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HERMANN LOTZE
Grundzüge der Psychologie
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    Erster Teil: Von den einzelnen Elementen des inneren Lebens
I. Von den einfachen Empfindungen
II. Über den Verlauf der Vorstellungen
III. Vom beziehenden Wissen und der Aufmerksamkeit
IV. Von den räumlichen Anschauungen
V. Von der sinnlichen Weltanschauung
VI. Von den Gefühlen
VII. Von den Bewegungen

Zweiter Teil: Von der Seele
I. Vom Dasein der Seele
II. Von der Wechselwirkung zwischen Seele und Körper
III. Vom Sitz der Seele
IV. Von den Zeitverhältnissen der Seele
V. Vom Wesen der Seele
VI. Von den unveränderlichen Zuständen der Seele
VII. Vom Reich der Seelen

"Man wird es also aufgeben müssen, die Entstehung der höheren geistigen Leistungen aus den niederen zu begreifen."

"Die Aufforderung von einer Seele zu sprechen haben wir zuerst nur da, wo ohne diese Annahme Tatsachen unbegreiflich wären."



Zweiter Teil
Von der Seele

Fünftes Kapitel
Vom Wesen der Seele

§ 1.

Die Frage nach dem Wesen eines Dinges kann wissen wollen erstens: wodurch dieses Ding sich von anderen unterscheidet; zweitens: wie es dem so bezeichneten Inhalt möglich ist, als reales Ding zu existieren. Die zweite Frage läßt sich bei Gegenständen beantworten, deren unterscheidbarer Charakter nur in der Formung eines schon vorher existierenden Stoffes besteht; dann pflegen wir eben diesen Stoff als das Wesen und jene Form nur als unwesentlich zu betrachten. Aber einfache Stoffe selbst, wie überhaupt jedes einfache Wesen - es kann doch nicht immerfort alles aus etwas anderem bestehen, als es selbst ist. Anzugeben dagegen, wie es gemacht wird, daß irgendein Inhalt als Ding sein, leiden und wirken kann, haben wir schon öfter als unbeantwortbare Frage zurückgewiesen. Mithin kann nur davon die Rede sein, durch welchen eigentümlichen Charakter, der ihr Wesen bildet, sich die Seele von anderen Substanzen unterscheidet.


§ 2.

Kennen lernen kann man die Natur jedes Dings, auch der Materie, nur aus seinen Leistungen und Wirkungen. Es ist daher kein Fehler, sondern das natürlichste Verfahren der Psychologie, auf diese Weise rückwärts die Natur der Seele zu bestimmen.

Der erste systematische Versuch dazu, die  Lehre von den Seelenvermögen,  ist allerdings erfolglos geblieben. Man klassifizierte die vielen psychischen Leistungen nach ihrer Ähnlichkeit und hatte dann freilich Recht, für jede solche Gruppe wirklich ausgeführter Leistungen auch ein  Vermögen  dazu anzunehmen. Allein dieser Begriff war nicht so fruchtbar, als der der  Kraft  für die Physik; denn von Kraft spricht der Physiker ernsthaft erst dann, wenn er nicht bloß eine Form der Wirkung, sondern auch ein Gesetz angeben kann, nach welchem sich die Größe derselben gemäß der Veränderung gewisser Bedingungen ändert. Die Seelenvermögen dagegen waren bloß von der  Form  der Leistungen abstrahiert und man kannte kein  Gesetz  für sie und kam daher bloß zu den Tautologien, daß z. B. das Empfindungsvermögen Empfindungen produziert, wußte aber nicht, unter welchen Bedingungen welche. Andererseits ist die Physik nur soweit vollendet, als es möglich ist, alle Naturprozesse auf bloße Bewegungen von Massen zu reduzieren. Durch diese Gleichartigkeit des Geschehens ist es möglich, genau das Resultat zu bestimmen, welches aus dem gleichzeitigen Zusammenwirken verschiedener Kräfte an demselben Objekt entsteht. Die psychischen Zustände dagegen konnte man auf kein solches gemeinsames Maß zurückbringen. Was daher entstehen muß, wenn ein Akt des Gefühlsvermögens mit einem Akt des Vorstellungsvermögens zusammentrifft, ließ sich aus dieser Theorie gar nicht ahnen. Was man darüber weiß, weiß man unabhängig von ihr aus Erfahrung und Menschenkenntnis. Diese beiden Mängel sind durch keine bessere Ausführung dieser Theorie zu beseitigen. Sie kann daher nur als eine übersichtliche Katalogisierung der geistigen Leistungen, aber nicht als Erklärung gelten.


§ 3.

Die Unfruchtbarkeit dieser Lehre und die geringe Rechenschaft, welche sie über den Zusammenhang der verschiedenen Vermögen gab, die sie doch immer als Äußerungen einer einheitlichen Seele ansah, veranlaßten HERBART zum Versuch alle geistigen Tätigkeiten und alle diese Vermögen als eine Reihe von Folgen nachzuweisen, welche aus einer einzigen Urtätigkeit der Seele nach und nach entspringen.

Die Seele sei eines jener übersinnlichen realen Wesen von völlig einfacher Qualität, welche für sich allein gelassen immer unbewegt sich gleich bleiben, dagegen Tätigkeiten der Selbsterhaltung ausüben, sobald sie äußeren Reizen ausgesetzt sind, deren Einwirkungen, wenn sie stattfänden, eine Störung ihrer Natur verursachen würden. Und zwar sind diese Selbsterhaltungen der Art nach verschieden, je nachdem die Störungen verschieden sind, durch die sie veranlaßt werden. Von den übrigen realen Wesen, z. B. denen, die auch der Materie zugrunde liegen, können wir nicht wissen, worin eigentlich ihre Selbsterhaltungen bestehen. Von der Seele dagegen wissen wir oder glauben es annehmen zu dürfen, daß sie allgemein von der Form der  Vorstellung  sind. Durch physische Reize, deren Einwirkung HERBART nicht weiter verfolgt, werden der Seele diese Veranlassung zur Selbsterhaltung gegeben und die hier entstehenden Vorstellungen, d. h. einfachen Empfindungen einer bestimmten Farbe, eines Tones, eines Geschmackes, sind nun die einfachen Elemente, aus deren weiterer Wechselwirkung die Gesamtheit des übrigen Seelenlebens entstehen soll.

Mit Dank erwähnen wir hier bloß die früher erwähnten Aufklärungen, welche durch diese Ansicht der Verlauf der Vorstellungen nach allgemeinen mechanischen Gesetzen erfahren hat. Dem Versuch dagegen können wir nicht zustimmen, ohne Voraussetzung irgendwelcher bis hierher nicht zur Äußerung gekommenen Vermögen der Seele alle ihre höheren Tätigkeiten als selbstverständliche mechanische Produkte dieses Vorstellungsverlaufen abzuleiten.  Notwendig  war überhaupt dieser Grundsatz nicht; denn HERBART selbst gestand zu, daß schon die einfachen Empfindungen in ganz verschiedene Klassen, Farben, Töne, Geschmäcke, zerfallen, deren keine aus der anderen ableitbar ist; daß also die Seele wirklich ganz verschiedene Vermögen besitzt, die wir aus ihrer Einheit, an der wir gewiß festhalten, dennoch nicht wirklich ableiten können. Nichts hätte also verhindert anzunehmen, daß auch diese einfachen Empfindungen und ihre Verhältnisse untereinander als neue Reize auf die ganze Seele einwirkten und dann in ihr ganz neue Rückwirkungen hervorriefen, die man aus diesen Veranlassungen allein keineswegs würde ableiten können. Eine solche Annahme wäre bloß durch den Nachweis zu widerlegen, daß sie unnötig ist und daß wirklich alle höheren geistigen Leistungen ganz selbstverständliche Folgen aus dem Gegeneinandertreiben der einfachen Vorstellungen sind. Dieser Nachweis ist nicht gelungen, worüber nur an folgende Beispiele erinnert sein mag.


§ 4.

Wir fanden schon früher unmöglich, daß eine Seele, die nur vorstellendes Wesen wäre, die Verhältnisse zwischen ihren Vorstellungen anders auffassen sollte, als sie sind, also als räumliche, während sie unräumlich sind. Tut sie es dennoch, so fügt sie offenbar aus ihrer eigenen Natur zu diesem Tatbestand etwas Neues hinzu, was aus ihm selbst nicht folgt. Ebenso unmöglich war es, die Aufmerksamkeit als bloße Stärke der Vorstellung selbst anzusehen; es fehlte dann ganz das Subjekt, welches alle die beziehenden Tätigkeiten ausübt, in denen jede wirkliche Leistung der Aufmerksamkeit besteht. Wir finden es jetzt ebenso unmöglich, Gefühle der Lust oder der Unlust als selbstverständliche Folgen der verschiedenen Lagen anzusehen, in welche die Vorstellungen während ihres Verlaufs zueinander kommen können. Wäre die Seele nur vorstellendes Wesen, so würde sie alle diese Tatsachen, selbst wenn sie ihr eigenes Verderben enthierten. nur genau und gleichgültig vorstellen. Daß sie ein Interesse daran nimmt, ist eine neue Tatsache, die aus einer anderen Eigentümlichkeit ihres Wesens fließen muß. Endlich wird man niemanden überreden können zu glauben, daß das, was wir meinen, wenn wir sagen "ich will", bedeutet gar nichts anderes, als das Aufsteigen einer Vorstellung im Bewußtsein im Kampf mit Kräften, welche sie zu hindern suchen. Wie dunkel und geheimnisvoll auch das andere ist, was wir mit jenem Ausdruck meinen, nämlich, daß hier nicht bloß ein  Geschehen,  sondern eine  Tat  vorliege, die von uns als dem einheitlichen Subjekt unserer ganzen Vorstellungswelt ausgeübt wird, so kann man doch die Tatsache selbst, die wir so bezeichnen und in unmittelbarer innerer Erfahrung vorfinden, nicht durch diese Hypothese hinwegräumen, welche durchaus nicht erklärt, wie auch nur der  Schein  einer solchen  Handlung,  im Gegensatz zu bloßem Geschehen, für uns entstehen kann.

Wir schließen daher mit der Überzeugung: es war möglich und notwendig, dem einheitlichen Wesen der Seele viel mehr zuzutrauen, als die bloße Fähigkeit zum Vorstellen; und eben diese Selbsterhaltungen erster Ordnung, die infolge äußerer Reize als Vorstellungen entstanden sind, konnten später durch ihre Verhältnisse und Verknüpfungen zu neuen inneren Reizen werden, durch welche die vorher nicht in Anspruch genommenen anderen Leistungsfähigkeiten der Seele zur Äußeruing veranlaßt werden.


§ 5.

Man würde es also aufgeben müssen, die Entstehung der höheren geistigen Leistungen aus den niederen zu begreifen. An die Stelle einer solchen  mechanischen Konstruktion  ließe sich aber eine andere Auffassung setzen, welche zeigte, daß die Gesamtheit der geistigen Äußerungen, mögen sie nun enstehen wie sie wollen, jedenfalls zueinander passend und sämtlich notwendig sind, damit diejenige  Idee,  welche die Bestimmung der Seele ausdrückt, vollständig verwirklicht werde. Diesen Versuch machten die  idealistischen  System, zuletzt das von HEGEL.

Die Welt überhaupt sei keine bloße  Tatsache,  sondern habe auch einen  Sinn.  In diesem Ganzen habe jedes Einzelne seine bestimmte Stelle und das Wesen jedes Dinges bestehe eigentlich nur in der partiellen Idee, deren Verwirklichung ihm aufgetragen ist und durch welche es das Seinige zur lückenlosen Erfüllung der höchsten oder totalen Idee der Welt beiträgt. Könnten wir nun für diese höchste Idee einen genauen und erschöpfenden Ausdruck formulieren, so würden wir aus ihm die Gestalt jeden Dinges, die Gesamtheit der ihm notwendigen Fähigkeiten, endlich die allgemeinen Gesetze ableiten können, nach denen diese wirken müssen, um jene Bestimmung zu erreichen.

Da aber jene Voraussetzung unerfüllbar ist, so kann anstatt einer  wissenschaftlichen,  für Beweis und Gegenbeweis zugänglichen Ableitung nur eine solche stattfinden, welche mit mehr oder minder  Geschmack,  größerer oder geringerer  ästhetischer Gerechtigkeit  die einzelnen geistigen Tätigkeiten mit einem mehr oder minder tiefsinnig gefaßten Ausdruck, den man für jene höchste Idee glaubt gefunden zu haben, in Zusammensetzung setzt. Die geistreichen Auffassungen, die bei alledem auch so noch möglich sind und auch nicht gefehlt haben, sind außerdem durch einen historischen Umstand einseitig geworden. Die Frage nach der Art und Wahrheit unserer Erkenntnis oder nach dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt hatte so sehr alle Aufmerksamkeit gefesselt, daß der Vorgang, durch welchen das Seiende dazu kommt sich selbst zu erfassen, d. h. die Entwicklung des Selbstbewußtseins, für das eigentliche Ziel oder für den letzten Inhalt der ganzen Weltordnung gehalten wurde. Nun erschien auch die Seele nur dazu bestimmt, diese Aufgabe der Selbstbespiegelung innerhalb des irdischen Lebens aufzulösen; und die verschiedenen Formen, in denen diese Aufgabe der reinen Intelligenz stufenweise immer mehr gelöst wird, nahmen ziemlich allen Platz in der Psychologie ein. Der  Inhalt  dessen aber, was empfunden, angeschaut oder begriffen wird, trat ebensosehr dagegen zurück, wie das ganze übrige Seelenleben der Gefühle und Bestrebungen, die selbst wieder bloß so weit in Betracht kamen, als sie auch zu jener formellen Aufgabe der Selbstobjektivierung in Bezug gesetzt werden konnten.


Sechstes Kapitel
Von den unveränderlichen
Zuständen der Seele


§ 1.

Das Leben der Seele besteht nicht im einförmigen Besitz, sondern in der veränderlichen Ausübung ihrer Fähigkeiten. Hierin finden wir sie in deutlicher Abhängigkeit vom Körper, haben aber meistens nur bei Gelegenheit bestimmter  Störungen  des Körpers die Möglichkeit, diese Abhängigkeit genauer zu bestimmen. Es lassen aber die Beobachtungen, die man darüber machen kann, drei Interpretationen übrig.

Es kann zuerst ein zerstörtes Organ die hervorbringende Ursache der geistigen Funktion gewesen sein, die nach seiner Zerstörung unmöglich wird. Es kann zweitens dieses Organ der ausschließliche Vermittler derjenigen Reize gewesen sein, deren die Seele bedarf, um zur Ausübung einer übrigens nur aus  ihrer  Natur begreiflichen Funktion veranlaßt zu werden. Es kann endlich drittens die Störung des Organs entweder unmittelbar oder vermöge der Veränderung, die sie in anderen Organen nach sich zieht, eine positive Wirkung, aber von hemmender Art, auf die Seele ausüben und hierdurch die Äußerung einer Fähigkeit, die ansich selber fortbesteht, eine Zeit lang verhindern.

Nur die erste dieser Interpretationen würde uns an sich unzulässig scheinen wegen der Unmöglichkeit psychische Funktionen als selbstverständliche Produkte physischer Prozesse zu begreifen. Wollte man aber beide nur als tatsächlich verbunden verstanden wissen, so wird dann in jedem Einzelfall eine der beiden anderen Interpretationen ohnehin nötig sein; nur diese würden also weiter zu prüfen sein.


§ 2.

Verstehen wir unter  Bewußtsein  das, was wir noch deutliche unseren  wachen Zustand  nennen, so fragt es sich zuerst, worauf sein Gegensatz, nämlich die Bewußtlosigkeit, beruth, deren erstes Beispiel der  normale Schlaf  ist. In Bezug auf diesen nun ist wohl deutlich, daß im allgemeinen beide Erklärungsweisen zulässig sind, daß aber doch der Eintritt des Schlafes und die Möglichkeit seiner Unterbrechung nicht für eine Erschöpfung der Nervenkräfte spricht, welche nun die nötigen Reize zur Unterhaltung des Wachens nicht mehr liefern könnten, sondern mehr für eine positive Hemmung in allerhand kleinen, aber sich summierenden Gefühlen der Müdigkeit bestehend, welche das Interesse der Seele an der Fortführung des Gedankenlebens vermindern und eben durch diese Hingebung der Seele an sie in ihrer Wirksamkeit gesteigert werden.

Plötzliche Bewußtlosigkeit aus  Schrecken  scheint auf gleiche Weise zu entstehen. ALs bloß physischer Reiz betrachtet, ist der schreckliche Anblick oder die gehörte Nachricht sehr unbedeutend und unschädlich. Erst unsere Reflexion, welche die Bedeutung davon im ganzen Zusammenhang unseres Lebens überlegt, gibt dem Wahgenommenen diesen schreckhaften Wert. Von da aus kann unmittelbar der Verlauf unserer geistigen Funktionen gestört werden und die darauf folgende körperliche Ohnmacht nur die Rückwirkung dieser psychischen Störungen sein. Auch die Bewußtlosigkeit in  Krankheiten  oder nach  Verletzungen des Gehirns  schließt diese Auffassung nicht ganz aus. Zum Teil werden die hemmenden Einflüsse noch in Gestalt von Schmerzen bemerkbar, notwendig ist das aber nicht. So wie wir von den Zuständen, die in unseren Nerven der Empfindung vorangehen, gar nichts merken, sondern nur die letztere selbst im Bewußtsein auftritt, so kann auch das Bewußtsein schwinden, ohne daß die Arbeit der Kräfte, die es hemmten, vorher noch Gegenstand der Wahrnehmung zu werden braucht.


§ 3.

Vielfach ist in neuerer Zeit der Wirksamkeit gewisser Reize zur Aufrechterhaltung des wachen Zustandes oder ihres Mangels zur Herbeiführung der Bewußtlosigkeit gedacht worden. Aus den  hypnotischen  Versuchen schließt man, daß durch vollständiges Abschließen äußerer Sinnesreize und durch Unmöglichmachen der Bewegungen die ganze geistige Bewegung so herabgesetzt werde, daß der wache Zustand sich nicht erhalten kann, sondern vollständige Bewußtlosigkeit eintritt; ein Vorgang, der in wenigen Fällen auch bei Menschen zu beobachten ist, hier aber keine sicheren Schlüsse zuläßt. Übrigens wissen wir, daß dann, wenn eine innere Bewegung der Gedanken, die durch irgendein Interesse unterhalten wird, nicht stattfindet, also in Zuständen der Langeweile, auch die Einwirkung der äußeren Reize, die doch hier wirklich stattfindet, das Einschlafen nicht verhütet. Auch positive Einwirkungen sind bekannt, welche uns zum Einschlafen disponieren, eine Menge regelmäßig wiederkehrender rhythmischer Bewegungen des Körpers, das Wiegen, Streicheln, Kämmen, der dauernde Anblick großer beleuchteter einförmiger Flächen, die Konvergenz der Augenachsen beim Schielen usw. Endlich gehören dazu die Manipulationen des Magnetiseurs. Allein alle diese Mittel sind gerade deswegen unbeurteilbar, weil die Fälle ihrer Unwirksamkeit außerordentlich häufig sind und folglich eine noch unbekannte Mitbedingung ihres Erfolges voraussetzen lassen. In allen Fällen aber ist uns höchstens dieses äußere Mittel einerseits und sein Effekt andererseits bekannt, aber ganz dunkel die Zwischenvorgänge, die diesen mit jenem verknüpfen.


§ 4.

Wenn das  Minimum  des wachen Zustandes, nämlich die Empfindung äußerer Eindrücke, vorhanden ist, so braucht deswegen nicht notwendig auch die nächst höhere Tätigkeit, nämlich das Bewußtwerden der  Beziehungen  zwischen den einzelnen Eindrücken damit verbunden zu sein. Daß im ganz gewöhnlichen Leben diese Handlung oft fehlt, dann z. B., wenn sie einer Gedankenreihe fremd sind, die wir mit Aufmerksamkeit verfolgen, oder dann, wenn unser Gemüt in leidenschaftlicher Bewegung ist, ist bekannt. Es gibt jedoch auch krankhafte Störungen, allerdings bisher unbekannter Natur, welche diese, jetzt  Seelenblindheit  genannte Unfähigkeit zur denkenden Vereinigung oder zum Verständnis sinnlich wahrgenommener Eindrücke bedingen.


§ 5.

Dazu, daß einmal erhaltene Vorstellungen nicht verloren gehen, also für die Tatsache des  Gedächtnisses,  würden wir eine körperliche Unterstützung nicht zu bedürfen glauben. Denn auch bei materiellen Elementen würden wir nicht nachweisen können, inwiefern es gerade ihre Materialität wäre, welche das hier beobachtete Beharren ihrer Zustände begründete. Eben deshalb würden wir diese Eigenschaft auch jedem immateriellen Subjekt, das überhaupt zu wirken und zu leiden vermag, zuschreiben. Allein die Notwendigkeit, unzählige verschiedene Eindrücke unvermischt in der völligen Einheit der Seele fortdauernd zu denken, begünstigte den anderen Gedanken, daß diese Aufgabe wohl besser durch eine große Vielheit von Elementen erfüllt werden könnte. Man dachte sich das nicht so, daß die Eindrücke einen ruhenden Zustand als Nachwirkung zurückließen. Man würde sich vielmehr nach Analogie der Licht- und Schallschwingungen Bewegungen denken, welche sich über viele Elemente erstrecken und ungeachtet einzelner Störungen nach ihrer Durchkreuzung sich weiter fortpflanzen. Allein es würde unmöglich sein, diese allgemeine Analogie speziell zu verwerten. Jedes Bild eines einzelnen sich nähernden Gegenstandes würde in jedem Augenblick der Ausgangspunkt neuer Schwingungen sein, die sich mit den vorigen nicht decken. Wie daraus die  eine  Vorstellung des Gegenstandes entstehen soll, wie sich ferner zwei gleichzeitige Bewegungen untereinander so assoziieren sollten, daß die Erneuerung der einen auch die andere wieder in Gang bringt, ohne daß auch für diese ein besonderer Anstoß erfolgt wäre, wie es endlich zugehen soll, daß eine Bewegung, die einem Partialeindruck eines zusammengesetzten Bildes gehörte, gerade diejenige andere wiedererweckt, die mit ihr als ein anderer Teil desselben Bildes zusammengehörte, für die Beantwortung aller dieser Fragen fehlt es noch vollkommen an physikalischen Analogien. Wenn demnach die körperliche Begründung des Gedächtnisses entbehrlich schint, so zeigen doch die Beobachtungen an Kranken, daß sie in irgendeiner Weise doch vorhanden ist. Die Tatsache, daß diejenigen Ereignisse leicht vergessen bleiben, welche dem Ausbruch einer Krankheit unmittelbar vorhergehen, ließe sich darauf schieben, daß sich ihre Vorstellung mit einem bereits kranken Gemeingefühl assoziiert hat, welches nach der Genesung nicht mehr besteht, so daß jenen Erinnerungen der Hebel fehlt, der sie reproduzieren könnte. Allein andere Tatsachen, die Unfähigkeit zur Erinnerung an gewisse sachlich gleichartige Vorstellungsgruppen, z. B. an Eigennamen oder an einzelne Sprachen, sind bis jetzt keiner Erklärung zugänglich.


§ 6.

Die Bewußtlosigkeit des Schlafes ist überhaupt von verschiedener Tiefe, die sich durch die Größe der Anregungen messen ließe, die zum Erwecken nötig sind. Sie ist aber sehr häufig unvollkommen insoweit, als namentlich Reize des Gehörs und des Tastsinns noch auf das Bewußtsein wirken und die zugehörigen Empfindungen veranlassen. Da jedoch im Schlaf die mit Absicht geleitete Aufmerksamkeit fehlt, die sich während des Wachens hauptsächlich mit Hilfe des Gesichtssinnes des ganzen Zusammenhangs der umgebenden Wirklichkeit bewußt ist, so reproduzieren jetzt jene Empfindungen ohne alle Auswahl des Wahrscheinlichen diejenigen andern, mit denen sie ihrem bloßen Inhalt nach zusammenhängen oder durch irgendeinen früheren Vorstellungsverlauf in Zusammenhang gebracht worden sind. Daher rührt jener phantastische Charakter der  Träume,  die sehr häufig zu einem kleinen Kern einer wirklichen Empfindung eine ausführliche Szenerie hinzudichten, die mit ihr allerdings ganz passend, aber mit der Wirklichkeit gar nicht zusammenhängt. Diese Tätigkeit des Bewußtseins im Schlaf läßt selbst die Steigerung zu, auf Fragen richtig zu antworten und es ist so insoweit dem Geist des Wachenden die Möglichkeit gegeben, den Gedankenlauf des Träumenden und vielleicht selbst seine Handlungen in gewisser Ausdehnung zu lenken, denn auch dem unmittelbaren Übergang der einmal angeregten Vorstellung einer Handlung in wirkliche Ausführung derselben steht hier kein gesammeltes Bewußtsein von der Wirklichkeit und der persönlichen Stellung in ihr hindernd entgegen.


§ 7.

Bedeutenden Einfluß auf den Verlauf aller geistigen Zustände schreiben wir den  Temperamenten  zu, worunter wir nichts weiter verstehen, als die formellen und graduellen Verschiedenheiten der Erregbarkeit für äußere Eindrücke, der größeren oder geringeren Ausdehnung, mit welcher die angeregten Vorstellungen andere reproduzuieren, der Schnelligkeit, mit welcher die Vorstellungen wechseln, der Stärke, mit welcher sich an sie Gefühle der Lust und Unlust knüpfen, endlich der Leichtigkeit, mit der sich an diese inneren Zustände auch äußere Handlungen knüpfen. So unermeßlich verschieden die Temperamente in diesem Sinne sind, so sind dennoch als bestimmteste Typen die bekannten vier zu erwähnen: das  sanguinische  mit großer Geschwindigkeit des Wechselns und lebhafter Reizbarkeit; das  phlegmatische  mit geringem Reichtum und langsamen, deshalb aber nicht schwachen Rückwirkungen; das  cholerische  mit einseitiger Empfänglichkeit und großer Energie in einzelnen Richtungen; anstatt des melancholischen aber besser das  sentimentale,  ausgezeichnet durch besondere Empfänglichkeit für den Gefühlswert aller möglichen Verhältnisse, aber gleichgültig gegen bloß Tatsächliches. Man muß sich hüten, die Temperamente mit verschiedenen Krankheitsanlagen oder mit Charaktereigenschaften zu verwechseln, obgleich sich von selbst versteht, daß jedes für die sittliche Erziehung und für die körperliche Gesundheit seine besonderen starken und schwachen Seiten hat. Über die körperliche Begründung der Temperamente wissen wir nichts Entscheidendes.


§ 8.

Für die einzelnen geistigen Funktionen hat die  Phrenologie  oder  Kranioskopie  geglaubt nach äußeren Kennzeichen eine Reihe von Organen nachweisen zu können; und zwar ohne allen Grund, sofern sie diese Organe räumlich trennte und ihre Lage zu bestimmen suchte; dagegen gewiß nicht ganz grundlos, wenn sie gewisse äußere Bildungen bloß als Kennzeichen ansah, welche dafür bürgen, daß die übrigens ganz unbekannten Bedingungen vorhanden sind, von denen auf nicht weiter nachweisbare Weise, aber tatsächlich das Zustandekommen oder die besondere Intensität jener Funktionen abhängt. Von einer solchen nützlichen Sammlung von Tatsachen wurde sie außerdem durch einen anderen Fehler abgehalten. Man konnte mit Frucht nur diejenigen Funktionen oder Talente in Betracht ziehen, deren Sinn unzweideutig und deren Vorhandensein weder gut verheimlicht werden, noch erheuchelt werden kann, wenn sie fehlen - z. B. nicht vererbte musikalische, malerische oder mathematische Talente. Dagegen Charaktereigenschaften, die nur durch feine Menschenkenntnis und auch dann niemals sicher zu schätzen sind und im vorkommenden Fall das Produkt nicht bloß der Naturanlage, sondern der Erziehung und der Lebensschicksale sein können, eignen sich gar nicht zu diesen Feststellungen, obgleich sie am häufigsten dazu benutzt worden sind.


§ 9.

Man unterschied ein  sensorium commune  und in neuerer Zeit ein  motorium commune.  Für das erste könnte eine notwendige Leistung etwa darin bestehen, daß die einzelnen Eindrücke nicht als solche, sondern erst nach geschehenen Kombinationen oder sonstigen Ausgleichungen Gegenstand für die Kognition der Seele werden sollen. Diese Vorarbeit hätte das Organ zu leisten, eine bloße Sammlung der Eindrücke in einem Raum schiene überflüssig. Inwieweit nun diese Aufgabe besteht, wissen wir nicht; wahrscheinlich würde sie uns nach dem früheren in Bezug auf die Raumanschauung sein, der vielleicht ein großer Teil des Gehirns gewidmet ist. Vom  motorium commune  würde man verlangen, daß es die einzelnen motorischen Nervenursprünge auf vielfache Weise miteinander so in Verbindung setzt, daß eine Reihe untergeordneter Mittelpunkte entsteht, deren jeder nur  eine  Anregung braucht, um sogleich mehrere zweckmäßig kombinierte Bewegungen in Gang zu bringen. Die Art der Einwirkung aber, welche nun die Seele selbst auf diese Punkte ausübt, stellt man sich gewiß falsch vor, wenn wir uns von der Seele Impulse ausgehen denken, die ganz gleichartig sind und sich bloß durch die Richtung, die sie nehmen und gemäß sie auf verschiedene Endpunkte treffen, in ihrer Wirkung unterscheiden. Die Bestimmung einer solchen Richtung würde der Seele unmöglich sein ohne eine Kenntnis der Struktur des Gehirns, die wir ihr nicht zutrauen können. Wir behaupten daher im Gegenteil: jede Bewegungsvorstellung  A,  die in der Seele entsteht, ist ein qualitativ anderer Zustand als die andere Bewegungsvorstellung  B.  Zu  A  gehört daher ein Folgezustand  α  zu  B  ein anderer  β.  Diese beiden Zustände können nur in denjenigen Punkten der Nervenmasse entstehen, die durch ihre Organisation gerade für sie reizbar sind, so wie etwa ein Glas nur bei denjenigen Tönen mitklingt, die es beim Anstoß vermöge seiner eigenen Spannung erzeugen würde. Die Impulse der Seele brauchen also nicht dirigiert zu werden, sondern finden die Orte ihrer Wirksamkeit von selbst, wohl verstanden natürlich so, daß sie überhaupt gar nicht von einem bestimmten Punkt aus einen Weg bis dahin zurückzulegen haben. In ähnlicher Weise würden wir uns die Funktion des  Sprachorgans  denken, des einzigen, das man bisher mit größerer Sicherheit an einer bestimmten Stelle der Hemisphären des großen Gehirns gefunden hat. Eine Verletzung dieser Stelle hebt die Fähigkeit auf, die vorgestellten Lautbilder eines Wortes mit den Anregungen der Sprechmuskelbewegungen so zu kombinieren, wie es die wirkliche Aussprache des Wortes verlangen würde. Können wir uns indessen hier einige Vorstellungen von der Art der Leistung bilden, die diesem Organ obliegt, so sind wir umso unklarer über die Art, wie eine solche Störung seiner Leistung zustande kommen kann, wie sie im Krankheitsbilder der  Aphasie  [Bewußtseinstrübung, wp] vorliegt.


§ 10.

Für alle höheren geistigen Fähigkeiten, die in der Beurteilung der Verhältnisse gegebener Vorstellungen bestehen, wissen wir weder empirisch ein bestimmtes körperliches Organ nachzuweisen, noch wüßten wir uns vorzustellen, was denn eigentlich ein solches zur Lösung des wesentlichsten Teils dieser Aufgabe, nämlich zur Fällung des Urteils selbst, Nützliches beitragen könnte. Begreiflich ist dagegen, daß diese höheren Leistungen die vollständige und klare Repräsentierung des Inhaltes, über den geurteilt werden soll und folglich auch die ungestörte Funktion derjenigen Organe voraussetzen, die zur ersten sinnlichen Wahrnehmung, dann zu ihrer Reproduktion und ihrer Verbindung mit anderen, endlich zur passenden Anknüpfung von Wertgefühlen an jede von ihnen beitragen.


§ 11.

Es bleibt eine große Menge von Erzählungen übrig über ungewöhnliche geistige Leistungen bei Zuständen körperlicher Krankheit. Die verschiedenen Punkte derselben sind nicht alle gleich unglaubwürdig. Die Behauptung, es gäbe Fälle von einem unmittelbaren physikalisch gar nicht vermittelten Rapport zwischen dem Bewußtsein und entfernten Teilen der Außenwelt, läßt sich  prinzipiell  nicht widerlegen; denn auf unmittelbare Wirkungen müssen zuletzt alle mittelbaren gegründet sein. Nur die  Erfahrung  kann uns lehren, wo sie sich vorfinden und wo nicht; und sie lehrt uns allerdings, daß das ganze wache und gesunde, dem sicheren Experiment zugängliche geistige Leben ganz allgemein nur durch physische Vermittlungen mit der Außenwelt zusammenhängt. Gedankenlos ist dagegen jedenfalls die Annahme, durch Aus- und Einströmungen eines tierischen Magnetismus diese bestimmten Erscheinungen in Bausch und Bogen erklären zu können, die man wahrzunehmen glaubt. Nicht unmöglich ist ferner, daß dieselbe einfache Empfindung, z. B. des Lichts, auch in anderen Nerven, die für sie nicht bestimmt sind, entstehen kann; ganz unmöglich dagegen, daß eine geordnete Wahrnehmung einer Mannigfaltigkeit, z. B. das Lesen eines Briefes, durch Hautnerven erfolge, die nicht wie der Sehner zu dieser Kombination der Eindrücke konstruiert sind. Es ist schließlich auch möglich, daß allerhand geistige Funktionen in solchen Krankheitszuständen lebhafter vonstatten gehen, welche den regelmäßigen Verkehr mit der Außenwelt vermindern und hierdurch alle die kleinen Rücksichten und die Zaghaftigkeit entfernen, die im gewöhnlichen Leben der Ausübung einer vorhandenen Fähigkeit entgegenstehen. In diesen Fällen, z. B. wenn im  Schlafwandel  früher unlösbare Aufgaben gelöst werden, gelingt diese Leistung immer nur mit Hilfe der Fähigkeiten, die man im wachen Leben erworben hat. Daß endlich in solchen Zuständen nichts Höheres erreicht wird, was der gewöhnlichen menschlichen Natur unerreichbar wäre, beweisßt der unbedeutende Inhalt aller der angeblich in ihnen empfangenen Offenbarungen und die Tatsache, daß die vielen Beispiele solcher Fälle sich in der Geschichte niemals zu einem Fortschritt unseres Wissens vereinigt haben.


Siebtes Kapitel
Vom Reich der Seelen

§ 1.

Die Aufforderung von einer Seele zu sprechen haben wir zuerst nur da, wo ohne diese Annahme Tatsachen unbegreiflich wären. In Wirklichkeit kann aber Beseelung weiter reichen, als diese Aufforderung. In der Tat hat man von einer  Beseelung aller Dinge  gesprochen; allein dieser Gedanke, für den man gute Gründe haben mag, ist bis jetzt unfruchtbar gewesen zur Erklärung einzelner Erscheinungen. Mit noch größerer Vorliebe ist von  Pflanzenseelen  gesprochen worden (FECHNER, Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen, Leipzig 1848). Und gewiß ist Beseelung gar nicht an den zentralisierten Bau gebunden, den wir im Tier beobachten und in der Pflanze vermissen; allein je abweichender eben diese Organisation der Pflanze und folglich auch die Äußerungen sind, durch die sie uns ihr etwaiges inneres Leben verständlich machen könnte, umso weniger ist es möglich, aus dieser vielleicht richtigen Phantasie ein Objekt der Wissenschaft zu machen. Es bleibt uns also bloß die  Tierwelt,  die uns eine Stufenreihe des geistigen Lebens darbietet.


§ 2.

Es würde irrig sein, alle  Tierseelen  als Wesen von derselben Sorte anzusehen, die bloß nachher entweder mit mehr oder weniger Vermögen ausgestattet wären oder lediglich durch die Verschiedenheit der äußeren Eindrücke zu der größeren oder geringeren Höhe und zu den Eigentümlichkeiten ihrer geistigen Ausbildung befähigt würden. Wir betrachten "Seele" wie früher nur als einen Titel, der allen den Wesen zukommt, die ihre inneren Zustände und Rückwirkungen auf Reize in der Form von Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen erleben. Dasjenige aber, was sich in dieser gemeinsamen Sprache ausdrückt, also das eigentliche  Wesen  der Seele, kann von Haus aus so verschieden sein, wie wir uns Gold, Silber, Blei als ursprünglich verschieden denken, obgleich sie sich alle nur durch Gradverschiedenheiten derselben physischen Vorgänge, der Schwere, der Kohäsion, der Härte u.s.w. zu äußern vermögen.

Das kann in Frage kommen, wo es sich um den  Instinkt  der Tiere handelt, zu welchem nicht bloß auffallende Kunsttriebe, sondern eigentlich die ganze typische Lebensweise jeder Tiergattung zu rechnen ist. Vielleicht sind namentlich in den niederen Klassen die Seelen keineswegs in demselben Umfang wie die menschliche zum Lernen aus Erfahrung bestimmt, sondern haben in Übereinstimmung mit ihrer körperlichen Organisationi einen ursprünglichen Inhalt ihres Bewußtseins, von dem sie ebenso regiert werden, wie wir zuweilen durch eine zufällig entstandene Traumidee. Allein diese Annahme ist nicht weiter fruchtbar zu verwerten.

Als weitere Hilfsmittel der Erklärung kann man hinzufügen, daß bei einem ganz anderen Bau des Nervensystems vielleicht die  vegetativen  Vorgänge, die  uns  ganz unbewußt bleiben, in niederen Tieren beständige Gegenstände der Wahrnehmung und Ausgangspunkte für Handlungen sind, die uns grundlos erscheinen. Nicht minder kann es Empfindungen äußerer Umstände geben, für die  uns  die Organe fehlen, z. B. Empfindungen der kleinen elektrischen Veränderungen in den Umgebungen, woraus die Empfindlichkeit für Wetterveränderungen entsteht, nicht als Voraussicht des Künftigen, sondern als Wahrnehmung des schon Eingetretenen. - Man hat jedoch Unrecht, alles tierische Seelenleben auf solchen Instinkt zu beschränken, vielmehr findet in den Handlungen eine Akkomodation [Anpassung, wp] an die Umstände statt, so daß offenbar dieselbe Überlegung und Benutzung der Erfahrungen, auf die sich unser tägliches Leben gründet, auch hier stattgefunden haben muß.


§ 3.

Wenn man den  Verstand  und seine Leistung, das  Denken als Auszeichnung des  Menschen  betrachtet, so versteht man darunter, daß er den Lauf der Vorstellungen nicht bloß so in sich geschehen läßt, wie er nach mechanischen Gesetzen geschieht, sondern daß er eine Tätigkeit ausübt, welche die nicht zusammengehörigen Vorstellungen wieder trennt, die zusammengehörigen aber nicht bloß zusammen läßt, sondern sich zugleich in Gestalt allgemeiner Begriffe oder Grundsätze der Rechtsgründe bewußt wird, um derentwillen sie zusammen  gehören.  Man hat keinen Grund, eine so weit gehende Reflexion den Tieren zuzutrauen, um ihr zweckmäßiges Verhalten und die Berücksichtigung der Umstände möglich zu machen. Reicht doch der gewöhnliche Vorstellungsverlauf (da sich auch in ihm das Zusammengehörige allmählich fester assoziiert, als alles andere) für sie ebenso gut hin, wie sich auch der Mensch in einem großen Teil seines alltäglichen Leben ihm allein überläßt. Hält man also den Verstand oder das Denken für eine auszeichnende Anlage des Menschen, so können unter den Umständen, die deren Ausbildung begünstigen, vorzüglich angeführt werden: die lange unbehilfliche Kindheit, welche die Ansammlung vieler Erfahrungen herbeiführt, ehe sie das Handeln möglich macht; dann die Geschicklichkeit der Hand, die den Menschen zum geborenen Experimentator macht und eine Menge zusammenhängender Beobachtungen gestattet; endlich die Sprache, teils weil die Lautbilder als Symbole für Vorstellungen den Inhalt derselben fixieren und die Verbindung vieler Vorstellungen zum Gegenstand einer inneren Anschauung machen können, teils und hauptsächlich, weil die  Mitteilung  den Vorstellungsverlauf jedes Einzelnen durch die aufregende, bereichernde und korrigierende Dazwischenkunst eines fremden Gedankenlaufs weiter entwickelt.


§ 4.

Am bestimmtesten sieht man  Vernunft  für die Auszeichnung des Menschen an und versteht darunter die Fähigkeit,  ewige  Wahrheiten unmittelbar in sich zu vernehmen, sobald äußere Erfahrungen den Tatbestand zu Bewußtsein gebracht haben, über welchen dieselben ein Urteil, hauptsächlich eines der sittlichen Billigung oder Mißbilligung auszusprechen haben. Wir wissen nichts über eine erste psychologische Entstehung dieser einfachsten Grundsätze des  Gewissens  und haben daher Grund, sie für eine jener Reaktionen der ursprünglichen Natur des Geistes zu halten, welche niemals, wie man allerdings oft versucht, durch die äußeren Anlässe erklärbar sind, derer sie allerdings bedürfen, um überhaupt erweckt zu werden. Es ist übrigens gleichgültig, ob man sie als  angeboren  oder durch die Erfahrung des Lebens  erworbene  Ausstattung ansieht, wenn man nur zugibt, daß sie dann, wenn sie in uns entstanden sind, die Ausdrücke einer zwar durch Erfahrung gefundenen, ihrem Inhalt und ihrem Wert nach aber von dieser ganz unabhängigen Wahrheit sind.


§ 5.

Die sittlichen Wahrheiten sind vorhanden, um den  Willen  zu bestimmen. Auch von diesem sprechen wir nur bei  Menschen;  den Tieren rechnen wir keine ihrer Handlungen zu, weil wir sie als eine natürliche Folge von  Trieben,  aber eben nicht als  Handlungen  eines  Willens  betrachten.  Triebe  sind ursprünglich nur Gefühle und zwar meistens der Unlust oder doch der Unruhe; sie pflegen aber mit Bewegungsantrieben verknüpft zu sein, die in der Weise der Reflexbewegungen zu allerhand Bewegungen führen, durch die nach längerem oder kürzerem Irrtum die Mittel gefunden werden, jene Unlust zu beseitigen. Dann, wenn sich mit dem Gefühl die Vorstellung desjenigen Tuns verbindet, durch welche die Unlust beseitigt wird, dann erst ist eigentlich ein Trieb entstanden, der ein Ziel hat und von dem die tierische Seele getrieben wird. In derselben Weise geschehen unzählige sogenannten  Handlungen  des  menschlichen  Lebens, von denen wir mit Unrecht sagen, sie seien  gewollt.  In der Tat ist nur kein Wille tätig gewesen, um ihr Geschehen zu  verhindern.  Mit Recht sprechen wir vom  Wollen  nur dann, wenn in einer Überlegung die Beweggründe zu verschiedenen Handlungen und ihre Werte mit vollem Bewußtsein verglichen und dann eine Entscheidung für die eine von ihnen gefällt wird.

Es ist ganz grundlos zu behaupten, daß wir durch den Satz "ich will" nichts weiter ausdrücken, als die Voraussicht des Futurum "ich werde". Dieses würde nur dann gelten, wenn das Zeitwort, dessen Futurum wir meinen, selbst schon eine Handlung bedeutet, in deren Begriff ein vorausgegangenes Wollen bereits enthalten ist. Sonst aber wir die unbefangene Beobachtung zugeben, daß die eigentümliche  Billigung  einer vorgestellten Handlung oder die vom persönlichen Ich ausgehende Adoptierung eines  Entschlusses,  so unmöglich es auch sein mag sie weiter zu konstruieren, doch ein tatsächlich gegebener und aus keinem Mechanismus der Vorstellung erklärbarer Vorgang in unserem Inneren ist.


§ 6.

Auch wenn man diese Natur des Willens anerkennt, würde man doch, wenn es bloß auf  erklärende  Wissenschaft ankäme, auch ihn in jeder seiner Äußerungen nach bestimmten Gesetzen  determiniert  denken können. Wenn nun die  Moral  für ihre Absichten eine  Freiheit  des Willens zu brauchen glaubt, so sollte die  Psychologie  jedenfalls nicht zu dem Versuch mißbraucht werden, über die Möglichkeit dieser Annahme nach angeblichen  Erfahrungen  zu entscheiden. Es ist nicht wahr, daß wir in unserer Selbstbeobachtung die zwingenden Gründe für alle unsere Handlungen finden. Sehr häufig finden wir gar nichts; selbst da aber, wo wir sie zu finden glauben, ist das zweideutig; denn wenn in einer Überlegung die Motive für zwei entgegengesetzte Handlungen  a  und  b  lange verglichen worden sind und dann eine Entscheidung für  a  eingetreten ist, so muß es  hinterher  immer so aussehen, als hätten die Gründe für  a  durch ihre eigene Stärke mechanisch die für  b  überwältigt und dieser Schein müßte ganz ebenso entstehen, wenn die Entscheidung für  a  in der Tat durch eine völlig undeterminierte Freiheit herbeigeführt wäre. Der  Metaphysik  muß überlassen bleiben, ob im übrigen der Begriff einer solchen Freiheit mit unserer ganzen Weltauffassung vereinbar ist und der  praktischen Philosophie,  ob er die Vorteile verspricht, um derentwillen man ihn wagt.
LITERATUR - Hermann Lotze, Grundzüge der Psychologie [Diktate aus den Vorlesungen], Leipzig 1881