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JOHANN FRIEDRICH HERBART
Einleitung in die Metaphysik

"Die sämtlichen, in der Wahrnehmung gegebenen Eigenschaften der Dinge sind  relativ.  Die Umstände mischen sich nicht bloß  ein  in die Wahrnehmung, sondern  bestimmen  sie  dergestalt,  daß die Dinge diese Eigenschaften ohne diese zufälligen Umstände gar nicht haben würden. Ein Körper hat Farbe; aber nicht ohne Licht: Was ist nun diese Eigenschaft im Dunkeln? Er klingt; aber nicht ohne Luft: was ist diese Eigenschaft im luftleeren Raum? Er ist schwer; aber nur auf der Erde; auf der Sonne wäre seine Schwere größer; im unendlichen Raum wäre sie nicht mehr vorhanden. Er ist zerbrechlich, wenn man ihn bricht; hart oder weich, wenn man in ihn eindringen will; schmelzbar, wenn Feuer dazu kommt; - und so gibt keine einzige Eigenschaft dasjenige an, was er, ganz ruhig gelassen, für sich selbst ist."

"Ein  unabhängiges  Dasein aller materiellen Teile erreichen wir im Denken niemals, solange wir die Teile erst durch die Teilung aus dem Teilbaren  hervorgehen  lassen; wie es doch der Begriff des Ausgedehnten, des Raumerfüllenden mit sich bringt. Wir erreichen demnach niemals das, was unserer Meinung nach, an der Materie wahrhaft  ist;  denn wir kommen nicht zu  allen  Teilen, nie zu den  letzten  Teilen, weil wir die Unendlichkeit der aufgegebenen Teilung sonst überspringen müßten."

"Wollen wir versuchen, von einem Einfachen auszugehen, und aus ihm die Materie ebenso im Denken zusammenzusetzen, wie sie aus ihm wirklich bestehen mag: so fragt sich, wie viele Einfache wir wohl zusammen nehmen müßten, um von ihnen einen  endlichen  Raum anzufüllen? Die Geometrie verbietet uns sogar, den Raum aus Punkten, also das Raumerfüllende aus einfachen Teilen zu konstruieren. Es kann also die Materie gar nicht aus dem Einfachen bestehen, denn es gibt überall keinen Übergang vom Einfachen zum Ausgedehnten."

"Was geschehen ist, zeigt sich im Erfolg als ein endliches Quantum der Veränderung. Dieses Endliche soll die unendliche Menge dessen in sich fassen, was in allen Zeitteilchen nacheinander geschah. Das wirkliche Geschehen, aus dem sich der Erfolg zusammensetzt, zerfließt, wie klein wir es fassen mögen, immer wieder in ein Vorher, ein Nachher, eine Mitte zwischen beiden; es ist immer selbst schon Erfolg, also  kein  wirkliches Geschehen. Unsere Vorstellung vom Geschehen also ist ein Wahn, denn je mehr wir sie zergliedern, desto deutlicher sehen wir, daß sie ihren eigentlichen Gegenstand nicht enthält, sondern vergebens sucht und nur darum sucht, damit Unendlich-Vieles in endliche Grenzen eingeschlossen wird."


Erstes Kapitel
Nachweisung der gegebenen, und zugleich
widersprechenden Grundbegriffe


§ 1.

Die gleich zu Anfang aufgestellten Zweifel haben schon den Glauben wankend gemacht, als ob unsere Erfahrung, so wie sie im gemeinen Verstand vorgefunden und durch empirische Wissenschaften erweitert wird, ein zuverlässiges Wissen darböte. Es ist jetzt notwendig, einen schärferen Blick auf das Obige zurückzuwenden, damit fürs erste der Zweifel sich in eine bestimmte Kenntnis der metaphysischen Probleme verwandelt.

Außer der Kenntnis der Probleme soll auch noch eine Leichtigkeit gewonnen werdne, den langen Weg der Untersuchung, wodurch die Probleme gelöst werden, ohne Ermüdung zurückzulegen. Schon deshalb würde eine vorbereitende, mehrseitige Beschäftigung mit den metaphysischen Gegenständen anzuraten sein; wenn es auch nicht Pflicht wäre, die beschränkende Angewöhnung an die Vorstellungsarten eines einzigen Systems zu vermeiden.
    Anmerkung.  Die scholastische Philosophie, die sich in den Schriften der  Wolffischen  Periode noch größtenteils wiederfindet, hatte die eigentlichen Anfänge der Spekulation  verloren  über einer Tradition aus alter Zeit, deren Ursprung sie nicht begriff; und  Kant  ließ bei seinem  kritischen  Geschäft manche  vorgefundene  Irrtümer stehen.  Platon  und die Eleaten, in ihrem Streit gegen die Lehren vom beständigen Fluß der Dinge, und  Fichte  in unserer Zeit, haben Widersprüche nachgewiesen, jene in den Formen der äußeren, dieser in denen der inneren Erfahrung.  Hier  sind die verlorenen und oft verkannten Anfänge der Metaphysik.

    Aber (so wendet man ein),  wie können denn die Erfahrungsbegriffe wirklich gedacht und von Jedermann gedacht werden, die unmöglich sind, die sich widersprechen? - Es ist seltsam, daß ein solcher Einwurf ernsthaft vorgebracht werden kann von Männern, deren jeder vielmals seinen Gegner gesucht hat  ad absurdum  zu führen. Der Gegner könnte sagen:  was ich wirklich denke, das muß denkbar, also kann es nicht absurd sein.  Auf diese Weise wären alle Irrtümer gerechtfertigt. - Und wäre man denn verlegen um die Antwort, die einem solchen Gegner gebührt? Man würde ihn auf sein  dunkles, verworrenes  Denken aufmerksam machen, in welchem er die widerstreitenden Merkmale nicht gesondert, also nicht verglichen hatte; gleich einem Träumenden, der das Ungereimteste  wirklich  träumt, beim Aufwachen aber diese Wirklichkeit keineswegs für einen Beweis von der  Denkbarkeit  des Geträumten hält.

§ 2.

Die erhobenen Zweifel waren von zweierlei Art. Die ersteren traten der Meinung entgegen, als ob wir durch die Sinne eine Kenntnis von der wahren Beschaffenheit der Dinge zu erlangen hoffen dürften. Die folgenden betrafen die Form der Erfahrung, und es wurde der Verdacht erregt, daß diese Form überhaupt nicht gegeben, sondern ersonnen ist.
In Anbetracht des Ersten wird sich leicht der Zweifel in die Gewißheit verwandeln lassen, daß wir das  Was  der Dinge nicht erkennen, wenigstens nicht auf dem Weg einer, auch noch so weit fortgesetzten Erfahrung und Beobachtung. Dazu gehört nur eine bestimmtere Erneuerung der schon oben angedeuteten Reflexionen.

Was hingegen die Formen der Erfahrung betrifft: so ist eben die Konsequenz, mit welcher oben die sämtlichen Formen zugleich angegriffen sind, das sicherste Heilmittel gegen diese Art des Zweifels. Man erträgt es allenfalls, die eine oder die andere Form, z. B. der Kausalität oder der Zweckmäßigkeit, ernsthaft unter Verdacht zu stellen: wer sich aber auf einen Augenblick überwinden wollte, sich alle seine einfachen Empfindungen als eine völlig formlose, chaotische Masse vorzustellen, den würde sehr bald die Notwendigkeit, ihnen die längst bekannten Formen von neuem beizulegen, von allen Seiten ergreifen; und es würde vom vorigen Zweifel nichts anderes als die sehr gerechte Verwunderung übrig bleiben:  wie es möglich ist,  so mannigfaltige Formen jeden Augenblick wirklich wahrzunehmen, die doch in der Tat weder für sich allein, noch in der Materie des  Gegebenen  können angetroffen werden. - Indem man nun diese, allerdings schwierige, aber  die Grundlage der Metaphysik gar nicht berührende,  vielmehr lediglich psychologische Frage noch auf lange hin beiseite setzt; indem man zugleich zur festen Anerkennung der Tatsache zurückkehrt,  daß  die Formen gegeben,  und für jeden einzelnen sinnlichen  Gegenstand auf eine  ihm eigene, bestimmte Weise  gegeben sind: findet man sich dadurch zuvörderst wieder auf den Standpunkt der gemeinen Weltansicht zurückversetzt; allein es wird sich zeigen, daß uns Begriffe durch die Erfahrung wirklich aufgedrängt werden, welche sich dennoch  nicht denken lassen;  daß wir das Gegebene nicht als ein solches  behalten  können, als welches es sich vorfindet, daß wir folglich, da das Gegebene sich nicht wegwerfen läßt, es im Denken umarbeiten, es einer notwendigen Veränderung unterwerfen müssen: welches eben die Absicht der Metaphysik ist.
    Anmerkung.  Sehr viele Menschen bleiben während ihres ganzen Lebens auf dem Standpunkt der gemeinen Erfahrung; andere erheben sich darüber mehr oder weniger; die meisten finden eine materielle, veränderliche Welt, ja den Wechsel in ihrer eigenen Person, ganz ohne Anstoß begreiflich. In diesem Sinne ist es wahr, daß Erfahrung nicht auf eine erste Ursache, ebensowenig auf Selbstbestimmung, ebensowenig auf ein absolutes Werden hinführt, noch auf irgendeine andere von den hier zu behandelnden Vorstellungsarten der Spekulation. Wer nicht denkt, für den bleibt vieles denkbar, was für den Denker undenkbar ist; und die Erfahrung führt ihn nicht darüber hinaus. Selbst sehr vorzüglichen Geistern ist es begegnet, daß sie  den Anfang  ihrer Gedanken aus den Augen verloren, und sich nicht wieder darauf besinnen konnten.

    Daraus hat sich erst eine Verwunderung, woher doch die spekulativen Begriffe stammen möchten? - und allmählich eine immer festere Behauptung gebildet, es gebe noch eine  andere Quelle des Wissens unabhängig von der Erfahrung, und was aus beiden kommt, das stimmt nicht durchgehend zusammen, sondern aus der Mischung sind allerlei Mißhelligkeiten entsprungen. Darauf hat man dann auch die hier im Folgenden anzugebenden Widersprüche gedeutet; ohne übrigens sich auf eine pünktliche Untersuchung einzulassen.

§ 3.

Das  Was  der Dinge wird uns durch die Sinne nicht bekannt. Denn
    Erstens:  die sämtlichen, in der Wahrnehmung gegebenen Eigenschaften der Dinge sind  relativ Die Umstände mischen sich nicht bloß  ein  in die Wahrnehmung, sondern  bestimmen  sie  dergestalt,  daß die Dinge diese Eigenschaften ohne diese zufälligen Umstände gar nicht haben würden. Ein Körper hat Farbe; aber nicht ohne Licht: Was ist nun diese Eigenschaft im Dunkeln? Er klingt; aber nicht ohne Luft: was ist diese Eigenschaft im luftleeren Raum? Er ist schwer; aber nur auf der Erde; auf der Sonne wäre seine Schwere größer; im unendlichen Raum wäre sie nicht mehr vorhanden. Er ist zerbrechlich, wenn man ihn bricht; hart oder weich, wenn man in ihn eindringen will; schmelzbar, wenn Feuer dazu kommt; - und so gibt keine einzige Eigenschaft dasjenige an, was er, ganz ruhig gelassen, für sich selbst ist.

    Zweitens:  die Mehrheit der Eigenschaften verträgt sich nicht mit der Einheit des Gegenstandes. Wer auf die Frage:  was  ist dieses Ding? antworten will, der antwortet durch die Summe seiner Kennzeichen; nach der Formel: dieses Ding ist  a  und  b  und  c  und  d  und  e.  Wollte man diese Antwort buchstäblich nehmen, so wäre sie ungereimt, denn die Rede war von  einem,  also nicht von  vielem,  das bloß in ine Summe sich zusammenfassen, aber zu keiner Einheit sich verschmelzen läßt. Aber man soll die Antwort so verstehen, das Ding sei der Besitzer jener Eigenschaften, und an denselben zu erkennen. Eben darum nun, weil man es erkennen muß an dem, was es  hat,  und nicht durch das, was es  ist:  sieht man sich gezwungen zu gestehen, daß das Ding selbst, der Besitzer jener Kennzeichen, unbekannt bleibt.
Diese Betrachtung aber ist selbst nur die Vorbereitung zu einer anderen, die bald folgen wird (in § 7).


§ 4.

Wäre es auch unbegreiflich wie wir Gestalt,Größe, Solidität der Körper, samt dem Vorher und Nachher der Ereignisse, erkennen mögen: steht dennoch alles in bestimmten räumlichen und zeitlichen Begrenzungen vor uns, die wir zwar wohl durch Abstraktion ganz hinwegheben, aber durch keine willkürliches Vorstellen so umwandeln können, daß uns jetzt andere und entgegengesetzte Begrenzungen statt der vorigen erschienen. Auch ist uns unmöglich, die Körper für bloße Oberflächen zu halten, denn sie erscheinen und als  Etwas  (das Erscheinende ist positiv bestimmt); unter einer Fläche aber verstehen wir eine bloße Grenze (die sich nur durch Negation denken läßt); so daß wir genötigt sind, das Etwas als ein Ausgedehntes, Solides, zwischen die Oberflächen hineinzudenken.

Allein dieses Denken ist nicht einig mit sich selbst. Das Ausgedehnte soll sich dehnen durch viele , verschiedene, auseinander liegende Teile des Raums; hier erinnert schon der Ausdruck, daß Eins, welches sich dehnt, dasselbe sein soll mit dem Vielen, worin es durch die Dehnung zerreißt. Indem wir  Materie  denken, beginnen wir eine Teilung, die wir ins Unendliche fortsetzen müssen, weil jeder Teil noch als ein Ausgedehntes gedacht werden soll. Eine bestimmte Angabe dessen, was wir eigentlich gedacht haben, ist hier unmöglich; denn unsere Vorstellung der Materie ist jederzeit noch im Werden begriffen, sie wird niemals fertig. Wir begnügen uns also mit der allgemeinen Formel, und erklären die Materie für das, was immer noch weiter geteilt werden kann.

Nun ist zwar offenbar, daß wir im Denken von der Einheit (dem Teilbaren) angefangen haben, und zum Vielen (den Teilen) allmählich fortgeschritten sind. Dennoch liegt es nicht im Begriff der Materie, daß das wirkliche Ding, der Körper, auch so aus einer zerfließenden Einheit erst erzeugt wird, sondern daß es vorhanden ist ohne eine Vermehrung der Teile; vorhanden als die Summe  aller  Teile, deren jeder für sich bestehen kann, unabhängig von den übrigen Teilen; welches gerade die Teilung selbst beweisen wird. Denn man kann teilen wo und wie vielfach man will; immer wird das Getrennte gerade dasselbe sein und bleiben, wie zuvor in der ihm völlig zufälligen Anhäufung.

Dieses  unabhängige  Dasein aller materiellen Teile nun erreichen wir im Denken niemals, solange wir die Teile erst durch die Teilung aus dem Teilbaren  hervorgehen  lassen; wie es doch der Begriff des Ausgedehnten, des Raumerfüllenden mit sich bringt. Wir erreichen demnach niemals das, was unserer Meinung nach, an der Materie wahrhaft  ist;  denn wir kommen nicht zu  allen  Teilen, nie zu den  letzten  Teilen, weil wir die Unendlichkeit der aufgegebenen Teilung sonst überspringen müßten.
    Anmerkung.  Es ist der Mühe wert, den Gegenstand etwas ausführlicher darzustellen, und die Begriffe mehr zu entwickeln. - Es reicht nicht au, daß man sich das Teilen als eine endlose Arbeit vorstellt. Vielmehr, noch ehe man durch den vorliegenden Klumpen den ersten, bestimmten Schnitt durchführt, liegt die unendliche Möglichkeit zutage, daß man diesen nämlichen Schnitt auf unendlich vielfache Weise  anders  durchführen könnte. Hiermit ist wirklich die ganze, unendliche Teilung auf einmal vollzogen; und man hat die letzten Teile erreicht, nämlich in Gedanken, worauf es allein ankam. Aber, indem man sich die Frage vorlegt:  was sind nun diese Teile?  erfolgt die Antwort: jeder Teil muß gleichartig sein dem als gleichartig gedachten Ganzen. Es ist aber eben insonfern als gleichartig gedacht worden, sofern dasselbe Materie ist, um deren Qualität man sich übrigens hier nicht kümmert. Also: jeder Teil ist wiederum Materie. Demnach ist er ausgedehnt; und kann wiederum geteilt werden. Durch diese Betrachtung wird nun die vorige Voraussetzung der schon fertigen Teilung umgestoßen; man beginnt von neuem zu teilen, und gerät hiermit in einen Zirkel, der keinen Ruhepunkt darbietet. Daraus sollte man nun sogleich schließen, wie schon  Leibniz  schloß: es ist falsch, daß Materie zuletzt wieder aus Materie besteht; ihre wahren Bestandteile sind einfach. Und so ist des der Wahrheit gemäß. Aber diese Wahrheit verstand selbst  Leibniz  nicht festzuhalten; und  Kant  versuchte es nicht einmal; aus einem geometrischen Grund, der hier sogleich folgt.
Wollen wir rückwärts versuchen, von einem Einfachen auszugehen, und aus ihm die Materie ebenso im Denken zusammenzusetzen, wie sie aus ihm wirklich bestehen mag: so fragt sich, wie viele Einfache wir wohl zusammen nehmen müßten, um von ihnen einen  endlichen  Raum anzufüllen? Offenbar müßte die vorige Unendlichkeit jetzt rückwärts übersprungen werden; denn wir haben hier nur eine Zusammensetzung anstatt der vorigen Teilung. - Aber die Geometrie verbietet uns sogar, den Raum aus Punkten, also das Raumerfüllende aus einfachen Teilen zu konstruieren. Es kann also die Materie gar nicht aus dem Einfachen bestehen, denn es gibt überall keinen Übergang vom Einfachen zum Ausgedehnten.

Wenn das wahr ist, und sich hier in die Anwendung der Geometrie nicht irgendein Mißverständnis einmischt: so haben wir nun in der Materie den doppelten, vollständigen Widerspruch:  erstens,  einer endlichen Größße, welche  eine Menge  unendlich vieler Teile ist;  zweitens,  eines Etwas, welches wir uns als ein Reales vorstellen, obgleich wir das wahrhaft für sich bestehende Reale (die letzten Teile) nie erreichen, vielmehr immer an der ihm zufälligen, nichtigen Form der Aggregation kleben bleiben, ja sogar aus dem vorausgesetzten Realen zu einem erscheinenden Etwas im Denken niemals zurückkehren können. - Ein endliches Reales meinten wir zu haben, indem wir Materie sahen und fühlten; die Unendlichkeit schiebt sich in das Endliche hinein, und doch kann sie den endlichen Umfang nicht vergrößern; die Realität weicht zurück, sie verliert sich im Unendlichkleinen, und wenn sie selbst da noch wäre, wir könnten sie ebensowenig als Grundlage des vor uns stehenden Realen gebrauchen, da wir wenig geneigt sind, diese Realität fahren zu lassen, und die Materie zum bloßen Schein zu erklären.

Wenn nun auch  die  Philoosphen Recht hätten, welche der Materie eine endlose Füllen von Teilen ernsthaft zugestehen, sie selbst aber dagegen als bloße  Erscheinung  (einen beständigen, gesetzmäßigen Schein) erklärt haben: so wäre eben damit bewiesen, daß man den gemeinen Erfahrungsbegriff der Materie einer Veränderung im Denken hat unterwerfen müssen.
    Anmerkung.  Der Verdacht, daß sich hier in die Anwendung der Geometrie auf die raumerfüllende Materie ein Mißverständnis einmischt, ist begründet. Der Nachweis davon gehört nicht hierher; wohl aber ist hier der Ort, an die (im § absichtlich übergangene)  veränderliche Dichte  der Materie zu erinnern. Diese tritt in unserer heutigen Chemie so auffallend hervor, daß schon die Erfahrung auf den Gedanken führen sollte, die Materie sei kein  bestimmtes  räumliches Quantum, also möge wohl dem Realen, was ihr zugrunde liegt, die Räumlichkeit überhaupt nicht wesentlich zugehören. Die Alten waren in Betrachtungen dieser Art nicht geübt, weil ihnen die Tatsachen fehlten. Daher findet  Sextus Empiricus  (Pyrrh. Hyp. III, 6) es ungereimt, daß ein Becher Schierlingssagt mit zehn Bechern Wasser gemischt, sich darin gleichmäßig verteilt, also einen zehnfach größeren Raum einnimmt, als ihm zukommt.
Andere Schwierigkeiten findet SEXTUS in der  Berührung;  und auch dieser Gegenstand muß durchdacht werden. Die Berührung soll keine Durchdringung sein, weder des Ganzen, noch einiger Teile; auch nicht der Oberflächen. Und wenn man der Oberfläche zwei Seiten gibt,  eine,  an welcher die Berührung geschieht, eine  andere  entgegengesetzte, mit welcher sie gegen den Körper gekehrt ist, dem sie zugehört; wie wird man vermeiden, ihr eine Dicke zu geben? - Für denjenigen, der die metaphysischen und psychologischen Untersuchungen über die Reihenformen  als Produkte unseres Vorstellens  noch nicht kennt: verwickeln sich diese Betrachtungen noch mehr durch die  Berührungen höherer Ordnungen  in der neueren Geometrie; und durch die Anziehungen glatt geschliffener Körper. - Die Auflösung des Rätsels wird hier, (und ebenso in den folgenden Paragraphen) deswegen noch verschwiegen, weil man sie hier noch nicht verstehen, und ebensowenig brauchen kann; denn dazu gehören gerade die Kenntnisse, welche man aus diesem und den folgenden Kapiteln erst schöpfen, und untereinander verbinden soll. Übrigens bemerke man gleich hier, daß, wiewohl sich die Materie in Anbetracht ihrer Gestaltung sehr vieles gefallen läßt (beim Drücken, Drehen, Hämmern, usw.), doch jede Materie, bei  freiem  Erstarren, eine ihr eigene,  bestimmte Gestalt  annimmt, wovon die Kristallisationen und der Bruch der Mineralien  schon im Reich des Unorganischen, auf andere Weise aber der Bau der Organismen,  die Proben liefern. Ausführlich wird davon in der Metaphysik und Naturphilosophie gehandelt ("Metaphysik II, § 267f).


§ 5.

Dieselben Betrachtungen, wie vom Realen im Raum, gelten vom Geschehen in der Zeit.

Zuerst:  Wenn in Anbetracht der  Zeit selbst,  jemand fragt, wieviele Teile ein gegebenes Quantum derselben in sich faßt: wir würden darauf ebensowenig zu antworten wissen, als auf die Frage, wieviele auseinander liegende Stellen ein gegebenes Quantum des Raums in sich schließt? Die Geometer antworten, daß Zeit und Raum ins Unendliche teilbar sind. - Ferner, die Erfüllung der Zeit durch das Geschehen und durch die Dauer erfordert noch offenbarer, als beim Raum, daß auf das Erfüllende die Unterscheidung der unendlich vielen Zeitteilchen übertragen wird; denn der Raum gestattet dem Körper, der ihn erfüllt, leere Zwischenräume, aber ähnliche leere Zwischenzeiten würden die Vernichtung und das Wiederentsehen dessen bezeichnen, was in der Dauer und dem Geschehen begriffen ist.

Was geschieht, nimmt die Zeit ein; es ist in derselben gleichsam ausgedehnt. Was geschehen ist, zeigt sich im Erfolg als ein endliches Quantum der Veränderung. Dieses Endliche soll die unendliche Menge dessen in sich fassen, was in allen Zeitteilchen nacheinander geschah. Das wirkliche Geschehen, aus dem sich der Erfolg zusammensetzt, zerfließt, wie klein wir es fassen mögen, immer wieder in ein Vorher, ein Nachher, eine Mitte zwischen beiden; es ist immer selbst schon Erfolg, also  kein  wirkliches Geschehen. Aus einfachen Veränderungen die ganze Veränderung zusammenzusetzen, verbietet man uns, wie aus einfachen Zeitpunkten die Zeit zu konstruieren. Unsere Vorstellung vom Geschehen also ist ein Wahn, denn je mehr wir sie zergliedern, desto deutlicher sehen wir, daß sie ihren eigentlichen Gegenstand nicht enthält, sondern vergebens sucht und nur darum sucht, damit Unendlich-Vieles in endliche Grenzen eingeschlossen wird.


§ 6.

Wie das Unendlich-Kleine, so hat auch das Unendlich-Große in Zeit und Raum seine Schwierigkeiten. Zwar im Hinblick auf die Zeit und den Raum selbst sind dergleichen Schwierigkeiten nur eingebildet, und sie können höchstens entstehen, wenn man sich selbst die gemeine und richtige Vorstellungsart verdirbt, nach welcher Zeit und Raum, als leere Formen, bloß die Möglichkeit anzeigen, daß in beliebigen Distanzen ein Dasein und Geschehen angetroffen werden kann. Das Leere kann dieser Möglichkeit keine Grenzen setzen; daher müssen Zeit und Raum als unendliche Größen, jener von  einer,  dieser von drei Dimensionen, gedacht werden, jedoch mit gutem Bewußtsein, daß es Gedankendinge sind, die nur entstehen, indem  wir  jene Möglichkeit in ihrer ganzen Weite zu umfassen suchen; und die nichts mehr bedeuten, wenn abstrahiert wird von der Absicht, das Daseiende und das Geschehende in seinen gegebenen und denkbaren Grenzen aufzufassen.

Aber von der Welt hat man die Frage aufgeworfen, ob sie endlich oder unendlich ist in Zeit und Raum?`Und hier kann es ebenso schwer scheinen, Grenzen anzunehmen, jenseits deren nur das Leere, also kein Begrenzendes, mehr läge, als die wirklich vorhandenen Ding, die wirklich geschehenden Ereignisse, in unendliche, also unbestimmbare Weiten hinaus zu verfolgen. Doch die Mißverständnisse, welche sich dahinter verstecken, sind weniger bedeutend; und liegen überdies außerhalb des Kreises des Gegebenen, also der metaphysischen Prinzipien, mit denen wir es hier allein zu tun haben.
    Anmerkung.  Die Meinung, weil der Raum unendlich ist, muß es die Welt gleichfalls sein, ist alt.  Aristoteles  (Phys. III, 5, § 6) sagt ausdrücklich, ein jeder stößt auf die Frage: warum vielmehr hier, und nicht dort, im leeren Raum die Welt sein soll? daher scheint es, wenn irgendwo, so müsse die Materie allenthalben sein. - Es ist wohl überflüssig, vor diesem Schluß  vom Nichts auf das Etwas - vom leeren Raum auf die Welt - zu warnen. Der Schluß ist, wie auch  Aristoteles  im 13. Kapitel bemerkt, eine Übereilung; deren Widerlegung man nicht erst aus der Unterscheidung zwischen Phänomenen und Noumenen herholen muß. Auch würde eine solche Widerlegung nichts helfen. Denn die Materie ist zwar ihrer Form nach ein bloßes Phänomen, aber es liegt ihr das Reale zugrunde, welches nicht unendlich sein kann. Unendlichkeit ist ein Prädikat für Gedankendinge, mit deren Konstruktion wir niemals fertig werden. Daraus erkläre man sich den seltsam scheinenden Umstand, daß oft  ein  Unendliches größer ist als das andere, z. B. von einem Kreis mit unendlichem Radius ein Sektor das Doppelte des anderen; oder für  x = ∞, y = ∞,  wenn  ax = y2

§ 7.

In § 3 haben wir die Betrachtung der Dinge mit mehreren Merkmalen so weit geführt, daß der Begriff vom Ding selbst, als dem unbekannten Besitzer mehrerer Eigenschaften, zum Vorschein kam. Dahin treibt uns die zwar rätselhafte, aber dennoch unleugbare Form des Gegebenen, nach welcher die Materie desselben (die einfachen Empfindungen) nicht einzelnen, sondern in bestimmten Gruppen angetroffen wird. Denn obgleich gar kein  Band,  das die Merkmale zusammenhält, weder für sich allein, noch in und mit den Merkmalen wahrgenommen wird; so finden wir es dennoch unmöglich, das Gegebene so anzuschauen, als ob die Merkmale, aus ihren Gruppen heraustretend, andere neue Verbindungen eingingen, und dadurch neue sinnliche Dinge bildeten, in denen die Kennzeichen der gegenwärtigen Dinge untereinander vertauscht wären. Wir finden es schon schwer, von aller Gruppierung zu abstrahieren, und statt der Dinge die bloße Materie dessen, wodurch Dinge gegeben werden, uns vorzustellen; aber wenn wir vollends im willkürlichen Denken andere Komplexionen dieser Materie, als die bekannten und für gegeben gehaltenen, aussinnen wollen, dann empfinden wir den Widerstreit dieses willkürlichen Denkens mit der Anschauung; die letztere will sich jene ersonnenen Komplexionen nicht unterschieben lassen; wir finden uns gebunden,  nur  die bisherigen Komplexionen für gegeben gelten zu lassen, und das heißt ebensoviel wie: sie sind wirklich gegeben.

Ohne uns nun weiter mit der Frage zu beschäftigen,  wie  sie gegeben sind; kommt es hier vor allem darauf an, sich zu besinnen, daß wir die Dinge nur durch ihre Merkmale kennen, daß aber die mehreren Merkmale nur zusammen  ein  Ding bezeichnen, daß wir also gar nicht von Dingen reden, und nichts davon wissen würden, wenn nicht die Merkmale in ihren Komplexionen vor uns lägen. Es muß demnach der obige  Begriff  des Dings, als des unbekannten Besitzers der mehreren Eigenschaften, sich doch wenigstens mit der Mehrheit der Merkmale vertragen; damit der Anfang und das Ende unserer Vorstellung von einem Ding nicht miteinander in Streit geraten. Nun ist es schon ein schlimmes Zeichen, daß, wie wir gesehen haben, dieselben Merkmale, vermögen deren wir wissen,  daß  ein Ding da ist, gar nicht angeben können,  was  dasselbe Ding ist. Dadurch schon entfernt sich das Ding, (welches Eins sein soll,) von den vielen Merkmalen. - Aber aus der Forderung, das Ding solle die vielen Merkmale  besitzen,  entwickelt sich gar ein Widerspruch. Das  Besitzen  oder  Haben  der Merkmale muß auf was für eine Weise auch immer doch am Ende dem Ding  als etwas seiner Natur Eigentümliches, als eine Bestimmung seines Was, zugeschrieben werden:  denn  von ihm selbst  wird gesagt, daß es jene Vielen habe und besitze. Dieses Besitzen ist ein ebenso vielfaches, und ebenso verschiedenes, als die Eigenschaften, welche besessen werden. Es ist folglich ebensowenig wie sie fähig, zur Antwort zu dienen auf die einfache Frage:  was ist dieses Ding?  Diese Frage erfordert eine einfache Antwort; sie stößt jede Vielheit aus, mit der man sie würde beseitigen wollen; jeder Umschweif ist hier entweder eine Unwahrheit, oder doch eine Verzögerung der rechten Auskunft über dasjenige,  von dem  eigentlich gesagt wird, daß es  ist,  und Eigenschaften  hat,  die es in sich  vereinigt.  Können wir nun das vielfache Besitzen der vielen Eigenschaften nicht auf einen einfachen Begriff zurückführen, der sich ohne allen Unterschied mehrerer Merkmale denken läßt; so ist der Begriff vom Ding, dem wir doch diesen vielfachen Besitz als seine wahre Qualität beilegen müssen, weil wir es durch die vielen Merkmale kennen lernten, ein widersprechender Begriff; der einer Umarbeitung im Denken entgegensieht, weil er, als aus dem Gegebenen stammend, nicht verworfen werden kann.


§ 8.

Es folgt die Betrachtung des Kausalbegriffs in welcher gleich Anfangs verschiedene Grundgedanken gesondert werden müssen. - Es ist zwar gewiß, daß dieser  Begriff  nicht gegeben wird; er entsteht vielmehr in einem notwendigen Denken, wovon weiter unten ein Mehrers. Allein nichtsdestoweniger hat alle Kenntnis  bestimmter  Ursachen von bestimmten Wirkungen ihre Grundlage im Gegebenen; welche das bloße Auffinden einer Zeitfolge überschreitet. Die Zeitfolge ist nur Eine für Alles, was zugleich anfängt, geschieht, und aufhört; sie wiederholt sich niemals, denn es kann weder das Vergangene noch einmal gegenwärtig werden, noch verbinden sich jemals in einem folgenden Zeitpunkt  alle  Ereignisse genau so, wie in einem vorhergehenden. Aber die Erfahrung bringt und dahin, daß wir aus allem, was zugleich geschieht,  einiges  Vorhergehende herausheben, um es mit  einigem  Folgenden zu verbinden; und daß wir zwar alles  übrige,  gleichzeitig Vorhergehende, als für jenes bestimmte Folgende unbedeutend, und mit ihm nicht zusammenhängend ansehen, dagegen aber das herausgehobene Vorhergehende und Folgende als  unzertrennlich  betrachten. Noch mehr: diese herausgehobene Folge von Erscheinungen finden wir wieder; und erwarten sie wieder in der Zukunft; wir sehen die  Regel  der Folge an als eine bleibende, zum Wesen der Dinge gehörige, wie behaupten sogar, daß nichts Neues geschieht, indem eine solche Regel ihre Erscheinung wiederholt. - Fragen wir nun nach dem wahrgenomenen  Band,  welches die Unzertrennlichen zusammenhält, während es die zufälligen Nebenumstände zur Seite läßt: so vermissen wir freilich dessen Erscheinung; es ist weder für sich allein, noch in den Verbundenen sichtbar. Versuchen wir aber, statt des bisher angenommenen Bandes ein anderes unterzuschieben, - versuchen wir also, aus gewissen Vorzeichen andere Erfolge statt der bisherigen zu erwarten (als ob einerlei wäre,  welche  Ursachen man  welchen  Wirkungen zueignen will); - so finden wir uns auch hier genötigt, es beim Alten zu lassen. Denn die bisher beobachtete Stetigkeit in der Folge der Erscheinungen bleibt sich gleich; und die Möglichkeit eines verständigen und zweckmäßigen Handelns in der Welt beruth nach wie vor auf der Bedingung, daß wir diese Stetigkeit so genau wir nur möglich von allem zufälligen Zusammentreffen der Ereignisse zu unterscheiden und unsere Handlungsweise danach einzurichten uns bemühen. So müssen wir also auch hier das Band der Erscheinungen für ein gegebenes gelten lassen, wenn schon wir nicht begreifen,  wie  es gegeben sein kann.

Eine andere Überlegung muß mit der vorigen verbunden werden. Ganz abgesehen von Vorzeichen und Erfolgen (wir wir einstweilen statt Ursachen und Wirkungen, der Vorsicht wegen sagen können,) entdeckt sich uns eine merkwürdige Form im Gegebenen, die  Veränderung.  So gewiß uns Komplexionen von Merkmalen, die wir  Dinge  nennen (§ 7), erscheinen: ebenso gewiß nehmen wir wahr,, daß aus diesen Komplexionen Merkmale verschwinden, andere, oft jenen entgegengesetzte, sich einfinden; so daß das Ding, nach seinen Merkmalen beurteilt, nicht mehr dasselbe ist, wie zuvor.

Diese Veränderungen nun sind es eben, zu welchen wir Ursachen nicht bloß hinzudenken, sondern auch hinzusuchen; und nicht bloß suchen, sondern sehr häufig auch angedeutet finden durch die vorbemerkte Stetigkeit im Zusammenhang der Vorzeichen und Folgen.

Hier muß zweierlei, leicht zu Verwechselndes, genau unterschieden werden.  Erstens  eine gewisse, weiter zu erläuternde, Notwendigkeit im Denken, vermöge deren wir die Ursache der Veränderung suchen, und voraussetzen, auch wenn sie unbekannt ist und bleibt.  Zweitens  jene gegebene Unzertrennlichkeit der Vorzeichen und Folgen. Es trifft nun häufig das Gegebene zusammen mit der Notwendigkeit im Denken; wir halten alsdann die gefundenen Vorzeichen für die gesuchten Ursachen, die Erfolge für die Wirkungen, und so schmilzt der  gedachte  Zusammenhang mit dem  beobachteten  in Eins. Häufig aber fehlt zu dieser Voraussetzung die entsprechende Erfahrung; dann bleibt nichtsdestoweniger jene in Kraft, und nach dieser wird fortdauernd in der Beobachtung geforscht.

Jetzt werde aus dieser gesamten Exposition derjenige  Begriff  herausgehoben, an welchen sich die ganze Vorstellungsart lehnt. Es ist nicht der vom Zusammenhang der Vorzeichen und Erfolge; dieser wird vielmehr gedeutet auf den der Ursachen und Wirkungen. Es ist auch nicht der Begriff der Kausalität; dieser kommt erst hinzu, nachdem das Bedürfnis, Wirkungen aus Ursachen zu erklären, erregt ist. Sondern es ist der, mit dem Gegebenen sich unmittelbar aufdringende, Begriff der Veränderung. Indem die Veränderung angesehen wird als eine Wirkung, wird die Ursache in den stets begleitenden oder stets vorhergehenden Umständen gesucht.

Daß nun der Begriff der Veränderung einen Widerspruch enthält, läßt sich zwar leicht zeigen: allein die damit zusammenhängenden Betrachtungen sind so wichtig, daß ihnen das ganze folgende Kapitel gewidmet werden soll. Zuvor ist noch von der Verbindung aller Vorstellungen im Ich zu reden. Die Form der Zweckmäßigkeit aber kann hier füglich übergangen werden, da alles, was darüber zu sagen ist, in einen ganz anderen Zusammenhang gehört.


§ 9.

Unter den angegebenen skeptischen Vorstellungsarten scheint diejenige die schwächste zu sein, welche den gegebenen Zusammenhang der Vorstellungen im Bewußtsein leugnen will. Es ist zwar gewiß, daß Vorstellungen äußerer Dinge als solche nicht zugleich etwas Inneres darstellen; und daß unter den Merkmalen ihrer Gegenstände sich in der Regel nichts findet, was auf ihre Verbindung in unserem Innern hinweist. Allein unsere Vorstellungen selbst können wir uns von neuem vorstellen; wir können die Vorstellungen, die wir  uns  zuschreiben, von den vorgestellten Dingen unterscheiden; wir sind uns mannigfaltiger Tätigkeiten, welche auf dieselben Bezug haben, bewußt, als des Denkens, Wollens, der Aufregung unserer Gefühle, Begierden, Leidenschaften, durch die teils gegebenen, teils auch nur wiedererweckten Vorstellungen. Indem nun unser Inneres zum Schauplatz wird für so mancherlei auf demselben vorhergehende Veränderungen: haben wir von diesem Schauplatz wiederum eine Vorstellung, vermöge deren er nicht bloß die Form des Beisammenseins aller anderen Vorstellungen, sondern selbst ein realer Gegenstand ist; nämlich die Vorstellung  Ich mit welchem Wort das eigentümliche Selbstbewußtsein eines jeden sich ausspricht.

Von der Realität dieses Ich besitzen wir eine so starke, unmittelbare Überzeugung, daß, wie mit Recht bemerkt wurde, dieselbe in der Beteuerungsformel:  so wahr wie ich bin,  zum Maßstab aller anderen Gewißheit und Überzeugung gemacht wird.

Es kann sogar die nämliche Überzeugung noch sehr beträchtlich verstärkt, sie kann zum eigentlichen Mittelpunkt und Befestigungspunkt aller anderen Überzeugung erhoben werden. Dahin leiten gerade dieselben skeptischen Vorstellungsarten, welche oben entwickelt worden sind.

Zuvörderst fasse man die skeptische Nachweisung, daß die Formen der Erfahrung im wahrhaft gegebenen nicht angetroffen werden, zusammen mit der Überlegung, daß wir dennoch in ihrer Auffassung gebunden sind, und daß ohne sie unsere ganze Erfahrung sich in einen, nichtsbedeutenden Schein verwandeln würde. Wenn nun die Formen zwar nicht gegeben, aber dennoch vorhanden sind: woher könnten sie ihren Ursprung nehmen?, als in unserem eigenen Inneren? - Hieraus entsteht die Ansicht, unser gesamtes Wissen beruhe zwar im Hinblick auf die einfachen sinnlichen Empfindungen auf etwas Äußerem, das heißt, auf etwas uns Fremdem, von uns Unabhängigen; allein es beruth ebenso sehr auf den formalen Bestimmungen (des Raums, der Zeit, der Begriffe von Substanz und Ursache usw.), welche  wir  selbst nach gewissen Gesetzen unseres Auffassens und Denkens an jener Materie des Gegebenen unwillkürlich erzeugen. Das  Recht  zu dieser Art des Auffassens und Denkens liegt in der  Notwendigkeit  und  Gesetzmäßigkeit  derselben; aber weil eben diese Notwendigkeit gänzlich in uns selbst begründet ist, so kann man auch das auf diesem Weg entstandene Wissen gar nicht für eine Kenntnis wirklich außerhalb von uns vorhandener Gegenstände halten. Es ist deshalb keine Kenntnis von Dingen-ansich, sondern nur von Erscheinungen möglich. Was aber jenes Äußere, Fremde, von uns Unabhängige anlangt, von welchem die Materie des Gegebenen herrühren mag, so muß der Begriff desselben weiter nicht bestimmt werden, indem jeder Versuch, denselben im Nachdenken zu verfolgen, nur vergeblich ausfallen kann.

So scharfsinnig nun auch diese Ansicht, und so nachdrücklich sie unterstützt ist durch die Autorität eines wahrhaft großen Denkers; so konnte doch nicht unbemerkt bleiben, daß es ihr an innerer Vollendung mangelt. Es ist nämlich schon zuviel gesagt, daß die Materie des Gegebenen von etwas Fremdem herrühren mag. Das Fremde ist keineswegs gegeben, es ist  hinzugedacht  auf eben die Weise,  wie wir überhaupt zu dem, was geschieht, Ursachen hinzuzudenken pflegen.  Es gehört also selbst zu den Vorstellungsarten, die wir nach den Gesetzen unseres Denkens bilden, und die keine von uns unabhängige Realität haben.  Wir können überhaupt gar nicht aus unserem Vorstellungskreis herausgehen,  wir haben gar keinen Gegenstand des Wissens als unsere Vorstellungen und uns selbst; und die ganze Anstrengungen unseres Denkens kann nur darauf gerichtet sein, daß uns der notwendige Zusammenhang des Selbstbewußtseins mit den Vorstellungen einer äußeren Welt in allen Punkten klar wird.

Diese Behauptung des strengen Idealismus hebt demnach das  Ich,  als das einzige Reale hervor,  dessen  Vorstellung all das Übrige ist, was man für real gehalten hat oder noch halten wird. An die Stelle der Untersuchung über Dinge, deren Eigenschaften und Kräfte, setzt sie die Untersuchung, nach welchen Gesetzen des Anschauens und Denkens wir dazu kommen, Dinge und einen Zusammenhang derselben anzunehmen. Das Prinzip aber für diese Untersuchung ist der Begriff des Ich selbst, höchstens noch mit Beifügung der ursprünglich vorgefundenen Bestimmung, daß das Ich nicht bloß Sich, sondern auch alles Nicht-Ich,  setzt,  d. h. als real vorstellt.

Wie fremdartig nun diese Betrachtung den vorhergehenden scheinen mag: so gehört sie dennoch ganz in die gleiche Reihe mit jenen. Das Ich, samt seinem Setzen des mannigfaltigen Nicht-Ich, ist ein unleugbar  Gegebenes,  d. h. vor allem Philosophieren  Vorgefundenes;  es ist ein Datum zur Untersuchung. Aber noch mehr: es ist auch ein  Prinzip  der Untersuchung in dem früher angegebenen Sinne. Denn dieser gegebene Begriff ist voll der härtesten Widersprüche; er kann demnach so, wie er vorgefunden wird, im Denken nicht bestehen; viel weniger ist er imstande, das System der Metaphysik, oder gar der ganzen Philosophie, nach der Absicht des Idealismus zu tragen. Ohne die Widersprüche hier ganz auseinanderzusetzen, welches zu weitläufig wäre, müssen wir als Probe Folgendes bemerken:
    1) Sofern das Ich als Urquell all unserer, höchst mannigfaltigen Vorstellungen angesehen wird (welche Mannigfaltigkeit, ungeachtet des vorhandenen Zusammenhangs, doch auch ein absolut Vieles enthält): muß dem Ich eine ursprüngliche Vielheit von Bestimmungen beigelegt werden; auf ähnliche Art, wie einem Ding, als dem unbekannten Besitzer mehrerer Eigenschaften, ein vielfaches Besitzen zuzuschreiben ist (§ 7). Damit verfällt das Ich in den nämlichen, oben nachgewiesenen Widerspruch; welcher hier sogar noch fühlbarer ist, weil das Selbstbewußtsein das Ich als ein völliges Eins darzustellen scheint.

    2) Wenn wir uns genau fragen,  was  oder  wen  wir eigentlich vorstellen, indem wir Uns selbst denken: so muß zuvörderst das Individuum vom reinen Ich geschieden werden. Das Individuum, - der Mensch mit allen seinen Bestimmungen, - erscheint als ein Ding unter der Zahl der übrigen Dinge, als ein Teil der Welt. Von der ganzen Welt aber ist gesagt worden, sie sei nur Erscheinung im Ich. Dieses letztere Ich, welches das Vorstellende ist zu sich selbst, dem Inidividuum, gerade so wie zur übrigen Welt; wie kennt es sich selbst? - Hier ist eine neue Unterscheidung nötig. Es kennt sich teils als vorstellend die Welt (zu welcher seine eigene Individualität mit gehört), teils aber als sich selbst vorstellend. Allein als die Welt vorstellend mag es eine vorstellende Kraft überhaupt sein; es ist jedoch insofern noch nicht wahrhaft Ich, welcher Begriff bloß das in sich zurückgehende Selbstbewußtsein bezeichnet. Das reine Selbstbewußtsein nun also,  wen  stellt es eigentlich vor? Das Ich stellt vor Sich, d. h. sein Ich, d. h. sein Sich vorstellen; d. h. sein Sich als Sich vorstellend vorstellen usw. Das alles läuft ins Unendliche. Man erkäre jedesamal das  Sich  durch  sein Ich,  und dieses  Ich  wiederum durch das  Sich vorstelle,  so wird man eine unendliche Reihe erhalten, aber nimmermehr eine Antwort auf die vorgelegte Frage, die sich vielmehr bei jedem Schritt wiederholt. Das Ich ist also ein Vorstellen ohne Vorgestelltes; ein offenbarer Widerspruch.
Wollte man demselben dadurch ausweichen, daß man sagt, das Ich stelle Sich als vorstellend die Welt: so wäre der Begriff des Ich schon aufgehoben. Denn in dieser Antwort dient zum Gegenstand diejenige vorstellende Tätigkeit oder Kraft, welche die Welt vorstellt; das ist aber nicht dieselbe mit dem Vorstellen seiner selbst; also würde hier das Ich sich vorstellen als das was nicht Ich ist. Oder wollte man dennoch sagen, beides ist dasselbe; nämlich es sein nur  eine  Kraft, welche sowohl sich als auch die Welt vorstellt: so würde auf die Frage:  was  ist die Eine? eine zweifache Antwort erfolgen: man würde zu einer  unbekannten  Einheit, gleichsam einer gemeinschaftlichen Wurzel für beiderlei Vorstellen seine Zuflucht nehmen, - und am Ende dennoch bekennen müssen, daß also das Ich für sich selbst unbekannt ist, daß es keineswegs die Vorstellung von sich selbst besitzt, - mithin kein Ich ist.

Weit entfernt also, daß der Idealismus eine feste Grundlage für alles Wissen abgeben sollte, fehlt es ihm vielmehr selbst an der Grundlage. Er dient aber dazu, uns mit neuen Problemen bekannt zu machen, nämlich mit denen, die im Begriff des Ich liegen und an denselben geknüpft sind.

Nachdem diese Ansicht einmal gefaßt wurde, wird es nicht nötig sein, in der gegenwärtigen Einleitung noch weiterhin, außer bei vorkommender Gelegenheit, den Idealismus zu erwähnen. Wie verführerisch derselbe aber für diejenigen habe sein müssen, welche die mannigfaltigen Schwierigkeiten realistischer Behauptungen wohl kannten: dies wird sich aus dem Folgenden immer mehr erhellen.
     Anmerkung.  Wenn die Untersuchungen über das Ich, deren Anfang hier angedeutet wurde, gehörig verfolgt werden: so öffnet sich der Eingang in die spekulative Psychologie, wovon weiter unten mehr. Und diesen Weg hätte nach  Kant  und  Fichte  die Philosophie gehen sollen. Bei  Fichte  stand der Idealismus auf seiner Spitze; von dieser hätte er müssen gerade herunterfallen, und sich selbst zerstören. Allein man war in eine allzuheftige Bewegung geraten; man glaubte, das Fundament aller Wissenschaften reformieren zu können; sie alle sollten dem Idealismus untertan werden. Es ist bekannt, daß Revolutionen nicht in der Richtung zu enden pflegen, in der sie beginnen; dasselbe gilt von der Revolutionsperiode der Philosophie.
LITERATUR - Johann Friedrich Herbart, Schriften zur Einleitung in die Philosophie, Leipzig 1850