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HERMANN LOTZE
Grundzüge der Psychologie
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    Erster Teil: Von den einzelnen Elementen des inneren Lebens
I. Von den einfachen Empfindungen
II. Über den Verlauf der Vorstellungen
III. Vom beziehenden Wissen und der Aufmerksamkeit
IV. Von den räumlichen Anschauungen
V. Von der sinnlichen Weltanschauung
VI. Von den Gefühlen
VII. Von den Bewegungen

Zweiter Teil: Von der Seele
I. Vom Dasein der Seele
II. Von der Wechselwirkung zwischen Seele und Körper
III. Vom Sitz der Seele
IV. Von den Zeitverhältnissen der Seele
V. Vom Wesen der Seele
VI. Von den unveränderlichen Zuständen der Seele
VII. Vom Reich der Seelen

"Diese Gesichtspunkte lassen sich nur im allgemeinen anführen. Es ist unmöglich eine Theorie daraus zu bilden, die ins einzelne ginge und ebenso unmöglich in einem einzelnen Fall wirklich die Gründe nachzweisen, die zum oft so launenhaft erscheinenden Verlauf unserer Gedanken tatsächlich geführt haben."

"Warum wir mit zwei Augen einfach sehen, ist nicht endgültig zu beantworten; es geschieht bekanntlich nicht immer, vielmehr müssen zwei Eindrücke auf zwei ganz bestimmte Punkte der Netzhäute fallen, um zu verschmelzen. Man sieht dagegen doppelt, wenn sie auf andere fallen."



Erster Teil
Von den einzelnen
Elementen des inneren Lebens


Drittes Kapitel
Vom beziehenden Wissen
und der Aufmerksamkeit


§ 1.

Bisher ist von den Verhältnissen und dem Wechsel der Vorstellungen gesprochen worden. In unserem inneren Leben gibt es aber außerdem ein Vorstellen dieser Verhältnisse und dieses Wechsels. Beides sind sehr verschiedene DInge. Wir wissen, wenn in uns die Vorstellung von Blau und zugleich die von Rot entsteht, so vermischen sich beide keineswegs zu Violett. Wäre das aber geschehen, so würde dadurch nur eine dritte einfache Vorstellung an die Stelle der beiden anderen getreten sein und eine Vergleichung dieser beiden würde durch ihr Verschwinden unmöglich gemacht sein. Jede Vergleichung, überhaupt jede Beziehung zwischen zwei Elementen, hier Rot und Blau, setzt voraus, daß beide Beziehungspunkte getrennt bleiben und daß eine vorstellende Tätigkeit vom einen  a  zum andern  b  hinübergeht und sich zugleich derjenigen Abänderung bewußt wird, welche sie bei diesem Übergang vom Vorstellen des  a  zu dem des  B  erfahren hat. Eine solche Tätigkeit üben wir aus, wenn wir Rot und Blau vergleichen und es entsteht uns dabei die neue Vorstellung einer qualitativen Ähnlichkeit, die wir beiden zuschreiben.

Wenn zugleich ein starkes und ein schwaches Licht wahrgenommen werden, so wird daraus nicht die Empfindung eines einzigen Lichtes, welches die Summe von beiden wäre; beide bleiben vielmehr getrennt und wieder vom einen zum andern übergehend, werden wir uns einer anderen Änderung unseres Zustandes bewußt, nämlich des bloß quantitativen Mehr oder Minder eines und desselben Eindrucks.

Endlich, wenn zwei ganz gleiche Eindrücke in uns gesondert haben entstehen können, so verschmelzen sie nun nicht mehr in einen dritten; aber indem wir sie auf die vorige Weise vergleichen und uns beim Übergang von einem zum andern gar keiner Veränderung unseres Vorstellens bewußt werden, entsteht uns die neue Vorstellung der Gleichheit.


§ 2.

Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß alle diese neuen Vorstellungen, die wir als solche einer höheren Ordnung bezeichnen können, keineswegs als Resultanten aus einer bloßen Wechselwirkung der ursprünglichen einfachen Vorstellungen in derselben Weise entspringen, wie man in der Mechanik eine dritte Bewegung aus dem Zusammentreffen zweier anderer konstruiert. Diese Analogie gilt auf geistigem Gebiet überhaupt nicht; immer sind vielmehr die beiden Eindrücke  a  und  b  bloß als Reize anzusehen, die auf die ganze eigentümliche und einheitliche Natur eines vorstellenden Subjekts einwirken und in diesem als Reaktion die Tätigkeit anregen, durch welche die neuen Vorstellungen, z. B. der Ähnlichkeit, der Gleichheit, des Gegensatzes usw. entstehen, welche ohne Anregung dieser neuen geistigen Tätigkeit aus dem bloßen Zusammenwirken der einzelnen Eindrücke nicht entstehen würden.


§ 3.

Auf dieselbe Weise, wie diese neuen Vorstellungen, entsteht überhaupt alles, was wir als  Allgemeinbegriff  bezeichnen. Man pflegt zu behaupten, die ungleichartigen Bestandteile verglichener Vorstellungen höben einander durch ihren Gegensatz auf, das zurückbleibende Gleichartige stelle dann ohne weiteres das Allgemeine dar. Allein die einzelnen Beispiele, aus denen wir einen Allgemeinbegriff bilden, gehen ja dabei gar nicht zugrunde, sondern ihre Vorstellungen erhalten sich fort neben dem Allgemeinen, welches als ein neues Erzeugnis bloß zu ihnen hinzutritt; auch bildet der Allgemeinbegriff niemals etwas, was sich als ein festes Bild in derselben Weise anschaulich vorstellen ließe, wie die einzelnen Beispiele, aus denen es entstand. So ist die  Farbe im allgemeinen  nicht vorstellbar, sie sieht weder grün noch rot, sondern sie sieht gar nicht aus und ebenso gibt es vom  Tier überhaupt  gar kein feststehendes Bild von ähnlicher Anschaulichkeit, wie das Bild jeder einzelnen Tierspezies. Alle solchen allgemeinen Begriffe sind daher nicht Produkte eines Zusammenwirkens vieler Einzelvorstellungen, denn sie würden dann denselben Charakter haben, wie diese ihre Komponenten. Die Namen, mit denen wir sie bezeichnen, z. B. Farbe, sind eigentlich bloß Aufforderungen an uns, uns eine Reihe verschiedener Einzeleindrücke vorzustellen, jedoch mit dem Nebengedanken, daß es nicht auf sie, sondern auf das Gemeinsame ankomme, das in ihnen enthalten ist, das sich aber nicht von ihnen als eine gleichartige Vorstellung trennen läßt.


§ 4.

Es hängen hiermit die verschiedenen engeren und weiteren Bedeutungen des Namens  Bewußtsein  zusammen. Es geschieht oft, daß wir eine Mehrheit von Elementen wahrnehmen, aber die bestimmten Verhältnisse zwischen ihnen im Augenblick doch nicht anzugeben wissen. Dagegen ist es möglich sich derselben späterhin noch bewußt zu werden, nachdem jene sinnlichen Eindrücke schon vorbei sind. Daraus folgt, daß diese Eindrücke selbst keineswegs unbewußte waren, sonst würde man sich später ihrer nicht erinnern. Dagegen die beziehende Tätigkeit ist nicht ausgeübt worden, welche sie nachzählt und die tatsächlich zwischen ihnen bestehenden Verhältnisse auch vorstellt. Man sieht daraus, daß beide Leistungen voneinander ablösbar sind. Die beziehende Tätigkeit kann als eine höhere niemals ohne die einfache bewußte Empfindung entstehen, auf die sie sich bezieht, die letztere aber, als die niedere, braucht nicht von jener begleitet zu sein. Gewöhnliche Erfahrungen zeigen, daß es sehr viele Umstände gibt, welche das Auftreten dieser höheren Tätigkeit verhindern. Bei mancherlei Gemütsbewegungen hören wir Töne, aber verstehen die Worte nicht oder verstehen die Worte, aber nicht ihren Sinn oder endlich auch diesen noch, aber nicht die Bedeutung, die er für unsere Interessen hat. Selbst körperlich, noch sehr unbekannte Bedingungen bewirken, daß es bei der bloßen Empfindung von Eindrücken bleibt und weder ihre äußere anschauliche, noch ihre innere Verknüpfung uns zu Bewußt kommt (Seelenblindheit).


§ 5.

Was wir hier geschildert haben, ist im Grunde nichts anderes, als die Reihe verschiedener Grade der  Aufmerksamkeit Man betrachtete diese früher als eine vom Geist ausgeübte Tätigkeit, welche wie ein hin- und herwandelndes Licht die an sich unbewußten Eindrücke zu größerer Helligkeit beleuchte. Man hat später (HERBART) diesen Gedanken einer Tätigkeit ganz aufgegeben und gemeint, der Satz:  wir  seien auf etwas aufmerksam, bedeute nur, die Vorstellung dieses Etwas steige durch ihre eigene Stärke in unserem Bewußtsein empor.

Dieser letzteren Annahme können wir nicht beitreten, ebensowenig aber die Aufmerksamkeit als bloß stärkere Beleuchtung eines Inhalts auffassen. Wir gewinnen durch Aufmerksamkeit bloß dann etwas, wenn der vorgestellte Inhalt unserem beziehenden und vergleichenden Wissen Gelegenheit zur Arbeit gibt. Selbst ein ganz einfacher Inhalt wird von uns wenigstens mit anderen einfachen oder mit sich selbst in verschiedenen Augenblicken seiner Dauer verglichen. Sehen wir hiervon ab, so würde das bloße Anstarren des Inhalts, mit welcher Intensität es auch immer geschehen möchte, uns durchaus nichts helfen. - Man begreift endlich, daß diese  Beziehung  eines Inhalts auf anderes beliebig weiter fortgesetzt werden kann. Man kann daher allerdings noch verschiedene Stufen des Bewußtseins über einen Inhalt unterscheiden, je nachdem man bloß ihn selbst und seine eigene Natur oder seine Zusammenhänge mit anderen oder endlich seinen Wert und seine Bedeutung für das Ganze unseres persönlichen Lebens vorstellt.


Viertes Kapitel
Von den räumlichen Anschauungen

§ 1.

In der Metaphysik erhebt man Zweifel daran, ob ein Raum sich wirklich ausdehnt und wir nebst den Dingen in ihm enthalten sind, ob nicht vielmehr umgekehrt die ganze räumliche Welt nur eine Anschauung in uns ist. Das lassen wir jetzt beiseite und gehen einstweilen von der uns allen geläufigen vorher erwähnten Annahme aus. Da nun aber die Dinge im Raum niemals durch ihr bloßes Dasein Gegenstand unserer Wahrnehmung sein können, sondern immer nur durch die Wirkungen, welche sie auf uns ausüben, so entsteht die Frage: Wie bringen es die Dinge durch ihre Einwirkung auf uns dahin, daß wir sie uns in derselben gegenseitigen räumlichen Lagerung vorstellen müssen, in welcher sie sich außer uns wirklich befinden?


§ 2.

Im  Auge  hat die Natur sorgsame Anstalt getroffen, daß die Lichtstrahlen, die von einem leuchtenden Punkt kommen, sich auf der Netzhaut wieder in  einem  Punkt sammeln und daß die  verschiedenen  Bildpunkte, welche hier entstehen, dieselbe gegenseitige Lage zueinander einnehmen, wie die Objektpunkte außer uns, denen sie entsprechen. Ohne Zweifel ist dieses so sorgfältig vorbereitete sogenannte "Bild des Gegenstandes" eine unentbehrliche Bedingung dafür, daß wir uns den Gegenstand in seiner wahren Gestalt und Lage vorstellen können. Allein es ist der Grund aller Irrtümer in dieser Sache, zu glauben, daß das bloße Dasein dieses Bildes ohne weiteres schon unsere Vorstellung von der Lage seiner Teile erkläre. Im Grunde ist dieses ganze Bild nichts weiter, als ein in das Innere des Sinnesorgans verlegter Repräsentant des äußeren Objektes und wie wir nun von ihm etwas wissen und erfahren, ist geradeso noch die Frage, wie vorhin die Frage war, wie wir das äußere Objekt wahrnehmen können.


§ 3.

Wollte man sich die Seele selbst als ein ausgedehntes Wesen denken, so würden allerdings die Eindrücke auf der Netzhaut sich mit ihrer ganzen geometrischen Regelmäßigkeit auch auf die Seele fortpflanzen. Ein Seelenpunkt würde grün, der andere rot erregt werden, ein dritter gelb und diese drei würden gerades so an den Ecken eines Dreiecks liegen, wie die drei entsprechenden Erregungen auf der Netzhaut. Allein man sieht auch, daß damit gar nichts gewonnen wird. Die bloße Tatsache, daß drei verschiedene Seelenpunkte gereizt sind, ist zunächst eine zusammenhanglose Dreiheit von Tatsachen. Ein Wissen darum aber, also ein Wissen von dieser Dreiheit und den gegenseitigen Lagen der drei Punkte ist hierdurch noch gar nicht gegeben, sondern könnte bloß durch eine einheitliche beziehende Tätigkeit hervorgebracht werden, welche dann selber, wie jede Tätigkeit, allen Prädikaten der Ausdehnung und der räumlichen Größen vollkommen fremd wäre.


§ 4.

Derselbe Gedanke wird anschaulicher, wenn wir diese nun unnütz befundene Ausdehnung der Seele aufgeben und sie als ein übersinnliches Wesen betrachten, welches dann, wenn man es überhaupt in Verbindung mit Raumbestimmungen bringen will, nur noch als ein unteilbarer Punkt vorgestellt werden könnte. Beim Übergang in diesem unteilbaren Punkt müssen die mannigfachen Eindrücke offenbar alle die geometrischen Relationen verlieren, welche sie auf der ausgedehnten Netzhaut noch haben konnten, ganz so wie die Lichtstrahlen, die im einzigen Brennpunkt einer Linse konvergieren, in diesem Punkt nicht mehr nebeneinander, sondern nur alle miteinander sind. Jenseits des Brennpunktes divergieren die Strahlen in derselben Ordnung, in welcher sie ankamen. Etwas dem Ähnliches aber geschieht dann in unserem Bewußtsein nicht; nämlich die vielen Eindrücke, die vorher nebeneinander waren, treten nicht wieder wirklich auseinander, sondern statt dessen ereignet sich bloß diese Tätigkeit des Vorstellens, welches ihre Bilder an verschiedene Stellen des nur von ihm angeschauten Raumes verlegt. Auch hier gilt die frühere Bemerkung: das Vorstellen ist nicht das, was es vorstellt und die Vorstellung eines linken Punktes liegt nicht links von der Vorstellung eines rechten Punktes, sondern von einem Vorstellen, welches an sich gar keine räumlichen Eigenschaften hat, werden bloß die beiden Punkte selber so vorgestellt, als läge der eine links und der andere rechts.


§ 5.

Folgendes Resultat steht jetzt vor uns:

Viele Eindrücke sind in der Seele zugleich, aber nicht räumlich nebeneinander, sondern bloß so zusammen, wie die gleichzeitigen Töne eines Akkordes, d. h. qualitativ verschieden, aber nicht neben, über oder untereinander. Gleichwohl soll aus diesen Eindrücken wieder die Vorstellung einer räumlichen Ordnung entstehen. Es erhebt sich also zuerst die Frage: wie kommt die Seele überhaupt dazu, diese Eindrücke nicht so aufzufassen, wie sie wirklich sind, nämlich unräumlich, sondern wie sie nicht sind, in einem räumlichen Nebeneinander. In den früher Eindrücken selber kann der genügende Grund offenbar nicht liegen, sondern bloß in der Natur der Seele, in der sie vorkommen und auf welche sie selbst nur als Reize einwirken. Deswegen pflegt man der Seele diese Tendenz, Raum anzuschauen, als ursprünglich angeborene Fähigkeit zuzuschreiben. Und in der Tat muß man sich hierbei beruhigen. Alle bisher versuchten Deduktionen des Raumes, welche zeigen wollten, aus welchem Grunde es der Natur der Seele notwendig ist, diese Raumanschauung zu entwickeln, sind vollständig mißlungen. Auch ist kein Grund hierüber zu klagen, denn die einfachsten Verfahrensweisen der Seele wird man immer als gegebene Tatsachen bloß anerkennen müssen, wie denn z. B. niemand ernstlich weiter fragt, warum man Luftwellen nun gerade hört und nicht lieber schmeckt.


§ 6.

Viel wichtiger ist die zweite Frage: Vorausgesetzt die Seele habe nun einmal die Nötigung gewisses Mannigfaltiges räumlich nebeneinander vorzustellen, wie kommt sie dazu, jeden einzelnen Eindruck an eine bestimmte Stelle des von ihr angeschauten Raumes so zu lokalisieren, daß das ganze angeschaute Bild dem äußeren Gegenstand ähnlich wird, der auf das Auge einwirkte?

Offenbar muß in den Eindrücken selbst ein solcher Leitfaden liegen. Die einfache Qualität der Empfindung Rot oder Grün enthält ihn aber nicht, denn jede solche Farbe kann nach und nach an jedem Punkt des Raumes erscheinen und verlangt deswegen an sich selber nicht, allemal auf den einen bestimmten Punkt bezogen zu werden. Nun aber erinnern wir uns, daß die Sorgsamkeit, mit welcher auf der Netzhaut die regelmäßige Lage der einzelnen Erregungen gesichert ist, nicht umsonst sein kann. Allerdings wird deshalb ein Eindruck noch nicht an einem bestimmten Punkt gesehen, weil er an diesem Punkt liegt, wohl aber kann er vermöge dieser bestimmten lage anders auf die Seele wirken, als wenn er anderswo läge. Dieses denken wir uns nun so:

Jeder Farbeneindruck  r,  z. B. rot, bringt auf allen Stellen der Netzhaut, die er trifft, dieselbe Empfindung der Röte hervor. Nebenbei aber bringt er an jeder dieser verschiedenen Stellen  a, b, c  einen gewissen Nebeneindruck  α, β, &gamma  hervor, welcher unabhängig ist von der Natur der gesehenen Farbe und bloß abhängig von der Natur der gereizten Stelle. Es würde sich also mit jedem Farbeneindruck  r  dieser zweite Lokaleindruck assoziieren, so daß  r α  ein Rot bedeutet, das auf den Punkt  a  einwirkt,  r β  dasselbe Rot, wenn es auf den Punkt  b  einwirkt. Diese assoziierten Nebeneindrücke würden nun für die Seele den Leitfaden abgeben, nach welchem sie dasselbe Rot bald an den einen, bald an den anderen Ort oder auch zugleich an verschiedene Orte des von ihr angeschauten Raumes verlegt. Damit das aber ordnungsgemäß geschehen kann, müssen diese Nebeneindrücke von den Haupteindrücken, den Farben, völlig verschieden sein und diese nicht stören. Unter einander aber müssen sie nicht bloß gleichartig, sondern ganz bestimmte Glieder einer Reihe oder eines Systems von Reihen sein, so daß jedem Eindruck  r  vermöge dieses angefügten Lokalzeichens nicht bloß ein besonderer, sondern ein ganz bestimmter Ort zwischen allen übrigen Eindrücken angewiesen werden kann.


§ 7.

Dies ist die Theorie von den  Lokalzeichen.  Ihr Grundgedanke besteht darin, daß alle räumlichen Verschiedenheiten und Beziehungen zwischen den Eindrücken auf der Netzhaut ersetzt werden müssen durch entsprechende unräumliche und bloß intensive Verhältnisse zwischen den in der Seele raumlos zusammenseienden Eindrücken und daß hieraus rückwärts nicht eine neue wirkliche Auseinanderbreitung dieser Eindrücke, sondern nur die Vorstellung einer solchen in uns entstehen muß. Insoweit halten wir dieses Prinzip für  notwendig;  dagegen sind bloß  Hypothesen  möglich, um die Frage zu beantworten, worin denn für den Gesichtssinn die von uns verlangten Nebeneindrücke bestehen. Wir vermuten folgendes: Wenn ein helles Licht auf einen seitlichen Teil der Netzhaut fällt, auf welchem, wie bekannt, die Empfindlichkeit für Eindrücke stumpfer ist, als in der Mitte der Netzhaut, so erfolgt eine Drehung des Auges so weit, bis diesem Licht die empfindlichste Mitte der Netzhaut als auffangendes Organ untergeschoben ist, wir pflegen das die Richtung des Blickes auf jenes Licht zu nennen. Diese Bewegung geschieht unwillkürlich, ohne ursprüngliche Kenntnis ihres Zweckes und stets ohne Kenntnis der Mittel, durch welche sie zustande gebracht wird. Wir können sie daher zu den sogenannten Reflexbewegungen rechnen, welche dadurch entstehen, daß eine Erregung eines sonst der Empfindung dienenden Nerven sich ohne weiteres Zutun der Seele gemäß den vorhandenen anatomischen Zusammenhängen auf bewegende Nerven fortpflanz und diese also völlig mechanisch zur Ausführung einer bestimmten Bewegung anreizt. Um nun eine solche Drehung des Auges auszuführen, die dem vorhin erwähnten Zweck genügt, muß jede einzelne Netzhautstelle, wenn sie gereizt wird, eine nur ihr allein eigentümliche Größe und Richtung jener Drehung veranlassen. Zugleich aber würden alle diese Drehungen vollkommen vergleichbare Bewegungen und zwar Glieder eines Systems nach Größe und Richtung abgestufter Reihen sein.


§ 8.

Die Anwendung davon (viele kleinere Einzelfragen abgerechnet) denken wir uns so: wenn auf den Punkt  P  einer Netzhaut, die noch gar keine Lichtempfindung gehabt hat, ein helles Licht fällt, so entsteht in Folge des Zusammenhangs der Nervenerregung eine solche Drehung des Auges, daß anstatt der Stelle  P  die Stelle  E  des deutlichsten Sehens dem ankommenden Lichtreiz untergeschoben wird. Während nun das Auge den Bogen  P E  durchläuft, erhält die Seele in jedem Augenblick ein Gefühl von der momentanen Stellung desselben, ein Gefühl von derselben Art, wie dasjenige, durch welches wir im Finstern von der Stellung unserer Glieder unterrichtet. Dem Bogen  P E  entspricht daher eine Reihe sich beständig ändernder Stellungsgefühle, deren erstes Glied wir ebenfalls  P  und deren letztes wir  E  nennen. Wenn nun in einem zweiten Falle die Stelle  P  wieder durch Licht gereizt wird, so entsteht nicht bloß die Drehung  P E  noch einmal, sondern schon das Anfangsglied  P  der Reihe der Stellungsgefühle reproduziert in der Erinnerung die ganze mit ihm assoziierte Reihe  P E  und diese Reihe von Vorstellungen ist unabhängig davon, daß zu gleicher Zeit auch die Drehung  P E  wirklich erfolgt. Ganz dasselbe würde von einem anderen Punkt  Q  gelten, nur daß der Bogen  Q E,  die Reihe der Gefühle  Q E  und auch das Anfangsglied Q andere Werte hätten. Käme es nun endlich vor, daß beide Stellen  P  und  Q  gleich stark zugleich gereizt würden und daß die Bogen  P E  und  Q E  einander gleich aber entgegengesetzt wären, so kann die wirkliche Drehung  P E  und  Q E  nicht stattfinden, dagegen bleiben die Erregungen auf den Stellen  P  und  Q  doch nicht wirkungslos; jede reproduziert die ihr zugehörige Reihe  P E  respektive  Q E  der Stellungsgefühle. Obgleich daher das Auge sich jetzt nicht bewegt, so knüpft sich doch an jede Erregung der Stellen  P  und  Q  die Vorstellung der Größe und der qualitativen Eigentümlichkeit einer Reihe von Veränderungen, welche das Bewußtsein oder das Gemeingefühl würde erfahren müssen, damit diese Erregungen auf die Stelle des deutlichsten Sehens oder nach gewöhnlichem Ausdruck in die Richtung des Blickes fielen. Und nun behaupten wir: etwas rechts oder links von dieser Richtung sehen, heißt eben gar nichts anderes, als sich der Größe der Leistung bewußt sein, welche nötig wäre, um es in diese Richtung zu bringen.


§ 9.

Durch diese Betrachtungen würde nichts weiter begründet sein, als die relative Lage der einzelnen farbigen Punkte im Sehfeld. Das ganze Bild dagegen würde noch gar keinen Ort in einem noch größerem Raum haben, ja selbst die Vorstellung eines solchen wäre noch gar nicht vorhanden. Zuerst erlangt nun dieses Bild einen Ort mit Rücksicht auf das Auge, dessen Öffnungen und Schließungen, die uns auf andere Weise bekannt werden, bedingend für sein Dasein oder Nichtdasein sind. Nämlich die sichtbare Welt ist vorn vor unseren Augen; was hinter uns ist, existiert nicht bloß für uns noch gar nicht, sondern wir wissen nicht einmal, daß es etwas gibt, was man hinten nennen dürfte. Die Bewegungen des Körpers führen weiter. Enthält in einer Anfangsstellung das Sehfeld von links nach rechts die Bilder  abc  und drehen wir uns dann nach rechts um unsere Achse, so verschwindet  a,  aber  d  tritt rechts hinzu, es folgen also die Bilder  bcd, cde, def  bis  xyz, yza, zab, abc.  Durch diese Wiederkehr der anfänglichen Bilder entstehen die beiden Gedanken, daß sich die sichtbare Objektwelt in ringsum geschlossenen Ausdehnung befindet und daß die Veränderung unseres eigenen Befindens, welche wir während der Drehung durch sich verändernde Stellungsgefühle wahrnahmen, auf einer Veränderung unseres Verhältnisses zu dieser feststehenden Objektwelt, d. h. auf einer Bewegung, beruth. Man begreift leicht, daß aus dieser Vorstellung eines geschlossenen Horizontes durch ähnliche Drehungen nach verschiedenen anderen Richtungen die Vorstellung einer kugelförmigen Ausdehnung entsteht.


§ 10.

Noch immer aber würde auch diese Kugelfläche nur eine flächenförmige Ausdehnung haben, von einer Tiefes des Raumes wäre noch keine Ahnung vorhanden. Die Vorstellung nun, daß es so etwas, wie eine dritte Dimension des Raumes überhaupt gäbe, kann nicht von selbst, sondern nur durch die Erfahrung entstehen, welche wir machen, wenn wir uns durch die gesehenen Objekte hindurch bewegen. Aus den mannigfaltigen Verschiebungen, welche hier die einzelnen gesehenen Bilder erfahren, wird uns auf eine Weise, die zu beschreiben langweilig, aber vorzustellen sehr leicht ist, die Einsicht zuteil, daß jede Linie in einem ursprünglich gesehenen Bild der Anfang neuer Flächen ist, die mit der früher gesehenen nicht zusammenfallen, sondern in größere oder geringere Entfernungen von ihr in diesen nun allseitig ausgedehnten Raum hinausführen. Eine andere erst später zu berührende Frage ist die, wonach wir die verschiedenen Größen der Entfernung nach dieser Tiefe des Raumes hin abschätzen.


§ 11.

Die Kreuzung der Lichtstrahlen in der engen Öffnung der Pupille verursacht es, daß obere Objektpunkte sich unten, unter oben auf der Netzhaut abbilden, das Gesamtbild also die entgegengesetzte Stellung des Objektes hat. Allein es ist ein Vorurteil, das Verkehrtsehen für natürlicher und das Aufrechtsehen für rätselhafter zu halten. Wie jede geometrische Eigenschaft des Bildes, so geht auch diese seine Stellung beim Übergang in das Bewußtsein vollständig verloren und die Stellung, in welcher wir die Dinge sehen, wird gar nicht präjudiziert [vorherbestimmt, wp] durch jene Stellung des Bildes. Damit wir nun aber den Gegenständen überhaupt eine Stellung zuschreiben können, damit also die Ausdrücke oben, unten, aufrecht und verkehrt einen Sinn haben, muß man eine von aller Gesichtsempfindung unabhängige Vorstellung eines Raumes haben, in welchem der ganze Inhalt des Sehfeldes angeordnet werden soll und in welchem oben und unten zwei qualitativ entgegengesetzte und deshalb nicht vertauschbare Dimensionen sind. Das Muskelgefühl bietet uns eine solche Vorstellung: unten ist der Ort, nach welchem die Richtung der Schwere geht, oben der entgegengesetzte. Beide Richtungen sind für uns durch ein unmittelbares Gefühl völlig unterschieden und wir täuschen uns deshalb auch im Finstern über die Stellung und Lage unseres Körpers niemals. Aufrecht sehen wir nun die Gegenstände dann, wenn durch eine und dieselbe Augenbewegung die unteren Punkte des Objektes zugleich mit denjenigen Punkten unseres Körpers erreicht werden, die nach dem Zeugnis jenes Muskelgefühls unten sind und die oberen durch eine Bewegung, welche die nach demselben Zeugnis oberen Teile unserer selbst zugleich sichtbar macht. Gerade diese Übereinstimmung nun ist unserem Auge, in welchem der Drehpunkt vor der empfindlichen Netzhaut liegt, durch die verkehrte Lage des Netzhautbildes gesichert. In einem anderen Auge, in welchem die empfindliche Fläche vor dem Drehpunkt läge, übrigens aber auch die größte Empfindlichkeit in der Mitte jener Fläche vorkäme, würde das Netzhautbild zu demselben Zweck aufrecht stehen müssen.


§ 12.

Warum wir mit zwei Augen einfach sehen, ist nicht endgültig zu beantworten; es geschieht bekanntlich nicht immer, vielmehr müssen zwei Eindrücke auf zwei ganz bestimmte Punkte der Netzhäute fallen, um zu verschmelzen. Man sieht dagegen doppelt, wenn sie auf andere fallen. Natürlich würden wir sagen: die beiden Stellen, die zusammengehören, müssen ihren Eindrücken gleiche Lokalzeichen mitgeben und sie dadurch ununterscheidbar machen; allein wir können nicht nachweisen, wie dieses Postulat erfüllt ist. Auch die Physiologie begnügt sich zuletzt mit einem bloßen Namen für das Faktum: sie nennt eben  identische  Stellen beider Netzhäute die, welche einen einfachen und  nicht identische  die, welche einen doppelten Eindruck geben.


§ 13.

 Hautreize  beziehen wir natürlich sofort auf die Hautstelle, auf die wir sie einwirken sehen; aber in einem Wiederholungsfall, wenn wir das  nicht  sehen können, hilft eine Erinnerung daran nichts, denn die meisten gewöhnlichen Reize haben im Laufe des Lebens schon alle möglichen Hautstellen getroffen und könnten daher jetzt auf die eine so gut, wie auf die andere bezogen werden. Damit sie richtig lokalisiert werden können, müssen sie in jedem Augenblick von neuem sagen, wohin sie gehören, d. h. an den Haupteindruck (Stoß, Druck, Wärme oder Kälte) muß sich ein Nebeneindruck knüpfen, der von diesem unabhängig, dagegen abhängig von der gereizten Hautstelle ist. Solche Lokalzeichen kann die Haut liefern, denn, da sie stetig zusammenhängt, so kan ein einzelner Punkt derselben gar nicht gereizt werden, ohne daß auch die Umgebung eine Verschiebung, Zerrung, Dehnung oder Erschütterung erfährt. Da aber ferner die Haut an verschiedenen Stellen verschiedene Dichtigkeit, verschiedene Spannung oder Verschiebbarkeit besitzt, bald über feste Knochenflächen, bald über Muskelfleisch, bald über Hohlräume läuft, da ferner bei der Vielgestaltigkeit der Glieder diese Verhältnisse von Strecke zu Strecke wechseln, so wird auch jene Summe von Nebenwirkungen um den gereizten Punkt herum für den einen eine andere sein, als für den anderen; und diese Wirkungen, wenn sie von den Nervenenden aufgenommen werden und auf das Bewußtsein wirken, können die schwer beschreiblichen Gefühle verursachen, nach welchen wir eine Berührung an der einen Stelle von derselben Berührung an einer anderen unterscheiden. Man kann indessen nicht sagen, daß jeder Punkt der Haut sein besonderes Lokalzeichen habe. Man weiß aus Versuchen E. H. WEBERs, daß am Rande der Lippen, der Zungenspitze, den Fingerspitzen zwei Berührungen (durch Zirkelspitzen) noch als zwei unterschieden werden bei einem Zwischenraum von ½ Linie, während es an Armen, Beinen und am Rücken Stellen gibt, die zur Unterscheidung eine Zwischenentfernung bis zu 20 Linien verlangen. Dies deuten wir auf folgende Weise: Wo der Bau der Haut auf lange Strecken wenig wechselt, ändern sich auch die Lokalzeichen von Punkt zu Punkt nur wenig und wenn beide Reize gleichzeitig einwirken, mithin eine gegenseitige Störung dieser Nebenwirkungen eintritt, werden sie ununterscheidbar, wogegen dann, wenn beide Reize sukzessiv wirken, also jene Störung wegfällt, beide häufig noch unterscheidbar werden. Wie dagegen die außerordentliche Empfindlichkeit, z. B. die der Lippen, hergestellt ist, wissen wir nicht weiter anzugeben.


§ 14.

Das Vorige erklärt bloß die Möglichkeit, Eindrücke auf verschiedenen Stellen zu unterscheiden, es soll aber auch jeder auf die bestimmte Stelle bezogen werden, auf die er einwirkt. Das ist leicht für den Sehenden, der bereits ein Bild seiner Körperoberfläche besitzt und deshalb jeden Reiz, den er einmal auf eine bestimmte Stelle hat einwirken sehen, nun auch im Finstern vermöge des gleichbleibenden Lokalzeichen an dieselbe Stelle des von ihm vorgestellten Körperbildes verlegt. Ein  Blindgeborener  müßte sich dieses Bild erst durch den Tastsinn verschaffen und natürlich geschieht das durch Bewegungen der tastenden Glieder und durch Abschätzungen der Entfernungen, welches diese zurücklegen müssen, um von der Berührung des Punktes  a  zu der eines  b  zu gelangen. Es ist aber zu bedenken, daß diese Bewegungen, die ja hier nicht gesehen werden, nur durch sogenannte Muskelgefühle wahrnehmbar werden, d. h. durch Gefühle, die an sich bloß gewisse Arten sind, wie uns zumute ist, aber gar nicht von selbst die Bewegungen anzeigen, die in der Tat ihre Ursache sind. Wie nun diese Ausdeutung der Muskelgefühle bei Blindgeborenen wirklich entsteht, kann man nicht beschreiben, findet aber sehr wahrscheinlich das Hilfsmittel, das zu ihr führt, darin, daß der Tastsinn so wie das Auge viele Eindrücke  zugleich  empfangen kann und daß bei einer bewegung nicht der vorige Eindruck spurlos verschwindet und durch einen ganz neuen ersetzt wird, sondern in der früher angegebenen Weise die Kombinationen  abc, bcd  usw. aufeinander folgen, also je zwei nächsten Eindrücken ein gemeinsamer Teil verbleibt. Hierdurch allein scheint die Idee erweckt werden zu können, daß dasjenige Ereignis, als welchem für uns die Reihe der veränderlichen Muskelgefühle entspringt, in einer Änderung unseres Verhältnisses zu einer Reihe nebeneinander vorhandener und in einer bestimmten Ordnung befindlicher Objekte, also in einer Bewegung, besteht.


§ 15.

Es ist zu bezweifeln, daß die Raumvorstellung, die ein Blindgeborener bloß durch den Tastsinn erreicht, der des Sehenden überhaupt ähnlich sein werde, vielmehr ist anzunehmen, daß ein viel weniger anchauliches System von Vorstellungen der Zeit, der Bewegungsgröße und der Anstrengung, die man braucht, um von der Berührung eines Punktes zu der eines anderen zu gelangen, an die Stelle der klaren, mühelosen und auf einmal alles umfassenden Anschauung tritt, die dem Sehenden geschenkt ist.

(Hierüber zu vergleichen die Aussagen operierter Blindgeborener bei CHESELDEN in "Philos. transact. 1728, Vol. 35 und HELMHOLTZ, "Physiologische Optik".)
LITERATUR - Hermann Lotze, Grundzüge der Psychologie [Diktate aus den Vorlesungen], Leipzig 1881