ra-2tb-2 System der WerteGrundzüge einer neuen Wertlehre    
 
ROBERT REININGER
Allgemeine Wertphilosophie
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"Will man die eigentliche Natur der Wertantriebe mit Ausdrücken wiedergeben, die sie von naturhaften Antrieben abheben, so bietet sich dafür Brentanos Formel des  Liebens  und  Hassens  an, als Ausdruck des polaren Gegensatzes in allen Gemütslagen verstanden: wir werten alles positiv, was wir lieben und alles negativ, was wir hassen. Das ist natürlich auch wieder nichts anderes, als eine Umschreibung, da wir Lieben und Hassen selbst nicht zu definieren vermögen, es sei denn unter Zuhilfenahme von Wertprädikaten."

"Während der Versuch einer Zurückführung der Wertgefühle auf emotionale Erlebnisse noch einfacherer Art ihren eigentümlichen Charakter verlorengehen läßt, erscheint es umgekehrt aussichtsreicher und der Selbstbeobachtung gemäßer, alles Emotionale überhaupt aus elementaren Werterlebnissen heraus zu verstehen, sie also als eine primitive Form der Zuneigung und Abneigung, der Anziehung und Abstoßung, einer Hinwendung oder Abwendung zu deuten. In diesem Sinne läßt sich sagen, daß jeder Erlebnisaugenblick eine primitive Werttönung in sich schließt, ja daß Wertgefühle elementarer Art eben das ausmachen, was man die Ichbezogenheit alles Gegebenen nennt und was es rechtfertigt, überhaupt vom  Erleben  eines Etwas zu sprechen, anstatt einfach von seinem Vorhandensein."

"Werterkenntnis ist im Grunde immer eine Selbsterkenntnis des Wertenden."

Die Wirklichkeitsgrundlage
des Wertbewußtseins


Zweites Kapitel
Tatsachen des Bewußtsein

§ 8. Allgemeine Charakteristik des Wertbewußtseins

Werten ist ein Urphänomen, das sich nicht eigentlich definieren, sondern nur mit verwandten Ausdrücken umschreiben läßt. Als solche bieten sich die eines Annehmens und Verwerfens, Vorziehens und Nachsetzens dar. Nicht jedes Vorziehen und Nachsetzen ist allerdings ein Werten, sondern nur jenes, das im Sinne einer vollbewußten Wahl geschieht. Wenn ein kaum dem Ei entschlüpftes Hühnchen nach Körnern pickt und nicht nach Steinchen, so wird man nicht sagen dürfen, daß es jene höher "bewertet" als diese. Werten ist im Gegensatz zu Triebreaktionen immer eine im Licht des Bewußtseins vollziehende Stellungnahme und Entscheidung. In ihr drückt sich aus, daß alles Werten eine Gegensätzlichkeit in sich schließt: ein Höher und Niedriger, ein Besser und Schlechter, ein Für und Wider, ein Ja und ein Nein. Alles gleich werten, hieße überhaupt nicht werten, wie das HOBBES analog mit Recht von den Empfindungen behauptet hat. Allem Werten ist somit eine Polarität eigen und von ihm unabtrennbar: ein Gegensatz  positiven  und  negativen  Wertens, dem die Begriffe Wert und Unwert oder Gegenwert entsprechen, Man hat es mit Recht als charakterstischen Unterschied des Reichs der Werte vom Reich des Seins bezeichnet, daß es zwar keine negative Existenz gibt, wohl aber negative Werte, daß also hier die Verneinungsmöglichkeit nicht ins Nichts führt, was sich damit erklärt, daß eben die Wertverneinung selbst eine Wertung ist. (1) Das Primäre dabei ist ohne Zweifel die positive Wertung, während sich in der negativen Wertung immer eine Abwehr, ein Verneinen oder Verwerfen sich irgendwie aufdrängender, vorgefundener oder für möglich gehaltener positiver Wertugen ausdrückt. Und ebenso wiederholt sich jene Polarität in der Reihe positiver und negativer Wertungen in Form einer Abstufung des Vorziehens und Nachsetzens und demgemäß einer Rangordnung der Werte selbst.

Auch hinter Wertungen stehen Antriebe eigener Art. Sie äußern sich darin, daß sich mit jedem Werten ein  Optativ  [Wunsch-, bzw. Möglichkeitsform - wp]verbindet, ein Wünschen im Sinne eines unpersönlichen Sollens. Von allem, was ich positiv bewerte, wünsche ich, daß es wirklich werde oder bleibe: es "soll" sein; alles, was ich negativ bewerte, sonn nicht sein. In der Wendung vom Wertungsobjekt zum Wertungssubjekt wird dieser Optativ zu einem  Hortativ  [Ermahnung, Aufforderung - wp]: zu einer Aufforderung, das positiv Bewertete in mir und außer mir zu verwirklichen, zumindest aber, eine getroffene Wertentscheidung festzuhalten und sie Schwankungen des Gefühls gegenüber zu behaupten. Wird aber im Kampf der Antriebe eine Willensentscheidung notwendig, so wird durch den Willensakt aus dem Optativ ein  Imperativ:  Wunsch und Aufforderung werden zu einem Befehl: das "es soll" und das "ich sollte" werden zu einem "ich soll". An und für sich ist aber dieser imperativische Zug dem Wertbewußtsein fremd, während jener Forderungscharakter ihm wesentlich ist. Will man die eigentliche Natur der Wertantriebe mit Ausdrücken wiedergeben, die sie von naturhaften Antrieben abheben, so bietet sich dafür BRENTANOs Formel des  Liebens  und  Hassens  an, als Ausdruck des polaren Gegensatzes in allen Gemütslagen verstanden: wir werten alles positiv, was wir lieben und alles negativ, was wir hassen. Das ist natürlich auch wieder nichts anderes, als eine Umschreibung, da wir Lieben und Hassen selbst nicht zu definieren vermögen, es sei denn unter Zuhilfenahme von Wertprädikaten. Die elementare Form, in der Wertgefühle ursprünglich auftreten, ist aber doch durch diese Ausdrücke am zutreffendsten charakterisiert, weil "Liebe zu etwas" eine Hinneigung und Hingabe ausdrückt, nicht aber notwendig auch ein Begehren im Sinne egoistischer Interessiertheit in sich schließt. Und wie ARISTOTELES sagt, daß das Geliebte den Liebenden "bewegt", also zu sich heranzieht, genau so ist auch jener Hortativ zu verstehen, der Wertungen innewohnt.


§ 9. Werten als Urphänomen

1.

Nicht von allen wird das Werten als Urphänomen angesehen. Es wurde vielmehr nicht selten die Frage aufgeworfen, ob Werten tatsächlich ein elementares Erlebnis unvergleichlicher Art ist oder ob es auf Erlebnisse noch einfacherer Art zurückgeführt werden kann. Daß das Wertungserlebnis selbst eine Art von Gefühlserlebnis ist, wird dabei nicht in Zweifel gezogen. Fraglich kann es allenfalls nur sein, ob es seinem psychologischen Ursprüng nach nicht auf noch elementarere Gefühle (wie der Lust und Unlust) zurückgeht, oder ob es seine Grundlage im triebmäßigen Begehren besitzt, wie auch vielfach behauptet wird. Der ersten Ansicht ist ohne weiteres zuzugeben, daß ein Etwas, das in jeder Hinsicht unlustbetont wäre, nur negativ bewertet werden kann. Das gleiche gilt aber auch von einem Etwas, das in jeder Hinsicht verabscheut wird. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß alles, was irgendwie lustbetont ist und alles, was irgendwie begehrt wird, auch positiv bewertet würde, wie es der Fall sein müßte, wenn das positive Werten in Lustgefühlen oder Begehrungen seinen Ursprung hätte. Wir können etwas triebmäßig begehren, von dessen Unwert wir gleichwohl überzeugt sind, geradeso wie sich Lustgefühle in uns regen können - man denke etwa an Schadenfreude -, deren wir uns schämen und die wir durchaus negativ bewerten. Umgekehrt wieder können Verhaltensweisen, die an und für sich keineswegs lustbetont sind und stärkstem triebmäßigen Widerstand begegnen, wie etwa Selbstaufopferung im Dienste der Nächstenliebe oder eines Ideals, in hohem Grad positiv bewertet werden. Der Satz: "Der Wert eines Dings ist seine Begehrbarkeit" (2) ist im Grunde eine Tautologie, denn begehrbar- sein  heißt doch nichts anderes, als begehrens- wert  erscheinen. Die Frage kann nur sein, ob "begehrenswert" überhaupt das einzig mögliche Wertprädikat darstellt. Das ist nun sicherlich nicht der Fall, wenigstens nicht im usprünglichen Sinn des Wortes "begehren", nämlich eines Für-sich-haben-Wollens. Es ist ja gerade das Auszeichnende der Werte höheren und höchsten Ranges, daß sie "interesselos", als rein um ihrer selbst willen geschätzt werden.


2.

Je näher wir uns allerdings in der Betrachtung dem Ursprung unserer Wertgefühle halten, desto mehr verwischen sich auch ihre Grenzen gegenüber dem Fühlen und Begehren, die sich ja auch ihrerseits erst auf höheren Bewußtseinsstufen deutlicher voneinander scheiden Während aber der Versuch einer Zurückführung der Wertgefühle auf emotionale Erlebnisse noch einfacherer Art ihren eigentümlichen Charakter verlorengehen läßt, erscheint es umgekehrt aussichtsreicher und der Selbstbeobachtung gemäßer, alles Emotionale überhaupt aus elementaren Werterlebnissen heraus zu verstehen, sie also als eine primitive Form der Zuneigung und Abneigung, der Anziehung und Abstoßung, einer Hinwendung oder Abwendung zu deuten. In diesem Sinne läßt sich sagen, daß jeder Erlebnisaugenblick eine primitive Werttönung in sich schließt, ja daß Wertgefühle elementarer Art eben das ausmachen, was man die Ichbezogenheit alles Gegebenen nennt und was es rechtfertigt, überhaupt vom "Erleben" eines Etwas zu sprechen, anstatt einfach von seinem Vorhandensein. Auch auf höherer Bewußtseinsstufe zeigt es sich, daß wir keinem Vorkommnis, welcher Art es auch immer sein mag, ganz "unparteiisch" gegenüberstehen. Es gibt strenggenommen keine ganz wertungsfreien Vorkommnisse, denn auch Gleichgültigkeit ist ein negativ bewerteter Gefühlszustand, der eine Art innerer Abkehr in sich schließt. Unser gesamtes Bewußtsein ist so von Wertgefühlen durchfärbt, mögen diese auch nicht immer und überall gleich stark und deutlich hervortreten. Nur was unser "Interesse" erregt und das will heißen, nur dasjenige, dem in irgendeiner Weise Wertgefühle entgegenkommen, bemerken wir überhaupt, nur das geht in unsere Umwelt ein, nur daran erinnern wir uns, nur darüber denken wir nach. Unser Weltbild ist immer zugleich ein Wertbild. Kein Gegenstand wäre für uns das, was er tatsächlich ist, ohne seine Wertbetontheit und gerade dieser ihr Wertcharakter ist uns eigentlich die Hauptsache an allen Sachen. Und auch auf der Stufe eines reflektierten Selbstbewußtseins bildet das Wertbewußtsein dessen zentralen Kern. In jener elementaren Gefühlsbetontheit aller Erlebnisse wurzelt ja auch der Realismus des natürlichen Bewußtseins: als real drängt sich uns unwiderstehlich alles auf, was uns "etwas angeht", das uns Widerstand leistet oder unser handelndes Eingreifen herausfordert, was Gegenstand eines wenn auch nur andeutungsweisen Begehrens oder Verabscheuens ist oder von dem wir voraussetzen, daß es das unter Umständen werden könnte. Eben darauf beruth auch die natürliche Macht des Tuismus, der Glaube an das Fremdseelische, weil die Begegnung mit jeder menschlichen Person sofort eine wenn auch noch so schwache Regung von Sympathie oder Antipathie, Vertrauen oder Mißtrauen, Ferne oder Nähe auszulösen pflegt. Im natürlichen Bewußtsein gibt es daher keine ganz wertfreie Einstellung zu den Dingen. Eine solche ist nur als Denkstandpunkt möglich, als Abstraktion von der unmittelbaren Wirklichkeit des Erlebens in der methodischen Absicht, nur das Inhaltliche der Erscheinungen im Auge zu behalten. Aber auch dieses absichtlich unparteiische Verhalten zu den Tatsachen ist wieder seinerseits Ausfluß einer bestimmten Wertungsweise, nämlich der Höherbewertung objektiver und allgemeingültiger Erkenntnis vor subjektiv bedingten Meinungen. Auch die Wissenschaft ist so ihrer Grundlage nach nicht wertungsfrei. Es ist keine Wissenschaft denkbar, in deren Gebiet nicht wahre Aussagen höher bewertet würden als irrtümliche und kein Forscher, dem nicht die Erkenntnis der Wahrheit einen höchsten Wert bedeuten würde. Nur im Dienst dieser Wertung legt er sich die Verpflichtung auf, in der Behandlung seiner Forschungsobjekte Wertgesichtspunkte auszuschalten.


§ 10. Stufen des Wertbewußtseins

1.

Je weiter wir so die Wertgefühle auf ihren ersten Ursprung hin zurückverfolgen, desto weniger deutlich heben sie sich als Erlebnisse besonderer Art von der einheitlichen Gemütslage jedes Bewußtseinsaugenblicks ab. Dunkle Regungen positiver oder negativer Stellungnahme zu irgendwelchen Dingen oder Vorgängen, wie sie diesem Anfangszustand entsprechen, können aber noch nicht als ein Werten im wahren Sinne bezeichnet werden, sondern nur als dessen  Vorstufe.  Erst wenn Gefühle der Zuneigung oder Abneigung in Verbindung mit Antrieben optativer und hortativer Art sich von anderen Gefühlen und naturhaften Antrieben deutlich zu sondern beginnen, vielleicht zu ihnen sogar in Gegensatz treten und so in ihrer Eigenart erlebnismäßig bewußt werden, kann von  Wertgefühlen,  also von Wertungen auf unterster Stufe der Bewußtheit gesprochen werden. Erlebnisse aller Art aber haben die Tendenz, in höhere Bewußtseinsformen überzugehen. Es vollzieht sich das in der Weise, daß sich das zunächst stumme Erlebnis in der Form von Aussagen ausdrückt, dieses Wort im weitesten Sinn verstanden, so daß es auch unvollständig geformtes stilles Sprechen umfaßt. Wir pflegen diese Transformation von Erlebnissen in Aussagen wohl auch ein "Sich-zu-Bewußtsein-bringen" eines Erlebnisses zu nennen und wollen damit sagen, daß sie jetzt in eine reflektorische Form der Bewußtheit eingegangen sind. Erlebnisaussagen sind nicht mehr jene Erlebnisse selbst, die sie ausdrücken, aber sie pflegen in realer Bedeutungshaftigkeit für sie einzutreten und so für das Denken die Erlebnisse selbst, die in ihrer Ursprünglichkeit schon verflossen sind, wenn sie in Aussagen geformt werden, zu vertreten. Was in dieser Hinsicht von Wahrnehmungserlebnissen gilt, gilt auch von Gefühlserlebnissen und so auch von Wertgefühlen. Das "Bewußtsein, etwas zu lieben" oder das "Bewußtsein, etwas zu hassen" ist nicht mehr die unmittelbar erlebte Liebe selbst und nicht mehr der unmittelbar erlebte Haß selbst, sowenig die Aussage: "ich sehe grün" die optische Empfindung "grün" selbst ist. In den  Wertaussagen,  die an den Wortschatz und die Syntax einer bestimmten Sprache gebunden sind, kommt das ursprüngliche Wertgefühl immer nur unzureichend zum Ausdruck. Jeder fühlt das oft genug bei sich selbst, ohne dem abhelfen zu können und erst recht bildet dieser Umstand eine Fehlerquelle für das Verstehen der Wertungsweisen anderer. Die Umformung von Wertgefühlen in Wertaussagen erfolgt, wenn es sich nicht gerade um eine Mitteilung an andere handelt, zumeist absichtslos und ohne bewußtes Zutun, geradeso wie auch Wertgefühle selbst sich bei gegebenem Anlaß geltend machen, ohne daß wir sie nach Willkür hervorzurufen oder zu unterdrücken vermöchten. Beide, Wertgefühle und Wertaussagen, rechnen daher, ihres eigentümlichen Wertungscharakters ungeachtet, der Tatsächlichkeit ihres Auftretens nach zum Reich der Wirklichkeit. Erst im  Werturteil  distanziert sich die wertenden Persönlichkeit von dieser Tatsächlichkeit und tritt ihr als höhere Instanz gegenüber. Erst das Werturteil begründet eine vollbewußte, von Verantwortungsgefühl getragene  Stellungnahme  in allen Wertfragen.


2.

"Urteilen", das heißt immer eine Entscheidung treffen. Es setzt daher einen gegebenen Stoff voraus, an dem es sich betätigt und einen Anlaß, der eine Entscheidung fordert. Würden sich nicht unaufhörlich Wertgefühle geltend machen und diese, in Aussagen überführt, einander nicht vielfach widersprechen, so hätten wir keinen Anlaß, zu urteilen, was na nichts anderes heißt, als einzelne von ihnen bejahen und die ihnen widerstreitenden verneinen. Nich immer allerdings bedarf es eines unmittelbar gefühlten und ausdrücklich bemerkten Zwiespaltes von Wertungen, um zu Werturteilen angeregt zu werden. Immer aber setzt das Urteilen eine zumindest für möglich gehaltene Unvereinbarkeit von Wertaussagen über denselben Gegenstand voraus. Zwischen theoretischen Urteilen und Werturteilen besteht insoweit eine weitgehende Analogie. Hier wie dort handelt es sich um eine Art richterlicher Funktion in Hinsicht der Ansprüche eines gegebenen Materials und dementsprechend um eine Überhöhung der Bewußtseinsstufe. Wie im theoretischen Urteil gibt es auch im Werturteil Zweifel, Unsicherheit, Vorläufigkeit der Entscheidung entsprechend den problematischen Urteilen. So wie dort bedeutet ein negatives Werturteil seinem Sinn nach immer die Verneinung und Ablehnung einer als möglich vorgestellten positiven Wertung. Wird ein Werturteil mit voller Selbstsicherheit, also mit subjektiver Evidenz gefällt, so erhebt es gleich dem theoretischen Urteil den Anspruch auf subjektive Allgemeingültigkeit. Dieser Anspruch ist hier so wenig wie dort ein Kennzeichen der objektiven Richtigkeit eines Urteils, sondern nur ein vom Wertenden gestellte Forderung an alle, seine Wertung zu teilen. Und so wie ein einmal vollzogenes theoretisches Urteil nur durch ein späteres Revisionsurteil wieder aufgehoben wird, so kann auch ein Werturteil nur durch ein späteres Überwertungsurteil außer Kraft gesetzt werden. Jeder Überprüfung standhaltende Werturteile haben für den Urteilenden den Charakter absoluter Gültigkeit, der selbst wieder ein auszeichnendes Wertprädikat dieser überprüften Werturteile darstellt. Die nahe Beziehung der Werturteile zu Willensentscheidungen ist offensichtlich. Von solchen sollte ja überhaupt nur die Rede sein, wenn sie aufgrund von Werturteilen getroffen werden. Nur daß dem Werturteil als solchem jenes  fiat  [es werde, wp] fehlt, das für den Willensentschluß charakteristisch ist. Denn Werturteile fällen wir auch dort, wo, wie im ästhetischen Verhalten, ein handelndes Eingreifen gar nicht in Frage kommt oder wir uns als unbeteiligte Zuschauer eines Geschehens fühlen.

Die Stufen des Wertbewußtseins sind somit  Wertgefühl, Wertaussage, Werturteil -  eine Stufenfolge, die, psychologisch durch Übergänge vermittelt, sowohl für die einzelne Wertung Bedeutung hat wie für die Entwicklung des Wertbewußtseins überhaupt: Wertgefühle sind die unmittelbar erlebten Wertungen selbst, Wertaussagen sprechen das reflektierte Wissen um Werterlebnisse aus, Werturteile sollen zwischen verschieden gerichteten Wertungen eine Entscheidung treffen.


§ 11. Werterkenntnis

1.

Es fragt sich nun, aufgrund wessen hier eine Entscheidung erfolgt und welches Kriterium richtige von unrichtigen Werturteilen unterscheidet, ja was überhaupt "Richtigkeit" eines Werturteils bedeutet. Im Theoretischen vollzieht sich das Urteilen durch eine Vergleichung von Aussagen nach dem Gesetz des Widerspruchs und zwar durch eine Vergleichung von fraglichen Aussagen höherer Stufe mit anderen bereits als wahr befundenen Aussagen und zuletzt mit Elementaraussagen, die ihrerseits keiner Entscheidung über wahr und falsch mehr unterstehen, sondern eine schlichte Tatsächlichkeit des Erlebens aussprechen. Das Eigentümliche des Werturteils liegt aber, wie bereits früher ausgeführt wurde, darin, daß ihm  unmittelbar  solche Erlebnis- oder Elementaraussagen zur Entscheidung vorliegen. Eine Überprüfung dieser Aussagen auf ihre Übereinstimmung mit den Wertgefühlen, die sie ausdrücken, kommt nicht in Frage, sondern nur das subjektive Bestreben nach ihrer redlichen Wiedergabe, also ihre Wahrhaftigkeit. Eine Wertaussage ist dann "falsch", wenn sie aus Absicht oder aus Mangel an Gewissenhaftigkeit Wertgefühle sprachlich ungenau wiedergibt, sie also im Bann der Sprachgewohnhei, aus Eitelkeit oder aus Täuschungsabsicht mit unzutreffenden Ausdrücken bezeichnet oder sie als stärker oder schwächer erscheinen läßt, als sie sind. Darüber zu entscheiden ist aber nicht Sache des Werturteils. Was zur Beurteilung vorliegt, ist somit nicht die Wahrheit der Wertaussagen als Aussagen, sondern ein Widerstreit von Wertungen selbst. Hier versagt aber der Kriterium der theoretischen Urteile. Der Verstand kann zwar auf Widersprüche in den Wertaussagen aufmerksam machen, nicht aber diese Widersprüche auflösen, weil ihm die Möglichkeit fehlt, sie mit anderen bereits feststehenden Aussagen zu vergleichen. Wenn KANT meinte, das Verbot zu lügen rein logisch begründen zu können, insofern es nicht der Sinn einer Aussage sein kann, die Unwahrheit zu sagen, daher die Lüge einen Widerspruch in sich schließt, so hängt die Wirkung dieser Überlegung doch in Wahrheit von einer außerlogischen Voraussetzung ab: daß nämlich einem Menschen an jenem "Sinn" etwas liegt und er daher den Widerspruch gegen ihn scheut, oder kurz, daß er Wahrhaftigkeit als Wert anerkennt. Daher kann im Werturteil überhaupt die Entscheidung immer wieder nur in einer Wertung liegen, also zuletzt wieder in einem Wertgefühl: jene Wertungsweise wird entscheiden, hinter welcher der stärkste Wertantrieb steht. Wir werden stets dasjenige am höchsten bewerten und daher anderen Wertungen vorziehen, was wir am stärksten und amm innigsten "lieben". Was dem Werturteil dabei vorausgeht, ist besonders in schwierigen Fällen eine Art Gedanken-Experiment, das vielleicht besser ein Gefühlsexperiment genannt werden könnte, ein Durchprobieren der in Betracht kommenden Wertungsweisen durch wiederholte und abwechselnde Beobachtung der Wirkungen, die ein Wertungsobjekt auf uns ausübt, ein Sich-Versetzen in verschiedene Bewußtseinslagen, vielleicht auch ein Sich-Erinnern an frühere Entscheidungen in ähnlichen Fällen. Was zuletzt den Ausschlag gibt, ist aber doch wieder ein Wertgefühl, aber nicht immer jenes, das sich im ersten Augenblick am aufdringlichsten geltend gemacht hat, sondern jenes, das einer solchen Selbstprüfung standhält und sich im Wettstreit der Wertungen als das stärkste behauptet. Bildlich läßt sich sagen, daß im Werturteil Tiefenwertungen gegenüber Oberflächenwertungen zu Worte kommen. Die Tatsache, daß es Werturteile gibt, die den augenblicklichen Wertgefühlen gegenüber als höhere Instanz auftreten, ist überhaupt nur verständlich, wenn man eine solche Tiefenschichtung des Wertbewußtseins annimmt. Was das heißt, ist gefühlsmäßig ohne weiteres verständlich; es ist aber doch nur ein symbolischer Ausdruck, welcher der räumlichen Anschauung entnommen ist. Unmittelbar feststellbar ist nur die Tatsache, daß gewisse Wertungen im Verhältnis zu anderen sich entschiedener, nachhaltiger und gebietender geltend machen und nicht selten gegen die Endgültigkeit flüchtiger Augenblickswertungen Einspruch erheben. Auf ethischem Gebiet spricht man da von der Stimme des Gewissens.


2.

Was in einer Wertüberlegung gesucht und angestrebt wird, ist die Einsicht, welche Wertungsweise im vorliegenden Fall die der Natur unseres Wertbewußtseins angemessenste ist. Das Werturteil selbst ist nur die Bestätigung und Festlegung dieser Einsicht durch einen Akt der Zustimmung und eindeutigen Bejahung. Nur insofern hat es einen Sinn, von  Werterkenntnis  zu sprechen. Wertaussagen sind ja an und für sich nicht wahr oder falsch im logischen Sinn, sondern Ausdruck einer Wirklichkeit. Wohl aber kann das Werturteil richtig oder unrichtig sein. Richtig wird es dann sein, wenn es den für eine bestimmte Person charakteristischen Grundwertungen entspricht. Stehen jene Grundwertungen einmal fest, dann können sie allerdings auch selbst in die Form von Aussagen gekleidet werden, die für den Wertenden die Bedeutung von Axiomen besitzen (auf ethischem Gebiet entsprechen dem ein für allemal festgesetzte "Maximen"), in Hinblick auf welche dann weiterhin in Frage stehende Wertungen auf ihre Einstimmigkeit hin beurteilt werden können. Ein Wertirrtum hingegen liegt dann vor, wenn sich nachträglich herausstellt, daß eine vermeintlich endgültige Wertung keine wirklich endgültige war, weil sie nicht den eigenen Grundwerten entsprochen hat und daher aufgrund einer späteren Wertüberlegung wieder zurückgenommen werden muß. Das "richtige Vorziehen" aufgrund "richtiger Gemütstätigkeit", von dem BRENTANO spricht (3), hat kein anderes Kennzeichen als dieses, daß es nämlich in allen Wertüberlegungen und Selbstprüfungen sich bewährt und von allen späteren Werturteilen immer wieder von neuem bestätigt wird. Es gibt kein anderes Kriterium für die Richtigkeit eines Werturteils als diese Zustimmung aus der letzten Tiefe unseres Wertbewußtseins.  Werterkenntnis ist so im Grunde immer eine Selbsterkenntnis des Wertenden,  nämlich Erkenntnis der zuweilen verdunkelten Rangordnung der Wertungen in seinem Wertbewußtsein. Die Möglichkeit einer "objektiven" Werterkenntnis würde voraussetzen, daß es objektive Werte gibt und daß diese erkennbar sind. Das ist aber keineswegs von vornherein gewiß, sondern bedarf einer eigenen Untersuchung.
LITERATUR: Robert Reininger, Wertphilosophie und Ethik - Die Frage nach dem Sinn des Lebens als Grundlage einer Wertordnung, Wien-Leipzig 1937
    Anmerkungen
    1) HEINRICH RICKERT, System der Philosophie, 1921, Seite 117f
    2) CHRISTIAN von EHRENFELS, System der Werttheorie, 1897/98, § 18. Nach K. GROOS: Zur Psychologie und Metaphysik des Werterlebens, 1932, Seite 16, gibt das Begehren nur den letzten Ausschlag. Vertreter der Gefühlstheorie ist besonders ALEXIUS MEINONG. Gegen sie macht I. E. SALOMAA: Studien zur Wertphilosophie (1930), Seite 81, mit Recht geltend, daß Lust und Unlust selbst wieder Objekte des Wertens sind.
    3) FRANZ von BRENTANO, Vom Ursprung der sittlichen Erkenntnis, 1921, § 31. Ähnlich schon PLATO, Gesetze 659D