Über den Begriff der Erfahrung [ 1 / 2 ]
Diese mehr als naive Manier, den "armen empirischen Teufel" in das Reich der Natur zu versetzen, auf welchen man aus dem Reich der Gnade herabsieht, hat begreiflicherweise viel Nachahmung gefunden; nicht nur SCHELLING und HEGEL, wie in geringerem Maße auch HERBART und SCHOPENHAUER nebst ihren Anhängern sind überzeugt, daß die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Erfahrung weit hinter dem Wert der spekulativen Entdeckungen zurückbleiben, sondern das alte Vorurteil übt auch gegenwärtig noch seine Wirkung aus. Zwar ist es die Erfahrung allein in Verbindung mit der empirischen Methode, deren immer größerer Ausdehnung über alle Wissensgebiet wir die Fortschritte und die Sicherheit der wissenschaftlichen Forschung verdanken; und die verschiedenartigen Gegner des philosophischen Empirismus, welche viele Jahrhunderte lang die unbestrittene Herrschaft hatten, sind allmählich Schritt für Schritt aus ihren Positionen verdrängt worden. Indessen wiederholt sich auch jetzt wieder das Schauspiel, welches die Geschichte der Philosophie so oft darbietet; vom einst allumfassenden absoluten apriorischen Wissen sind nur noch unbedeutende Bruchstücke übrig, aber sie genügen vielen Aprioristen zu der Ansicht, daß die nie ruhende wissenschaftliche Entwicklung mit ihnen ihren definitiven Abschluß erreicht habe und die wahre Philosophie entdeckt sei, gegen welche der "einseitige, flache, oberflächliche, nackte, rohe Empirismus", in concreto der "bornierte Empiriephilister" vergebens ankämpfe. Zur mehreren Bekräftigung dieser wohlwollenden Ansicht konstruieren sie sich zuweilen ein Gemisch von möglichst unhaltbaren Meinungen, welches sie mit dem Namen des Empirismus versehen und mittels des ihnen eigentümlichen Tiefsinns gründlich vernichten. Auch erscheint ab und zu eine Art von Beweisversuchen, nach welchen das Verfahren des LEIBNIZschen "Empirikers" mit dem der wissenschaftlichen Forschung und des philosophischen Empirismus prinzipiell auf gleicher Stufe, jedenfalls aber weit unter dem Apriorismus steht. Dieser Grundirrtum erhält sich vornehmlich durch die sehr mangelhafte Kenntnis der "Erfahrung" des natürlichen Denkens wie des Wege, auf welchem es zu ihr gelangt und wird daher am besten durch eine Darlegung beseitigt, welche die Natur und Entstehung der gemeinen Erfahrung und zugleich die Entwicklung des Apriorismus aus jener aufzeigt. Die spekulative Psychologie hatte den auch von KANT noch beibehaltenen Satz aufgestellt, daß die Sinne verschiedener Subjekte dem Inhalt nach verschiedene Wahrnehmungen ein und desselben Objektes liefern, was nebst den Sinnestäuschungen dazu führte, den Sinneswahrnehmungen alle Wahrheit abzusprechen und diese mit ihrem formalen Kriterium der Allgemeinheit und Notwendigkeit nur in den Produkten des Denkens, in den Begriffen des Verstandes zu suchen. An der Richtigkeit jener Tatsache ist nicht zu zweifeln, nur hat sie Ursachen, welche außerhalb der Sinne liegen und kann daher nicht als Grundlage für das aus ihr abgeleitete Funamentaldogma der dogmatischen Psychologie dienen. Die Ungleichheit der Wahrnehmungen, weclhe das nämliche Objekt bei verschiedenen normal organisierten Subjekten hervorruft, rührt von der Ungleichheit der Aufmerksamkeit her, von den im Bewußtsein vorhandenen oder auch den latenten Assoziationen, wie von der Verschiedenheit des geistigen Gesamtzustandes überhaupt, mit welchem ein Objekt apperzipiert wird. Das ergibt sich daraus, daß, sobald es gelingt, alle zur andauernden aufmerksamen Beobachtung zu bringen, die Verschiedenheit allmählich schwindet und endlich unvollkommene Übereinstimmung eintritt, wie ja Subjete von annähernd gleichen geistigen Anlagen und Antezedenzien [Vorhergehendem - wp] von vornherein etwa gleiche Wahrnehmungen erhalten, ohne dabei irgendwie begrifflich zu denken. Aus der Einsicht in die faktische Ungleichheit der direkten Erkenntnisse ging das materiale Kriterium der Wahrheit hervor als "Übereinstimmung der Vorstellung mit dem Gegenstand", die erst seit KANT aufgegebene Definition der Wahrheit; Gegenstand bedeutet hier im Bereich der sinnlichen Erkenntnis dasjenige, was bei genauer Beobachtung alle wahrnehmen "müssen", woraus sich die Heranziehung der Allgemeinheit und Notwendigkeit als formaler Kriterien der Wahrheit erklärt, die nun freilich auch umgekehrt als zureichender Grund der Wahrheit nicht weiter verbürgter Annahmen angesehen wurden. Der entscheidende Einfluß der Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmungen ist längst allgemein anerkannt; nun entzieht sich aber dieselbe zunächst der willkürlichen Bestimmung des Subjekts in natürlichen Zustand und wird durch Ursachen hervorgerufen und abgelenkt, welche vom rein theoretischen Interesse weit abliegen. Daher kann es für diesen Standpunkt als Regel gelten, daß sie nur im Dienst der Praxis angewandt wird, von allen Objekten dagegen, die ein praktisches Interesse nicht bieten, gänzlich fern bleibt, daher diese stets nur wahrgenommen, niemals betrachtet und beobachtet werden. Der flüchtige Eindruck nur die oberflächlichste Kenntnis der Objekte, ohne über ihre Eigenschaften zu belehren; ebensowenig wird der Zusammenhang, in welchem sie mit ihrer Umgebung stehen, näher ins Auge faßt. Nach der Beschaffenheit der Wahrnehmung richtet sich nun die der Vorstellung, d. h. zunächst die der direkten innerlichen Reproduktion eines durch die direkte Erkenntnis als räumliches Kontinuum, daher als "Einheit" gegebenen Objektes: auch das Erinnerungsbild der oberflächlichen Wahrnehmung bietet keinen Komplex von zusammenhängenden Merkmalen und Eigenschaften, sondern nur einen sehr ungenügenden Totaleindruck der gesehenen Umrisse und stellt daher der willkürlichen Verarbeitung durch die "produktive Phantasie" kein Hindernis entgegen. Das Subjekt trennt die in der Wahrnehmung verbundenen Elemente mehrerer einheitlicher Objekte und verbindet jene ohne Rücksicht auf ihren objektiven Zusammenhang in ganz beliebiger lediglich vom Zusammentreffen in der Erinnerung bestimmter Weise, wobei es auch über Raum und Zeit willkürlich verfügt. Diese Kombination der unbewußten Ideenassoziation fallen unter den Begriff des Denkens, welchen die empiristische Psychologie aufstellt: Denken ist Vereinen, Trennen, Beziehen etc. irgendwelcher gegebener Elemente der äußeren wie der inneren Wahrnehmung, ebenso auch Verbindung bloßer Worte und abstrakter Begriffe; die Verschiedenheit des Materials kommt den Operationen der rein formalen Denktätigkeit gegenüber nicht in Betracht. Jede "schöpferische" Tätigkeit des Denkens, im Sinne einer Erschaffung aus Nichts, ohne einen durch direkte Wahrnehmung gegebenen Stoff, ist dadurch ausgeschlossen; alle Vorstellungen, Begriffe und Gedanken ohne Ausnahme sind Produkte aus Kombinationen sinnlicher Faktoren. Wenn sich dies nun so verhält, so entsteht die Frage: Woher kommt das Un- oder Übersinnliche? ist es "a priori", unabhängig von der direkten Wahrnehmung, gegeben oder entsteht es erst allmählich als Produkt des unbewußten Denkens durch die willkürliche Verarbeitung des Inhalts der unmittelbaren Erkenntnis? Je nachdem man diese Frage spekulativ, durch Hypothesen oder Konstruktionen irgendwelcher Art oder empirisch nach Maßgabe der durch Beobachtung eruierten Tatsachen beantwortet, gelangt man zu entgegengesetzten Resultaten. Gegen die ausschließliche Anwendung der letzteren Methode wird ein sachlicher Einwand wohl nicht vorgebracht werden können. Die vergleichende Anthropologie gibt uns über die allmähliche Entstehung der Annahme "unsinnlicher Wesen" genügenden Aufschluß. Die direkte Wahrnehmung selbst bietet beträchtliche Unterschiede der wahrgenommenen Objekte dar; Traumbilder, Visionen und Halluzinationen, Spiegelungen im Wasser etc. sind rein sinnlicher Natur, ermangeln aber der Solidität und Greifbarkeit der sogenannten körperlichen Objekte, welche natürlich gewohnter und bekannter als jene sind; sie rufen daher das philosophische thaumazein [Staunen - wp] hervor, welches durch praktisch sehr fühlbare unliebsame Unterbrechungen des gewohnten Laufs der Dinge beträchtlich gesteigert wird und so endlich auch zum rein theoretischen Nachdenken führt. Hierdurch entwickelt und befestigt sich um der "Erklärung" des Andersseins wie der Veränderungen willen eine Theorie, welche TYLOR in seinem ausgezeichneten Werk "Die Anfänge der Kultur" als Animismus bezeichnet (Seite 411f). Derselbe dient nach TYLOR zur Erklärung vornehmlich zweier biologischer Problemgruppen, indem er Antwort auf die folgenden zwei Fragen gibt:
2. Was sind jene menschlichen Gestalten, die uns in Träumen und Visionen erscheinen? "Der wilde Philosoph, der diese Erscheinungen sah, hat praktisch die eine zur Erklärung der anderen benutzt, indem er beide in einen Begriff vereinigte, den wir Gespenstseele oder Geistseele nennen können: ein dünnes körperloses Menschenbild, eine Art Dampf, Häutchen oder Schatten, die Ursache des Lebens und Denkens im Individuum, das es bewohnt; es besitzt unabhängig das persönliche Bewußtsein und den Willens seines körperlichen, früheren oder jetzigen Besitzers; es vermag den Körper weit hinter sich zu lassen, um schnell von Ort zu Ort zu eilen; es ist meist ungreifbar und unsichtbar, doch offenbart es auch physische Kraft und erscheint besonders den Menschen im wachenden oder schlafenden Zustand als ein von dem Leib, dem es ähnlich ist, getrenntes Phantasma; endlich kann es in den Körper anderer Menschen, Tiere und selbst Dinge eindringen, sie in Besitz nehmen und beeinflussen." "Der Geist oder das Gespenst, das der Träumende oder Visionär sieht, gleicht einem Schatten und so wird Schatten zu einem Ausdruck für die Seele, skia und umbra." Der Animismus enthält Annahmen, welche manchen theosophischen und metaphysischen Spekulationen sehr nahe kommen: "Alle, welche an die wirkliche, objektive Gegenwart der Erscheinungen glauben, nehmen es als implizit gegeben an, daß die ihnen erscheinende menschliche Seele ihrem fleischlichen Leib ähnlich ist." Bei SWEDENBORG heißt es: "Des Menschen Geist ist sein Gemüt, das nach dem Tod in vollkommen menschlicher Gestalt fortlebt." Auch nach der animistischen Theorie kommen die Toten in der anderen Welt in derselben Gestalt an, in welcher sie diese Welt verlassen. "Verstümmelung des Körpers ist zugleich Verstümmelung der Seele" - wer würde hierdurch nicht an die prästabilisierte Harmonie erinnert? Der Naivität der Wilden fehlt die Wertschätzung des eigenen Ich, welche allmählich die Annahme einer Seele auf den Menschen allein reduziert hat:
"Auch den Pflanzen, die so gut wie die Tiere die Erscheinungen des Lebens und des Todes, der Gesundheit und Krankheit zeigen, hat man naturgemäß eine Art von Seele zugeschrieben." "Manche verhältnismäßig hochstehende wilde Rassen, denen sich andere wilde und barbarische Rassen mehr oder minder eng anschließen, geben auch Stöcken und Steinen, Waffen, Booten, Nahrungsmitteln, Kleidern, Schmucksachen und anderen Gegenständen, die für uns nicht nur seelenlos, sondern auch leblos sind, trennbare und den Leib überlebende Seelen und Geister. Dies erklärt sich einfach daraus, daß die Wilden wie die Kinder allen diesen Dingen Persönlichkeit beilegen, wie ja in Träumen und Visionen ihnen die Phantome nicht nur von Personen, sondern auch von Gegenständen erscheinen. Es ist daher nur konsequent, auch Gegenständen Geist und Seele beizulegen. Der moderne Haufen, der vom Begriff der Gegenstandsgeister nichts weiß oder nichts wissen will, ist in einen Bastardzustand geraten, der weder die Logik des wilden, noch die des zivilisierten Philosophen besitzt." "Die Definition der Seele ist von Anfang an die einer lebenden, lostrennbaren, den Körper überdauernden Wesenheit, das Vehikel der individuellen, persönlichen Existenz geblieben. Die Theorie der Seele ist ein Hauptbestandteil eines Systems der Religionsphilosophie, das in ununterbrochener Linie des geistigen Zusammenhangs den wilden Fetischanbeter mit dem zivilisierten Christen verknüpft." "Es scheint, als ob die Vorstellung von einer menschlichen Seele, einmal vom Menschen ergriffen, als Typus oder Vorbild gedient hat, nach welchem er nicht nur seine Ideen von anderen Seelen niedrigeren Grades, sondern auch von geistigen Wesen im Allgemeinen gestaltet hat, vom winzigsten Elfen, der sich im hohen Gras tummelt, bis hinauf zum großen Geist, dem himmlischen Schöpfer und Lenker der Welt. Nichts kann die ähnliche Natur der Seelen und der anderen geistigen Wesen klarer zur Anschauung bringen, als die Existenz einer vollständigen Übergangsreihe von Vorstellungen und in der Tat betrachtet man die Seelen Verstorbener als eine der wichtigsten Klassen von Dämonen und Gottheiten." Die subjektive Unbegreiflichkeit, welche auch jetzt noch vielfach als genügender Beweis für die objektive Unmöglichkeit angesehen wird, hat nebst ihrem Gegenteil, der Begreiflichkeit, eine lange Entwicklung durchgemacht, deren Hauptphysen mit genügender Sicherheit ihre Identität von den ersten naiven Anfängen bis zu ihrer höchsten Ausbildung in der spekulativen Philosophie feststellen lassen, wodurch denn auch ihr prinzipiell gleicher Erkenntniswert gegenüber der wissenschaftlichen Erfahrung charakterisiert ist. Der Gegensatz zwischen Wissen und Begreifen ist ein künstlich geschaffener, welcher ebensowenig ursprünglich existiert, wie mit sachlichen Gründen aufrecht erhalten werden kann. Die menschliche Erkenntnis beginnt tatsächlich nicht mit dem Wissen, sondern mit dem Begreifen, dessen charakteristisches Merkmal seine unerschütterliche subjektive Gewißheit ist, so daß man das eine nie ohne das andere findet; nur was begriffen ist, führt subjektive Gewißheit mit sich und nur, was subjektiv gewiß ist, wird begriffen. Zu dieser Gewißheit des Begreifens führt die häufige Wiederholung, sei es der direkten Wahrnehmung oder der Reproduktion einzelner Wahrnehmungen oder auch der Ideenassoziationen; alles Bekannte und Gewohnte ist an und durch sich vollkommen begreiflich. Nun hat der Mnesch im primitiven Zustand überhaupt nur bekannte und gewohnte Objekte, d. h. was dabei oft ignoriert wird, sie werden ihm im Verlauf seines Lebens bald bekannt und gewohnt, daher begriffen. In die Lücken seines Begreifens, welche durch ungewohnte Ereignisse und Veränderungen bekannter Objekte hervorgerufen werden, schiebt er zunächst dasjenige ein, was ihm durch die immerwährend Sorge für die Erhaltung seines Lebens das Bekannteste geworden ist, seine Person und sein Tun; später die ihm allmählich bekannt werdenden Gegenstände seiner Umgebung nebst ihren wechselnden Zuständen, endlich auch seine eigenen "apriorischen" Gedanken. Innerhalb seines engen Kreises bewegt sich sein theoretisches Denken, das in der unbewußten Ideenassoziation fast ganz aufgeht, mit der größten Sicherheit und mit ebenderselben Unfehlbarkeit überträgt er den hier gesammelten Stoff auf alles andere und begreift dadurch auch dieses, wie es überhaupt nichts für ihn gibt, was er nicht wüßte und begriffe. Daß er das zum großen Teil "a priori", d. h. ohne Erfahrung erreicht, ahnt er selbst nicht im Mindesten; das Übergewicht der Sinne läßt es nicht zur Annahme irgendwelcher nichtsinnlichen Erkenntnisse kommen, wie die religiösen Offenbarungen aller Art genügend beweisen. Er macht daher keinen Unterschied zwischen direkter und indirekter Erkenntnis, da er die letztere überhaupt nicht kennt und sonach alles für "Erfahrung" hält, welche auch "seiner Vernunft vollkommen Genüge tut." In der absoluten Gewißheit seiner Erfahrung wird das natürliche Denken wesentlich befestigt durch die immer wiederkehrenden Bestätigungen der von vornherein angenommenen Richtigkeit seiner Wahrnehmungen und Gedanken; denn da die Flüchtigkeit seiner Wahrnehmungen stets etwa dieselbe bleibt und der Erkenntniswert der unbewußten Ideenassoziation ohne wirkliche Erfahrung den der krankhaften Ideenflucht nicht sehr übertrifft, so sieht und denkt er immer wieder dasselbe, was er früher gesehen und auch jetzt zu sehen erwartet hatte. Dies überzeugt ihn natürlich, wenn möglich, noch mehr von der Unfehlbarkeit seines Denkens und dadurch wird er wieder an genauerer Beobachtung verhindert - ein circulus vitiosus [Teufelskreis - wp], in welchem er selbst sich sehr behaglich fühlt; daher wird er durch kritische Störungsversuche zwar gereizt, aber nicht zur Änderung seines gewohnten Verfahrens, sondern nur zur Abwehr der Störungen und so hat es gewöhnlich bei ihm sein Bewenden mit dem zweiten Teil des geistreichen FECHNERschen Apercus: "Der Naturforscher glaubt nur, was er sieht; der Philosoph sieht nur, was er glaubt." Wenn dies den Philosophen machte, so wären alle Menschen geborene Philosophen. Damit steht es in engstem Zusammenhang, daß das natürliche Denken sich kaum einmal von seinen Irrtümern überzeugt und selbst, wenn es in einzelnen Fällen sich dieser Einsicht nicht entziehen kann, ihr doch keine praktische Folge gibt. Es sucht für seine Irrtümer teils äußere Ursachen, teils entschuldigt es dieselben als Versehen, Flüchtigkeiten etc., die das nächste Mal gewiß vermieden werden und der Fülle seiner richtigen Einsichten gegenüber überhaupt nicht in Betracht kommen. Daß das gewohnte Verfahren selbst es ist, welches nicht zu einzelnen Irrungen führt, sondern als die allgemeine Ursache der konstant wiederkehrenden Irrtümer betrachtet werden muß, daß also die menschliche Naturanlage selbst den Irrtum hervorbringt - zu dieser Erkenntnis kommt es sehr spät, denn sie ist nur durch eine richtige Ansicht über das Verhältnis des Denkens zur Wahrnehmung und über den Erkenntniswert des unbewußten Denkens möglich. Der natürliche Verlauf der Ideenassoziation und der objektiv bedingte Zusammenhang der Wahrnehmungen stehen zueinander im Verhältnis des "relativen Zufalls", d. h. sie bilden zwei voneinander unabhängige Kausalreihen, von denen sich jede unbeeinflußt durch die andere nach ihren eigenen Gesetzen abwickelt. Daher ist es "zufällig" zu nennen, wenn sich die Produkte der unbewußten Ideenverknüpfung einmal mit der objektiven Verbindung der Dinge in Übereinstimmung befinden, wenn z. B. in einem Fall der bloßen gedanklichen Assoziation von Ursache und Wirkung die erforderliche Grundlage in der Erfahrung gegeben ist. Nennt man mit ARISTOTELES auch dasjenige, was meistenteils geschieht, "notwendig", so führt, wie die tägliche Beobachtung lehrt, das unbewußte Denken notwendig zum Widerspruch mit der direkten Erkenntnis, also zum Irrtum. Weil das natürliche Denken fast ganz in der unbewußten Ideenassoziation aufgeht, deshalb ist es weit entfernt, diesen Sachverhalt zu ahnen; es hält vielmehr alle seine Gedanken schon durch ihre bloße Existenz für sachlich begründet, für Erkenntnisse. Zur Überlegung über die Art, wie es zu seinen Gedanken gelangt und über das Verhältnis des Denkens zur Wahrnehmung hat das naive Bewußtsein weder Veranlassung noch Fähigkeit und bleibt daher über den objektiven Tatbestand in der vollständigsten Unwissenheit, wiewohl es sich natürlich über denselben, wie über alle Objekte seines Bereichs, seine unfehlbare Meinung gebildet hat. Diese ist, dem allgemeinen Standpunkt entsprechend, höchst primitiv: in chaotischer Ungeschiedenheit liegen alle Elemente, Wahrnehmung, Erinnerung, Denken und Erkennen bei und durch einander. Wegen des fast gänzlichen Mangels an Beobachtung identifiziert man auf dieser Stufe direkte und indirekte Erkenntnis, die sinnliche Wahrnehmung und ihre gedankliche Verarbeitung und kennt demgemäß auch keinen Unterschie in der Gewißheit beider; Tatsache und Vermutung, Wirklichkeit und Möglichkeit erscheinen hier durchaus gleichwertig. Die Idee der Entwicklung ist diesem Standpunkt ebenfalls gänzlich fremd; unter dem Druck der Sinnlichkeit, welche ihm nur fertig und abgeschlossen erscheinende Objekte überliefert, erkennt das naive Bewußtsein nicht einmal die Tätigkeit wieder, welche es in den Kombinationen seiner Ideen selbst übt - es hält alle Gedanken für fertiges Wissen und dessen gedächtnismäßige Reproduktion. So seltsam dies denjenigen klingen mag, welchen diese Unterscheidungen geläufig und die Meinungen der Menschen nur aus Handbüchern bekannt sind, so findet man es doch durch die Beobachtung sofort bestätigt, ohne daß man deswegen genötigt wäre, große Entdeckungsreisen zu wilden Völkern zu machen. Auch ist jedermann in den Stand gesetzt, diesen Tatbestand nicht nur zu wissen, sondern auch zu "begreifen"; denn die Selbstbeobachtung lehrt täglich, daß da, wo man nicht bewußt und methodisch denkt, sich mit dem natürlichen Verfahren auch die natürlichen Irrtümer einstellen. Natürlich erkennt man diese erst als solche und die unbewußte Ideenassoziation als ihre Quelle, wenn man das streng methodische Verfahren der Wissenschaft kennen gelernt und angewandt hat. - Das natürliche Denken mach, abgesehen von dem, was es zur materiellen Befriedigung braucht, so wenig Erfahrungen, welche diesen Namen verdienen, daß es vielmehr sich über die Wirklichkeit in einer fast vollständigen Unkenntnis befindet. Von ihm gilt in der Tat nicht nur, was LEIBNIZ vom Empiriker behauptete: "Er beachtet nicht, daß die Welt sich von Tag zu Tag ändert;" sondern es weiß nicht einmal, wie die ihm direkt gegenwärtige Welt beschaffen ist, da es zur Beobachtung keine Befähigung hat. Alles in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erscheint ihm so, wie es jetzt ist und auch an den direkt gegebenen Objekten erkennt es fast keine Unterschiede. Hierzu kommt es erst nachdem der Gesichtskreis sich erweitert hat und verschiedenartige Verhältnisse direkt wahrgenommen werden, wodurch die Vergleichung und Überlegung allmählich hervorgerufen wird. Dies bezeichnet einen wesentlichen Fortschritt in der Geschichte des menschlichen Denkens, welcher, wie natürlich, sich zunächst auf praktischem Gebiet vollzieht. Es ist die Erkenntnis des Unterschieds von Gut und Schlecht, welche den Wendepunkt bildet und welcher daher stets eine große Bedeutung beigelegt wurde: Eritis sicut deus, scientes bonum et malum. [Ihr werdet sein wie Gott und das Gute und Böse erkennen. - wp] Die mythisch-theologischen Ausbildungen und Hypostasierungen [Verdinglichungen - wp] dieser Gegensätze sind hinlänglich bekannt; für unseren Zweck kommt hier hauptsächlich ihre erkenntnistheoretische Verwertung seitens der spekulativen Philosophie in Betracht. Die platonische Spekulation, welche für den Entwicklungsgang der späteren Philosophie maßgeben wurde, ging von dem durch die Volksreligion geschaffenen Dualismus aus, welchen sie durch Aufhebung der diesseitigen Wirklichkeit zu überwinden suchte. Die Wirklichkeit ist schlecht, das Gute existiert als höchste Idee. Dieser alles beherrschende Gegensatz wird vom Sein auf das Denken, von der Erkenntnis auf die Erkenntnistheorie übertragen: die Erkenntnis des Guten ist selbst gut, die Erkenntnis des Schlechten schlecht, ebenso die verschiedenen Erkenntnisarten, welche zu beiden führen. Hieraus entstand das Dogma, daß die Erfahrung zur Erreichung des Wissens unbrauchbar sei, welches durch das theologische Interesse der christlichen Philosophie natürlich sich immer mehr befestigte. Bei PLATO findet sich zuerst das "apriorische" Wissen als anamnesis [Erinnerung - wp] aus der Präexistenz der Seele und von diesem Dogma aus, dessen spätere theologische Umwandlung seinen Einfluß auf die Erkenntnistheorie weder beseitigte, noch wesentlich änderte, wurde der Gegensatz zwischen Erfahrungs- und Vernunfterkenntnis oder aposteriorischer und apriorischer Erkenntnis geschaffen und ausgebildet. Da die letztere auf einen nicht in der Erfahrung gegebenen Inhalt hinführte, wie man annahm, so konnte sie selbst nicht aus der Erfahrung stammen; denn das Richtige zu sehen, verhinderten die noch in der neueren Philosophie herrschenden psychologischen und erkenntnistheoretischen Dogmen. Den üblichen Annahmen eines "schöpferischen" Denkens gegenüber hat zuerst LOCKE nachdrücklich darauf hingewiesen, daß wir im Denken genau dieselbe Macht über die Objekte besitzen wie im Handeln: wir können weder etwas erschaffen noch etwas vernichten, nur den uns durch die Erfahrung gegebenen Stoff beliebig verarbeiten, die willkürlichsten Kombinationen mit ihm vornehmen; alle Gedanken ohne Ausnahme, der Inhalt selbst der ausschweifendsten Phantasiegebilde, jede Offenbarung und jedes "Apriori" lassen sich daher aus der Erfahrung herleiten. Den Weg zu dieser Einsicht der empirischen Psychologie hatten sich die Metaphysiker durch den Teil ihrer Konstruktionen, welchen sie Psychologie nannten, selbst verschlossen, indem sie den Dualismus von Körper und Geist, dessen natürliche Entstehung jetzt hinlänglich feststeht, als ihr Fundamentaldogma zum alleinigen Kanon aller übrigen psychologischen Bestimmungen erhoben. Alle Bemühungen der spekulativen Psychologie gipfeln darin, den dogmatisch angenommenen schroffen Gegensatz zwischen Leib und Seele dadurch zu befestigen und womöglich zu verstärken, daß sie nach Maßgabe desselben eine Anzahl von weiteren Gegensätzen innerhalb der geistigen Funktionen schafft und die einen Glieder dieser Gegensätze dem Leib, die anderen der Seele zuteilt, wobei natürlich die tatsächlichen Verhältnisse nicht weiter berücksichtigt werden und deshalb kein Hindernis bilden. Ohne alle Untersuchung steht fest, daß die Seele, wie sie ohne den Leib existieren kann, so auch in vollkommener Unabhängigkeit von ihm funktioniert, Vorstellungen, Begriffe, Bewußtsein, Denken aus sich selbst erzeugt, ohne der auf körperlichen Prozessen beruhenden Sinneswahrnehmungen irgendwie zu bedürfen. Hiermit ist der erforderte Gegensatz zwischen leiblichen und geistigen Funktionen geschaffen, welcher sich zugleich vollständig mit dem zwischen empirischer und nichtempirischer Erkenntnis deckt; empirische Erkenntnis oder Erfahrung ist die einzelne direkte Sinneswahrnehmung, jedes andere psychische Gebilde stammt nicht aus der Erfahrung. Dieser kontradiktorische Gegensatz ist es, welcher vor allem hergestellt wird, daher man sich über die Beschaffenheit der positiven nichtempirischen Erkenntnisquelle zunächst wenig Sorgen macht oder sie aus der Metaphysik deduziert. Aus jenem Begriff der Erfahrung kann man nun leicht die Notwendigkeit der Annahme von nichtempirischen Erkenntnisquellen erweisen, sogar aufgrund der Tatsachen: denn es gibt Vorstellungen, Begriffe, Gedanken, welche in der einzelnen direkten Wahrnehmung nicht aufgezeigt werden können; also entspringen nicht alle psychischen Gebilde aus der Erfahrung. Dieser Schluß ist logisch vollkommen richtig, aber aus falschen Prämissen abgeleitet. Die Reflexion der spekulativen Psychologie über den Ursprung der abstrakten Begriffe, Gedanken, wie überhaupt alle psychischen Gebilde, die nicht eine direkte Reproduktion einzelner Sinneseindrücke sind, reichte gerade so weit, um zu erkennen, daß dieselben nicht in der einzelnen Wahrnehmung, für diesen Standpunkt also nicht in der "Erfahrung" gegeben sind. Woher sie nun wirklich stammen, das zu ermitteln war gewöhnlich cura posterior [ein späteres Bedenken - wp] und konnte außerdem der spekulativen Psychologie auch nicht gelingen. In dem Eifer, den Gegensatz zwischen der sinnlichen Wahrnehmung als einem körperlichen Prozeß und den seelischen Funktionen des Bewußtseins, Vorstellens und Denkens zu befestigen, übersah man die Unterschiede zwischen den letzteren und identifizierte sie nahezu miteinander: Vorstellen und Denken sind noch bei KANT und vielen Späteren identische Begriffe, was ja auch in den gewöhnlichen Sprachgebrauch übergegangen ist, der beide promisk [freizügig - wp] anwendet. Das Verhältnis des Bewußtseins zum Denken aber wurde auf andere Weise verfälscht; man meinte, weil der Mensch im normalen, wachen Zustand stets Bewußtsein habe, deshalb denke er auch stets mit Bewußtsein und konnte darüber nicht hinauskommen, weil man wieder das Denken der einzelnen Vorstellung gleichsetzte. Da man nun im Allgemeinen dieser stets Bewußtsein zuteilte, so übertrug man dies ohne weiteres auch auf das Denken, wodurch dies eo ipso [ansich - wp] zum bewußten Denken wurde. Hierdurch aber wurde die Erkenntnis gerade desjenigen Gegensatzes verhindert, welcher in Rücksicht auf Wahrheit und Irrtum, also auch für die Erfahrung im wissenschaftlichen Sinn, allein in Betracht kommt, der Gegensatz zwischen bewußtem und unbewußtem Denken, zwischen dem "oberen und dem unteren Gedankenlauf", zwischen dem Denken nach logischen und erkenntnistheoretischen Normalgesetzen und der nach psychologischen Naturgesetzen verlaufenden Ideenassoziation. Denn es stand von vornherein fest und galt als über jeden Zweifel erhaben, daß das Denken als das "Attribut der Seele" ansich unfehlbar zur Wahrheit führen müsse, etwaige Irrtümer desselben daher durch äußere Störungen verursacht seien, zu welchen sich natürlich die Erfahrung am besten verwenden ließ. Daher wird Erfahrung prinzipielle die Quelle des Irrtums wie des Nichtwissens; nur in Bezug auf die gleichgültigen Objekte des Diesseits gestand man ihr allmählich richtige Erkenntnis zu; die Vernunfterkenntnis, das reine, apriorische, von aller Erfahrung befreite Denken ist Organon der Wahrheit, des Wissens. |