cr-3Mauthner - O. F. Gruppe    
 
OTTO FRIEDRICH GRUPPE
(1804-1876)
Wendepunkt der Philosophie

Antäus
Begriff 'Abstraktum'
Gefahr der Sprachen
Kein System
Relativität der Begriffe
"Mit dem morschen Wortkram von Ansichten, welche die Zeit selbst längst überlebt hat, will man die heutige Wissenschaft wie mit einem staubigen Spinnennetz überziehn: und dies nennt man philosophisch begreifen..."   Allgemeinheit
Falsche Logik
Spekulativer Irrtum
Neue Methode
Empirischer Ausweg

Meine Opposition gilt überhaupt der Metaphysik und spekulativen Philosophie; ich verstehe darunter aber alle diejenige, welche glaubt aus bloßen Begriffen Erkenntnisse entwickeln zu können, es sei nun durch logische Schlüsse aus Begriffen oder durch Konstruktion nach denselben. Diese Weise ist allerdings so alt, als die Philosophie selbst, allein ihr Alter kann ihr schwerlich zur Empfehlung gereichen. Denn zur Zeit als ARISTOTELES seine logischen Schriften und seine Metaphysik schrieb, lagen andere Wissenschaften, insonderheit die physisischen, noch in der Wiege, ja man kann sagen siw waren noch gar nicht vorhanden. Man hatte damals noch keine Ahnung von der Methode der Forschung, welche BACON verkündigt und welche allein eine ganz neue Welt immer wachsender Einsichten seitdem eröffnet hat.

Wir haben hier also eine Methode, welche sich durch den Erfolg bewährt hat und sich täglich immer mehr bewährt, sie hat uns eine Fülle von Aufschlüssen geliefert, die dem ARISTOTELES fehlten: aber gerade in dem Vergleich dieser Methode mit ihrem Erfolg müssen die Mittel liegen über die Natur des Erkennens Licht zu verbreiten. Noch weniger hatten die Griechen einen Begriff von historischer Sprachforschung, diese aber welche uns heutzutage so klare Blicke über die Entstehung und Natur der Begriffe eröffnet, wäre doch auch von äußerstem Gewicht bei Aufstellung jeder Norm für die Urteile und Schlüsse gewesen. Hieraus folgt sehr einfach, daß man, mit den beschriebenen Mitteln ausgerüstet, vor allen Dingen jenes aristotelische Organon, welches bis auf den heutigen Tag das Organon aller metaphysischen und spekulativen Philosophie gewesen ist, einer neuen Prüfung zu unterwerfen hat.

Darf man nun bei diesem Stand der Dinge wohl annehmen, daß die aristotelische Lehre aus Begriffen zu folgern, und aus ihnen Erkenntnis abzuleiten, wirklich, als ein besonderer Erkenntnisweg, der empirischen Methode BACONs koordiniert oder gar, als ein höherer, über dieselbe zu stellen sei? Schwerlich darf man dies annehmen; vielmehr da der Grundstein spekulativer Philosophie von den Griechen ohne alle die wesentlichen Kenntnisse, in deren Besitz wir sind, gelegt worden, was ist von vorn herein wahrscheinlicher, als daß jene Methode des ARISTOTELES, worauf noch unsere heutige speculative Philosophie letztlich zurückfällt, selbst nur großen Fehlgriffen und Irrtümern erliegen muß, ja daß sie sich heutigestags vielleicht von Grund aus als unzulänglich und falsch erweist.

Und diese Wahrscheinlichkeit wächst, wenn man erwägt, wovon ich schon im Antäus reichliche Beispiele geben konnte, daß die spekulativen Sätze zu allen Zeiten entweder leer oder tautologisch, inhalt- und sinnlos, oder daß sie geradezu verkehrt gewesen und daß sie nur Inhalt in sich aufnehmen konnten, indem sie sich selbst die Ausbeute der Erfahrung und empirischen Wissenschaften anzueignen suchten. Letzteres ist denn hauptsächlich von der neuesten Naturphilosophie geschehen, aber wie seltsam stellt sich nun das wahre Verhältnis derselben. Statt nämlich den Geist und Ertrag heutiger Wissenschaft auf jene frühen Versuch anzuwenden, sie danach zu prüfen und zu rektifizieren (berichtigen), hat man vielmehr von jener alten Metaphysik aus, die doch in so vielen Vorurteilen befangen ist, die klare Wissenschaft unserer Tage in scholastisches Dunkel zurückziehen wollen; statt mit dem Ertrag der Erkenntnis, welche den Geist unseres Jahrhunderts ausmacht, nun auch gewisse zurückgebliebene Disziplinen zu fördern, statt mit Hilfe der gesamten heutigen Wissenschaft das aristotelische Organon umzuschmelzen und es in das Niveau unserer Zeit zu erheben, statt nach der wahren Methode zu suchen, welche besser auf das Wesen menschlicher Erkenntnis gegründet wäre und darum wahrhaft fördern könnte, hat man sich ohne Untersuchung jenem ganz Vorläufigen und Unzulänglichen hingegeben, man hält daran fest und will vielmehr mit dem morschen Wortkram von Ansichten, welche die Zeit selbst längst überlebt hat, die heutige Wissenschaft, gleich wie mit einem staubigen Spinnennetz überziehn: und dies nennt man philosophisch begreifen, die nennt man das empirisch Gefundene dem Gedanken aneignen!

Man sieht also deutlich, daß diese spekulative Philosophe, wie sehr sie sich auch die Partei der Bewegung nennt, doch nur ein retrogrades (rückschrittliches) Prinzip in sich trägt, sie will nicht veraltete Disziplinen zu den neuern emporziehn, sondern das Neue, Bessere, Inhaltsvollere mit dem Alten und Falschen verwickeln und verwirren. HEGEL nun vollends hat mit solchem Scholastizismus noch mancherlei alten abgelebten Dogmatismus, z.B. die Dreieinigkeitslehre einer Gestalt, wie sie längst durch bessere Kritik aus den Bibeltexten verschwunden ist, ferner JACOB BÖHMsche Spekulation in einen Schmelztiegel geworfen, und daraus soll nun die Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts geläutert, vergeistigt und begriffmäßig hervorgehn!

Hienach wird im Allgemeinsten erhellen, was ich bekämpfe und was ich bestrebe. Die Wahrheit hat immer den Vorzug, daß sie unendlich einfacher ist als der Irrtum, sie braucht nur ausgesprochen zu werden, so redet sie durch sich selbst und bedarf kaum eines Beweises. Ich fürchte nicht, daß obigen Worten diese unmittelbare Überzeugungskraft fehlen werde, gleichwohl kann der Beweis für die Bedenklichen und Widerstrebenden in aller Rigorosität geführt werden; es soll gegen sie jene Gewalt gebraucht werden, welche der Wahrheit von Natur aus inne wohnt. Die Sache ist nicht abhängig von dem Gelingen des einen oder anderen Beweises, sondern nach allen Seiten, auf allen Wegen wird sie eine Fülle der überzeugendsten Gründe aus sich selbst ergeben. Alle diese in vorliegendem Buch auch nur mit einiger Vollständigkeit zu erschöpfen, wäre unmöglich; manches einzelne und auch allgemeinere habe ich schon im Antäus gegeben, hier hoffe ich zusammenhängender und übersichtlicher sein zu können. Damit nun diese Übersicht erwachse, wird dienlich sein, die Arten der Beweisführung einigermaßen zu rubrizieren, zumal bei der Behandlung selbst gewissen Vorteile der Darstellung und Kürze bewegen werden, weniger genau zu unterscheiden, sondern, wo es sich darbietet, Verschiedenes zusammenzunehmen.

Der Beweis des Aufgestellten ist wesentlich ein doppelter: erstlich darzutun, daß das, was sich bisher spekulative Philosophie nannte, wirklich durchaus nichts geleistet hat, daß es vielmehr überall nichtssagendes enthält, was nur kaum den oberflächlichsten Anschein von Erkenntnis trägt aber keine wirkliche Erkenntnis und Aufklärung bringt, dann zweitens, daß eine neue besser ausreichende fruchtbare Methode an die Stelle gesetzt wird. Das letztere freilich ist allein schon so triftig, daß dagegen nicht anderes aufkommen könnte: wir hoffen diese Beweisart, welche also das Positive zu jenem mehr Negativen enthält, in dieser Schrift zu geben, und wir wollen zugleich zeigen, daß wo irgend jemals etwas erkannt worden, eben immer nur diese Methode galt, deren man sich nur nicht bewußt wurde.

Beide Arten des Beweises, der negative sowohl als der positive, bieten jetzt eine Menge von einzelnen Wegen an, die wir, ohne daß es uns möglich wäre einen einzigen ganz zu verfolgen, der Reihe nach abwechselnd zu betreten denken. Sollte z.B. nicht die Nachweisung von der Inhaltslosigkeit der spekulativen Philosophie noch sehr bedeutend unterstützt werden, wenn sich zugleich dartun läßt, daß die ganze Methode, worauf diese Art des vermeintlichen Erkennens beruth, nichts ist als ein offenbarer Irrtum aus Unkenntnis? Wenn sich handgreiflich zeigen läßt, daß die ganze Methode, worauf diese Art des vermeintlichen Erkennens beruht, nichts ist als ein offenbarer Irrtum aus Unkenntnis? Wenn sich handgreiflich zeigen läßt, daß das Organon des ARISTOTELES, welches für die Spekulation das ist, was für die empirische Wissenschaft das BACONsche, den Akt des Erkennens gar nicht trifft, sondern ihn durchaus verfehlt; sollten hiermit nicht die Früchte, welche aus beiden Methoden hervorgegangen sind, in sehr überzeugendem Einklang stehen?

Und doch hätte ja das Organon des ARISTOTELES so viel Jahrtausende, als kaum das BACONsche Jahrhunderte gehabt, um seine Früchte bewähren zu können, falls es deren überhaupt fähig wäre. Ganz im Gegenteil, und dies ist eine neue ausdrückliche Art des Beweises, haben sich nicht bloß, so alt die falsche metaphysische Methode ist, sogleich Schwierigkeiten und endlose Verlegenheiten gezeigt, sondern eben nur diese Schwierigkeiten und Verlegenheiten sind es, welche in der metaphysischen Spekulation das Element des Fortschritts ausmachen. Statt eines Ertrags von Gedanken und Aufschluß war man durch die falsche Methode nur in Widersprüche geraten; um jeden Preis wollte man sich doch aus dem Widerspruch und dem Undenkbaren retten: so machte man immer neue Aufstellungen, die aber, genauer zugesehn, immer noch weit widersprechender und noch weit undenkbarer waren.

Auf diesem Wege nun, wie ersichtlich werden soll, ging System aus System hervor; die Systeme wurden immer verwickelter, aber sie erklärten durchaus nichts mehr. Und damit unserer Sache an Triftigkeit nichts fehle, so haben die spekulativen Philosophen aller Zeiten auf das deutlichste die Falschheit und Unzulänglichkeit ihrer Methode selbst ausgesprochen und bekannt. Dies geschieht auf zweierlei Art, indirekt und direkt. Jenes, indem sich zeigt, daß die Philosophen selbst nach einer ganz anderen Methode verfahren, als wonach sie zu verfahren glauben, oder z.B. wenn ARISTOTELES sich selbst bei der Kritik der sophistischen Fehlschlüsse eingestehen muß, daß hier nicht jene von ihm aufgestellten Regeln des Denkens und Erkennens, sondern vielmehr ganz andere verletzt sind, die er nicht weiter verfolgte, die aber, wenn er sie verfolgt hätte, ihn schon damals dem nahe geführt haben würden, was wir erst heute lehren.

Überhaupt: im menschlichen Denken hat auch der Irrtum sein Gesetz, und dies Gesetz steht mit dem des wahren Erkennens in sehr bestimmtem Verhältnis; wer in solcher Rücksicht die Geschichte der Philosophie zu studieren weiß, nur dem wird sie auf jedem Schritt eine reiche Quelle ungetrübter Einsicht werden. Allein nun fehlt es auch bei den geistreichsten Philosophen, ganz besonders bei PLATO und ARISTOTELES, nicht an vielfachen direkten Geständnissen von der Mannigfaltigkeit und der Unsicherheit ihres Verfahrens; es hat zu allen Zeiten laut gefühlt werden müssen, daß das Folgern und Konstruieren aus Begriffen große Willkür einschließt und immerfort auf Widerspruch führ, das Bewußtsein davon wird man im Einzelnen bei allen Philosophen finden, wer diese nur genau kennt. Dies Gefühl geht nun sogar in die spekulativen Systeme über, es hilft sie selbst konstruieren, wovon, da die Erscheinung zu merkwürdig ist, schon vorläufig sehr bald ein Näheres gesagt werden soll.

Der positive Weg ist im Einzelnen nicht weniger reich. Jene einzig richtige Methode des wissenschaftlichen und philosophischen Verfahrens, die auch ohne Bewußtsein noch überall gegolten, wo etwas geleistet worden, ist an sich wieder so einfach, daß es scheint, man hätte sie finden müssen, sobald man nur irgend einen Akt des Erkennens und dessen, was eigentlich vorgeht, näher betrachtet. Sofern die Naturwissenschaften in neuerer Zeit besonders das Glück gehabt haben, eine bewußte sichere Methode zu erlangen, die sich an dem Erfolg selbst am besten mit der Tat bewiesen hat, so liefert die Geschichte ihrer sukzessiven Entdeckungen, zumal im Vergleich mit den Irrtümern, denen sie vor dem Besitz dieser Methode unterworfen war, ein fortgehendes Beispiel, das in Bezug auf die gesuchte Natur des Erkenntnisaktes nicht lehrreicher sein kann, und jeden überzeugen muß.

Aber noch ein ganz anderer Weg eröffnet sich in der Geschichte der Sprachen. Die Sprachen sind das Werkzeug, das Organ, mit dem der Mensch denkt, sie sind zugleich das Mittel, in dem er gewonnene Gedanken aufbewahrt: wie unbewußt sich nun auch das Denken seiner selbst sei, in den Sprachen und deren Geschichte muß sich der eigentliche akt des Denkens unablässig abgedrückt haben, und es käme also nur darauf an, ihn hier wiederzuerkennen. Das ist nicht so gar schwer, es soll aber hier noch deutlicher ausgeführt werden, als es bereits im Antäus geschehen; und dies wird um so wichtiger, als sich alsbald zeigen soll, daß der ganze Irrtum der Spekulation und der metaphysischen Methode eben wesentlich nur auf einem tiefen Verkennen der Sprache, ihrer Natur und ihrer Rolle beim Denken beruht, so daß sich also hier durchweg wieder die rechte und falsche Methode und davon abhängig Wahrheit und Irrtum gegenüberstellen läßt.

Nun gewinnen wir aber in dieser Betrachtung der Sprachen und in jener der Naturwissenschaften zwei voneinander unabhängige Wege der Forschung, die also vorzüglich geeignet sein werden, sich gegenseitig zu kontrollieren und sich im Einzelnen noch genauer zu bestimmten: das Resultat, wenn wir nicht geirrt haben sollen, muß aus beiden einfach dasselbe sein, und das wird es. Das Licht aber, das hier von beiden Seiten auf den Erkenntnisakt fällt, wird nun zu übertragen sein auf die beiden bisherigen Methoden, man vergleiche damit die empirische Methode, und die spekulative. Was sich hier ergeben muß, darf kaum gesagt werden, aber es wird sich auch zugleich erklären, warum die eine richtig und fruchtbar, die andere falsch und durchaus unergiebig ist.

Auch noch weiter dürfen wir gehn: man vergleiche nun mit der richtigen Methode die sich andeutet, jene direkten oder indirekten Geständnisse der spekulativen Philosophen, so wird auch hier wieder das günstigste Übereintreffen sein, sofern sich zeigt, daß allein diese Methode jene Verlegenheiten löst und sie in ihrem Grunde erklärt, und dann, daß sie es allein ist, welche auch von allem Irrtum stets sin seiner Weise gepredigt wird. Und endlich die Hauptsache: wie noch die spekulative Philosophie mit ihrer Methode kein einziges Resultat hat ausbeuten können, so muß die bessere Methode eben in ihren Ergebnissen die letzte und sicherste Probe bestehen. Daß sie dies kann habe ich für mich bereits erfahren und ich hoffe nächstens Beweise davon vorzulegen. Namentlich alle Wissenschaften, welche an das Psychologische streifen, diese Wissenschaften, die durchaus darnieder liegen mußten, so lange die Metaphysik herrschte, müssen mit neuem Leben erstehen, sie müssen die nächsten Vorteile von dieser neuen Methode ziehen.

Von welcher Art dieselbe ist, und wie sie sich zur BACONischen verhält, die nur für die Naturwissenschaften ausreicht, wird sich dann praktisch am besten zeigen, es soll aber schon theoretisch hier entwickelt werden. Zum vorläufigsten Verständnis hier nur dies: sie ist eine Verallgemeinerung der BACONschen Methode, wenn man nicht besser sagt, die BACONsche ist eine spezielle Anwendung der neuen allgemeinen Verfahrensweise, welche sich auf die Einsicht in die Natur des wirklichen Erkenntnisaktes und in die Natur der wahren Rolle gründet, die die Sprache im Denken spielt, weshalb sie denn von den Begriffen den bequemsten und ausgedehntesten Gebrauch zu machen weiß, ohne jemals davon geirrt zu werden und ohne das Hilfsmittel für die Sache selbst zu nehmen.

Wenn also diese Methode; welche an die Stelle der bisherigen spekulativen treten muß, um die Philosophie noch endlich zu etwas zu machen, sich zur BACONschen nicht anders verhält, als das Allgemeine zum Besonderen, das Ganze zum Teil, und wenn sie von dem Erkenntnisakt selbst abgeleitet werden kann, so dürfte sie auch Licht auf diese BACONsche selbst zurückwerfen und sicherlich den Nachweis geben, woher die großen Resultate derselben kommen.

Die Wichtigkeit und das universelle Interesse des Unternehmens möge der Leser nach dem Obigen selbst abmessen; aber vielleicht wird er stutzig, wie etwas so Entscheidendes und zugleich doch so nahe Liegendes noch neu sein könne, oder gar bezweifelt er vielleicht die Neuheit und glaubt eben dies in den mehrfachen Oppositionen gegen spekulative Philosophie schon alles mit enthalten. Zweifel und Bedenklichkeiten dieser Art sind für das richtige Verständnis meiner Untersuchungen zu wichtig, als daß ich ihnen nicht sogleich begegnen müßte, was ich um so lieber tue, als ich dabei mein eben gegebenes Versprechen zugleich auszulösen gedenke.

Allerdings hat das Widersprechende und Inhaltslose des Folgern aus bloßen Begriffen den Aufmerksamen nicht entgehen können, ja ich habe soeben selbst schon noch mehr behauptet, als man wohl annimmt. Ich behaupte nämlich und werde Gelegenheit haben zu zeigen, einmal, daß so alt die falsche Methode ist, auch die Übelstände sogleich vermerkt worden, dann daß die spekulativen Philosophen ihnen selbst abhelfen wollten. Allein da sie immer nur auf die Resultate sahn und nicht der eigentlichen Quelle des Irrtums nachspürten, so kam es, daß sie nur innerhalb der falschen Methode einzelne irrige Resultate abstellen, daß sie also Fehler durch Fehler heilen wollten und sich immer tiefer in den Irrtum verwickelten, das Übel immer unheilbarer machten. Zugleich aber fehlte es auch nicht an Männern, welche die Verwerflichkeit aller Metaphysik und ihrer Methode in größerer Allgemeinheit einsahen; sie erkannten, daß alles Heil von einer entgegengesetzten Methode zu erwarten sei, sie lehrten der Erfahrung sich zuzuwenden, sie fühlten, daß es auf eine Untersuchung über den Ursprung und die Rolle der Begriffe, daß es auf eine Kritik des Erkennens ankomme.

Aber ein anderes war ob sie es durchführen konnten. Daß hier mehrere vergebliche Versuche dem Gelingen vorausgehen mußten, wäre ganz in Ordnung gewesen, nun aber fehlten ihnen auch die dazu nötigen und unerläßlichen Studien, welche erst die neueste Wissenschaft gebracht hat. Und wie äußert sich das Vergebliche, noch Mißlungene ihrer Versuche? Dadurch, daß sie, wie sehr auch bestrebt, die Metaphysik und deren Methode zu bekämpfen, doch dieser Methode selbst nur unversehens immer wieder anheimfallen und erliegen; wie könnte es auch anders sein, so lange man nicht das wahre Wesen und den eigentlichen Grund erkannt hat? Etwas Ungefähres konnte hier nicht retten. Es half nicht, im Allgemeinen einzusehen, daß die Leerheit der metaphysischen Spekulation von einem gewissen falschen Gebrauch herrührt, der von den Begriffen und der Sprache gemacht wird; denn zu keiner Zeit kann man im Denken der Begriffe und der Sprache entbehren und so lange die Grenzen ihres richtigen verdachtlosen und ihres falschen und verdächtigen Gebrauchs nicht aufs genaueste bestimmt sind, d.h. so lange nicht an der Stelle der aristotelischen Logik eine ganz andere bessere dasteht, was doch bekanntlich nicht der Fall, so lange mußten auch die eifrigsten Gegner der Metaphysik sich oftmals selbst metaphysischer Irrtümer nicht erwehren können.

Sicherlich ist es ihnen nun ebensowenig gelungen, den alten Schaden zu heilen, als es jenen Metaphysikern gelang, welche vom Falschen ausgehend zum Richtigen, vom Unkritischen ausgehend zum Kritischen kommen wollten, und statt aufzuräumen sehr natürlich nur verwirrten. Beide Arten von Bestrebungen stehen sich nun auf sehr interessante Weise gegenüber; darin sind sich beide gleich, daß sie den Irrtümern entfliehen wollen, deren unerkannter letzter Grund in der falschen Methode, in dem falschen Gebrauch der Begriffe liegt; die Metaphysiker selbst wollen nun innerhalb ihrer falschen Methode die Heilung bringen, indem sie sich der trüglichen Hoffnung hingeben, es sei trotz aller vergeblichen Versuche doch noch möglich das Gewünschte zu erreichen, ohne daß man die Metaphysik und Spekulation überhaupt aufgebe. Das letztere nun eben tut die andere Partei von vorn herein, allein sie kann nicht was sie will; das sie nicht tief genug gräbt, fällt sie in denselben Irrtum, den sie bekämpft, und da sie nicht im Stande ist mit Bestimmtheit eine richtige Methode an die Stelle der falschen zu setzen, so kann sie auch nicht der Unfruchtbarkeit der Spekulation irgend einen bessern Gewinn gegenüber halten.

Ich will für beide Fälle schon hier einige Beispiele hersetzen, vor der Hand nur um der Aufmerksamkeit des Lesers eine noch genauere Richtung zu geben, denn erst nach und nach im Verlauf dieser Schrift werden die Beispiele selbst ihr volles Licht erhalten.

Zuerst für die Seite der Metaphysik. Ich wähle nur KANT und HEGEL. KANT sah die Mängel und die Leerheit der bisherigen Spekulation deutlich ein, er wollte gerne selbst eine Kritik der Erkenntnisvermögen unternehmen, er wollte Grenzen und Normen für alles Erkennen aufstellen. Aber indem er das tat, bediente er sich immerfort der falschen Methode, er ging von dem verdachtlos aus, was er eben hätte kritisieren sollen, z.B. von den Kategorien und der Logik des ARISTOTELES, von den Begriffen 'Substanz' und 'Akzidenz' und vielen solchen Begriffen, auf denen und deren Handhabung gerade der Irrtum beruhte. Er erkannte in seinen Paralogismen und Antinomien zum Teil die Zweideutigkeit, das Widersprechende und Verführerische der Schlüsse aus bloßen Begriffen an und wiederum ist ihm unter dem Namen der Verstandeskategorien klar geworden, daß die Abstraktionen, als solche, bloße Formeln sind. Aber wie es nun zur Anwendung kommt, so hat niemand das Verhältnis menschlichen Erkennens seltsamer auf den Kopf gestellt, niemand ist von dem trüglichen Zauber der Begriffe wunderlicher in die Irre geführt worden, als KANT. Innerhalb des Irrtums den Irrtum heilen wollen, mußte etwas so Vergebliches sein, als die kantische Philosophie in ihrem Resultat sich erwiesen hat; der Philosoph selbst schon geriet mit sich bald in Widerspruch und seine Schüler waren in Kurzem bei dem Gegenteil dessen angelangt, was der Meister lehrte. Er nämlich gedachte alle Spekulation und Metaphysik abzuschneiden, dies aber wollte er selbst mit Spekulation und Metaphysik ausrichten: was Wunder nun, daß jetzt gerade das Bekämpfte mehr als jemals in Gang kam. Das alles werden wir in seiner gebührenden Spezialität zeigen.

Nicht minder hat HEGEL, und gerade dies sichert dem System seine Bedeutung, auch die Leerheit abstrakter Begriffe laut proklamiert. Allein was tut er? sucht er nach einer Art und Methode ihres Gebrauchs, wo sie nicht mehr leer sind? Nein. Nun, so enthält er sich doch gewiß aller Spekulation aus diesen Begriffen, aller Konstruktion nach denselben? Nein ganz im Gegenteil, er richtet sich erst recht eine solche Spekulation und Konstruktion nach den Begriffen ein und glaubt dadurch allein alles gut gemacht zu haben, daß er gerade von den leersten, inhaltslosesten ausgeht und dann zu immer bedeutungsvolleren mühsam aufsteigt. Hatte man schon längst anerkannt, daß die allgemeinen Begriffe nur abstrahiert sind von konkreten Dingen, also erst daher entlehnt, daher abhängig, erst durch ihre Beziehung auf das Konkrete bedeutsam, so dreht er es um, läßt das Abstrakte das Frühere und Ursprünglichere sein und daraus das Konkrete erwachsen, wobei er doch allermindestens die seltsamste Verletzung des allgemeinen Sprachgebrauchs gegen sich hat.

HEGEL erkennt nun auch zweitens an, und zwar noch ausdrücklicher als KANT, daß das Denken, versteht sich das Denken nach jener falschen Methode, Schritt für Schritt auf Widerspruch führt. Und was tut er? Gewiß nicht was wir erwarten. Wir müssen aber erwarten, daß er Mißtraun in die bisherige Methode setzen und den Grund des Widerspruches aufsuchen werde um ihn zu heben und Besseres an die Stelle zu setzen. Aber weit gefehlt; er nimmt vielmehr den Widerspruch selbst für ein Ingrediens des Denkens, er nimmt ihn selbst - o warum nicht gleich den Unsinn? - als wesentliches Element in das Denken, ja als Element des eigentlichen Fortschrittes auf. Dies angewandt auf seine Konstruktion, nach der er nicht vom Konkreten aus das Abstrakte erklärt, sondern vom Abstrakten aus das Konkrete entstehen läßt, und alles noch durchsetzt von mancherlei alten abgestandenen Vorurteilen, dann wiederum angewandt auf die neuere Wissenschaft, auf die Geschichte und auf alle Gegenstände des Wissens: so stand sein universelles System da - bewundert von vielen!

Unter denen, welche der Metaphysik entgegenwirken wollten, ohne daß ihnen selbst gelungen wäre, ihr auch nur ganz zu entkommen, müßte vor allen LOCKE genannt werden, doch wird dies erst weiterhin ausführlicher geschehen können. Ich erinnere hier lieber an HERDER, der in seiner Metakritik sich in Bezug auf KANT die Mängel der Spekulation aus bloßen Begriffen nicht verhehlte, vielmehr die Inhaltslosigkeit und jenes Foltern der Worte treffend und mit Nachdruck zu tadeln wußte. Nur entging ihm ganz, daß nicht etwa bloß KANT, sondern auch LEIBNIZ, auch PLATO, mit einem Wort, daß alle Philosophen diesem Irrtum erliegen, welcher sowohl seiner Verbreitung nach ein allgemeiner, als auch seinem Grunde nach ein sehr natürlicher und gar nicht so leicht vermeidlicher ist. Hätte HERDER dies mit Schärfe begriffen, so hätte er auch keinen Augenblick auf jenem Punkt verharren können, sondern sich sogleich nach dem Grunde des Irrtums und nach der Methode umsehn müssen, welche dagegen schützt. Allein hieran fehlt soviel, daß HERDER vielmehr selbst, wo er aufstellt, auch wieder nur in das alte Gleis einlenkt.

Ganz ähnlich ist es noch vielen andern achtbaren Männern ergangen, woraus man ersehen möge, daß ein bloßes Gefühl von der Unzulänglichkeit und Unfruchtbarkeit der Metaphysik nicht ausreicht, sondern daß das Übel in seiner Wurzel erkannt und mit dieser ausgerottet werden muß; nur wer dies kann, wird auch vermögend sein, die neue Methode hinzustellen, welche die Lücke genügend ausfüllt, und wiederum nur wem dies gelingt, der wird auch wirklich das alte immer nachwuchernde Unkraut mit der letzten Wurzel vertilgt haben.

Nun sind aber noch Männer, die offenbar eine wissenschaftlichere Farbe tragen, ohne daß ich doch im Stande wäre ihnen deshalb einen viel günstigeren Rang aufzubehalten. Viele darunter bekämpfen zwar die neueste sogenannte Naturphilosophie, die Konstruktion, allein sie selbst haben Systeme, die bloß darum weniger anstößig, weil halber und unausgebildeter sind. Sie stehen selbst tief im Metaphysicismus, treiben selbst durchweg Unfug mit Begriffen, haben kein Bewußtsein von dem, was sie eigentlich tun und wollen, gewschweige denn daß sie jene mit Erfolg bekämpfen könnten oder wüßten was Not ist. Die andern wieder reden immer und ewig nur von der Erfahrung, und merken gar nicht wie wenig sie damit sagen. Die Erfahrung lehrt freilich alles, aber auch eben so sehr nichts, und sie lehrt immer das Entgegengesetzte. Es bedarf also eines Leitsterns, einer bestimmten Methode; diese aber werden wir ihnen vergeblich abfragen. Sie haben nichts Durchgreifendes an die Stelle der Metaphysik zu setzen, gegen welche sie votieren, sie werden also auch vor metaphysischen Irrtümern nicht sicher sein können.

Hiernach möge man nun sich selbst die Frage beantworten, ob und wiefern diese Bestrebungen neu sind. Neu aber sind sie gewiß nicht in dem Sinne, daß sie etwas ganz Unerhörtes, ganz außer dem Gange der Zeit, und ganz außer der natürlichen Entwicklung der Wissenschaften Liegendes brächten, sondern ganz im Gegenteil, wie ich auch wohl schon angedeutet, lag dies gerade zwischen den beiden Flügeln in der Mitte. Hier ist die Naturwissenschaft, dort die historische Sprachwissenschaft ein Beträchtliches erobernd vorgedrungen: laßt uns das Zentrum, die philosophische Erkenntnislehre, nachschieben, und wir werden nicht bloß dies Terrain gewinnen, nicht bloß jene Eroberungen sichern, sondern auch ein weiteres Vordringen möglich machen. Nichts weiter ist nötig als einerseits die Fortschritte der genannten Wissenschaften und das Zurückbleiben der philosophischen Disziplinen zu kennen, und dann nur noch - ein wenig ruhiges Besinnen.

Was hilft alle Operation mit Begriffen, wenn ich nicht weiß, was ich daran habe? Mögen HEGELs Anhänger versuchen, von dieser Seite ihren Meister gegen den billigen Vorwurf eines durchaus unkritischen, allen Vorurteilen und Täuschungen unterworfenen Verfahrens zu verteidigen.

Besser schon sah KANT etwas der Art ein, was vor allen Dingen Not tut; aller er griff noch vorbei. Er hielt vor allem Philosophieren eine Kritik der Erkenntnisvermögen für dringend erforderlich. Das freilich hieß die Sache nicht bei ihrer Wurzel, nicht in ihrem Schwerpunkt anfassen, und eben darum blieb sie erfolglos; man weiß aber leider, daß ein mißlungener Versuch gewöhnlich zurückschreckt und die Bestrebungen auf andere Punkte ablenkt. Bei KANTs Kritik der Erkenntnisvermögen war die Sonderung derselben etwas Vorausgesetztes, im günstigsten Fall etwas Überkommenes, aber vielmehr etwas ganz Willkürliches, Ungerechtfertigtes. Statt sich nach der wahren Natur und dem eigentlichen Akt des Erkennens umzusehn, ließ er sich von den schwächsten Räsonnements verleiten, von vorn herein verschiedene Erkenntnisvermögen anzunehmen und den Irrtum der Begriffserkenntnis, den er schon bemerkte, bloß aus einer Übertretung seiner hypothetischen Grenzabsteckung erklären zu wollen: wie unkritisch diese Kritik!
LITERATUR - O.F. Gruppe, "Antäus. Ein Briefwechsel über spekulative Philosophie in ihrem Conflict mit Wissenschaft und Sprache", Hrsg. Fritz Mauthner, München 1914