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RICHARD SCHUBERT-SOLDERN
Über den Begriff des Seins
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"Die Erkenntnistheorie hat als die theoretische Wissenschaft die Seinsarten festzustellen und zu verhüten, daß nicht durch Unterschiebung einer falschen Seinsart falsche Folgerungen aus einer Bewußtseinstatsache gezogen werden. Die anderen Wissenschaften aber in der Stufenfolge, in der sie immer praktischere Zwecke verfolgen, müssen stets mehr Rücksicht auf die sichere Aufeinanderfolge von Bewußtseinstatsachen nehmen, bis endlich im rein praktischen Leben  nur  auf die sichere Aufeinanderfolge derselben Rücksicht genommen wird."

"Man wird noch die Einwendung machen, daß mit dieser Erkenntnistheorie alles zur Einbildung gemacht ist. Aber Einbildung ist nur ein Wort, wie leider viele andere und man muß erst erklären, was man darunter versteht."

Das Außensein

Bei der Frage nach dem äußeren Sein prüft BENEKE zuerst den Idealismus und findet seine Behauptung ganz gerechtfertigt, daß alles zunächst nur unsere Vorstellung, unsere Tätigkeit oder unser Zustand sei; daneben aber bestehe das Bewußtsein, daß dieselben objektiven Ursprungs seien und neben ihrer subjektiven auch eine objektive Beziehung auf Dinge außer uns hätten. (1) Wir sind uns bewußt, daß die sinnlichen Wahrnehmungen ein Element in sich haben, dessen Quelle außerhalb der Seele liegen muß. (2) Kürzer gesagt: Vorstellen und Sein sind verschieden; die Vorstellung hat nämlich eine Beziehung auf das Sein, auf den Gegenstand. (3) Hier muß vor allem die Frage erhoben werden, was heißt das "Unser Zustand", "Unsere Vorstellung"? Die Frage ist zwar nicht leicht zu beantworten; BENEKE jedoch hat nicht einmal ihre Notwendigkeit eingesehen und gebraucht die Worte "Unser, Mein, Wir", als ob der Sinn derselben ein vollständig selbstverständlicher und klarer wäre. Zunächst leuchtet ein, daß der Sinn dieser Worte mit dem "Ich" zusammenhängt. Ein "Mein", ein "Unser", ein "Wir" gibt es nicht ohne ein "Ich". Stellen wir uns zunächst in Bezug auf das "Ich" auf den Standpunkt BENEKEs selbst. BENEKE sagt von der "Vorstellung von uns selber" (4): "Auch dieses ist uns keineswegs angeboren, sondern bildet sich als ein solches Aggregat infolge der Verknüpfung des Einzelnen, was wir in unserem Bewußtsein, in diesem Falle freilich nicht bloß zusammen oder eines nach dem andern, sondern ineinander und eines durch das andere gewirkt wahrnehmen. Daher sich auch diese Vorstellung ziemlich langsam und spät zur Klarheit entwickelt und im Fortschritt des Lebens fortwährend Veränderungen erfährt, wenn auch auf einer sehr ausgedehnten, gleichbleibenden Grundlage." Freilich ist dieses hier dargestellte "Ich" doch nur ein Ich der Erscheinung (so sehr auch BENEKE sich dagegen sträuben würde), den dahinter steckt, wenn man das "der Erregung Angehörige" in Bezug bringt, das "innere unbewußte Seelensein". Doch der Trugschluß auf dasselbe ist bereits oben behandelt. Was BENEKE hier über das "Ich" bemerkt, ist zwar keine vollständige Lösung des Ich-Problems, es genügt aber diese Klarstellung der Sache für unseren Zweck und wir können ihr auch vollständig beipflichten. Das Ich ist also nichts anderes als die gegebenen Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffe, aufgefaßt ihrer Einheit nach, d. h. in jener gegenseitigen Durchdringung und Bedingtheit, ohne welche sie gar nicht denkbar sind. "Wir" sind dann mehrere Ich, die in kausalem Zusammenhang gedacht sind. "Mein" und "Unser" sind dann Worte, welche die Zugehörigkeit zu jenen Verbindungen bezeichnen. "Alles ist zunächst nur unser Zustand, nur unsere Vorstellung" heißt dann nichts weiter als: Jede Vorstellung, jeder Zustand gehört zu einer solchen, einheitlich und in gegenseitiger Bedingtheit sich entwickelnden Vorstellungsmasse. Auch dieses können wir anstandslos zugestehen. Diese "unsere Vorstellungen" sollen aber neben ihrer subjektiven auch eine objektive Beziehung haben. Sollte dieses heißen: jede Vorstellung könne außer auf jenes Ich auch noch auf andere Vorstellungen innerhalb jener Einheit, aber ohne Rücksicht auf diese Einheit (das Ich) bezogen werden oder unabhängig vom Ich aufgefaßt werden, so könnte auch dieses noch zugegeben werden. Aber das soll es nicht bedeuten; sondern hier spielt jenes unbewußte innere Seelensein in die Frage hinein und verändert die Beurteilung. Die Vorstellung wird nämlich geschieden in das Vorstellen und das Vorgestellte. Beide sind das Resultat der Zusammenwirkung von Vermögen und Reiz. Das Vorstellen ist der subjektive Teil des Produktes, vom Vermögen, dem inneren Seelensein abhängig; das Vorgestellte (der Inhalt des Vorstellens) ist der objektive Teil, abhängig vom Reiz, dem äußeren Sein. Daß Vorstellen und sein Inhalt gar nicht getrennt denkbar, ja ein und dasselbe, in verschiedenen Beziehungen gedacht sind, wird hier nicht beachtet. Aber selbst abgesehen davon, leuchtet nicht ein, wie BENEKE aus der Vorstellung, durch welchen Schluß auch immer, herauskommen will. Mag die Vorstellung auch immerhin aus dem Vorstellen und seinem Inhalt bestehen, ein jeder Schluß samt dem Erschlossenen kann wieder nur ein vorgestellter Inhalt sein. Ist jene "objektive Beziehung", jenes "fremde Element" nicht Vorstellung, dann ist ein Erschließen dieses von der Vorstellung verschiedenen Seins gar nicht nötig, ist aber dieses "fremde Element" auch Vorstellung, dann kann seine Fremdheit nur auf einer Verschiedenheit innerhalb der Vorstellungswelt beruhen und es ist nicht abzusehen, wie man aus derselben herausgelangen wollte. Es ist ein ganz falsches Verfahren,  zunächst alles  für Vorstellung zu erklären, um diese Prämisse (die sich eigentlich schon durch das "Zunächst" selbst aufhebt) dann durch die bloße Fragestellung, ob es nicht  Etwas außer der Vorstellung  gäbe, wieder zu vernichten. Ebenso falsch ist es, wenn BENEKE den Idealismus zunächst zugesteht, weil wir sonst die Dinge selbst werden müßten, denn damit ist er vielmehr von vornherein aufgehoben. Denn der Idealismus behauptet eben, daß die Dinge nur ein Teil oder eine Art unseres Selbst sind; gibt es aber Dinge, die nicht wir selbst sind, so ist es selbstverständlich, daß sowohl der Idealismus falsch, als daß die Dinge verschieden von uns sein müssen; denn es wäre widersprechend, behaupten zu wollen, daß die Dinge sich von uns oder unseren Zuständen nicht unterscheiden, um dann hinterher doch wieder anzunehmen, daß sie doch vorhanden, also von uns unterschieden sind. Es ist eben grundfalsch,  alles nur  für Vorstellung zu erklären; denn nicht jeder Inhalt wird in Bezug auf seine psychologischen Vorbedingungen, d. h. als Vorstellung erfaßt; es gibt auch andere Auffassungsweisen, die mit jener psychologischen nichts zu tun haben. Ein jeder Inhalt kann z. B. auch in Bezug auf seine physikalischen oder sozialen Vorbedingungen erfaßt werden; wenn damit auch nicht geleugnet werden soll, daß die verschiedenen Inhalte schon ansich mehr zu der einen als zu der anderen Auffassungsweise hinneigen können. Eines aber steht felsenfest:  Alles hat seine psychologischen Vorbedingungen,  muß demnach in Beziehung auf dieselben gedacht werden können; das ist die Bedeutung des formell falschen Satzes: Alles ist zunächst nur unsere Vorstellung.

Ein anderer Grund BENEKEs für die Scheidung von innerem und äußerem Sein ist die Wahrnehmung des äußeren Seins durch die Sinne, während das innere oder Seelensein unmittelbar durch das Bewußtsein wahrgenommen werde. (5) Aber ist denn das sogenannte Seelensein ohne das sinnliche Sein überhaupt nur denkbar? Man nenne mir doch irgendeine sogenannte Seelentätigkeit, die nicht ihre physiologische Grundlage hätte und haben müßte. Ist ein Vorstellen, Denken, Fühlen etc. ohne sinnliche Wahrnehmungen irgendeiner Art möglich? Sind sinnliche und geistige Wahrnehmungen nicht derselbe Inhalt in Bezug auf andere Vorbedingungen gedacht? Oder, wenn man dieses nicht zugestehen will, beruth nicht auch das Geistige wenigstens auf physiologischen Vorbedingungen, ist es ohne solche denkbar? Man wende mir nicht ein, das Geistige könne, wenn auch nicht für unser Denken, so doch für ein anderes ohne physiologische Grundlage bestehen; denn auf dem Standpunkt außerhalb des menschlichen Denkens hört jedes Urteil, ja jede Behauptung auf oder es schließt die Anmaßung und den Widerspruch in sich, außer dem menschlichen Denken noch ein übermenschliches zu besitzen.

Wir müssen nun noch BENEKEs nähere Begründung seiner Behauptung einer "objektiven Beziehung" eines "fremden Elementes" in den Vorstellungen prüfen. Schon die Prüfungsweise BENEKEs in der Frage nach dem Sein der Außenwelt ist nicht die, wie er sie bei der Innenwelt befolgt hatte. Denn folgerichtigerweise hätte er bei der Prüfung des Problems der Außenwelt nun dieselbe Untersuchung anstellen sollen: ob nicht ein äußerer Sinn, der die Außenwelt erst erfasse, gar nicht vorhanden sei, ob nicht die Außenwelt ebenso durch aus ihr selbst gebildete Begriffe erkannt werde, wie die Innenwelt, d. h. ob Außen- und Innenwelt nicht beide ein unmittelbar erfaßtes Sein sind. Und wie könnte es nach BENEKEs Erkenntnistheorie eigentlich auch anders sein? Sollen die Begriffe, durch welche die Außenwelt erfaßt wird, a priori in uns sein, dem menschlichen Geist als solchem angehören, dann ist BENEKEs Polemik gegen KANT eine falsche. (6) Sind sie aber wirklich, was BENEKE behaupten muß, aus der äußeren Erfahrung herausgebildet, dann kommt nichts Fremdartiges zur Außenwelt hinzu, sie wird so erfaßt, wie sie ist, durch ihre eigenen Begriffe und ein äußerer Sinn ist unnötig. Freilich könnte man dagegen einwenden, daß die Außenwelt wohl durch ihre eigenen Begriffe erfaßt würde, aber der Inhalt der Außenwelt nur vermittelt sei durch die Sinnes des Leibes. Es handelt sich hier um die Frage, welche Stellung nehmen erkenntnistheoretisch die Sinne ein; es handelt sich also nicht um ihre physiologische oder gar metaphysische Beziehung zur Außenwelt, sondern nur um die erkenntnistheoretische Seinsart ihres unmittelbaren Gegebenseins und ihrer ursprünglichen Beziehungen zur Außenwelt. Greifen wir einen Sinn, den Gesichtssinn, aus dem Ganzen heraus. Gesichtswahrnehmungen ohne ein Auge, eine Sehvorrichtung ist undenkbar, unmöglich. Aber das Auge selbst ist ursprünglich nur als ein Komplex von Tastwahrnehmungen und auch Gesichtswahrnehmungen gegeben, die untereinander in einem gewissen gesetzlichen Zusammenhang stehen. Diese genannten Wahrnehmungen nun sind die notwendigen Vorbedingungen zu einer jeden Gesichtswahrnehmung überhaupt, d. h. diese Wahrnehmungen müssen möglich oder wenigstens durch andere Wahrnehmungen, die mit jenen in bestimmtem Zusammenhang stehen, als möglich konstatierbar sein. Die Sinne sind also nicht als etwas den Wahrnehmungen Fremdes, sondern selbst als Wahrnehmungen gegeben, welche aber die Vorbedingungen zu allen anderen Wahrnehmungen bilden. Die Behauptung, daß die Außenwelt durch Vermittlung der Sinne als etwas Fremdes gegeben sei, kann nur für denjenigen Geltung haben, der hinter dem bewußten Sein noch ein unbewußtes annimmt, für welches dieses vermittelte Sein dann ein fremdes ist. Dann ist aber auch das innere Sein ein fremdes und vermitteltes, da ohne sinnlich vermittelten Inhalt ein Denken, Fühlen oder Begehren eine Unmöglichkeit ist.

Doch BENEKE untersucht, wie gesagt, das äußere Sein in ganz anderer Weise als das innere. Er frägt nicht: ist das äußere Sein nicht ebenso ein unmittelbar erfaßtes, wie das innere Sein, sondern: wie kommen wir dazu, auch den äußeren Wahrnehmungen ein Sein unterzulegen? (7) Damit ist aber schon ausgesprochen, daß die äußeren Wahrnehmungen kein Sein ansich haben und in der Fragestellung ist die Lösung schon gegeben. Ist nun das wahre Sein erst hinter den äußeren Wahrnehmungen gegeben, was die einzige Lösung bei dieser Fragestellung ist, dann ist es von vornherein klar, daß die Wahrnehmungen nicht mit demselben übereinstimmen können; denn dann muß sich doch das eigentliche Sein von den Wahrnehmungen unterscheiden, wenn es nicht mit ihnen zusammenfallen soll. Und die weitere These: "Unsere Vorstellungen stimmen nicht mit dem Sein ansich überein" (8) ist müßig, denn stimmten unsere Wahrnehmungen vollständig mit dem untergelegten Sein überein, dann wäre wenigstens eine Unterscheidung und daher die Behauptung, daß es besteht, unmöglich.

Der Weg, wie wir nach BENEKE dazu kommen, auch den äußeren Wahrnehmungen ein Sein zu unterlegen, ist ein Analogieschluß. Er geht aus von den Wahrnehmungen unseres Leibes als Glied der Außenwelt, mit welchen stets gewisse innere Wahrnehmungen verbunden sind, um aus unseren Wahrnehmungen eines fremden Leibes auf ein analog unserem Leib mit demselben verbundenes Seelensein zu schließen oder wenigstens ein solches mit dem fremden Leib in Assoziation zu bringen. Denn geradeso wie mit gewissen äußeren Wahrnehmungen, die unseren Leib betreffen, stets gewisse innere Wahrnehmungen verbunden sind, sich mit ihnen assoziieren, muß auch mit analogen Wahrnehmungen, die einen fremden Leib betreffen, sich die Vorstellung eines fremden Seelenseins verbinden. Aber noch mehr, diese Assoziationen erhalten ihre Bestätigung dadurch, daß sich das erschlossene Seelensein wirklich nach Erwartung analog unserem Seelensein kundgibt. Gehen wir vom Menschenleib zum Tierleib, so finden wir hier ebenfalls Analogien mit unserem eigenen Leib, aber schon geringere; das tierische Seelensein hat daher geringere Ähnlichkeit mit dem menschlichen Seelensein; diese Ähnlichkeit verschwindet noch mehr beim pflanzlichen Leib und sinkt fast auf Null beim unorganischen Körper. Aber auch diesem legen wir ein der Seele ähnliches Sein unter, weil wir kein anderes kennen. Daher kommt es, daß alle Völker den leblosen Gegenständen ursprünglich ein Seelensein zugrunde gelegt haben (Fetischismus, Naturreligion).

Zunächst kann man hier BENEKE in Bezug auf den Menschen- und Tierleib vollständig zustimmen. Wir sind wirklich genötigt, bei der Wahrnehmung des fremden Leibes ein dem unseren anloges Bewußtsein samt den darin befaßten Wahrnehmungen, Gefühlen etc. anzunehmen, d. h. vorzustellen und zu erschließen. Aber bei der Pflanze und dem Mineral hört jener Schluß auf, weil die Analogien und daher die Assoziationen zwischen bestimmten Wahrnehmungen betreffs des Leibes und bestimmter Vorstellungen und Gefühle aufhören. So besteht zwischen der Wahrnehmung einer Pflanze und gewissen Bewußtseinstatsachen, wie Vorstellungen, Gefühlen, keine stets vorhandene Assoziation noch eine Nötigung, Bewußtseinstatsachen zu erschließen. Freilich ist der Übergang vom Tier zur Pflanze und von dieser zum Unorganischen ein allmählicher, eine scharfe Grenze ist nicht zu ziehen, wie nirgends in der Natur; aber dieses hat nur zur Folge, daß auch die Nötigung, ein inneres Sein neben dem äußeren anzunehmen, gradatim bis zu Null abnimmt.

Nun aber entsteht die Frage: ist dieses durch Assoziation oder Schluß entstandene Sein vollständig gleich mit den unmittelbar erfaßten, unmittelbar wahrgenommenen Gefühlen, Begehrungen, Wollungen etc., kurz den wahrgenommenen verschiedenen Bewußtseinsinhalten? Allerdings muß ich Vorstellungen fremder Empfindungen mit den Wahrnehmungen eines fremden Leibes assoziieren, niemals kann ich aber fremde Empfindungen wahrnehmen. Es stehen also Vorstellungen fremder Empfindungen Wahrnehmungen eigener Empfindungen entgegen; und diese Vorstellungen sind noch dazu, wie es nicht anders möglich ist, analog unseren Wahrnehmungen gebildet, gehören also unserem Bewußtsein ihrem Anfang und Ende nach an. Sie können daher durchaus nicht von einem Faktor abgeleitet werden, der jenseits des Bewußtseins läge. Man kann zwar einwenden, daß der Schluß auf ein fremdes Bewußtsein samt analogem Inhalt mit unserem eigenen ein vollständig berechtigter Analogieschluß ist. Gewiß, wenn dieses erschlossene Bewußtsein nichts anderes bedeuten soll, als meinen Bewußtseinsinhalt, meine Bewußtseinstatsachen. Denn Analogieschlüsse können doch nur zwischen Gleichartigem gestattet sein, da sie auf der Voraussetzung beruhen, daß Gleichartiges auch gleichen Gesetzen und Beziehungen unterworfen ist. Etwas aber, das innerhalb des Bewußtseins und etwas, das außerhalb desselben bestehen soll, ist toto genere [auf jede Art, wp] seiner Seinsart nach verschieden und ein Analogieschluß (ebensowenig ein anderer) kann niemals über Bewußtseinstatsachen hinausführen, abgesehen davon, daß ein solcher Schluß den Widerspruch mit sich führen würde, das Bewußtsein von etwas zu haben, das gar nicht im Bewußtsein liegt.

Das fremde Bewußtsein samt seinem Inhalt kann nun niemals eine Wahrnehmung sein; wenn es nun auch keine Vorstellung, noch ein bloßer Begriff sein soll, so ist seine Seinsart ganz unerfindlich. Wahrnehmung kann es aber nicht sein, weil seinem Inhalt die Wahrnehmbarkeit fehlt, ohne welche Wahrnehmung nur ein leeres Wort sein kann. Die Folge wäre also, es gibt kein fremdes Bewußtsein, sondern nur mein eigenes. Erkenntnistheoretisch der Seinsart nach gewiß. Es gibt keine Seinsart, die nicht zugleich Bewußtseinsinhalt wäre. Doch kausal verhält sich die Sache anders. Es ist wahr, das fremde Bewußtsein besteht aus Vorstellungen und Begriffen, die analog meinem Bewußtsein als mein Bewußtseinsinhalt gebildet sind, d. h. daß sie zu jener mein Ich bildenden Einheit und der kausalen Verbindung von Bewußtseinsinhalten gehören. In kausaler Beziehung aber verhält sich dieses fremde Bewußtsein genauso wie eine Wahrnehmung, so daß ein Rückschluß von diesem erschlossenen Bewußtsein dieselbe Gültigkeit hat, wie von meinem eigenen Bewußtsein, soweit jenes meinem eigenen Bewußtsein analog richtig erschlossen ist . Das fremde Bewußtsein steht, innerhalb meines jeweiligen  gegenwärtigen  Bewußtseins, meinem Ich als Resultat meines vergangenen Bewußtseins gleichberechtigt gegenüber. Denn mein Ich, soweit es ein Ich der Vergangenheit ist (und das ist es fast allein), ist ebenfalls nur eine Vorstellung, die sich an gewisse Wahrnehmungen knüpft, wie das fremde Ich sich als Vorstellung an die Wahrnehmungen des fremden Leibes knüpft. Ebenso ist auch mein Ich der Zukunft eine Vorstellung (wenn auch eine besser gekannte), wie das erschlossene zukünftige fremde Ich. Die Gegenwart im absoluten Sinn besteht aber streng genommen nicht, sie ist immer nur die nächste Vergangenheit. So steht das fremde Ich dem eigenen in kausaler Beziehung gleichberechtigt gegenüber, als wäre es gleich dem eigenen Ich einmal Wahrnehmung gewesen oder könnte eine solche werden. Die Folge davon ist, daß für beide der gleiche Maßstab ihres Wertes gilt. Tritt aber das fremde Ich in kausaler und ethischer Beziehung dem eigenen gleichartig gegenüber, so bleibt es in erkenntnistheoretischer Beziehung doch stets Vorstellung und Abstraktion gegenüber dem eigenen Ich, das seinen Ursprung in der Wahrnehmung hat. Aber Wahrnehmung, Vorstellung, Abstraktion sind erkenntnistheoretisch gleichberechtigt und füllen zugleich auch den Umkreis des Seins aus. Diese Unterscheidung kennt aber BENEKE nicht; für ihn gibt es nur  eine  Seinsart. Dieses Sein sucht und findet er auf dem Gebiet der inneren Wahrnehmung, des inneren Seelenseins; ja er findet noch mehr: außer diesem bewußten Sein besteht für ihn noch ein unbewußtes Sein der Vermögen, gleichwertig mit dem ersten, aber außerhalb des Bewußtseins. Alles andere Sein muß diesem analog sein oder es ist eine bloße Erscheinung, hinter welcher erst das Sein steckt.

Wir haben gesehen, daß diesem Allen das unmittelbar Gegebene widerspricht. Ein solches Sein ist weder gegeben noch denkbar. Erkenntnistheoretisch ist alles Bewußtseinsinhalt und zwar in einer bestimmten Seinsart als Wahrnehmung, Vorstellung oder Abstraktion gegeben. Die Erkenntnistheorie hat als die theoretische Wissenschaft die Seinsarten festzustellen und zu verhüten, daß nicht durch Unterschiebung einer falschen Seinsart falsche Folgerungen Abstraktion gegeben. aus einer Bewußtseinstatsache gezogen werden. Die anderen Wissenschaften aber in der Stufenfolge, in der sie immer praktischere Zwecke verfolgen, müssen stets mehr Rücksicht auf die sichere Aufeinanderfolge von Bewußtseinstatsachen nehmen, bis endlich im rein praktischen Leben  nur  auf die sichere Aufeinanderfolge derselben Rücksicht genommen wird. Aber Theorie und Praxis bedingen sich gegenseitig. Es kann etwas mehr theoretisch oder praktisch aufgefaßt werden, mehr nach seinem Sein oder Werden, aber nie rein theoretisch oder rein praktisch. Denn jeder praktische Unterschied ist auch ein theoretischer und umgekehrt. Eine stets mit Notwendigkeit sich ergebende Folge von Vorstellungen oder Abstraktionen hat auch theoretische Bedeutung und kann innerhalb einer Seinsart eine Seinsunterart konstituieren. Die Erkenntnistheorie aber, indem sie falsche Folgerungen aus unrichtig unterschobenen Seinsarten verhütet, verhütet dadurch praktisch falsche Erwartungen, die als solche praktischen Wert haben.

Man wird noch die Einwendung machen, daß mit dieser Erkenntnistheorie alles zur Einbildung gemacht ist. Aber Einbildung ist nur ein Wort, wie leider viele andere und man muß erst erklären, was man darunter versteht. Ist Einbildung die Verwechslung einer Seinsart mit der anderen, dann ist diese Erkenntnistheorie sehr weit davon entfernt. Die realistische aber bewegt sich dann in lauter Einbildungen. Ist aber Einbildung etwas, dem kein Sein ansich zugrunde liegt, so fällt diese Definition der Einbildung mit dem Sein ansich, welches als ein Abstraktum aus den Wahrnehmungen, das ihnen doch wieder und zwar nicht als Abstraktum zugrunde liegen soll, ein permanenter Widerspruch. Die Einbildung besteht dann nur noch für diejenigen, welche das Sein ansich trotzdem nicht aufgeben wollen.

Die Erkenntnistheorie, die ich hier angedeutet habe, ist nichts durchaus Neues und sie soll auch nicht als etwas Neues hingestellt werden. Ich wollte auch nur einen Vergleich derselben mit einem der hauptsächlichsten Vertreter des Realismus neuerer Zeit anstellen.

Ist es mir gelungen, auf diese Weise ein Scherflein zur Fortbildung dieser Erkenntnistheorie beigetragen zu haben, so ist der Zweck dieser Arbeit erfüllt.
LITERATUR - Richard Schubert-Soldern, Über den Begriff des Seins [mit besonderer Berücksichtigung Benekes], Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 6, Leipzig 1882
    Anmerkungen
    1) FRIEDRICH EDUARD BENEKE, Metaphysik, Seite 62; Seele und Leib, Seite 12
    2) BENEKE, Seele und Leib, Seite 121
    3) BENEKE, Lehrbuch der Psychologie, § 150, 151
    4) BENEKE, Lehrbuch der Psychologie, § 150, 151
    5) BENEKE, Seele und Leib, Seite 7
    6) BENEKE, Metaphysik, Seite 68f
    7) BENEKE, Metaphysik, Seite 76
    8) BENEKE, Metaphysik, Seite 91


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