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BERNARD BOLZANO
Wissenschaftslehre I
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"Wilhelm Traugott Krug sagt, das formale Denken, welches den Gegenstand der Logik ausmacht, bestehe darin, daß die Vorstellungen nur aufeinander selbst bezogen werden, ohne weiter auf den Gegenstand, worauf sie sich außerdem noch beziehen mögen, Rücksicht zu nehmen."

§ 2.
Rechtfertigung dieses Begriffs
und seiner Bezeichnung

Da ich soeben selbst behauptete, daß es nicht gleichgültig sei, wieviele und welche Wissenschaften man in die Welt einführe; so wird es sich geziemen, daß ich mich auch über die Wissenschaft, die ich hier unter dem Namen  Wissenschaftslehre  aufstelle, eigens zu rechtfertigen suche. Da aber die Regeln, nach welchen man bei einer solche Untersuchung vorzugehen hat, erst im Verlaufe dieses Buches selbst vorkommen sollen: so will ich mich gegenwärtig nur auf Gründe von der Art berufen, die ich bei einem jeden meiner Leser schon durch den bloßen gesunden Menschenverstand oder doch anderswoher, als bekannt voraussetzen darft.

1. Ich wende mich also zuerst an das bloße Gefühl eines Jede und frage, ob er es nicht in der Tat befremdend finden müßte, wenn wir der Wissenschaften so viele und dennoch keine haben sollten, welche uns lehrt, wie wir bei ihrer Bildung und schriftlichen Darstellung in einem Lehrbuch vorgehen sollen? Denn daß eine solche Wisenschaft nicht inhaltsleer sein würde, daß es der Regeln, nach denen man bei der Einteilung des gesamten Gebietes der Wahrheiten in besondere Wissenschaften und beim Vortrag einer jeden vorzugehen hat, allerdings mehrere gebe: das werden uns alle diejenigen zugestehen, die sich mit der Ausarbeitng von Lehrbüchern beschäftigt haben und selbst jeder Anfänger wird, ohne eine dieser Regeln bestimmt angeben zu können, doch ihr Vorhandensein ahnen. Ebensowenig ist aber auch zu bezweifeln, daß die Zusammenstellung derselben in ein eigenes für sich bestehendes Ganzes, ihr Vortrag in einem eigenen Buch ihre Bekanntschaft unter uns befördern und schon hierdurch allein auf die Vervollkommnung auch aller übrigen Wissenschaften und ihrer Lehrbücher wohltätig einwirken werde.

2. Aber vielleicht regt sich bei Jemand der Zweifel, ob eine solche Wissenschaft, wie ich mir hier die Wissenschaftslehre denke, auch  möglich  sei. Denn da die Wissenschaftslehre nach der gegebenen Erklärung lehren soll, wie Wissenschaften erst dargestellt werden können und dabei doch selbst eine Wissenschaft sein soll: so dürfte man fragen, wie sie zustande kommen könne, wenn man, so lange sie noch nicht da ist, nicht weiß, wie eine Wissenschaft dargestellt werden müsse? Diese Beseitigng dieses Zweifels ist leicht. man kann nach den Regeln der Wissenschaftslehre vorgehen und also manche Wissenschaft, unter anderen auch die Wissenschaftslehre selbst oder besser zu sagen, schriftliche Darstellungen derselben hervorbringen, ohne sich dieser Regeln deutlich bewußt zu sein; man kann diese Regeln, viele oder auch alle, durch Nachdenken gefunden haben, ohne sie gleichwohl so geordnet und verbunden zu haben, wie es in einem wissenschaftlichen Lehrbuch derselben geschehen muß. Mit diesen Regeln einmal bekannt, kann man nun eine jede Wissenschaft, mithin auch die Wissenschaftslehre selbst noch weiter bearbeiten und schriftlich darstellen; denn dieses heißt ja nichts anderes, als gewisse uns schon bekannte Wahrheiten in eine solche Ordnung und Verbindung bringen, als sie selbst vorschreiben.

3. Bezweifelt man aber auch nicht die Möglichkeit, so kann man doch noch die Zweckmäßigkeit dieser Wissenschaft bezweifeln. Man kann nämlich fragen, ob das Gebiet der Wissenschaft, die wir durch diese Begriffsbestimmung erhalten, weder zu weit, noch zu eng sei? Allein das Erstere oder daß nach der gegebenen Erklärung unsere Wissenschaft zuviele und zu verschiedenartige Lehren enthalten müßte, kann man bei reiflicher Überlegung wohl nicht besorgen. Viel eher könnte man glaube, daß ihr Umfang mit Nutzen erweitert werden könnte. Einige könnte nämlich finden, daß es zweckmäßiger wäre, wenn man dieselbe Wissenschaft Anweisung geben ließe, nicht bloß wie eigentliche Lehrbücher, sondern auch wie alle anderen Schriften, die einen wissenschaftlichen Unterricht bezwecken, abgefaßt werden sollen. Andere dürften vielleicht, selbst hiermit noch nicht zufrieden, verlangen, daß man nicht bloß davon handle, wie die zu einer Wissenschaft gehörigen Wahrheiten  schriftlich  dargestellt, sondern auch, wie sie  erfunden  werden können. Noch Andere endlich dürften begehren, daß man nicht bloß die Art, wie man Wahrheiten durch Schrift, sondern auch wie man sie durch mündlichen Unterricht zu verbreiten habe, angebe. In diesem Fall müßten wir in eine und dieselbe Wissenschaft, somit auch in dasselbe Lehrbuch, neben den Regeln, die bei der Bildung der Wissenschaften und bei der Abfassung der ihren zugehörigen Lehrbücher zu beobachten sind, auch noch alle die Regeln aufnehmen, die bei der Erteilung eines mündlichen Unterrichts befolgt werden müssen; also z. B. auch alle Mittel besprechen, die zur Erweckung und Festhaltung der Aufmerksamkeit dienen; die Art und Weise besprechen, wie etwas schon Begriffenes dem Gedächtnis eingeprägt werden könne; die verschiedenen Weisen besprechen, auf welche Wahrheiten dargestellt werden müssen, um für den Einzelnen, den man gerade vor sich hat, nach seiner Eigentümlichkeit verständlich und überzeugend zu werden usw. Ich erinnere nun, daß von Demjenigen, was man zur Wissenschaftslehre hier noch hinzuzufügen würde, in einer anderen bereits bestehenden Wissenschaft, nämlich der  Unterrichtskunde  oder  Didaktik  gehandelt werde und daß es zweckmäßig sei, diese beiden Wissenschaften getrennt zu halten, weil die Geschäfte, zu denen beide Anleitung geben, von sehr verschiedener Art sind und auch verschiedene, selten vereinigt anzutreffende Anlagen fordern. Denn etwas Anderes ist es, den Begriff einer neuen Wissenschaft bilden, die Wahrheiten, die in dieselbe gehören, auffinden, sie schriftlich darstellen und in diejenige Ordnung und Verbindung mit anderen Sätzen, wie es in einem zweckmäßig eingerichteten Lehrbuch sein muß, bringen; und etwas Anderes, die schon gefundenen, in die gehörige Ordnung gebrachten und mit gehörigen Beweisen versehenen Wahrheiten durch mündlichen Vortrag noch weiter ausbreiten. Nicht Jeder, der die Fähigkeit hat, in einer Wissenschaft mündlich zu unterrichten, versteht es auch, ein Lehrbuch derselben zu schreiben; und umgekehrt gibt es Personen, die wohl das Letztere vermögen, doch zum Ersteren sich nicht herablassen können. Man hat dies längst schon bemerkt; und eben deshalb in mehreren Staaten eigene Bürger (Gelehrte, Akademiker usw.) mit dem Geschäft der schriftlichen Darstellung einer Wissenschaft, besonders der Erweiterung ihres Inhaltes, Andere dagegen (Lehrer und Professoren) mit dem Geschäft des mündlichen Unterrichts beauftragt. Da also die Geschäfte wirklich getrennt sind, so ist es sicher gut, auch die Anweisung zu denselben getrennt zu erteilen. Das Eine mag dann in den Lehrbüchern der Wissenschaftslehre, das Andere in jenen der (mündlichen) Unterrichtsstunde geschehen. Nicht ebenso zu tadeln wäre es meines Erachtens, wenn man von einem Lehrbuch der Wissenschaftslehre verlangte, was zuerst angeführt wurde, nämlich, daß es nebst der Kunst, eigentliche Lehrbücher zu verfassen, auch zur Abfassung anderer Schriften, die eines wissenschaftlichen Inhaltes sind, anleite; dergestalt, daß es die zu einer Wissenschaft gehörigen Wahrheiten nicht nur darstellen, sondern auch auffinden lehre. Aber das alles kann, wie ich glaube, geleistet werden, ohne daß der Begriff dieser Wissenschaft anders, als ich es oben getan habe, bestimmt zu werden brauchte. Denn weil man Wahrheiten nicht eher darstellen kann, als bis man sie gefunden hat; so sind wir auch beim oben angenommenen Begriff der Wissenschaftslehre berechtigt, in ihren Lehrvortrag die Frage, wie die in eine Wissenschaft gehörigen Wahrheiten erst gefunden werden können, aufzunehmen. Und wenn gewisse Bücher, auch ohne eigentliche Lehrbücher zu sein, doch einen wissenschaftlichen Unterricht bezwecken: so müssen sie auch fast nach eben denselben Grundsätzen wie diese abgefaßt werden; und das ist Grund genug, um ihrer dort, wo man die Anweisung zur Abfassung eigentlicher Lehrbücher gibt, gleichfalls in Kürze zu erwähnen.

4. Gesteht man mir nun aus diesen oder ähnlichen Gründen zu, daß eine Wissenschaft der Art, wie ich sie hier unter dem Namen der Wissenschaftslehre beschrieben habe,  zweckmäßig  sei; dann dürfte man wohl auch gegen die vorgeschlagene  Benennung  derselben nichts einzuwenden haben. Denn dieser rein deutsche Name drückt ja den Inhalt einer solchen Wissenschaft so deutlich, als man es wünschen kann, aus. Der Umstand aber, daß einige Gelehrte, wie J. G. FICHTE und BOUTERWECK, dieses Wort in einer anderen Bedeutung genommen haben oder vielleich noch nehmen, ist wohl nicht wichtig genug, um uns den Gebrauch desselben in einer so natürlichen Bedeutung für alle Zukunft zu verbieten; zumal da es, wie wir bald sehen werden, auch wieder Andere gibt, die mir in dieser Bedeutung des Wortes bereits vorangegangen sind.


§ 3.
Des Verfassers Wissenschaftslehre ist eine
unter verschiedenen Namen schon längst
gekannte und bearbeitete Wissenschaft.

1. Wenn die Wissenschaft, deren Begriff ich soeben aufgestellt und auf deren selbständige Anerkennung ich gedrungen habe, wirklich so nützlich und notwendig ist, als ich behaupte; so läßt sich kaum denken, daß man ihrer bisher vergessen haben sollte. Das ist auch meines Erachtens eben nicht geschehen; sondern ich glaube vielmehr, daß diese Wissenschaft, anzufangen vom Zeitalter des eleatischen ZENO, oder allenfalls des PARMENIDES, bis auf den heutigen Tag ein steter Gegenstand der Aufmerksamkeit für alle Weltweisen gewesen ist; ich bin der Meinung, daß es in allen den zahllosen Schriften, die unter den mancherlei Titeln:  Kanonik, Dialektik, Topik, Logik, Heuristik, Organon, Dianoiologie, Ideologie, Vernunftlehre, Denklehre, Verstandeslehre, Weg zur Wahrheit, Weg zur Gewißheit, Heilkunde des Verstandes  und vielen anderen zutage gefördert worden sind, die von mir oben erklärte Wissenschaftslehre sei, die man bald mehr, bald weniger ausführlich und getrennt von andern verwandten Untersuchungen abhandeln wollte und abgehandelt habe. Das Buch, das EPIKUR unter dem Namen  Kanon  (gleichsam das Buch der Regeln) geschrieben hat, ist zwar verloren gegangen; allein was können wir aus seinem bloßen Namen und aus der Beziehung, in welche seine Schüler die in demselben enthaltene Wissenschaft (kanonike, d. h. die Regellehre) in ihren philosophischen Untersuchungen setzten, anderes vermuten, als daß es den Regel gewidmet gewesen, nach welchen man sich bei philosophischen Untersuchungen, also (nach der Bedeutung, in der man das Wort  Philosophie,  damals nahm) bei allem wissenschaftlichen Nachdenken überhaupt zu richten habe? Das Einzige, was man hier zugeben muß, ist, daß in diesem Buch die Regeln, die bei der schriftlichen Darstellung einer Wissenschaft, bei der Abfassung eines Lehrbuches derselben zu befolgen sind, allem Anschein nach noch nicht getrennt sein mochten von jenen, die beim mündlichen Unterricht, namentlich bei einem Streit zu beobachten kommen. Die  Kunst des Vortrages,  welche einst die  Megariker  unter dem Namen  dialektike  betrieben, artete freilich sehr frühzeitig in eine schimpfliche Kunst aus, jeden beliebigen (gleichviel ob wahren oder falschen) Satz scheinbar zu machen; bevor dies aber geschah, verstand man unter derselben gewiß nur eine Kunst, das Wahre einleuchtend darzustellen; und bessere Weltweise dachten sich, wie wir aus PLATOs Schriften ersehen, unter der Dialektik kaum etwas anderes, als eine Anweisung zu einem zweckmäßig eingerichteten (mündlichen oder auch schriftlichen) Vortrag über gelehrte Gegenstände. [...] In den bekannten Büchern des ARISTOTELES, welche man unter dem Namen des  Organons  zusammengefaßt hat, kommt nichts vor, was sich nicht näherer oder entfernterer Weise auf den Zweck bezöge, uns in der Kunst des wissenschaftlichen Vortrags zu unterrichten; und sicher hat man durch die Benennung  organon  nur eben andeuten wollen, daß die Belehrungen, die wir aus diesen Büchern schöpfen, uns in den Stand setzen, eine jede Wissenschaft gehörig zu bearbeiten. Das Buch von den Kategorien, desgleichen die Einleitung des PORPHYRIUS (von den Kategoremen) sollen den Leser vorläufig mit den allgemeinsten Begriffen, unter welche beim Denken alles gebracht werden kann, bekannt machen. Das Buch  peri ermenaias  soll eine Theorie der Darstellung unserer Gedanken durch Sprache ungefähr so weit ausführen, als ihre Kenntnis dem ARISTOTELES für einen wissenschaftlichen Stil hinreichend scheinen mochte. Die  Analytica priora  handeln von den verschiedenen Arten der Urteile und Schlüsse, die  posteriora  vom Erklären und Beweisen. Die Topik gibt eine Anleitung zur Erfindung von Lehrsätzen und Beweisen, teils solchen, die Gewißheit, teils solchen, die bloße Wahrscheinlichkeit gewähren. Die Sophistik endlich spricht von den verschiedenen Trugschlüssen, um sie vermeiden und die von andern begangenen gehörigt aufdecken zu lernen. Wer könnte den Zusammenhang, den alle diese Untersuchungen mit dem Zweck haben, uns in der Kunst der schriftlichen Darstellung einer Wissenschaft zu unterrichten, verkennen? - Ein Gleiches gilt auch von den meisten späteren Schriften, die unter den oben erwähnten Titeln, am gewöhnlichsten aber unter dem Titel  Logik,  erschienen sind; wobei ich jedoch garnicht in Abrede stelle, daß bei einigen der Mangel an Ordnung den Zweck zu dem alles dasteht, verdunkle, bei andern aber in der Tat sichtbar ist, daß dem Verfasser ein anderer Zweck, z. B. der einer Anweisung zum Erfinden der Wahrheit und dgl. als Hauptzweck vorgeschwebt habe. Seit der Erscheinung der kritischen Philosophie ist es gewöhnlich geworden, die Lehrbücher der Logik aus zwei Abteilungen, deren die eine  Elementarlehre,  die andere  Methodenlehre  genannt wird, zusammenzusetzen. Die letztere nun handelt, wie schon ihr Name anzeigt, nur von der  Methode und zwar der  wissenschaftlichen,  d. h. von der Art und Weise, wie eine Wissenschaft dargestellt werden soll; während die erstere nichts anderes, als die für den zweiten Teil nötigen Vorkenntnisse liefert. Ist aber dies der Fall, und steht sonach alles, was wir in unsere heutigen Lehrbücher der Logik aufnehmen, am Ende nur da, um uns zu glücklichen Bearbeitern einer jeden Wissenschaft zu bilden: so liegt ja zutage, daß man sich unter der Logik im Grunde nichts anderes, als eine Wissenschaftslehre denkt. Gesetzt aber auch, in vielen Lehrbüchern der Logik käme gar manches vor, was sich mit dem einer Wissenschaftslehre von mir soeben angewiesenen Zweck nur gezwungen oder garnicht vereinigen läßt; so wird man doch eingestehen müssen, daß diese Zutaten alle aus Lehren und Anweisungen bestehen, die man bloß wegen des hier gefundenen  Anlasses  vorträgt, obgleich sie auch noch in einer anderen Wissenschaft, und zwar dort  einheimisch  erscheinen. Die Lehren, die nur in der Logik allein vorkommen, die wir demnach als dieser Wissenschaft  eigen  betrachten dürfen, sind durchaus von der Art, daß sie auch dann noch in ihr beibehalten werden müßten, wenn wir voraussetzten, daß sie nichts anderes als eine  Wissenschaftslehre  sein soll. Alles dagegen, was bei diesem Begriff der Logik in ihrem Vortrag nicht mehr gehören würde, das ist aus irgendeiner anderen Wissenschaft, z. B. aus der Psychologie, Didaktik und dgl. entlehnt, und mag dann billig diesen Wissenschaften wieder zurückgestellt werden, wenn man es nicht etwa bloß seiner Nützlichkeit wegen, also einschaltungsweise aufnehmen will, was freilich auch bei meiner Ansicht von dieser Wissenschaft unverwehrt bleibt.

2. Doch ist es nicht bloß der  Inhalt  dieser Schriften, aus dem wir es schließen können, daß ihre Verfasser uns mit denselben eine Anweisung zum wissenschaftlichen Vortrag zu geben beabsichtigt hatten; sondern sie haben das auch zuweilen bald mehr, bald minder ausdrücklich selbst gesagt. Im 5. Kapitel des zweiten Buches seiner  Metaphysik  spricht ARISTOTELES ausdrücklich von der Notwendigkeit einer eigenen Wissenschaft, welche uns lehre, wie wir bei der Darstellung der Wissenschaften überhaupt vorgehen sollen. [...] Muß er sich also vorgestellt haben, daß er uns diese Wissenschaft (die den  proton epistemes  [das erste Wissen - wp] lehrt]) geliefert habe; und wo wäre dies anders geschehen, als im  Organon?  In der Topik beschreibt er, wozu die Topik (d. h. ein wesentlicher Teil dessen, was man bisher Logik genannt hat) brauchbar sei, und sagt, sie diene zur Übung im Denken, zum Disputieren und zur  Bearbeitung philosophischer Wissenschaften.  Das Letztere geschehe, weil diese Wissenschaft uns in den Stand setzt, Wahres und Falsches zu unterscheiden, und den Weg zur Erkenntnis der ersten Grundsätze einer jeden andern Wissenschaft lehre. Wenn AUGUSTINUS die Logik die Kunst aller Künste, die Lehrerin und Richterin aller anderen Wissenschaften nannte; so war das genau der Begriff, den ich mit meiner Wissenschaftslehre verbinde. Und was der große BACO von VERULAM durch sein Werk  de augmentis scientiarum  und durch sein  novum Organon  leisten wollte, war seinem eigenen Geständnis nach nichts anderes, als eine Darstellung der Regeln, nach denen die ganze Summe des menschlichen Wissens in einzelne Wissenschaften zerlegt und bearbeitet werden sollte. Hierbei setzte er stillschweigend voraus, daß auch das Organon des ARISTOTELES und die ganze bisherige Logik denselben Zweck gehabt habe, dem sie nur seiner Meinung nach schlecht entsprochen hatte. Nur bei dieser Voraussetzung konnte er (Novum Organon, Kap. 1, Aphorismus 11) der Logik den Vorwurf machen: "Logica, quae nunc habetur, inutilis est ad inventionem scientiarum." [Die jetzige Logik ist unnütz zur Erfindung der Wissenschaften. - wp] Er glaubte also die Möglichkeit einer Logik, die diesem Zweck besser entspräche. MELANCHTHON, PETER RAMUS und viele andere erklärten die Logik als eine Kunst zu lehren (artem docendi). Hätte man ihnen nun die Frage vorgelegt, ob in der Logik wohl eine  jede  Art zu lehren, z. B. auch die Art, Kinder zu lehren, und dgl. abzuhandeln sei: so würden sie dieses gewiß verneint und somit ihren Begriff enger beschränkt haben; allem Anschein nach nicht anders, als daß sie gesagt hätten, die Logik sei nur die Kunst der wissenschaftlichen Lehrart. - Das Buch des JACOB ACONTIUS (de methodo et de recta investigandarum, tradendarumqua artium etc.) konnte ich mir nicht verschaffen. - KIESEWETTER - um nun zu einigen Neueren überzugehen, sagt in seiner Logik für Schulen (§ 1 und 6) ausdrücklich, daß die Logik die Regeln anzugeben habe, nach welchen der Verstand Wissenschaften zustande bringt. GOTTLIEB MEHMEL bemerkte in der Vorrede zu seinem "Versuch einer vollstänädigen analytischen Denklehre" (Erlangen 1903): "Es muß eine Propädeutik geben, die den Geist in sich selbst methodisch entwickelt, ihm die Weihe des wissenschaftlichen Studiums erteilt, und ihn lehr, worin die Wissenschaftlichkeit in der Wissenschaft bestehe. Diese Aufgabe zu lösen, ist das Geschäft einer vollständigen Denklehre. Sie schwebt über der Wissenschaft als ein Spiegel ihrer gemeinschaftlichen Form und der Bildungsstufen, durch welche man zu dieser gelangt usw." (siehe auch Seite 346). - GOTTLOB ERNST SCHULZE (Grundsätze der allgemeinen Logik, 2. Ausgabe, Helmstädt 1810) behauptete gleichfalls (Vorrede Seite XII), die Angabe der Erfordernisse und Methoden der Wissenschaften mache das Hauptziel der Logik aus, wozu alles Übrige eigentlich bloße, jedoch unentbehrliche Vorbereitung ist. Und § 3. erklärt er die Logik als die Wissenschaft, welche die Erforschung und Darstellung der Gesetze, an welche der Verstand gebunden ist, wenn er die  Einheit des Denkens  hervorbringen will, zu ihrem Gegenstand hat. Vergleichen wir dies mit dem Begriff, den er von Wissenschaft hat; so zeigt sich, daß der Sinn dieser Erklärung in der Tat kein anderer ist, als die Logik sei Wissenschaftslehre. Dieser Name ist es, den er auch wirklich dem letzten Teil der Logik, weswegen alle übrigen da sind (nämlich demjenigen, der anderen die  Methodenlehre  heißt) erteilt; und (Vorrede Seite XIII) wird erinnert, daß mit diesem Titel der Wissenschaftslehre wohl auch die ganze Logik versehen werden könnte. Herr SCHULZE hat also den Vorschlag, den ich in diesem Buch mache, schon vor mir getan. Auch Herr HEGEL (Wissenschaft der Logik, Bd. 1, Nürnberg 1812, Einleitung Seite II) sagt, daß der Begriff der Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode das letzte Resultat der Logik ausmachen. In GERLACHs "Grundriss der Logik" (Halle 1817, § 15.) heißt es, daß die Logik ihre entscheidende Rolle bei der Erbauung eines Systems in einer Wissenschaft spiele. GEORG MICHAEL KLEIN (Anschauungs- und Denklehre, Bamberg 1818) sagt § 107: "Die Logik ist die Grundlage zu allen Wissenschaften und die Anleitung zu allem Verstandesgebrauch, weil sie die Bedingungen erforscht, gemäß denen der Geist jedes Ding erkennen und das Erkannte darstellen kann;" und in der Anmerkung zu § 119.: "Die griechischen Philosophen, wie die meisten und bedeutendsten nach ihnen, bis auf die neuesten Zeiten, haben die Logik als das Fundament aller (logischen) Wissenschaften, als die allgemeine Wahrheits- und  Wissenschaftslehre  angesehen." - Nach Herrn F. A. LANGE (Lehrbuch der reinen Logik, Rostock 1820, § 4.) ist eine systematische Anordnung unserer Erkenntnisse der Zweck der reinen Logik, die man eben deshalb (§ 6.) als eine Vorbereitungswissenschaft für alle anderen Wissenschaften (Propädeutik) zu betrachten hat. Diese Benennung gab ihr bekanntlich auch schon KANT. - Herr von CALKER (Denklehre, Bamberg 1822, Seite 9) sagt, daß "die Lehre von den Denkgesetzen (die Logik und Dialektik) eine  allgemeine  Wissenschaftslehre, d. h. eine Gesetzgebung für die Aufstellung einer jeden Wissenschaft überhaupt ist." Selbst Herr Prof. TWESTEN (Logik, Schleswig, 1825, Vorrede, Seite XXVI und XXIX) stellt nicht in Abrede, daß die Logik im weiteren Sinne eine Wissenschaftslehre sei, und die Gesetze der wissenschaftlichen Form und Methode zu entwickeln habe. Der ungenannte Verfasser der Leipziger Rezension von ESSERs System der Logik (1823, Nr. 136) sagt: "Wir halten die Logik für die eigentliche Wissenschaftslehre, welche die Gesetze, nach denen alle Gedanken, sowohl einzeln, als in ihrem Zusammenhang gedacht werden müssen, aufstellt. Darum muß sie in zwei Teile zerfallen, in die Lehre von den Denkgesetzen in Beziehung auf einzelne Gedanken, und von der Anordnung derselben zu einem organischen Ganzen und System." Noch ausdrücklicher erklärt sich hierüber Herr Prof. BACHMANN (System der Logik, Leipzig 1828, Vorrede Seite VIIIf). [...]


§ 4.
Warum man diese Erklärung
doch niemals aufgestellt habe?

Je deutlicher aus dem Gesagten hervorgeht, daß man sich unter der Wissenschaft, die man bisher am Gewöhnlichsten mit dem Namen  Logik  bezeichnete, meistens nichts anderes vorgestellt habe, als eine bloße Anweisung, wie alle Wissenschaften bearbeitet und schriftlich dargestellt werden sollen: umso auffallender ist es, daß man dies gleichwohl noch nie in der Erklärung dieser Wissenschaft geradezu ausgesprochen. Denn soviel mir wenigstens bekannt ist, hat man die einfache Erklärung, daß die Logik die Lehre vom wissenschaftlichen Vortrag sei, noch nirgends aufgestellt. Diese Erscheinung weiß ich mir nun nicht anders, als etwa aus folgenden Gründen zu erklären:

1) Bevor man die Regeln, welche beim wissenschaftlichen Vortrag zu beobachten sind, verständlich darstellen, und mit ihren gehörigen Beweisen versehen kann, muß man erst eine große Menge von Lehren anderer Art vorausgeschickt haben; vielleicht also, daß mancher ein Bedenken trug, ob er auch dasjenige, womit sich eigentlich nur der kleinste Teil seines Buches beschäftigt, doch für den Gegenstand des Ganzen ausgeben dürfe?

2) Diese Bedenklichkeit mußte noch größer werden, als man (wie jetzt fast allgemein geschieht) die Logik nur zum Unterricht für junge Leute vortrug. Der Umstand nämlich, daß die Bearbeiter der Logik ihre Schriften fast durchgängig nur für junge Leute bestimmen, hat überaus nachteilig auf die Entwicklung der wesentlichsten Lehren dieser Wissenschaft einwirken müssen. Denn weil man ganz richtig fühlte, daß gewisse Untersuchungen wohl für einen Gelehrten, der soeben als Schriftsteller auftreten will, keineswegs aber für einen Jüngling, der die ersten Anleitungen zu einem regelmäßigen Denken erhalten soll, sich eignen: so ließ man sie entweder völlig weg oder begnügte sich, sie mit wenigen Worten höchstens nur angedeutet zu haben, und im Gegenteil so manches andere, was in diesem Lehrvortrag der Logik nur sehr am Rande erscheint, was aber umso nützlicher für junge Leute ist, z. B. Belehrungen über die Mittel zur Übung der Sinne und dgl. nahm man sehr gerne auf. Obgleich nun dies alles gar nicht zu tadeln war, vielmehr noch Lob verdiente; so ist doch leicht einzusehen, daß es der Anerkennung des rechten Begriffs der Logik nicht günstig, sondern hinderlich sein mußte. Über die Art und Weise, wie eine Wissenschaft bearbeitet und schriftlich dargestellt werden soll, stand in dem Buch so wenig, dagegen stand hier so vieles, was sich auf diesen Zweck eben nicht wesentlich bezieht; und nicht das Erstere, sondern gerade das Letztere war es, was für den größten Teil der Leser das Wichtigste sein sollte: war es zu wundern, wenn es da niemand recht klar werden wollte, daß die ganze Wissenschaft, die man hier vortrage, eine bloße Wissenschaftslehre sein solle?

3) Doch wer es auch nicht übersah, auf welchen Zweck alle in einem Lehrbuch der Logik vorkommenden Untersuchungen wesentlich gerichtet sind; den konnte von der Annahme dieser Erklärung auch schon der Umstand abschrecken, daß sie  nicht leicht genug  sei. Denn wenn wir die Logik als eine  Wissenschaftslehre  erklären, als eine Anweisung, wie das gesamte Gebiet der Wahrheit in einzelne Wissenschaften zerlegt und eine jede derselben gehörig bearbeitet und schriftlich dargestellt werden sollte: so sind wir genötigt, dem Anfänger erst einen ungefähren Begriff von dem, was wir uns unter dem Wort  Wissenschaft  vorstellen, beizubringen; indem wir ja doch nicht voraussetzen dürfen, daß dies schon jeder wisse. Diese Notwendigkeit einer vorläufigen Erklärung nun mochte wohl manchem nicht nur beschwerlich vorkommen, sondern sogar als ein recht arger Übelstand erscheinen, weil der Begriff der Wissenschaft zu den noch strittigen und in der Logik selbst erst zu bestimmenden Begriffen gehört. Nur also um eine Erklärung zu geben, die ganz bekannte und keinem Streit unterliegende Begriffe in sich faßt, die sich recht leicht verstehen und behalten ließe, mochte man sich so kurz und unbestimmt ausdrücken, als es z. B. in den Erklärungen  Logica est ars cogitandi  [Logik ist die Kunst des Denkens - wp] oder  disserendi  [Dialektik - wp] oder  docendi  [Didaktik - wp] oder  rationis formandae  [des gestaltenden Verstandes - wp] oder  inveniendae veritatis  [der Wahrheitsfindung - wp] und ähnlichen geschah.

4) In der neueren Zeit hat sich der Anerkennung der Wahrheit, daß die Logik nur Wissenschaftslehre sei, in Deutschland noch ein eigenes Hindernis in den Weg gestellt durch die Behauptung KANTs, daß man die Logik (auch selbst die sogenannte transzendentale) durchaus nicht als ein  Organon  ansehen dürfe. Denn da es insgesamt den Verdacht eines Mangels an Scharfsinn erregt, wenn jemand einen Unterschied, den doch ein anderer zu sehen vorgibt, nicht wahrzunehmen vermag: so war es wenigstens in Deutschland noch seit kurzem eine gefährliche Sache, etwas zu sagen, was ungefähr so klang, als ob man den Unterschied, der zwischen der Logik und einem Organon obwalte, nicht eingesehen hätte. Da nun die Erklärung, daß die Logik eine Wissenschaftslehre sei, gar so viel Ähnlichkeit hat mit der verpönten Behauptung, daß sie ein Organon sei; so scheint es, man habe für nötig erachtet, sich auch der ersteren zu enthalten; und wenn man es jetzt auch schon hie und da wagt, so geschieht es nur in der Vorrede oder an sonst einem Ort, wo es doch weniger auffällt, als in der Erklärung selbst.


§ 5.
Wie der Verfasser von
diesen Gründen denke

Sind es wirklich nur diese Gründe, durch welche sich die bisherigen Bearbeiter der Logik abgehalten sahen, ihre Wissenschaft auf die § 1. versuchte Art zu erklären: so deucht mir, ihr Beispiel dürfe uns nicht zum Gesetz dienen. Denn

1) auf die größere oder geringere Anzal und Weitläufigkeit der Untersuchungen, welche vorausgeschickt werden müssen, um gewisse Lehren recht faßlich und überzeugend darzustellen zu können, kommt es doch bei der Bestimmung des Begriffes der Wissenschaft,, der diese letzteren beigezählt werden sollen, nicht an. Wie schwankend wären sonst solche Begriffe; und bei wie vielen anderen Wissenschaften tritt nicht der gleiche Fall ein, daß ihre Vorbereitungslehren einen viel größeren Raum einnehmen, als irgendwelche Sätze, um derentwillen sie dastehen!

2) Ebensowenig kommt es bei der Bestimmung dieses Begriffes auf die größere oder geringere  Wichtigkeit  der Untersuchungen an. Mögen auch die Lehren, die wir nach dem Begriff einer Wissenschaft als die ihr  eigentümlichen  ansehen müssen, zuweilen von einer geringeren Wichtigkeit sein, als manche, die wir hier nur  gelegentlich  vortragen; mögen wir deshalb die letzteren auch mit einer besonderen Ausführlichkeit behandeln: darum ist es noch immer nicht nötig, den Begriff dieser Wissenschaft anders zu fassen. So sind ja z. B. auch in der Analysis gar manche Lehren, welche hier nur gelegentlich angebracht werden, z. B. Anwendungen auf die Geschäfte des Lebens usw. von einer größeren Wichtigkeit als die ihr eigentümlichen Sätze.

3) Was aber die Dunkelheit anlangt, die man besorgen möchte, wenn man die Logik als eine Wissenschaftslehre erklärt haben würde: so muß man gestehen, daß diese wenigstens kein Hindernis von einer solchen Art sei, das sich durch einige Bemühung nicht überwinden ließe. Sollte die in § 1. versuchte Erklärung des Begriffs einer Wissenschaft die richtige sein, so wäre es wahrlich nicht schwer, den Begriff der Logik auch jedem Anfänger faßlich zu machen. Daß aber der Begriff der Wissenschaft noch strittig sei, und von der Logik selbst erst seine vollständige Bestimmung erwarte, ist wahr; allein dies darf uns keineswegs hindern, ihn der Erklärung der Logik zugrunde zu legen; denn ein Gleiches muß ja offenbar auch bei vielen anderen Wissenschaften geschehen. Die Rechtswissenschaft z. B. ist ihrem Begriff nach gewiß nichts anderes als die Wissenschaft vom Recht, und folglich auch nicht anders als so zu erklären; gleichwohl ist es bekannt, daß man darüber, wei der Begriff des Rechts selbst zu fassen sei, gar nicht viel gestritten habe, und daß diese Frage erst eben in dieser Wissenschaft entschieden werden müsse. Dasselbe gilt von der Klugheitslehre, von der Staatswissenschaft, von der Ästhetik und mehreren anderen Wissenschaften. Endlich mag man was immer für eine Erklärung der Logik ersinnen; so muß man, wenn man nicht einer in unseren Tagen allgemein angenommenen und gewiß richtigen Ansicht widersprechen will, bei der Vorstellung bleiben, daß die Logik selbst eine Wissenschaft sei. Soll also die Erklärung, die man von ihr gibt, nicht zu weit sein, so wird man in ihr diese Bestimmung und somit den Begriff der Wissenschaft niemals umgehen können.

4) Endlich liegt doch gewiß nichts Anstößiges in der Behauptung, daß die Logik eine  Wissenschaftslehre,  ja selbst ein  Organon  sei; wenn man dies so versteht, daß sie die Regeln aufstelle, nach welchen man in der Zerlegung des gesamten Gebietes der Wahrheit in einzelne Wissenschaften und bei der Bearbeitung einer jeden vorgehen muß. Falsch wäre es nur, wenn man sich vorstellte, daß diese Wissenschaft die  ersten Grundsätze,  auf welche das Gebäude einer jeden anderen Wissenschaft aufgeführt werden muß, enthalte. Nicht von den Grundsätzen, die einer jeden Wissenschaft zugrunde liegen, sondern vom Verfahren, das man bei ihrer Darstellung zu beobachten hat, ist in der Logik die Rede.


§ 6.
Der Verfasser wird seine Wissenschaftslehre
gewöhnlich Logik nennen

Nach allem, was bisher beigebracht wurde, erlaube ich mir, es als entschieden anzusehen, daß die Wissenschaft, deren Begriff ich § 1. unter dem Namen Wissenschaftslehre aufstellte, wesentlich eben die nämliche sei, die man schon längst unter verschiedenen Namen, am gewöhnlichsten aber unter dem Namen  Logik,  gekann und bearbeitet hat. Wegen des letzteren Umstandes will ich nun, so bezeichnend auch der rein deutsche Name  Wissenschaftslehre  wäre, doch mich seiner nur selten bedienen, sondern insgesamt den schon allhergebrachten, durch seine Kürze und Geschmeidigkeit sich so empfehlenden Namen  Logik  gebrauchen.

§ 7.
Prüfung anderer Erklärungen

Da die Erklärung der Logik, die ich in diesem Buch gebe, von den Erklärungen anderer abweicht; so ist es billig, auch diese anzuführen, und in gedrängter Kürze die Gründe anzuzeigen, warum ich bei keiner derselben glaubte verbleiben zu dürfen.

1) Eine der gewöhnlichsten Erklärungen sagt, daß Logik die Lehre von der  Wissenschaft vom Denken  sei. So heißt es in KANTs durch JÄSCHE herausgegebener Logik (Seite 4): "Die Wissenschaft von den notwendigen Gesetzen des Verstandes und der Vernunft überhaupt oder von der bloßen Form des Denkens ist, Logik." Ein Ähnliches findet man auch bei KIESEWETTER, KRUG, TIEFTRUNK, CALKER, ESSER, RÖSLING, SIGWART und vielen anderen. - Mich dünken dieser Erklärungen, sofern sie wörtlich, wie sie vorliegen, ausgelegt werden sollen, alle zu weit. Denn wie wir auch immer bei dem Geschäft des Denkens vorgehen, was wir auch dadurch erreichen, oder nur zu erreichen bestrebt seien, wir mögen Wahrheit finden, oder uns in Irrtümern verstricken; die Wahrheit suchen, oder im Gegenteil bemüht sein, uns selbst zu hintergehen; oder wir mögen keines von beiden tun, sondern uns bloß unserer Unterhaltung bald diese bald jene Vorstellungen vormals, ohne zu glauben, daß Dinge da sind, welche so aussehen, wie sie durch diese Vorstellungen geschildert werden: verfahren wir nicht in allen diesen Fällen doch nach gewissen  Gesetzen  oder  Regeln?  Muß nicht z. B. derjenige, der sich selbst täuschen will, die Regel befolgen, daß er die Aufmerksamkeit seines Geistes von den Gründen der Wahrheit abziehe, und sie dagegen auf jene Scheingründe, die der entgegengesetzte Irrtum für sich hat, richte und dergleichen? Kann also nicht jede Beschreibung von Regeln dieser Art eine  Lehre vom Denken, von den Gesetzen und Regeln des Denkens,  ja (wenn man will) selbst eine Wissenschaft  vom gesetzmäßigen Verstandes- und Vernunftgebrauch  heißen? Und doch wäre eine solche Sammlung von Regeln gewiß nichts weniger, als was wir uns alle unter der Logik denken. - Wollte man aber zur Rettung jener Erklärungen sagen, daß man unter den anzugebenden Gesetzen nur solche verstehe, welche  dem Zweck unseres Erkenntnisvermögens entsprechen:  so müßte ich noch eine nähere Auslegung dieser Worte verlangen. Meint man Gesetze, die ohne Voraussetzung eines willkürlich angenommenen Zweckes, oder (wie man sagt)  unbedingt  bestehen; so sind es die sittlichen, deren Entwicklung in die Moral gehört und also würde sich, dieser Erklärung zufolge, die ganze Logik in ein Kapitel der Sittenlehre, in das  "vom pflichtmäßigen Gebrauch unseres Erkenntnisvermögens"  verwandeln. Dies hat Herr DAMIRON (in seinem "Cours de Philosophie") allen Ernstes vor; aber wie viele Vorschriften, von denen man sich in der Logik bisher nichts träumen ließ, wird er nun nicht in ihren Vortrag aufnehmen müssen! - Meint man dagegen Gesetze, die erst aus einem gewählten  Zweck  entspringen; so ist es zur Vollständigkeit der Erklärung nötig, daß man uns diesen nenne. Sollte man die  Erkenntnis der Wahrheit  als diesen Zweck angeben; so würde die Erklärung in eine derjenigen übergehen, die ich gleich später prüfen werde.

2) Einige, die diese zu große Unbestimmtheit der eben betrachteten Erklärung gefühlt zu haben scheinen, erklärten die Logik als  eine Lehre von der Ausbildung unseres Erkenntnisvermögens.  [...] Durch diese Erklärung wird freilich die Anweisung zu jedem solchen Gebrauch unserer Erkenntniskraft, der ihrer eigenen Vollkommenheit Abbruch tut, aus der Logik verwiesen; von einer anderen Seite aber werden nun eine Menge von Untersuchungen, die ihr ganz fremdartig sind, in ihr Gebiet bezogen. Oder wie viele und verschiedenartige Mittel, die Vollkommenheit unserer Erkenntniskraft zu erhöhen, gibt es, von denen man wohl z. B. in der Erziehungskunde, in der Arzneiwissenschaft, in der Moral, in der Staatswissenschaft, und in noch manchen anderen Wissenschaften teils wirklich handelt, teils handeln sollte, die aber nur in der Logik an einem ganz unrechten Ort ständen! Gehört den z. B. die Frage, ob Koriander ein Mittel zur Stärkung des Gedächtnisses sei, in die Logik? Und doch müßte sie es, wäre die Logik eine  ars rationis formandae  im ganzen Umfang der Worte.

3) Viel bestimmter schon war es, wenn man die Logik als  die Wissenschaft von den Gesetzen  erklärte,  nach denen wir beim Denken vorgehen müssen, wenn wir die Wahrheit finden wollen.  [...] Ich gebe zu, daß alle diese Regeln, die man beim Denken beobachten muß, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, in der Logik gelehrt werden können, und in gewisser Rücksicht sogar gelehrt werden  sollen.  Denn gehören sie auch nach dem Begriff, den ich von der Logik gebe, nicht eben wesentlich zu ihrem Inhalt; so hängen sie doch mit ihm so nahe zusammen, daß ihre Aufnahme auf keinen Fall Tadel verdienen kann. Ist es nämlich der eigentliche Zweck der Logik, zu lehren, wie Wissenschaften dargestellt werden sollen; so würde sie zwar ihrer Pflicht streng genommen schon genug tun, wenn sie nur lehrte die Regeln, wodurch wir beurteilen können, ob eine vorgelegte Wahrheit in diese oder jene Wissenschaft gehöre, und in welcher Ordnung und Verbindung sie daselbst aufzuführen sei: allein wer sieht nicht, daß es sehr dankenswert sein wird, wenn sie noch mehr tut, und auch über die wichtige Frage, wie dergleichen Wahrheiten selbst erst gefunden werden können, Belehrungen erteilt? Ja insofern, als wir noch keine eigene von der Logik getrennte Wissenschaft haben, welche sich die Beantwortung dieser besonderen Frage vorsetzt, wird es den Lehrern der Logik sogar zur Pflicht gemacht werden können, daß wenigstens sie diese Frage, welche den Menschen überhaupt so wichtig ist, nicht mit Stillschweigen übergehen. Aber wie sehr man auch unsere Logiker zur Untersuchung dieser Frage verpflichte; so bleibt doch die obige Erklärung der Logik noch immer fehlerhaft; und verrät ihre Unrichtigkeit meines Erachtens schon dadurch, weil man aus ihr gar nicht begreifen könnte, warum die Regeln des wissenschaftlichen Vortrags einen so äußerst wesentlichen Bestandteil der Logik, ja ihren letzten Zweck selbst ausmachen sollen? Denn wenn die Logik als die Lehre von den Regeln erklärt wird, nach denen wir beim Denken vorgehen müssen, um Wahrheit zu finden: so ist ja ihr letzter Zweck offenbar kein anderer als - die Erfindung der Wahrheit. Zu diesem Zweck aber trägt die Verbindung der schon gefundenen Wahrheit in ein wissenschaftliches Ganzes nur wenig bei. Diese Verbindung mag wohl viel beitragen, um die Erlernung der Wahrheit anderen zu erleichtern; wenn aber die Logik bloß die Regeln angeben soll, die man beim  eigenen  Denken zu beobachten hat, um Wahrheit zu erkennen: so liegt die Angabe der Mittel, wodurch man die einmal gefundene Wahrheit auch  anderen  beibringen kann, außerhalb ihres Zwecks. Man mußte also nur fragen, die Logik lehre die Regeln des wissenschaftlichen Vortrags bloß in sofern, als eine wissenschaftliche Zusammenstellung der schon gefundenen Wahrheiten ein Mittel ist, das uns zuweilen auch noch auf manche neue Wahrheiten leitet. Nun will ich eben nicht leugnen, daß ein echt wissenschaftlicher Vortrag auch diesen Nutzen verspreche; aber wer könnte glauben, daß dieses der einzige Grund sei, weshalb die Kunst des wissenschaftlichen Vortrages überhaupt gelehrt werden soll?

4) Anderen, denen die Wichtigkeit dieser Kunst und das Verdienst, das sich die Logik durch sie um die Erleichterung des Unterrichtes beigelegt hat, stärker ins Auge fiel, ließen sich hierdurch bestimmen, die Logik als  die Lehre des Vortrags überhaupt  zu erklären. Diesen Begriff von der Logik scheint schon der Redner CICERO gehabt zu haben, weil er sie unter der Benennung  ratio diligens disserendi  aufführt. Hierher gehören auch die Erklärungen MELANCHTHONs  dialectica est ars docendi  [...] und andere mehr. Wären diese Erklärungen richtig; so müßte der Inhalt der Logik viel größer sein, als er ist; wir müßten dann nicht bloß von Begriffen, Urteilen, Schlüssen, und von der Ordnung und Verbindung, in welcher die Wahrheiten in einem Buch dargelegt werden müssen, sprechen; sondern wir müßten auch von allem dem handeln, was beim  mündlichen  Vortrag solcher Wahrheiten zu beobachten kommt; wir müßten die Regeln nicht bloß für diese oder jene, sondern für eine  jede  Art des mündlichen Vortrages, die unter gewissen Umständen und für gewisse Personen zweckmäßig werden kann, entwickeln; also z. B. auch die Regeln, die man bei Kindern, oder bei Blindgeborenen, oder bei Stummen und dgl. befolgen muß, um sich verständlich zu machen und sie zu überzeugen usw. Nicht nur, daß man dergleichen Untersuchungen bisher nie in der Logik vorgenommen; sondern zufolge dessen, was ich schon in § 2. berührte, wäre es auch nicht einmal zu billigen, wenn man die Regeln, die beim Unterricht, mit jenen, die bei der Bearbeitung und schriftlichen Darstellung der Wissenschaften zu beobachten sind, d. h. die Unterrichtskunde und Wissenschaftslehre in  eine  Wissenschaft vereinigen wollte.

5) SALOMO MAIMON (Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens, Berlin 1794, Vorrede, Seite XXXI) gibt von der  Philosophie  die Erklärung, sie wäre eine Wissenschaft, deren Gegenstand die "Form einer Wissenschaft überhaupt" ist; und das wäre mit anderen Worten gerade das, was ich die Wissenschaftslehre, andere die Logik nennen. Da er jedoch unter dieser Form "die absolut ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis" versteht, so ist dies freilich etwas ganz anderes. Von der Logik selbst gibt er nun § 1. die Erklärung, daß sie die Wissenschaft des Denkens eines durch innere Merkmale unbestimmten und bloß durch das Verhältnis zur Denkbarkeit bestimmten Objektes überhaupt wäre. Es sei hiermit, meint er, ebenso wie mit der "allgemeinen Größenlehre", welche "bloß alle möglichen Formen, worin Größen gedacht werden können, betrachte, unbekümmert, ob sie in der Anwendung auf bestimmbare, unbestimmbare oder gar unmögliche Größen führen werden." - Meines Erachtens ist es wohl nicht ganz richtig gesagt, daß man sich in der allgemeinen Größenlehre (Arithmetik, Algebra und Analysis) gar nicht darum bekümmere, ob die hier betrachteten Größenformen in der Anwendung auf bestimmbare, unbestimmbare oder gar unmögliche Größen führen; vielmehr besteht die ganze Betrachtung, die man über eine gewisse Größenform anstellt, meistenteils darin, zu untersuchen, ob und wie sie bestimmbar sei. Ferner muß man die bloße  Denkbarkeit  einer Sache nie mit der  Möglichkeit,  nicht einmal mit der sogenannten  inneren  Möglichkeit, welcher das sich selbst Widersprechende entgegengesetzt wird, verwechseln. Denn auch das Widersprechend, z. B. ein viereckiger Kreis oder die Wurzel aus  -1  ist denkbar und wird von uns wirklich gedacht, so oft wir davon sprechen. Undenkbar ist uns etwas nur dann und insofern, als wir gar keine Vorstellung davon besitzen; wie etwa die rote Farbe undenkbar sein mag für einen Blindgeborenen. Aus diesem Beispiel sieht man zugleich, daß die bloße Denkbarkeit oder Undenkbarkeit der Dinge in der Logik nur selten zu berücksichtigen komme, geschweige, daß sie den einzigen Inhalt derselben ausmachen sollte. Aber auch wenn wir statt des Wortes "Denkbarkeit" -  innere Möglichkeit  (oder Widerspruchslosigkeit) setzen, ist es sehr falsch, daß sich die Logik mit nichts anderem, als mit den Gesetzen dieser inneren Möglichkeit befasse. Sie lehrt zwar mehrere Regeln, durch deren Befolgung wir vermeiden können, daß unsere Behauptungen nicht in einen inneren Widerspruch miteinandert treten; aber offenbar machen dergleichen Regeln nicht ihren ganzen Inhalt aus. Endlich begreife ich auch nicht, wie gesagt werden könne, daß wir uns die Objekte in der Logik "ganz unbestimmt nach ihren inneren Merkmalen" denken. Denn wenn wir uns einen Gegenstand als völlig unbestimmt denken; so können wir auch nichts von ihm behaupten. Diese ganze Erklärung rührt also wohl nur daher, weil in den Beispielen, die in der Logik angewandt werden, wie im Syllogismus  A sind B, alle B sind C, also sind alle A auch C,  die Zeichen  A, B, C,  wie man sagt, "was auch immer" bedeuten können. Dieses ist aber nicht ganz genau gesprochen. Die Zeichen  A, B, C  können hier freilich sehr Verschiedenes, aber doch nicht alles, was man nur will, bedeuten. Sie müssen Vorstellungen, und zwar  B  eine Vorstellung, die sich von allen  A, C  eine, die sich von allen  B  prädizieren läßt, bezeichnen. Und so sieht man dann, daß die Objekte  A, B, C  gar nicht nach allen, sondern nur nach einigen ihrer Merkmale unbestimmt gelassen werden. Viel Ähnliches mit dieser MAIMONschen hat auch Herrn TWESTENs Erklärung (Logik, Schleswig, 1825), daß Logik die Theorie von der Anwendung der Grundsätze der Identität und des Widerspruchs sei.

6) Während die Philosophen  Deutschlands  sich bemühen, alles Empirische aus dem Gebiet der Logik zu entfernen, will man in  Frankreich  eine durchaus empirische und subjektive Wissenschaft (eine Art von Erfahrungslehre) aus der Logik machen. Einer der neuesten und originellsten Bearbeiter dieser Wissenschaft in Frankreich, Herr Graf DESTUTT de TRACY sagt [...] Nach dieser Erklärung wäre also die Logik  die Wissenschaft von der Art, wie wir zu unseren Erkenntnissen gelangen.  Unter den Deutschen dürfte besonders ERNST PLATNER etwas Ähnliches gedacht haben, wenn er (philosophische Aphorismen, Leipzig 1800, § 21) die Logik in der weitesten Bedeutung eine pragmatische, d. h. kritische Geschichte des menschlichen Erkenntnisvermögens nannte. So sagt auch BENEKE (Lehrbuch der Logik, Berlin 1832), der Logik, als der Wissenschaft vom Denken, wäre die Aufgabe gestellt, die Form und die Entstehungsweise unserer Denkentwicklung vollständig und klar darzulegen. Man erachtet leicht, daß ich gegen diese Erklärung ähnliche Einwendungen zu machen haben, wie gegen die in Nr. 3 geprüfte. Wenn es zum Inhalt der Logik nicht eben wesentlich gehört, daß sie uns mit den Mitteln, uns zu versichern, ob etwas wahr oder falsch ist, bekannt mache; so wird es noch viel weniger notwendig sein, daß sie uns über die Art, wie irgendeine Erkenntnis in uns entstehe, unterrichte. Denn es ist keineswegs zu glauben, daß dieses Letztere unumgänglich nötig zum Ersteren sei; d. h. daß wir uns gar nicht versichern könnten, ob irgendeine unserer Meinungen wahr sei, solange wir nicht, wie sie entstanden sei, wissen. "Es ist, " sagt hierüber sehr treffend Professor KRUG (System der theoretischen Philosophie, Teil 1, § 8, Anm. 1), "gar nicht notwendig, zu wissen, wie Gedanken erzeugt werden, um zu erfahren, wie sie in ihrer Beziehung aufeinander behandelt werden müssen." (Und zu dieser Behandlung gehört wohl auch die Beurteilung ihrer Richtigkeit und Unrichtigkeit:) "Von wie viel Dingen in der Welt kennen wir den Ursprung nicht, und vermögen sie doch zweckmäßig zu behandeln!" - Inzwischen gebe ich zu, daß die Untersuchung über den Ursprung unserer Erkenntnisse ein in der Logik sehr verdienstliches Geschäft sei, weil es uns auf die Quelle so mancher Irrtümer aufmerksam macht, und dadurch in den Stand setzt, sie umso sicherer zu vermeiden. Ja, so lange wir aus dieser Untersuchung noch nicht eine eigene Wissenschaft gemacht, sie auch nicht irgendwie anders vornehmen; so lange, sage ich auch hier wie in Nr. 3, daß es dem Logiker sogar als eine Art von Schudligkeit obliege, hiervon in seiner Wissenschaft zu handeln: nie aber kann man diese Untersuchung zum einzigen Zweck der Logik erheben, und als Erklärung derselben aufstellen. Denn wäre dies so, müßten wir ganz gegen den Begriff, den man dem herrschenden Sprachgebrauch nach mit dem Wort  Logik  verbindet, mit de TRACY behaupten, daß diese Wissenschaft eine bloß theoretische (une science purement spéculative) sei; und weder die Regeln für die Erfindung der Wahrheiten, noch jene für die Zusammenstellung derselben in einen wissenschaftlichen Vortrag würden in ihren Inhalt gehörten.

7) Eine in neuerer Zeit sehr beliebt gewordene Erklärung, die auch Herr ERNST REINHOLD (in seiner "Logik", Jena 1827) annimmt, sagt, daß die Logik die allgemeine "Denkformenlehre, d. h. die Lehre von denjenigen  Weisen  der Gedankenvorstellung sei, die im Hinblick auf jeden möglichen  Stoff  unserer Gedanken die nämlichen sind. Ich werde mich über den hier zugrunde gelegten Gegensatz zwischen Materie oder Stoff und Formen oder Weisen erst später (§ 12.) aussprechen.

8) Nach des tiefsinnigen HERBARTs "Einleitung in die Philosophie" wäre Logik derjenige  erste  Teil der Philosophie d. h. der Bearbeitung der  Begriffe  (ß), welcher die  Deutlichkeit  in Begriffen, und die daraus entspringende Zusammenstellung der letzteren im Allgemeinen betrachtet. Aber sollte denn die Logik in der Tat nichts anderes als nur Begriffe und nur ihre Deutlichkeit, nicht auch gar viele andere Beschaffenheiten und Verhältnisse derselben betrachten?

9) Sehr abweichend von der bisherigen Ansicht war nicht bloß die  Erklärung,  sondern auch der  Begriff,  den HEGEL von unserer Wissenschaft aufstellte, indem er sagte, daß sie "als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens, überhaupt als die reine Wissenschaft zu fassen sei, welche die Befreiung vom Gegensatz des Bewußtseins voraussetzt, und den Gedanken enthält, sofern er ebensosehr die Sache, und die Sache, sofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist." - Ich gestehe, daß es mir nie gelungen ist, in dieser Erklärung einen vernünftigen Sinn zu entdecken. Denn der Gedanke einer Sache, und sie, die Sache selbst, welche durch diesen Gedanken gedacht wird, sind meines Erachtens immer verschieden; sogar noch in dem Fall, wenn die Sache worüber wir denken, selbst ein Gedanke ist. Denn auch hier ist ja auch noch der Gedanke von meinem Gedanken nicht eben derselbe, sondern ein anderer Gedanke. Sonach begreife ich nicht, wie man sagen könne, daß die Logik den Gedanken enthalte, sofern er ebensosehr die Sache, und die Sache, sofern sie eben so sehr der Gedanke ist.

10) Herr TWESTEN ("Die Logik", Schleswig 1825) behauptet, daß die Logik im hergebrachten Sinn, bei dem auch er beharren will, "die Theorie von der Anwendung der beiden "Grundsätze der Identität und des Widerspruchs und des Widerspruchs sei." Ich bin dagegen der Meinung, daß sich aus diesen beiden Grundsätzen nicht einmal die wenigen Regeln der Syllogistik, die ARISTOTELES aufgestellt hat, ableiten lassen.

11) Nach Herrn TROXLER (Logik, Stuttgart u. Tübingen 1829, Teil 1, Seite 13) "ist die Logik eine selbständige Wissenschaft, durch die der menschliche Geist und die Denkkraft zur  "Selbsterkenntnis  ihres ursprünglichen Vermögens, und ihrer naturgemäßen Wirksamkeit geführt werden, und einer eigentümlichen  Kunstübung,  in welcher nicht bloßes Aneignen und Nachahmen durch Beispiele und Regeln beabsichtigt wird, sondern  Selbstentwicklung  und  Freiheitlichkeit  im eigenen, inneren Geisteswerk." Soll und kann wohl das Letztere von irgendeiner Wissenschaft geleistet werden? - Jedenfalls würde die Anleitung zu solchen Kunstübungen mehr in die Erziehungskunde, als in die Logik gehören. Seite 46 heißt es, die Logik sei "die eigentliche Philosophie des Denkens, ja sozusagen, die zur Wissenschaft und Kunst gewordene und als solche wieder in ihre eigene Natur zurückwirkende Vernunft." Seite 53 aber wird vorausgesetzt, daß die Logik "die Wissenschaft vom rechten Gebrauch der Erkenntniskraft und von Verhütung des Irrtums, sowie vom Wesen und der Behandlung der Wahrheit und Gewißheit sein müsse. - Eine deutlichere Erklärung hab' ich nicht finden können.

12) Herrn Dr. UMBREIT (System der Logik, Heidelber 1833) ist die Logik "die im Moment des Denkens sich durch- und ausbildende Idee des Denkens." (Seite 18) - Sind solche Spiele mit Worten wohl auch Erklärungen zu nennen; und dürfen wir sie ernstlich beurteilen?
    Anmerkung.  Die Wissenschaft, welche JOHANN GOTTLIEB FICHTE unter dem Namen der  Wissenschaftslehre  verstand, sollte sich zu derjenigen, welche er Logik, besonders  philosophische  oder  transzendentale  Logik, nannte, ungefähr wie ein Ganzes zu seinem Teil verhalten. Die Wissenschaftslehre nämlich sollte nach Bd. I, Seite 106 der nachgelassenen Werke (Bonn 1884) die Lehre vom  Wissen  überhaupt, vom  ganzen  Wissen sein, welches aus  Anschauen  und  Denken  bestehe; während die Logik nach ihm das bloße  Denken  zum Objekt habe; daher sagte er Seite 107 ausdrücklich, daß die transzendentale Logik auch in der Wissenschaftslehre vorkommt, ja ihr Teil sei. - Allein ich meine, wenn man die Logik als eine Lehre vom Denken erklärt hat, sei oder habe dies nie in dem Sinne geschehen sollen, in welchem das Anschauen vom Denken ausgeschlossen wird. Denn wie hätte bei dieser Beschränkung des Begriffs die Logik z. B. nur all diejenigen Regeln vollständig aufzählen können, welche sich für die  Erfindung  der Wahrheiten aufstellen lassen; da der Unterschied zwischen Anschauungen und Begriffen, Erfahrungen und Wahrheiten  a priori  in dieser Hinsicht von größter Wichtigkeit ist. Den von FICHTE hier angegebenen Unterschied zwischen seiner Wissenschaftslehre und der Logik kann ich sonach keineswegs gelten lassen. Bei dieser Gelegenheit aber will ich auch noch ein anderes Geständnis ablegen, nämlich dies, daß auch ich zur Zahl derjenigen gehöre, denen der eigene  ganz neue Sinn,  den FICHTE zum Verständnis seiner Wissenschaftslehre verlangt (Seite 4), bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen, obgleich ich mir einige Mühe gegeben, alles, was FICHTE zu diesem Zweck von seinen Lesern verlangte, zu tun. Ich glaube also zwar, daß FICHTE Unrecht habe; ich glaube auch bei einiger seiner Behauptungen zu begreifen, was ihn zu einem solchen Irrtum verleitet haben mochte. Da ich dies aber nur bei den wenigsten vermag; ein anderer sehr beträchtlicher Teil seiner Äußerungen dagegen mir so befremdende klingt, daß ich fast zweifle, ob ich auch nur den rechten Sinn derselben verstehe: so fehlt noch viel, daß ich denjenigen Grad von Überzeugung von der Unrichtigkeit dieses Systems hätte, welcher mir selbst nichts mehr zu wünschen übrig ließe. Ein ähnliches Geständnis muß ich zur Steuer der Wahrheit auch in Bezug auf SCHELLING, HEGEL und andere in ähnlicher Weise philosophierende Schriftsteller, selbst in Beziehung auf HERBART ablegen; was denn hier ein für allemal gesagt sei.

§ 8.
Verschiedene mit der Logik
verwandte Begriffe

1) In der Erklärung des §1., wie auch in all den andern, die wir soeben § 7. betrachteten, wurde unter der Logik irgendein Inbegriff von Lehren oder Wahrheiten verstanden, ohne darauf zu achten, ob diese Wahrheiten von jemand auch wirklich erkannt und angenommen werden oder nicht, d. h. es wurde dieses Wort in einem Sinn genommen, den man (wie § 1, Nr. 2) den  objektiven  nennt. Auch wird man aus demjenigen, was bereits dort Nr. 1 beigebracht ist, leicht von selbst entnehmen, was man sich unter einem  Lehrbuch  oder  Lehrbegriff der Logik  vorzustellen habe. Hierbei ist nur zu bemerken, daß man auch das Wort  Logik  selbst zuweilen in der Bedeutung eines bloßen  Lehrbuches  dieser Wissenschaft nehme; wie wenn man sagt, daß die Logik noch mancher Vervollkommnung fähig wäre. Denn hier kann man wohl nicht die Wissenschaft ansich (in objektiver Bedeutung) verstehen; denn diese unterliegt keiner Veränderung, ja sie ist überhaupt als ein bloßer Inbegriff von Wahrheiten nichts Existierendes.

2) Oft aber nimmt man das Wort  Logik  auch in der  subjektiven  Bedeutung, d. h. man versteht darunter einen Inbegriff von Meinungen, die ein bestimmter Mensch  (ein gewisses Subjekt)  über die Gegenstände der Logik hegt. So, wenn wir von jemandem sagen, daß er eine schlechte Logik habe; denn damit wollen wir nur sagen, daß seine Ansichten über Dinge, die in das Gebiet der Logik gehören, unrichtig sind.

3) In Bezug auf die Mittel, durch deren Anwendung jemand zu seinen logischen Ansichten gelangt ist, pflegt man noch zweierlei Arten von subjektiver Logik, eine  natürliche  nämlich und eine  künstliche  zu unterscheiden. Natürliche Logik nennt man denenigen Inbegriff logischer Ansichten, zu dessen Besitz jemand ohne ein der Erlernung solcher Wahrheiten eigens gewidmetes Nachdenken gelangt ist. Den Inbegriff solcher logischen Kenntnisse dagegen, welche sich jemand durch eigens auf sie gerichtetes Nachdenken allmählich beigelegt hat, nennen wir eine künstliche Logik. Die natürliche Logik erwirbt man sich also bloß durch diejenigen Anlässe zur Entwicklung logischer Begriffe, die ein nicht eben in dieser, sondern irgendeiner anderer Absicht unternommenes Nachdenken darstellt; z. B. durch das Studium anderer Wissenschaften und dgl.

4) Mit jener  Kenntnis,  die jemand in logischen Wahrheiten hat, d. h. mit seiner  subjektiven  Logik, muß man nicht seine Fähigkeit und Geschicklichkeit in  Befolgung  der logischen Regeln verwechseln. Denn nur zu oft geschieht es, daß wir eine Regel der Logik wohl kennen, aber doch nicht zu befolgen wissen; und umgekehrt trifft es sich auch zuweilen, daß wir eine Regel befolgen, ohne sie eigentlich zu kennen, indem uns ein bloßes dunkles Gefühl, oder die Nachahmung anderer, oder irgendein anderer Umstand bestimmt, so vorzugehen, wie jene Regel vorschreibt.

5) Der Grad der Fähigkeit zur Verfolgung logischer Regeln, die wir ein jeder schon auf die Welt mitbringen, d. h. den wir vermöge der uns schon  angeborenen  Kräfte und Anlagen besitzen, nennt man das  logische Talent.  Jene Geschicklichkeit im logisch-richtigen Denken dagegen, die wir uns erst durch unseren eigenen Fleiß, z. B. durch häufiges Nachdenken, Studium verschiedener Wissenschaften, Nachahmung des Verfahrens anderer und dgl. erwerben, könnte man (wenn sonst niemand eine bessere Benennung weiß) unsere  logische Kunst  oder  Fertigkeit  nennen.
    Anmerkung.  Die  natürliche Logik  erklären einige als die Geschicklichkeit, die logischen Regeln auch ohne ein deutliches Bewußtsein zu befolgen. Das deucht mir aber weder dem Sprachgebrauch gemäß, noch überhaupt zweckmäßig zu sein. Für's Erste nämlich kann man doch die Geschicklichkeit, die jemand in Befolgung logischer Regeln hat, nicht füglich Logik heißen. Denn in der objektiven Bedeutung bezeichnet dieses Wort einen bloßen Inbegriff gewisser Wahrheiten, die man in gar keiner Beziehung mit den Kenntnissen oder der Fertigkeit eines Menschen denkt. In seiner subjektiven Bedeutung aber bezeichnet es zwar den Inbegriff der logischen Ansichten, die jemand hat; allein es wurde soeben (Nr. 4) bemerkt, daß die Kenntnis der logischen Regeln von der Geschicklichkeit in ihrer Befolgung so sehr verschieden sei, daß man von jener nicht einmal auf diese schließen kann. Ferner ist auch nicht abzusehen; warum man die erwähnte Geschicklichkeit eben eine  natürliche  Logik nennen sollte, da sie doch auch durch  Kunst  erworben sein kann. Denn wie man die Regeln der Sprache aus einer Sprachlehe (also durch Kunst) erlern, dann aber sich in ihrer Befolgung eine solche Geläufigkeit verschaffen kann, daß man nach ihnen vorgeht, auch ohne sich irer erst immer deutlich bewußt zu werden: so kann ein Gleiches auch mit den Regeln der Logik geschehen. Endlich verdient wohl der Begriff der Geschicklichkeit in der Befolgung logischer Regeln mit einem eigenen Wort bezeichnet zu werden, weshalb ich dafür (Nr. 5) den Ausdruck  logische  Kunst vorschlug; daß aber auch der so viel engere Begriff einer Fähigkeit, den Regeln der Logik  ohne ein deutliches Bewußtsein  zu folgen, eine eigne Benennung erhalte, scheint mir der Mühe nicht zu lohnen.

§ 9.
Nutzen der Logik

Obgleich man auch, ohne über die Regeln der Logik je eigens nachgedacht, ,d. h. Logik studiert zu haben, doch viele dieser Regeln kennen, und manche, auch ohne sie zu kennen, aus einem bloß dunklen Gefühl, oder aus Nachahmung des Verfahrens anderer Menschen, welche bekannter mit ihnen sind, befolgen, und dadurch allmählich zu einer ziemlichen Fertigkeit im richtigen Denken, ja sogar in der Art, wie man bei der Bearbeitung einer Wissenschaft vorgehen muß, gelangen kann: so werden wir doch in der Vermeidung des Irrtums und in der Auffindung neuer verborgener Wahrheiten sowohl, als auch in ihrer zweckmäßigen Zusammenstellung und Beweisführung gewiß weit glücklicher sein, wenn wir die Regeln, nach denen das alles geschehen muß, vollständig kennen gelernt haben. Es verhält sich nämlich mit dem richtigen Denken fast ebenso, wie mit dem richtigen Sprechen und noch so manchen anderen Verrichtungen, welche der Mensch in einer ziemlichen Vollkommenheit ausüben kann, ohne je einen eigenen Unterricht darin empfangen zu haben, und ohne die Regeln, nach denen er dabei verfahren muß, zu kennen. Wie aber jeder zugibt, daß man die Regeln der Sprache auch dann, wenn man schon ziemlich richtig spricht, nicht ohne den Nutzen studiert, daß man sie jetzt umso sicherer, und selbst in den schwierigeren Fällen befolgen lernt: so dürfen wir auch von einem gehörigen Studio der Regeln des Denkens und der Bearbeitung der Wissenschaft einen ähnlichen Vorteil erwarten.

Besonders notwendig aber wird uns die Kenntnis dieser Regeln, wenn wir durch künstlich ersonnene Trugschlüsse, die man uns vorträg, nicht irre geleitet werden, vielmehr imstande sein sollen, dergleichen Scheingründe auf eine allgemein einleuchtende Weise zu widerlegen. Für einen solchen Zweck reicht jene Kenntnis der Regeln des richtigen Denkens, die wir auch ohne ein eigentliches Studium der Logik erlangen können, in der Tat nicht hin. Wir fühlen da höchsten,  daß  ein Trugschluß vorliegt; allein wir können es weder uns selbst, noch anderen deutlich machen, worin der Fehler liege. Vermögen wir aber dies nicht, dann können wir auch weder andere, noch uns selbst vor der Gefahr vielfacher Täuschungen bewahren, besonders in Fällen, wo ein Irrtum unserer Sinnlichkeit willkommen ist, unserer Leidenschaft frohlockt, Schlüsse gefunden zu haben, deren Unrichtigkeit die Vernunft nicht aufzudecken vermag. Da es nun leider eine nur allzu große Menge allenthalben verbreiteter Trugschlüsse gibt, die ganz geeignet sind, uns in unseren richtigsten, moralischen sowohl als religiösen Überzeugungen irre zu fühlen: so ist zu wünschen, es möchte jeder Mensch, wenn aus keinem anderen Grund, schon darum Logik studieren, um sich und andere vor der Verführung durch Trugschlüsse sichern zu können.

Gewisse, sehr schwierige Wissenschaften, wie namentlich die Metaphyshik, kann man unmöglich mit gutem Glück zu bearbeiten hoffen, wenn man nicht alle Regeln, welche bei einem streng wissenschaftlichen Vortrag zu beobachten sind, zu einem recht deutlichen Bewußtsein bei sich erhoben hat. Es ist sogar eine nicht unwahrscheinliche Vermutung, daß die fast grenzenlose Verwirrung, welche in dieser und einigen anderen, streng philosophische Wissenschaften herrscht, nur daher rühre, weil wir noch keine vollkommen ausgebildete Logik besitzen. Endlich ist doch jedes zweckmäßig ausgearbeitete Lehrbuch der Logik selbst in einer (mehr oder weniger strengen)  wissenschaftlichen Form  geschrieben; und enthält also Erklärungen, Beweise, Einwürfe, samt deren Widerlegungen usw. Durch das alles gewährt das Studium eines solchen Werkes eine Übung im richtigen Denken, die wenigstens derjenigen, die aus dem Studium so mancher anderer Wissenschaft geschöpft werden kann, nicht nachstehen wird.
    Anmerkung.  Manche, besonders junge Leute, machen sich vom Nutzen, den ihnen das Studium der Logik leisten werde, oft in der Tat eine zu hohe Erwartung. Sie glauben nämlich, es gebe, wenn auch so manches andere, doch kein ausgiebigeres Mittel, sich in der Kunst des richtigen Denkens zu vervollkommnen, als - das Studium der Logik. und das heißt meines Erachtens schon zuviel erwarten! Denn Logik, glaube ich, leistet für das richtige Denken nur ungefähr soviel, als Grammatik zum richtigen Sprechen beiträgt. Wie uns nun diese mit den Regeln des richtigen Sprechens nur erst bekannt macht, an und für sich aber noch eben keine Fertigkeit in ihrer Befolgung erzeugt (es sei denn etwa durch ihren eigenen, sprachrichtigen Vortrag und die in ihr gelegentlich vorkommenden Beispiele): so macht uns auch die Logik nur erst  bekannt  mit den Regeln des wissenschaftlichen Denkens; übt uns aber darin nur auf eine ähnliche Weise, wie die Grammatik im Sprechen. So wie nun niemand hofft, aus dem Studium einer Grammatik  allein  die nötige Fertigkeit im Sprechen zu erlangen; so sollte auch niemand hoffen, bloß aus dem Studium der Logik eine genügende Fertigkeit im richtigen Denken zu erwerben. Und wie das Lesen klassischer Werke ein immer unentbehrliches, oft aber auch ein ungleich ausgiebigeres Mittel für die Beförderung richtiger Sprachfertigkeit ist, als das Durchlesen einer trockenen Grammatik: so kann man auch durch manches, nach einer echt wissenschaftlichen Methode abgefaßte Buch, welchen Gegenstand es auch betreffe, in der Kunst des richtigen Denkens mehr Fortschritte machen, als durch das Studium eines nur mittelmäßig geschriebenen Lehrbuchs der Logik; hoffe aber nie, sich durch das Studium eines auch noch so meisterhaft abgefaßten Lehrbuchs dieser Wissenschaft allein schon eine hinlängliche Fertigkeit im richtigen Denken erwerben zu können.

    2. Anmerkung.  In HEGELs "Wissenschaft der Logik" heißt es (Vorrede Seite V): "Daß man durch Logik  denken lerne,  was sonst für ihren Nutzen und damit für den Zweck derselben galt, - gleichsam als ob man durch das Studium der Anatomie und Physiologie erst verdauen und sich bewegen lernen sollte, - dieses Vorurteil hat sich längst verloren." - Der Ausdruck:  "Daß man durch Logik denken lerne,"  kann den Sinn haben, daß man ohne ihr Studium  gar nicht  zu denken vermöge; aber auch den, daß sie nur  vollkommener denken lehre.  Das Erstere hat man gewiß zu keiner zeit weder geglaubt, noch gelehrt; das Letztere aber ist eine Meinung, zu der sich wohl Tausende noch heute ebenso offen bekennen, als ich es oben getan habe; und darum dürfte sie wenigstens nicht "ein Vorurteil, das sich schon  längst verloren  hat," heißen. HEGEL vergleich zwar diese Meinung, um sie recht lächerlich zu machen, mit der Vorstellung, daß uns "Anatomie und Physiologie verdauen und sich bewegen" lehren. Wie aber, wenn selbst diese Vorstellung nichts so gar Ungereimtes wäre; sobald man sie nämlich nur so versteht, daß jene Wissenschaften uns zur Erkenntnis gewisser Mittel verhelfen, durch deren Anwendung wir genannte Verrichtungen zuweilen in der Tat  vollkommener  ausüben können, als wir es ohne sie vermöchten? Kenntnis der Anatomie und Physiologie kann uns ja wirklich sehr oft dazu dienen, die verlorene Beweglichkeit eines unserer Gliedmaßen oder die geschwächte Verdauungskraft des Magens wieder herzustellen. Indessen ist der Unterschied zwischen Verdauen und Denken so groß, daß man, auch wenn es keine Gesetze gäbe, durch deren Kenntnis sich das Erstere befördern läßt, daraus noch keineswegs schließen dürfte, daß auch keine Regeln zur Vervollkommnung des Letzteren möglich wären. Wer kann es leugnen, daß - um nur ein Beispiel zu geben - der einzige Kanon der Logik:  quod nimium probat, nihil probat  [Wer zuviel beweist, beweist nichts. - wp], auf die Entdeckung einer Menge falscher Beweise leite? - Übrigens sehen wir aus HEGELs Werken Bd. 14, Seite 411, daß er den Nutzen der Logik gar nicht verkannt habe. Unter diejenigen aber, die diesen Nutzen gänzlich geleugnet, gehört Graf DESTUTT de TRACY, wenn er (z. B. in seiner Idéologie, Seite 315) die Behauptung aufstellt, que toutes les régles, que l'on a prescrites aux formes de nos raisonnements sont d'une inutilite absulue [Alle Regeln, die unseren Gedankengängen verordnet werden, sind absolut nutzlos. - wp] Er sucht das zu erweiesn, indem er sich bemüht zu zeigen, que toutes nos erreurs viennent du fond de nos idées, et que pour les eviter, il ne s'agit jamais que de voir nettement et certainement ce que renferme l'idée, dont on juge. [Alle Fehler kommen vom Grund der Ideen und um diese zu vermeiden, muß das, was die Ideen enthalten deutlich und sicher beurteilt werden. - wp] Aber selbst wenn das Letztere wahr wäre, was es aber meines Erachtens nicht ist: so würde daraus noch nicht die Nutzlosigkeit der  ganzen  Logik folgen. Denn ihre Bestimmung ist, wie ich glaube, nicht bloß, uns Mittel zur Vermeidung des Irrtums zu anzugeben, sondern uns auch zu lehren, wie schon gefundene Wahrheiten in ein wissenschaftliches Ganzes vereinigt werden können. Den berühmten BACO von VERULAM dagegen zählt man mit Unrecht oft zu denjenigen, welche den Nutzen der Logik überhaupt verwarfen; denn er behauptete nur, daß sie in der Gestalt, die sie bis zu seiner Zeit hatte, sich zur Erfindung neuer Wahrheiten als untauglich erwiesen habe. Ob nun dieser Vorwurf gerecht war, und ob sich BACO von seinem eigenen Versuch nicht etwas zuviel versprochen habe, lasse ich dahingestellt: das aber wünschte ich, daß wir den  Glauben,  von dem er hier ausging, dem nämlich, an  die Möglichkeit einer Vervollkommung der Logik,  für immer beibehalten möchten. In diesem Glauben lebte bekanntlich auch LEIBNIZ, der sich von der Vervollkommung der Logik eine Erhöhung des Wohlstandes der ganzen Menschheit versprach. [...] Ein Gleiches erwartete auch CONDILLAC (Logique, Paris, 1792, Kap. I). [...] Darum deucht es mir eine von KANTs literarischen Gründen zu sein, daß er versuchte, uns diesen heilsamen Glauben durch die Aufstellung jener der menschlichen Trägheit so willkommenen Behauptung zu rauben,  die Logik sei eine seit Aristoteles Zeiten bereits vollendet und geschlossene Wissenschaft.  Statt dessen, dächte ich, sollte man vielmehr den Glauben an die Möglichkeit einer steten Vervollkommnung nicht nur der  Logik,  sondern  aller  Wissenschaften als eine Art praktisches Postulat für die Menschheit aufstellen. Und was ist es wohl im Grunde anderes als Stolz, der uns verleiten will, zu behaupten, daß eine Wissenschaft in alle Zukunft nicht besser und vollständiger werde dargestellt werden können, als es in unserer Zeit (etwa durch uns selbst) geschehen ist? [...]

    3. Anmerkung.  In neuerer Zeit hat man nach KANTs
    Vorgang häufig behauptet, daß die Logik weder den Namen einer  Heuristik, d. h. Erfindungskunst,  noch den einer  Jatrik  [Therapie - wp] oder  Heilkunde des Verstandes,  noch endlich den eines  Organons  verdiene. Obwohl nun, wenn es sich bloß um diese  Namen  handelte, die Logik leicht auf sie Verzicht leisten könnte, da der Name  Wissenschaftslehre  für sie wirklich viel passender ist: so lohnt es sich doch der Mühe, etwas hierüber zu sagen, weil es einige nicht deutlich genug erfaßte Begriffe zu sein scheinen, die solche Äußerungen erzeugten. Unter einer  Erfindungskunst  kann man doch billigerweise nichts anderes verlangen, als einen Inbegriff von Regeln, die bei Erfindung neuer Wahrheiten zu beobachten sind. Dergleichen Regeln gibt es nun in der Tat; und wenn wir auch die meisten, ohne sie erst aus Büchern kennen zu lernen, ja ohne uns ihrer nur deutlich bewußt zu sein, befolgen; so dürfte ihre Sammlung dennoch nicht überflüssig sein, und wird (wie ich schon § 7. bemerkte) recht füglich in die Logik aufgenommen. Und so dächte ich denn, daß man ihr den Namen einer Erfindungskunst immerhin beilegen dürfte. Unter einer  Heilkunde des Verstandes  wird ein Vernünftiger wohl nichts anderes als eine Sammlung von Regeln erwarten; deren Beobachtung vor Irrtümern sichern kann. Nun ist kein Zweifel möglich, daß es dergleichen Regeln gebe, und daß wir viele derselben, wenn uns kein eigener Unterricht aufmerksam auf sie macht, weder kennen, noch befolgen. Macht uns daher die Logik, wie es ihr ziemt, mit solchen Regeln bekannt: warum dürfte sie dann nicht auch eine  Jatrik  genannt werden? Unter einem  Organon  endlich kann man sehr wohl eine Wissenschaft verstehen, die anweist, wie man bei der Bearbeitung einer jeder anderen Wissenschaft vorgehen solle. Das leistet nun die Logik, und das ist eben ihr vornehmster Zweck; daher ihr gerade dieser Name, wie ich glaube, am wenigsten streitig gemacht werden sollte. Wahr ist es aber freilich, daß alle diese Benennungen sich auch in einem Sinn nehmen lassen, indem sie der Logik nicht beigelegt werden dürfen; eine nähere Betrachtung zeigt jedoch, daß es dann auch keine andere Wissenschaft gibt, der man sie, so verstanden, mit mehr Recht beilegen könnte. Denkt man sich nämlich unter  Heuristik  eine Kunst, durch deren Kenntnis man auch bei den unglücklichsten Naturanlagen und ohne alle Hilfe des Zufalls, durch eine bloß mechanische Befolgung ihrer Regeln, jede beliebige, bisher verborgene Wahrheit sicheren Schrittes suchen und auffinden könnte: dann denkt man sich etwas, das nicht nur in keiner Logik, sondern auch sonst nirgends auf Erden anzutreffen sein möchte. Verlangt man von einer  Jatrik  des Verstandes (wie einige es wirklich getan zu haben scheinen), daß sie uns nicht erst dann, wenn wir nach ihren Regeln vorgehen, sondern durch eine bloße Betrachtung der in ihr aufgestellten Wahrheiten selbst von jedem Irrtum heile: so wird dies freilich in keiner Logik geleistet. Aber auch keine Jatrik des  Leibes  leistet etwas dem Ähnliches; denn dieses hieße ja, daß wir nicht durch eine Befolgung der in der Heilkunst aufgestellten Regeln, sondern durch bloßes Nachdenken über sie gesund werden könnten. Soll endlich  Organon  - (und dieses scheint KANTs Wille nach § VII der Einleitung in die "Kritik der reinen Vernunft" wirklich gewesen zu sein) - eine Wissenschaft bedeuten, welche die Grundsätze von allen übrigen enthält: dann bekenne ich wieder, daß sich die Logik auch diesen Namen nicht anmaßen könne. (1) Aber ich glaube zugleich daß eine solche Wissenschaft überhaupt nicht bestehe, und nicht bestehen solle; weil ich nicht finde, was es für einen besonderen Nutzen gewähren könnte, die Grundsätze der verschiedenartigsten Wissenschaften alle nebeneinander zusammenzustellen, ohne die Folgerungen, auch selbst die nächsten, die sich aus ihnen ergeben, abzuleiten.

    4. Anmerkung.  Wenn ich soeben sagte, daß uns die Logik in den Stand setze, über die Wahrheit oder Falschheit vorgelegter Urteile zu entscheiden: so fordert dies noch einige Worte der Rechtfertigung, besonders gegen jene neuerlich oft wiederholte Behauptung,  daß die Logik nichts mit der Wahrheit  (der  materialen  nämlich)  zu schaffen, sondern bloß die Bedingungen der formalen  (oder, wie man sie auch nennt  logischen)   Wahrheit der Sätze zu entwickeln habe.  Diese Behauptung dürfte, wie sie da liegt, etwas zu unbestimmt ausgedrückt sein. Denn über die Wahrheit gewisser, namentlich jener Sätze, welche die Logik als den ihr eigentümlichen  Lehrinhalt  aufstellt (über ihre  Canones),  hat sie gewiß zu entscheiden. Andere Sätze dagegen, Sätze, die einen der Logik fremden Gegenstand betreffen, und die sonach einer anderen Wissenschaft zugehören, z. B. mathematische, beurteilt sie freilich höchstens nur beispielsweise; wohl aber hat sie gewisse, allgemein geltende Regeln und Vorschriften zu erteilen, durch deren Beobachtung wir - nicht immer, aber so oft es bei dem uns eigenen Maß von Urteilskraft und bei unseren Vorkenntnissen nicht unmöglich ist - in den Stand gesetzt werden, ein Urteil über sie zu fällen. Die Logik hat ferner besonders die Eigenschaften und Verhältnisse, die  allen  Wahrheiten gemeinschaftlich zukommen müssen, auseinanderzusetzen; und die Darstellung dieser Beschaffenheiten macht wirklich einen sehr großen Teil ihres Inhalts aus. Sie sind von solcher Art, daß wir von ihrer Abwesenheit wohl auf die Falschheit, von ihrem Vorhandensein aber auch nicht auf die Wahrheit eines uns vorliegenden Satzes zu schließen berechtigt sind. So können wir z. B. aus dem Mangel eines sehr wohlbekannten Verhältnisses zwischen den folgenden drei Sätzen: alle  A sind B, alle B sind C, kein A ist C,  mit aller Sicherheit schließen, daß einer aus ihnen falsch sei; aus dem Vorhandensein dieses Verhältnisses aber bei den drei Sätzen:  Alle A sind B, alle B sind C, alle A sind C,  läßt sich noch keineswegs auf ihre Wahrheit schließen. Man pflegt nun die Beschaffenheit von Sätzen, welche sich, wie die zuletzt angeführten, gegen keine von der Logik auf gestellte Bedingung der Wahrheit verstoßen, sehr uneigentlicher Weise ihre  formale  oder  logische  Wahrheit zu nennen und daraus ferner zu schließen, daß es die Logik nur mit der  formalen  oder  logischen,  nicht aber mit der  materialen  (d. h. der eigentlich so genannten)  Wahrheit  der Sätze zu tun habe. Hierbei vergißt man aber, wie es mir deucht, daß die Angabe jener Verhältnisse zwischen den Wahrheiten gar nicht das einzige Mittel sei, das uns die Logik zur Beurteilung der Wahrheit oder Falschheit eines vorliegenden Satzes an die Hand gibt. Sie gibt ja, wie gesagt, auch noch so manche Regeln an, welche uns freilich nicht schon bloß dadurch, daß wir sie wissen, oder aus ihnen folgern, also nicht als  Grundsätze,  aber wohl dadurch, daß wir nach ihnen  vorgehen,  in den Stand setzen, Wahrheit und Irrtum gar oft zu unterscheiden. Sie tut das nicht nur, sondern sie muß es tun, so lange wir anders nicht eine eigene Wissenschaft für die Beurteilung des Wahren aufstellen, die wir von jener, welche uns die wissenschaftliche Zusammenstellung der bereits gefundenen Wahrheiten lehrt, trennen. Es freute mich, diese Ansicht auch beim Verfasser der in der Leipziger Allgemeinen Literatur Zeitung (April 1818) befindlichen Rezensionen von GERLACHs Logik zu treffen. "Die Logik", schreibt dieser mir unbekannte Gelehrte, "soll eine Anleitung sein, wie wir uns der Wahrheit aller Erkenntnisarten bemächtigen und versichern können. Denn bedarf der Mensch nicht einer solchen Anweisung? und wo anders wollten wir sie suchen, als in der Logik?

§ 10.
Zeit dieses Studiums
und Vorbereitung dazu

Um die im vorigen Paragraph berührten Vorteile aus seinem Studium der Logik schöpfen zu können, muß man dasselbe erst anfangen, wenn man gehörig vorbereitet ist. Hierzu wird aber vor allem ein Alter und eine körperliche Beschaffenheit erfordert, welche die Geistesanstrengungen, die dieses ansich nicht leichte Studium verursacht, ohne Nachteil der Gesundheit auszuhalten vermag. Auch müssen wir uns bereits eine nicht unbeträchtliche Fertigkeit in der Beschäftigung mit abzogenen Begriffen erworben haben; unsere Aufmerksamkeit von jenen sinnlichen Gegenständen, die uns zunächst umgeben, abzuziehen; und Begriffe festzuhalten vermögen, denen gar nichts Sinnliches beigemischt ist. Wir müssen endlich auch einen gewissen Vorrat von (wenigstens fragmentarischen) Kenntnissen aus mehreren Fächern des menschlichen Wissens besitzen, damit wir die Lehren und Regeln der Logik beispielsweise auf diese anwenden können. Denn kann man nicht jeder Lehre und Regel ein uns begreifliches und interessantes Beispiel beifügen; so werden wir den Unterricht nicht nur sehr trocken, sondern nicht einmal recht verständlich finden.

Aus all dem ersieht man, daß das Studium der Logik (ein systematisches nämlich) nicht für die Kinderjahre, sondern erst für das reifere Alter des Jünglings gehöre; desgleichen, daß man diesem Studium - nebst vielen bruchstückhaften Lehren aus den verschiedensten Fächern, welche ihm notwendig vorhergehen - mit Nutzen selbst einen zusammenhängenden Unterricht in einigen leichteren Wissenschaften vorausschicke. Für solche leichtere Wissenschaften halte ich aber nicht nur diejenigen, die eines bloß empirischen Inhalts sind, wie die Naturbeschreibung und dgl., sondern selbst einige, die, ob sie gleich  a priori  sind, doch einen Gegenstand, der sinnlich darstellbar ist, behandeln, nämlich die mathematischen. Endlich ist es noch ratsam, den  systematischen  Unterricht in der Logik, wie den in einer jeden anderen Wissenschaft, nicht eher anzufangen, als bis man den Lehrling mit mehreren Begriffen und Lehren derselben  rhapsodisch  (d. h. wie es die eben sich darbietende Gelegenheit gab) bekannt gemacht hat.


§ 11.
Ob die Logik Kunst
oder Wissenschaft sei?

In älterer Zeit hat man daher gestritten, ob die Logik den Namen einer  Wissenschaft  oder nur den einer  Kunst  verdiene? Nach den Begriffen, die ich mit diesen Worten verbinde, ist zwischen  Kunst  und  Wissenschaft  (wenn beide in objektiver Bedeutung genommen werden sollen) kein Gegensatz; sondern die Kunst ist nur eine besondere Art von Wissenschaft. Jede Wissenschaft nämlich, deren wesentlicher Inhalt in Regeln für unser Verhalten besteht, nenne ich eine  praktische  (oder noch lieber  technische)  Wissenschaft oder auch eine Kunst in der  weiteren  (und  objektiven)  Bedeutung. Sind die Verrichtungen, welche in einer solchen Kunst beschrieben werden, von der Art, daß man sie nicht sofort, wenn man bloß ihre Beschreibung erhalten hat, in der gehörigen Vollkommenheit zu leisten vermag; sondern wird hierzu erst eine eigene Übung erfordert, und macht wohl gar diese das Meiste bei der Sache aus; so nenne ich die wissenschaftliche Beschreibung dieses Verfahrens eine Kunst im  engeren  Sinne. Bleibt man bei diesen Begriffen, so ist kein Zweifel, daß man die Logik eine  Kunst,  wenigstens in der weiteren Bedeutung zu nennen habe. Denn ihr wesentlicher Inhalt besteht ja allerdings in der Beschreibung eines Verfahrens, nämlich desjenigen, durch das wir  Wissenschaften  zustande bringen. Man könnte sie selbst eine Kunst im  engeren  Sinne nennen; wie fern die Regeln, die sie aufstellt, wenigstens einige, so beschaffen sind, daß die bloße Kenntnis derselben zu ihrer vollkommenen Beobachtung allein nicht hinreicht, sondern noch viele Übung hinzukommen muß.
    Anmerkung.  Wenn die Scholastiker häufig den Satz aufstellten:  Logica est scientia, et quidem speculativa  [Logik ist Wissenschaft und zwar eine spekulative. - wp]; (2) so wollten sie damit wohl nicht in Abrede stellen, daß die Logik auch praktische Vorschriften enthalte, sondern bloß sagen, daß diese Wissenschaft nicht  einzig  aus Regeln bestehe, sondern auch mehrere theoretische Lehren enthalte, aus denen sich ihre Regeln erst als Korollarien [Zugaben - wp] ergeben. Nur auf das Dasein und die Wichtigkeit dieser theoretischen Lehren wollten sie durch die Benennung  scientia speculativa  aufmerksam machen. - Wenn dagegen in neuerer Zeit der Graf DESTUTT de TRACY (Ideologie, Teil III, Seite 1) behauptete, daß die Logik eine  science purement speculative  sei; so tat er das, weil er sich vorstellte, daß die Regeln, die man sonst als den eigentlichen Zweck der Logik ansah, von gar keinem Nutzen wären, und daher ausgeschieden zu werden verdienen. Einer solchen Meinung kann ich nun freilich nicht beitreten. - Der selige FICHTE (nachgelassene Werke, Bd. I) wollte der Logik (der gewöhnlichen) den Rang einer Wissenschaft schon darum nicht zugestehen, weil sie das Denken nur als ein  Faktum,  d. h. empirisch kenne. Und Herr ERNST REINHOLD (Metaphysik, Gotha 1835, Seite 90) will aus eben diesem Grund die Logik als einen bloßen Zweig der  empirischen Psychologie  betrachtet wissen. Ich glaube, es sei ein Mißbrauch des Wortes  empirisch,  wenn wir die Art, wie wir von unserem Denken wissen, eine empirische Erkenntnis nennen.

§ 12.
Ob die Logik eine bloß
formale Wissenschaft sei?

1) In den neueren Lehrbüchern der Logik liest man fast durchgängig, "daß in der Logik nicht die  Materie  des Denkens, sondern die bloße  Form  desselben betrachtet werden müsse, daher sie eben den Namen einer bloß  formalen  Wissenschaft verdiene." Über den Sinn dieser etwas dunklen Ausdrücke erklärt man sich auf verschiedene Weise. So heißt es z. B. in JAKOBs "Grundrisse der allgemeinen Logik" (2. Auflage, Halle 1791, § 62): "Da sie (die Logik) von allem Unterschied der Gegenstände abstarhiert, und bloß die Art und Weise betrachtet, wie der Verstand Gegenstände denkt und denken muß; so ist sie eine bloß formale Wissenschaft." - In HOFBAUERs Logik aber heißt es (§ 11): "Die Materie eines Gedankens ist dasjenige, was ihm im Gedanken entspricht; seine Form dasjenige, was in demselben durch das Denken erzeugt ist. Materie des Denkens sind die Vorstellungen, aus welchen Gedanken erzeugt werden können, und die Form des Denkens die Art und Weise, wie dieses geschieht. (§ 17) Die reine Logik ist die Wissenschaft von der Form des Denkens." - Professor METZ (Handbuch der Logik, 2. Auflage, Seite 4) sagt, in der Logik müsse vom Unterschied der zu denkenden Objekte sowohl, als der denkenden Subjekte abstrahiert, und nur auf das Denken als solches,  in abstracto,  reflektiert werden. Darum könne hier bloß die Form des Denkens in Betrachtung kommen. Diese Form sei aber "das, wodurch das Vorstellen ein Denken wird, und dieses ist die Bestimmung gegebener Vorstellungen (Materie des Denkens) durch die Einheit des Bewußtsein." Herr Professor KRUG (Fundamentallehre, Seite 322, 1. Auflage) sagt, das formale Denken, welches den Gegenstand der Logik ausmacht, bestehe darin, "daß die Vorstellungen nur aufeinander selbst bezogen werden, ohne weiter auf den Gegenstand, worauf sie sich außerdem noch beziehen mögen, Rücksicht zu nehmen. REINHOLDs Erklärung wurde schon § 8 - Nr. 7 angeführt.

2) Da mir die Sache durch alle diese Erklärungen teils noch nicht deutlich, teils nicht richtig genug entschieden zu sein scheint: so mag Nachstehendes erst meine eigene Meinung entwickeln. Alle Gelehrten, die eine der obigen ähnlich lautende Behauptung aufgestellt haben, sind von der stillschweigenden Voraussetzung ausgegangen, daß sämtliche Gegenstände, die das Objekt der Logik ausmachen, unter den Begriff eines  Gedankens  gehören, d. h. daß sie, wenn sonst nichts anderes, wenigstens Gedanken sein müssen. Wie nun, wenn diese bisher freilich sehr allgemein gemachte Voraussetzung nicht ganz richtig und das Objekt der Logik ein allgemeineres wäre? Die Geschichte der Wissenschaften ist voll von Beispielen, daß man sich im Verlauf der Bearbeitung einer Wissenschaft veranlaßt gesehen, ihr Gebiet zu erweitern und somit anerkannt habe, daß es vorhin zu eng gefaßt worden sei. Hatte man unter der Geometrie Anfangs wohl mehr, als eine Lehre von der Ausmessung der Länder verstanden; und ist man nicht durch die allmähliche Erweiterung dieses Begriffs am Ende bis zu dem so viel umfassenderen einer Lehre vom Raum überhaupt gelangt? Wie also, wenn die Logik nicht bloß die Gesetze aufzustellen hätte, die für gedachte Wahrheiten (wahre Gedanken, wie man sie auch nennt), sondern für Wahrheiten überhaupt gelten? wenn nicht bloß gedachte Sätze (Gedanken), sondern auch Sätze ansich, gleichviel ob sie von irgendjemand gedacht oder nicht gedacht werden, ein Gegenstand wäre, auf den sich die Gültigkeit der logischen Regeln erstrecken muß? Dann würde man ihr Gebiet zu eng begrenzt haben, wenn man es nur auf Gedanken und nicht auf Sätze überhaupt ausgedehnt hätte. Ich hoffe das später wirklich erweisen zu können, und es wird sich zeigen, daß die Quelle der meisten bisherigen Irrungen in der Logik nur eben darin liege, daß man, dies nicht beachtend, gedachte Wahrheiten von Wahrheiten ansich, gedachte Sätze und Begriffe von Sätzen und Begriffen überhaupt nicht scharf genug unterschieden habe. Wär dies aber auch nicht; so ist man doch darüber einig, daß die Logik nur die Regeln anzugeben habe, die bei der Bearbeitung einer Wissenschaft überhaupt zu beobachten sind; daß es ihr keineswegs obliege, die Behandlung, die dieser oder jener einzelnen Wahrheit, z. B. der geometrischen von den drei Dimensionen des Raumes in der Raumwissenschaft zuteil werden soll, anders als höchstens beispielsweise zu bestimmen; daß sie vielmehr nur die Verfahrensarten zu beschreiben habe, welche auf mehrere Wahrheiten zugleich, oder (was ebensoviel heißt) auf eine ganze Gattung von Wahrheiten gemeinschaftlich angewandt werden können. Aus diesem Grunde betrachtet die Logik - (in ihren Lehrsätzen wenigstens, in ihren Beispielen kann es ein anderes sein) - nie einen einzelnen völlig bestimmten Satz, d. h. einen solchen, darin Subjekt, Prädikat und Kopula schon festgesetzt wären, sondern gleich eine ganze Gattung von Sätzen, d. h. alle Sätze auf einmal, die, wenn auch einige ihrer Bestandteile festgesetzt sind, in ihren übrigen noch so oder anders lauten können. So kommt z. B. der einzelne Satz: Einige Menschen haben eine weiße Hautfarbe, höchstens als Beispiel, gewiß aber nicht als der ausschließliche Gegenstand eines eigenen Lehrsatzes in der Logik vor; wohl aber erscheint als ein solcher Gegenstand die ganze Gattung von Sätzen, zu denen jener gehört, nämlich die Gattung von Sätzen, welche den Ausdruck: Einige  A  sind  B,  umfaßt. Will man nun solche Gattungen von Sätzen allgemeine  Formen  von Sätzen nennen (obwohl eigentlich nur die Bezeichnung, d. h. der mündliche oder schriftliche  Ausdruck  derselben, z. B. der Ausdruck: Einige  A  sind  B,  eine solche Form heißen sollte): so kann man sagen, die Logik betrachte nur Formen von Sätzen, nicht aber einzelne Sätze. Das mag es dann auch sein, was man sich bei der Behauptung von Nr. 1, daß in der Logik nicht die Materie, sondern die bloße Form des Denkens beleuchtet werde, gedacht hat. Wenigstens kann ich derselben nur unter dieser Auslegung beipflichten. Wenn man nun dieser Eigenheit wegen die Logik eine bloß  formale Wissenschaft  nennen will, so habe ich nichts dagegen. Denn der Mißverstand, als ob die Logik, weil sie bloß formal heißt, gar keine Materie, d. h. keine bestimmten Sätze, und folglich (da Wahrheiten nur bestimmte Sätze sein können) auch keine Wahrheiten enthielte, dieser Mißverstand, sage ich, ist zu ungereimt, als daß er wirklich zu besorgen wäre. (3) Auf jeden Fall könnte man ihn durch die Erinnerung befestigen, daß bestimmte Sätze in der Logik freilich nicht als das  Objekt  ihrer Lehren vorkämen, daß aber darum doch  ihre Lehren selbst  lauter bestimmte Sätze wären. Vom  Objekt  einer Wissenschaft, d. h. vom Gegenstand, worüber sie handelt, muß man nämlich den  Inhalt  derselben, d. h. ihre Lehren immer wohl unterscheiden. So ist das Objekt der Geometrie der Raum, ihr Inhalt aber sind Sätze über den Raum.

3) Inzwischen scheint es, daß doch nicht alle, welche die Logik für eine bloß  formale  Wissenschaft erklärten, die Sache sich nur so, wie ich jetzt eben erklärte, vorgestellt, oder, wenn sie das auch getan, daß sie nur lauter solche Folgerungen, die wirklich zulässig sind, hieraus gezogen haben. Schwerlich hätten sie sonst den Ausdruck gebraucht, daß die Logik  "von allem Unterschied der Gegenstände abstrahieren müsse."  Denn es ist doch außer Zweifel, daß die Logik wenigstens insofern auf jene Unterschiede, die zwischen den möglichen Objekten des Denkens obwalten, reflektieren müsse, als dieses nötig ist, um brauchbare Regeln für das Nachdenken über dergleichen Gegenstände anzustellen. So muß sie z. B. notwendig des Unterschiedes gedenken, der zwischen Wahrheiten stattfindet, welche nur auf dem Weg der Erfahrung, und zwischen anderen, die unabhängig von dieser gefunden werden können; denn sonst würde sie auch die verschiedene Art, die wir bei der Aufsuchung dieser und jener zu beachten haben, weder beschreiben, noch ihre Richtigkeit nachweisen können. Zuweilen erhält es sogar den Anschein, als ob sich manche Gelehrte des unbestimmten Ausdrucks, daß in der Logik von aller Materie des Denkens abstrahiert werden müsse, bedient hätten, nur um sich hinter ihn zu verstecken, wenn sie irgendeine beschwerliche Untersuchung von sich ablehnen wollten. So wird z. B. in der Lehre von den Begriffen und noch mehr in jener von den Urteilen manche, meines Erachtens sehr nützliche Einteilung und Bemerkung, die aber das Unglück hat, nicht in das beliebte Fachwerk der Kategorien zu passen, oder sonst unbequem war, gleich aus dem Grund abgewiesen, weil sie nicht auf der Form, sondern auf der Materie der betrachteten Gegenstände beruhe. Als Beispiel erinnere ich nur an die Einteilung der Sätze in synthetische und analytische. Gleichwohl, wenn die Behauptung, daß die Logik eine formale Wissenschaft sei, bloß so zu verstehen wäre, wie ich sie oben auslegte; hätte man diesen Entscheidungsgrund schwerlich anbringen dürfen. Denn auch bei den Einteilungen, die man verwarf, sind ja die Glieder noch nicht einzelne Sätze, sondern ganze Gattungen von Sätzen. Die Logik hätte also, auch wenn sie sich in eine Betrachtung dieser Einteilungen eingelassen hätte, noch immer nicht aufgehört, eine bloß formale Lehre im obigen Sinn zu sein.

4) es ist also wohl offenbar, daß man den Ausdruck  Form  in einer engeren Bedeutung nehme; allein in welcher, ist schwer zu bestimmen, da die Erklärungen, nicht nur diejenigen, welche ich unter Nr. 1 angeführt habe, sondern auch andere, soviel ich angetroffen, keine erwünschte Auskunft gewähren. Die meisten schon deshalb nicht, weil sie von einem bloßen  Denken,  also von Sätzen und Vorstellungen, wie fern sie in einem Gemüt  erscheinen,  und nicht von Sätzen und ihren Bestandteilen ansich (im objektiven Sinne) reden. Die deutlichsten dieser Erklärungen sagen nur so viel, daß wir gegebene Sätze und Vorstellungen der bloßen  Form  nach betrachten, wenn wir nur dasjenige an ihnen in's Auge fassen, was sie mit mehreren anderen gemein haben, d. h. wenn wir von ganzen  Arten  und  Gattungen  derselben sprechen. Daß aber dieses doch wirklich nicht gemeint sei, haben wir eben gesehen. Dürfte ich mir eine etwas gewagte Vermutung erlauben, so würde ich sagen, man habe Arten von Sätzen und Vorstellungen  Format  genannt, wenn man zu ihrer Bestimmung nichts anderes, als der  Aufgabe  gewisser in diesen Sätzen oder Vorstellungen vorkommender  Bestandteile  bedurfte, während die übrigen Teile, die man sodann den  Stoff  oder die  Materie  nannte, willkürlich bleiben sollten. So heißt es, daß die Einteilung der Sätze in bejahende und verneinende die bloße Form betreffe, weil zur Bestimmung dieser Arten von Sätzen nichts anderes nötig ist, als die Beschaffenheit  eines  Bestandteils (nach der gewöhnlichen Ansicht, der Kopula) anzugeben, während die übrigen Teile (Subjekt- und Prädikatvorstellung) beliebig sein können. Dagegen die Einteilung in Sätze  a prior  und  a posteriori  erklärt man für  material,  weil es sich nicht aus der bloßen Analogie einiger in einem Satz vorkommender Teile, sondern nur aus der Betrachtung seines gesamten Inhalts beurteilen läßt, ob er  a priori  oder  a posteriori  sei. Sollte dies wirklich die Meinung unserer Logiker sein (und ich möchte glauben, daß die gegebene Erklärung ihren Begriff wenigstens nicht verengt): dann müßte ich behaupten, daß die Beschränkung des Gebietes der Logik auf die bloße Form willkürlich und für die Wissenschaft nachteilig sei. Denn beweist dies nicht das nur soeben angeführte Beispiel des Unterschiedes zwischen Sätzen  a priori  und  a posteriori,  der danach gar nicht erwähnt werden dürfte, und doch so wichtig ist, daß ihn fast alle Logiker, auch selbst diejenigen ,die es nicht ohne Inkonsequenz vermögen, zur Sprache bringen?

5) Einige verstehen den Ausdruck, daß die Logik eine bloß  formale  Wissenschaft sei, vollends so, daß die Lehren derselben sämtlich nur  analytische  Wahrheiten wären. So scheint des Herrn Hofrat FRIES zu meinen, wenn er die (philosophische) Logik (System der Metaphysik, § 9) das System der analytischen Urteile nennt und HOFFBAUER und TWESTEN haben der Logik (der aristotelischen) den Namen der  Analytik  gegeben. Dieser Ansicht kann ich so wenig beitreten, daß ich vielmehr der Meinung bin, auch nicht ein einziger, ist der Logik oder in sonst einer anderen Wissenschaft aufzustellender Lehrsatz sei eine bloß analytische Wahrheit. Denn ich halte dafür, daß jeder bloß analytische Satz viel zu unwichtig sei, um in irgendeiner Wissenschaft als eine ihr eigentümliche Lehre aufgestellt zu werden. Wer nicht möchte z. B. die Geometrie mit Sätzen von der Art: Ein gleichseitiges Dreieck ist ein Dreieck, oder ist eine gleichseitige Figur und dgl. anfüllen zu wollen.


§ 13.
Ob die Logik eine
unabhängige Wissenschaft sei?

Einige Logiker, wie Professor METZ (Logik § 37) erklären die Logik für "eine selbständige und durch ihr Objekt isolierte Wissenschaft, die sich auf jede andere Wissenschaft bezieht als Vorhof, durch den allein der Fortschritt zum gesetzlichen Studium dieser geschehen kann." - Diese Behauptung klingt für die Würde der Logik so ehrenvoll, daß man als Logiker im Voraus geneigt wird, ihr seinen Beifall zu geben. Inzwischen fehlt es doch nicht an Logikern, die auch das Gegenteil bald ausdrücklich, bald stillschweigend angenommen haben. So ist nach KRUG (Logik § 8, Anm. 2) die Logik keine ganz unabhängige Wissenschaft, sondern sie gründet sich, wie alle übrigen philosophischen Wissenschaften, auf die von ihm so genannte Fundamentallehre. Andere in großer Anzahl haben geglaubt, Lehrsätze aus der Psychologie, selbst aus der Metaphysik in die Logik aufnehmen zu müssen. Was ich hierüber denke, wird man aus Folgendem ersehen.

1) Wenn uns stets nur an denjenigen Begriff des Wortes Wissenschaft halten, den ich gleich § 1 - Nr. 1 aufgestellt habe, so daß wir unter einer Wissenschaft nichts anderes, als einen Inbegriff von Wahrheiten einer gewissen Gattung verstehen: so werden zwar nicht in der Wissenschaft ansich, wohl aber in einer jeden schriftlichen Darstellung derselben, in jedem  Lehrbuch  gar manche Wahrheiten, die nicht zu dieser Gattung gehören, vorkommen dürfen und müssen; z. B. Wahrheiten, welche als Hilfssätze zum Beweis der ersteren notwendig sind. Wenn nun im Lehrbuch einer Wissenschaft Hilfssätze notwendig sind, die zu den wesentlichen Wahrheiten einer anderen, bereits für sich bestehenden Wissenschaft gehören: so gebrauche ich von solchen Sätzen den Ausdruck, daß sie der letzteren Wissenschaft  abgeborgt  sind, und nenne die ersteren deshalb von dieser  abhängig.  So sage ich, daß die Raumwissenschaft (Geometrie) abhängig sei von der allgemeinen Größenlehre (Arithmetik, Analysis), weil ich gewahr werde, daß in den Lehrbüchern der ersteren mehrere zum Beweis der ihr wesentlichen Lehren ganz unentbehrliche Wahrheiten vorkommen, die nicht vom Raum, sondern von Größen überhaupt handeln und also der allgemeinen Größenlhre wesentlich angehören; z. B. der Satz, daß Gleiches zu Gleichem addiert gleiche Summen gibt, und dgl. Will man sich an diese Wortbestimmung halten; so begreift man bald, daß es nur äußerst wenige Wissenschaften gebe, die durchaus unabhängig sind; desgleichen, daß dieses nur solche sein können, deren wesentliche Lehren zu ihrem Beweis nur lauter solcher Vordersätze bedürfen, die zu derselben Gattung, wie sie selbst, gehören. Es läßt sich daher schon im Voraus vermuten, daß auch die Logik keine ganz unabhänigige Wissenschaft sein werde. Denn um die Richtigkeit der Regeln, die ihren wesentlichen Inhalt ausmachen, gehörig erweisen zu können, sind gewiß eine Menge von Vordersätzen nötig, die, weil sie selbst noch keine Regelns sind, nicht mehr zu ihrem wesentlichen Inhalt gezählt werden können. Vorausgesetzt also, daß es gewisse, schon für sich selbst behandelte Wissenschaften gibt, in welchen einige dieser Hilfssätze als daselbst wesentlich erscheinen, so werden wir sagen müssen, daß die Logik von diesen Wissenschaften abhängig sei. Um aber mit Bestimmtheit angeben zu können, wie viele dieser Hilfswissenschaften es für die unsrige gebe, müßte erst ganz außer Streit sein, wieviele andere Wissenschaften es neben der Logik gibt, und welche Grenzen eine jede hat. Ohne noch über das alles entscheiden zu wollen, kann ich bloß Folgendes sagen. Die Logik soll uns lehren, auf welche Art wir unsere Erkenntnisse in ein echt wissenschaftliches Ganzes vereinigen können; sie soll uns eben deshalb auch lehre, wie Wahrheit gefunden und Irrtum aufgedeckt werde usw. Das alles vermag sie nicht, ohne genaue Rücksicht zu nehmen auch auf die Art, wie gerade der menschliche Geist zu seinen Vorstellungen und Erkenntnissen gelange. Sie muß also notwendig Sätze, welche z. B. von unserer Vorstellungskraft, vom Gedächtnis, vom Vermögen der Assoziation der Ideen, von der Einbildungskraft usw. handeln, zum Beweis der Lehren und Regeln, welche sie gibt, aufnehmen. Nun haben wir aber bereits eine eigene für sich allein bestehende Wissenschaft, die empirische  Psychologie,  in welcher der Gegenstand, den diese Sätze betreffen, nämlich die menschliche Seele mit ihren Kräften, betrachtet wird. Daraus ergibt sich dann, daß die Logik, wenn sonst von keiner anderen Wissenschaft, wenigstens von der Psychologie abhängig sei; und somit auf den Ruhm einer ganz unabhängigen Wissenschaft ein für allemal Verzicht leisten müsse.

2) Von jener Wissenschaft dagegen, die Herr Professor KRUG  Fundamentallehre  genannt hat, möchte ich die Logik nicht abhängig machen. Denn diese Fundamentallehre soll (Fundamentalphilosophie Seite 33) "Untersuchungen über die philosophische Erkenntnis überhaupt anstellen, und dadurch die ersten Bedingungen und Bestandteile der Philosophie als Wissenschaft ausmitteln." Es soll also nach Herrn KRUG eigentlich zwei Gründe geben, weshalb die Logik von der Fundamentallehre abhängt: erstens, weil diese allen philosophischen Wissenschaften (damit auch der Logik) ihre Grenzen absteckt; und zweitens, weil sie auch die ersten Grundsätze aller dieser Wissenschaften vorträgt. Wegen des ersteren Grundes kann ich die Logik der Fundamentallehre begreiflicherweise nicht unterordnen, weil ich das Geschäft, den philosophischen, ja überhaupt  allen  Wissenschaften ihre Grenzen abzustecken, der Logik selbst anweise. Auch nenne ich nach der genaueren Wortbestimmung, die ich soeben aufgestellt habe, eine Wissenschaft von einer anderen dann noch nicht  abhängig,  wenn diese ihr bloß ihre Grenzen anweist, sondern nur dann erst, wenn sich die  Lehren,  die ihren Inhalt ausmachen, nicht ohne Beziehung auf gewisse Lehrsätze der andern dartun lassen. Der zweite Grund fällt für mich darum weg, weil ich (wie schon § 9, Anm. 5 erinnert wurde) glaube, daß eine Wissenschaft, welche die ersten Grundsätze aller andern umfassen soll, nicht eben sehr zweckmäßig wäre. Der Grund, denke ich, gehört zu dem Gebäude, das sich über ihn aufführen läßt; und eine Wissenschaft, welche nichts als die ersten Gründe aller andern umfassen wollte, käme mir ungefähr vor, wie ein Gebäude, das aus lauter Grundmauern, auf denen nichts aufgeführt ist, bestände.
    Anmerkung.  Noch einige andere Fragen, die in der Einleitung zur Logik hie und da abgehandelt werden, z. B. ob diese Wissenschaft als ein besonderer Zweig der Weltweisheit (Philosophie) angesehen werden dürfe, übergehe ich, teils weil sie nicht von so großer Wichtigkeit sind, teils auch weil ihre Behauptung mich zu weit abführen würde. So kann man die eben angedeutete Frage offenbar nur entscheiden, sofern man erst eine andere, überaus streitige Frage, nämlich was Philosophie selbst sei? als schon entschieden ansehen darf.

§ 14.
Allgemeine und besondere Logik

Die Logik soll uns die Regeln angeben, nach denen wir bei der Bearbeitung der Wissenschaften vorzugehen haben. Nun läßt sich im Voraus erachten, daß es für eine jede einzelne Wissenschaft nach der besonderen Beschaffenheit derjenigen Gattung von Wahrheiten, die ihren Inhalt ausmachen sollen, auch einige, nur bei ihr stattfindende Regeln des Vorganges geben werde. Von der anderen Seite aber wird es, weil alle Wissenschaften, als solche, wieder gewisse gemeinschaftliche Beschaffenheiten haben, sicher auch mehrere Regeln geben, welche bei allen auf eine gleiche Art befolgt werden müssen. Trennt man nun diese von jenen; so gibt der Inbegriff der letzteren, d. h. der allgemein geltenden Regeln, die  allgemeine;  ein Inbegriff solcher Regeln dagegen, die nur für eine besondere Wissenschaft gehören, eine  besondere  Logik für diese Wissenschaft.

Das gegenwärtige Buch, ist nur der  allgemeinen  Logik gewidmet; aus der  besonderen  werde ich bloß zuweilen einige, vornehmlich solche Regeln herausheben, die nicht für eine einzige, sondern für eine ganze Gattung von Wissenschaften gelten.
    Anmerkung.  Der von KANT eingeführte Unterschied zwischen der  gemeinen  oder  historischen  und  transzendentalen  oder  philosophischen  Logik, wenn wir ihn so verstehen, wie er von E. REINHOLD, BACHMANN, KRAUSE u. a. erklärt worden ist, beträfe nicht sowohl die Wissenschaft ansich, als ihre bloße Darstellung. Die philosophische Logik wäre nichts anderes als eine Logik, die man recht wisenschaftlich vorträgt, darin man sich also bemüht, die Gesetze des Denkens nicht bloß aufzustellen, sondern auch ihre Gründe, so möglich, nachzuweisen.

§ 15.
Plan des Vortrages der Logik
nach des Verfassers Ansicht

1) Die Logik soll meinem Begriff nach eine  Wissenschaftslehre,  d. h. eine Anweisung sein, wie man das ganze Gebiet der Wahrheit auf eine zweckmäßige Art in einzelne Teile oder Wissenschaften zerlegen, und eine jede derselben gehörig bearbeiten und schriftlich darstellen könne.

2) Diese ganze Anweisung würde uns offenbar überflüssig sein, wenn wir nicht die Geschicklichkeit hätten, und erst mit einer bedeutenden Menge von Wahrheiten, welche in diese oder jene Wissenschaften gehören, bekannt zu machen. Denn bevor wir uns nicht im Besitz eines beträchtlichen Vorrates von Wahrheiten befinden, kommt die Frage, in welche wissenschaftliche Fächer wir diese Wahrheiten einreihen, auf welche Weise, in welcher Ordnung und mit welchen Beweisen wir diejenigen derselben, welche in eine gewisse, voraus zu bearbeitende Wissenschaft gehören, in ihrem Lehrbuch vortragen sollen, zu früh. Da nun das Erstere, ich meine, die Auffindung gewisser Wahrheiten, kaum ein Geschäft von geringeren Schwierigkeiten sein dürfte, als das zuletzt Genannte, oder die Abteilung der schon gefundenen Wahrheiten in einzelne Wissenschaften und die Abfassung tauglicher für diese Wissenschaften bestimmter Lehrbücher: so wäre es gewiß ein Übelstand, wenn man uns nur zu diesem, und nicht auch zu jenem Geschäft eine eigene Anleitung gäbe. Solange man es also nicht für gut findet, uns diese Anleitung in einer eigenen für sich bestehenden Wissenschaft zu erteilen, wird es der Logik zukommen, uns diese Anleitung selbst zu erteilen. Bevor wir demnach die Regeln, die bei der Bildung und Bearbeitung der einzelnen Wissenschaften zu beobachten sind, d. h. die Regeln, welche den wesentlichen Inhalt der Logik ausmachen, zu lehren anfangen, wird es geziemend sein, erst in gedrängter Kürze die Regeln abzuhandeln, welche beim Geschäft des Nachdenkens befolgt sein wollen, so oft es die Auffindung gewisser Wahrheiten bezweckt. Wenn ich für denjenigen Teil meines Buches, in welchem die Regeln der ersten Art vorkommen, den Namen der  eigentlichen Wissenschaftslehre  aufspare; so wird dagegen der Teil, welcher die Regeln der zweiten Art liefert, nicht unschicklich den Namen einer  Erfindungskunst  oder  Heuristik  tragen können.

3) Allein leicht zu erachten ist es, daß nicht nur die Regeln der Erfindungskust, sondern auch jene der eigentlichen Wissenschaftslehre, nicht nur die Regeln, die bei der Aufsuchung einzelner Wahrheiten, sondern auch jene, die bei der Beurteilung derselben in bestimmte Wissenschaften und bei der schriftlichen Darstellung dieser letzteren beobachtet werden sollen, einem großen Teil nach von den Gesetzen abhängen, an welche die Erkenntnis der Wahrheit, wenn nicht bei allen Wesen, doch bei uns Menschen gebunden ist. Damit ich also mich in den Stand setze, jene Regeln auf eine Weise vorzutragen, dabei den Lesern auch ihre Richtigkeit und Notwendigkeit einleuchtend wird, werde ich erst gewisse Betrachtungen über die eigentümliche Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens vorausschicken müssen. Weil nun in diesem Teil von den Bedingungen gehandelt wird, auf welchen die Erkennbarkeit der Wahrheit - insbesondere für uns Menschen - beruth; so sei es mir erlaubt, ihn mit dem kurzen Namen  Erkenntnislehre  oder dem noch bestimmteren:  menschliche  Erkenntnislehre zu bezeichnen.

4) Wenn aber die Regeln der  Heuristik  und Wissenschaftslehre von den Gesetzen abhängen, an welche die Erkennbarkeit der Wahrheit bei uns Menschen gebunden ist; so ist kein Zweifel, daß sie viel mehr noch von denjenigen Beschaffenheiten abhängen, welche den Sätzen und Wahrheiten ansich selbst zukommen. Ohne die mannigfaltigen Verhältnisse der Ableitbarkeit und der Abfolge, die zwischen Sätzen überhaupt stattfinden, kennengelernt zu haben; ohne je etwas gehört zu haben von jener ganz eigentümlichen Weise des Zusammenhangs, die zwischen Wahrheiten allein obwaltet, wenn sie sich wie Gründe und Folgen zueinander verhalten; ohne von den verschiedenen Arten der Vorstellungen, als jener nächsten Bestandteile, in welche die Sätze zerfallen, einige Kenntnis zu haben: ist man gewiß nicht imstande, die Regeln zu bestimmen, wie aus gegebenen Wahrheiten neue erkannt werden, wie die Wahrheit eines vorliegenden Satzes zu prüfen, wie zu beurteilen sei, ob er in diese oder jene Wissenschaft gehöre, in welcher Ordnung und in welcher Verbindung mit anderen Sätzen er in einem Lehrbuch aufgeführt werden müsse, wenn seine Wahrheit jedem recht einleuchtend werden soll usw. Es wird also nötig sein, daß ich auch von den  Sätzen  und  Wahrheiten ansich  gar manches vortrage, es wird erforderlich sein, erst von den Vorstellungen, als den Bestandteilen der Sätze, dann von den Sätzen selbst, dann von den wahren Sätzen, endlich auch von den Schlüssen oder den Sätzen, die ein Verhältnis der Ableitbarkeit aussagen, zu handeln. Ich werde diesen Teil meines Buches  Elementarlehre  nennen, weil ich hier ungefähr dieselben Gegenstände besprechen werde, die in den neueren Lehrbüchern der Logik unter dem Titel der Elementarlehre insgesamt verhandelt werden.

5) Da es jedoch nicht unmöglich wäre, daß einige meiner Leser sogar noch daran zweifelten, ob es auch überhaupt Wahrheiten an sich gebe, oder ob wenigstens uns Menschen ein Vermögen zustehe, dergleichen objektive Wahrheiten zu erkennen, so wird es nicht überflüssig sein, vor allem andern erst noch dieses darzutun, d. h. zu zeigen, daß es Wahrheiten ansich gibt und daß auch wir Menschen das Vermögen haben, wenigsten einige derselben zu erkennen. Um auch diesen Teil meines Buches mit einem eigenen Namen zu bezeichnen, wähle ich, - weil die hier vorkommenden Betrachtungen bei einem jeden Unterricht den Anfang machen können, ja sogar müssen, wo man nicht darauf rechnen darf, Leser zu finden, die mit denselben bereits bekannt, oder durch sonst einen anderen Umstand hinlänglich gesichert sind, nie in den Zustand eines alles umfassenden Zweifelns zu verfallen, - den Namen  Fundamentallehre. 

Demnach wird also der ganze folgende Vortrag in diese fünf, ihrem Umfang nach freilich nicht gleiche Teile zerfallen:
     Erster Teil. Fundamentallehre,  enthaltend den Beweis, daß es Wahrheiten ansich gebe, und daß wir Menschen auch die Fähigkeit, sie zu erkennen, haben.

     Zweiter Teil. Elementarlehre,  oder die Lehre von den Vorstellungen, Sätzen, wahren Sätzen und Schlüssen ansich.

     Dritter Teil. Erkenntnislehre,  oder von den Bedingungen, denen die Erkennbarkeit der Wahrheit, insbesondere bei uns Menschen, unterliegt.

     Vierter Teil. Erfindungskunst,  oder Regeln, die beim Geschäft des Nachdenkens zu beobachten sind, wenn die Erfindung der Wahrheit bezweckt wird.

     Fünfter Teil. Eigentliche Wissenschaftslehre,  oder Regeln, die bei der Zerlegung des gesamten Gebietes der Wahrheit in einzelne Wissenschaften und bei der Darstellung der letzteren in besonderen Lehrbüchern befolgt werden müssen.
Eine umständlichere Rechtfertigung dieses Planes, sowie die Angabe der Unterabteilungen, in welche jeder dieser Teile noch ferner zerlegt werden soll, wird im weiteren Verlauf vorkommen.


§ 16.
Einiges über den Plan, der in den
wichtigsten neueren Lehrbüchern befolgt wird

1) Es würde mich zuweit abführen, und doch keinen beträchtlichen Nutzen gewähren, wenn ich alle die mannigfaltigen Pläne, die im Vortrag der Logik seit ARISTOTELES Zeiten versucht worden sind, auch nur nach ihrem gröberen Umriß darstellen und beurteilen wollte. Den Plan jedoch, den man zu jetziger Zeit beinahe allgemein befolgt, darf ich nicht billig mit Schweigen übergehen; ich muß ihn anführen, ihn mit dem meinigen vergleichen, und die Gründe angeben, die mich bestimmten, diese Verfahrensart teilweise zu verlassen. Seit der Erscheinung der kritischen Philosophie ist es nämlich, besonders in Deutschland, eine beinahe durchgängig herrschende Sitte geworden, eine beinahe durchgängig herrschende Sitte geworden, die sämtlichen Lehren der allgemeinen Logik unter zwei  Hauptabteilungen  zu bringen, die man gewöhnlich den  reinen  und  angewandten  oder auch wohl  empirischen  Teil dieser Wissenschaft nennt. (4) Im ersten verspricht man, bloß alle diejenigen Regeln der Logik vorzutragen, die sich nicht auf gewisse, nur aus der Erfahrung bekannte, oder nur bei uns Menschen vorhandene Bedingungen der  Denk-  und  Erkennbarkeit  gründen, sondern bei einem jeden denkenden Wesen, wie es auch übrigens immer beschaffen sein möchte, stattfinden müssen. Im zweiten Teil dagegen will man auf die nur bei uns Menschen obwaltenden Hindernisse sowohl, als auch Beförderungsmittel des richtigen Denkens achten. Den  reinen  Teil zerlegt man nun ferner in zwei Teile, welche gewöhnlich die  Elementar-  und die  Methodenlehre von Einigen auch  Analytik  und  Synthetik  genannt werden. In jenem werden die  Akte des Denkens  (Begriffe, Urteile und Schlüsse) im Einzelnen betrachtet, in diesem die Regeln angegeben, wie diese Akte verbunden werden müssen, um ein  wissenschaftliches Ganzes der Erkenntnis  zustande zu bringen.

2) Von diesem gegenwärtig so gewöhnlich gewordenen Plan weicht nun der meinige freilich nicht so beträchtlich ab, daß man die Lehren und Untersuchungen, die beiderseits denselben Gegenstand habe, gar nicht erkennen, oder an Orten, die ganz verkehrt liegen, antreffen sollte. Vielmehr, was in den neueren Lehrbücher unter der Überschrift:  Elementarlehre,  vorkommt, findet man größtenteils und in derselben Ordnung auch hier in dem Teil, dem ich denselben Namen gebe; und was die  Methodenlehre  beibringt, findet sich bei mir im letztenTil, oder der  eigentliche  Wissenschaftslehre; wie denn Einige, z. B. SCHULZE, jener Methodenlehre auch schon den Namen der Wissenschaftslehre erteilten. Gleichwohl darf ich es nicht verhehlen, daß ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen meinem und dem Plan anderer zuvörderst schon darin bestehe, daß ich von  Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten ansich  zu sprechen unternehme, während in allen bisherigen Lehrbüchern der Logik (soviele ich wenigstens kenne) von allen diesen Gegenständen nur als von (wirklichen oder doch möglichen) Erscheinungen im Gemüt eines denkenden Wesens, nur als von  Denkweisen,  gehandelt wird. Indem man nämlich sich anheischig macht, im ersten oder  reinen  Teil der Logik nur von denjenigen Bedingungen abzusehen, welche bloß bei uns Menschen stattfinden, gesteht man stillschweigend, daß man von jenen Gesetzen der Denkbarkeit, welcher für  alle  Wesen gelten, auch selbst in diesem Teil nicht abstrahieren wolle. Darum versteht man dann auch in Folge (wenigstens insofern, als man in Übereinstimmung mit seinen anfangs gegebenen Erklärungen bleibt) unter Vorstellungen und Begriffen nichts anderes, als Vorstellungen, die irgendein Wesen wirklich hat, oder doch haben könnte; unter Sätzen immer nur Urteile, die jemand fällt oder doch fällen könnte, und unter Wahrheiten endlich immer nur wirkliche oder doch mögliche Urteile, die wahr sind. Dieses Verfahren glaubte ich nun aus folgendem Grund nicht nachahmen zu dürfen. Vorausgesetzt, - was ich noch in der Folge darzutun hoffe, - daß es in der Tat objektive Wahrheiten gebe, daß diese in einer gewissen, von unserer Erkenntnis ganz unabhängigen Verbindung als Gründe und Folgen untereinander stehen, daß endlich auch wir Menschen imstande sind, wenigstens einige dieser Wahrheiten, wie auch jenen Zusammenhang, und noch so manche andere Beschaffenheiten derselben zu erkennen: so dürfte es sich doch wohl der Mühe verlohnen, daß man in irgendeiner von den verschiedenen Wissenschaften, die bereits eingeführt sind, von diesen Wahrheiten handle; daß man ihr Dasein erweise, ihre gemeinschaftlichen Beschaffenheiten, ihre merkwürdigsten Arten, vornehmlich aber die Natur jenes Zusammenhangs zwischen ihnen untersuche. Wo nun soll dieses schicklicher geschehen, als in der Logik, in derjenigen Wissenschaft, welche uns lehren muß, Wahrheiten aufzufinden, und die gefundenen in einer solchen Ordnung und Verbindung vorzutragen, wobei sie am leichtesten aufgefaßt und mit Überzeugung angenommen werden? Wer könnte zweifeln, daß es für die soeben genannten Zwecke der Logik in mehr als  einer  Hinsicht ersprießlich, ja notwendig sei, die allgemeinen Beschaffenheiten und die Natur des Zusammenhangs, der zwischen diesen Wahrheiten stattfindet, kennen zu lernen? Wenn aber die Logik uns diese Kenntnisse mitteilt, wenn sie das Dasein von Wahrheiten ansich erweist, ihre Beschaffenheiten und die Natur ihres Zusammenhangs beschreibt: so handelt sie in der Tat, solange sie diese Gegenstände behandelt, nur von Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten ansich. Wenn sie es gleichwohl nicht ausdrücklich sagt, daß sie das tue, d. h. daß sie hier nur von objektiven Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten spreche; wenn sie z. B. gleich anfangs erklärt, daß sie nur  von den Gesetzen des Denkens  allein sprechen, und somit keinen anderen Gegenstand als Gedanken, gedachte Sätze und erkannte Wahrheiten als ein Objekt ihrer Betrachtungen ansehen wolle: so veranlaßt sie ja den Wahn, daß alles, was sie von Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten lehrt, nur von subjektiven Vorstellungen, von Urteilen und Erkenntnissen gelte. Wenn sie gleich anfangs erklärt, daß sie Vorstellungen, Sätze und Wahrheiten immer nur als Erscheinungen (mögliche oder wirkliche) im Gemüt eines denkenden Wesens betrachten wolle, so kann sie uns unmöglich vom Zusammenhang, der zwischen Wahrheiten ansich stattfindet, einen gehörigen Begriff beibringen, sondern wir müssen diesen Zusammenhang notwendig mit dem Zusammenhang, der zwischen diesen Erkenntnissen herrscht, verwechseln. Findet es sich gleichwohl, daß man auch in den bisherigen Lehrbüchern der Logik zuweilen einen Unterschied zwischen dem objektiven Zusammenhang der Wahrheiten und dem subjektiven ihrer Erkenntnisse gemacht hat; so ist dieses eigentlich nur durch eine Art glücklicher Inkonsequenz geschehen, nur dadurch nämlich, daß man bei seiner einmal gegebenen Erklärung der Wahrheit, daß sie nur eine gewisse Beschaffenheit unserer Urteile wäre, nicht stehen blieb, sondern unvermerkt zu der Bedeutung überging, die der gewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Wort verbindet, in der es dasselbe bedeutet, was ich zur größeren Deutlichkeit die  Wahrheit ansich  nenne. Und wie, wenn man es bisher - wenn auch nie ausdrücklich gesagt - doch durch die Tat selbst, und durch so manche gelegentlich hingeworfenen Äußerungen vielfältig schon zu verstehen gegeben hätte, daß die Logik allerdings auch Begriffe, Sätze und Wahrheiten ansich zu betrachten habe? So ist es, wie mir deucht, wirklich geschehen. Oder, wie viele Lehren und Untersuchungen, welche in den organischen Schriften des ARISTOTELES, und seitdem in allen Lehrbüchern der Logik vorkommen, haben nicht offenbar bloß Sätze und Wahrheiten ansich zu ihrem Gegenstand! Die ganze Syllogistik, was ist sie anderes als eine Lehre von gewissen Verhältnissen, die zwischen Sätzen und Wahrheiten ansich herrschen? Oder wer sollte wohl die hier vorkommenden Sätze alle nur so auslegen, daß sie bloße Gesetze es Denkens, etwa nur für uns Menschen, oder zwar vielleicht auch für alle denkenden Wesen, aber doch immer nur für das Denken derselben, nicht für die Wahrheiten ansich wären? Wer sollte z. B. den Kanon, "daß sich aus zwei ganz verneinenden Prämissen keine Konklusion ergebe," nur so verstehen, daß aus zwei solchen Prämissen nun niemand etwas zu folgern vermöge; nicht aber so, daß aus solchen Prämissen  an  und  für sich  nichts folge? Hierher rechne ich auch, daß in solchen Lehrbüchern der Logik ein eigener, oft ziemlich langer Abschnitt:  "Von der Wahrheit,"  vorkommt; ein Abschnitt, in welchem zwar oft nur von den subjektiven Bedingungen unserer Erkenntnis der Wahrheit die Rede ist, oft aber auch so manche, die Wahrheit an sich selbst betreffende Lehren entwickelt werden. Man sehe z. B. in LAMBERTs  Organon  den langen Abschnitt, die  Aletheiologie  überschrieben, besonders die §§ 171, 175, 223, 256 und andere mehr. Fast noch merkwürdiger ist die gelegentliche Erklärung, die wir in mehreren neueren Lehrbüchern der Logik antreffen, daß es nicht zwei einander völlig gleiche Begriffe gebe, und zwar aus dem Grund, weil dasjenige, was man so nennen möchte, ein und derselbe  Begriff ansich,  nur zweimal  vorgestellt  wäre. Aus dieser Äußerung geht ja deutlich hervor, daß jene Logiker (freilich im Widerspruch mit ihrer eigenen Erklärung) unter  Begriffen  nicht Gedanken, sondern den  Stoff  der Gedanken verstanden haben. Geziemt es aber der Logik, unter den  Begriffen,  von denen sie handelt, nicht bloß gedachte Begriffe, sondern Begriffe ansich zu verstehen, so geziemt es ihr noch mehr, bei  Sätzen  und  Wahrheiten  nicht immer nur an gedachte Sätze und erkannte Wahrheiten, sondern zuweilen auch an Sätze und Wahrheiten ansich zu denken, und auch von diesen zu handeln.

3) Doch es soll nicht geschehen sein, was hier sage; unsere Logiker sollen, ihrer zu Anfang gegebenen Erklärung getreu, in ihren Lehrbüchern unter den Worten  Vorstellung, Begriff, Satz, Wahrheit usw.  fortwährend nur Erscheinungen im Gemüt denkender Wesen verstanden haben; auch so noch wird sich, wie ich glaube, eine Zweckwidrigkeit in ihrem Verfahren nachweisen lassen. Indem man sich vornimmt, im ersten oder reinen Teil der Logik bloß von solchen Gesetzen des Denkens zu handeln, die für  alle  Wesen (auch für Gott selbst) gelten; stellt man sich (und nicht mit Unrecht) vor, daß diese Gesetze in einer gewissen Hinsicht keine anderen sind, als die  Bedingungen der Wahrheit selbst;  d. h. daß alles dasjenige, was nach einem für alle vernünftigen Wesen geltenden Denkgesetze als wahr angesehen werden muß, auch objektiv wahr sei, und umgekehrt. Eben darum aber ist es ganz überflüssig, daß man von diesen Gesetzen der Denkbarkeit spreche; da man statt ihrer nur  von den Bedingungen der Wahrheit selbst  handeln könnte. Frage ich ferner, woher wir es wissen, daß ein gewisses Gesetz ein für alle vernünftigen Wesen geltendes Denkgesetz sei, so zeigt sich, daß wie dies immer nur daher wissen (oder zu wissen glauben), weil wir einsehen (oder doch einzusehen glauben), daß dieses Gesetz eine für alle Wahrheiten selbst stattfindende Bedingung sei. So behaupten wir z. B., daß der  Satz des Widerspruchs  ein allgemeines und somit im reinen Teil der Logik zugehöriges Denkgesetz sei, bloß weil und inwiefern wir voraussetzen, daß dieser Satz eine  Wahrheit ansich,  und somit eine Bedingung, der alle anderen Wahrheiten gemäß sein müssen, enthalte. Erkennen wir nun, daß etwas ein allgemeingeltendes Denkgesetz sei, nur eben daraus, weil wir zuvor erkannt haben, daß es eine Wahrheit und ein Bedingungssagt für andere Wahrheiten sei; so ist es offenbar eine Verschiebung des rechten Gesichtspunktes, wenn man dort von den allgemeinen Gesetzen des  Denkens  zu handeln vorgibt, wo man im Grunde die allgemeinen Bedingungen der  Wahrheit  selbst aufstellt.

4) Allein von diesem Vorwurf scheinen diejenigen Logiker sich befreit zu haben, welche es ausdrücklich erklären, daß sie in ihrer ganzen Wissenschaft, auch selbst in demjenigen Teil derselben, den man den  reinen  nennt, von nichts anderem sprechen und sprechen wollen, als von den Gesetzen, an welche nur unser  menschliches  Denken allein gebunden ist. Durch eine solche Erklärung glauben sie einen besonderen Vorteil für ihre Wissenschaft gewonnen zu haben; weil sie zu ihrem Vortrag nun fortschreiten können, ohne erst nötig zu haben, die äußerst schwierige Frage zu untersuchen, ob die Gesetze, die unser Bewußtsein uns wenigstens als  geltend für uns  angibt, auch alle anderen Wesen betreffen, ja objektive Bedingungen der Wahrheiten ansich sind? Mir deucht dieses anders; ich glaube die Voraussetzung, daß wenigstens einige der Gesetze, an welche wir uns in unserem Denken gebunden finden, allgemeine in der Natur der Wahrheiten ansich gegründete Bedingungen sind, sei niemals ganz zu umgehen. Denn wie bloß subjektiv auch immer ein Logiker vorgehen mag, und wenn er z. B. auch selbst die beiden Grundsätze der Identität und des Widerspruch als bloß subjektive, nur für uns Menschen geltende Gesetze aufstellt: so erklärt er hiermit doch immer Etwas, jetzt nämlich den Umstand,  "daß die genannten Gesetze uns Menschen wirklich binden,"  für eine Sache, die nicht bloß scheinen, sondern objektiv wahr sein soll. Er muß sich also doch immer die Fähigkeit zutrauen, wenigstens einige objektive Wahrheiten zu erkennen. Und ist es nun nicht sehr sonderbar, wenn man einerseits zugibt, daß die Behauptung,  wir seien in unserem Denken an diese oder jene Gesetze gebunden,  objektiv wahr wäre; und wenn man unter die Zahl dieser Gesetze (im angewandten Teil der Logik) selbst einige solche aufnimmt, deren Vorhandensein durch sehr verwickelte Erfahrungen dargetan werden muß (z. B. die Gesetze der Ideenverknüpfung): ist es nicht sonderbar, sage ich, von der anderen Seite dann gleichwohl doch ein Bedenken zu tragen, Sätze, wie folgende:  Was ist, das ist - und was nicht ist, ist nicht,  für etwas mehr, als für eine bloße Notwendigkeit unseres menschlichen Denkens, für objektiv wahr zu erklären?

5) Wenn ich es aber an der jetzt üblichen Weise des Vortrages tadle, daß man die Vorstellungen, Sätze und Wahrheiten nirgends in objektiver Hinsicht betrachte, so trifft dieser Tadel nur jene Abteilung der Logik, der man den Namen  Elementarlehre  zu geben pflegt. Der sogenannten  Methodenlehre  möchte ich gerade den entgegengesetzten Vorwurf machen, daß sie zuviel abstrahiere, wenn sie, nur stehen bleibend bei den für alle Wesen geltenden Denkgesetzen, ganz von demjenigen abgehen will, was bloß für uns Menschen gilt. In der Methodenlehre sollen bereits die Regeln angegeben werden, wie eine Wissenschaft oder vielmehr ein Lehrbuch derselben zustande komme. Ein Lehrbuch aber soll doch ein Buch sein, in welchem die zu einer bestimmten Wissenschaft gehörigen Wahrheiten gerade so durch Sprache dargestellt sind, wie es der Zweck der größten Faßlichkeit und Überzeugung nicht eben für  jedes  denkende Wesen (z. B. für Engel), wohl aber für uns Menschen erforderlich macht. Um also die Regeln, nach welchen man hier vorgehen soll, vollständig angeben zu können, muß man nicht bloß auf die bei allen Wesen obwaltenden Bedingungen des Denkens und Erkennens, sonder auch auf diejenigen achten, die nur bei uns  Menschen  stattfinden. Die Methodenlehre sollte daher, wie ich meine, nicht als ein Teil der  reinen  Logik betrachtet, sondern schon mit der  angewandten  oder empirischen Logik vereinigt, und den Lehren, die man in dieser bisher vortrug, nicht vorgesetzt werden, sondern (als ihre Anwendung) erst auf sie folgen. Dieser fehlerhaften Anwendung dürfte man es zum Teil zuzuschreiben haben, daß die Methodenlehre gewöhnlich eines so mageren Inhaltes ist, und daß verschiedene, nicht zu verachtende Regeln eines wissenschaftlichen Vortrags in unseren Lehrbüchern der Logik ganz übergangen werden. So urteilt auch schon Herr Professor BACHMANN in seinem "System der Logik" (Vorrede Seite IX). Gleichwohl ward auch schon in den bisherigen Vortrag der Methodenlehre einiges aufgenommen, was bei einer ganz folgenrechten Durchführung jenes Planes hier keinen Platz würde gefunden haben. Von dieser Art ist z. B. die ganze Lehre von den Erklärungen (Namen- und Sacherklärungen usw.); denn solche Erklärungen sind ja doch offenbar nicht für ein jedes denkende Wesen, sondern höchstens bei einem solchen Vortrag nötig, der sich für Wesen schicken soll, die, wie wir Menschen, manche dunkle Vorstellungen haben, und sich zu ihrem Denken der Zeichen bedienen.
    Anmerkung.  HEGEL teilte die Logik bekanntlich in zwei Teile, deren der erst das  Sein,  der zweite das  Denken  befassen sollte. Auch RITTER (Abriss der philosophische Logik, Seite 9) will, daß die Logik (die philosophische, d. h. echt wissenschaftliche) nebst den Gesetzen des Denkens auch jene des Seins bespreche. Dürfte man nicht sagen, dieses sei nur das  Extrem,  wohin die Einseitigkeit, die man in der Behandlung der Logik nach der bisherigen Weise beging, geführt habe? Man mochte fühlen, daß es doch wirklich zuwenig sei für eine Wissenschaftslehre, sich zu keiner höheren Ansicht als zur Betrachtung der Gesetze, an welche nur unser  Denken  gebunden ist, erheben zu wollen. Allein statt fortzuschreiten zu dem, was das Nächsthöhere ist,  zu den Sätzen und Wahrheiten ansich,  insofern als die Betrachtung ihrer allgemeinen Beschaffenheiten und Verhältnisse Vorschriften für die Bearbeitung an die Hand geben kann, verstieg man sich bis zu den  Gesetzen der Dinge überhaupt,  oder (weil man doch alle Dinge für etwas Seiendes hielt)  des  Seins. Diese Verwirrung ( denn dafür sehe ich dieses Verfahren an) trat umso leichter ein, da der Begriff der Wahrheiten ansich in unserer Zeit beinahe ganz in Vergessenheit geraten ist, und mit dem Begriff des Ansich-Seienden verwechselt wird.

LITERATUR - Bernard Bolzano, Wissenschaftslehre I, Versuch einer ausführlichen und größtenteils neuen Darstellung der Logik mit steter Rücksicht auf deren bisherige Vorarbeiter, Sulzbach 1857
    Fußnoten
    1) Bei dem Wort  Organon  denkt man sich ja doch ein Werkzeug oder Mittel,  wodurch,  nicht aber einen Stoff oder eine Materie,  aus der  etwas gebildet werden soll. Wenn man die Logik die Materie oder den Stoff aller Wissenschaften genannt hätte; dann wäre KANTs Beschuldigung, wie ich glaube, am rechten Ort gewesen. So dachte auch schon PLATNER (Philosophische Aphorismen I, Seite 21, Anm.)
    2) Dasselbe behauptet auch wieder BACHMANN, System der Logik, Seite 22
    3) Was HEGEL (in seiner Wissenschaftslehre der Logik, Einleitung Seite III, IX und XIII) und auch BACHMANN (Logik, § 19) gegen diese Benennung vorbringen, scheint gleichwohl nur diesem Mißverständnis zu gelten.
    4) Einige, wie Herr Professor LANGE, verstehen unter der  angewandten  Logik, was Andere die  spezielle  nennen.