tb-2 Die Wissenschaft und die TatPaul NatorpMoritz SchlickTheodor Elsenhans    
 
HEINRICH GOMPERZ
Zur Psychologie
der logischen Grundtatsachen

[4/6]
    I. Erkenntnis ohne Sprache
II. Wort und Begriff
III. Satz und Urteil
IV. Satzverbindung und Schluß
V. Anschauliches und begriffliches Denken

"Der gewöhnliche Mensch legt seinen Betrachtungen jenen Begriff der Realität zugrunde, die er an den Außendingen bemerkt oder zu bemerken glaubt und von dieser äußeren Realität, d. h. Dinghaftigkeit, muß er nun alle Data der inneren Erfahrung und manche Data der äußeren Erfahrung ausnehmen. Infolgedessen ist nun auch jede äußere Wahrnehmung dem Zweifel unterworfen und kann somit zur negierenden und affirmierenden Beurteilung führen."

"Überzeugt sein heißt: zu einer äußeren Tatsache entschlossen sein. Entschlossen sein heißt: von einer künftigen Handlung überzeugt sein."

III. Abschnitt
Satz und Urteil
[Fortsetzung]

8. Alle die vorstehenden Erörterungen gehen von der gesprochenen Sprache aus, in welcher die Teilvorstellungen durch einzelne Worte bezeichnet werden, deren Bedeutung vielfach eine konventionelle geworden ist. Es gibt aber auch eine Sprache, in welcher die Gesamtvorstellungen im Hörer nicht durch eine Abfolge von Worten, sondern durch den anschaulichen Hinweis auf die einzelnen Teilvorstellungen hervorgebracht werden und an dieser Sprache könnten wir naturgemäß alle Fragen, betreffend die Verhältnisse der Vorstellungselemente zueinander am besten entscheiden. Diese Sprache ist die  Zeichensprache.  Die Zeichensprache hat ein doppelte Verbreitungsgebiet: barbarische und insbesondere nordamerikanische Stämme, die sich trotz ihrer Nachbarschaft nicht mit Worten verständigen können einerseits und die Taubstummen andererseits. Sie ist nur zum geringsten Teil konventionell, zum weitaus größten Teil natürlich malend. Dies geht aus der überaus merkwürdigen, aber authentisch festgestellten Tatsache hervor, daß sich mittels dieser Zeichen europäische Taubstumme und nordamerikanische Indianer ohne Vorbereitung anstandslos verständigen können. (1) Wir müssen also annehmen, daß diese Zeichen demonstrativ und mimisch die einzelnen Teilvorstellungen selbst symbolisieren und indem wir sie etwas näher betrachten, dürfen wir hoffen, auch auf den psychologischen Vorgang der gesprochenen Sprache einiges Licht zu werfen.

MALLERY gibt (2) eine lange Konversation wieder zwischen Indianern verschiedener Stämme, die sich auf eine lange Wanderung des einen Teils bezieht. Es ist äußerst bemerkenswert, daß wir an diesen Beispielen den Aufbau von zusammengesetzten Vorstellungen aus Einzelvorstellungen in allen drei Formen, durch Modifikation, Koordination und Kontamination beobachten können.

Der Reisende, ein Tenanal-Indianer, weill seinem Mitunterredner, einem Kenaitze-Indianer, von einem nach Westen fließenden Fluß sprechen. Er führt die hohle Hand zum Mund, das bedeutet  Wasser.  Er beschreibt dann mit der Hand eine horizontale, aber nach Westen allmählich steigende Linie. Das bedeutet:  fließt nach Westen.  Das Ganze ist ein klarer Fall von Modifikation.

Derselbe will erzählen, daß ein Russe einen Elch geschossen habe. Er macht das Zeichen des russischen Kreuzes (Russe), die Bewegung des Schießens, dann zeigt er mit den Händen an den Schläfen das Geweih an und bezeichnet durch eine Bewegung hinter seinen Schultern einen flachen, langen Rücken (Elch). Das kann als ein komplizierter Fall der Koordination gelten.

Viel bemerkenswerter sind jedoch folgende pantomimische Erzählungen: Er will sagen: ich sah drei Männer, von denen zwei Russen waren. Er deutet hierzu auf sein Auge und dann in die Ferne (ich sah), dann hält er drei Finger in die Höhe und deutet auf einen Weißen ( drei weiße Männer;  Modifikation, indem die allgemeine Vorstellung "Mann" durch Hindeutung auf die weiße Hautfarbe abgeändert wird. Der ganze Satz ist bis hierher eine Koordination: ich, weiße Männer, verbunden durch die Relation des Sehens). Nun erhebt er zwei Finger und macht das Zeichen des russischen Kreuzes (2 Russen; Kontamination, indem die zwei Weißen mit Russen gleichgesetzt werden).

Endlich noch einen Fall. Derselbe will sagen: "Ein kleiner weißer Mann mit Brille gab mir einen Trunk." Er hebt einen Finger und deutet auf den Weißen; er hält die flache Hand etwa gegen 4 Fuß hoch über dem Boden (klein; Modifikation, indem der früher unbestimmte Weiße seiner Größe nach bestimmt wird); er macht mit dem 1. und 2. Finger Ringe um die Augen (Brille; weitere Modifikation); er zeigt mit dem Daumen auf seine Brust (mir); führt die hohle Hand zum Mund (Trunk; das Ganze Koordination).

Ich füge noch ein paar andere Bemerkungen bei. Die kompetenten Autoritäten haben festgestellt, daß die Zeichensprache der Taubstummen eine bestimmte Wortfolge kennt. Und zwar gehen im allgemeinen (3) die Gegenstände den Handlungen und Eigenschaften voraus und stufen sich selbst nach der Wichtigkeit ab. Auch wird alles Entbehrliche ausgelassen und die Kopula fehlt gänzlich. Für "der Vater gab mir einen Apfel" heißt es: Vater - ich - Apfel. Für "ich schlug Thomas mit einem Stock": Ich - Thomas - schlagen - Stock. Das Substantiv geht dem Attribut, das Objekt dem Verbum voraus: z. B. Wasser - trinken - Laura; Hut - schwarz - bringe; du - geschlagen - wer? Regen - fallen, Pflanzen - wachsen (Statt: Regen macht das Land fruchtbar).

Was ich mit alledem beweisen will, ist dies, daß die Zerlegung von Gesamtvorstellungen auch ohne Sprache durch das bloße Mitteilungsbedürfnis gefordert wird und daß sich diese Zerlegung dann ohne Rücksicht auf unsere Subjekts- und Prädikatseinteilung vollzieht, insbesondere auch nicht dem WUNDTschen Gesetz der Zweiteilung unterliegt, aber so erfolgt, daß die entsprechende Synthese sehr wohl unter die aufgestellten Schemata von Modifikation, Koordination und Kontamination gebracht werden kann. Und hierzu dürfte wohl das Gesagte genügen.

9. Ehe wir weiter schreiten, wird es vielleicht angebracht sein, auch die sogenannten  Qualitäten des Urteils,  Affirmation [Bekräftigung, wp] und Negation, denen man mit WINDELBAND die Frage als Drittes anreihen kann (4), aufgrund unserer bisherigen Ergebnisse kurz zu besprechen.

Das Urteil, wie wir es bisher kennen gelernt haben, ist funktionell eine Anweisung des Sprechers an den Hörer, aus gegebenen Elementen eine Gesamtvorstellung zu bilden. Diese Anweisung ist jedoch formell in dem Satz nicht enthalten, der bloß eine Aufzählung der einzelnen Teilvorstellungen enthält. Man mag dieses Verfahren mit der Suggestion des Hypnotiseurs vergleichen, der auch nicht zu sagen pflegt: Deine Finger sollen starr werden, sondern nur: Deine Finger sind jetzt starr. Eine solche Anweisung kann aber mit Fug und Recht kein affirmatives Urteil genannt werden. Denn wie SIGWART (5) treffend bemerkt: "nur dem verneinenden Urteil gegenüber und insofern sie die Möglichkeit einer Verneinung abweist, heißt die einfache Aussage "A ist B" eine Bejahung; es gehört aber nicht zu den Bedingungen des Urteiles "A ist B"; daß an die Möglichkeit einer Verneinung ... gedacht worden wäre. " Wir können deshalb mit ihm solche einfache Urteile als  positive  bezeichnen und die Affirmation als Verneinung einer Negation betrachten.

Welches aber ist die ursprüngliche Funktion der Verneinung? Offenbar die, die Mitunterredner von der Bildung unrichtiger Kombinationen abzuhalten. Denken wir uns, ich hätte begonnen zu erzählen: da legte ich das Gewehr an ...; und der Zuhörer fiele mir ins Wort und führe fort: ... und der Feind entfloh!, und ich erwiderte: nein, er entfloh nicht, sondern griff seinerseits nach dem Degen ... so haben wir die ursprüngliche Funktion der Verneinung klar vor Augen. Sie besteht darin, nicht gewünschte Bildungen von Vorstellungskombinationen zu verhindern.

Natürlich aber verfeinert sich dieser Prozeß mit der Zeit. Es ist nicht immer notwendig, daß falsche Urteile abgewartet würden, um sie zu verneinen, sondern ich kann auch gleich in der Erzählung fortfahren: - der Feind aber entfloh nicht, sondern ... dann muß mir die verneinte Kombination als eine naheliegende erschienen sein. Mit anderen Worten, wir können mit SIGWART sagen: "Die Verneinung hat keinen anderen Sinn, als die subjektive und individuell zufällige Bewegung des Denkens, die in ihren Einfällen, Fragen und Vermutungen, irrtümlichen Behauptungen über das objektiv Gültige hinausgreift, in die ihr von den durch die Natur gegebenen Vorstellungen gesteckten Schranken zu weisen." Oder anders ausgedrückt: haben die positiven Sätze die Aufgabe, dem Assoziationsstromm sein Bett zu graben, so kommt den negativen die nicht minder wichtige Funktion zu, ihn, wo es Not tut, einzudämmen.

Man kann aber noch einen kleinen Schritt weiter gehen. Denn notwendig muß ja die Vorstellung, vor der ich durch die Verneinung warnen will, schon in mir aufgetaucht sein; und in diesem Sinne kann man auch sagen: die Negation bedeutet eine Korrektur der freien durch die an die Erinnerung gebundene assoziative Tätigkeit.

Auch das Wesen der  Frage  läßt sich leicht darlegen. Der Fragende legt dem Gefragten Vorstellungselemente vor, damit ihn dieser anweise, aus ihnen die richtige Kombination zu bilden. Das kann sich in doppelter Weise ereignen.
    1. Es werden sämtliche Elemente vorgelegt und dann wird gefragt, ob sie kombiniert werden sollen? Zum Beispiel: "Fiel er nun herunter? Antwort: "Ja" oder "Nein". Natürlich ist dann die Kombination eben schon in Bildung begriffen, wird aber gewissermaßen noch im  statu nascendi  [im Zustand der Geburt, wp] gehemmt und der Prüfung eines besonders gut Unterrichteten unterbreitet.

    2. Es wird nur ein Teil der Elemente vorgelegt und um die restlichen gefragt oder gebeten (nebenbei: die Worte "Fragen" und "Bitten" wechseln ihre Bedeutung; vgl. engl.  ask,  französisch  demander,  lateinisch  quaerere  [ersuchen]), z. B. "Wo trafst du ihn?" Die Antwort ist natürlich ein positives Datum.
10. Indessen gebe ich gerne zu, daß über Bejahung und Verneinung noch manches zu sagen ist. Und damit kommen wir auf eine sehr wichtige und interessante Frage, die Frage nämlich nach der objektiven Gültigkeit der Urteile und nach der Natur des Urteilsaktes.

Die Urteile, die wir bisher besprochen haben, entbehren einer solchen spezifischen Tätigkeit, man mag sie, wie gesagt, mit SIGWART positive oder unbezweifelte, auch erzähltende Urteile nenne. Eine lebendige Gesamtvorstellung strömt in einen gesprochenen Satz aus - dies ist ihr vorherrschender Charakter. Die kann freilich leicht verkannt werden. Ist doch jeder positive Satz dazu fähig, verneint oder bejaht zu werden. Und zwischen einer bloßen Position und einer den Zweifel oder die Verneinung abweisenden Affirmation besteht kein sprachlicher Unterschied. Diese Verwechslung ist aber eine so häufige und verhängnisvolle, daß es Not tut, diese Frage etwas gründlicher zu besprechen.

Jeder psychische Akt stellt seinen Inhalt ursprünglich dem Geist als einen existierenden vor Augen. Äußere Gegenstände, Traumvorstellungen und Halluzinationen, ja sogar Affekte gelten zuerst als reale, wenn nicht gar als lebende Wesen. Nur so erklärt es sich, daß sie alle substantiviert und auch personifiziert werden konnte. Man muß sich deshalb einen Urzustand vorstellen, in welchem alle Vorstellungen einen realen Inhalt hatten nach dem Satz:  Esse = percipi.  [Sein = wahrnehmen. - wp] Nun wurde aber der Mensch durch mannigfaache Erfahrungen genötigt, diese unbezweifelte, objektive Gültigkeit seiner Vorstellungen immer mehr einzuschränken.

Man kann aber wiederum eine doppelte Form der objektiven Gültigkeit unterscheiden. Einerseits kann man jene Art der Existenz, wie sie uns die Außendinge zeigen, zugrunde legen, andererseits kann man sich mit der bloßen phänomenalen Realität, wie sie auch unseren psychischen Inhalten eigen ist, beruhigen. Schränkt man den Existenzbegriff im letzteren Sinne ein, dann kann man ihn für alle Inhalte aufrechterhalten und in diesem Sinne bleiben dann unsere Vorstellungen reale. Das ist es, was man als die innere Evidenz zu bezeichnen pflegt. Das ist aber mitnichten die Art des gewöhnlichen Menschen. Er legt seinen Betrachtungen jenen Begriff der Realität zugrunde, die er an den Außendingen bemerkt oder zu bemerken glaubt und von dieser äußeren Realität, d. h. Dinghaftigkeit, muß er nun 1. alle Data der inneren Erfahrung und 2. manche Data der äußeren Erfahrung ausnehmen. Infolgedessen ist nun auch jede äußere Wahrnehmung dem Zweifel unterworfen und kann somit zur negierenden und affirmierenden Beurteilung führen; deswegen wohnt aber der Anschein der Realität nach wie vor allen Wahrnehmungen inne.

Nun aber haben sich in der neueren Zeit Philosophen gefunden, welche diese der Wahrnehmung eigene  Beurteilbarkeit,  dieses gewissermaßen in ihr potentiell enthaltene Urteil, für ein aktuelles hielten und aufgrund dieser Verwechslung von Beurteilbarkeit und Beurteilung die Behauptung aufstellten, in jeder Wahrnehmung sei ein Urteil enthalten. (6) (Über die wahre Natur der Wahrnehmung wird im Anschluß an BINET in nächsten Abschnitt zu handeln sein.) Und es ist dann nur konsequent,wenn dieselben überhaupt jedes Urteil eine Aussage über eine objektive Gültigkeit enthalten lassen. Ein solches Beurteilen, ob man es nun behaupten, billigen und mißbilligen, bejahen und verneinen, anerkennen und verwerfen nennen möge, ist aber zweifellos ein besonderer psychischer Akt. Und ich frage alle Menschen auf ihre psychologische Erfahrung, ob sie, wenn sie z. B. von einem Gebäude eine ausführliche Beschreibung geben, in dieser Rede eine Anzahl von solchen psychischen Akten des Behauptens, Billigens und Anerkennens verspüren? Offenbar nicht. Sondern eine hochkomplizierte Gesamtvorstellung fließt in eine große Zahl von einzelnen Sätzen aus und zerlegt sich dabei in eine Menge von Teilvorstellungen. Erst in dem Moment, wo jemand eine Detail der Beschreibung bezweifeln möchte, würde etwa aus dem harmlos positiven Satz: das Gebäude hat drei Stockwerke, das Urteil: Das Gebäude  hat  3 Stockwerke!, welches eine bezweifelte Tatsache behauptet, billigt, bejaht oder anerkennt.

Die letztere Art von Urteilen haben die Engländer seit HUME  belief  genannt. Die treffendste deutsche Wiedergabe dieses Wortes scheint mit die SCHLEIERMACHERs zu sein, welcher den Ausdruck  Überzeugungs-Gefühl gebraucht. (7) Wir wollen daher solche Urteile, welche einen  belief,  eine Überzeugung zum Ausdruck bringen wollen, fernerhin  Überzeugungsurteile  nenne und dieselben von bloßen  Mitteilungsurteilen  zu scheiden besonders bestrebt sein. Ferner wollen wir den sprachlichen Ausdruck einer Überzeugung eine  Behauptung  nennen, welche somit das sprachliche Korrelat zu dieser Überzeugung bildet. Ich muß hier noch folgende Bemerkung einschalten. Ich habe im Vorstehenden jeden psychischen Vorgang, der eine Zerlegung und einen Wiederaufbau von Gesamtvorstellungen in sich schließt, ein Urteil genannt und die Urteile je nach dem Vorhandensein einer "Überzeugung" in Mitteilungs- und Überzeugungsurteile geschieden. Wenn aber jemand auf den psychischen Akt, welcher eine objektive Gültigkeit bejaht oder verneint, einen so hohen Wert legt, daß er nur da von Urteilen reden will, wo sich dieser Akt findet, so habe ich mit ihm keinen Streit. Wenn ein solcher mir zugibt, daß es viele Sätze gibt, die keine Urteile sind, dann gestehe ich ihm meinerseits gerne zu, daß er eben nur unter den Überzeugungsurteilen Urteile zu verstehen braucht.

11. Welche Bewandtnis hat es aber nun mit diesen Überzeugungsurteilen? Unter den neuerern hat zuerst BRENTANO (8) mit Bestimmtheit und Nachdruck auf die Eigenart dieser Phänomene hingewiesen und die Behauptung aufgestellt, das Urteilen, als ein Akt des Anerkennens und Verwerfens, sei eine eigene Grundklasse der psychischen Tätigkeiten, sie enthalte eine eigenartige und einzigartige "intentionelle Beziehung" des Subjekts zum Objekt und es sei dieselbe auf keine Weise auf andere psychische Tätigkeiten zurückzuführen. Da, wo er seine diesbezügliche Beweisführung kurz zusammenfaßt, sagt er hierüber wörtlich (9): " Erstens  zeigt die innere Erfahrung unmittelbar die Verschiedenheit in der Beziehung auf den Inhalt, die wir für Vorstellung und Urteil behaupten.  Zweitens  würde, wenn nicht ein solcher, überhaupt kein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Weder die Annahme einer verschiedenen Intensität, noch die Annahme eines verschiedenen Inhaltes für die bloße Vorstellung und das Urteil ist haltbar.  Drittens  endlich findet man, wenn man den Unterschied von Vorstellung und Urteil mit anderen Fällen psychischer Unterschiede vergleicht, daß von allen Eigentümlichkeiten, welche sich anderwärts zeigen, wo das Bewußtsein in völlig verschiedenen Weisen zu einem Gegenstand in Beziehung tritt, auch hier nicht eine einzige mangelt ..." Es mag hinzugefügt werden, daß unter diesen Unterschieden die Verschiedenheit des Vorstellens von den "Phänomenen der Liebe und des Hasses" zu verstehen ist, unter welchen BRENTANO Fühlen, Begehren und Wollen zusammenfaßt. Indem ich nun die Triftigkeit dieser Beweisgründe rückhaltlos anerkenne, empfiehlt es sich doch, sie nachzuprüfen, da meines Erachtens die Nachprüfung zu einem neuen, wichtigen Ergebnis führt. Indem ich den 2. Beweisgrund ausscheide, beginne ich mit dem ersten.

Wenn ich ein Urteil höre, so bilde ich zunächst die ihm entsprechende Gesamtvorstellung; ich höre z. B. den Satz: PAUL ist krank und bilde die Vorstellung "kranker Paul", d. h. ich stelle mir PAUL krank, etwa im Bett liegend vor. Allein damit ist meine Tätigkeit nicht abgeschlossen; denn nun steht es mir frei, diese Nachricht zu glauben oder nicht zu glauben, die Vorstellung "kranker Paul" anzuerkennen oder zu verwerfen. Wenn ich nun die Nachricht glaube, was geht in mir vor? Ich möchte mich zunächst bildlich ausdrücken. Ich halte diese Vorstellung fest, verleibe sie meinem Bewußtseinsinhalt ein, d. h. setze sie in den Stand oder gestatte ihr, eine Stelle in meinem Assoziationsnetz einzunehmen, so daß sie, wenn ich künftig an Paul denke, reproduziert wird und einen Teil meines, auf ihn bezüglichen Vorstellungsvorrates ausmacht. Umgekehrt, wenn ich die Nachricht nicht glaube, so schiebe ich die Vorstellung gewissermaßen beiseite, verdränge sie, weise sie aus meinem Bewußtseinsinhalt und lasse nicht zu, daß sie unter meinen anderen auf PAUL bezogenen Vorstellungen eine Stelle einnehme. Was ich zunächst konstatieren kann, ist also eine aktive, auf die dem Urteil entsprechende Gesamtvorstellung bezügliche Seelentätigkeit meinerseits, welche diese entweder annimmt, festhält und dem Bewußtseinsinhalt angliedert oder sie ablehnt, verdrängt und aus dem Bewußtseinsinhalt ausschaltet.

Ich nehme nun ein anderes, mehr theoretisches Beispiel. Ich denke darüber nach, welches der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten der Stadt sei? Ich stelle mir nun die verschiedenen möglichen Verbindungen vor und schätze ihre Dauer ab. Alle jene dieser Vorstellungen, in denen mir der Weg zu lange zu dauern scheint, lasse ich fallen, verdränge sie aus meinem Bewußtsein; wenn ich aber an den richtigen gekommen bin, so lasse ich diese Vorstellung frei walten, halte sie fest, bis sie sich in mir fixiert und sich meinem Bewußtseinsinhalt einverleibt.  In einer anderen Form kenne ich ein Anerkennen und Verwerfen nicht. 

Nun aber kann es mir nicht entgehen, daß diese Tätigkeit ein hohes Maß von Analogie mit einem anderen Paar von Tätigkeiten aufweist: nämlich mit dem, was in meinem Innern vorgeht, wenn ich über einen  Entschluß  nachdenke, also nicht eine Meinung, sondern etwa einen  Vorschlag  annehmen oder verwerfen soll. Nehmen wir einmal an, ich hätte über die zuletzt angeführte Frage nicht theoretisch, sondern praktisch nachzudenken; es handle sich mir jetzt nicht mehr darum, den kürzesten weg zwischen zwei Punkten zu  ermitteln,  sondern ihn zu  gehen.  Ich lasse in diesem Falle alle möglichen Wege Revue passieren, verdränge sie wieder aus meinem Bewußtsein, bis sich endlich die richtige Vorstellung darin festsetzt. Nur ist das Resultat im ersten Fall eine  Überzeugung,  im zweiten ein  Entschluß. 

Indem wir also den Unterschied zwischen  Überzeugungsurteil  und  Willen  vorläufig auf sich beruhen lassen, drängt sich uns schon jetzt die Vermutung auf, es möchten beide Akte,  Urteilen  im Sinne BRENTANOs und  Wollen, einer gemeinsamen Grundklasse psychischer Phänomene angehören. 

Und nun gehen wir zu BRENTANOs drittem Beweisgrund über. Wir geben aus den betreffenden Ausführungen (10) folgenden Auszug: "Vergleichen wir ... das Verhältnis von Vorstellung und Phänomenen von Liebe und Hass (welche, wie gesagt, den Willen einschließen) ... Alle Umstände sind hier und dort analog." Im einzelnen:
    1. "Zwischen Vorstellungen finden wir keine Gegensätze außer dem der Objekte." Aber dasselbe Objekt kann geliebt und gehaßt werden. Diese Polarität findet sich dann auch im Urteil. Dieselbe Vorstellung kann anerkannt und geleugnet werden.

    2. In der Vorstellung finden wir keine Intensität, sondern nur größere oder geringere Schärfe des Vorstellungsinhaltes. Liebe und Hass aber können mit größerer und geringerer Energie auftreten. Und hierzu steht das größere oder geringere Maß an Gewißheit in Überzeugung und Meinung in Analogie.

    3. Für Vorstellungen gibt es keinen objektiven Wertmaßstab und keine Wertpolarität. Im Bereich von Liebe und Hass unterscheiden wir Gut und Böse. Ebenso im Bereich des Urteils Wahrheit und Irrtum.

    4. Endlich: Liebe und Hass folgen eigenen psychischen Gesetzen, denen der Ethik; ebenso Erkenntnis und Irrtum denen der Logik.
All das können wir mit wenigen Mentalreservationen akzeptieren. Allein wofür spricht es? Offenbar nicht so sehr für eine fundamentale Verschiedenheit von Urteil und Wille, als vielmehr für deren innige Verwandtschaft.

12. In ähnlicher Weise hat schon WINDELBAND (a. a. O.) BRENTANO kritisiert, ohne aber die Sache durch eine psychologische Analyse aufzuklären. Allein die Erkenntnis, daß Wille und Überzeugung verwandt seien, ist überhaupt nicht neu. Schon die Stoiker haben das willkürliche Element im Urteil betont. DESCARTES hat die Identität von Wille und Überzeugung als selbstverständlich angesehen. Nun kann es hier nicht unsere Aufgabe sein, die Frage, ob Entschluß und Überzeugung identisch sind oder worin sie sich unterscheiden, eingehend zu erörtern. nur auf einen in die Augen springenden Unterschied sei hier hingewiesen. Er betrifft den Gegenstand der Überzeugung und des Entschlusses. Der letztere muß sich offenbar auf eine künftige Handlung des Subjekts beziehen, die erstere muß stets ein Objekt haben, das der Sphäre unseres Einflusses entrückt ist. Und deshalb hätte ich nicht allzuviel einzuwenden, wollte jemand folgende, etwas paradoxe Definition aufstellen:

Überzeugt sein heißt: zu einer äußeren Tatsache entschlossen sein. Entschlossen sein heißt: von einer künftigen Handlung überzeugt sein. 

Aber auch hiermit kann ich die Erörterung noch nicht abbrechen. Denn es könte sonst der Schein entstehen, als hielte ich wirklich diese aktive Seelentätigkeit, welche die Vorstellung festhält oder verdrängt, annimmt oder ablehnt, für eine letzte und nicht weiter zurückführbare psychische Tätigkeit. Das ist jedoch keineswegs der Fall. In der Tat sind die Vorstellungen nichts Totes und Unwirksamens und jene Tätigkeit des Festhaltens oder Beiseiteschiebens, die wir der Kürze halber dem Subjekt zugeschrieben haben, wird in Wahrheit als die Wirksamkeit aller in dessen Bewußtsein aufgespeicherten Vorstellungen, als Wirkung des gesamten Bewußtseinsinhaltes anzusehen sein.

Sehen wir uns nur das erste Beispiel, welches den Satz: "Paul ist krank" betraf, noch einmal an. Wann werde ich dieser Nachricht Glauben schenken? Wenn ich weiß, daß PAUL häufig unwohl ist, wenn ich ihn lange nicht gesehen habe, wenn ich seinetwegen beunruhigt bin, kurz, wenn diese neue Vorstellung zu meinen alten Vorstellungen paßt, mit ihnen übereinstimmt, wenn sozusagen die neue Vorstellung von ihren älteren Schwestern angezogen und ihrem Reigen wie von selbst angegliedert wird. Dagegen, wenn ich PAUL vor einer Stunde munter und wohlauf gesehen habe, dann wird diese Erinnerung die Vorstellung "kranker Paul" abstofßen und aussondern, der Andrang der Gegeninstanzen wird sie beiseite schieben.

Es handelt sich hier alos um eine Assoziationswirkung höherer Ordnung.  Nicht eine einzelne Vorstellung, sondern der Gesamtinhalt des Bewußtseins wirkt in der Zustimmtung oder Leugnung auf die neue Vorstellung ein. Und diese höhere, zusammengesetzte Natur des Vorganges erzeugt den Schein der Freiheit, weil das Kompliziertere auch stets das Unübersehbarere sein muß. Der Akt der Überzeugung verhält sich zur einfachen Ideenassoziation wie der Wille zum Reflex. Es liegt also hier nicht eine einfache psychische Tätigkeit vor, sondern das scheinbare Festhalten und Wegschieben der Ideen ist in Wahrheit eine Wirkung des Drängens und Stoßen der Ideen selbst. Nur eine besondere Form der Ideenfolge,  nur das formale Element der Sukzession,  ist dasjenige, was hier (wie bei allen anderen psychischen Vorgängen) auf den Inhalt der Vorstellungen in keiner Weise zurückgeführt werden kann. Nicht ein spezifisches  Seelenvermögen  haben wir also  neben  den Vorstellungen im Überzeugungsurteil zu erblicken, sondern bloß eine besondere Art der  Vorstellungsabfolge.  Mit dieser Auffassung stimmt zunächst WUNDT überein (11), wenn er den Willen in der Apperzeption hinstellt als resultierend "aus dem Gesamtinhalt des Bewußtseins in seiner Entwicklung." Auch kann ich speziell in Bezug auf die Überzeugung JERUSALEM zustimmen, wenn er sie (12) als "das Gefühl des Zusammenstimmens mit meinem bisherigen Bewußtseinsinhalt definiert, mit meiner bisherigen Weltanschauung."

13. Hieran will ich die nach dem Gesagten selbstverständliche Bemerkung knüpfen, daß sich die Überzeugung nicht auf den Satz, also auf die zerlegte Gesamtvorstellung bezieht, sondern auf die Gesamtvorstellung und überhaupt auf jede Vorstellung als solche. Das Überzeugungsurteil setzt sich somit aus zwei ganz disparaten Elementen zusammen. Auf der einen Seite können wir die zunächst positive Gesamtvorstellung unterscheiden, welche zum Bewußtseinsinhalt in Beziehung tritt und auf diese Weise eine (affirmative oder negative) Überzeugung herbeiführen kann; auf der anderen die Zerlegung der Gesamtvorstellung in ihre Teile. Die Überzeugung aber findet ihren sprachlichen Ausdruck in der Behauptung und da kann es leicht den Anschein gewinnen, als ob nicht die zerlegte Vorstellung, sondern das Verhältnis der Teile zueinander Gegenstand des Überzeugungsurteils wäre; als ob z. B. in dem Urteil: "Der Löwe fliegt nicht", nicht die Gesamtvorstellung "fliegender Löwe", sondern die Verbindung oder Ineinssetzung der Begriffe Löwe und Fliegen abgelehnt würde. Daher die herkömmliche Auffassung, als liege das Wesen des Urteils in der Verbindung oder Trennung der Teilvorstellungen. Dem gegenüber stimme ich mit BRENTANO darin vollständig überein, daß sich die Tätigkeit des "Anerkennens und Verwerfens" auf einzelne Gesamtvorstellungen bezieht. Ja, er selbst hat sich genötigt gesehen, bei der Transformation kategorischer Urteile in Existenzialsätze die Gesamtvorstellung aus ihren Teilen zusammenzusetzen, so z. B. wenn er (13) das Urteil: "Irgendein Mensch ist krank" umwandelt in den Existenzialsatz: "Es gibt einen kranken Menschen." Neben dieser prinzipiellen Übereinstimmung dürfte klar sein, wenn ich seine spezielle Behauptung, die Urteile: "Alle Menschen sind sterblich" und "Es gibt keine unsterblichen Menschen" seien identisch, nicht als richtig anerkennen kann. Denn hier werden zwei verschiedene Gesamtvorstellungen vertauscht. Die eine hat zum Inhalt etwa eine Unzahl von alternden, kränkelnden, sterbenden Menschen und wird bejaht; die andere hat zum Inhalt etwa einen uralten, dabei aber noch immer jugendfrischen Greis und wird verneint. Es ist übrigens selbstverständlich, daß diese anschaulichen Vorstellungen nur beispielsweise eingeführt wurden.

Auch glaube ich nicht, daß diese Transformationen gerade in Existenzialsätzen erfolgen müssen. Denn in unserem Bewußtsein finden sich ja auch Vorstellungen wohl aufgenommen und eingegliedert, denen keineswegs eine reale Existenz entspricht, so z. B. die des Zentauren, über deren Bezieung zum Existenzbegriff nun wohl schon genug gestritten ist. (Das steht keineswegs im Widerspruch mit der Tatsache, daß der Inhalt einer jeden Vorstellung als ein existierender in ihr enthalten ist, gilt dies doch sogar von abgelehnten und verneinten Vorstellungsinhalten.) Vielmehr müßte eine solche Transformation von Überzeugungsurteilen mit Erlaub eigentlich so geschehen:
    - Der Mensch ist sterblich = Die Vorstellung: "Sterblicher Mensch" stimmt mit meinen Erfahrungen überein.

    - Der Mensch ist nicht sterblich = die Vorstellung: "Unsterblicher Mensch" stimmt nicht mit meinen Erfahrungen überein.
Ich sage: der Mensch, nicht: alle Menschen, weil ich sonst den Satz mit SIGWART für ein plurales Urteil hielte. Doch dies erfordert eine besondere Erörterung und überhaupt ist es Zeit, die anschaulichen Vorstellungen zu verlassen und noch vor Schluß dieses Abschnittes kurz die Frage zu berühren, wie es mit den sogenannten Begriffsurteilen bestellt ist.

14. Die Einteilung der Urteile in Einzel- und Begriffsurteile ist an und für sich eine ganz selbständige und durchkreuzt sich mit der in Mitteilungs- und Überzeugungsurteile. Daher gibt es prinzipiell ebensogut Begriffsurteile, die nicht Überzeugungsurteile, sowie Überzeugungsurteile, die nicht Begriffsurteile sind. Wenn z. B. jemand fremde Länder erforschte, dort neue Tiergattungen entdeckte und von diesen dann zuhause Beschreibungen lieferte, so würde er dabei Begriffe bestimmen, ohne eine Behauptung aufzustellen, ohne einer Überzeugung Ausdruck zu geben, sondern einfach in der Absicht der Mitteilung. In der Regel aber sind die Begriffe hinlänglich bekannt und Urteile, welche sie betreffen, haben nicht den Zweck, neue Begriffe zu beschreiben, sondern über alte Begriffe und ihre Beziehungen Behauptungen aufzustellen, die betreffende Überzeugung auszusprechen.

Unter Begriffen verstehe ich hier aber Begriffe im wissenschaftlichen Sinn, also Begriffe, welche Klassen von Gegenständen, Eigenschaften, Zuständen zusammenfassen. Es wurde schon an einem früheren Ort angedeutet, wie das einzelne Wort dazu gelangt, einen wissenschaftlichen Begriff, also einen Qualitätenkomplex zu bezeichnen. Ebenso wurde schon oben bemerkt, daß die wissenschaftlichen Begriffe nicht Bestandteile, sondern Gegenstände des Denkens sind. Die Vernachlässigung dieser Umstände hat aber bei Betrachtung der Urteile die allermeiste Verwirrung verursacht.

Es ist nämlich klar, daß in Bezug auf diese Begriffe, welche fast ausschließlich klassifikatorischen und systematischen Zwecken dienen, zweierlei Behauptungen aufgestellt werden können. Es kann nämlich
    1. die Zugehörigkeit eines Merkmals zu einem Merkmalskomplex und

    2. die Über- oder Unterordnung zweier Merkmalskomplexe behauptet werden.
Dieser Unterschied tritt am deutlichsten in der doppelten Art der Definition hervor. Es kann ein Begriff definiert werden einmal durch taxative Aufzählung aller ihm eigentümlichen Merkmale und dann durch Angabe des ihm übergeordneten Begriffes und des hinzutretenden unterscheidenden Merkmales. Mit anderen Worten, es kann ein Begriff bestimmt werden in Bezug auf seinen Inhalt oder in Bezug auf seinen Umfang.

Nun ist es bekannt, daß die herkömmliche Logik das Schwergewicht auf die letztere Seite gelegt hat und ihr Bestreben darauf richtete, jedes Begriffsurteil als ein Subsumtionsurteil auszudeuten. Gegen diesen Unfug haben sich in neuerer Zeit gewichtige Stimmen erhoben, vor allem JOHN STUART MILL (14) und WILHELM WUNDT (15). Kann ich auch nicht so weit gehen wie der Erstere, welcher meint, kein Satz, der eine inhaltliche Auffassung zulasse, dürfe umfänglich verstanden werden, so stimme ich doch dem letzteren zu, wenn er sagt: "Es entbehrt jeden Sinnes zu sagen, irgendeine Eigenschaft sei etwas allgemeineres, als das Ding, das sie besitzt ..."

Uns aber interessiert hier haupsächlich die Form solcher Urteile, als deren Bespiel wir die beiden Sätze ansehen wollen: "Der Karpfen ist beschuppt", und: "Der Karpfen ist ein Fisch."

Zuerst ein Wort über die Bezeichnung des Subjektbegriffs. Würde als Subjekt dieser oder jener Karpfen stehen, so wäre dieses zweifellos ein Einzelurteil. Aber SIGWART (16) hat überzeugend dargetan, daß dieser Charakter sich nicht ändert, wenn ich nun zu den Urteilen fortschreite: Dieser und jener Karpfen sind beschuppt, drei Karpfen sind beschuppt, einige Karpfen, viele Karpfen, alle Karpfen sind beschuppt. Dieses letzte, gemeinhin als begrifflich  universal  bezeichnete Urteil ist in Wahrheit ein  empirisch plurales:  es handelt gar nicht in abgekürzter Form von einer unbegrenzten Anzahl einzelner individueller Karpfen. Der Begriff "Karpfen" ist also nicht durch "alle Karpfen", sondern einfach durch "der Karpfen" zu bezeichnen. Daß das mit dem Sprachgefühl übereinstimmt, erhellt sich auch - um noch einmal auf den berüchtigten Zentaur zurückzukommen - daraus, daß man wohl sagen kann: der Zentaur ist zur Hälfte ein Pferd) das gehört zu den Merkmalen des Begriffes Zentaur) nicht aber: alle Zentauren sind zur Hälfte Pferde, was sich auf alle einzelnen Individuen beziehen und deshalb unsinnig sein würde.

Das Wichtigste aber, wie gesagt, ist uns hier die Form der Aussage. "Der Karpfen ist beschuppt" ist nämlich der Form nach ein modifikatorische, "der Karpfen ist ein Fisch" ein kontaminatorisches Urteil. Es sieht so aus, als ob das erste Urteil den Hörer auffordern sollte, einen unbeschuppten Karpfen in seiner Phantasie mit Schuppen zu bekleiden und als ob das letzte Urteil ihn anweisen sollte, mit der Vorstellung eines Karpfens auch die eines Fisches zu verbinden. Allein beides ist offenbar nur ein Schein. Denn, wie schon hinreichend dargetan, kann sich niemand den Begriff eines Karpfens, weder mit noch ohne Schuppen, weder als Fisch, noch als Nicht-Fisch vorstellen. Also weder die Identität des Wortes Karpfen, noch die Identität der Aussageform darf uns daran irre machen, daß der wissenschaftliche Begriff, d. h. der konstante Komplex von Qualitäten, von den Individuen, denen jene Qualitäten zukommen, durchaus verschieden ist.

15. Von diesen Urteilen  über  Begriffe sind aber die Urteile  in  Begriffen scharf zu unterscheiden. Ich verstehe darunter solche Urteile, welche nicht mehr anschauliche Vorstellungen auslösen, sondern einfach mechanisch und äußerlich aufgefaßt werden, Urteile also, die in allgemeinen Namen vor sich gehen. Über ihre Bedeutsamkeit für das Denken wird der 5. Abschnitt handeln. Hier genüge weniges.

Es erhebt sich die Frage, ob neben ihnen im Sprecher ebenfalls assoziative Komplikationen, sozusagen anschauliche Urteilskorrelate entstehen, welche den anschaulichen Begriffskorrelaten entsprechen würden? Diese Frage ist nicht besonders wichtig, weil diese eventuellen Assoziationsreste ja wohl kaum in den eigentlichen Mechanismus des Denkens eingreifen könnten; und ihre Beantwortung ist äußerst schwierig, weil zu den übrigen Umständen, welche schon die Analyse der Begriffskorrelate erschwerten, hier noch die zeitliche Auseinanderziehung im Satz tritt. Trotzdem möchte ich der Sache nicht aus dem Weg gehen und gebe im Folgenden möglichst kurz die Ergebnisse meiner genauen Selbstbeobachtung wieder. Mit Sicherheit glaube ich sagen zu können, daß beim langsamen Sprechen eines Satzens sämtliche anschauliche Begriffskorrelate, die den einzelnen Worten entsprechen, durch mein Bewußtsein huschen. Nun müßten wohl jene Philosophen, die im Urteil in herkömmlicher Weise eine Verbinfung von Begriffen erblicken, erwarten, daß diese anschaulichen Begriffskorrelate untereinander eine Synthese eingehen und auf diese Weise ein Korrelat des ganzen Urteiles entstehen würde. Folgendes aber bestimmt mich dazu, eine solche Synthese nicht anzunehmen. Die anschauliche Gesamtvorstellung, z. B. PETER und PAUL in einer gewissen Relationi, hier des Begegnens. Wenn ich nun diese Begegnung erzähle, so flimmern gewiß neben dem eigentlichen Erinnerungsbild auch noch die anschaulichen Begriffskorrelate für die Worte PETER und PAUL vor dem Auge meiner Phantasie. Allein diese Korrelate sind nicht in einer besonderen Weise, die dem Begegnen entsprechen würde, miteinander kombiniert, sondern es gesellt sich das Korrelat des Wortes "Begegnen", einfach als gleiches Element zu ihnen. (Nebenbei sieht das Korrelat für Begegnen bei mir etwa so aus: ein intensiv gelbes Geländer, auf dem die Buchstaben  E  und  G  in schräggestellter Druckschrift mit blasser Farbe aufgetragen sind, dann ein ganz vages  Gefühl,  daß die Enden gegen die Mitte hin streben und das Lautbild.) Dem Wort, das die Relation ausdrückt, entspricht also nicht etwa eine bestimmte Relation der einzelnen anschaulichen Korrelate, sondern lediglich das Korrelat des Relationswortes.

Dagegen will ich nicht leugnen, daß eine assoziative Komplikation stattfinden könne zwischen der analysierten Gesamtvorstellung und den Lautbildern der hervorstechendsten Worte des Urteils. Wenn ich z. B. sage: mein Freund  S.  ist ein lieber Mensch!, so dürfte zwischen dem Gesicht des  S.  und insbesondere dessen freundlichem Ausdruck, den eben das Urteil darlegen will, einerseits und dem Wort "lieb" andererseits eine recht innige Assoziation eintreten können, so daß mir in Zukunft das Wort die Vorstellung und die Vorstellung das Wort ins Gedächtnis rufen können. Das ist alles, was ich über diesen schwierigen Punkt beizubringen hätte. Endlich kann hier nicht zweifelhaft sein, daß auch der Einzelne in Urteilen denken kann und zwar einmal, indem er eine Gesamtvorstellung durch begleitende stumme Worte zerlegt und dann, indem er ganz ohne Gesamtvorstellungen Wortverbindungen abhaspelt.

Hierüber aber, wie gesagt, im V. Abschnitt mehr.

16. Und hiermit schließen wir unsere Bemerkungen über das Urteil ab.

Wir haben gesehen, wie es zuerst der Drang nach Mitteilung und Verständigung ist, der die einheitliche Gesamtvorstellung nötigt, in eine zeitliche Reihe von Worten, den Satz, auseinander zu treten; wie die Fähigkeit zu dieser Zerlegung, das Reden, die Fähigkeit zum entsprechenden Wiederaufbau, dem Verstehen bedingt; wie die Gesamtvorstellung in Beziehung mit dem übrigen Inhalt des Bewußtseins tritt und so das Phänomen der Überzeugung entsteht, welche in der Behauptung ihren sprachlichen Ausdruck findet; endlich wie die auf solche Weise erworbene Fähigkeit, Vorstellungen durch Wortreihen zu ersetzen, auch dann zur Anwendung gelangen kann, wenn es sich nicht mehr um ein Zwiegespräch, sondern um das lautlose Denken des Einzelnen handelt. Und wir sind dabei abermals auf die Frage gestoßen: Wie geht nun unser stilles Denken in Wahrheit vor sich? "In anschaulichen Einzelvorstellungen oder in allgemeinen Worten?" so fragten wir früher. "In anschaulichen Gesamtvorstellungen oder in Abfolgen von allgemeinen Worten?" so müssen wir jetzt hinzusetzen. Aber erst wenn diese Frage sich zum drittenmal erhoben haben wird, werden wir an ihre Beantwortung gehen können.
LITERATUR: Heinrich Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien, 1897
    Anmerkungen
    1) Oberst MALLERY, Sign language among the Northamerican Indians, Seite 320, bei ROMANES, a. a. O. Seite 107
    2) MALLERY bei ROMANES, Origin of human faculty, Seite 108f
    3) ROMANES, a. a. O., Seite 114f
    4) WILHELM WINDELBAND, Straßburger Abhandlung zur Philosophie, 1884, Seite 171f
    5) SIGWART, Logik I, Seite 151f
    6) Siehe BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Seite 277f und JERUSALEM, Die Urteilsfunktion, Seite 83
    7) SCHLEIERMACHER, Dialektik, § 59
    8) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkte I, Kapitel 7
    9) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Seite 295
    10) BRENTANO, ebenda, Seite 291f
    11) WILHELM WUNDT, Logik I, Seite 71f
    12) WILHELM JERUSALEM, Die Urteilsfunktion, Seite 199
    13) BRENTANO, a. a. O., Seite 283
    14) MILL, Examination of Sir William Hamiltons Philosophy, Seite 419f
    15) WILHELM WUNDT, Logik I, Seite 91f
    16) SIGWART, Logik I, Seite 209f