Analogie ist hier eine vollständige. Daß wir solche Begriffe überhaupt aufstellen können, beruth auf einem allgemeinen Gesetze der "Typizität", welches die Konstanz von Qualitätskomplexen überhaupt aussagt, ganz so, wie die Aufstellung von Naturgesetzen auf dem allgemeine Gesetz der Kausalität beruth, welches die Konstanz der phänomenalen Sukzession lehrt. Wir gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der Induktion vorschreiten und verwerten diese Begriffe durch Analyse, wie jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie des wissenschaftlichen Säugetierbegriffs ebensowenig, wie eine Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese Gesetzumäßigkeiten durch eigene Worte - Säugetier und Gravitation - bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände, nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens. Und insofern möchte ich einer realistischen Auffassung der Universalien das Wort reden. Denn wenn wir für einen Augenblick annehmen wollen, daß der Begriff des Säugetiers eine von uns unabhängige, ewige Realität wäre, wird es uns sofort klar werden, daß ein solcher realer Begriff sich jedenfalls in unserem empirischen Denken nicht finden kann und daß - diese Realität zugestanden - die Frage nach der Natur unseres Denkens, unserer Erfassung der Begriffe, immer noch aufrecht bliebe. So aber steht es in der Tat: die gesetzmäßig koexistierenden Qualitäten sind Gegenstände der äußeren, nicht der inneren Erfahrung. Nun ist freilich unser Wissen von der gesetzmäßigen Koexistenz der Qualitäten von der Qualität selbst verschieden und setzt einen Denkakt voraus, - ebenso wie unser Wissen vom Gravitationsgesetz. Allein dieses Wissen ist keineswegs selbst ein Begriff. Es ist vielmehr - darüber kann meines Erachtens kein Zweifel obwalten - ein Relationsurteil, ganz ebenso wie unser Wissen von der Gravitation. Um das noch kurz schematisch zu verdeutlichen, nehmen wir an, an der Objektenklasse O koexistierten gesetzmäßig die Qualitäten  α β, γ ...  Dann bildet die Summe dieser Qualitäten:  α + β + γ ...  den wissenschaftlichen Begriff der Klasse O und unser Wissen, daß  α β, γ ...  koexistieren, drückt sich aus in einem Relationsurteil, dessen Subjekte diese  α β, γ  sind und dessen Prädikat eben auf die gesetzmäßige Koexistenz, also eine Relation, ist. Aufgrund dieser Erwägung glaube ich mich berechtigt, von den wissenschaftlichen Begriffen, welche Resultate von Urteilen sind, an dieser Stelle abzusehen und mich auf die Data der Psychologie, d. h. auf die sogenannten allgemeinen Vorstellungen zu beschränken. Deren Entstehung unter dem Einfluß der Sprache wollen wir uns jetzt zuwenden und zu diesem Zweck zum fingierten "einzelnen erkennenden Wesen", dessen Psychologie wir im I. Abschnitt behandelt haben, zurückkehren.

3. Wir sahen, daß ein solcher Einzelner seinen gesamten Wahrnehmungsinhalt in den Formen der Anschauung und Erinnerung, also der Vorstellung, beherrschen würde. Wir wollen nun zusehen, wie sich seine Geistesleben mit dem Auftreten der Sprache verändern muß. Da ist es zunächst unerläßlich, auch das Problem vom Ursprung der Sprache zu berühren. Allein es soll das nicht im einzelnen, sondern nur unter zwei allgemeinen Gesichtspunkten geschehen. Erstlich wird heute wohl fast allgemein zugegeben, daß die Sprache ursprünglich eine spontane Reaktion sei und seitdem wir nicht an den "Namengeber" des Altertums glauben, bleibt uns auch kaum eine andere Wahl. Und so sind denn auch hierüber fast alle Sprachforscher einig: ob sie die Sprache in unmerklichem Wachstum aus tierischen Lauten hervorgehen lassen oder mit der Mehrzahl die Onomatopoie [Lautmalerei, wp] herbeiziehen oder die Laute des Affektes zum Ausgangspunkt nehmen oder Urworte annehmen, die bei gemeinsamen Tätigkeiten reflexartig hervorgestoßen wurden oder endlich die betreffenden Bewegungen der Sprachorgane einfach als Begleiterscheinungen körperlicher Tätigkeiten ansehen, - immer bleibt die Sprache eine ursprünglich spontane, reflexartige Tätigkeit. Von diesem Prinzip wird sich uns alsbald eine wichtige Anwendung ergeben.

Zweitens aber darf man behaupten, daß die Sprache als solche in erster Linie eine Zeichengebung, also ein Verständigungsmittel ist. Dieser fast selbstverständlichen Ansicht gegenüber steht die Behauptung von HOBBES und MAX MÜLLER. Jener sagt (6): "A name or appellation ist the voice of a man arbitrary imposed für a mark to bring into his mind some conception concenzing the thing on which it is imposed." Und zu dieser Stelle bemerkt MÜLLER (7): "Daß Sprache zuerst für uns selbst und dann erst für andere bedeutungsvoll ist, hatte ... HOBBES klar begriffen." Die "transparente Absurdität" dieser Behauptung (8) ist in die Augen springend und auch vom verdienstvollen Darsteller der HOBBESschen Philosophie, ROBERTSON (9), klar erkannt worden. Trotzdem ist es nicht ganz leicht, diese, wie alle ganz großen Absurditäten, mit Gründen zu widerlegen. Ich möchte mich hier nur auf die Bemerkung beschränken, daß doch als  notae  [Wesensmerkmale, wp] im Sinne von HOBBES Gebärden ungleich dienlicher wären als Laute, da sie offenbar einem näherliegenden Reflex entspringen und auch der Zusammenhang zwischen einer Tätigkeit und einer nachahmenden Geste viel leichter zu verstehen und zu behalten ist. Und in der Tat finden wir, daß jene  eine  Zeichengebung, die für den Sprechenden selbst erfolgt, das Zählen nämlich, durch Gebärden mit den Fingern zu geschehen pflegt. Schon aus der Tatsache also, daß wir nicht eine Gebärden, sondern eine Lautsprache als fast ausschließliches Umgangs- und Verkehrsmittel aller Völker finden, dürfen wir folgern, daß die Sprache in erster Linie dem Zweck der Verständigung und erst in zweiter Linie dem begrifflichen Denken dient, weshalb wir die Definition mit LOCKE (10) also geben können: "Wörter stehen als Zeichen für innere Vorstellungen, wodurch sie acuh anderen erkennbar und von einem zum anderen übermittelt werden können."

4. Nachdem aber dieses letztere festgestellt ist, dürfen wir nicht mehr von einem einzelnen reden, sondern wir müssen zwei solcher Wesen nebeneinander denken, von denen der eine den anderen durch Worte über seine psychischen Vorgänge unterrichtet und wir müssen, worauf ich großes Gewicht lege, die Vorgänge im Sprechenden von denen im Hörenden scharf unterscheiden. Aber ehe wir auf diese psychischen Vorgänge des Sprechens und Verstehens eingehen, müssen wir noch das Verhältnis der Worte zu den Objekten ins Auge fassen.

Die Entstehung der Sprache, d. h. die Bildung fester Assoziationen von Worten und Vorstellungen, worunter ich wieder Wahrnehmungen und Erinnerungsbilder zusammenfasse. Diese geschieht aber nicht so, daß jede Vorstellung mit einem eigenen Namen, einem Eigennamen, verbunden würde; und auch nicht so, daß die gemeinsamen Teile ähnlicher Vorstellungen, die gemeinsamen Merkmale, unter einem Wort zusammengefaßt würden. (11) Diese letztere Behauptung können wir aussprechen, ohne damit der Frage: Konzeptualismus oder Nominalismus? zu präjudizieren [bevorurteilen, wp]. Versetzen wir uns nur einmal in die Lage eines Kindes, das sprechen lernt. Die gemeinsamen Merkmale aller Männer sind ihm etwa ein Bart oder eine Hose. Das Kind lernt aber nicht die Bärte oder Hosen als "Mann" zu bezeichnen, sondern alle mit Bärten oder Hosen begabten  Menschen.  So sagt BERKELEY (12): "Es scheint jedoch, daß ein Wort allgemein wird, indem es als Zeichen gebraucht wird nicht für eine abstrakte allgemeine Idee, sondern für mehrere Einzelideen, deren jede es besonders im Geiste anregt." Was hier von allgemeinen Worten gesagt wird, gilt von allen; denn in diesem Sinne sind alle Worte allgemein - mit Ausnahme der Eigennamen -, eben weil nicht einzelne Vorstellungen mit einzelnen Worten assoziiert sind.

Für diese Tatsache hat man verschiedene Erklärungen gegeben. Die einfachste gibt LOCKE (13): "Wenn jedes Einzelding mit einem besonderen Namen bezeichnet werden müßte, so würde die Vielfalt der Wörter ihre Verwendung verwirren. Um diesem Übelstand abzuhelfen erfuhr die Sprache mit der Verwendung  allgemeiner Ausdrücke  eine weitere Verbesserung, wodurch ein einzelnes Wort dazu befähigt wurde, eine Vielheit von Einzelexistenzen zu bezeichnen." Diese Erklärung wird man gewiß, soweit sie reicht, annehmen können, allein sie reicht gar nicht weit. Sie zeigt wohl, daß jedes Wort eine allgemeine Bedeutung haben müsse, aber sie zeigt nicht, wie eine solche zustande kommt.

Viel feiner ist folgender Gedanke, den TAINE (14) darlegt: Jeder Eindruck ruft in uns eine Tendenz zur Reaktion hervor. Indem sich nun viele solche Eindrücke summieren, summieren sich auch die Reaktionstendenzen und die Resultierende dieser letzteren ist ursprünglich das allgemeine Wort. Jedes allgemeine Wort ist daher das Ergebnis eines "kleinen symbolischen Dramas und einer lebendigen Mimik". Hierin liegt zweifelsohne ein Fortschritt. Aber es wird nicht klar, weshalb nicht jeder einzelne Eindruck eine Reaktion im Wort hervorruft. Mit anderen Worten: Es fehlt die Verbindung zwischem dem TAINEschen Prinzip der Reaktion und dem LOCKEschen Prinzip der Einfachheit.

Ich möchte glauben, daß diese Verbindung in folgender Weise hergestellt werden könnte. Jeder Eindruck hat die Tendenz, in uns eine Reaktion, d. h. eine Aktion hervorzurufen und zwar ursprünglich eine reflektorische, also eine zweckdienliche Handlung. Allein die Zahl der möglichen Handlungen, Reaktionen ist auf jeder Stufe der Organisation notwendig eine beschränkte, weil eine durch die spezifische Eignung des motorischen Systems bedingte. Die Eindrücke haben aber nach dem SCHOPENHAUERschen Satz vom Primat des Willens, der sich wenigsten in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht als ein heuristisches Prinzip ersten Ranges bewährt, zunächst nur insofern ein Interesse für uns, als sie unsere Handlungen beeinflussen können. Wir haben deshalb ursprünglich keine Veranlassung, solche Eindrücke zu unterscheiden, auf welche wir in gleicher Weise reagieren müßten; und alle Veranlassung, solche Eindrücke zu unterscheiden, auf die wir verschieden reagieren können. Man kann das auch so ausdrücken, daß diese letzteren Unterscheidungen uns im Kampf ums Dasein fördern können, was nicht ausschließt, daß auch eine größere Differenzierung unserer Reaktions- und also mittelbar auch unserer Unterscheidungsfähigkeit uns in diesem Kampf von Nutzen ist. Da sich aber nach demselben Prinzip unsere Gefühle nach der von ihnen auszulösenden Innervation [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]) richten werden, so kann man, glaube ich, definieren:  Unterschieden wird auf jeder Stufe der Organisation das, was in uns verschiedene Gefühle erregt und verschiedene Reaktionen auslöst.  Daß der Begriff der Ähnlichkeit sich in dieser Weise erklären läßt, gedenke ich im V. Abschnitt auszuführen. Auf die Sprache angewendet, ergibt dieses Prinzip:  Unter einem Wort wurden alle jene Einzelvorstellungen zusammengefaßt, welche zur Zeit der Sprachentstehung gleiche Reaktionen hervorzurufen geeignet waren.  Dieser Grundsatz scheint mir die notwendige Ergänzung zum LOCKEschen Prinzip der Einfachheit: dieses macht begreiflich,  daß  ein Wort viele Vorstellungen unter sich begreift, jener aber erklärt,  welche  Vorstellungen dies waren. Und sobald sich zwischen diesen vielen Einzelvorstellungen und je einem Wort eine feste Assoziation gebildet hat, können wir die Sprache als entstanden betrachten.

5. Ich habe eben bemerkt, daß zwischen den Vorgängen im Sprecher und denen im Hörer scharf unterschieden werden muß. Diese Aufstellung bedarf keiner Rechtfertigung, denn sollten beiderlei Vorgänge identisch sein, so würde sich das ja bei genauer Prüfung ergeben. Trotzdem führe ich gerne ein Wort SIGWARTs (15) an, der dies bestätigt, indem er sagt: "Der Satz ... läßt sich ... von zwei Seiten betrachten, die von Anfang an zu scheiden wichtig ist. ... Die Funktionen dessen, der gesprochene Worte versteht, sind ... nicht dieselben wie die Funktionen dessen, der spricht." Beginnen wir mit dem Hörer.

Ein vernommenes Wort wird in mir von allen jenen Einzelvorstellungen, mit denen es assoziiert ist, in jedem einzelnen Fall nur eine einzige hervorrufen: eine einzige, einzelne, an sich bestimmte. Wenn mir jemand erzählt, er sei beinahe von einem durchgegangenen Pferd überrannt worden, so stelle ich mir in dieser Situation ein bestimmtes, konkretes Pferd vor: von bestimmter Größe, bestimmter Farbe, bestimmtem Aussehen. Was ist das für ein Pferd? Ist es das Pferd des Erzählers? Das Pferd, das ihn überrannt hat? Das Pferd, an das er während der Erzählung denkt? Gewiss nicht. Denn er hat mir nichts anderes mitgeteilt, als daß ihn "ein Pferd" überrannt hat. Vielleicht stelle ich mir einen Braunen vor und denkt an einen Schimmel. Denn das Wort kann nichts anderes tun, als aus dem Vorrat von assoziierten Einzelvorstellungen eine bestimmte heraufzurufen. (Eine Veränderung der Erinnerungsbilder durch Phantasie oder schlechtes Gedächtnis oder sagen wir lieber durch Phantasie  und  schlechtes Gedächtnis, wird damit nicht geleugnet.) Es ist dieses Pferd offenbar ein reproduziertes Pferd, also eines, das ich irgendwo gesehen habe. Welches? Das wird sich oft schwer feststellen lassen. Der eine mag in einem solchen Fall an das erste Pferd denken, das er als Kind mit hellem Bewußtsein gesehen hat. Ein anderer an das letzte Pferd, das er gestern sah. Ein Dritter an ein ihm besonders gewohntes, z. B. sein eigenes Pferd. Im dargelegten konkreten Fall werde ich aber wahrscheinlich an ein Pferd denken, das ich selbst einmal durchgehen sah, also an jenes, dessen Bild durch die begleitenden Umstände wachgerufen wird. Kann da der Sprecher wissen, welches Pferd ich mir vorstelle? Nein! Erfüllt die Erzählung ihren Zweck, obwohl Sprecher und Hörer ganz verschiedene Pferde vorstellen? Gewiß, denn was zum Erfassen der Sachlage dienlich ist, mag er mit besonderen Worten mitteilen. Das Wesentliche aber ist, daß meine Vorstellung eine lebhafte und anschauliche ist; und diesem wesentlichen Erfordernis wird entsprochen, so viele unwesentliche Verschiedenheiten zwischen beiden Vorstellungen obwalten mögen und es kann ihm nur entsprochen werden, wenn meine Vorstellung eine deutliche ist; das ist sie aber nur dann, wenn sie eine wirkliche, vollständige Wahrnehmung reproduziert. Mit sehr vielen unwichtigen Merkmalen, die mir etwa erzählt werden könnten, wäre mir nicht gedient; denn jede konkrete Wahrnehmung enthält unendlich viele Details und würden diese nicht von meiner Erinnerung ergänzt, so könnte mir auch die minutiöseste Schilderung kein leibhaftiges Pferd, sondern höchstens einen Haufen toter Pferdemerkmale liefern.

Dieser Tatbestand ist noch einer ganz besonders drastischen Erläuterung fähig. Es gibt nämlich Fälle, wo die durch ein Wort wachgerufene Vorstellung in eine Halluzination übergeht, insbesondere bei der Suggestion von Somnambulen. (Unter Somnambulen verstehe ich im Sinne des französischen  Terminus technicus  jene pathologischen Individuen, die der Suggestion besonders zugänglich sind.) Man sagt dem Kranken:  eine  Schlange und er sieht vor sich -  die  Schlange. Eine bestimte lebendige, komplette, mit allen Merkmalen ausgerüstete Schlange, vor der er schreiend davonläuft. Woher kommt sie? Aus dem Vorrat der aufgespeicherten Einzelbilder. Es bleibt also dabei: ein verstandenes Wort erweckt im Hörer eine bestimmte Vorstellung. (16)

Endlich will ich noch ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung geben. Die genaue Vorstellung, die ich mit dem Wort "Klavier" verbinde, hat bei mir sehr gewechselt. Früher dachte ich, wenn ich von einem Klavier hörte, an ein braunes, mittelgroßes; später an ein schwarzes. Der Grund lag einfach darin, daß wir früher ein braunes, später ein schwarzes besaßen.

6. Indem wir es vorläufig dahingestellt sein lassen, ob diese Vorgänge auch beim Hören und Verstehen abstrakter Worte stattfinden, wenden wir uns den Vorgängen im Sprecher zu. Hier sind zweierlei Phänomene zu unterscheiden.

Das eine entspricht der Einzelvorstellung des Hörers. Ich meine die konkrete Einzelvorstellung, die ihn zum Aussprechen des Wortes veranlaßt. Diese kann wiederum von doppelter Art sein: eine Wahrnehmung oder ein Erinnerungsbild. Im letzteren Fall liegt die Sache ganz klar. Die betreffende Einzelvorstellung ist bereits mit dem Wort assoziiert. Ihr Auftreten ruft daher das Aussprechen des Wortes in einfacher Weise hervor. Etwas komplizierter ist der Fall der äußeren Wahrnehmung. Denn wenn ich ein mir unbekanntes Pferd sehe, so könnte jemand fragen, wieso diese ins Bewußtsein neu eintretende Vorstellung mit dem Wort "Pferd" in assoziative Verbindung trete? Wir haben keine Veranlassung, auf diesen Vorgang hier ausführlich einzugehen. (Das Genauere siehe im 4. Abschnitt) Es genüge deshalb zu sagen, daß, was hier vor sich geht, mit BINET zu sprechen, eine "opération á trois termes" [eine Operation mit drei Begriffen, wp] ist, die man - nicht ganz exakt, aber für unsere Zwecke genügend - also schematisieren kann: das neue Pferd erinnert durch irgendeine Ähnlichkeit an ein  altes  Pferd und dieses durch Berührung an das Wort "Pferd". Insoweit also besteht ein genauer Parallelismus. Eine bestimmte Einzelvorstellung veranlaßt den Sprecher, ein allgemeines Wort auszusprechen und dieses erweckt im Hörer eine - freilich verschiedene - bestimmte Einzelvorstellung.

Nun findet aber daneben noch ein zweites statt: wenn ich ein Wort ausspreche, so finden in mir gleichzeitig folgende psychische Prozesse statt:
    1. die Vorstellung, die das Aussprechen veranlaßte, besteht, wenn auch verblassend, fort;

    2. an sie knüpfen sich meistens irgendwelche Gefühle;

    3. ich habe die Innervationsempfindung [Nervenempfindung, wp], die dem Aussprechen des Wortes entspricht;

    4. ich höre den lautlichen Klang des betreffenden Wortes;

    5. möglicherweise können auch die Schriftzeichen, die dem Wort entsprechen, vor mir auftauchen. Von diesen 5 Elementen sind die letzten 3 immer konstant und für ein bestimmtes Wort dieselben.
Aber auch die Vorstellungsreste weisen gewisse konstante Bestandteile auf: es sind eben jene gemeinsamen Merkmale, die bewirken, daß die einzelne Vorstellung unter dem allgemeinen Wort begriffen wird. Nicht als ob diese gemeinsamen Merkmale für sich vorgestellt werden könnten. Schon LOCKE sagt bekanntlich (17) "Es kann keine allgemeine Idee von einem Dreieck geben, das weder schiefwinklig, gleichseitig, gleichschenklich noch ungleichseitig, sondern alles und zum Teil nicht hiervon wäre. Es würde sich um etwas Unmögliches handeln, das nicht existieren kann ... um eine Idee in der die verschiedensten unverträglichen Ideen zusammengewürfelt wären." Und BERKELEY führt eine solche Idee  ad absurdum,  wenn er sagt (18)
    "... es folgt nicht, daß meinem Geist eine Vorstellung von Bewegung ohne einen bewegten Körper oder ohne eine bestimmte Richtung und Geschwindigkeit angeregt wird oder daß ich eine abstrakte allgemeine Idee einer Ausdehnung bilden müsse, die weder Linie, noch Fläche, noch Körper, weder groß, noch klein, weder schwarz noch weiß, noch rot, noch von irgendeiner anderen bestimmten Farbe sei."
Allein trotzdem werden sich die konstanten Merkmale mit der Zeit summieren und verstärken, die wechselnden immer mehr schwächen, so daß sich mit der Zeit, wo dies möglich ist, ein Durchschnittsbild ergeben wird, in dem die konstanten Merkmale stärker, die wechselnden schwächer hervortreten werden. Alle diese 5 Elemente aber, Vorstellungsreste, Gefühle, Innervationsempfindungen, Wortklang und Schriftzeichen werden mit der Zeit eine mehr oder minder feste Berührungsassoziation eingehen und zu einem derartigen psychologischen Gebilde werden, das WUNDT eine Komplikation nennen würde. Wir wollen es weiterhin als das anschauliche Begriffskorrelat bezeichnen.

Wir haben dieses Gebilde nicht entdeck. Schon WUNDT behandelt es in folgenden Worten (19): "Indem unter unseren objektiven Vorstellungen die des Gesichts die herrschende Rolle spielen (das gilt wohl nicht von allen Menschen, sondern nur von den  visuels  der französischen Schule) (20), unter den subjektiven Bestandteilen jeder Komplikation aber der Sprachlaut ..., sind die Vorstellungen der sprechenden Menschen fast durchwegs Komplikationen von Gesichts- und Gehörsvorstellungen. In nicht seltenen Fällen tritt ferner in jenen herrschenden Komplikationen an die Stelle der ursprünglichen Gesichtsvorstellungen das die Sprachlaute in Gesichtsvorstellungen umsetzende Schriftzeichen. Dadurch werden dann auch solche psychische Gebilde, denen eine konkrete sinnliche Vorstellung eigentlich nicht entspricht, wie die abstrakten Begriffe, befähigt, in den Formen jener herrschenden Komplikationen von Bild und Laut zu erscheinen."

WUNDT mißt übrigens, wie wir sehen werden, diesen Komplikationen meines Erachtens eine zu große Bedeutung bei, wenn er sie als Elemente des wirklichen Denkens auffaßt. Mir sind sie wenig anderes als assoziative Nebenprodukte des lauten oder stillen Sprechens. Indem ich mich deshalb dagegen verwahre, als würde ich seine diesbezüglichen Ansichten teilen, akzeptiere ich zur Erläuterung eine von ihm eingeführte Symbolik. Er bezeichnet (21) die einzelnen Vorstellungen mit  A1, A2, A3 ... hA, hlA, lAh, lsA, ls ... 

Aber diese Begriffskorrelate wurden scho viel früher bemerkt. Sehr schön spricht von ihnen DESCARTES, in der 6. Meditation. Er sagt dort: "Wenn ich an ein Tausendeck denken will, so sehe ich zwar ebensogut ein, daß es eine Figur ist, die aus tausend Seiten besteht, wie ich vom Dreieck einsehe, daß es eine Figur ist, die aus drei Seiten besteht; aber ich kann mir nicht in gleicher Weise diese tausend Seiten bildlich vorstellen oder sie als gegenwärtig anschauen. Ich stelle mir dann wegen der Gewohnheit, immer etwas bildlich vor, aber sie ist offenbar nicht jenes Tausendeck, weil sie nicht von der verschieden ist, die ich mir vorstellen würde, wenn ich an ein Zehntausendeck oder an eine Figur von noch mehr Seiten dächte. Auch nützt mir diese Vorstellung nichts, um die Eigenschaften zu erkennen, durch die sich das Tausendeck von anderen Vielecken unterscheidet." Ähnlich sagt TAINE (22): "Wenn ich das Wort Polygon höre (ich würde sagen: ausspreche; auf diese Differenz werde ich zurückkommen), zeichne ich mir sehr unbestimmte Linien, die sich schneiden und einen Raum zu umschreiben streben, ohne daß ich noch wüßte, ob die Figur einseitig oder fünfeckig werden wird. Aber dieses unbestimmte Bild ist nicht ... das abstrakte Polygon: die Weichheit seiner Umrisse hindert es nicht, eigene Umrisse zu haben; es ist wechselnd und dunkel und die Sache (das abstrakt Polygon) ... ist weder wechselnd noch dunkel ... man kann in vielen Fällen seine Definition geben."

Ich möchte hier noch einige Beispiele geben, die ich der Selbstbeobachtung entnehme. Das Begriffskorrelat, das ich beim Aussprechen des Wortes "Lampe" in meinem Bewußtsein vorfinde, läßt sich etwa wie folgt beschreiben: es ist eine helle weiße Lanpenkugel, mit den Buchstaben LAMPE in dicken schwarzen Lettern auf dem hellen Hintergrund gemalt, dazu das Lautbild. Noch viel komplizierter ist die Sache z. B. bei den einzelnen Namen der Wochentage. Ich greife den Dienstag heraus: etwas wie ein viereckiger, an den Seite konkav geschweifter, metallglänzender Schild steht vor mir, überspannt von einem Netz blauer Schnüre. Darüber das geschriebene Wort. Ich erinnere mich übrigens, daß diese Bilder in meiner Kinderzeit viel lebhafter und deutlicher waren. Ich glaube noch zu wissen, daß dieser Schild von einem zu Pferde sitzenden Ritter in voller Rüstung übrig geblieben ist und die Schnüre deute ich auf ein Gitterbett, in dem ich in meinen ersten Jahren schlief. Ich kann mich erinnern, seinerzeit bemerkt und erzählt zu haben, daß ich das Bild eines rotbraunen Handschuhs auf einer Aushängetafel mit dem Mittwoch verband. Der Handschuh ist vollständig geschwunden, das Braunrot ist geblieben. Überhaupt scheinen mir die farbigen Flächen am hartnäckigsten zu persistieren [in Erinnerung zu bleiben, wp]. So ist die Zahl 7 noch heute mit einem intensiven Himmelblau assoziiert; ich glaube mich darauf zu besinnen, daß es ursprünglich eine Jllustration zu dem Märchen "Die 7 Raben" war, wo diese Vögel sich von einem tiefblauen Himmel abhoben. Ich sehe übrigens von weiterer Häufung der Beispiele ab. Nur will ich noch bemerken, daß die Verschwommenheit und Undefinierbarkeit der Bilder eine so große ist, daß ich sie nur mit unserer Erinnerung an Träume vergleichen kann, wo man dann nicht weiß, sollte dieses Bild eine Bibliothek darstellen oder eine Stadt? eine Stiege oder eine Kirche? Doch, wie gesagt, ich kehre zur Theorie zurück.

Da erhebt sich denn zunächst die Frage, ob diese Begriffskorrelate sich wirklich nur im Sprecher bilden. Ich kann hier nichts tun, als mich auf meine eigene Erfahrung, auf eine wiederholte und peinliche Selbstbeobachtung berufen. Nur darf man sich nicht durch eine naheliegende Störung täuschen lassen. Wenn man das Wort selbst ausspricht, so ist man ebensogut Sprecher wie Hörer. Aber auch, wenn man von anderen eigens zu diesem Zweck einzelne, abgerissene Worte aussprechen ließe, so läge kein  experimentum crucis  [Versuch, bei dem durch Scheitern bewiesen wird. - wp] vor. Man spricht dann einfach leise mit; und überdies ist es von vornherein ausgeschlossen, daß man ein solches, künstlich aus dem Zusammenhang gerissenes Wort verstehen, d. h. die enstprechende Einzelvorstellung bilden könnte. Aber im wirklichen Gespräch habe ich als Hörer solche, an einzelnen Worten haftende Begriffskorrelate nicht konstatieren können.

Und auch eine doppelte Erklärung scheint mir nicht fernzuliegen. Dem Hörer fehlen die Innervationsgefühle, welche erst die Assoziation zu einer wirklich innigen und gleichzeitigen machen. Während ich noch vorstelle, innerviere ich schon. Aber beim Hören ist meine Aufmerksamkeit auf Laut und Vorstellung nacheinander gerichtet. Zum Entstehen einer "Komplikation" aber ist ein Nebeneinander der Elemente erforderlich. Zweitens aber: das Hören und Verstehen erfordert eine gewisse Anstrengung, eine geistige Tätigkeit und diese allein dürfte hinreichen, um etwaige, sich vordrängende inhaltsarme Assoziationen zurückzuweisen.

7. Es könnte aber die Frage aufgeworfen werden, ob nicht solche unbestimmte Vorstellungsreste sich auch bilden können, ohne daß überhaupt gesprochen würde. Und dieses ist, was wenigstens die optische Seite des Phänomens angeht, zu bejahen. Ich erinnere an die zitierte Stelle von DESCARTES, verweise auch auf eine ausführliche Darlegung bei TAINE (23) und endlich auch zurück auf das im I. Abschnitt über HUXLEYs Vergleich mit den GALTONschen Typen-Photographien Bemerkte. Hiermit nähern wir uns der berüchtigten Frage: Konzeptualismus oder Nominalismus? Und auf den ersten Blick sieht es aus, als ob die beigebrachten Tatsachen und Zeugnisse geeignet wären. Dessen Hauptlehre gibt LOCKE folgendermaßen (24): "Wörter werden allgemein, indem man sie zu Zeichen für allgemeine Ideen macht. Ideen werden dadurch allgemein, daß man sie von allen örtlichen und zeitlichen Umständen trennt und alle anderen Ideen von ihnen loslöst, die sie möglicherweise auf diese oder jene Einzelexistenz beschränken könnten ... Dadurch schaffen sie nichts Neues. Sie schalten aus der komplexen Idee, die sie von Peter und Paul hatten, nur dasjenige aus, was einer jeden eigentümlich ist und behalten zurück, was ihnen allen gemeinsam ist." Und wenn es nun möglich wäre, im Sinne jener Photographien typische Vorstellungen herzustellen, in denen die gemeinsamen Züge aller Individuen hervortreten, die abweichenden aber bis zur Unkenntlichkeit verblaßt sein, dann läge es wohl nahe zu sagen: "Eben mit diesen allgemeinen Vorstellungen sind die abstrakten Worte assoziiert. Im Geist des Sprechers lösen sie die Worte aus, um im Geist des Hörers wieder von ihnen ausgelöst zu werden." Allein diese Annahme scheitert an einer doppelten Unmöglichkeit.

Erstlich sind diese Vorstellungsreste viel zu unbestimmt und enthalten auch viel zu viel Einzelnes, um im Abstrakten alle Individuen vertreten zu können. Man stelle sich nur das dürftige Gebilde vor, welcher der "Baum" an sich repräsentiert: ein Stamm mit Rinde und ein paar Verzweigungen mit Astansätzen, in grüne Farbe auslaufend: das ist alles; Nadeln oder Blätter dürfen nicht dran sein und dieser dürftige Rest, auch er erhält zu wenig und auch zuviel, weil er doch schon eine gewisse Größe etc. voraussetzt. Unmöglich könnten an ihm die allgemeinen Eigenschaften aller Bäume aufgezeigt werden.

Zweitens aber: in sehr vielen Fällen kann auch dieser dürftige Durchschnitt nicht zustande kommen. Überall nämlich, wo das Gemeinsame nicht in einer sinnlich wahrnehmbaren Qualität, sondern in einer gleichen Relation besteht. Niemand kann sich "ein Paar" an sich vorstellen. Denkt er auch nur an zwei unbestimmte Farbenkleckse, so ist das eine reine Einzelvorstellung und nur an dieser, sowie an allen anderen Einzelvorstellungen desselben Begriffes findet sich die gemeinsame Relation. Da wir aber von einem Paar ebenso bestimmt und deutlich reden können, wie von einem Baum, so folgt schon hieraus, daß es nicht eine solche vage und allgemeine Vorstellung sein kann, mit der das abstrakte Wort assoziativ verbunden ist. Was aber ist es?

Der Nominalismus erteilt die richtige Antwort.  Auch abstrakte Worte,  so lehrt er  sind mit den einzelnen Individualvorstellungen der Gattung verknüpft.  "Allgemein", sagt HOBBES (25), "ist nicht der Name irgendeines aktuell existierenden Dings, wie etwa eine generelle Existenz des Mannes ansich neben den einzeln existierenden Männern ..., noch ist es der Name irgendeiner im Kopf geformten Idee oder Phantasie, sondern es ist immer nur der Name eines Wortes. Was einem allgemeinen Namen in der realen Welt korrespondiert ist immer eine Vielheit von ähnlichen individuellen Dingen, von denen es der Name ist." Also auch bei abstrakten Worten steht es so, daß die Vorstellungen des Sprechers sowohl, als auch des Hörers Einzelvorstellungen sind. Das allgemeine Wort ist lediglich ein Vehikel, das die Einzelvorstellung des Sprechers auf den Hörer überträgt und auch das wurde schon gezeigt, daß diese beiden Einzelvorstellungen nicht gleich zu sein brauchen. So sagt HUME (26): "Das Bild in unserem Kopf ist immer das eines einzelnen Objektes, aber dessen Anwendung in unserem Verstand ist so, als wäre es allgemein. ... Das hören des Namens belebt die Idee eines einzigen solchen Objekts und läßt es in der Vorstellung mit all seinen einzelnen Umständen und Verhältnissen begreifbar werden ... Das Wort selbst ist nicht dazu in der Lage, die Idee all dieser Individuen zu geistigem Leben zu erwecken."

8. Im einzelnen muß noch Folgendes bemerkt werden: wir haben gesehen, daß in der angegebenen Weise eine Einzelvorstellung das abstrakte Wort vertreten kann. Es wird aber der Mensch bei längerer, andauernder Beschäftigung mit einem Begriff fast sicherlich die Gewohnheit annehmen, diesen Begriff durch eine bestimmte, wenn auch beliebige Einzelvorstellung repräsentiert sein zu lassen. Inbesondere werden in solcher Weise kompliziertere Abstraktionen ihre ständigen anschaulichen Repräsentanten besitzen. Beim Rechnen z. B. werden gewisse räumliche Bilder den Zahlenbegriff vertreten.

Inbesondere gilt das Gesagte  von wissenschaftlichen Begriffen.  Deren Enstehung haben wir so zu denken daß das einzelne Wort, welches ursprünglich nur alle Individuen einer Klasse bezeichnet, dann im Verlauf der Entwicklung dazu verwendet wird, als Bezeichung für alle diesen Individuen gemeinsamen Merkmale zu dienen und so, als wissenschaftlicher Begriff, schließlich nicht mehr Dinge, sondern Qualitätskomplexe zu vertreten. Oder um die Terminologie JOHN STUART MILLs zu gebrauchen: die ursprüngliche  Denotation  von Individuen einer Klasse geht später in die  Konnotation  von gemeinsamen Eigenschaften dieser Klasse über. Aus dem Gesagten ist aber auch klar, daß solche wissenschaftliche Begriffe ideale Gegenstände des Denkens sind, an sich aber der Anschaulichkeit entbehren.

Dennoch wird sich das Bedürfnis nach einer anschaulichen Repräsentanz geltend machen. Und da wird sich ein ähnlicher Vorgang abspielen, wie er sich bei Entstehung der Substantiva abgespielt hat. Wie nämlich "Mensch" ursprünglich der "Denkende", "Wolf" der "Zerfleischende" heißt (27), so wird auch hier irgendein "herrschendes Element" des betreffenden Qualitatenkomplexes herausgegriffen und durch entsprechende Ergänzungen veranschaulicht werden. Auch soll die Möglichkeit nicht geleugnet werden, daß, wo das der Natur der Dinge nach möglich ist, mehrere solche herrschende Elemente in eine Anschauung vereinigt werden können und so ein anschauliches Gebilde unter Umständen sich ergeben kann, das mit der allgemeinen Vorstellung der Konzeptualisten einige Ähnlichkeit besitzt. So mögen etwa gewisse Teile des Skelettes und gewisse Arten der Behaarung, mit den notwendigen Ergänzungen, dem Zoologen den Begriff einer Tierspezies veranschaulichen. Nun aber entsteht die Frage, wieso man aufgrund einer Einzelvorstellung denken kann, ohne durch jene Einzelheiten, die gerade dieser Einzelvorstellung eigentümlich sind, beirrt zu werden? Hierfür scheint es zunächst einer Erklärung zu bedürfen.

Schon ARISTOTELES hatte gesagt, der Geometer zeichne zwar sein Diagramm in einer bestimmten Größe, denke es aber ohne Rücksicht auf diese Größe. Ebenso sagt HUME (28): "Alle abstrakten Ideen sind im Grunde nichts anderes als Einzelideen, in einem gewissen Licht betrachtet." Und das ist von Neueren, z. B. von MEINONG, als eine Konzentration der Aufmerksamkeit auf die gemeinsamen Merkmale bezeichnet worden. Ich glaube nicht, daß diese Erklärung sehr tauglich ist, ihre Aufgabe zu erfüllen. Denn um, während ich das Einzelding im Geist betrachte, meine Aufmerksamkeit auf die Gattungsmerkmale zu konzentrieren, müßte ich sie ja schon kennen und wäre das der Fall, dann brauchte ich wirklich keine Einzelvorstellung, sondern es würde genügen, wenn der Name der Gattung mit einem gewissen Komplex von Merkmalen assoziiert wäre, was wir eben als unrichtig erkannt haben, da die Worte nicht Komplexe von Merkmalen bezeichnen, sondern alle jene Individuen, die diese Merkmale in sich tragen.

9. Wir haben nun die Entwicklung des Begriffs verfolgt bis zu jener Stufe, wo er, der ursprünglich ein Erzeugnis der Sprache, der Mitteilung, also des geistigen Verkehrs mehrerer ist, wieder zurückkehrt in den Einzelnen, aus dem er gekommen. Diese Fortbildung bleibt ihm noch übrig. Wir haben gesehen, wie es der Zwand der Mitteilung, der Verständigung war, der zunächst dazu führen mußte, viele ähnliche Dinge unter einem Wort zusammenzufassen, einem Wort, das im Sprecher von einer bestimmten Einzelvorstellung ausgelöst wird und im Hörer wiederum eine solche auslöst, wir haben gesehen, wie sich im Sprecher anschauliche Begriffskorrelate bilden, die leicht dazu verführen könnten, das Denken als ein Denken in allgemeinen Vorstellungen anzusehen, wie aber das wesentliche Element dieses Denkens eben doch die Einzelvorstellungen in beiden Mitunterrednern sind. Nun kommt aber zweifellos bald eine Epoche, wo das abstrakte Denken nicht nur im dialogischen Verkehr, sondern auch im Hirn des Einzelnen vor sich zu gehen beginnt. Ich rede hier nicht von jenem anschaulichen Denken in konkreten Einzelvorstellungen, das gewiß auf der frühesten Stufe möglich ist, sondern vom Denken in Begriffen. Daß es ein solches Denken gibt, wird nicht zu bestreiten sein. Welcher Art aber ist es? Ein Denken in Einzelvorstellungen soll und kann es nach der Definition nicht sein. Ein Denken in anschaulichen Begriffskorrelaten kann es ebensowenig sein, da solche nur im Anschluß an das Wort auftreten. Es bleibt also nur anzunehmen, daß es sich um ein Denken in Worten, in "allgemeinen Namen" handelt. So ist es auch von den Nominalisten stets gelehrt worden. Aber ehe ich auf dieses Gebiet eingehe, muß ich vorweg bemerken, daß ich zwar das Vorkommen eines solchen Denkens in allgemeinen Namen zugebe, dessen Bedeutung jedoch wesentlich niedriger veranschlage, als das sonst zu geschehen pflegt. Hierüber soll der 5. Abschnitt eingehend handeln. Im Hinblick auf diese künftige Erörterung will ich hier lediglich die psychologische Fundierung eines solchen Denkens geben, das z. B. JOHN STUART MILL für das alleinige hält, wenn er sagt: (29): "Wir denken in allgemeinen Namen, nicht in Begriffen."

Das Wesen der Sache legt BERKELEY (30) dar: "Durch einiges Nachdenken wird man finden, daß es nicht notwendig ist, daß selbst bei der strengsten Gedankenverknüpfung Namen, die etwas bedeuten und Ideen vertreten, jedesmal, so oft sie gebraucht werden, im Geist eben dieselben Idee erwecken, zu deren Vertretung sie gebildet worden sind, da im Lesen und Sprechen von allgemeinen Namen größtenteils so gebraucht werden wie Buchstaben in der Algebra, wo, obschon durch jeden Buchstaben eine bestimmte Quantität bezeichnet wird, es doch zum Zwecke des richtigen Fortgangs der Rechnung nicht erforderlich ist, daß bei jedem Schritt jeder Buchstabe die bestimmte Quantität, zu deren Vertretung er bestimmt war, ins Bewußtsein treten lasse." Hieraus geht deutlich hervor, wie unvollständig jene nominalistischen Definitionen sind, wie z. B. TAINE eine gibt (31), wenn er sagt: "Diese Worte ... haben eine doppelte Eigenschaft, in uns die Bilder von Individuen einer bestimmten Klasse und nur dieser Klasse wachzurufen, und andererseits die Eigenschaft, allemal erweckt zu werden, wenn ein Individuum dieser Klasse und nur dieser Klasse, sich unserer Erinnerung oder Erfahrung darbietet."

Wäre dem so, dann wäre ein allgemeiner Name, der keinen Einzelvorstellungen entspricht, nichts als Schall und Rauch. In Wahrheit beruth die Brauchbarkeit allgemeiner Namen zum Zwecke des begrifflichen Denkens gerade darauf, daß sie untereinander Assoziationen eingehen, welche denen der von ihnen repräsentierten Einzelvorstellungen entsprechen. Auf diese Weise wird, mit BERKELEY zu sprechen (32), eine begriffliche Algebra geschaffen, ein System oder Netz von Vorstellungssymbolen, in das sich jeder bekannte Name einfügt, dessen Beziehungen zu anderen Begriffen dann mühelos und gleichsam mechanisch oder automatisch, bloß nach den fertigen Assoziationen, ohne auf die wahren Beziehungen der Einzelvorstellungen zu rekurrieren, festgestellt werden können. Vgl. hierzu WUNDT (33): "Wer den Begriff  Hund  dem Begriff  Tier  unterordnet, der denkt sich die Beziehungen der Gedanken überhaupt nicht mehr in anschaulicher Form, sondern die Worte sind ihm zu Vertretern zahlloser Gedankenverbindungen geworden, die alle zum Gebrauch des Bewußtseins bereit liegen, ohne daß nur eine einzige unmittelbar anschaulich wird." Aber schon an dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, daß ebensowenig, wie eine algebraische Rechnung, z. B. eine Ansatzgleichung, über die Beziehungen der wirklichen Dinge etwas  neues,  d. h. etwas, das in der Ansetzung nicht vorausgesetzt war, ermitteln kann, ebenso auch dieses Denken in reinen Worten nicht einen neuen Gedanken über die wirklichen Dinge ergeben kann. Auch will ich vorgreifend andeuten, daß meines Erachtens bei diesem begrifflichen Denken auch die anschaulichen Korrelate eine nicht unwichtige Rolle spielen: zur Vermittlung nämlich zwischen Worten und Einzelvorstellungen. Wenn ich z. B. "1793" denke, so denke ich keineswegs alle Ereignisse dieses Jahres mit; aber es haftet am Wort eine allgemeine Gefühls- und Stimmungsnuance, die sich ungefähr mit dem Begriff "terreur" [Schreckensherrschaft, wp] deckt und die sehr geeignet ist, mir die einzelnen Ereignisse der Schreckenszeit in Erinnerung zu bringen, durch eine innigere Assoziation, als sie das Lernen von Daten für bestimmte Ereignisse zuwege gebracht hätte.

Daß das Denken, wenn es einmal auf dieser Entwicklungsstufe angelangt ist, leicht vom Sprechen und Hören zwischen mehreren in das stille, lautlose Denken des Einsamen übergehen kann, leuchtet ohne weiteres ein: es ist dann eben ein Denken in Wortvorstellungen, ob man nun diese in erster Linie als Gehörsvorstellungen oder Innervationsvorstellungen [Vorstellung von einer Nervenempfindung, wp] auffassen möge.

10. Ich fasse das in diesem Abschnitt Gewonnene kurz zusammen.

Wir sahen, wie das Wort um des Verständigungszwanges und der mangelnden Unterscheidungsgabe willen allgemein wird, d. h. ein Vehikel, das die anschauliche Einzelvorstellung des Sprechers zum Hörer hinüberträgt, ohne daß beide im Einzelnen einander entsprechen müßten; wie auch abstrakten Worten ursprünglich anschauliche Einzelvorstellungen entsprachen; wie im Geist des Sprechers anschauliche Begriffskorrelate entstanden; wie endlich auch ein unanschauliches Denken ermöglicht wurde. So haben wir erkannt, daß alle diese Formen des Denkens unmöglich wären ohne das Vorausgehen der Sprache.

Wir haben auch eine zwischen Konzeptualismus und Nominalismus vermittelnde Anschauung gewonnen. Wir konnten das Vorkommen allgemeiner Vorstellungen nicht leugnen, sprachen ihm aber jede weittragende Bedeutung für das Denken ab, da wir ihre Bindung an Worte aufzeigten; andererseits mußten wir ein Denken in allgemeinen Worten konstatieren, behaupteten aber vorgreifend, daß es nicht die wichtigste Form des Denkes sei.

Die Hauptfrage konnten wir aber hier noch nicht entscheiden, bloß formulieren. Sie lautet: Denken wir in anschaulichen Einzelvorstellungen oder in allgemeinen Worten? Ehe wir zu ihrer Beantwortung schreiten können, müssen wir aber erst die höheren Formen des Denkens, Urteil und Schluß, betrachten.
LITERATUR: Heinrich Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien, 1897
    Anmerkungen
    1) WAITZ, Anthropologie der Naturvölker I, Seite 271; JERUSALEM, Die Urteilsfunktion, Seite 26
    2) STEINTHAL, Abriss der Sprachwissenschaft I, Seite399; MAX MÜLLER, Das Denken im Lichte der Sprachwissenschaft. Deutsch von SCHNEIDER, Seite 227; ROMANES, a. a. O., Seite 297
    3) ROMANES, Origin of human faculty, ebenda; WAITZ, a. a. O. Seite 272
    4) WUNDT, Logik I, Seite 88
    5) WUNDT, LOGIK I, Seite 89
    6) THOMAS HOBBES, Human Nature, Chapter 5, Page 20
    7) Vgl. MAX MÜLLER, Das Denken im Licht der Sprache, Seite 173 und 176
    8) ROMANES, Origin of human faculty, Seite 274
    9) ROBERTSON, Hobbes, Seite 83
    10) LOCKE, Human understanding III, 1, 2.
    11) Vgl. JOHN STUART MILL, Examination of Sir William Hamiltons philosophy, Seite 379
    12) BERKELEY, Principles of human knowledge, Introduction XI
    13) JOHN LOCKE, Human understanding III, 1, 3
    14) HIPPOLYTE TAINE, De l'intelligence, Seite 32f
    15) CHRISTOPH SIGWART, Logik I, Seite 29
    16) WILHELM WUNDT, LOGIK I, Seite 40
    17) LOCKE, Human understanding II, 7.9
    18) BERKELEY, Principles of human knowledge, Introduction XI
    19) WUNDT, Logik I, Seite 18
    20) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 29f
    21) WUNDT, LOGIK I, Seite 46f
    22) HIPPOLYTE TAINE, De l'intelligence, Seite 27
    23) HIPPOLYTE TAINE, De l'intelligence II, Seite 241f
    24) JOHN LOCKE, Human understanding III, 3, 6-7
    25) HOBBES bei ROBERTSON, Hobbes, Seite 84
    26) HUME, Human nature I, part 1, Sect. VIII
    27) MAX MÜLLER, Das Denken im Lichte der Sprachwissenschaft. Deutsch von SCHNEIDER, Seite 417f; WUNDT, Logik I, Seite 46f
    28) DAVID HUME, Human nature I, part 2, Sect. III
    29) JOHN STUART MILL, Examination of Sir William Hamiltons philosophy, Seite 389
    30) BERKELEY, Human Understanding, XIX
    31) TAINE, De l'intelligence I, Seite 35, II Seite 244
    32) Vgl. SCHOPENHAUER, Gesammelte Werke I, Seite 121
    33) WILHELM WUNDT, LOGIK, Seite 75