tb-2 Die Wissenschaft und die TatPaul NatorpMoritz SchlickTheodor Elsenhans    
 
HEINRICH GOMPERZ
Zur Psychologie
der logischen Grundtatsachen

[3/6]
    I. Erkenntnis ohne Sprache
II. Wort und Begriff
III. Satz und Urteil
IV. Satzverbindung und Schluß
V. Anschauliches und begriffliches Denken

"Drücke ich eine von mir gemachte Wahrnehmung in den Worten aus:  Das Schloß brennt,  so ist mein Ausgangspunkt das Bild des brennenden Schlosses; in diesem erkenne ich die bekannte Gestalt des Gebäudes und die aus demselben schlagenden Flammen; indem ich diese beiden Elemente zuerst unterscheide und dann im Satz vereinige, beschreibe ich, was ich sah. Wer meinen Satz hört, muß erst die für ihn durch die beiden Wörter erweckten, bisher getrennten Vorstellungen vereinigen und erst dadurch hat er am Schluß die Vorstellung, von der der Sprechende ausgegangen war."

"Das Hebräische kennt keine Kopula und stellt das adjektivische Prädikat voraus. So heißt es dort nicht: Der Baum ist groß, sondern: Groß der Baum. Das muß psychologisch so erklärt werden: Der Hebräer sieht ein Objekt; an diesem fällt ihm zunächst auf, daß es etwas Großes, Hohes ist und er ruft: Gadol, groß (ein Großes). Dann bemerkt er, daß es ein Baum sei und sagt nun: ha ez, der Baum. So entsteht der Satz Gadol ha ez, Groß der Baum, welcher bedeutet, daß das wahrgenommene Objekt zugleich ein Großes und ein Baum sei."

III. Abschnitt
Satz und Urteil

1. Daß eine Einzelvorstellung durch ein Wort vom Sprecher auf den Hörer übertragen werden könne, das setzt eines voraus: daß nämlich die betreffende Einzelvorstellung zu einer Klasse gehöre, die durch ein bestimmtes einzelnes Wort bezeichnet wird. Nun ist es aber klar, daß nicht alle anschaulichen Vorstellungen des von uns so oft herbeigezogenen Einzelnen dieser Voraussetzung überhaupt entsprechen können. Denn um das zu können, müßten sie folgender Bedingung genügen: sie müßten ständige, in unserer Erfahrung häufig wiederkehrende sein. Das aber ist - soweit der Gesamtinhalt unseres Bewußtseins in Frage kommt - fast niemals der Fall. Unser Bewußtsein ist in Wahrheit nicht mit einzelnen, sich gleichbleibenden Gegenständen erfüllt, sondern es umfaßt mit einem Blick eine Menge von Einzeldingen und diese Einzeldinge befinden sich in unablässig veränderlichen Zuständen.

Wir wollen folgendes Beispiel der Erörterung zugrunde legen.  C  begegnet auf dem Hauptplatz einer kleinen Stadt dem  D, A  war Zeuge dieser Begegnung und wünscht dem  B  davon Mitteilung zu machen. Seiner Erinnerung steht dieser ganze Vorgang als eine einzige anschauliche Vorstellung vor Augen. Er sieht im Geiste, was er vorher wirklich gesehen hat, den Hauptplatz mit seinem Pflaster und seiner Häuserumrahmung, darauf den  D  und den  C,  aufeinander zugehend und sich die Hände schüttelnd. Wie soll er diese einheitliche anschauliche Vorstellung in der Phantasie des  B  wachrufen? Ein einziges Wort ist offenbar hierzu untauglich. Denn es gibt kein Wort, das diesen einmaligen, vielleicht noch nie dagewesenen Vorgang bezeichnen würde. Wohl aber läßt sich diese Gesamtvorstellung in Element zerlegen, deren jedem ein bestimmtes, allgemein verständliches Wort entspricht. Diese einzelnen Worte werden im  B  die entsprechenden einzelnen Vorstellungen erwecken und indem nun dieser die einzelnen Vorstellungen selbsttätig zu einer Gesamtvorstellung vereinigt, wird er seinerseits eine einheitliche und anschauliche Gesamtvorstellung gewinnen, die derjenigen des  A  in allen wesentlichen Punkten vollinhaltlich entspricht. Diese einzelnen Worte aber müssen notwendig zeitlich aufeinander folgen. Sie mögen in unserem Fall etwa lauten:  C  ist begegnet, auf dem Hauptplatz, dem  D.  Das Wesen dieser Vorgänge besteht also darin: der Sprecher zerlegt eine Gesamtvorstellung, die wir mit Rücksicht auf ihre Zerlegbarkeit auch eine zusammengesetzte nennen können, in eine zeitlich ablaufende Reihe von Einzelvorstellungen, deren jede durch ein Wort äußerlich vertreten wird und so entsteht eine Kette von Worten, ein Satz; im Hörer ruft jedes dieser Worte eine entsprechende Einzelvorstellung hervor, er kombiniert diese aufeinanderfolgenden Einzelvorstellungen zu einer gleichzeitigen Gesamtvorstellung, welche der des Sprechers wesentlich kongruent ist. So können wir auch hier einen doppelten Prozeß beobachten: einen analytischen im Sprecher -  das Mitteilen  -, und einen synthetischen im Hörer -  das Verstehen. 

2. Verweilen wir einen Augenblick bei diesem Ergebnis. Verstehen, so sagten wir, ist ein synthetischer Prozeß im Hörer; es ist die Umwandlung eines Wort-Nacheinanders in ein Vorstellungs-Nebeneinander; es heißt, die aufeinanderfolgenden Teile einer Rede in nebeneinander bestehende Teile einer einheitlichen Vorstellung umsetzen. Daß das überhaupt möglich ist, müssen wir wohl als eine letzte Tatsache, als ein psychologisches Grundgesetz ansehen. Seine Eigenart und Bedeutsamkeit wollen wir hier in Kürze erläutern.

Zunächst ist diese Tätigkeit eine höhere, geistige Funktion, es ist - mit der entsprechenden zerlegenden Tätigkeit - die wahre und eigentliche  Urteilsfunktion.  So wie wir im müden und abgespannten Zustand Worte hören können, ohne sie aufzufassen, d. h. so wie Worte an uns stumpf abprallen können, ohne uns zur Bildung der entsprechenden Vorstellung anzuregen, so können wir auch in ähnlichen Zuständen geringeren Grades Sätze hören und die einzelnen Worte auffassen, ohne den Sinn des Satzes zu verstehen, d. h. ohne aus den einzelnen Teilvorstellungen eine neue Gesamtvorstellung zu bilden. Was heißt es denn anders, wenn wir einen gehörten oder gelesenen Satz "nicht verstehen"? Fast immer fassen wir den Sinn der einzelnen Worte, aber oft sind wir nicht imstande, sie in einer solchen Weise zusammenzufassen, daß wir jenes Gesamtbild herstellen könnten, das dem Sprecher oder Schreiber vorschwebte.

Aber unter pathologischen Bedingungen kann auch diese Urteilsfunktion größtenteils schwinden, ohne daß doch die niedrigeren geistigen Fähigkeiten geschwächt wären. Ich erinnere mich, auf einer psychiatrischen Klinik einen Paralytiker im Stadium der beginnenden Demenz gesehen zu haben. Derselbe konnte die Namen der Monate mit der größten Leichtigkeit von vorn nach rückwärts hersagen, aber auch mit der größten Anstrengung nicht von rückwärts nach vorne. Ich kann mir diese Erscheinung nur so erklären: die Namen der Monate und ähnlicher Systeme bilden bei den meisten normalen Menschen ein räumliches Gebilde; wir denken das System räumlich angeordnet. Bei mir z. B. ist es ein Kranz. Andere Personen, die ich diesbezüglich befragte, gaben andere Figuren an. Bei einigen hat der Kreis die umgekehrte Richtung, so daß der Fortschritt der Monate sich entgegengesetzt der Zeigerbewegung der Uhr vollziet. Andere gaben Halbkreise und sogar Stücke von Polygonen an, noch andere gerade Linien, sei es vom Subjekt fortstreben, oder, was recht häufig zu sein scheint, schief nach aufwärts. Allen gemeinsam aber ist, daß diese räumlichen Gebilde mit einem Blick überschaut werden können, in dem Sinne fest sind, daß sie sich nicht verändern, nicht zerfließen, wenn die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Glied des Systems konzentriert wird. Auf diese Weise kann dann die Reihenfolge der einzelnen Namen wie von einer Skala abgelesen werden und diese Ablesung kann dann fast ebenso leicht von rückwärts nach vorne, als umgekehrt geschehen. Ich sage  fast,  denn in der letzteren Richtung tritt die Assoziation unterstützend hinzu, die sich wohl noch aus der Zeit herschreibt, da wir die Monate in ihrer natürlichen Reihenfolge auswendig lernten, während eine solche mechanische Assoziation in umgekehrter Richtung nicht besteht. Der Paralytiker nun, so meine ich, hat jene höhere Fähigkeit, die lokale, also simultane Ordnung und Überschauung komplexer Vorstellungsgebilde, schon verloren und geblieben ist ihm nur jene oberflächliche, mechanische Assoziation der Namen, die den Sinn nicht mehr verstehen läßt. So zeigt sein Beispiel, daß diese beiden Fähigkeiten von Grund auf verschieden sind.

Aber unsere Erklärung des Verstehens bewährt sich nicht nur bei einzelnen Sätzen, sondern auch bei ungleich umfangreicheren Gedankenverbindungen. So sagt z. B. SCHOPENHAUER in der Vorrede zur "Welt als Wille und Vorstellung" (1), dieses ganze Werk sei nichts anderes, als die Ausführung eines einzigen Gedankens. Das Wort "Gedanke" dürfte hier nicht sehr glücklich gewählt sein. Denn auf einen einzigen  Gedanken  wird wohl kaum jemand alle die Erörterungen über subjektive Bedingtheit der Welt, Primat des Willens, Präponderanz [Vorherrschaft, wp] des Übels, Bejahung und Vereinigung des  principii individuationis  zurückführen können. Wohl aber werden sie alle zusammen ein einziges, einheitliches  Welt-Bild  ergeben, wie es etwa, wenigstens in seinen optischen Bestandteilen, ein bedeutender Künstler als Titelvignette entwerfen möchte. Die ruhige Majestät der unbelebten Natur, das unendlich vielfältige Keimen, Rauschen und Blühen und Verwesen der Pflanzen, die ohne Rast hastende und jagende Welt der Tiere und Menschen - alles zusammengehalten durch das einheitliche  Gefühl  vom brünstig regsamen Willen, der sich doch alsbald wieder in drückende und peinliche Erschlaffung auflöst. Ein derartiges Weltbild, eine derartige  Weltanschauung,  wie die Sprache treffend und malerisch sagt, wollte SCHOPENHAUER mitteilen; seine Zerlegung ergibt die 4 Bücher der "Welt als Wille und Vorstellung". Denn (2) "ein Buch muß eine erste und eine letzte Zeile haben und wird insofern einem Organismus sehr unähnlich bleiben, so sehr ähnlich diesem sein Inhalt auch sein mag." Und zu einem derartigen Bild setzen sich die vier Bücher im Geist des verständnisvollen Lesers wieder zusammen.

Und ist denn nicht jedes lyrische Gedicht derselbe Fall? Was bringt denn etwa 'GOETHEs "Über allen Wipfeln ist Ruh" etc. in der Seele des Hörers anderes hervor, als ein bestimmtes Gesichtsbild, ein bestimmtes Gehörsbild, beide innig verschmolzen mit einem bestimmten Gefühl? Das eigentliche Kunstwerk ist der zu erzeugende Seelenzustand des Hörers, der des Dichters ist das Modell und jede einzelne Zeile, jedes einzelne Wort entspricht dem Meißelschlag, der die plastische Vorstellung des Hörers immer feiner und feiner herausarbeitet, sie durch Hinzufügen immer neuer Nuance dem Modell immer genauer anzugleichen sucht! Doch kehren wir von diesen erläuternden Ausschweifungen zum Ausgangspunkt zurück.

3. Neben der oben zitierten Stelle in SCHOPENHAUER kann ich noch aus mehreren anderen Autoren Sätze beibringen, in welchen das Urteil ähnlich, wie es hier geschehen ist, erklärt wird. Zunächst zitiere ich STEINTHAL (3): "Es ist überhaupt hervorzuheben, daß die Zusammenstellung zweier Wörter nicht zuerst in dem Sinne stattfindet, um Subjekt und Prädikat zu scheiden, sondern um die in  einer Anschauung  begriffenen Personen oder Dinge  besonders auszudrücken.  Ähnlich WAITZ (4): "Das sinnlich anschauliche Bild kann unserer Auffassung wie mit einem Schlag gegeben oder von uns reproduziert werden, wogegen der sprachliche Ausdruck stets zur Zergliederung desselben genötigt ist."

Am allermeisten stimmt vielleicht SIGWART in ein paar gelegentlichen Bemerkungen mit meiner Auffassung überein. Er sagt z. B. (5): "Drücke ich eine von mir gemachte Wahrnehmung in den Worten aus:  Das Schloß brennt,  so ist mein Ausgangspunkt das Bild des brennenden Schlosses; in diesem erkenne ich die bekannte Gestalt des Gebäudes und die aus demselben schlagenden Flammen; indem ich diese beiden Elemente zuerst unterscheide und dann im Satz vereinige, beschreibe ich, was ich sah. Wer meinen Satz hört, muß erst die für ihn durch die beiden Wörter erweckten, bisher getrennten Vorstellungen vereinigen und erst dadurch hat er am Schluß die Vorstellung, von der der Sprechende ausgegangen war." Dann wieder (6): "Was der Wahrnehmung gegeben ist, ist ... das laufende Pferd, das zunächst ungeschiedene Ganze zerlegen wir aber, indem wir von der Vorstellung des Subjekts die ... Tätigkeit aussondernd unterscheiden. ... Indem wir diese beiden Elemente in unserer Aussage vereinigen, drücken wir eben das Gesehene aus. ... Die Voraussetzung des Urteils ist also eine Analyse; das Urteil selbst vollzieht die Synthese der verschiedenen Elemente." Endlich noch (7): "Wer etwa in einer Beschreibung mein Urteil (Die Rose ist gelb) hört, vollzieht eine Synthesis, indem er zum Bild, das ihm das Wort Rose erweckt, die besondere Bestimmtheit der Farbe hinzufügt. Ich aber ... habe meine Subjektsvorstellung analysiert." (8)

WUNDT aber ist es, dessen Auffassung sich mit der unsrigen auf den ersten Blick am engsten zu berühren scheint. Und doch ist das nur ein Schein. Denn
    1. vernächlässigt er die Trennung von Sprecher und Hörer und scheint anzunehmen, daß auch der Einzelne infolge der Enge seines Bewußtseins das Bedürfnis haben müßte, die einzelnen Teile seiner Gesamtvorstellung nacheinander "in den Blickpunkt seines Bewußtseins" treten zu lassen, um sie so "sukzessive zu apperzipieren" und

    2. gleitet ihm die anschauliche Trennung einer Gesamtvorstellung unmerklich hinüber in die Scheidung ihrer begrifflichen Elemente.
Ich lasse deshalb zunächst einige Stellen aus dem ersten Band seiner Logik ohne Kommentar folgen. Er sagt (9): Des Bewußtseins "Horizont ist schon deshalb ein enger, weil es sich diese einfachen Vorstellungen immer nacheinander vergegenwärtigen muß, um sie zu Totalitäten zusammenzufügen." Ferner (10):  Homo  und  Fero  sind beides Worteinheiten. ... Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß sich beim Begriff nur eine einzige herrschende Vorstellung aussondert, während ... (beim Urteil) zwei herrschende Vorstellungen erforderlich sind. ... Wie sich in meinem Bewußtsein ein Bild des Menschen gebildet hat,  so die Vorstellung einer von ihm selbst getragenen Last.  ... Treffend bezeichnet das deutsche Wort  Urteilen  den ... Vorgang. Es handelt sich hier wirklich um ein ursprüngliches Teilen der Vorstellungen. ... Immer werden innerhalb ... (der Gesamtvorstellung) zwei Vorstellungen unterschieden, die durch die Gesamtvorstellung, von der sie sich abheben, ... in Beziehung gesetzt sind." Weiter (11): "In unserem Denken gibt es daher vor allem zwei Momente, wo wir einen zusammengesetzten Gedanken ganz überblicken. Der Moment  vor  und der Moment  nach  der Zerlegung desselben. Dort steht er dunkler, hier klarer vor unserem Bewußtsein.  Während  des Ablaufes bleibt er uns zwar gegenwärtig, doch tritt er hinter den gerade apperzipierten Elementen in die Dunkelheit zurück und bleibt nur stark genug, um das vereinende Band zu bilden, das den Zusammenhang lebendig erhält." Endlich (12): "Treffender als durch die Formel einer Verbindung von Vorstellungen zur Einheit  wird also das Urteil definiert werden als eine Zerlegung eines Gedankens in seine begrifflichen Bestandteile." 

Wie wenig sich WUNDT die Natur unserer anschaulichen Vorstellungen vor Augen hält, möge noch folgendes Beispiel zeigen. Er analysiert (13) den Satz: "PETRUS und PAULUS predigten und schrieben Briefe." Die Analyse besagt: "Der predigende PETRUS, der predigende PAULUS, ebenso jeder Apostel, vorgestellt in der Handlung des Briefschreibens, bilden die vier Vorstellungen," die als "gesonderte Gesamtvorstellungen" ausdrücklich näher bezeichnet werden. Da sich nun aber dieselben in paralleler Weise zerlegen lassen, so geschieht es, "daß zwar nicht jene vier Teile in eine einzige Gesamtvorstellung zusammenfließen, was  ganz und gar unmöglich wäre,  sondern daß die vier Gesamtvorstellungen in einen einzigen Gedankenverlauf zerlegt werden." Nun muß hier offenbar unterschieden werden. Es ist keine angenehme Aufgabe, sich den PETRUS einerseits predigend, andererseits briefschreibend vorzustellen, also denselben Menschen in zwei verschiedenen Tätigkeiten zweimal nebeneinander, deshalb ist auch der Satz: "PETRUS predigte und schrieb Briefe" kein angenehmer Satz, wie der Hörer schmerzlich bemerken wird. Allein es ist zweifelsohne möglich. Dagegen zwei Apostel in derselben Tätigkeit nebeneinander vorzustellen, ist die einfachste Sache von der Welt und erfordert nicht mehr Anstrengung, als sich zwei Soldaten nebeneinander marschierend vorzustellen. Und es ist schlechterdings nicht abzusehen, warum es "ganz und gar unmöglich" sein sollte, sich die zwei Gruppen nebeneinander vorzustellen: links zwei Apostel auf Kanzeln predigend und rechts dieselben Apostel briefschreibend;  quod errat demonstrandum. 

4. Wir kommen nun zu einer wichtigen Frage: der Frage nämlich nach dem Prinzip, nach welchem die Zerlegung der Gesamtvorstellung in Einzelvorstellungen erfolgt. Daß diese Zerlegung besonderen Gesetzen unterworfen ist, ist klar. Keineswegs genügt dazu die Assoziation von Einzelvorstellungen und Worten. Denn die Auflösung einer Gesamtvorstellung in Teilvorstellungen ist keine selbstverständliche Sache. Das wird an folgender Tatsache deutlich: Wenn wir eine fremde Sprache erlernen, so genügt es nicht, eine ausgebreitete Vokabel-Kenntnis zu erwerben, welche die Einzelvorstellung mit dem Wort verknüpft. Es gehört vielmehr Übung im Sprechen dazu. Diese Übung ist aber nichts anderes, als die Aneignung der Gewohnheit, Gesamtvorstellungen nach gewissen Regeln in Teilvorstellungen zu zerlegen und ein unendlich reiches und feines Assoziationsspiel auszubilden, welches diese Umsetzung automatisch vorzunehmen gestattet. Diese Regeln im einzelnen sind die Sprachgesetze. Unsere Aufgabe ist an dieser Stelle nur, für diese einzelnen Regeln gewisse allgemeine Gesichtspunkt aufzustellen.

Da möchte ich zunächst jenen Gedanken besprechen, den JERUSALEM in seinem Buch "Die Urteilsfunktion" ausgeführt hat und der als der eigentliche Grund- und Hauptgedanke dieses ganzen Werkes zu bezeichnen ist. Der Verfasser legt ihn also dar (14) "Durch das Urteil wird der ganze Vorstellungskomplex, der unzergliederte Vorgang, dadurch geformt und gegliedert, daß der Baum (der Typus des Subjekts) als ein kraftbegabtes, einheitliches Wesen hingestellt wird, dessen gegenwärtig sich vollziehende Kraftäußerung eben das Blühen ist. Die Funktion des Urteilens ist somit nicht sowohl ein Trennen oder Verbinden, sie besteht vielmehr in der Gliederung und Formun vorgestellter Inhalte." Nun muß ich sagen, diese anthropomorphische Formung kann das spezifische Wesen des Urteils unmöglich ausmachen, weil sie sich 1. auch außerhalb des Urteils findet und 2. nicht in allen Urteilen vor sich geht. Der richtige Kern dieser Ansicht ist vielmehr jene Erkenntnis, die schon MAX MÜLLER ausgesprochen hat, wenn er (15) von "jener radikalen Metapher" redet, "die uns von Objekten denken und sprechen läßt, als wären sie Subjekte wie wir selbst." Es ist auch gar nicht notwendig, auf die breite Ausführung einzugehen, die MAX MÜLLER im folgenden diesem Satz zuteil werden läßt. Denn das ist doch wohl ein naheliegender Gedanke, daß das Verhältnis von Subjekt und verbalem Prädikat durch Übertragung vom Verhältnis des Menschen zu seinen Tätigkeiten entstanden ist und niemand, der sich je ernstlich vergegenwärtigt hat, wie alle Substantiva zu ihrem sprachlichen Geschlecht kommen, kann dies übersehen haben. Gewiss, jede Substanz, die wir als selbständiges Individuum denken, schaffen wir nach dem Bild des menschlichen Individuums und in jeden als Tätigkeit aufgefaßten Vorgang verlegen wir mit SCHOPENHAUER unseren Willen. Aber deswegen darf noch nicht behauptet werden, eben hierin und nur hierin liege das Wesen der "Urteilsfunktion".

Denn erstens erscheinen uns auch bloße Wahrnehmungen in dieser Formung und ich kann das Ungeformte und Chaotische, das JERUSALEM in ihnen findet, nicht aufweisen. Dies wird am deutlichsten werden, wenn wir uns auf die Wahrnehmungen von wirklichen Willenstätigkeiten besinnen. Wenn ich einen Hund laufen sehe, so fasse ich diesen Vorgang sicherlich als "Kraftäußerung" eines "Kraftzentrums" auf. Und deshalb scheint mir das Dilemma unausweichlich: entweder ist die Wahrnehmung schon geformt - dann können auch psychische Akte geformt sein, die nicht Urteile sind (16); oder ich ziehe vor zu sagen, daß solche wahre Willenstätigkeiten gar nicht mehr "geformt" zu werden brauchen: - dann enthält auch das Urteil: "Der Hund läuft" keine "Formung" und dann gibt es auch Urteile ohne Formung.

Aber die Formung reicht auch nicht für alle Urteile aus. Wenn ich sage: dieser Mann ist mein Bruder, dann kann auch die lebhafteste Phantasie das "Bruder-sein" nicht als die "Kraftäußerung" "dieses Mannes" verstehen. Denn der Wille kann stets nur eine Tätigkeit wollen, nicht eine Identität, d. h. eine Relation.

5. Eine ganz andere Ansicht entwickelt WUNDT in seiner Logik. Nach ihm (17) folgt die Zerlegung der Gesamtvorstellungen stets dem  Gesetz der Zweigliederung, Dualität.  Dieses Gesetz erkläre sich aus den zwei Annahmen:
    1. "Jeder zusammenhängende Gedanke ist psychologisch aus einer einzige Gesamtvorstellung hervorgegangen.

    2. Der apperzipierte Gedankenverlauf ist ein rein sukzessiver; jede  einmalige  Teilung ist aber notwendig eine  Zweiteilung.  Das Gesetz schließt also unmittelbar das Nebeneinanderbestehen mehrerer zerlegender Denkakte aus."
Da aber die Zerlegung in begriffliche Bestandteile stattfinde, die begrifflichen Kategorien Substanz, Eigenschaft, Zustand seien, Eigenschaft und Zustand aber als veränderliche Elemente sich vom unveränderlichen Gegenstand abhöben, so vertrete dieser das Subjekt, jener das Prädikat. (18) Im einfachen Urteil treten daher stets Subjekt und Prädikat auseinander. Ohne diese kein Urteil. Ich glaube nun vielmehr, daß sich das Gesetz der Dualität einschränken läßt auf die ebenso selbstverständliche wie inhaltsleere Behauptung: aus der Zerlegung einer Gesamtvorstellung müssen  mindestens  zwei Einzelvorstellungen hervorgehen.

Aber nicht einmal das könnte zugegeben werden, daß diese zwei Elemente des einfachen Urteils immer im Verhältnis von Subjekt und Prädikat stehen müssen. Und hierfür bietet die Syntax der Kindersprache und vieler unentwickelter Sprachen hinreichende Belege.

Beginnen wir mit der Kindersprache. STEINTHAL hat folgende Sätze als die ersten an seinem eigenen Kind beobachtet (19):  Mama Baba  = Ich will bei der Mutter schlafen;  Kuke-Tata  = Die Tante hat mir Kuchen geschenkt;  Papa-Hut  = Der Vater hat einen Hut auf;  Dat-Huhu  = der Soldat sitzt zu Pferde;  Nanni-Dlil  = Nanni holt Milch (um deren Abwesenheit zu erklären). Ich glaube, es ist klar, daß in solchen Fällen das Urteilen nicht mit einer Prädikation beginnt, sondern daß einfach die am meisten hervorstechenden Elemente einer Gesamtvorstellung, ohne jede Rücksicht auf das, was wir ihre grammatische Beziehung nennen würden, aufgefzählt werden.

Denselben Schluß lassen die primitiven Sprachformen zu. Es wurde schon früher darauf hingewiesen, daß zugestandenermaßen die Sprache mit Wurzelsätzen beginnt, die ein einheitliches Ganzes ausdrücken, ohne daß man Nomina und Verba unterscheiden könnte - ähnlich dem Wau-Wau der Kinder, das ebenso Hund wie Bellen bedeuten kann - und auch darauf, daß diese Differenzierung im Chinesischen noch immer nicht eingetreten ist.

Aus diesem Stadium entwickeln sich nun einerseits die  polysynthetischen Sprachen  der nordamerikanischen Indidaner und der Eskimos, wo alle Elemente eines Satzes in eine neues Wort zusammengefaßt werden, so daß hier auch lange Sätze noch in der Form von syntaktisch ungeglierderten Einheiten erscheinen. Zum Beispiel:  Aulisariarsuasuarpok  = er beeilt sich, fischen zu gehen. (20) Aber auch in jenen primitiven Sprachen, wo der Satz aus getrennten Worten besteht, ist zunächst von Subjekti und Prädikat keine Rede. Die Dajaks sagen statt: "Dein Vater" - "sein Alter". Die Fidschi-Insulaner: "mein Herz" statt "ich will"; die Polynesier statt "ich will Reis essen" - "mein Essen-Reis". Die Belege hierfür und ähnliche Beispiele siehe bei ROMANES (21). Ebendort urteilt ein so kompetenter Beurteiler wie SAYCE also: "Die Teilung des Satzes in zweit Teile, in Subjekti und Prädikat, ist ein reiner Zufall." Und er fügt hinzu: "Wäre ARISTOTELES ein Mexikaner gewesen, so hätte sein logisches System eine ganz andere Gestalt angenommen." Weitere Belege werde ich weiter untern als Bestätigung meiner eigenen Auffassung geben.

6. Vielleicht erwartet man an dieser Stelle einige Bemerkungen über die impersonalen Verba, respektive subjektlosen Sätze, die ja meistens als Hauptbeweis gegen die Notwendigkeit der Zweigliedrigkeit angeführt werden. Auf die weitverzweigten philosophischen Streitfragen, die sich in letzter Zeit an diese harmlosen Sätzchen geknüpft haben, möchte ich möglichst wenig eingehen. MARTY, SIGWART und JERUSALEM haben hierüber so vieles vorgebracht, daß ich fürchten müßte, mich im Netz dieser Polemik zu verstricken, wollte ich auf die Einzelheiten kommen. Ich beschränke mich daher, eine meisterhafte Darlegung WUNDTs mitzuteilen und noch einiges zur Erläuterung hinzuzufügen. Die angezogene Stelle (22) lautet: "Man hat ... Urteile, wie: es blitzt ... als subjektlose Urteile bezeichnet ... aber ... es fehlt jenen Urteilen keineswegs an einem Subjekt, sondern dieses ist nur  unbestimmt  gelassen. Gerade zum Ausdruck eines unbestimmten Subjekts ist aber das neutrale Demonstrativpronomen ... der geeignete Ausdruck ... Die Unkenntnis des Subjekts ... ist dann auch im allgemeinen der Grund der unbestimmten Urteile."

Indem ich diese Auffassung vollinhaltlich akzeptiere, füge ich noch folgendes bei. Die Betrachtung muß anheben mit Sätzen wie: Es klopft, es raschelt, es juckt mich. In allen diesen Fällen ist "es" wirkliches Subjekt. Etwas klopft, raschelt, juckt ja gewiß, aber da wir nicht wissen was, lassen wir das Subjekt unbestimmt und sagen:  es.  Dann kann man fortschreiten zu Ausdrücken, wie: es ist kalt, mich hungert, mir ist unwohl. Hier setzt das anthropomorphische Denken ein Agens, ein Subjekt voraus, findet es nicht und läßt es unbestimmt. Denn zu jeder subjektiven Affektion wird ursprünglich ein objektives Affiziens [das, was die Affektion auslöst, wp] postuliert. Endlich werden auch Blitz, Donner und Hagel als Wirkungen aufgefaßt und ihre unbekannte Ursache als das unbestimmte "es" bezeichnet.

Man sieht wohl, daß diese Sätze gegen die Notwendigkeit von Subjekt und Prädikat nichts beweisen können.

7. Nun kommen wir dazu, unsererseits ein Prinzip der Zerlegung von Gesamtvorstellungen namhaft zu machen. Und da möchte ich zunächst im allgemeinen sagen: Die Teile der Gesamtvorstellung werden ursprünglich nach der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit aufgezählt und zwar ohne Rücksicht auf ihre Zahl. Allein das Wort "Teile" ist unbestimmt und vieldeutig und vielleicht schon zu lange haben wir es versäumt, eingehend darzulegen, in welchem Verhältnis die Elemente zum Ganzen stehen und stehen können.

Hierzu wird es aber am dienlichsten sein, im einzelnen die verschiedenen Möglichkeiten zu betrachten, wie eine zusammengesetzte Vorstellung aus Einzelvorstellungen aufgebaut werden kann. Diese Prinzipien, nach denen die Synthese im Hörer erfolgen kann, muß dann auch für die Analyse im Sprecher maßgebend sein. Endlich werden wir dann für unsere Anschauungen Verifikationen tatsächlicher Natur beibringen. Ein Aufbau zusammengesetzter Vorstellungen aus einfachen kann im Ganzen nach drei Prinzipien vorgenomen werden:
    1. Durch Abänderung, Modifikation;

    2. durch Nebenordnung, Koordination;

    3. durch Verschmelzung, Kontamination
zu 1.: Beispiele für die Modifikation sind: Die Blätter sind gelb geworden; der Hund lief davon; der Adler fliegt; der Bach ist schmutzig; dieser Mann hat einen Buckel; die Fenster waren aus Spiegelglas.

In allen diesen Fällen wird eine bekannte Vorstellung modifiziert, indem gewisse Elemente eliminiert und durch andere ersetzt werden, nämlich: das Grün der Blätter, die Ruhelage des Hundes und des Adlers, die helle Farbe des Baches, der gerade Rücken eines Mannes, die Abteilung der Fenster in Teilscheiben. Es ist weiter klar, daß wir diese Modifikation meist, je nachdem sie eine dauernde oder eine vorübergehende ist, durch Adjektive mit Kopula oder durch intransitive Verba ausdrücken. Diese Regel wird am deutlichsten in Fällen wie: der Baum grünt, die Tapete ist grün. Dort wird eben ein vorübergehener Zustand - mit JERUSALEM zu sprechen - als Kraftäußerung des Subjekts aufgefaßt, hier ein dauerner als zum bleibenden Inhalt der Subjektvorstellung gehörig hingestellt. Indessen gelten auch diese Regeln nur annäherungsweise. Man sagt: die Erde dreht sich, obwohl sie das immer tut und: meine Mutter ist krank, obwohl das nur ein vorübergehender Zustand ist. In anderen Sprachen fehlt die Unterscheidung fast ganz. Im Hebräischen wird z. B. jedes Intransitivum durch ein adjektivisches Partizip ausgedrückt und da es dort keine Kopula gibt, so heißt es statt: der Engel kommt vom Himmel herab: der Engel [ist] herabkommend vom Himmel. Auf Seiten des Sprechers geht hier die Zerlegung in der Weise vor sich, daß erst der Gegenstand apperzipiert und benannt, dann die ungewöhnliche Eigenschaft hinzugefügt wird.

zu 2: Beispiele der Koordination sind: hinterm Brunnen steht eine Linde; Hinz begegnete dem Kunz; ich ersteige den Berg; der Soldat knebelt den Gefangenen.

Hier kann man verschiedene Unterarten unterscheiden, die allmählich ineinander übergehen. Wenn ich sage: Peter stand rechts von Paul, so bleiben die beiden alten Vorstellungen Peter und Paul selbst unmodifiziert, sie werden nur in einer bestimmten Weise neu zusammengesetzt (reine Koordination). Wenn es heißt, Peter begegnete dem Paul, so ist bereits mit jeder der beiden Vorstellungen eine Modifikation vorgenommen worden. Peter  geht  und Paul  geht,  und erst die beiden modifizierten Vorstellungen werden in einer bestimmten Weise zusammengesetzt. Endlich in dem Satz: Peter rang mit Paul, sind nicht nur beide Vorstellungen in hohem Grade modifiziert, sondern auch  mit Beziehung aufeinander modifiziert.  Und nur ein Spezialfall dieser Klasse ist meines Erachtens der Fall des transitiven Verbums mit Objekt: Peter erschlug den Paul. Auch hier sehen wir die beiden Vorstellungen wesentlich modifiziert - Peter dreischlagend, Paul zurücktaumelnd - und zwar in Bezug aufeinander. Das Spezifische ist nur das, daß die beiden Modifikationen nicht unabhängig voneinander stattfinden, wie etwa die beiderseitige Kraftanstrengung beim Ringen, sondern daß die ein der anderen korrelat ist:  es besteht zwischen ihnen das Verhältnis von Ursache und Wirkung.  Diese lokale Natur der  transitiven Relation  - bei der gewissermaßen auf demselben Bild links die Ursache und rechts die Wirkung zu sehen ist - tritt deutlich hervor in der Art, wie die einzelnen Sprachen das logische Subjekt in passiven Sätzen ausdrücken. Recht starr und tot ist die englische Fügung:  A was killed by B  - nebeneinander; im Deutschen und Lateinischen geschieht die Wirkung von der Ursache her:  A wir von B getötet.  All das bestätigt, daß es sich um eine lokale Koordination korrelat modifizierter Vorstellungen handelt.

zu 3: Beispiele der Kontamination sind: Das dort ist ein Haus; dieser Mann ist mein Bruder; dieses Bild stellt Napoleon dar.

Hier sollen zwei bekannt Vorstellungen verschmolzen werden, indem ihnen eine gemeinsame Substanz als Substrat unterschoben wird. Es ist nicht leicht, eine bestimmte Grenze gegen die früheren Fälle zu ziehen. Es könnte jamand solche Urteile sowohl als Modifikationen, wie auch als Koordinationen deuten wollen. Er könnte sagen: Die sinnliche Vorstellung des in der Ferne undeutlich sichtbaren Objekts soll zu der eines Hauses umgestaltet werden: der Sprecher und der neben ihm stehende Mann sollen zusammen und zwar in der bestimmten Modifikation wechselseitiger Brüderlichkeit gedacht werden, zu meinen früheren Vorstellungen von Napoleon soll diese äußere Gestalt ergänzend hinzutreten. Allein es scheint doch eine größere Verschiedenheit zu obwalten. Das wird am deutlichsten werden, wenn wir die drei Fälle noch unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten.

Wir können an jeder anschaulichen Vorstellung in herkömmlicher Weise Substanz (Gegenstand) und Inhärenzen (Qualitäten) unterscheiden. Nun bleiben im Falle der Koordination die beiden Gegenstände bestehen (Linde und Brunnen, Soldat und Gefangener). Im Falle der Modifikation bleibt nur die Substanz der modifizierten Vorstellung (Blatt) erhalten, die der modifizierten Vorstellung geht verloren (die verschwommene körperliche oder Flächenunterlage der allgemeinen Gelbvorstellung), indem sie in der anderen Substanz sich wie von selbst auflöst. Im Falle der Kontamination aber verschmelzen die beiden Substanzen zu einer einzigen, die nun die gemeinsame Trägerin der beiden Qualitätenkomplexe wird. Es werden also im 1. Fall die Substanzen mitsamt ihren Qualitäten kombiniert; im 2. die beiden Qualitäten auf Grundlage der einen alten Substanz; im 3. die beiderseitigen Qualitäten auf der Basis einer neuen Substanz, welche durch Verschmelzung der beiden alten entsteht.

Die besondere Wichtigkeit der Kontamination liegt darin, daß bei ihr zuerst die Kopula jene Bedeutung gewinnt, die sie dann in unserer Sprache allgemein besitzt und daß die Logik das Bestreben zeigt, alle Urteile nach dem Muster solcher Kontaminationsurteile auszugestalten. Indem ich diesbezüglich auf spätere Erörterungen verweise, will ich hier nur auf die Psychologie der Sache ein wenig eingehen. Es kann nämlich die Form der Kontamination an die Stelle der Modifikation dann treten, wenn der Sprecher nicht zuerst den Gegenstand und dann dessen Eigenschaften apperzipiert und benennt, sondern die verschiedenen Qualitäten zunächst als selbständige Wesen auffaßt. Hierfür bietet die hebräische Sprache ein lehrreiches Beispiel.

Das Hebräische kennt keine Kopula und stellt das adjektivische Prädikat voraus. So heißt es dort nicht: Der Baum ist groß, sondern: Groß der Baum. Das muß psychologisch so erklärt werden: Der Hebräer sieht ein Objekt; an diesem fällt ihm zunächst auf, daß es etwas Großes, Hohes ist und er ruft: Gadol, groß (ein Großes). Dann bemerkt er, daß es ein Baum sei und sagt nun: ha ez, der Baum. So entsteht der Satz Gadol ha ez, Groß der Baum, welcher bedeutet, daß das wahrgenommene Objekt zugleich ein Großes und ein Baum sei. Es wird also hier ein Urteil, das wir durch Modifikation fällen würden (Stelle dir einen Baum vor und zwar groß!), durch Kontamination vollzogen (Stelle dir etwas vor, das groß und das ein Baum ist!). Zum Ausdruck einer solchen Kontamination, einer solchen "In-eins-Setzung", die hier wirklich das Wesen des Urteils ausmacht, verwenden  wir  die Kopula als Zeichen der Identität und wenn wir sagen: Der Baum ist groß, so formen wir dieses Urteil nach dem Schema der Kontamination (Stelle dir einen Baum vor, der auch ein Großes ist!).

Endlich will ich noch bemerken, daß natürlich viele solche Kombinationen in ein Urteil zusammengezogen werden können. Ich kann hier auf die Einzelheiten nicht eingehen, da ich sonst die ganze Grammatik psychologisch erläutern müßte. Ich will nur beispielsweise einen viel verhandelten Fall erwähnen, die Frage nämlich, wodurch unterscheidet sich: Das Blatt ist grün, von: Das grüne Blatt? "Das Blatt ist grün", so lautet die Antwort, enthält die Anweisung zur Bildung der zusammengesetzten Vorstellung "Grünes Blatt". "Das grüne Blatte" setzt in seiner ursprünglichen Verwendung voraus, daß eine derartige Vorstellung vom Hörer schon einmal gebildet wurde und jetzt in ihm latent, zur Reproduktion bereitliegend ist. Es wird also die Vorstellung "grünes Blatt" als eine relativ einfache angesehen, die nur der Wortarmut halber durch zwei Worte ausgedrückt wird. Genauer, es wird hier nicht verlangt, daß diese Vorstellung vom Hörer aus den Elementen neu zusammengesetzt, sondern daß sie von ihm  als zusammengesetzte reproduziert werde.  Von dieser Redeform kann aber ein doppelter Gebrauch gemacht werden. Einmal kann vorausgesetzt werden, daß die Eigenschaft "grün" auch schon durch das bloße Attribut "Blatt" mitreproduziert würde und es kann dann das Attribut aus besonderen Gründen der Diktion als  Epitheton ornans  [schmückender, aber entbehrlicher Zusatz - wp] gesetzt werden, z. B. das grüne Gras; oder aber es kann das Attribut  ein verkürztes Urteil darstellen.  So vertritt der Satz: "Auf dem Bleidach stand ein Arbeiter" die beiden Sätze: Der Arbeiter stand auf dem Dach und: Das Dach war aus Blei.

Außerdem wird die Fügung: "Das grüne Blatt" auch durch das Fehlen des Urteilsaktes, einer besonderen Behauptung charakterisiert, worüber wir an einer späteren Stelle handeln werden.
LITERATUR: Heinrich Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien, 1897
    Anmerkungen
    1) ARTHUR SCHOPENHAUER, Gesammelte Werke II, Seite VIII
    2) SCHOPENHAUER, Gesammelte Werke II, Seite IX
    3) STEINTHAL, Abriss der Sprachwissenschaft I, Seite 399
    4) WAITZ, Anthropologie der Naturvölker I, Seite 272
    5) SIGWART, Logik I, Seite 26
    6) SIGWART, ebenda, Seite 70, 71
    7) SIGWART, Logik I, Seite 138
    8) Vgl. SWEET, Logic and grammar, Seite 489f bei ROMANES, Seite 316
    9) WUNDT, Logik I, Seite 33
    10) WUNDT, ebenda Seite 50
    11) WUNDT, ebenda Seite 52
    12) WUNDT, ebenda Seite 137
    13) WUNDT, ebenda Seite 58f
    14) WILHELM JERUSALEM, Die Urteilsfunktion, Seite 82
    15) MAX MÜLLER, Das Denken im Lichte der Sprachwissenschaft, Seite 303f
    16) Über das Wesen der Wahrnehmung im Gegensatz zum Urteil siehe den IV. Abschnitt
    17) WUNDT, Logik I, Seite 53f
    18) WUNDT, Logik I, Seite 140
    19) STEINTHAL, Abriss der Sprachwissenschaft I, Seite 399f
    20) ROMANES, Origin of human faculty, Seite 240f
    21) ROMANES, Origin of human faculty, Seite 317f
    22) WUNDT, Logik I, Seite 155