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HERMANN LOTZE
Grundzüge der Psychologie
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    Erster Teil: Von den einzelnen Elementen des inneren Lebens
I. Von den einfachen Empfindungen
II. Über den Verlauf der Vorstellungen
III. Vom beziehenden Wissen und der Aufmerksamkeit
IV. Von den räumlichen Anschauungen
V. Von der sinnlichen Weltanschauung
VI. Von den Gefühlen
VII. Von den Bewegungen

Zweiter Teil: Von der Seele
I. Vom Dasein der Seele
II. Von der Wechselwirkung zwischen Seele und Körper
III. Vom Sitz der Seele
IV. Von den Zeitverhältnissen der Seele
V. Vom Wesen der Seele
VI. Von den unveränderlichen Zuständen der Seele
VII. Vom Reich der Seelen

"Ein Materialismus, der behauptete, aus bloßen physischen Zuständen oder Bewegungen körperlicher Atome könne das geistige Leben hervorgehen, ist eine völlig leere Annahme und ist auch in dieser Form schwerlich jemals aufgestellt worden."

"Die Dinge sind nicht Dinge dadurch, daß in ihnen eine Substanz verborgen ist, sondern, weil sie so sind, wie sie sind und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, bringens sie für unsere Phantasie den falschen Schein hervor, als läge in ihnen eine solche Substanz als Grund ihres Verhaltens."



Zweiter Teil
Von der Seele

Erstes Kapitel
Vom Dasein der Seele

§ 1.

Nach dieser Durchmusterung der einzelnen Elemente des inneren Lebens fragen wir nach der Natur des Subjekts, an der sie alle vorkommen oder möglich sind. Unsere endliche Überzeugung hierüber wird am einfachsten klar werden, wenn wir zuerst die vorläufigen Ansichten gelten lassen, die man aus Anlaß der Erfahrung zuerst auszubilden pflegt, dann aber sie allmählich umformen, um sie zur Auflösung von Schwierigkeiten geschickt zu machen, welche sie in ihrer früheren Form nicht auflösen konnten. Man muß daher bedenken, daß nicht alles auf einmal gesagt werden kann und daß erst die letzte Gestalt, die unsere Ansicht annehmen wird, unsere bleibende Überzeugung ist.


§ 2.

Die beständige Verknüpfung des geistigen Lebens mit dem körperlichen, in der es allein Gegenstand der Beobachtung ist, mach den Versuch natürlich, es auch  nur  als Erzeugnis der körperlichen Funktionen aufzufassen. Indessen ist es eine alte, moderner Wiederentdeckung gar nicht bedürftige Wahrheit, daß aus allen Kombinationen materieller Zustände niemals analytisch die Entstehung eines geistigen Zustandes begreiflich wird. Oder einfacher gesagt: wenn wir materielle Elemente so denken, daß wir nichts in ihnen voraussetzen, was nicht eben zum Begriff der Materie gehört, wenn wir sie also bloß als raumerfüllendes Reales auffassen, welches beweglich ist und in einander Bewegungen durch seine Kräfte hervorbringen kann, wenn wir uns endlich diese Bewegung eines oder vieler Elemente noch so sehr variiert oder kombiniert denken, so kommt doch niemals der Augenblick, wo wir sagen könnten: jetzt versteht es sich von selbst, daß diese zuletzt erzeugte Bewegung nicht mehr Bewegung bleiben kann, sondern in Empfindung übergehen muß. Ein Materialismus daher, der dennoch behauptete, aus bloßen physischen Zuständen oder Bewegungen körperlicher Atome könne das geistige Leben hervorgehen, würde eine völlig leere Annahme sein und ist auch in dieser Form schwerlich jemals aufgestellt worden. Die materialistischen Ansichten, die wirklich Glauben an ihre eigenen Sätze hatte, sind immer von der anderen Voraussetzung ausgegangen, die Materie, die wir so nennen, sei wirklich etwas viel besseres, als sie von außen erscheine. Sie enthalte eben selber eine Grundeigenschaft, aus welcher sich die geistigen Zustände ebenso entwickeln könnten, wie aus einer anderen Grundeigenschaft, die sie ebenfalls besitzt, die physischen Prädikate der Raumerfüllung, der Undurchdringlichkeit usw. Daher entstand die neue Form des Versuchs, aus dem Zusammenwirken dieser psychischen Elementarkräfte aller dieser Teile das geistige Leben eines Geschöpfes ebenso zu erklären, wie sein körperliches Leben aus dem Zusammenwirken der physischen Elementarkräfte seiner Bestandteile entsteht.


§ 3.

Diese vorläufig nicht undenkbare Ansicht scheitert jedoch daran, daß es ihr unmöglich ist, die Entstehung jener Einheit des Bewußtseins zu begreifen, welche eine Tatsache der Erfahrung ist und von welcher deswegen, weil sie sehr rätselhaft ist, man doch nicht willkürlich abstrahieren darf, um dann den Rest des Erfahrungsinhaltes bequemer zu erklären. Wenn man sagt, ebenso wie aus zwei verschiedenen Bewegungen eine einfache Resultante entsteht, der man nichts mehr von der Zweiheit der Ursachen ansieht, aus denen sie entsprungen ist, so kann auch aus einer verbundenen Vielheit psychischer Bewegungen eine vollkommene Einheit des Bewußtseins hervorgehen: so hat man diese Analogie aus der Mechanik nur ungenau ausgedrückt. Eigentlich behauptet sie ja, wenn zwei Bewegungen auf einen und denselben unteilbaren Punkt oder auf dasselbe reale Element einwirken, bringen sie eine einfache Resultante hervor, die dann nicht in der Luft schwebt, sondern nur als Zustand eben desselben einfachen Elementes existiert, auf welches die Komponenten einwirkten. So ergänzt, führt diese Analogie gar nicht zu dem, was man wollte, sondern direkt zu der gewöhnlichen Ansicht zurück; nämlich die vielen Elemente würden selbst dann, wenn sie psychische Fähigkeit besäßen, die Einheit des Bewußtseins nur erzeugen, wenn es ein unteilbares, einheitliches Element gäbe, in welches alle ihre Einwirkungen einmündeten und welches durch seine eigene Natur dazu befähigt wäre, alle diese Eindrücke in seinem Bewußtsein zu konzentrieren.


§ 4.

Nennen wir  a, b ... z  die einzelnen Körperelemente, deren jedes physisch und psychisch begabt sein mag, so fragt man sich, welches Resultat in einer gegebenen Zeit die Wechselwirkung aller mit einander haben kann. Wären sie alle gleichartig und unter gleichen Bedingungen, so könnte kaum etwas anderes geschehen, als daß am Ende der Zeit alle sich im gleichen Endzustand  Z  befänden. Wäre dieses  Z  also ein Bewußtsein, so würde dieses und zwar mit demselben Inhalt so vielmal vorhanden sein, als es Elemente gibt, die aufeinander wirken. Dagegen eine  Einheit  des Bewußtsein außer dieser  Gleichheit  aller Bewußtseinsexemplare würde nicht entstehen. In Wirklichkeit sind jedoch die Elemente  a, b ... z  nicht gleichartig, gewiß aber stehen sie im Bau des Organismus unter sehr verschiedenen Bedingungen. Einige von ihnen, um ihrer geringeren Natur und ihrer ungünstigen Lage willen, können nur wenige Einwirkungen von außen unmittelbar und lebhaft empfangen, andere, an sich vornehmer oder günstiger platziert, entwickeln ein viel reicheres, alle möglichen Zustände der anderen in sich repräsentierendes Bewußtsein. Welches ist nun von diesen vielen ungleichen Beispielen des Bewußtseins das unsrige, das wir durch innere Erfahrung kennen? Natürlich werden wir annehmen, es sei das Bewußtsein des bevorzugten Elementes von allen, der Zentralmonade unseres Körpers nach LEIBNIZ. Denn wir finden, daß mit den Zuständen unseres Ich die Veränderungen unseres Körpers am unmittelbarsten zusammenhängen und daß sehr wenig in ihm geschieht, was man Grund hätte, der Tätigkeit anderer Bewußtseinsmittelpunkte zuzuschreiben.


§ 5.

Demnach folgt also, daß wir davon auf keine Weise loskommen, das einheitliche und unteilbare Subjekt unseres Bewußtseins als eine gesonderte Partei für sich anzusehen, während die andere Partei im Körper, d. h. in einem Aggregat oder einer geordneten Vielheit von Elementen besteht, welche einzeln genommen vielleicht der Natur der Seele verwandt, aber in keinem Fall mit ihr identisch, sondern verschiedenen Wesens sind. Diese an sich denkbare Annahme eines seelischen Lebens in jedem Körperelement bleibt übrigens für die Erklärung  unseres  Seelenlebens ganz nutzlos; denn in diese Zustände der Elemente können wir uns niemals hinein versetzen, sie haben für uns bloß Wert, sofern sie als Reize auf unsere Seele wirken und diese zur Erzeugung ihrer inneren Zustände, die uns allein bekannt sind, veranlassen. Deswegen können die materiellen Elemente auch ferner als bloß materielle betrachtet werden. Die andere damit zusammenhängende Annahme, daß ihrerseits die Seele auch physische Eigenschaften habe, verspricht vielleicht Nutzen, allein die gewöhnliche Vorstellungsweise hat sie nicht festgehalten, sondern die Seele als immaterielles Wesen den materiellen Elemente entgegengesetzt und so zunächst die Schwierigkeiten des folgenden Kapitels hervorgebracht.


Zweites Kapitel
Von der Wechselwirkung
zwischen Seele und Körper


§ 1.

Wenn man die Möglichkeit eines immateriellen Wesens zugibt (davon später), so pflegt man hinzuzufügen, dann sei wenigstens eine Wechselwirkung zwischen ihm und dem Körper unmöglich. Der letztere würde an der vergleichsweise schattenhaften Seele keinen Angriffspunkt für seine physischen Kräfte finden; die Seele durch ihre inneren Zustände würde keine bewegende Kraft auf die Massen ausüben; die völlige Unvergleichbarkeit beider hebe also jede Wirkung auf.


§ 2.

Dagegen ist zu erwidern: wir täuschen uns, wenn wir in irgendeinem Fall das Zustandekommen einer Wechselwirkung begreifen zu können glauben und wenn wir dann das Verhältnis zwischen Leib und Seele als einen unbequemen Ausnahmefall ansehen, in welchem das nicht gelingt. Wenn wir das innere Getriebe einer Maschine betrachten und das Ineinandergreifen ihrer Bestandteile, so glauben wir ihre Wirkung zu verstehen, weil unsere Anschauung hier vielerlei zu sehen bekommen hat. Bei einigem Nachdenken finden wir jedoch, daß wie die beiden Bedingungen nicht verstehen, auf denen alle Maschinenwirkung beruth, nämlich die Kohäsion [Zusammenhang, wp] der festen Teile und die Mitteilung der Bewegung. Worte allerdings kann man viele hierüber machen, aber zuletzt weiß man doch nicht, wie ein Teil eines festen Körpers es macht, eine Bewegung, in welcher er selbst begriffen ist, aufhören und in einem anderen Teil wieder entstehen zu lassen. Was wir also in diesen Fällen wirklich beobachten, ist bloß die äußere Szenerie, in der eine Reihe von Vorgängen abläuft, von denen jeder einzelne mit seinem Nachfolger auf eine völlig unsichtbare und unbegreifliche Weise verbunden ist. Im Verhältnis zwischen Leib und Seele können wir diese Reihe von Vorgängen nicht ganz so weit verfolgen, wie wir wünschten; aber wenn wir sie z. B. bis zu dem Punkt verfolgen könnten, wo die physischen Erregungen auf die Seele wirken, so würde dieser letzte Übergang zwar vollständig unanschaulich, aber nicht im mindesten unbegreiflicher sein, als der Übergang einer Bewegung von einem materiellen Element zum anderen.


§ 3.

Der Grund, der die Zweifel, die wir erwähnten, erweckt, ist die falsche, schon im Altertum häufige Behauptung, nur Gleiches könne aufeinander wirken und aneinander leiden. Dies zu behaupten kann man bloß versucht sein, wenn man die zu erzeugende Wirkung als einen Zustand ansieht, der in der wirkenden Ursache  a  schon fertig vorhanden ist und unverändert auf  b  übertragen werden soll und deshalb natürlich in  b  eine ähnliche Behauptung wie in  a,  also überhaupt Vergleichbarkeit von  b  mit  a  verlangt. Hiergegen entlehnen wir aus der Metaphysik die Überzeugung, daß eine solche Ablösung eines Zustandes von dem, dessen Zustand er ist und ein Übergang an ein anderes Subjekt völlig undenkbar ist. Überall besteht das Wirken eines  a  auf ein  B  darin, daß nach einer allgemeinen Weltordnung, über die hier nicht zu sprechen ist, ein Zustand  α  des  a  für  b  die zwingende Veranlassung ist, auf welche dieses  b  aus seiner eigenen Natur einen neuen Zustand  β  hervorbringt, der im allgemeinen mit dem Zustand  α  des  a  gar keine Ähnlichkeit zu haben braucht, wie denn schon die gewöhnlichste Erfahrung lehrt, daß eine und dieselbe Einwirkung  α  sehr verschiedene Erfolge hat, je nachdem die Objekte  b, c, d  verschieden sind, auf welche sie trifft. Wir haben daher gar keine Berechtigung, Bedingungen aufzustellen, die erfüllt sein müßten, wenn überhaupt ein  a  auf ein  b  einwirken soll. Die Gleichheit oder Ähnlichkeit beider gibt der Möglichkeit ihres Wirkens keine größere, ihre Ungleichheit, ja selbst ihre völlige Unvergleichbarkeit, keine geringere Begreiflichkeit oder Wahrscheinlichkeit.


§ 4.

Man verlangt häufig ein  Band  zwischen Körper und Seele, um die Möglichkeit ihrer Wechselwirkung zu begreifen. Allein Bänder braucht man nur, um das zu vereinigen, was von selbst nicht aufeinander wirkt, sondern einander gleichgültig ist. Die bindende Kraft des Bandes aber beruth darauf, daß seine einzelnen Teile aneinander haften und das kann man nicht immer wieder durch neue Zwischenbänder erklären, sondern es beruth zuletzt auf einer völlig unmittelbaren Wechselwirkung der einzelnen Elemente, die einander ohne irgendeine erdenkbare Zwischenmaschinerie festhalten. Zwischen Körper und Seele würden wir daher ein Band nur brauchen, wenn wie sie als völlig gleichgültig gegeneinander ansähen. Hätten wir aber dann ein solches Band, so würde es uns nichts nützen, denn in welchen bestimmten Formen hernach der Leib auf die Seele und sie auf ihn wirkte, würde aus dem leeren Begriff dieses Bandes gar nicht, sondern doch nur aus den spezifischen Naturen der beiden verbundenen Elemente und ihrer Verpflichtung zur Wechselwirkung hervorgehen. Anstatt also  eines  solchen  leeren  Bandes behaupten wir, daß beide durch sehr viele eigentümlich gestaltete Bänder verbunden sind. Jede einzelne Wechselwirkung, zu der sie durch ihre Naturen genötigt sind, ist ein solches Band, welches sie nicht überhaupt, sondern auf bestimmte Weise zusammenhält.


§ 5.

Wir gingen aus von einem Zugeständnis, der Begriff der Seele als eines immateriellen Wesens sei möglich. Nun aber wird eben das geleugnet. Nur sinnliche Dinge seien durch unmittelbare Beobachtung beglaubigt, übersinnliche stets Produkte der Phantasie. Allein nur die anfänglichste Naturansicht glaubte in den sinnlichen Eigenschaften der Farben, des Geschmacks, der Härte usw. unmittelbar das Wesen des erscheinenden Dings zu erfassen. Jetzt sind wir längst überzeugt, daß alle diese Prädikate nur Erscheinungen sind, die in unserem Bewußtsein auf Anregung eines Äußeren entstehen. Was dagegen dieses äußere Reelle ist, durch dessen Einwirkung dieselben zustande kommen, verraten sie nicht. Auf wirkliche sinnliche Anschauungen der einfachsten reellen Elemente hat daher die Naturwissenschaft sehr bald verzichtet; allein ihrem Begriff der Atome hat sie dieselben doch lange formell ähnlich den sinnlich wahrnehmbaren Körpern gedacht, die aus ihren Zusammensetzungen enstpringen sollten, nämlich zwar von sehr kleiner, aber doch von irgendeiner Ausdehnung, zwar von unbekannter, aber doch von bestimmter Gestalt und dieses kleine Volumen mit völliger Undurchdringlichkeit erfüllend. Mancherlei Schwierigkeiten, in welche dieser Begriff verwickelte, haben auch in der Physik zu dem Versuch geführt, die Atome schlechthin ausdehnungslos oder als Punkte zu fassen, welche sich von leeren Raumpunkten bloß dadurch unterscheiden, daß sie der Mittelpunkt von Kräften sind, die nach außen wirken, so wie der reelle Angriffspunkt für Kräfte, die von außen kommen. Ein solcher Gedanke heißt gar nichts anderes, als dies: daß auch die Atome ansich übersinnliche Wesen sind, d. h. solche, die nicht bloß wegen ihrer Kleinheit tatsächlich  unserer,  sondern um ihrer Natur willen  jeder  sinnlichen Wahrnehmung vollkommen unzugänglich sind und daß alle die sinnlichen Anschauungen, welche uns zuerst geradezu das Reale selbst darzustellen schienen, bloß sekundäre Erscheinungen sind, in denen uns das Resultat der Wechselwirkungen ansich ganz übersinnlicher Elemente zur Wahrnehmung kommt. Mithin ist nicht der Begriff des immateriellen, sondern der des materiellen Wesens zu beanstanden und die Kluft besteht gar nicht, die uns anfänglich Körper und Seele als zwei völlig heterogene Elemente zu trennen und ihre Wechselwirkung unmöglich zu machen schien.


Drittes Kapitel
Vom Sitz der Seele

§ 1.

Ein immaterielles Wesen kann im Raum keine  Ausdehnung,  wohl aber einen Ort haben und wir definieren diesen als den Punkt, bis zu welchem alle Einwirkungen sich von außen fortpflanzen müssen, um den Eindruck auf dieses Wesen zu machen und von welchem aus dieses Wesen ganz allein unmittelbare Wirkungen auf seine Umgebung ausübt. In Betreff der Seele zweifelt niemand, daß sie nur innerhalb seines eigenen Körpers vorhanden sei, denn nur hier wirkt sie unmittelbar, auf die ganze Außenwelt aber nur durch Vermittlung des Körpers.


§ 2.

Das Raumverhältnis der Seele nun zum Körper hat man zuerst nach Analogie unserer Vorstellungen über die Allgegenwart Gottes zu denken gesucht. Wir meinen damit, daß Gott jedem Punkt der Welt mit seiner unmittelbaren Wirksamkeit gleich nahe ist wie jedem anderen, daß folglich sein Wille weder irgendeinen Weg zurücklegen muß, um zu einem Weltelement  z  zu kommen, nocht irgendeines Zwischenmittels bedarf, um diesen auf  z  zu übertragen. Keineswegs aber meinen wir damit, daß die unendliche Ausdehnung des Schauplatzes, den Gott so beherrscht, ihm selbst als räumliche Eigenschaft zukomme. Ebenso soll nun die Seele, ohne selbst eine Raumgröße zu sein, in ihrem Körper überall gegenwärtig sein. Diese Analogie aber ist ganz unbrauchbar. Wir haben schon namentlich bei Gelegenheit der doppelten Berührungsgefühle gesehen, durch wie komplizierte Mittel es der Natur gelingt, diese zur Schönheit unseres Lebens unerläßliche Täuschung hervorzubringen, als wären wir unmittelbar empfindend und bewegend in jedem Teil unseres Körpers vorhanden. Dagegen zeigen die physiologischen Experimente, daß die Seele durchaus nur mit den Zentralorganen des Nervensystems in unmittelbarer Wechselwirkung steht, mit dem ganzen übrigen Körper nur mittelbar durch die Nerven selbst.


§ 3.

Von einer physischen Kraft pflegen wir auch anzunehmen, daß sie unmittelbar ohne einen Zwischenmechanismus in alle unendlichen Fernen wirkt. Sie tut es aber abgestuft, indem die Intensität ihres Wirkens mit der Entfernung abnimmt. Um des ersten Umstandes willen könnten wir vom Körper, welcher der Träger der Kraft ist, wieder sagen, er sei im Raum überall; um des zweiten willen schreiben wir ihm doch einen beschränkten Sitz im Raum zu, nämlich da, wo seine Wirkung am größten ist. Auch diese Analogie ist ganz unabwendbar. Die kleinste Kontinuitätstrennung eines Nerven selbst in der größten Nähe des Gehirns hebt die Wechselwirkung der Seele mit dem Ausbreitungsgebiet desselben auf. Sie hat also keine in die Ferne wirkende Kraft, welche sich über diese Trennung hinaus erstrecken könnte. Es bleibt uns also bloß die dritte Analogie, nämlich die von Wirkungen, die in der Berührung durch Mitteilung von Bewegungen erfolgen.


§ 4.

Dieser Analogie ist man meistens gefolgt und hat einen solchen Punkt der Zentralorgane gesucht, in welchem sich alle sensiblen Nerven vereinigen, um dort ihre Botschaften abzugeben und von welchem alle motorischen Nerven entspringen, um die dort empfangenen Anregungen auf den Körper überzuleiten. Diese Vorstellung hat gewisse innere Schwierigkeiten, hauptsächlich aber stimmt sie gar nicht mit unseren empirischen Kenntnissen. Man hat nicht bloß einen solchen Schlußpunkte des ganzen Nervengewölbes bisher nicht aufgefunden, sondern auch die gegründetste Ursache zur Behauptung, daß man ihn niemals finden werde. Es fragt sich nun, wie wir unter diesen Umständen noch den Begriff eines Seelensitzes aufrechterhalten können.


§ 5.

Wir kehren zurück zu unserer ursprünglichen Definition eines solches Sitzes, interpretieren sie aber noch weiter durch Folgendes: Wir irren uns, wenn wir sagen, zuerst sei ein Wesen an einem Ort und infolgedessen könne es auf die Umgebung desselben wirken. Solange wir von diesen Wirkungen absehen, ist noch gar nicht klar zu machen, worin das Sein an diesem Ort eigentlich für das Ding bestehe und wodurch es sich vom Sein an einem anderen Ort unterscheidet, an welchem sich das Ding gerade so gut befinden würde, wie an diesem. Wir glauben vielmehr die Ordnung der Gedanken umkehren und sagen zu müssen: Wenn es in der Natur eines Wesens  a  liegt, Wechselwirkungen mit  bcd  überhaupt auszutauschen, so ist hierdurch sein systematischer Ort im Zusammenhang der Dinge bestimmt und in der räumlichen Anordnung der Welt ist es derjenige Punkt, dessen unmittelbare Umgebung  bc  und  d  bilden. Nun kann überhaupt der Zusammenhang aller Dinge so vielseitig sein, daß ein Element  a  nicht bloß die Bestimmung hat mit der Gruppe  b, c, d,  sondern auch ebenso unmittelbar mit einer anderen  p, q  und  r  in Wechselwirkung zu treten, während doch  p q r  um anderweitiger Beziehungen willen seinen systematischen Ort nicht bei  bcd  und also seinen räumlichen Ort nicht in dessen Nachbarschaft, sondern von ihm getrennt durch Entfernung besitzt. In diesem Fall wird das wirksame Element  a  nicht  einen,  sondern mit ganz gleichem Recht  mehrere  räumliche Orte haben, ohne deshalb selbst in eine Mehrheit zu zerfallen, gerade so, wie wir uns Gott überall gegenwärtig, aber doch an sich selbst nicht ausgedehnt dachten. Die Allgegenwart freilich umfaßte  allen  Raum, hier dagegen müßten wir noch besonders verlangen, daß dem immateriellen Wesen mehrere im Raum getrennte Sitze zugeschrieben würden, welche von einander durch Zwischenräume getrennt wären, in denen seine Gegenwart nicht in derselben Weise stattfände. Allein hierin liegt keine eigentliche Schwierigkeit. Wir haben bloß den gewöhnlichen Hang unserer Einbildungskraft zu überwinden, welcher das immaterielle Wesen doch wieder nach dem Modell eines körperlichen Atoms auffassen und ihm deswegen eine anschauliche, abgeschlossene Größe und Gestalt und damit auch nur  einen  Ort im Raum zuschreiben möchte.


§ 6.

Die Frage bleibt übrig, warum denn einzelne Partien des Gehirns den Vorzug haben sollen, Sitze der Seele zu sein, andere dagegen nicht, obgleich doch, so weit wir wissen, bedeutende Unterschiede der Struktur oder Mischung nicht stattfinden. Auch hier müssen wir eine gewohnte Vorstellung ändern. Ein Element  a  ist nicht dazu bestimmt, mit einer gewissen anderen Sorte von Elementen  b  ein für allemal in Wechselwirkung zu stehen, mit einer dritten Sorte  c  nicht; vielmehr interessiert sich jedes Wesen  a  oder wird zum Wirken angeregt lediglich durch das, was in anderen Wesen  geschieht.  Ist dieses geschehene  X  nach dem Plan der ganzen Weltordnung die bedingende Prämisse, aus der in  a  ein neuer Zustand entstehen soll, so entsteht er auch und dann erfährt  a  den Einfluß dieses  X,  gleichviel ob das in  b  oder  c  zustande kam. Ist dagegen  X  nicht diese Prämisse, so bleibt  a  gleichgültig und unverändert, mag nun  X  in einem  b  oder in einem  c  stattfinden. Ganz ebenso wird nun die Seele nur mit denjenigen Punkten der Zentralorgane in Wechselwirkung treten, in denen alle die Kombinationen, Ausgleichungen und Verarbeitungen der physischen Erregungen ausgeführt sind, nach deren Vollendung diese überhaupt erst zur Kognition der Seele kommen oder legitime Anreize zur Tätigkeit derselben werden sollen.


§ 7.

Wenn also jemand das, was im Innern des Gehirns vorgeht, mikroskopisch ebenso genau beobachten könnte, wie die anatomische sich beobachten läßt, so würde äußerlich alles gerade so aussehen, wie es der Materialismus behauptet, nämlich an verschiedenen Punkten des Gehirns würden sich auf Veranlassung der dort verlaufenden physischen Vorgänge einzelne psychische Vorgänge einfinden und nirgends würde ein einheitliches Wesen der Seele sich als Gegenstand einer solchen Anschauung vorfinden. Allein die Interpretation, die der Materialismus von diesem Tatbestand gibt, teilen wir nicht. Diese psychischen Funktionen entstehen nicht als eine selbstverständliche Zugabe oder als Produkt aus jenen physischen Vorgängen, sondern sie sind immer nur möglich, wenn wir diese letzteren als bloße Reize auffassen, die auf die eigentümliche Natur des hier überall gegenwärtigen und an einen punktförmigen Sitz nicht gebundenen Seelenwesens einwirken und es zur Ausübung seiner eigenen Fähigkeiten veranlassen.


Viertes Kapitel
Von den Zeitverhältnissen der Seele

§ 1.

Bloße Erfahrung könnte uns nur auf den Gedanken bringen, die Seele entstehe mit dem Körper und gehe mit ihm zugrunde. Ganz andere Bedürfnisse, die dieser theoretischen Untersuchung fremd sind, haben den Wunsch erregt, ihre  Unsterblichkeit  zu sichern und man hat das durch ihre Unterordnung unter den Begriff einer  Substanz  versucht, der an sich schon das Prädikat der Unzerstörbarkeit enthalte. Diese Unterordnung führt zuerst zu zwei unbequemen Folgerungen, denen man gern entgehen möchte. Nämlich die Gründe, um derentwillen die  menschliche  Seele dem Begriff der Substanz untergeordnet werden könnte, würden auch für jede einzelne  Tierseele  gültig sein. Andererseits würde die Unzerstörbarkeit nicht bloß Unsterblichkeit  nach  dem Tode, sondern auch unendliche Präexistenz  vor  diesem Leben einschließen; und damit wissen wir weder etwas anzufangen, noch gibt es in unserer Erfahrung irgendein Zeugnis für ein solches Vorleben. Endlich aber würde sich fragen, wenn der Begriff der Substanz eine solche Unaufheblichkeit einschließt, ob er dann überhaupt brauchbar und nicht ein bloßes Hirngespinst ist und ob im ersten Fall gerade die Seele zu dem gehört, was ihm untergeordnet werden muß.


§ 2.

Nun ist in der Tat  Substanz  nichts als ein Titel, der all dem zukommt, was auf anderes zu wirken, von anderem zu leiden, verschiedene Zustände zu erfahren und im Wechsel derselben sich als bleibende Einheit zu betätigen vermag. Dagegen ist es ein Hirngespinst zu glauben, man könne noch weitere Aufklärungen darüber finden, wie die Fähigkeit zu einem solchen Verhalten zustande gebracht wird und diese Aufklärung darin zu suchen, daß man in jedem Ding ein Stückchen starrer und unzerstörbarer Substanz enthalten denkt, um welchen festen Kern sich dann all die übrigen Eigenschaften oder Zustände gruppieren, durch welche sich  ein  solches Ding vom anderen unterscheidet. Versucht man einen solchen Begriff wirklich zu benutzen, so zeigt er sich stets völlig unfruchtbar zur Erklärung der Erscheinungen, um derentwillen man ihn annahm. Es läßt sich nicht zeigen, wie ein solcher substantieller Kern mit der Mannigfaltigkeit und der Veränderlichkeit der Eigenschaften zusammenhängen könnte, von denen man auch wieder bloß mit einem Wort ohne Sinne behauptet, daß sie ihm "inhärieren". Kurz also: die Dinge sind nicht Dinge dadurch, daß in ihnen eine Substanz verborgen ist, sondern, weil sie so sind, wie sie sind und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, bringens sie für unsere Phantasie den falschen Schein hervor, als läge in ihnen eine solche Substanz als Grund ihres Verhaltens. Die Seele nun, so lange sie sich als einheitliches Subjekt ihrer inneren Zustände nicht bloß anderen darstellt, sondern sich selbst dessen bewußt ist, verdient im vollsten Maße diesen Titel einer Substanz oder eines Wesens. Dagegen berechtigt uns gar nichts zu der Behauptung: eben diese Fähigkeit, wenn sie  einmal  ausgeübt wird, müsse dann  ewig  ausgeübt werden und könne nicht im Laufe der Dinge entstanden sein oder wieder vergehen.


§ 3.

Zur Entscheidung hierüber entlehnen wir der Metaphysik eine Überzeugung, welche im Gegensatz zu den Vorstellungen steht, an welche uns die Naturforschung gewöhnt hat. Denn die letztere glaubt, der WEltlauf lasse sich durch die Annahme einer Vielheit ursprünglicher Elemente erklären, die so voneinander unabhängig wären, daß jedes einzelne dasein könnte, auch wenn alle anderen nicht wären, die ferner an sich gar keine notwendige Beziehung aufeinander hätten, tatsächlich aber entweder später in solche Beziehungen gerieten oder auch von jeher in ihnen gestanden hätten, und die endlich durch allgemeine Gesetze gezwungen würden, in dieser Beziehung diese, in einer anderen eine andere Wechselwirkung auszuüben. Dagegen behaupten wir kurz: gar keine Einwirkung eines Elements auf ein anderes ist wirklich ohne Widerspruch denkbar, so lange diese Elemente als ursprünglich voneinander unabhängige und gegeneinander beziehungslose gedacht werden; sie ist nur möglich, wenn wir sie alle nur als unselbständige, stets aufeinander bezogene Modifikationen eines einzigen wahrhaft seienden Wesens betrachten, welches in ihnen allen der Grund ihrer Existenz, ferner der Grund, weswegen sie unter bestimmten Bedingungen bestimmtes wirken müssen und endlich auch der Grund davon ist, daß diese vorgeschriebenen Pflichten zur Ausführung kommen können. Oder anders ausgedrückt: alle Dinge sind das, was sie sind und leisten das, was sie leisten, nicht vermöge eines Rechtes ihrer Natur, das ihnen  vor  aller Welt zukäme, sodaß sich die Welt später danach richten müßte und nur das verwirklichen könnte, was diese Privilegien erlauben. Sie sind und leisten vielmehr alles nur im Auftrag dieses  einen  wahrhaften Wesens und alles, was wir gewöhnlich als letzte unveränderliche Elemente und Gesetze des Weltlaufs ansehen, hat diese Unveränderlichkeit und diesen Wert auch nur im Auftrag des Plans, zu dessen Verwirklichung es dienen soll.


§ 4.

Erfunden ist diese Auffassung nicht erst zugunsten unserer jetzigen Frage; sie ist vielmehr notwendig, um auch nur die ärmlichste Wirkung eines Elementes auf ein anderes zu begreifen; aber eine Anwendung auf unseren Fall läßt sie zu. Es mag eben im Plan der Wirklichkeit liegen, daß alle ihre wechselnden Erscheinungen durch Kombinationen unveränderlicher Elemente und nach Maßgabe allgemeiner Gesetze bestritten werden. Daher gibt es in der Welt diese konstanten Massen, deren Wirksamkeit immer in gleicher Weise erfolgt und die nichts anderes sind, als von jenem einzig Seienden beständig unterhaltene oder ausgeübte Aktionen. Aber ebenso kann es in jenem Plan liegen, daß andere Elemente nur in bestimmten Zeitpunkten des Weltlaufs auftreten, nämlich dann, wenn alle die Vorbedingungen verwirklicht sind, die nach dem Plan des Ganzen ihre Existenz begründen können. Nichts aber verhindert, daß auch diese Elemente, wenn sie entstanden sind, sich als einheitliche, unteilbare und selbständige Mittelpunkte aus- und eingehender Wirkungen verhalten. Zu diesen Elementen rechnen wir die Seele. Eine weitere Frage aber, wie diese ihre Selbständigkeit zustande gebracht werde, weisen wir als völlig verkehrt zurück. Wir würden ebenso wenig angeben können, wie es zugeht oder gemacht wird, daß eines jener konstanten Massenelemente da sein und sich ewig erhalten kann.


§ 5.

An dem Ort und in dem Augenblick, wo sich im Zusammenhang des physischen Naturlaufs der Keim eines organischen Wesens bildet, ist diese Tatsache der Reiz oder Beweggrund, der jenes allumfassende, nicht anderwärts, sondern auch hier vorhandene Wesen dazu veranlaßt, aus sich selbst als konsequente Ergänzung zu dieser physischen Tatsache die zu diesem Organismus gehörige Seele hinzu zu erzeugen. Äußerlich angesehen hat daher der Materialismus auch hier Recht: nämlich in und mit dem Körper, aber freilich nicht aus ihm und durch ihn entsteht auch die Seele. Und alle Fragen sind unnütz über die Art, wie sie etwa von außen her mit dem Körper zusammenkommt. Was dagegen die  Unsterblichkeit  betrifft, so ist sie gar kein Gegenstand theoretischer Entscheidung. Für allgemein gültig halten wir nur den Grundsatz: alles, was einmal entstanden ist, werde ewig fortdauern, sobald es für den Zusammenhang der Welt einen unveränderlichen Wert hat; aber es werde selbstverständlich wieder aufhören zu sein, wenn das nicht der Fall ist. Allein dieser Grundsatz ist in  unseren  Händen ganz unanwendbar; wir können uns nicht vermessen zu sagen, worin die Verdienste bestehen könnten, die diese Dauer rechtfertigen oder worin der Mange, der sie unmöglich macht.
LITERATUR - Hermann Lotze, Grundzüge der Psychologie [Diktate aus den Vorlesungen], Leipzig 1881