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(1685-1753) Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis
§1. Da die Philosophie nichts anderes ist, als das Streben nach Weisheit und Wahrheit, so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen, daß die, welche am meisten Zeit und Mühe auf sie verwendet haben, sich einer größeren Ruhe und Heiterkeit des Gemütes, einer größeren Klarheit und Sicherheit der Erkenntnis erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden, als andere Menschen. Wir sehen dagegen, daß vielmehr die ungelehrte Menge der Menschen, die auf der Landstraße des schlichten Menschenverstandes wandelt und durch die Gebote der Natur geleitet wird, größtenteils zufrieden und ruhig lebt. Ihnen scheint nichts, was gewöhnlich ist, unerklärlich oder schwer zu begreifen. Sie klagen nicht über irgendwelche Unzuverlässigkeit ihrer Sinne und sind ganz frei von der Gefahr, Skeptiker zu werden. Sobald wir uns aber der Leitung der Sinne und der natürlichen Triebe entziehen, um dem Lichte eines höheren Prinzips zu folgen, um über die Natur der Dinge mittels unserer Vernunft Schlüsse zu ziehen, über sie nachzudenken und zu reflektieren, erheben sich sofort tausend Zweifel in unserm Geist in betreff eben der Dinge, welche wir vorher völlig zu begreifen schienen. Vorurteile und Irrtümer der Sinne enthüllen sich von allen Seiten her unserem Blick, und indem wir diese durch Nachdenken zu berichtigen Streben, werden wir unvermerkt in seltsame, von der gewöhnlichen Meinung abweichende Behauptungen, Schwierigkeiten und Widersprüche verstrickt, die sich in dem Maße, als wir in der Betrachtung weiter gehen, vermehren und steigern, bis wir zuletzt, nachdem wir manche verschlungene Irrgänge durchwandert haben, gerade an dem Punkte wiederfinden, von welchem wir ausgegangen waren, oder, was schlimmer ist, die Forschung aufgeben und, in Zweifelsucht verloren, die Hände in den Schoß legen. §2. Man glaubt, die Ursache hiervon liege in der Dunkelheit der Dinge oder in der natürlichen Schwäche und Unvollkommenheit unseres Verstandes. Man sagt, unsere Geisteskräfte seien beschränkt und von der Natur dazu bestimmt, zur Erhaltung und Erleichterung des Lebens zu dienen, nicht zur Erforschung des inneren Wesens und der Einrichtung der Dinge. Zudem sei es nicht verwunderlich, daß der menschliche Verstand, da er endlich sei, wenn er Dinge behandle, die an der Unendlichkeit teilhaben, in Ungereimtheiten und Widersprüche verfalle, aus denen sich jemals herauszuarbeiten ihm unmöglich sei, da es zu der Natur des Unendlichen gehöre, nicht vom Endlichen begriffen werden zu können. §3. Doch sind wir vielleicht zu parteiisch für uns selbst eingenommen, wenn wir die Quelle des Fehlers in den Anlagen unseres Geistes suchen und nicht vielmehr in dem unrichtigen Gebrauch, den wir von ihm machen. Es ist eine harte Sache anzunehmen, daß richtige Schlüsse aus wahren Vordersätzen jemals zu Endergebnissen führen sollten, die nicht aufrecht erhalten oder miteinander in Übereinkunft gebracht werden könnten. Man sollte doch denken, daß Gott nicht so ungütig mit den Menschenkindern verfahren sei, ihnen ein lebhaftes Verlangen nach einem Wissen einzuflößen, welches er ihnen zugleich völlig unerreichbar gemacht hätte. Dies würde nicht zu dem gewöhnlichen liebevollen Verfahren der Vorsehung stimmen, mit welchem sie regelmäßig ihren Geschöpfen die Mittel gegeben hat, durch deren rechten Gebrauch sie alle ihnen eingepflanzten Triebe unfehlbar zu befriedigen vermögen. Kurz, ich bin geneigt zu glauben, daß weitaus die meisten, wenn nicht alle Schwierigkeiten, welche bisher die Philosophen hingehalten und ihnen den Weg zur Erkenntnis versperrt haben, durchaus von uns selbst verschuldet sind, daß wir zuerst eine Staubwolke erregt haben und uns dann beklagen, nicht sehen zu können. §4. Mein Vorsatz ist demgemäß zu versuchen, ob ich ausfindig machen kann, welche Grundannahmen es sind, die jene Fülle von Zweifeln und jenes unsichere Schwanken, alle jene Ungereimtheiten und Widersprüche bei den verschiedenen Sekten der Philosophen in solchem Maße verursacht haben, daß die weisesten Menschen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben, indem sie annahmen, sie rühre von der natürlichen Schwäche und Beschränktheit unserer Geisteskräfte her. Und es ist gewiss eine die Mühe lohnende Aufgabe, eine genaue Untersuchung über die ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis anzustellen, sie allseitig zu sichten und zu prüfen, zumal da die Vermutung nicht unbegründet sein dürfte, daß jene Hindernisse und Anstöße, welche den Geist bei dem Suchen nach Wahrheit aufhalten und verwirren, nicht sowohl in irgendeiner Dunkelheit und Verwicklung der Objekte oder in einer natürlichen Schwäche des Verstandes ihre Quelle haben als vielmehr in falschen Grundannahmen, an denen man festgehalten hat und dies sich doch hätten vermeiden lassen. §5. Wie schwierig und aussichtslos auch immer dieser Versuch erscheinen mag, wenn ich in Betracht ziehe, wie viele große und außerordentliche Männer vor mir die gleiche Absicht gehegt haben, so bin ich doch nicht ohne einige Hoffnung, auf die Erwägung hin daß die weitesten Aussichten nicht immer die deutlichsten sind, und daß der Kurzsichtige, weil er genötigt ist, die Objekte dem Auge näher zu bringen, vielleicht durch eine genaue Besichtigung aus geringer Entfernung solches zu erkennen vermag, was weit besseren Augen entgangen ist. §6. Um den Geist des Lesers zu einem leichteren Verständnis des folgenden zu befähigen, ist es angemessen, in Gestalt einer Einführung einiges vorauszuschicken, was das Wesen und den falschen Gebrauch der Sprache betrifft. Die Erörterung dieses Gegenstandes aber führt mich dazu, einigermaßen meine Hauptfrage schon im voraus miteinzubehandeln, indem ich etwas berühre, das einen Hauptanteil an der Verwicklung und Trübung der Forschung gehabt und unzählige Irrtümer und Schwierigkeiten in fast allen Teilen der Wissenschaft veranlaßt zu haben scheint. Dies ist die Meinung, der Geist habe ein Vermögen, abstrakte Ideen (abstract ideas) oder Begriffe (notions) von Dingen zu bilden. Wer nicht durchaus ein Fremdling in den Schriften und Disputationen der Philosophen ist, muß zugeben, daß kein kleiner Teil von ihnen sich auf abstrakte Ideen bezieht. Man nimmt an, daß sie vorzugsweise das Objekt derjenigen Wissenschaften bilden, welche die Namen Logik und Metaphysik tragen, und überhaupt aller derjenigen, welche für die abstraktesten und höchsten Lehrfächer gelten; in diesen allen wird man schwerlich eine Frage so behandelt finden, daß nicht vorausgesetzt würde, daß abstrakte Ideen im Geist existieren und dieser mit ihnen wohl bekannt sei. §7. Allseitig wir anerkannt, daß die Eigenschaften (Qualitäten) oder Daseinsweisen (Modi) der Dinge nicht einzeln für sich und gesondert von allen anderen in Wirklichkeit existieren, sondern daß jedesmal mehrere von ihnen in demselben Objekt gleichsam miteinander vermischt und verbunden sind. Man sagt uns aber, daß der Geist, da er fähig sei, jede Eigenschaft einzeln zu betrachten oder sie von den anderen Eigenschaften, mit welchen sie vereinigt ist, abzusondern, hierdurch sich selbst abstrakte Ideen bilde. Wenn z.B. durch den Gesichtssinn ein ausgedehntes, farbiges und bewegtes Objekt wahrgenommen worden ist, so bildet, sagt man, der Geist, indem er diese gemischte oder zusammengesetzte Idee in ihre einfachen Bestandteile auflöst und einen jeden derselben für sich mit Ausschluß der übrigen betrachtet, die abstrakten Ideen der Ausdehnung, Farbe und Bewegung. Nicht als ob es möglich wäre, daß Farbe oder Bewegung ohne Ausdehnung existieren; es soll nur der Geist für sich selbst durch Abstraktion die Idee der Farbe ohne Ausdehnung und der Bewegung ohne Farbe und Ausdehnung bilden können. §8. Da ferner der Geist beobachtet hat, daß in den einzelnen durch die Sinne wahrgenommenen Ausdehnungen etwas Gleiches, ihnen allen Gemeinsames ist und etwas anderes, den einzelnen Ausdehnungen Eigentümliches, wie diese oder jene Form oder Größe, wodurch sie sich voneinander unterscheiden; so betrachtet er das Gemeinsame besonders oder scheidet es als ein Objekt für sich ab und bildet demgemäß eine höchst abstrakte Idee einer Ausdehnung, die weder Linie noch Fläche noch Körper ist noch auch irgend eine bestimmte Form oder Größe hat, sondern eine von diesem allem abgelöste Idee ist. In gleicher Weise bildet der Geist, indem er von den einzelnen sinnlich perzipierten Farben dasjenige wegläßt, was sie voneinander unterscheidet, und nur dasjenige zurückbehält, was allen gemeinsam ist, eine Idee von Frabe in abstracto, die weder Rot noch Blau noch Weiß noch irgendeine andere bestimmte Farbe ist. In gleicher Art wird auch die abstrakte Idee der Bewegung, welche gleichmäßig allen einzelnen sinnlich wahrgenommenen Bewegungen entspricht, dadurch gebildet, daß die Bewegung nicht nur abgesondert von dem bewegten Körper, sondern ebenso auch von der beschriebenen Figur und von allen besonderen Richtungen und Geschwindigkeiten betrachtet wird. §9. Wie der Geist sich abstrakte Ideen von Eigenschaften oder Daseinsweisen bildet, so erlangt er durch denselben Akt der sondernden Unterscheidung oder Vorstellungszerlegung durch abstrakte Ideen von den mehr zusammengesetzten Dingen, welche verschiedene zusammen existierende Eigenschaften enthalten. Hat z.B. der Geist beobachtet, daß Peter, Jakob und Johann einander durch gewisse, ihnen allen gemeinsam zukommende Bestimmtheiten der Gestalt und anderer Eigenschaften gleichen, so läßt er aus der komplexen oder zusammengesetzten Idee, die er von Peter, Jakob und anderen einzelnen Menschen hat, dasjenige weg, was einem jeden von ihnen allen gemeinsam ist, und bildet so eine abstrakte Idee, an der alle einzelnen gleichmäßig teilhaben, indem er von allen den Umständen und Unterschieden, welche sie zu irgend einer Einzelexistenz gestalten können, gänzlich abstrahiert und sie ausscheidet. Auf diese Weise, sagt man, erlangen wir die abstrakte Idee des Menschen oder, wenn wir lieber wollen, der Menschheit oder der menschlichen Natur, worin zwar die Idee der Farbe liegt, da kein Mensch ohne Farbe ist, aber dies kann weder die weiße noch die schwarze noch irgend eine andere einzelne Farbe sein, weil es keine einzelne Farbe gibt, an der alle Menschen teilhaben. Ebenso liegt darin auch die Idee der Körpergestalt, aber dies ist weder eine große noch eine kleine noch eine mittlere Gestalt, sondern etwas von diesen allen Abstrahiertes. Das Gleiche gilt von allem Übrigen. Da es ferner eine große Menge anderer Geschöpfe gibt, die in einigen Teilen, aber nicht in allen mit der abstrakten Idee Mensch übereinkommen, so läßt der Geist die Teile weg, welche den Menschen eigentümlich sind, hält nur diejenigen fest, welche allen lebenden Wesen gemeinsam sind, und bildet so die Idee des Tieres, worin nicht nur von allen einzelnen Menschen, sondern auch von allen Vögeln, Vierfüßlern, Fischen und Insekten abstrahiert wird. Die konstituierenden Teile der abstrakten Idee eines Tieres sind: Körper, Leben, Sinnesempfindung und freiwillige Bewegung. Unter Körper wird verstanden ein Körper ohne irgend eine besondere Gestalt oder Figur, da keine solche allen Tieren gemeinsam ist, ohne Bedeckung mit Haaren, Federn, Schuppen usw., aber auch nicht nackt, da Haare, Federn, Schuppen und Nacktheit unterscheidende Eigentümlichkeiten einzelner Tiere sind und darum aus der abstrakten Idee wegbleiben. Aus demselben Grunde darf die freiwillige Bewegung weder ein Gehen noch ein Fliegen noch ein Kriechen sein; sie ist nichtsdestoweniger eine Bewegung, - was für eine Bewegung aber, ist nicht leicht zu begreifen. §10. Ob andere diese wunderbare Fähigkeit der Ideenabstraktion besitzen, können sie uns am besten sagen; was mich betrifft, so finde ich in der Tat in mir eine Fähigkeit, mir die Ideen der einzelnen Dinge, die ich wahrgenommen habe, vorzustellen oder zu vergegenwärtigen, sie mannigfach zusammenzusetzen und zu teilen. Ich kann mir einen Mann mit zwei Köpfen oder auch die oberen Teile eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes verbunden vorstellen (imagine). Ich kann die Hand, das Auge, die Nase, jedes für sich abstrakt oder getrennt von den übrigen Teilen des Körpers betrachten. Was für eine Hand oder was für ein Auge ich dann aber auch mir vorstellen mag (imagine), so muß doch dieser Hand oder diesem Auge irgend eine bestimmte Gestalt und Farbe zukommen. Ebenso muß auch die Idee eines Mannes, die ich mir bilde, entweder die eines weißen oder eines schwarzen oder eines rothäutigen, eines gerade oder krumm gewachsenen, eines großen oder kleinen oder eines Mannes von mittlerer Größe sein. Es ist mir unmöglich, durch irgend eine Anstrengung des Denkens die oben beschriebene abstrakte Idee zu erfassen (conceive by any effort of thought). Ebenso unmöglich ist es mir, die abstrakte Idee einer Bewegung ohne einen sich bewegenden Körper, einer Bewegung ferner, die weder schnell noch langsam, weder krummlinig noch geradlinig ist, zu bilden, und das Gleiche gilt von jedweder anderen abstrakten allgemeinen Idee. Um mich genauer zu erklären: ich finde mich selbst befähigt zur Abstraktion in einem ganz bestimmten Sinne, nämlich wenn ich gewisse einzelne Teile oder Eigenschaften gesondert von anderen betrachte, mit denen sie zwar in irgendeinem Objekt vereinigt sind, ohne die sie aber in Wirklichkeit existieren können. Aber ich finde mich nicht befähigt, diejenigen Eigenschaften voneinander durch Abstraktion zu trennen oder gesondert aufzufassen (conceive), die nicht möglicherweise ebenso gesondert existieren können, oder einen allgemeinen Begriff (a general notion) durch Abstraktion von den besonderen in der vorhin bezeichneten Weise zu bilden. In diesen beiden letzten Bedeutungen aber wird eigentlich der Terminus Abstraktion gebraucht. Auch ist die Annahme nicht unbegründet, daß die meisten Menschen zugeben werden, mit mir in gleichem Falle zu sein. Die meisten Menschen, welche schlicht und ungelehrt sind, machen keinen Anspruch auf den Besitz abstrakter Begriffe (abstract notions). Man sagt, sie seien schwierig und nicht ohne Mühe und Studium zu erlangen. Wir dürfen daher vernünftigerweise schließen, daß, wenn es abstrakte Ideen gibt, sie sich nur bei Gelehrten finden. §11. Ich schreite nun zur Prüfung dessen fort, was zur Verteidigung der Lehre von der Abstraktion vorgebracht werden kann, und versuche zu entdecken, was es ist, wodurch wissenschaftliche Männer bewogen werden, eine Meinung anzunehmen, welche dem gemeinen Menschenverstand so fremd ist, wie es diese zu sein scheint. Ein kürzlich verstorbener, mit Recht geschätzter Philosoph, hat ohne Zweifel dieser Meinung großem Vorschub geleistet, indem er zu denken scheint, der Besitz abstrakter allgemeiner Ideen sei das, was zwischen der Verstandeskraft des Menschen und der Tiere den größten Unterschied ausmache. "Der Besitz allgemeiner Ideen" (sagt er) "begründet einen durchgängigen Unterschied zwischen dem Menschen und den vernunftlosen Wesen und ist ein Vorzug, der den Fähigkeiten der letzteren in keiner Weise erreichbar ist. Denn es ist offenbar, daß wir bei ihnen keine Spuren des Gebrauchs allgemeiner Zeichen für universale Ideen finden, wonach wir Grund haben anzunehmen, daß sie niicht die Fähigkeit zu abstrahieren oder allgemeine Ideen zu bilden besitzen, da sie keine Worte oder irgendwelche allgemeinen Zeichen gebrauchen." Und kurz nachher: "Demgemäß dürfen wir, denke ich, annehmen, daß hierin der spezifische Unterschied der Tiere von den Menschen besteht, daß dieser eigentümliche Unterschied sie gänzlich absondert und sich zuletzt zu einem so beträchtlichen Abstande erweitert. Denn haben die Tiere überhaupt welche Vorstellungen und sind sie nicht, wie einige wollen, bloße Maschinen, so können wir nicht leugnen, daß sie in einem gewissen Sinne Vernunft besitzen, scheint mir auch dies zu sein, daß einige von ihnen in gewissen Fällen Schlüsse ziehen, aber nur mittels solcher Einzelvorstellungen, die sie von ihren Sinnen empfangen. Auch die obersten Tierklassen bleiben in diese engen Grenzen gebannt und vermögen sie nicht durch irgendwelche Abstraktion zu erweitern." ( Versuch über den menschlichen Verstand, Buch II, Kap.11 §§10 u.11.) Ich stimme diesem gelehrten Schriftsteller unbedenklich darin bei, daß den Fähigkeiten der Tiere die Abstraktion durchaus unerreichbar ist; nur fürchte ich, daß, wenn hierin ihr Unterscheidungsmerkmal liegen soll, sehr viele von denen, die für Menschen gelten, mit ihnen in eine Klasse zu setzen sind. Der hier angegebene Grund, den Tieren keine abstrakten allgemeinen Ideen zuzuschreiben, liegt darin, daß wir bei ihnen keinen Gebrauch von Worten oder irgendwelchen anderen allgemeinen Zeichen beobachten. Dieser Grund ruht auf der Voraussetzung, daß der Gebrauch von Worten an den Besitz allgemeiner Ideen geknüpft ist, woraus folgt, daß Menschen, die sich der Sprache bedienen, fähig sind zu abstrahieren oder ihre Ideen zu verallgemeinern. Daß dies der Sinn und die Folgerung des Verfassers ist, geht ferner aus seiner Antwort auf die Frage hervor, die er an einer anderen Stelle aufwirft: "Doch da alle existierenden Dinge einzelne oder besondere Dinge (particulars) sind, wie gelangen wir zu einer allgemeinen Bezeichnung?" Er antwortet: "Worte werden dadurch allgemein, daß sie zu Zeichen allgemeiner Ideen gemacht werden" (a.a.O. Buch III, Kap.3, §6). Es scheint jedoch, daß ein Wort allgemein wird, indem es als Zeichen gebraucht wird nicht für eine abstrakte allgemeine Idee, sondern für mehrere Einzelideen, deren jede es gleichermaßen im Geist anregt. Wird z.B. gesagt: die Bewegungsänderung ist proportional der aufgewandten Kraft, oder: alle Ausgedehnte ist teilbar, so sind diese Regeln von Bewegung und Ausdehnung im allgemeinen zu verstehen; dennoch folgt nicht, daß sie in meinem Geist eine Vorstellung von Bewegung ohne einen bewegten Körper oder ohne eine bestimmte Richtung und Geschwindigkeit anregen, oder daß ich eine abstrakte allgemeine Idee einer Ausdehnung bilden muß, die weder Linie noch Fläche noch Körper, weder groß noch klein, weder schwarz noch weiß noch rot noch von irgendeiner anderen bestimmten Farbe ist; sondern es liegt darin nur, daß, welche Bewegung auch immer ich betrachten mag, sei sie schnell oder langsam, senkrecht, waagrecht oder schräg, sei sie die Bewegung dieses oder jenes Objekts, das sie betreffende Axiom sich gleichmäßig bewahrheitet. Ebenso bewahrheitet sich der andere Satz bei jeder besonderen Ausdehnung, wobei es keinen Unterschied macht, ob sie eine Linie oder eine Fläche oder ein Körper, ob sie von dieser oder jener Größe oder Figur ist. §12. Indem wir beobachten, wie Ideen allgemein werden, gelangen wir zu einem richtigeren Urteil darüber, wie Worte dies werden. Ich muß hier bemerken, daß ich nicht absolut die Existenz von allgemeinen Ideen, sondern nur die von abstrakten allgemeinen Ideen leugne; denn an den obigen Stellen, wo allgemeine Ideen erwähnt werden, ist stets vorausgesetzt, daß sie durch Abstraktion gebildet sind, auf die in den §§8 und 9 auseinandergesetzte Weise. Wollen wir nun mit unseren Worten einen bestimmten Sinn verknüpfen und nur von Begreiflichem (of what we can conceive) reden, so müssen wir, glaube ich, anerkennen, daß eine Idee, die an und für sich eine Einzelvorstellung (particular) ist, allgemein dadurch wird, daß sie dazu verwendet wird, alle anderen Einzelvorstellungen derselben Art zu repräsentieren oder statt ihrer aufzutreten. Damit dies durch ein Beispiel klar werde, stelle man sich vor, daß ein Geometer den Nachweis führt, wie eine Linie in zwei gleiche Teile zu zerlegen ist. Er zeichnet etwa eine schwarze Linie von der Länge eines Zolls; diese Linie, die an und für sich eine einzelne Linie ist, ist nichtsdestoweniger mit Rücksicht auf das, was durch sie bezeichnet wird, allgemein, da sie, wie sie hier gebraucht wird, alle einzelnen Linien, wie auch immer sie beschaffen sein mögen, repräsentiert, so daß, was von ihr bewiesen ist, von allen Linien, oder mit anderen Worten, von einer Linie im allgemeinen bewiesen ist. Ebenso, wie die einzelne Linie dadurch, daß sie als Zeichen dient, allgemein wird, so ist der Name Linie, der an sich partikular ist, dadurch, daß er als Zeichen dient, allgemein geworden. Und wie die Allgemeinheit jener Idee nicht darauf beruth, daß sie ein Zeichen für eine abstrakte oder allgemeine Linie wäre, sondern darauf, daß sie ein Zeichen für alle einzelnen geraden Linien ist, die existieren können, so muß auch angenommen werden, daß das Wort Linie seine Allgemeinheit derselben Ursache verdankt, nämlich dem Umstande, daß es verschiedene einzelne Linien unterschiedslos bezeichnet. §13. Um dem Leser eine noch klarere Einsicht in die Natur abstrakter Ideen und in die Anwendungen, um derentwillen man ihrer zu bedürfen glaubt, zu verschaffen, will ich noch folgende Stelle aus dem "Versuch über den menschlichen Verstand" anführen: "Abstrakte Ideen sind Kindern oder im Denken noch ungeübten Personen nicht so nahe liegend oder leicht zu bilden, wie Einzelideen; so weit sie dies den Erwachsenen sind, sind sie es nur durch den beständigen, gewohnten Gebrauch geworden. Achten wir genau auf sie, so werden wir finden, daß allgemeine Ideen Produkte und Erfindungen des Geistes sind, die nicht ohne Schwierigkeit gebildet werden und sich nicht so leicht von selbst einstellen, wie wir zu glauben geneigt sind. Erheischt es z.B. nicht einige Mühe und Geschicklichkeit, die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden, die doch noch keine der abstraktesten, umfassendsten und schwierigsten ist? Es soll die Idee eines Dreiecks gebildet werden, welches weder schiefwinklig noch rechtwinklig noch gleichseitig noch gleichschenklig noch ungleichschenklig ist, sondern alles dieses und zugleich auch nichts von diesem. In der Tat ist dies etwas Unvollständiges, das nicht existieren kann, eine Idee, worin einige Teile von verschiedenen und miteinander unvereinbaren Ideen zusammengestellt sind. Allerdings bedarf der Geist in seinem gegenwärtigen unvollkommenen Zustand solcher Ideen und eilt möglichst sie zu bilden zum Zweck der Mitteilung und Erweiterung der Erkenntnis, da er zu beiden von Natur eine sehr starkte Neigung hat. Doch läßt sich mit Recht vermuten, daß solche Ideen Merkmale unserer Unvollkommenheit sind. Zum mindesten reicht das Gesagte hin zu beweisen, daß die abstraktesten und allgemeinsten Ideen nicht diejenigen sind, mit welchen der Geist zuerst und am leichtesten vertraut wird, nicht diejenigen, auf welche seine ersten Kenntnisse sich beziehen" (a.a.O. Buch IV, Kap.7 §9). Falls irgendjemand die Fähigkeit besitzt, in seinem Geist eine solche Dreiecksidee zu bilden, wie sie hier beschrieben ist, so ist es vergeblich, sie ihm abdisputieren zu wollen; ich unternehme das nicht. Mein Wunsch geht nur dahin, der Leser möge sich vollständig und mit Gewißheit überzeugen, ob er eine solche Idee hat oder nicht. Und dies, denke ich, kann für niemand eine schwer zu lösende Aufgabe sein. Was kann einem jeden leichter sein, als ein wenig in seinen eigenen Gedankenkreis hineinzuschauen und zu erproben, ob er eine Idee, die der Beschreibung, welche hier von der allgemeinen Idee eines Dreiecks gegeben worden ist, entspricht, hat oder erlangen kann, die Idee eines Dreiecks, welches weder schiefwinklig, noch rechtwinklig, weder gleichseitig noch gleichschenklig noch ungleichseitig, sondern dieses alles und zugleich auch nichts von diesem ist? |