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HERMANN LOTZE
Grundzüge der Psychologie
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    Erster Teil: Von den einzelnen Elementen des inneren Lebens
I. Von den einfachen Empfindungen
II. Über den Verlauf der Vorstellungen
III. Vom beziehenden Wissen und der Aufmerksamkeit
IV. Von den räumlichen Anschauungen
V. Von der sinnlichen Weltanschauung
VI. Von den Gefühlen
VII. Von den Bewegungen

Zweiter Teil: Von der Seele
I. Vom Dasein der Seele
II. Von der Wechselwirkung zwischen Seele und Körper
III. Vom Sitz der Seele
IV. Von den Zeitverhältnissen der Seele
V. Vom Wesen der Seele
VI. Von den unveränderlichen Zuständen der Seele
VII. Vom Reich der Seelen

"Ein einfacher Sinneseindruck stellt nur sich selbst dar und sagt nichts aus über die Dinge, denen er als Eigenschaft, Zustand oder Wirkung zugehört. Diese weitere Ausdeutung ist allerdings, wie man sagt, Sache des  Verstandes." 

"Wir nennen Gefühle ausschließlich Zustände von Lust und Unlust, im Gegensatz zu Empfindungen als gleichgültigen Wahrnehmungen eines Inhalts."

"Das Bild, welches wir uns von unserem eigenen Wesen machen, kann mehr oder weniger zutreffend oder irrig sein; das hängt von der Höhe der Erkenntniskraft ab, durch welche sich jedes Wesen über diesen Mittelpunkt seiner eigenen Zustände theoretisch aufzuklären sucht."



Erster Teil
Von den einzelnen
Elementen des inneren Lebens


Fünftes Kapitel
Von der sinnlichen Weltanschauung
und von den Sinnestäuschungen


§ 1.

Ein einfacher Sinneseindruck stellt nur sich selbst dar und sagt nichts aus über die Dinge, denen er als Eigenschaft, Zustand oder Wirkung zugehört. Diese weitere Ausdeutung ist allerdings, wie man sagt, Sache des  Verstandes  und  er  ist es, der sich täuscht, wenn er durch eine Vorstellung  a,  die er früher unter nicht vollkommen durchschauten Nebendbedingungen  c  mit einer zweiten  b  verbunden fand, sich verleiten läßt, auch ein unter anderen Bedingungen  d  erneuertes  a  mit demselben  b  verbunden zu denken. Allein nicht immer sind die Sinne so unschuldig. Das Auge z. B., in dem es die nach drei Dimensionen ausgedehnte Welt auf einer Fläche abbildet, gibt uns durchaus falsche Verhältnisse zwischen den Bildern der einzelnen Objekte. Hier also, wo der  Sinn  das Falsche gibt, der Verstand aber die Berichtigungen bringen muß, haben wir ein Recht von Sinnestäuschungen zu sprechen. Dahin gehören z. B. die unrichtige Verkleinerung entfernter Objekte, die Konvergenz von Parallelen in der Entfernung, die Erhöhung des Meeresniveaus über das Ufer; lauter Erscheinungen, die auch dann für die sinnliche Anschauung fortdauern, wenn der Verstand über das wahre Verhalten nicht mehr im Unklaren ist.


§ 2.

Dieselben Raumgrößen schätzen wir größer, wenn sie hellfarbig, kleiner, wenn sie dunkel sind; größer erscheint dem Auge die vielfach angefüllte Fläche, kleiner die leere; dem Tastsinn die rauhe größer, als die glatte. Nach derjenigen Richtung, die durch vielfache Wiederholung von Linien hervorgehoben ist, scheinen sich die Dinge mehr auszudehnen, als sie wirklich tun. Das alles wird von den dekorativen Künsten vielfältig benutzt. Die  Entfernung  schätzen wir sehr unbestimmt für die hellen Gegenstände kleiner, für die dunkleren größer; viel genauer kleiner, so lange die innere Zeichnung der Dinge klar bleibt, größer, wenn sie einen trüben Gesamteindruck macht. Hauptsächlich aber benutzen wir drei Elemente: die wirkliche Größe eines Dinges, die scheinbare Größe desselben und die Entfernung, um aus zweien von ihnen das dritte zu ermitteln. Ist die wahre Größe gegeben (z. B. dadurch, daß wir wissen, daß das fragliche Objekt ein Mann oder ein Kind ist) und zugleich die scheinbare Größe, so schätzen wir die Entfernung umso größer, je kleiner die zweite verglichen mit der ersten ist. Kennen wir außer der scheinbaren Größe die Entfernung, so können wir die wirkliche auf dieselbe Art berechnen. Kennen wir endlich die wahre Größe und die Entfernung, so können wir die scheinbare Größe finden, welche z. B. die Malerei dem Objektbild geben muß, um es in dieser Entfernung erscheinen zu lassen. Wo aber Gegenstände, z. B. Berge und Wasserflächen, kein natürliches Maß haben, also bloß die scheinbare Größe gegeben ist, können wir auf die wirkliche Größe und die Entfernung zugleich nur dadurch einigermaßen schließen, daß wir die letztere in Teile zerfällen, deren jeden wir nach dem Verhältnis der scheinbaren Größe eines darin befindlichen, bekannten Gegenstandes zu seiner wahren Größe abschätzen. Ein sehr wichtiges Mittel endlich ist die Parallaxe, d. h. die Größe der Verschiebung, welche das Bild eines Objektes  C  gegen bestimmte Marken  P, Q, R  eines feststehenden Hintergrundes dann erfährt, wenn wir es von den beiden Endpunkten  A  und  B  einer Linie  AB  betrachten. Sie ist größer für die näheren, kleiner für die entfernteren Objekte. Wir benutzen dieses Hilfsmittel täglich, indem wir abwechselnd mit dem einen oder anderen Auge ein Objekt fixieren oder den Kopf nach rechts und links neigen oder wirklich hin und her gehen. Hiervon hat die Wissenschaft vielfachen Gebrauch gemacht, indem sie dieses Experiment sorgfältig und mit Zuhilfenahme von feineren Meßinstrumenten ausführt.


§ 3.

Die Vergleichung sinnlicher Qualitäten (Farben, Töne, Geschmäcke, Wärmegrade) erfordert eine gewisse Massenhaftigkeit des Eindrucks, sei es Intensität oder räumliche Ausdehnung oder zeitliche Dauer. Sie verlangt außerdem, daß das prüfende Organ ganz dasselbe sei, damit nicht die verschiedenen Lokalzeichen verschiedener Organe die Eindrücke modifizieren. Man prüft deshalb nicht simultan mit zwei Fingern die Wärme zweier Wassermassen, sondern sukzessiv mit demselben Finger und so weiter. Dabei hat man die andere Klippe zu vermeiden, die Zwischenzeit zu groß zu nehmen, um beide Eindrücke noch lebhaft genug im Bewußtsein zu haben, oder zu klein, so daß die Nachwirkungen des ersten sich mit dem zweiten Eindruck mischen. Diese Nachwirkungen sind doppelter Art. Wenn sie stark und frisch sind, verdunkeln sie den zweiten Eindruck; aber sehr häufig und in verschiedenen Sinnen kommt auch das andere vor, daß ein Nerv, der durch einen Eindruck  a  längere Zeit in dieselbe einseitige Erregung versetzt worden ist, nach dem Aufhören dieses Reizes von selbst eine andere Erregungsform annimmt, durch die er zu seinem unparteiischen Gleichgewichtszustand zurückkehrt. Auch diese Gegenerregungen erzeugen Empfindungen, so z. B. ein lange durch Grün, Rot oder Gelb beschäftigtes Auge sieht nachher die Ergänzungsfarben Rot, Grün und Violett. Auch im Bereich des Tastsinns und der Muskelgefühle kommen diese  Kontrastempfindungen  vor.


§ 4.

Für  bewegt  hatlen wir jedes Objekt, dessen Bild über unsere Netzhaut wandert, und dieser Schein findet nicht bloß dann statt, wenn wir in einer völlig passiven Bewegung (z. B. Fahren auf einem Schiff), sondern auch dann, wenn wir im Bewußtsein unserer wirklichen Bewegung und der Überzeugung vom Feststehen der Objekte durch diese hindurch gehen. Natürlich hat dann die Scheinbewegung der Gegenstände die entgegengesetzte Richtung unserer eigenen. Die bekannte drehende Bewegung, mit welcher nach längerer Achsendrehung unseres Körpers und dann plötzlichem Stillstehen die Gegenstände an uns vorübereilen, scheint ihren Grund darin zu haben, daß uns die Augen unbewußt noch mehrmals der vorigen Drehungsrichtung des Körpers folgen und wenn sie an den Augenwinkel gelangt sind, plötzlich umkehren, um denselben Weg von neuem zu beginnen. Daher sind es immer dieselben Gegenstände, die unaufhörlich vor uns vorübergehen, ohne alle zu werden.


§ 5.

Wenn irgendein Gegenstand, z. B. ein Stab, mit unserem Körper, z. B. der Hand, in eine lockere Verbindung gebracht ist, welche Verschiebeungen seiner Lage zuläßt, so wird er bei jeder augenblicklichen Lage eine neue und eigentümliche Kombination von Druckempfindungen, z. B. auf den verschiedenen Fingern, veranlassen. Nach früheren Erfahrungen, die wir gemacht haben, bilden wir uns aus jeder solchen Kombination eine Vorstellung von der Lage, die der Gegenstand, der Stab, jetzt hat. Wenn er nun in allen Lagen denselben Widerstand an einem äußeren Gegenstand findet und auch dieser Druck durch den Stab hindurch auf unsere Hand wirkt, so verlegen wir nicht nur den Sitz dieses Widerstandes an den gemeinschaftlichen Durchschnittspunkt aller dieser sukzessiven Lagen, sondern wir glauben mit ganz unmittelbarer Deutlichkeit ihn an dem Ort, wo er geleistet wird, geradezug zu empfinden; ganz als wenn wir am Ende dieses Stabes mit unserer Empfindungsfähigkeit ebenso gut zugegen wären, als in der Handoberfläche, wo das andere Ende des Stabes drückt. Diese  doppelten Berührungsgefühle,  die in ganz unzähligen Beispielen vorkommen, bringen in unsere Vorstellung äußerer Dinge eine ganz eigentümliche Lebendigkeit. Sie dienen vor allem dazu, den nützlichen Gebrauch vieler Werkzeuge, z. B. der Sonden, der Messer, Gabeln, Schreibfedern erst möglich zu machen, da wir durch sie die Widerstände oder Hindernisse, die diese Instrumente an ihren Objekten finden, ganz unmittelbar  in loco  wahrzunehmen glauben und die passenden augenblicklichen Gegenmittel anwenden können. Sie belehren uns ferner über manche Eigenschaften der Dinge, z. B. über die Länge einer balanzierten Stange, über die Breite einer betretenen Leitersprosse, über die Länge des Fadens, an dem eine befestigte Kugel im Kreis herumschwingt. Endlich geben sie uns im allgemeinen das angenehme Gefühl einer über die eigentlichen Grenzen unseres Körpers erweiterten geistigen Gegenwart und das ist der Grund der vielen, zum Teil zierlichen, zum Teil sonderbaren beweglichen Zusätze oder Anhänge an unserem Körper, deren sich die Putzsucht zu bedienen pflegt.


Sechstes Kapitel
Von den Gefühlen

§ 1.

Wir nennen Gefühle ausschließlich Zustände von Lust und Unlust, im Gegensatz zu Empfindungen als gleichgültigen Wahrnehmungen eines Inhalts. Wir behaupten damit nicht, daß diese beiden geistigen Leistungen voneinander getrennt vorkommen, finden vielmehr wahrscheinlich, daß ursprünglich keine Vorstellung völlig gleichgültig ist, daß vielmehr der an ihr haftende Wert von Lust oder Unlust unserer Aufmerksamkeit nur entgeht, weil im ausgebildeten Leben der Sinn und die Bedeutung, welche die Eindrücke für unsere Lebenspläne haben, uns wichtiger geworden ist, als die Überlegung des Eindrucks selbst. Dagegen bleiben wir dabei, daß ihren Begriffen nach Empfinden und Fühlen zwei verschiedene, wenn auch immer verbundene, dennoch auseinander nicht ableitbare Leistungen sind. Irgendein Verhältnis zwischen verschiedenen gleichzeitigen Eindrücken oder Zuständen erzeugt daher ein Gefühl nicht von selbst, sondern nur dadurch, daß es auf die ganze Natur der Seele als Reiz einwirkt und, indem es eine früher nicht in Anspruch genommene Fähigkeit der Seele anregt, diese zu einer Rückwirkung, nämlich zur Erzeugung eines Gefühls, veranlaßt.


§ 2.

Es ist nicht beweisbar, aber ein natürliches Vorurteil und eine probable Hypothese, daß Gefühle die Folgen und die Kennzeichen der Übereinstimmung oder des Streites sind zwischen den in uns erzeugen Erregungen und den Bedingungen unseres dauernden Wohlseins. Lust würde daher auf jeder Anregung zum Gebrauch unserer natürlichen Fähigkeiten innerhalb der Grenzen dieser Bedingungen beruhen und sie würde mit der Intensität dieser Anregungen steigen; dagegen beruth Unlust darauf, daß die zugefügten Erregungen teils ihrer Stärke nach, teils auch ihrer Form nach (was man gewöhnlich übersieht) mit jenen Bedingungen streiten. Das heißt nun nicht, daß die Seele zuerst die Erregungen, dann ihr Verhalten gegen diese Bedingungen beobachtet und endlich nach Ansicht dieser Akten sicht entschließt Lust oder Unlust zu empfinden; vielmehr gerade so, wie die Empfindung, z. B. des Rot, bloß die Folge einer Reihe von Vorgängen in den Nerven ist, aber gar nichts mehr von diesen erzählt, ebenso ist das Gefühl nur die letzte Folge jenes Streites oder Einklangs und sie allein tritt nach diesen unbewußten Vorangängen im Bewußtsein auf.


§ 3.

Lust und Unlust sind allgemeine Bezeichnungen, die in dieser Allgemeinheit nichts Wirkliches ausdrücken; vielmehr hat jede wirkliche Lust oder Unlust ihren eigenen ganz spezifischen Charakter und man kann sie keineswegs aus verschiedenen Anteilen einer allgemeinen Lust oder Unlust zusammensetzen, ebenso, wie man die verschiedenenen Farben nicht aus verschiedenen Mischungen von hell und dunkel erzeugt. Über die Bedingungen, unter denen Gefühle überhaupt oder bestimmte Formen derselben entstehen, wissen wir fast nichts.

Die erste Gruppe, die wir unterscheiden können, die  sinnlichen Gefühle,  d. h. die von Sinnesreizen direkt abhängigen, sind in den verschiedenen Sinnen umso intensiver, je weniger diese Sinne zu seinen objektiven Wahrnehmungen fähig sind. Farben und ihre Kontraste erregen bloß Wohlgefallen oder Mißfallen; Dissonanzen von Tönen beleidigen schon den Hörer persönlich; Lust und Unlust des Geruchs und Geschmacks sind schon viel intensiver; aber erst in der Haut, die für sich allein wenig Erkenntnis liefert und in den inneren Teilen, die dazu gar nichts beitragen, nimmt die Unlust den Charakter des Schmerzes an. Die Zweckmäßigkeit dieses Verhaltens leuchtet ein, seine mechanische Begründung ist unbekannt.


§ 4.

Diese weniger starken Gefühle der höheren Sinne leiten zu einer zweiten Klasse über, den  ästhetischen Gefühlen,  die nicht ganz ausschließlich aber hauptsächlich sich an eine gleichzeitige Mehrheit von Eindrücken knüpfen und in den einfachsten Fällen tatsächlich von der Einfachheit oder der Schwierigkeit der Verhältnisse abhängen, die zwischen diesen obwalten. Der eigentliche Grund aber, weswegen diese Einfachheit, z. B. bei den konsonierenden [harmonierenden, wp] Tönen günstig auf uns wirkt, ist unbekannt, denn wahrgenommen werden diese faktischen Verhältnisse als solche in der Regel nicht. Der Charakter dieser ästhetischen Gefühle des Wohlgefallens und Mißfallens kann im Gegensatz zum sinnlichen Behagen oder Mißbehagen dahin ausgedrückt werden, daß nur der allgemeine Geist in uns, nicht aber unser persönliches Wohlbefinden, durch diese Eindrücke gefördert oder gestört wird. Hieran schließen sich die  sittlichen Gefühle,  von denen wir deshalb sprechen müssen, weil Billigung oder Mißbilligung gar nichts anderes ist, als der Ausdruck eines Wertes oder Unwertes, den wir nur im Gefühl wahrnehmen und der sich deshalb gänzlich von einem theoretischen Urteil über Wahrheit oder Unwahrheit eines Satzes unterscheidet.


§ 5.

Eine weitere Beschreibung der Gefühle ist nutzlos, dagegen nützlich zwei Zustände davon zu unterscheiden. Man nennt häufig Gefühl, was eigentlich  Affekt  zu nennen ist und was nicht in einem ruhigen Zustand oder einer bloßen Stimmung des Gemüts, sondern in einer Bewegung besteht, welche wie bei Zorn oder Schrecken auch in den Vorstellungsverlauf Unordnung bringt und außerdem gewöhnlich noch unwillkürliche Bewegungen einschließt, teils bloße Gebärden, teils Anfänge von Handlungen, die aus gegebenem Anlaß hervorgehen würden, wenn sie nicht gehemmt würden. Ebenso muß man die  Gesinnungen,  d. h. beständige Verfassungen des Gemüts unterscheiden, die daraus hervorgehen, daß auf gewisse Vorstellungsinhalte ein für allemal ein bestimmter Wert gelegt ist; sie sind daher, z. B. Frömmigkeit oder Vaterlandsliebe, nicht selbst einfache bestimmte Gefühle, sondern Ursachen, aus denen nach Lage der Umstände die verschiedenartigsten Gefühle entspringen können.


§ 6.

Den Begriff des  Ich  pflegt man dahingehend zu definieren, daß es zugleich Subjekt und Objekt des Bewußtseins sei. Diese ansich richtige Definition paßt jedoch auf jedes Wesen, welches an diesem allgemeinen Charakter solcher Identität partizipiert; wenn wir aber von  Selbstbewußtsein  sprechen, meinen wir nicht bloß die allgemeine Form der Tätigkeit, welche  Du  und  Er  ebensogut besitzen, wie Ich, sondern wir meinen das Wissen, wodurch sich  Ich  von  Du  und  Er  unterscheidet. Es wäre nutzlos zu behaupten,  Ich  sei eben Subjekt und Objekt  meines  Wissens,  Er  dagegen Subjekt und Objekt des seinigen, so lange man nicht unmittelbare Klarheit über den Unterschied dessen, was  mein  ist, von demjenigen besäße, was nicht mein oder sein ist. Diesen Unterschied kann keine bloße theoretische Betrachtung lehren, für welche  Ich  und  Du  bloß zwei gleichwertige Beispiele eines solchen identischen Subjekt-Objektes sein würden.

Daß wir das eine von beiden eben  Ich  nennen und es in einen Gegensatz zur ganzen übrigen Welt bringen, der von ganz anderer Art und Wichtigkeit ist, als der Unterschied eines zweiten Dinges von einem dritten, hiervon beruth die Möglichkeit nur darauf, daß unsere eigenen Zustände nicht bloß Gegenstände des Vorstellens sind, sondern zugleich ein unmittelbares Interesse der Lust und Unlust erwecken, welches dieselben Zustände, wenn sie bloß als an einem Subjekt überhaupt haftend vorgestellt, aber nicht von uns  erlitten  werden, keineswegs hervorbringen. Auf diesem unmittelbaren Weg lernen wir zuerst unterscheiden, was  mein  und was  nicht mein  ist. Die Vorstellung des Ich ist die spätere und bedeutet allerdings nur dasjenige Subjekt-Objekt, welches der Mittelpunkte dieses so kennen gelernten Meinigen ist. Zweierlei muß man daher unterscheiden. Das Bild, welches wir uns von unserem eigenen Wesen machen, kann mehr oder weniger zutreffend oder irrig sein; das hängt von der Höhe der Erkenntniskraft ab, durch welche sich jedes Wesen über diesen Mittelpunkt seiner eigenen Zustände theoretisch aufzuklären sucht. Die Evidenz dagegen und die Innigkeit, mit der sich jedes fühlende Wesen selbst von der ganzen Welt unterscheidet, hängt gar nicht von der Vortrefflichkeit dieser seiner Einsicht in sein eigenes Wesen ab, sondern äußert sich bei den niedrigsten Tieren, so weit sie durch Schmerz oder Lust ihre Zustände als die ihrigen anerkennen, ebenso lebhaft, als beim intelligentesten Geist. Wohl aber würde ein Geist, der alles durchschaut, aber an nichts ein Interesse von Lust oder Unlust hätte, weder fähig noch veranlaßt sein, sich selbst als ein Ich der übrigen Welt entgegenzusetzen; er würde sich selbst nur vorkommen als eines, aber nichts als ein irgendwie bevorzugtes von den vielen Beispielen eines Wesens, das zugleich Subjekt und Objekt des Denkens ist.


Siebtes Kapitel
Von den Bewegungen

§ 1.

Unsere Bewegungen führen wir aus ohne Kenntnis der dazu nötigen Mittel, der Muskeln und ihrer Kontraktilität und ganz besonders ohne zu wissen, wie es angefangen werden muß, einen bestimmten motorischen Nerv dazu zu veranlassen, daß er die zu einer bestimmten Bewegung notwendigen Muskeln in eine passende Erregung versetzt. Daraus folgt, daß in keinem Fall die Seele gleichsam durch eigenes Handanlegen die Bewegungen zustande bringt und im einzelnen ausführt. Sie erzeugt vielmehr bloß einen gewissen inneren Zustand (des Wünschens, Wollens, Begehrens) in sich selbst; mit diesem hat dann eine unserem Bewußtsein unzugängliche und von unserem Willen ganz unabhängige Naturordnung die Entstehung einer körperlichen Bewegung als tatsächliche Folge verknüpft. Es kommt daher zunächst nur darauf an, die verschiedenen seelischen Zustände kennen zu lernen, welche auf diese Weise die Veranlassung körperlicher Bewegungen sind.


§ 2.

In einem lebendigen Körper geschehen unaufhörlich Veränderungen, welche auch auf die motorischen Nerven einwirken und Bewegungen hervorbringen, an deren Erzeugung die Seele gar nicht beteiligt ist. Dennoch sind sie wichtig. Denn bloß dadurch, daß Bewegungen von selbst geschehen, kann die Seele eines Tieres für die sie dann Gegenstand der Beobachtung werden, auf den Gedanken kommen, daß ihr Leib beweglich ist und daß seine Bewegungen mit inneren Zuständen ihrer selbst im Zusammenhang stehen, auf welchen Gedanken sie nicht kommen würde, wenn sie in einem von selbst oder durch äußere Ursachen niemals in Bewegung versetzten Körper wohnte.


§ 3.

Aus diesen Bewegungen kann man als besondere Klasse die  Reflexbewegungen  hervorheben, die dadurch entstehen, daß die Erregung eines sensiblen Nerven sich durch äußere oder innere Reize ohne Zutun der Seele in den Zentralorganen so auf die motorischen Nerven fortpflanzt, daß sie mit  einem  Schlag eine zu einer zweckmäßigen Handlung zusammengehörige Gruppe von Muskeln zur Bewegung anregt. Dabei kann zugleich eine bewußte Empfindung entstehen, aber es kann auch die Erregung ohne eine solche hervorzubringen gleichsam seitwärts abbiegen und dieselben Bewegungen ohne eine Beteiligung des Bewußtseins hervorbringen. Viele von diesen Bewegungen wie Husten, Niesen, die Veränderungen der Pupille bei Lichtreiz, lassen sich als Reaktionen auffassen, welche die Natur im Bau des Körpers als Schutzmittel gegen Schädigung präformiert hat. Als bloß mechanische Folgen der Erregungen zeigen sie sich dadurch, daß sie nicht nur unwillkürlich erfolgen, sondern auch durch bloßes Nichtwollen gar nicht, vielmehr bloß durch künstliche Gegenmittel verhindert werden können.


§ 4.

In den  mimischen  und  physiognomischen  Bewegungen, dem Lachen, Weinen, Schluchzen und dgl., ist der Anfangspunkt zum ersten Mal ein psychischer Zustand, ein solcher nämlich des Gemütes und sie lassen sich sämtlich nur unvollkommen künstlich nachmachen, selbst das bloß dadurch, daß man sich künstlich in dieselbe Gemütsverfassung hineinphantasiert, die eben ihre wirkliche Ursache ist. Aber alle diese Bewegungen geschehen zugleich ohne Kenntnis ihres Grundes und ihres Nutzens, denn man kann nicht sagen, warum man gerade bei Freude lachen und bei Schmerz weinen müsse und nicht lieber umgekehrt. Sie sind also ebenfalls Bewegungen, welche eine von uns nicht erfundene und auch nicht verstandene Naturordnung als tatsächliche Folgen an unsere Gemütszustände geknüpft hat.


§ 5.

Eine vierte Klasse bilden die  Nachahmungs bewegungen, durch die z. B. der Zuschauer unabsichtlich die Stöße des Fechtenden oder des Kegelschiebenden begleitet und der ungebildete Erzähler die mitzuteilenden Bewegungen nachmacht. In diesem Fall ist es die Vorstellung und zwar eben die einer bestimmten Bewegung, welche ohne weiteres Wissen und Wollen von selbst in die Ausführung der Bewegung übergeht. Zu dieser Klasse werden die meisten unserer täglichen Bewegungen, die wir häufig schon  Handlungen  nennen, zu rechnen sein. Sobald am Ende einer Gedankenreihe die Vorstellung einer durch sei begründeten Bewegung in uns auftaucht und von keiner Seite her ein Widerstand gegen sie geleistet wird, geht diese Vorstellung, ohne daß man einen ausdrücklich auf sie gerichteten Willensimpuls anzunehmen hätte oder nachweisen könnte, von selbst in Bewegung über. Dies gilt ganz besonders von früher angelernten Fähigkeiten, z. B. dem Schreiben oder Klavierspielen, wo die bloße Vorstellung eines zu fixierenden oder hervorzubringenden Lautes sogleich die nötigen Bewegungen nach sich zieht, ohne daß eine deutliche Vorstellung dieser letzteren sich vorher erst im Bewußtsein zu entwickeln bräuchte.


§ 6.

Diese Betrachtungen scheinen einen Unterschied zwischen  willkürlichen  und  unwillkürlichen  Handlungen aufzuheben. In der Tat tun sie es nicht. Was auch immer unsere später zu entwickelnde Überzeugung über die Natur des  Willen sein mag, jedenfalls kann man ihm nicht zumuten mehr zu tun, als zu  wollen; vollbringen  kann er nur dann etwas, wenn an einen bestimmten Willensentschluß, als an einen geistigen Zustand, eine von ihm unabhängige Naturordnung eine bestimmte Änderung im Zustand der bewegenden Nerven geknüpft hat. Wo das nicht der Fall ist, bleibt der Wille, der dann bloß noch ein vergeblicher Wunsch ist, ohne alle Folgen.  Willkürlich  ist daher eine Handlung dann, wenn der innere Anfangszustand, von dem eine Bewegung als Folge entstehen würde, nicht bloß stattfindet, sondern von einem Willen gebilligt oder adoptiert oder gewähren gelassen wird.  Unwillkürlich  ist jede, die mechanisch betrachtet von demselben Anfangspunkte und ganz in derselben Weise ausgeht, aber ohne diese Billigung erfahren zu haben. Die Herrschaft des Willens über die Bewegungen kann man daher allenfalls unserer Benutzung des Alphabets vergleichen. Neue Laute oder Buchstaben können wir nicht ersinnen, sondern sind an die gebunden, die unsere Sprachwerkzeuge uns möglich machen. Aber kombinieren können wir sie in unzähligen Weisen. Und ebenso kann die Seele, indem sie nach ihren Absichten jene inneren Anfangszustände in beliebiger Reihenfolge kombiniert, auch diese körperlich vorbereiteten Elemente von Bewegungen zu den allerverschiedensten Handlungen und zum Ausdruck ihres Willens zusammensetzen.
LITERATUR - Hermann Lotze, Grundzüge der Psychologie [Diktate aus den Vorlesungen], Leipzig 1881