ra-2tb-2 System der WerteGrundzüge einer neuen Wertlehre    
 
ROBERT REININGER
Allgemeine Wertphilosophie
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"Das Emotionale bildet die  dunkelste  Region des Seelenlebens, jene nämlich, die weder durch klare Anschauung noch durch deutliche Begriffe aufhellbar ist und jeder Analyse ihrer Natur nach Widerstand leistet."

"In jedem Gefühl steckt eine Tendenz zu aktiver Stellungnahme, jedes Begehren ist auch gefühlsbetont. Auch den Empfindungen gegenüber besteht keine scharfe Grenze, insofern sie mit Spannungs-, Organ- und Allgemeinempfindungen verbunden aufzutreten pflegen, ja in sie überzugehen scheinen, sobald sie in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Und wieder spielen "kognitive" Gefühle, wie Evidenzgefühl, Zweifelsgefühl, Entscheidungswille, Streben nach Klarheit im Denkverlauf eine entscheidende Rolle. Man hat daher zu Zeiten die Gefühle den Begehrungen oder auch den Empfindungen eingeordnet und umgekehrt wieder die Begehrungen den Gefühlen."

"Die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Gefühle in das Schema: Lust-Unlust hineinzupressen, ist eine durch Selbstbeobachtung nicht zu rechtfertigende Vereinfachung."

"Jedes aktuelle Gefühlserlebnis ist etwas in seiner Art Einziges, Unvergleichliches und Unwiederholbares, ein Erlebnis sui generis [eigener Art, wp] und nur die Armut der Sprache an Ausdrücken für Gefühlserlebnisse täuscht durch Gleichbenennung hier Gleichartigen vor, wo nur von ungefährer Ähnlichkeit die Rede sein dürfte."

"Daß es überhaupt zu einer Willenshandlung kommt, setzt immer voraus, daß ein Wettstreit der Motive besteht und eine Entscheidung verlangt. Die innere Willenshandlung besteht somit in einem Bejahen oder Verneinen, Annehmen oder Verwerfen von Motiven, kurz in einer Wahlentscheidung, die zugleich einen Machtspruch in sich schließt: verneinte Motive sind zu unterdrücken zugunsten des bejahten."

"Vermöge des eigentümlich dynamischen Charakters der Willenserlebnisse - stammt doch der Begriff der Kraft und eines Kraftwirkens allein aus ihnen - und aufgrund oft wiederholter Erfahrungen jener Art entsteht allerdings der Anschein, als wäre der Willensakt die  hervorbringende  Ursache von Bewegungen und im natürlichen Bewußtsein werden wir diese Auffassung auch nicht los."

Die Wirklichkeitsgrundlage
des Wertbewußtseins


Erstes Kapitel
§ 4. Zur Psychologie der Gemütsbewegungen

1.

Daß alles, was in unserem Bewußtsein mit einem "Werten" zusammenhängt, emotionalen, nicht intellektuellen Ursprungs ist, darüber besteht heute kaum eine Meinungsverschiedenheit. Über die Art dieses Ursprungs, ja über die Natur des Emotionalen selbst und seine Stellung im Ganzen des Erlebniszusammenhangs sind aber die Ansichten geteilt. Das ist auch nicht verwunderlich, Gemütsbewegungen sind weder aufzeigbar noch objektiv beobachtbar, weder anschaulich vorstellbar, noch definierbar, in ihrer Einmaligkeit nicht wiederholbar und daher auch nicht eigentlich untereinander vergleichbar. Das, was an ihnen "vorstellbar" ist, sind immer nur gewissen Begleitumstände des eigentlichen Erlebnisses, nicht dieses selbst. Auch verstehen wir zwar unmittelbar, was mit Worten wie Hoffnung und Furcht, Liebe und Haß, Begehren und Verabscheuen gemeint ist, durch ein schwaches Anklingen bestimmter Gefühlslagen, von denen aber wieder das Gleiche gilt, daß sie nämlich weder vorstellbar noch definierbar, sondern selbst wieder nur erlebbar sind. Daher bildet das Emotionale die "dunkelste" Region des Seelenlebens, jene nämlich, die weder durch klare Anschauung noch durch deutliche Begriffe aufhellbar ist und jeder Analyse ihrer Natur nach Widerstand leistet.

Es hängt damit zusammen, daß das Emotionale mit der Ich- oder Erlebnisseite jeder augenblicklichen Bewußtseinslage zusammenfällt und seiner unmittelbaren Wirklichkeit nach an die Gegenwart gebundenes Totalerlebnis ist, das der objektiven Blickeinstellung einer analysierenden Psychologie nicht standhält, ohne sich in seiner Eigenart zu verändern. Zwar spaltet sich das primäre Erlebnis-Ich in seinem Übergang zu höheren Stufen der Bewußtheit auch ohn absichtliches Zutun in eine Vielheit von Einzelerlebnissen auf, die, je stärker sich die Aufmerksamkeit auf sie richtet, unvermerkt in Leibesempfindungen und zuletzt in die Vorstellung leiblicher Vorgänge überzugehen beginnen. Absichtliche Selbstbeobachtung beschleunigt aber erst recht diesen Prozeß ihrer Transformation aus Psychischem in Physisches. Es besteht hier eine Art Analogie zu gewissen Fällen der Mikrophysik: Durch das Beobachtungsmittel (hier die Konzentration der Aufmerksamkeit) wir das zu Beobachtende selbst verändert. Es wäre daher nicht richtig und eine Verfälschung des unmittelbaren Wirklichkeitsbefundes, wollte man sagen, daß das urerlebte Ich selbst sich aus einer Vielheit von Einzelerlebnissen wie aus gesonderten Faktoren oder Komponenten zusammensetzt oder sich in eine solche Mannigfaltigkeit zerlegen lasse. Dieser Eindruck entsteht nur hinterher, wenn wir nämlich versuchen, das primäre Ich eines früheren Bewußtseinsmomentes aus den schon transformierten Einzelerlebnissen in der Erinnerung wiederherzustellen. Die emotionale Bewußtseinslage jedes Augenblicks ist immer  Einheitserlebnis , wenn auch in verschiedener Erlebnistönung. Das aus ihm herausgelöste, unterscheidbar und benennbar gewordene, durch einen Begriffsnamen fixierte und dadurch vereinzelte emotionale Erlebnis ist daher immer schon bis zu einem gewissen Grad eine künstliche Abstraktion. Immerhin stehen emotionale Erlebnisse auch in dieser ihrer Ursprünglichkeit schon entfremdeten Gestalt dem primären Ich-Erleben näher, als anschauliche Vorstellungsinhalte oder begriffliche Gebilde. Eben diese Ich-Nähe, ihre nie ganz wegzudenkende Subjektivität, setzt ihrer Objektivierung im rationalen Erkennen eine unübersteigbare Grenze. Die Wertphilosophie setzt aber eine bestimmte Auffassung in Hinsicht der psychologischen Grundlagen des Wertbewußtseins voraus. Einige Bemerkungen zur Psychologie der Gemütsbewegungen sollen daher vorausgeschickt werden, soweit sie Fragen betreffen, die für das Folgende von Wichtigkeit sind.


2.

Als ursprünglich läßt sich somit nur eine real untrennbare Verwobenheit der emotionalen Erlebnisse ("Einheit der Gemütslage" nach WUNDT) feststellen, der gegenüber ihre gesonderte Betrachtungsweise und auch jeder Versuch ihrer Klassifikation unvermeidlich etwas Gewaltsames an sich tragen müssen. (1) Mit diesem Vorbehalt kann gesagt werden, daß sich in üblicher Weise zwei Gruppen emotionaler Erlebnisse unterscheiden lassen: solche, denen erlebnismäßig etwas Aktives, Dynamisches, Motorisches eignet (Trieb, Begehren, Wille) und solche, die etwas Passives, Gegebenes, Zuständliches an sich haben (Gefühle und Affekte). Diese beiden Arten von Erlebnissen sind aber nicht (um mit ANAXAGORAS zu reden) "wie mit einem Beil auseinandergehackt", sondern sie sind durch mannigfache Übergänge vermittelt und nur in Grenzfällen schärfer gegeneinander abgesetzt. In jedem Gefühl steckt eine Tendenz zu aktiver Stellungnahme, jedes Begehren ist auch gefühlsbetont. Auch den Empfindungen gegenüber besteht keine scharfe Grenze, insofern sie mit Spannungs-, Organ- und Allgemeinempfindungen verbunden aufzutreten pflegen, ja in sie überzugehen scheinen, sobald sie in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Und wieder spielen "kognitive" Gefühle, wie Evidenzgefühl, Zweifelsgefühl, Entscheidungswille, Streben nach Klarheit im Denkverlauf eine entscheidende Rolle. Man hat daher zu Zeiten die Gefühle den Begehrungen oder auch den Empfindungen eingeordnet und umgekehrt wieder die Begehrungen den Gefühlen. Am nächsten bleibt man wohl der Wirklichkeit, wenn man nur von einem Vorwiegen der einen oder der anderen emotionalen Erlebnisart in jeder Gemütslage spricht.


§ 5. Die Gefühle

Die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Gefühle in das Schema: Lust-Unlust hineinzupressen, ist eine durch Selbstbeobachtung nicht zu rechtfertigende Vereinfachung. Die Meinung ist hier die, daß alle Gefühle entweder Lust- oder Unlustgefühle, insofern qualitativ gleichartig und nur ihrer Intensität und ihrem Anlaß nach verschieden sind. In Wahrheit ist es aber doch so, daß alle Vorstellungen, selbst ganz elementare, wie Oben und Unten, Links und Rechts, Vorne und Hinten, Vergangen und Künftig, ihre eigentümliche Gefühlstönung besitzen, ohne daß man diese als Lust oder Unlust charakterisieren könnte. Aber auch bei Bejahung und Verneinung, Billigung und Ablehnung, Liebe und Haß, bei ethischen und Denkgefühlen ist das nicht ohne Künstlichkeit möglich. Ja mehr noch: jedes aktuelle Gefühlserlebnis ist etwas in seiner Art Einziges, Unvergleichliches und Unwiederholbares, ein Erlebnis sui generis und nur die Armut der Sprache an Ausdrücken für Gefühlserlebnisse täuscht durch Gleichbenennung hier Gleichartigen vor, wo nur von ungefährer Ähnlichkeit die Rede sein dürfte. Dazu kommt, daß viele, ja die meisten Gefühlsregungen, die wir erleben, zu schwach, zu fein und zu zart sind, als daß sie deutlich von anderen unterschieden und in eine bestimmte Kategorie eingereiht werden könnten. Der Seelenkenner NIETZSCHE wußte das: "Zorn, Haß, Liebe, Mitleid, Begehren, Erkennen, Freude, Schmerz - das sind alles Namen für extreme Zustände: die milderen, mittleren und gar die immerwährenden spielenden niederen Grade entgehen uns und doch weben gerade sie das Gespinst unseres Charakters und unseres Schicksals". (2) Diese nicht ausdrücklich bemerkten Gefühlsregungen sind deshalb keineswegs "unbewußt", sie treten aus der einheitlichen Gemütslage nur nicht stark genug hervor, um in Aussagen gekleidet werden zu können. Alle Gefühlstheorien, die nach einem treffenden Wort von JAMES zumeist nur "Wörterbücher von Synonymen" zu sein pflegen, sind daher im Grunde psychologische Konstruktionen, die uns gewissermaßen belehren wollen, was wir "eigentlich" fühlen, während ein Gefühl doch niemals etwas anderes sein kann wie das, als was es in unmittelbarer Gegenwart erlebt wird. Dem alghedonischen [Lust-Unlust, wp] Dualismus kann zugegeben werden, daß jeder Gemütslage eine Tönung von Lust oder Unlust beigemischt ist und daß fast jedes tatsächlich erlebte Gefühl eine nähere oder fernere Verwandtschaft zu einer von beiden besitzt, manchmal auch zu beiden zugleicht. Reine Lust- und Unlustgefühle, die nichts anderes wären als dies, sind aber doch nur Grenzfälle.

Zuletzt ist diese ganze Frage eine Sache terminologischer Zweckmäßigkeit. Wer alle Gefühle auf Lust und Unlust zurückführt, muß wieder sehr mannigfaltige und wesensverschiedene Arten von beiden annehmen. so gibt es Lust- und Unlustgefühle, die mit Empfindungen, besonders mit Vitalempfindungen, so innig verschmolzen sind, daß sie eine Art Mittelstellung zwischen Empfindung und Gefühl einnehmen und sich kaum als ein Erlebnis besonderer Art von den Empfindungen abheben - es sei an die Schmerzempfindung erinnert oder an die physischen Wohlbehagens -, und andere wieder, die als Begleiter von Wertgefühlen jeden Zusammenhang mit Empfindungen verloren zu haben scheinen. Die Unterscheidung "niederer" und "höherer" Lust ist zwar begrifflich nicht scharf ausdrückbar, entspricht aber durchaus dem natürlichen Bewußtsein, das sich mit ihr gegen eine Gleichbenennung wehrt. Sie läßt sich etwa durch die Namen  Genußlust  und  Freude  verdeutlichen. Freude ist ein Frohgefühl auf einer höheren Stufe des Erlebnisbewußtseins und setzt eine gefühlsmäßige Distanzierung von solchen Lustgefühlen voraus, die sich bloß aus Triebbefriedigung ergeben. Wenn man daher die Gleichnamigkeit "Lust" beibehalten will, so ließe sich Freude annähernd als eine Lust charakterisieren, die von Wertgefühlen getragen wird oder zumindest keine Gegenwirkung von Seiten des Wertbewußtseins zu befürchten hat. Im allgemeinen ist aber doch die Äquivokation [Gleichsetzung, wp] Lust-Unlust für ganz verschiedene Gefühlszustände, die auch als verschieden unmittelbar erlebt werden, recht wenig zweckmäßig. Sie kann nur Verwirrung stiften, als welcher dann der ethische Hedonismus seinen Anschein von Berechtigung schöpft.


§ 6. Antriebe und Begehrungen

1.

Wichtiger noch für die Wertphilosophie ist die Psychologie der Willenserlebnisse und dessen, was ihnen vorausgeht und mit ihnen zusammenhängt. Der passendste Gattungsname für alles das ist wohl  Strebungen.  Denn dieses Wort drückt am allermeisten aus, worin hier ein eigentümlicher Unterschied von den mehr zuständlichen Gefühlserlebnissen liegt: in einem Erleben von Bewegungstendenzen, von Gerichtetheit und Kraftwirkungen, auf höherer Stufe auch von Aktivität uns Spontaneität. Es soll aber gleich hier betont werden, was auch für alle ähnlichen Fälle gilt, daß, wenn vom Erleben eines Strebens geredet wird, nicht gemeint ist, es sei in der Seele ein Streben vorhanden, das darauf wartet, erlebt zu werden und auch bestünde, wenn es nicht erlebt wird. Von einem solchen wissen wir nichts. Erlebnis des Strebens bedeutet immer nur Strebungserlebnis, nicht das Bewußtwerden eines Strebens, das außerdem nocht als "realer" Vorgang existiert. Es ist hier nicht anders, als bei den Gefühlen. Auch das Gefühl der Hoffnung istnicht ein Zweites neben einer Hoffnung, sondern ist diese Hoffnung selbst. Was man die Wahrnehmung emotionaler Erlebnisse durch einen "inneren" Sinn nennt, ist die Erinnerung an ein eben gehabtes Erlebnis oder an die eben vergangene Phase eines solchen, die aber nicht mehr dieses selbst seiner primären Wirklichkeit nach ist.

Die elementarste Form, in der uns Strebungen zu Bewußtsein kommen, ist das Erlebnis eines von innenher Getrieben- oder Gestoßenwerdens zu einer Betätigung nach bestimmter Richtung: also einzelne Impulse oder  Antriebe.  Man kann sie als Empfindungen charakterisieren, die mit einem Bewegungsreiz verbunden sind. Auch unter ihnen besteht eine große Mannigfaltigkeit nicht nur der Intensität, sondern auch der Qualität nacht, wenn sie auch nicht so groß ist , wie bei den Gefühlen. Antriebe haben zwar eine bestimmte Richtung, aber kein Ziel. Antriebe sind allen Zielvorstellungen gegenüber das Primäre. Sie können durch Vorstellungen ausgelöst, aber nicht hervorgerufen werden und nicht selten schaffen sie sich erst selbst die entsprechenden Vorstellungen oder lenken erst die Aufmerksamkeit auf sie. Auf ihnen beruth alles Motorische und Dynamische in unserem Seelenleben. Antriebe verwandter Richtung lassen sich unter dem Gattungsnamen eines  Triebes  zusammenfassen. Man spricht von Nahrungs-, Geschlechts-, Bewegungs-, Kampftrieb, von altruistischen und diabolischen Trieben, von einem Trieb nach Neuem und nach Beibehaltung des Gewohnten, was sich noch nach Belieben vermehren ließe. (3) Man darf nur nicht glauben, daß durch die Einordnung eines Antriebs in einen Trieb etwas erklärt ist oder auch nur, daß man einander richtungsähnliche Antriebe als Äußerungen "desselben" Triebes als einer treibenden Kraft auffassen darf. Zäher als anderswo erhält sich auf dem Gebiet der Strebungserlebnisse die Mythologie der Seelenvermögen. Auch "der Trieb" ist ein Überrest davon. Erst recht ist es ein Rückstand der intellektualistischen Psychologie früherer Tage, wenn von "Selbsterhaltungstrieb" oder "Fortpflanzungstrieb" gesprochen wird, eine Redeweise, die nicht nur ein allgemeines Ziel, sondern eine hoch reflektierte Zweckvorstellung in die Antriebe hineinlegt, die ihnen völlig fremd ist. Es wird der Richtung ein Ziel unterlegt aufgrund der Erfahrung über die tatsächlichen Folgen in der Befriedigung gewisser Antriebe. Und ebenso ist es Sache einer nachträglichen Auslegung, wenn gesagt wird, daß die elementaren Antriebe auf Herbeiführung von Lust oder Abwehr von Unlust gerichtet wären. Jeder Antrieb verlangt vielmehr ausschließlich nach seiner Befriedigung, also nach seiner Aufhebung durch eine in dieser Hinsicht zweckmäßige Tätigkeit und nach nichts außerdem. Wir begehren zu essen, wenn wir Hunger haben, nicht aber um eine Unlust zu beheben und eine Lust zu genießen oder uns damit am Dasein zu erhalten. Die Triebbefriedigung wird allerdings erleichtert durch eine Zielvorstellung, die besonders dann nötig wird und sich auch dann meist einstellt, wenn jene auf Hindernisse stößt. Solche deutlich bewußte Zielvorstellung, die besonders dann nötig wird und sich auch dann meist einstellt, wenn jene auf Hindernisse stößt. Solche deutlich bewußte Zielvorstellungen gesellen sich zu den Antrieben aufgrund von Erfahrung, die wir bei Gelegenheit der anfangs ziellosen und reflektorischen Bewegungen machen, die ein Antrieb auslöst und die bald von Erfolg, bald von Mißerfolg begleitet sind. Antriebe mit deutlich bewußten Zielvorstellungen nennt man  Begehrungen.  Begehrungen sind sehend gewordene Antriebe. Sie sind keine Erlebnisse besonderer Art neben den Antrieben, sondern unterscheiden sich von ihnen eben nur durch die Zielvorstellung. Auch sie sind wohl nur in Ausnahmefällen unmittelbar auf Gewinnung von Lust gerichtet, viel eher schon auf Abwehr von Unlust, sondern fast immer auf einen Gegenstand, der in der Triebrichtung gelegen ist. Auch hier belehrt uns erst die Erfahrung darüber, daß mit der Triebbefriedigung eine Entspannung und so ein Lustgefühl verbunden zu sein pflegt, das dann auch seinerseits als ihr Begleiterfolg begehrenswert erscheinen mag.


2.

Antriebe drängen zu Handlungen, die auch sofort erfolgen, sofern sich ihnen keine äußere oder innere Hemmung entgegenstellt. Solche nach vorgegebener Richtung ungehemmt einsetzenden Handlungen heißen  Triebhandlungen.  Als ihre Vorstufe können Reflexe und Tropismen angesehen werden, von welchen beiden sie sich durch ihre Bewußtheit unterscheiden, ohne daß hier eine ganz scharfe Grenze gezogen werden könnte. Oft gleichsinnig wiederholte, ohne klare Zielvorstellung, aber doch zweckmäßig im Sinne einer Triebbefriedigung ablaufende Triebhandlungen werden Instinkthandlungen genannt. Eine innere Hemmung der Triebhandlung ergibt sich, wenn verschiedene, vielleicht entgegengesetzte Antriebe miteinander in Wettstreit geraten. Auch dann kann das Ergebnis eine reine Triebhandlung sein, wenn nämlich wahllos der gerade stärkste Antrieb siegt und die Handlung in seine Richtung zwingt. Es liegt hier keine Bevorzugung der stärkeren vor den schwächeren Antrieben vor, sondern wir nennen eben jenen Antrieb den stärksten, der in einem bestimmten Fall das Verhalten tatsächlich bestimmt. Auch wenn ein Antrieb zur Begehrung geworden ist, so empfängt die Zielvorstellung ihre Kraft doch nur durch den dahinter stehenden Antrieb. Sie wird dadurch zu einer treibenden Vorstellung, zu einem  Motiv  im weiteren Sinn des Wortes. Vorstellungen als solche sollten nicht Motive genannt werden. Zu einem Motiv  wird  eine Vorstellung nur dadurch, daß sie durch einen Antrieb "bewegt" wird; nur dadurch wird sie selbst zu einem "Bewegenden". Der Kampf der Motive ist immer ein Kampf einander widerstreitender Antriebe, bei dem Vorstellungen nur als Gelegenheitsursachen eine Rolle spielen. Bei sehend gewordenen Antrieben kann dann allerdings eine Hemmung des Ablaufs dadurch eintreten, daß sich zwischen Antrieb und Handlung eine Überlegung über deren Ausführbarkeit oder über die Wahl der geeignetsten Mittel zur Triebbefriedigung einschiebt. Die Handlung kann dann mit bewußter Absicht erfolgen oder auch absichtlich unterlassen werden. Aber auch überlegte Handlungen dieser Art können ihrem Wesen nach gleichwohl bloße Triebhandlungen sein, sofern sich die Überlegung nur auf die Ausführung einer Handlung bezieht und nicht auf die Bevorzugung oder Hemmung bestimmter Antriebe selbst. Eine reine Triebhandlung ist, von einem überhöhtem Standpunkt aus gesehen, ein naturhafter Vorgang, nicht eigentlich eine Tat. Auf dieser Stufe sind "Motive" nichts anderes, als mechanische Ursachen eines Geschehens.


§ 7. Die Willenshandlung

1.

Erst dort, wo zwischen Antrieben und Begehrungen selbst eine Entscheidung und zwar eine Entscheidung imperativischen Charakters getroffen wird, liegt eine  Willenshandlung  vor, die, solange sie sich nicht in den Entschluß zur Tat umsetzt, eine  innere  heißen kann. Daß es überhaupt zu einer Willenshandlung kommt, setzt immer voraus, daß ein Wettstreit der Motive besteht und eine Entscheidung verlangt. Die innere Willenshandlung besteht somit in einem Bejahen oder Verneinen, Annehmen oder Verwerfen von Motiven, kurz in einer Wahlentscheidung, die zugleich einen Machtspruch in sich schließt: verneinte Motive sind zu unterdrücken zugunsten des bejahten. Es gehört zum Wesen einer Willenshandlung, daß in ihr nicht die triebmäßige Stärke eines Motivs entscheidet, sondern daß sich in ihr bereits unser Wertbewußtsein zu Wort meldet. Eine Willensentscheidung bedingt immer eine Hemmung des Triebablaufs und eine wenn auch kurze Besinnung, die uns Zeit läßt, die Motive nach Wertgesichtspunkten gegeneinander abzuwägen. Begehrungen werden solange ihres dynamischen, unmittelbar zum Handeln drängenden Zuges enthoben und kommen nur als ebenso viele Wünsche in Betracht, die zu warten haben, bis unser Wertbewußtsein sein placet [es gefällt, wp] gesprochen hat. Im Anklang an KANT ließe sich daher auch sagen, die Willenshandlung sei eine Sache der "praktischen Vernunft", sofern man darunter nicht ein Vermögen versteht, sondern einfach die Tatsache, daß sich hier in den Triebablauf ein rationaler Faktor einschiebt. Motive der Willensentscheidung selbst sind nicht mehr bloß automatisch wirkende Ursachen, sondern  Beweggründe,  also treibende Vorstellungen, die schon durch eine Vorentscheidung im Wertbewußtsein hindurchgegangen sind. Aus diesem heraus können sich auch neue Motive, besonders solche ethischer Art, geltend machen und auf den Kampfplatz treten. Das Willenserlebnis unterscheidet sich von allem Triebhaften sehr deutlich durch ein Gefühl ichbetonter Spontaneität, das sich ihm nicht nur als Begleitgefühl zugesellt, sondern sein eigenstes Wesen ausmacht. Während es zur Natur der Antriebe gehört, daß man siich durch sie "getrieben" fühlt, schließt das Willenserlebnis in sich, daß "ich" es bin, der bestimmt, was entscheidendes Motiv sein soll oder darf. In jeder Willenshandlung distanziert sich das Ich von den passiv erlebten Antrieben und fühlt sich ihnen gegenüber als frei in seiner Entscheidung, was natürlich nicht ausschließt, daß auch die Willenshandlung wieder ihrerseits durch anderes determiniert ist. Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß wir uns für vollbewußte Willensentscheidungen vor uns selbst und anderen verantwortlich fühlen, was bei bloßen Triebhandlungen nur mittelbar der Fall ist, nämlich nur insofern, als wir uns nachträglich den Vorwurf machen, daß wir sie vor der Ausführung eben nicht einer Zensur durch den Willen unterworfen haben, sondern blindlings und voreilig einem augenblicklichen Antrieb gefolgt sind. Der Willensakt als solcher kann, was die Motive betrifft - vergleichbar der Cartesianischen Einwirkung der Seele auf die Lebensgeister -, nur richtunggebend wirken, nicht eigentlich Bewegung erzeugen. Das Motorische im Seelenleben beruth immer auf Antrieben, seien es solche naturhafter oder werthafter Art. Wohl aber ist der Willensentscheidung selbst ein imperativischer, diktatorischer und autokratischer Zug eigen, der sie von Begehrungen, aber auch von bloßen Werturteilen deutlich unterscheidet. Von allem Begerhen hebt sich, wie dies NIETZSCHE unübertrefflich ausgedrückt hat, das Wollen unzweideutig ab durch den "Affekt des Kommandos": "Ein Mensch, der  will -,  befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, daß es gehorcht." (4) Das, was gehorchen soll, sind die naturhaften Antriebe. Das Befehlende kommt im Erlebnis des "Entschlusses" zum Ausdruck. An ihn knüpft sich der innere Befehl, auf dem gefaßten Entschluß zu beharren und ihm Gehorsam zu erzwingen. Was man "Willenskraft" nennt, liegt in der Sicherheit und eindeutigen Bestimmtheit der zu treffenden Wahlentscheidung, aber auch in der Entschlossenheit, ihr Geltung zu verschaffen, solange sie nicht durch einen neuen Willensakt außer Kraft gesetzt wird. In jedem Wollen steckt so schon ein Sollen: die Zumutung an alle anderen Seelenregungen, sich ihm unterzuordnen, ein Befehl an die im Kampf stehenden Antriebe, seiner Entscheidung sich zu fügen.


2.

Als  äußere  Willenshandlung sollte man nur den  Entschluß zur Tat  bezeichnen, jenes "fiat" also, das für das Willenserlebnis in besonderem Maß charakteristisch ist. Ein bereits willensmäßig bejahtes Begehren drängt von selbst zur Umsetzung in ein zielgerichtetes Handeln. Was noch hinzukommen muß, ist die Erlaubnis zur Ausführung, die zu einem Befehl wird, wenn ihr noch andere Antriebe - und wäre es auch nur die Neigung zur Trägheit - entgegenstehen. Ob jenes  fiat  erteilt wird, hängt von Erwägungen darüner ab, ob die Ausführung für möglich, im gegenwärtigen Augenblick für zweckmäßig und in ihren Folgen auch auf weitere Sicht dem Willensziel entsprechend gehalten wird. Darüber und über die Wahl der geeignetsten Mittel entscheidet nicht das Wollen, sondern das Denken. Sache des "Willens" ist es hier nur, den Entschluß zur Tat hinauszuschieben, bis "Verstand" und "Vernunft" das Ihrige getan haben und der Vorsatz, sich ihren Entscheidungen zu fügen. Was zur äußeren Willenshandlung noch gerechnet werden kann, ist allein die Vorstellung vollendeter Ausführung, verbunden mit der Erwartung ihrer Verwirklichung. Das gilt aber nicht für die Ausführung selbst. Es ist eine reine Erfahrungstatsache, daß auf einen bestimmten Willensakt auch gewisse zweckmäßig gerichtete Körperbewegungen folgen, ja daß überhaupt etwas auf ihn folgt. Wir sind dabei gleichsam nur die Zuschauer unseres eigenen Tuns und vermöchten auf keine Weise anzugeben, wie wir dieses Tun zustande bringen. "Daß der Wille meinen Arm bewegt", sagt KANT einmal -, "ist mir nicht verständlicher, als wenn jemand sagte, daß derselbe auch den Mond in seinem Kreis zurückhalten könnte; der Unterschied ist nur der, daß ich jenes erfahre, dieses aber niemals in meinen Sinn gekommen ist." (5) Tatsächlich erfahren wir aber nicht einmal, daß unser Wille den Arm "bewegt", sondern nur, daß auf unsere Absicht, den Arm zu bewegen, bei normaler Körperbeschaffenheit diese Bewegung folgt. Nur das Wollen steht bei uns, nicht sein Erfolg. Diese Tatsache ist für die Ethik und im besonderen für das Problem der Willensfreiheit von größter Bedeutung.

Vermöge des eigentümlich dynamischen Charakters der Willenserlebnisse - stammt doch der Begriff der Kraft und eines Kraftwirkens allein aus ihnen - und aufgrund oft wiederholter Erfahrungen jener Art entsteht allerdings der Anschein, als wäre der Willensakt die  hervorbringende  Ursache von Bewegungen und im natürlichen Bewußtsein werden wir diese Auffassung auch nicht los. Nicht vom Willensakt, sondern von der Bewegung aus gesehen, also beim Übergang von der zentralen zur peripheren Betrachtungsweise, erscheint sie jedoch notwendig als eine Jllusion. Denn objektiv ist ein kreatorisches Wirken überhaupt nicht feststellbar, weder das des Willens noch anderer Faktoren, sondern nur die Regelmäßigkeit in der Folge der Erscheinungen. Es ist grundsätzlich auch immer möglich, einen physischen Vorgang durch einen anderen physischen Vorgang zu erklären, ohne daß die Kette gesetzmäßiger Zusammenhänge an irgendeinem Punkt eine Lücke aufweisen würde, in die ein Willensakt einspringen müßte. Der Wille, als objektive Ursache eines Geschehens gedeutet, ergäbe ein Durchbrechen der Naturgesetzlichkeit durch einen nicht beobachtbaren unkontrollierbaren Faktor und einen anthropomorphen Kraftbegriff, für den es an einer empirischen Grundlage fehlt. Daraus konnte sich umgekehrt die Ansicht ergeben, daß das Moment der Aktivität, das wir im Wollen zu erleben vermeinen, darum, weil es in seinen Wirkungen nicht nachweisbar ist, überhaupt eine psychologische Täuschung sei mit dem Willen als Machtfaktor wird auch das Wollen als ein Erlebnis besonderer Art verneint. Hierher gehören alle peripheren und "negativistischen" Willenstheorien, die das Wollen in Spannungs- und Bewegungsempfindungen in Verbindung mit Zielvorstellungen auflösen. Sie verwechseln dabei die erste Transformationsstufe des Willenserlebnisses mit diesem selbst. Aber zu leugnen, daß wir eines Wollens mit seinem unverwechselbaren Befehlscharakter erlebnismäßig inne werden, kann doch allenfalls nur einem ganz willensschwachen oder geradezu an Abulie [krankhafte Willenlosigkeit, wp] leidenden Menschen in den Sinn kommen. Hier steht die lebendige Wirklichkeit gegen eine allzu objektivistische Psychologie. Der unmittelbar erlebte Wille setzt sich nicht aus Komponenten zusammen, sondern ist ungeteiltes Einheitserlebnis. Er ist nur als solches für die objektive Blickeinstellung noch weniger erhaschbar, als andere emotionale Erlebnisse, weil das Willenserlebnis in der Aufspaltung des primären Icherlebnisses in Einzelerlebnisse sich am wenigsten weit von diesem entfernt. Daher teilt es in besonderem Maße mit dem primären Icherlebnis seine Unbeschreibbarkeit. Wenn wir es in Gedanken festhalten wollen, ist an seine Stelle bereits sein inadäquates Nachbild in Gestalt von Leibesempfindungen und Begleitvorstellungen getreten. Daraus erklärt es sich auch, daß alle Versuche (MEUMANN, ACH, LINDWORSKY), das Wollen experimentell zu untersuchen, so interessant sie auch an sich sein mögen, doch immer nur an den peripheren Begleiterscheinungen des eigentlichen Willenserlebnisses haften bleiben. Auch der Willensmetaphysiker SCHOPENHAUER mußte zugeben, daß wir in der Reflexion immer nur die "unmittelbarste" Erscheinung des Willens vor uns haben, nicht das urerlebte Wollen selbst. Nur in seinem bis zum Ende transformierten Zustand, zuletzt als Vorstellung einer Energie-Auslösung im Gehirn, hat dann auch der Willensakt seine Stelle im Zusammenhang objektiver Naturvorgänge.
LITERATUR: Robert Reininger, Wertphilosophie und Ethik - Die Frage nach dem Sinn des Lebens als Grundlage einer Wertordnung, Wien-Leipzig 1937
    Anmerkungen
    1) FELIX KRUEGER, Das Wesen der Gefühle, 1937, bestimmt die Wesensart der Gefühle als "Komplexqualitäten des jeweiligen Gesamtganzen, des Erlebnistotals" (Seite 18). Mit seinen Ausführungen stimme ich in den meisten Punkten überein.
    2) NIETZSCHE, Morgenröte, Aphorismus 115. Gegen den alghedonischen Dualismus wendet sich auch THEODOR LIPPS, "Vom Fühlen, Wollen und Denken, 1926, Seite 10f; besonders nachdrücklich I. E. SALOMAA, "Studien zur Wertphilosophie", 1930, Seite 38f
    3) Eine ausgeführte Systematik der Grundtriebe bei ADOLF STÖHR, Psychologie, 1922, § 156f
    4) FRIEDRICH NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 19
    5) IMMANUEL KANT, Träume eines Geistersehers, II. Teil, 3. Hauptstück