tb-2 Die Wissenschaft und die TatPaul NatorpMoritz SchlickTheodor Elsenhans    
 
HEINRICH GOMPERZ
Zur Psychologie
der logischen Grundtatsachen

[5/6]
    I. Erkenntnis ohne Sprache
II. Wort und Begriff
III. Satz und Urteil
IV. Satzverbindung und Schluß
V. Anschauliches und begriffliches Denken

"Die äußere Wahrnehung ist in hohem Maß dem Schluß analog. So wie nämlich der Schluß von einem gegebenen Datum zu einem nicht gegebenen fortschreite, so ergänze auch die Wahrnehmung die spärlichen Data der unmittelbaren Sinnesempfindung zu einem komplizierten Ganzen. Beide sind ein Übergang der Erkenntnis vom Bekannten zum Unbekannten aufgrund früherer Erfahrungen und einer zu diesen bestehenden Ähnlichkeitsbeziehung."

"Die Größe und Existenz einer Orange nehme ich wahr, obwohl mir die Gesichtsempfindung kaum mehr als einen farbigen Fleck liefert. Allein alle übrigen Eigenschaften einer Orange waren in früheren Fällen mit einem ebensolchen farbigen Fleck verknüpft und indem zunächst die gegenwärtige Empfindung die frühere wachruft - Assoziation der Ähnlichkeit - und dann diese die koexistierenden Qualitäten - Assoziation der Berührung -, wird aus der Sinnesempfindung die Wahrnehmung."

IV. Abschnitt
Satzverbindung und Schluß

1. Auch wer alles vorhergehende billigen würde, könnte leicht meinen, daß wir an einem Punkt angelangt sind, wo unser Ableitungsprinzip den Dienst versagt. Er könnte etwa sagen: Auch der Einzelne, den du mit noch so hohen Erkenntniskräften ausstatten magst, wird, so lange er nicht allwissend ist, d. h. so lange ihm nicht die Zukunft und die Vergangenheit ebenso deutlich vor Augen liegt, wie die Gegenwart, einen zeitlichen Fortschritt seines Denkens nötig haben. Auch in ihm müssen die Gesamtvorstellungen wechseln. Auch er wird seine Kenntnisse von den unmittelbar gegebenen Daten der Sinne auf das Gebiet des Unbekannten ausdehnen, er wird also das Unbekannte aus dem Bekannten  erschließen  müssen. Und somit scheint wenigstens der Schluß vom sprachlichen Ausdruck unabhängig zu sein.

Die Voraussetzungen dieses Einwandes gebe ich zu, doch ich leugne die Folgerung. Gewiß, auch der Einzelne wird sein ganzes Erfahrungsmaterial nicht gleichzeitig überschauen und beherrschen, auch er wird eine zeitliche Bewegung seines Denkens verspüren; aber das glaube ich sicher dartun zu können, er wird diese Fortbewegung nicht in der Form des Schlusses vollziehen, sondern in der Form der Vorstellungsabfolge.

Nehmen wir ein Beispiel. Stellen wir uns vor, ein Einzelner gehe durch den Wald. Da sehe er einen verkohlten Baumstrunk. Nun hätte er wenige Tage vorher ein Gewitter erlebt und es dabei mitangesehen, wie ein niederzuckender Blitz einen Baum gefällt und von ihm nur einen ganz ebenso verkohlten Strunk übergelassen hätte. Sofort wird nun der neue Eindruck des verkohlten Strunkes diese Erinnerung in ihm wachrufen und seine Phantasie wird sehen, wie der Blitz auch diesen zweiten Baum fällt und verkohlt. Und wenn keine gegenteiligen Erfahrungen vorhanden sind, so wird dieses Bild seiner Phantasie mit seinem Bewußtseinsinhalt übereinstimmen und sich in ihr fixieren. Und so wird er zu der Überzeugung gelangt sein: auch dieser Baum wurde von einem Blitz gefällt und verkohlt.

Dürfen wir aber diesen Vorgang als einen Schlußprozeß beschreiben? Ich glaube nicht. Was sich abgespielt hat, ist vielmehr eine  Assoziation.  Eine sinnlich gegebene Vorstellung hat eine andere wachgerufen. Und diese beiden Gesamtvorstellungen würden nur in der Sprache durch die beiden Sätze ausgedrückt werden: Hier steht ein verkohlter, zerspaltener Stamm; also hat ihn der Blitz getroffen. Dieser sprachliche Ausdruck aber wäre ein Schluß.

2. Diese Auslegung sieht einigermaßen gewagt aus. Ich will versuchen, sie durch Einschränkungen und Erläuterungen zu stützen und zu sichern.

Vorerst behaupte ich nicht, daß der sprachliche Ausdruck für jede Ideenassoziation ein Schluß sei. Es ist vielmehr schon eben eine Bedingung angedeutet worden. Das zweite Gliede darf nicht ein beliebiges Urteil sein; es muß vielmehr, um die Konklusio eines Schlusses zu bilden, ein Überzeugungsurteil sein. Wenn ich sage: "Das ist der Schloßgarten; da habe ich als Kind gespielt", so ist das gewiß kein Schluß. Denn der Satz: "Hier habe ich als Kind gespielt" ist nicht ein Überzeugungs-, sondern ein Mitteilungssatz; er enthält unter gewöhnlichen Umständen keine Behauptung. Ändern wir aber einmal diese Umstände ab: nehmen wir an, meine Erinnerung an die Jugend sei zweifelhaft geworden und erst durch den erneuten Eindruck werde sie wieder wachgerufen. Dann enthält derselbe Satz eine Behauptung und lautet dann: "Hier ist der Schloßgarten, - also  hier  habe ich als Kind gespielt." Und damit ist auch die äußere Form eines Schlusses hinzugetreten.

Wir können aber auch diese selbe Bedingung anders ausdrücken. Die assoziativ erweckte Vorstellung muß, um als Überzeugung gedacht zu werden, bis dahin unbekannt gewesen sein. Denn wäre sie eine schon von vornherein gegebene, so wäre für einen Akt des "Anerkennens" jetzt kein Raum. Andererseits muß die erregende Vorstellung, eben als solche, eine empirisch - sei es als Sinnesempfindung, sei es als Erinnerungsbild - gegebene sein. Mit anderen Worten, wir können den Schluß definieren als  den  in zwei Sätzen auftretenden sprachlichen Ausdruck für ein durch Assoziatioin verbundenes Vorstellungspaar, von denen die zweite neu ist und als eine Überzeugung gedacht wird."

3. Nun hat aber der Leser lange genug den Kopf geschüttelt und gefragt, seit wann denn der Schluß zweigliedrig sei, da er doch in allen Handbüchern gelesen, zu einem gültigen Schluß seien zwei Prämissen und eine Konklusio erforderlich? Nun, da will ich zunächst ein bemerkenswertes Zeugnis anführen. In seiner Logik sagt WUNDT (1): "So kommt es, daß überall, wo die Verbindungen sich leicht vollziehen, unser psychologisches Denken eine der Prämissen des Schlusses unterdrückt." Dieses Zeugnis gibt wohl schon allein zu denken. Doch es ist nicht vereinzelt. BINET, dessen Schlußtheorie wir gleich kennen lernen werden und der dabei auf die Dreigliedrigkeit das größte Gewicht legt - er selbst bezeichnet seine Ansicht als die Theorie "einer Operation der drei Begriffe" - führt einmal (2) unbewußte Schlüsse von Kranken an und gibt sie in der natürlichen und einfachen Form des "psychologischen Denkens." So liest man: Ich habe ihm einen Faustschlag gegeben - also muß er die Verletztung davon aufweise; oder : es ist spät - also habe ich Hunger. Niemand wird leugnen können, daß man im Leben wirklich so schließt; aber niemand wird auch leugnen können, daß diese Schlüsse zweigliedrig sind. Auch ist es klar, daß sie sich unserer Definition fügen: die Vorstellung des Faustschlages ist die empirisch gegebene Prämisse; diese Vorstellung zieht die des blauen Fleckes assoziativ nach sich; und indem diese bisher unbekannte Tatsache bejaht wird, zeigt sie sich als eine wahre Konklusion.

Wie steht es aber mit der angeblichen Unentbehrlichkeit der zweiten Prämisse? Zunächst ist klar, daß die wirklich nachweisbare Prämisse aller angeführten Beispiele der sogenannten  Minor  [Untersatz, zweite Prämisse - wp] der traditionellen Schlußfolgerung entspricht. Was fehlt ist hingegen die sogenannte  Maior  [Obersatz, erste Prämisse - wp]. Wie müßte nun die Maior und überhaupt der ganze Schluß im Falle des zuletzt angeführten Beispieles lauten? Offenbar so: Wer einen Faustschlag erhalten hat, muß eine Spur desselben aufweisen. Dieser Mann hat einen Faustschlag erhalten. Ergo muß dieser Mann die Spuren aufweisen.

Nun scheint es mir klar, daß diese Major nicht ein Gedanke ist, der von den in Minor und Konklusio ausgesprochenen Gedanken verschieden wäre, sondern daß sie bloß dieselbe Ideenverbindung, die sich im Fortschritt von der Minor zur Konklusio kundgibt, noch einmal enthält, aber nicht als einmaliges, psychologisches Ereignis, sondern als allgemeine Regel. Das heißt aber genau gesprochen: die beiden Vorstellungen, welche der Minor und der Konklusio entsprechen, - Faustschlag und Beule - sind hier bereits in eine einzige Gesamtvorstellung - Beule des mit der Faust Geschlagenen - zusammengefaßt. Mit anderen Worten, jene Erkenntnis, die durch den Fortschritt von der Minor zur Konklusio erst gewonnen wird, ist in der Major bereits in einer fertigen und erstarrten Form enthalten. Es besteht also psychologisch die Gleichung:
Minor + Konklusio = Major.

Nun ist aber evident, daß, wenn die Minor ein augenblickliches empirisches Datum ist, gerade diese Major dem Subjekt nie in den Sinn kommen kann, ehe ihm die Konklusio eingefallen ist. Das Verhältnis stellt sich somit so dar: die Minor erweckt assoziativ die Konklusio. Hiermit ist der eigentliche Schlußprozeß abgeschlossen. Die Major ist nur eine nachträgliche Bestätigung, mit der die objektive Gültigkeit des vollzogenen Schlußes gemessen werden kann. So ergibt sich, daß die Major für die psychologische Tätigkeit des Schlusses unwesentlich ist, wichtig aber nur für seine logische Richtigkeit. Es bleibt also dabei, daß der Schluß, wenn er empirisch stattfindet, ein zweigliedriger Vorgang ist, in welchem eine neue Vorstellung durch eine alte assoziativ erzeugt wird.

4. Nach diesen Erläuterungen noch ein paar Zeugnisse, die mit meiner Anschauung darin übereinstimmen, daß sie den Schluß für einen Assoziationsvorgang halten, der von einer bekannten zu einer unbekannten Einzelvorstellung fortschreitet.

Schon der Renaissance-Philosoph BERNARDINO TELESIO erklärt (3) "die Erkenntnis für ein Vermögen, die unbekannten Eigenschaften und Bedingungen der Dinge zu entdecken ... Schließen heißt nur auf die gedachte Weise die fehlenden Eigenschaften erkennen." Dann sagt in neuester Zeit BINET (4): "Dies ist also die Funktion des Schlusses: er erweitert das Gebiet unserer Empfindungsfähigkeit und erstreckt es auf alle Gegenstände, die unsere Sinne nicht unmittelbar erkennen können. So ist er ein ergänzender Sinn." Ähnlich sagt MEYNERT (5): "Ein Mensch ist auf eine unbekannte Insel geraten und findet dort eine Uhr. Sofort schließt er, daß die Insel ... ein Mensch betreten haben müsse ... (es) ist das Bild der Uhr oft mit dem des Menschen zusammen erregt worden ... Die Reproduktion der Uhr ... hebt ... das Bild des Menschen ins Bewußtsein. Aus einer vorhandenen Wahrnehmung wird eine nicht vorhandene erschlossen. Der Gehirnmechanismus vermag Schlußprozesse zu bilden." Vgl. endlich auch die verwandten Ausführungen JOHN STUART MILLs im 2. Buch seiner Logik.

5.An dieser Stelle möchte ich die nun so oft erwähnte Schlußtheorie von BINET besprechen. Dieser geht davon aus, daß auch die äußere Wahrnehung dem Schluß in hohem Maß analog sei. So wie nämlich der Schluß von einem gegebenen Datum zu einem nicht gegebenen fortschreite, so ergänze auch die Wahrnehmung die spärlichen Data der unmittelbaren Sinnesempfindung zu einem komplizierten Ganzen. Beide seien ein "Übergang der Erkenntnis vom Bekannten zum Unbekannten aufgrund früherer Erfahrungen und einer zu diesen bestehenden Ähnlichkeitsbeziehung." (6) Die Größe und Existenz einer Orange nehme ich wahr, obwohl mir die Gesichtsempfindung kaum mehr als einen farbigen Fleck liefert. Allein alle übrigen Eigenschaften einer Orange waren in früheren Fällen mit einem ebensolchen farbigen Fleck verknüpft und indem zunächst die gegenwärtige Empfindung die frühere wachruft - Assoziation der Ähnlichkeit - und dann diese die koexistierenden Qualitäten - Assoziation der Berührung -, wird aus der Sinnesempfindung die Wahrnehmung. Ganz ebenso ruft im oben angeführten Beispiel der Anblick eines verkohlten Baumstrunks einen früheren ähnlichen Anblick wach - Assoziation der Ähnlichkeit - und dieser den Blitz - Assoziation der Berührung. In beiden Fällen also bleiben die früheren Erfahrungen unbewußt und bilden doch die Grundlage dieses Prozesses: das eine Mal das Assoziationsmaterial, das andere Mal die Major. Der Sinnesempfindung dort entspricht hier die Minor, der Wahrnehmung die Konklusio. Was folgt hieraus? Nicht, daß der Wahrnehmung ein unbewußter Schlußprozeß zugrunde liegt; im Gegenteil: derselbe wesentlich wortlose Assoziationsvorgang kann das einemal als Wahrnehmung, das andere Mal als Schluß angesprochen werden.

Soweit BINET in freier Wiedergabe. Im großen und ganzen halte ich diese Betrachtung für eine der größten Errungenschaften moderner Psychologie. Und es wäre zu hoffen, daß damit jene Rede vom unbewußten Wahrnehmungsurteil ein- für allemal abgetan sei. Hier aber müssen wir uns mit zwei Nebenfragen auseinandersetzen.

6. Einmal kann nicht geleugnet werden, daß, wenn der Schluß weiter nichts wäre, als eine Assoziation - vom sprachlichen Ausdruck natürlich abgesehen - derselbe 1. ins Unbegrenzte verlaufen könnte und 2. nicht das Bewußtsein einer Notwendigkeit aufweisen, keine Beurteilung auf Wahrheit und Irrtum zulassen würde. Das gesteht BINET selbst ein (7), wenn er vom gewöhnlichen Assoziationsablauf sagt: "Wie es kommt, daß diese Vorstellungserweckungen keine Schlüsse sind, darüber wüßte ich in Wahrheit nichts zu sagen." Beiden Mängeln aber kann meines Erachtens abgeholfen werden, indem man das Moment der Überzeugung einführt. Der Assoziationsprozeß kann ins Unendliche verlaufen, aber nur bis er durch eine Überzeugung, die sich in einer Behauptung aussprechen kann, zum Stillstand gebracht wird. Damit ist dann ein Schlußprozeß abgeschlossen und wenn diese Assoziationsreihe sich nun fortspinnt, so beginnt damit ein neuer Schluß. Und ebenso unterliegt nicht die Assoziation als solche, sondern erst ihr Endglied der Anerkennung oder Verwerfung. Freilich wird man nicht unterlassen, mir einzuwenden, ich verwechsle die Wahrheit oder Irrtümlichkeit eines Resultates mit der Gültigkeit oder Ungültigkeit eines Schlusses, also die materielle mit der formellen Wahrheit. Dem ist aber nicht so. Es wird ja allgemein zugegeben, daß die formelle Wahrheit eine hypothetische sei. Geltend die Prämissen, so folgt aus ihnen die Konklusion, pflegt man zu sagen. Ich kehre dies nur um und sage: Folgt aus der Minor die Konklusio, so ist die Maior gültig. Ich sehe z. B. täglich um die Mittagsstunde einen Mann in ein bestimmtes Haus gehen. Ich schließe, daß er dort wohnt. Dieser Schluß ist wie jeder Schluß des wirklichen Denkens ein Analogieschluß. Für ihn gibt es keine formale Wahrheit. Die formale Wahrheit würde erst auftreten, wenn wir die Maior hinnehmen: Wer täglich in dasselbe Haus geht, wohnt dort. Diese Maior wäre gewiß gerade so falsch wie jene Konklusio, aber sie liegt auch ebenso nahe. Man kann aber auch aus diesem Beispiel etwas ganz anderes und viel wichtigeres ersehen. Der genannte Schluß ist nämlich eigentlich ein Wahrscheinlichkeitsschluß. Was heißt das aber? Das heißt logisch, daß die gültige Maior lauten würde: Viele Leute, irgendwelche Leute etc., wohnen dort. Psychologisch drückt sich aber diese nur wahrscheinliche Geltung aus im geringeren Grad der Überzeugung, mit welcher die Folgerung angenommen wird. Man sieht also, daß unsere Auffassung in ungekünstelter Weise die Wahrscheinlichkeitsschlüsse mit den Syllogismen verbindet. Und das scheint mir geradezu nur unter der Voraussetzung möglich, daß man das oft so genannte Bewußtsein der Notwendigkeit nicht auf die Folgerung als solche, sondern auf die Konklusio bezieht, denn es hat schlechterdings keinen Sinn zu sagen, daß der Assoziationsprozeß mit größerer oder geringerer Intensität vor sich gehen könnte. Wollte aber gar jemand Rechenschaft verlangen über den Unterschied zwischen induktiven und deduktiven Schlüssen, so müßte ich erwidern,  daß es deduktive und induktive Schlüsse ebensowenig gibt, wie analytische und synthetische Urteile;  sondern was es in Wahrheit gibt, sind Urteile und Schlüsse im Dienst einer analytischen und deduktiven, respektive synthetischen und induktiven  Methode Sokrates ist ein Mensch - ergo ist er sterblich -' dieser Analogieschluß kann sowohl deduktiv als induktiv verwendet werden. Stets beruth er auf der Voraussetzung, daß viele andere Menschen gestorben sind und stets drängt mich die Ähnlichkeit der Umstände, auch SOKRATES für sterblich zu halten. Aber ich kann diese Erwartung nun in doppelter Weise verwerten: einmal kann ich diesen Einzelfall um seiner selbst willen betrachten und meine auf ihn bezügliche Überzeugung vom reichen Assoziationsmaterial als von einem zureichenden Grund determiniert sein lassen; dann gehe ich deduktiv vor, indem ich aufgrund allgemeiner Erfahrungen einen Einzelfall beurteile. Oder aber ein anderesmal kann ich diesen Fall lediglich als einen Fall ansehen, dessen Besonderheit darin besteht, daß ich ihn aufgrund bloßer Analogie beurteilen kann und der insofern typisch ist für alle ähnlichen Fälle; dann gehe ich induktiv vor. Mit anderen Worten: in der deduktiven Verwendung sagt mir der angeführte Schluß "Sokrates der Sohn des Sophroniskos als Individuum muß sterben; in der induktiven Verwendung aber sagt er: "Sokrates als Glied der Gattung Mensch muß sterben." Dem ersten Satz könnte man noch hinzufügen: weil jeder andere auch sterben muß, dem zweiten: und also muß auch jeder andere sterben.

7. Aber, wie gesagt, noch ein zweiter Einwand erhebt sich gegen die BINETsche Theorie in ihrer derzeitigen Fassung. Es erscheint nämlich sehr fraglich, ob die Unterscheidung der beiden ersten Glieder des angeblich dreigliedrigen Prozesses sich aufrechterhalten läßt, beziehungsweise ob ihrer zweifellosen idealen Unterscheidbarkeit auch eine empirische Unterscheidung entspricht. Ich glaube, der sinnliche Eindruck und die frühere ähnliche Erfahrung werden unter normalen Verhältnissen nicht als zwei getrennte Bewußtseinszustände empfunden, vielmehr folgt unmittelbar die mit der letzteren assoziierte Vorstellung. Mit anderen Worten, ich glaube, das von BINET selbst formulierte Gesetz der Verschmelzung macht sich auch hier geltend. Deshalb steht es in diesem Falle nicht anders als in jenem einfachen Fall der Berührungsassoziation, wo das Wiederauftauchen einer schon einmal dagewesenen Vorstellung auch eine mit der ersten koexistierende Vorstellung erweckt. Auch da müßte man ja ideell die beiden inhaltsgleichen Vorstellungen auseinanderhalten und erst die spätere die frühere und dann erst diese die koexistente erregen lassen. Hiermit stimmt aber die innere Erfahrung nicht überein. In einem solchen Fall verschmelzen eben die identischen Bewußtseinszustände zu einem einzigen. Und genau genommen kann dieser Vorgang nur ein Spezialfall der Verschmelzung ähnlicher Bewußtseinszustände sein, da eine vollständige Identität empirisch nicht vorkommen dürfte. Auf eine nähere Erörterung dieser Frage können wir uns hier nicht einlassen. Denn wir würden hiermit an zwei der schwierigsten Probleme der Psychologie rühren: das Verhältnis von Gleichheit und Ähnlichkeit und das Problem des Wiedererkennens, welches mit dem der Kontinuität unseres persönlichen Bewußtseins in engster Beziehung steht. Einige Andeutungen über den ersten Punkt sollen im nächsten Abschnitt ihre Stelle finden. Hier muß es genügen, darauf hinzuweisen, daß auch die Verschmelzung ähnlicher, ursprünglich also ununterscheidbarer Vorstellungen unter dieses allgemeine Gesetz fallen muß. Daraus aber ergibt sich für unsere Frage, daß man auf dem empirischen Standpunkt Schluß und Wahrnehmung nincht als dreigliedrige, sondern als zweigliedrige Prozesse aufzufassen hat.

8. Wir haben bisher das sprachliche Element vernachlässigt. Darüber genügen aber wenige Worte. Der Mitteilungszweck des Schlusses ist, im Hörer dasselbe Vorstellungspaar ablaufen zu lassen, wie im Sprecher. Die beiden Glieder des Assoziationspaares werden jedes für sich sprachlich ausgedrückt, ihre assoziative Verbindung aber, welche auf der Wirksamkeit der früheren Erfahrung beruth, findet einen besonderen sprachlichen Ausdruck nicht - wenn nicht jemand die Maior dafür nehmen wollte. Es wird also darauf gerechnet, daß der Hörer die beiden Gesamtvorstellungen nicht in toter Selbständigkeit nacheinander bilden, sondern das assoziative Band reproduzieren werde. Man kann deshalb auch sagen, einen Schluß verstehen heißt: von zwei mitgeteilten Vorstellungen die eine assoziativ aus der anderen hervorgehen lassen.

Von den anschaulichen Korrelaten eines Schlusses kann bei der großen Kompliziertheit der fraglichen Verhältnisse naturgemäß kaum gesprochen werden. Das erkennt auch BINET an, wenn er sagt (8): "Was in meinem Geist vorgeht, wenn ich sage: Alle Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist er sterblich", darüber weiß ich nichts Genaues. Es scheint mir, daß ich eine Abfolge verworrener Bilder wahrnehme."

Betrachten wir zum Schluß mit ein paar Worten die Bedeutung des Schlusses für das Denken, so ergibt sich aus dem Gesagten Folgendes: auch der zusammenhängende Gedankenverlauf kann sich in doppelter Weise vollziehen. Entweder als eine Reihe anschaulicher Gesamtvorstellungen, deren eine die andere assoziativ erzeugt und welche von Zeit zu Zeit durch ein Ergebnis unterbrochen wird, das, mit dem übrigen Bewußtseinsinhalt verglichen, zu einer Überzeugung führt; oder als eine Kette von Sätzen, jeder zusammengesetzt aus allgemeinen Worten, von denen ab und zu einer eine Behauptung enthält.

Und somit stehen wir zum dritten Mal vor der Frage: Wie geht das Denken wirklich vor sich? Oder besser, wann geht es auf die eine, wann auf die andere Weise vor sich? Und jetzt sind wir zu ihrer Beantwortung hinreichend vorbereitet und wenden uns deshalb im letzten Abschnitt dieser wichtigsten Untersuchung zu.
LITERATUR: Heinrich Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien, 1897
    Anmerkungen
    1) WILHELM WUNDT, Logik I, Seite 68
    2) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 152
    3) HARALD HÖFFDING, Geschichte der neueren Philosophie I, Seite 106
    4) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 149
    5) MEYNERT, die Mechanik des Gehirnbaues, Seite 10
    6) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 82
    7) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 157
    8) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 140