cr-4J. I. HoppeR. Wahle    
 
ALFRED BIESE
Philosophie des Metaphorischen
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"Ob wir nun Anschauungen oder Vorstellungen oder Begriffe bilden, wir bleiben immer nur im Bildlichen, im Metaphorischen haften."

Da unsere Sinne, und unser Denken in steter Thätigkeit sind, können wir uns Ruhe in der Natur nur durch Abstraction, durch den Gegensatz der Bewegung vorstellen. Die Thätigkeit des Auges, das den Berglinien folgt, projiciert sich in das Außenbild und wir sprechen von sich hinziehenden, fortlaufenden Bergen, von sich erhebenden, aufsteigenden Bergketten u.s.f. Und so lehrt auch hierin die exakte Wissenschaft die Harmonie zwischen Denken und Sein, indem sie aufweist, daß, soweit die Natur reicht, so weit die Bewegung reicht, daß selbst den ruhenden Stein die Schwere unaufhörlich nach dem Mittelpunkt der Erde hinbewegt und der Widerstand des Erdkörpers in gleichem Maße widerstrebt und die erste Bewegung bindet.

Es ist also wohl mehr als Hypothese, daß im inneren Denken der Art nach dieselbe Bewegung, wie in der äußeren Natur herrscht; so schreibt LAMBERT an KANT:
"Die ganze Gedankenwelt gehört nicht zum Raume, sie, hat aber ein  simulacrum  des Raumes, welches sich vom physischen Raume leicht unterscheidet, vielleicht noch eine nähere als nur eine  metaphorische Ähnlichkeit  mit ihm hat."
Wie es nun aber keine Definition der  Bewegung  giebt, welche den zu erklärenden Begriff nicht schon enthielte - denken wir an die Entelechie des ARISTOTELES, an wie Begriffe wie  Möglichkeit, Verwirklichung, Energie  usf., so ist erst recht der Schluß von der Bewegung auf das Bewegende, also auf die Kraft, ein transcendentales Problem.

Dies verkennt der Materialist; sein Postulat ist durchaus metaphorisch; doch ganz verwirrt er sich in unlösbare Stricke des Metaphorischen, wenn er das Geistige umschreiben will, wenn er sagt: die psychischen Vorgänge sind physiologische Vorgänge, der Gedanke ist Bewegung, das Selbstbewußtsein ist ein Phosphoreszieren des Gehirns oder gar: es gilt, die Proportion
 Gedanke : Gehirn --- Urin : Nieren. 
Denken ist, Absonderung (Urinieren) des Gehirns und - die Umkehrung der Proportion will ich lieber unterdrücken.

Es bleibt eben ein ewiges Rätsel, wie mit den physikalischen dir Thatsachen des Bewußtseins sich verbinden, wie das Leben sich erzeugt, wie Bewegung, Kraft, und nun gar wie die Materie zum Bewußtsein, zum Denken erwacht.

So sagt Du BOIS REYMOND ("Unters. üb. tier. Electricit.") von der Kraft:
"Die Kraft ist nichts als eine verstecktere Ausgeburt des unwiderstehlichen Hanges zur Personifikation, der uns eingeprägt ist, gleichsam ein rhetorischer Kunstgriff unseres Gehirns, das zur tropischen Wendung greift, weil ihm zum reinen Ausdruck die Klarheit der Vorstellung fehlt. In den Begriffen von Kraft und Materie sehen wir wiederkehren denselben Dualismus, der sich in den Vorstellungen von Gott und der Welt, von Seele und Leib hervordrängt. Es ist, nur verfeinert, dasselbe Bedürfnis, welches einst die Menschen trieb, Busch und Quell, Feld, Luft und Meer mit Geschöpfen ihrer Einbildungskraft zu bevölkern.

Was ist gewonnen, wenn man sagt, es sei die Anziehungskraft, wodurch zwei Stoffteilchen sich einander nähern? Nicht der Schatten einer Einsicht in das Wesen des Vorgangs, aber, seltsam genug, es liegt für das innewohnende Trachten nach den Ursachen eine Art von Beruhigung in dem unwillkürlich vor unserem inneren Auge sich hinzeichnenden Bilde einer Hand, welche die träge Materie leise vor sich hinschiebt oder von unsichtbaren Polypennarmen, womit die Stoffteilchen sich umklammern, sich gegenseitig an sich zu reißen suchen, endlich in einen Knoten sich verstricken."
So weist auch LANGE in seiner "Geschichte des Materialismus", die zugleich eine Kritik der auf den Naturwissenschaften sich aufbauenden Metaphysik ist, ohne die auch jene nicht auskommen, überall den "salto mortale aus der Wissenschaft in die Mythologie" nach.

Wie die  Kraft  ist auch die  Materie  selbst in undefinierbarer Begriff, zu dessen Erklärung metaphorische, nur durch künstliche Analogie herbeigezogene Begriffe dienen müssen.  Körper  bietet uns die Erfahrung. Aber ein Atom, ein absolutletztes, unteilbares, innerlich starres, bestimmungsloses Ding oder Körperchen ist ein völlig unfaßbares, unvorstellbares Ding, ein Abstraktum; es gehört - wie PAULSEN bemerkt - derselben trägen und denkfaulen Metaphysik an, der das Seelensubstantiale angehört.

Freilich wollen wir Usprung und Wesen der Seele ergründen, so führt kein Ariadnefaden durch das Labyrinth des Unsichtbaren und Unwißbaren, wenn nicht die Analogie, das Metaphorische.

Wir belauschen unser inneres Leben von Empfindungen und Begierden, und wir stehen wie vor einer Wellen schlagenden, in Gekräusel wallenden Meeresfläche, deren Tiefe unergründlich und dunkel ist. Wie hat das Metaphorische sich bethätigt in der Psychologie bis auf WOLFF, bei der Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] der Seelenvermögen, wie bleibt es auch heute noch metaphorisch, wenn wir die  Seele  zum Träger der Vorstellungen und Willensregungen, zur Summe des Lebens, das unsern Leib durchströmt, stempeln oder zum organisierenden Prinzip, das die materiellen Atome nach eigenen Zweck ordnet und kombiniert und den Leib sich baut, wie der Kern in der Zelle mit seiner individuellen Organisationskraft, und das zum verknüpfenden Bande wird zwischen Denken und Sein, zwischen dem endlichen und unendlichen Geiste. HEGEL lehrt:
"Der Geist ist dieses: sich ewig zu erkennen, sich aufzuschließen zu endlichen Lichtfunken des einzelnen Bewußtseins, und sich aus dieser wieder zu sammeln und zu erfassen, indem in dem endlichen Bewußtsein das Wissen von seinem Wesen und so das göttliche Selbstbewußtsein hervorgeht. Aus der Gährung der Endlichkeit indem sie sich in Schaum verwandelt, duftet der Geist hervor."
Wenn aber irgend etwas, so trägt doch wohl dieser Erguß den Stempel des Metaphorischen an sich!

Wir kommen eben nimmer, auch im Denken nicht, aus dem "metaphorischen Leihen" heraus; und eine Geschichte des Metaphorischen ist nicht nur eine Geschichte der menschlichen Irrtümer, sondern überhaupt der Menschheit mit ihren Schranken des Wissens und Glaubens und Schaffens. Selbst die ursprünglichsten und notwendigsten Begriffe, wie die der Kausalität und des Zweckes, sind doch rein gedankenmäßige, und, von unserer inneren Welt auf die äußere übertragen, führen sie uns über die Erfahrung über das reine Denken hinaus in die Sphäre des Metaphorischen, des Glauben, Fürwahrhaltens, aber nicht in die des Erkennens.

Wohl wissen wir, wie unser Handeln diese und jene Wirkung hervorbringt, wie wir unsere Gedanken nach Grund und Folge verbinden, wie unsere Empfindungen neue verursachen, wie der Wille durch sie beeinflußt wird; wir fassen Pläne, handeln in dieser oder jener Absicht und verbinden mit den Handlungen Zwecke; aber gegenüber dem Weltganzen, in welches wir diese hineintragen - wie bald sind wir am Ende, wie bald reißt der Faden der Analogie, wie bald müssen wir bekennen, daß es eine wissenschaftliche Natur- oder Geschichtsteleologie nimmer geben kann.

Es ist metaphorisch, wenn BAER die Natur "zielstrebig" nennt; und auch die grandiose Entwicklungslehre DARWINs ist und bleibt doch nur metaphorische Hypothese. Ist doch auch er nur durch Analogie geleitet worden: das eine ist die Analogie in der Entstehung der Spielarten für die Entstehung der Arten im Pflanzen und Tierreich, die Analogie der künstlichen Auslese zur Züchtung neuer Spielarten für die Annahme einer natürlichen Züchtung durch Auslese zur Hervorbringung neuer Arten, das andere ist die Analogie der die Kräfte weckenden und steigernden  Konkurrenz  auf dem Markte des Lebens oder der Kriege um Macht in der Geschichte, für die um die Lebensbedürfnisse miteinander kämpfenden Tiere, welche in diesem Kampfe ihre Kräfte erproben, vermehren und neue erwerben.

Die Hypothese sucht die Einheit in der unendlichen Mannigfaltigkeit und findet sie in dem Begriffe der Genesis; daher überträgt sie diesen auch auf die dunklen, dem Wissen sich entziehenden Punkte, d. h. auf die Urzeugung, das Werden des Organischen aus dem Anorganischen und auf die Lücken und Sprünge, welche zwischen den einzelnen Arten bleiben. Den metaphorischen Gedanken kommt die Einzelforschung noch nicht nach, und so bleiben denn "Anpassung" und "Kampf ums Dasein" und "Vererbung" vielfach rein metaphorische Begriffe.

Genug, die Naturwissenschaften und besonders der in ihnen wurzelnde Materialismus leugnen eine geistige Welt; sie räumen aus der Gleichung der Weltbetrachtung die unbekannte Größe des Geistigen hinweg, um nicht minder unbekannte Größen wieder für sie einzusetzen.

Führt aber die Gleichsetzung des Physischen und Psychischen nicht zur Lösung des Weltproblems, so lag es nahe, umgekehrt das Physische zu leugnen und alles zum Geistigen zu stempeln. Darnach aber wäre die Welt und das Leben mir ein eitles Trugspiel unserer Sinne. Somit bleibt der dritte Weg übrig, den die Analogie eröffnet: wie unser menschlicher Organismus eine Synthese von Innerem und Äußerem ist, so auch das Weltganze; alle Erscheinungen weisen auf eine in ihnen waltende Innerlichkeit hin.

Und so fand die Philosophie seit ihren Anfängen, im Altertum wie in der Neuzeit, den Gedanken der Weltseele, welche als unkörperlicher Hauch, als geistiges, göttliches Wesen das ganze All durchströmt, als Feuer durchglüht oder wie die zahllosen Metaphern sonst lauten; denn in der That, unter allen denkbaren Symbolen nicht nur aus der physischen Welt, sondern auch aus der geistigen Welt ist diese Seele des Alls versinnlicht gedacht worden, sei es als  Vernunft  als  Denkkraft,  als  Idee,  als  Wille. 

Aber es sind und bleiben nur metaphorische Hypostasierungen; sie können nicht Genüge thun, auch wenn man sie alle sammeln wollte in eine große geistige Kraft; es reichen nimmer an das Ewige heran die menschlichen Gedanken; sie bleiben immer in dem engen Kreise, der ihnen gezogen ist, und wenn man sie auch ins Unendliche potenzieren wollte. Aber wo eben das reine erfahrungsmäßige Erkennen aufhört, da beginnt die Phantasie ihr Spiel im Bunde mit dem religiösen und sittlichen Gefühl.

Und ist es nun nicht eine aus der demütigen Resignation emporweisende, die Einheit nicht nur innerhalb der Kräfte unseres Geisteslebens selbst, sondern auch die Einheit von Geist und Welt verkündende Thatsache, daß die Philosophie in der Beseelung der Natur mit der Poesie und dem Mythos übereinkommt, daß die Dichter alter und neuer Zeit von der Seele des Alls, von dem Geist der Erde, der Gestirne, der Bäume u.sf. reden und alle Bewegung als Lebensäußerung darstellen und daß die Gedankendichtungen der Stoiker ebenso wie die SPINOZAs und SCHELLINGs und SCHOPENHAUERs und FECHNERs auf ein beseeltes All abzielen?

Die Allbelebung, ohne die wir uns die Welt nicht denken können, weist uns auf das höchste und unfaßbarste Problem, den Ursprung des Lebens, die Quelle alles Seelischen, das die Welt durchflutet.
In Lebensfluten, im Thatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben.
Mag man so das geistige Prinzip, das durch die Erscheinungen hindurch wirkt, die Formen immermehr durchgeistigend, sich noch so erhaben und hehr vorzustellen suchen: wir bleiben im Bilde befangen, wir stehen dem Unwißbaren gegenüber, der körperlosen Geistigkeit. Wir können auch in der Philosophie nur mit dem GOETHEschen Worte in frommer Demut zu dem Allumfasser, dem Allerhalter uns bekennen und, umschauert von dem ewigen Geheimnis des Einklanges zwischen Gott und Welt, die Schranke ziehen: "Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch." Und wären es die höchsten Namen für Unbegreifliches, sie bleiben nur metaphorische Symbole. Weltgeist, Weltseele, die Idee des Absoluten, das immanente und zugleich transcendente Wesen, die Überpersönlichkeit, die Urphantasie, der All-Eine, Gott! - So sagt GOETHE im "Prooemion":
So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,
Und Deines Geistes Feuerflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug.
Philosophie ohne Phantasie, ohne Glauben ist tot, wie die Religion ohne Poesie. Alle kosmologische Metaphysik, sei sie nun materialistisch oder idealistisch, monistisch-pantheistisch oder teleologisch-theistisch, ist und bleibt durch und durch metaphorisch.

So drängt die Metaphysik zum Metaphorischen hin, sie faßt die Welt als ein Bild, als ein Gleichnis. Aber die Welt ist auch erkenntnistheoretisch nur ein Bild, sie ist als sinnliche Erscheinung auch nur ein Gleichnis. Unsere Sinne geben uns nur ein Abbild der Dinge, wie sie selbst in ihren Organen gemäß es umgestalten. Das Ding an sich ist ein transcendentes Wesen; nicht nur Farben und Töne und Geruch und Geschmack, sondern die durch unsere Wahrnehmungen erschlossenen Qualitäten insgesamt, also auch Ausblutung und Festigkeit und Bewegung, sind nichts anderes als Symbole einer transcendenten Wirklichkeit und Raum und Zeit nichts anderes als Anschauungsformen des Subjekts.

Das Einzig-Gewisse bleibt immer nur, was wir in uns erleben. Wo die Grenze des Objektiven und Subjektiven liegt, wissen wir nicht; wir gestalten nach immanenten Geistesgesetzen und gemäß den Sinnesorganen, durch welche die Wahrnehmungen entstehen, die Welt, die uns umgiebt, um; was außer uns, wie wir glauben und zu wissen wähnen, als Ätherschwingungen, bis in die Billionen hinein, sich ergiebt, nehmen wir als Ton und Farbe wahr; Töne, und Empfindungen sind Lebensakte der fühlenden Innerlichkeit.

Unsere Sinne sind nicht Spiegel, welche die Außendinge auffangen, sondern die Empfindungen und Wahrnehmungen sind, wie gesagt Bethätigungen unserer für sich seienden Innerlichkeit; sie sind ein Erzeugnis der spontanen Thätigkeit der Seele, der Sinnlichkeit und des Verstandes. Jedermann überträgt seine innerliche Erscheinungswelt auf die Außendinge und ist in der Außenwelt dadurch orientiert. Den Schlüssel für diese bildet also auch in der Erkenntnistheorie nur das Deuten der Dinge gemäß den Zeichen, die wir von ihnen in uns finden und das metaphorische Leihen, kraft dessen wir in Analogie mit unserem geistig-leiblichen Wesen, in welchem eine beständige Harmonie der Funktionen stattfindet, so daß der Leib die Sichtbarkeit der Seele, die Seele der belebte Leib ist, auch den Außendingen, die uns beständig affizieren und körperlich erscheinen, ein Innenleben beilegen, vergleichbar dem, das wir selbst in uns erleben.

Eine adäquate Erkenntnis der Dinge ist uns Menschen versagt; nur an der Hand der Analogie, die uns unser geistig-leibliches Wesen darbietet, buchstabieren wir an der wunderbaren, rätselvollen Zeichenschrift der Außenwelt herum und übertragen, was unsere Sinnesorgane uns übermitteln und was wir in Empfindungen und Willensregungen erleben und was wir durch logisches Denken erschließen, auf die Außendinge; nur durch diese werden wir uns der eigenen Sinnes- und Verstandesfunktionen, der Anschauungsformen des Raumes und der Zeit, und der Denkformen, der Identität und der Kausalität, bewußt. Wir erheben zum Gesetz, was doch im Grunde nur Verallgemeinerung des Besonderen ist, und übertragen dies auf die Dinge, als wäre es das vor aller Erscheinung Wirkende. Die Begriffe sind nichts anderes als Tropen: was von der Summe alles Einzelnen gilt, wird einem (fiktiven) Allgemeinen metaphorisch geliehen. Unsere menschliche Vernunft ist eben in Anschauung und Denken durch und durch metaphorisch.

Die Wahrnehmungen sind Vergeistigungen des Körperlichen, sind Synthesen von Geist und Welt, transcendenter Ursachen und der Thätigkeit unserer Seele; aber doch übertragen wir verallgemeinernd das, was nur für uns nun einmal so, wie wir sind, geartete Wesen - gilt, als Eigenschaften auf die Dinge selbst und benennen sie, indem wir das, Teilhafte d. i. das Charakteristische für das Ganze setzen.

Wir erleben in und an uns das Verhältnis von Innerem und Äußerem ebenso wie das von Ursache und Wirkung: jenes ist die primäre Anschauungsform der Vernunft, dieses eine Denkform des Verstandes; das Wurzelhafte an uns ist die Einheit von Psychischem und Physischem, und diese bietet uns den Schlüssel zum Verständnis der Außenwelt. Anschauung ohne Angeschautes, Denken ohne Gedachtes giebt es nicht; und so ist auch das Anthropocentrische nicht eine apriorische Form, in die der Inhalt eingezwängt wird, sondern so notwendig, wie Ein- und Ausatmen, wie Sehen und Hören: wir können nicht sehen ohne Beseelen (im weitesten Sinne), wir müssen, was nur Thätigkeit des die starren, regungslosen Linien verfolgendem Auges ist, in die Dinge hineinsehen und von schwankenden, steigenden und fallenden Linien der Landschaft reden, wir müssen die Töne, die an unser Ohr schlagen, in schnellerem oder langsameren Rhythmus, in sich hebender oder senkender Folge, als aufundabwogende Empfindungen und Gedanken, die nichts anderes als Analogieschlüsse sind, deuten, und der Verstand ordnet und teilt und verbindet die Anschauungen in Analysis und Synthsesis, wie die Hand an den Dingen, die sie greift, experimentell vom Kindesalter an, sie wendet und zerlegt und zusammensetzt; und den Werkzeugen in der Hand gleichen die Begriffe des Verstandes.

Ob wir nun Anschauungen oder Vorstellungen oder Begriffe bilden, wir bleiben immer nur im Bildlichen, im Metaphorischen, wie es die innere geistige Verarbeitung der äußeren Eindrücke mit sich bringt, haften.

Aber das Metaphorische in unserem Denken, speziell in der Philosophie, bekundet sich nicht nur darin, daß wir in der Metaphysik und in der Erkenntnistheorie das Verhältnis voll Innerem und Äußeren, wie wir es in uns erleben, zur Synthese zwischen Geist und Welt überhaupt gestalten und so zum Weltprinzip machen müssen, daß wir die aus jenem notwendig folgenden Anschauungen und Vorstellungen in die Dinge selbst übertragen, sondern auch darin, daß die Begriffe selbst von der einen in die andere hinüberspielen und daß, was ursprünglich nur "bildlicher" Begriff war, als Wirklichkeit, als Wissenschaft gesetzt wird.

Durch das gesamte Denken diesen Prozeß des Metaphorischen zu verfolgen, würde eine Geschichte der menschlichen Irrtümer bedeuten; wir mögen uns hier auf paar Beispiele, wie sie die Entwickelung der Philosophie an die Hand giebt, beschränken.

Wie die Sprache in uns dichtet, leise, unbewußt den Poeten von Reim zu Reim und somit auch von Anschauung zu Anschauung führend, so denkt sie auch in uns; sie übermittelt uns fertige Begriffe und zieht uns in deren Bann. Wohl eignen wir uns durch sie die Errungenschaften einer jahrhundertealten Entwickelung des geistigen Lebens an. Aber es tat auch seine Schattenseite: mögen wir uns selbst zu verstehen suchen, sagt EUCKEN treffend, mögen wir das Verhältnis zu unseren Mitmenschen ordnen, mögen wir über Welt und letzte Dinge grübeln, immer bringt uns die Zeit in den Begriffen ein eigentümliches Bild entgegen, immer zieht sie uns durch sie unvermerkt in ihre Bahnen; immer steht unsere Arbeit unter dem bestimmenden Einfluß verborgener Voraussetzungen, fertiger Urteile. So nur ist es erklärlich, wie fest die alten Vorurteile haften, wie unausrottbar der durch Jahrhunderte gepflegte Irrtum ist.

In ihre herrschenden Begriffe - führt EUCKEN aus - legt die Zeit ihre Liebe und ihren Haß; - ihr Denken und ihr Empfinden. In ihren Begriffen spiegelt sich die Besonderheit der Zeit.

Die unsrige - man denke an  Entwickelung, Anpassung, Kampf ums Dasein, Erfahrung  u. a. - beherrschen die Naturwissenschaften. Ihre Scheu vor philosophischen Erwägungen verführt sie, komplizierte Begriffe als schlicht gegebene zu übernehmen, z.B. den Begriff der  Thatsache  so handgreiflich zu fassen, als sei die tiefe Kluft zwischen Denken und Sein plötzlich überbrückt und ein naiver Unschuldszustand wiederhergestellt. Aus der mechanischen Naturauffassung werden die Begriffe kühnlich auf das Geistige übertragen, und man spricht von einem Mechanismus der Seele, ohne sich des Bildlichen noch bewußt zu sein, ja mit völliger Abweisung aller Metaphysik, aller Zweckbetrachtung. Das "Ideale" gilt als Illusion, und der Materialismus wandelt die Naturbegriffe zu Weltbegriffen um; Begriffe wie  Gegenstand, Gesetz, Entwickelung,  erhalten überall die besondere Fassung, welche sich an der Natur bewährt hat.

Man trägt kein Bedenken, Begriffe, die der Welt des Geistes, die man doch in ihrer Besonderheit leugnet, auf die Dinge zu übertragen, vielleicht des Metaphorischen sich bewußt, dann aber ganz sicher sich in ihnen wiegend, als ob man sie lediglich der Empirie verdanke. Doch ohne Ideen, ohne Geist den Dingen einen Sinn abzugewinnen, dafür soll erst die Methode gefunden werden.

Und so spiegelt die Geschichte der Begriffe z. B. des der  Erfahrung  den großen Gegensatz immer wieder, ob in dem Verhältnis von Innerem und Äußerem, von Geist und Dingen, der Geist oder die Dinge die Hauptrolle spielen, ob jener sich dem Äußeren anzupassen hat oder ob die Dinge in einen überlegenen Geistesprozeß aufgenommen werden, um in der Umwandlung ihre eigene Tiefe zu finden.

In der Geschichte der Begriffe "objektiv-subjektiv" ist nicht nur interessant, wie sie sich geradezu vertauscht haben, sondern auch wie mit jedem neuen philosophischen System die Erkenntnis erwacht, daß das vergangene die Dinge durch den dichten Schleier der Vorstellungen gesehen und daher uneigentlich, bildlich, wie in kindlichem Spiel, erfaßt habe. Welche Fälle geistiger Größen war in die Welt der antiken Anschauung unbegrenzt eingeströmt und hatte sie künstlerisch belebt, aber der Wissenschaft verschlossen, welche Riesenarbeit war es, dies um die Wirklichkeit gesponnene Netz menschlicher Begriffe wiederaufzulösen! Man denke an BACON!

Aber das Problem "objektiv-subjektiv" bleibt ewig; denn wir können nicht sehen ohne Auge, ohne unsere geistige Art; immer werden die Gesetze unseres Denkens und Strebens sich auch in den Dingen Geltung verschaffen. Die Philosophie durchläuft eben den Prozess von der Alleinherrschaft der Außenwelt bis zum siegesbewußten Triumph der Innerlichkeit, die zur Seele der ganzen Welt wird, in den mannigfachsten Stadien.

Der Begriff der "Entwickelung" im Sinne des Selbstentwickelns, gewann erst Boden mit der Übertragung von unserer Thätigkeit auf den realen Welt- und Naturprozeß. Also, offenbar das Bild des Werdens und Wachsens eines organischen Wesens, ward er aus einem künstlerischen (HERDER, GOETHE) zu einem exakt mechanischen (DARWIN); aber selbst in dieser metaphorischen Umformung kann er den Ursprung nicht verleugnen; aus dem Worte fließen unerwartet geistige Vorstellungen und Wertschätzungen in die mechanische Lehre und stellen sie der Empfindung ruhiger, künstlerischer und liebenswürdiger dar.

Die Begriffe "mechanisch-organisch" zeigen uns in ihrer Entwickelung so recht deutlich, wie das zunächst als bildlich Gefaßte dogmatisch wird. Wenn LESSING (7 Litteraturbrief) von dem "Mechanismus der Seele" schreibt, so ist er sich des Metaphorischen ja des "plumpen" Ausdrucks bewußt, HERBART aber erklärt es als Aufgabe,
"den Organismus der Vernunft aufzulösen in seine einfachen Fibern, die Vorstellungsreihen, deren Entstehung nur aus der Mechanik des Geistes konnte erklärt werden."
"Organisch" bedeutete ursprünglich ziemlich dasselbe wie "mechanisch", es ward erst allmählich auf die Lebewesen beschränkt und dann auf das große Weltall, auf das gemeinsame Leben der Menschheit in Gesellschaft, Geschichte, Recht usw. übertragen.

Der Begriff "Gesetz" ist - wie EUCKEN lichtvoll auseinandersetzt - von dem menschlichen Handeln auf die Natur übertragen worden, kommt hier zu mächtigster Entwickelung und kehrt nach erheblicher Umbildung und mit neuen Ansprüchen endlich zum Menschen zurück. Er ist ein Beispiel eben jener allgemeinen Erscheinung, daß der Mensch sein eigenes Thun in die Welt hineinträgt, es damit aber unter neue Einflüsse bringt und schließlich das Eigene in neuer und mit umwandelnder Kraft wieder empfängt. Was zunächst ein rein menschlicher, dann ein göttlicher Begriff war, wird allgemach, mit mehr oder weniger deutlicher Personifikation, zu einem Naturbegriff; und so bedeutet "Naturgesetz" vielfach das letzte Ideal, an das sich das Gemüt des Menschen anklammert, um ein Objekt der Verehrung zu finden, wobei freilich der Rest anthropomorpher Fassung sich deutlich macht, nämlich, das Gesetz wie etwas von den einzelnen Geschehnissen Abgesondertes und vor ihnen Feststehendes zu behandeln, das auf sie eine Art von Zwang übe.

Es ist eben immer die Macht der Analogie, welche die Brücke vom Inneren zum Äußeren und umgekehrt schlägt und so unser gesamtes Denken, erstrecke es sich nun auf das Metaphysische oder Erkenntnistheoretische oder Begriffliche, mit dem Elemente des Metaphorischen durchsetzt.
LITERATUR - Alfred Biese, Philosophie des Metaphorischen, Hamburg/Leipzig 1893