cr-4F. M. MüllerG. RunzeO. Gruppe    
 
CONRAD HERMANN
(1819 - 1897)
Philosophische Grammatik
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"Alles Logische ist immer zugleich ein Syntaktisches."

"Wir sind überhaupt bald dahin gelangt, daß das Wissen aus der Erfahrung der Gegensatz und der Tod ist für das Denken; die Rache dieses letzteren und die Rückkehr desselben in seine richtige Stellung wird nicht ausbleiben; nur darf unwissenschaftliche Spitzfindigkeit nicht mit wirklicher Philosophie verwechselt werden."

"Die Anstalt für die Ordnung aller geselligen Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens, insofern dieselben von realer oder äußerlich tatsächlicher Natur sind, ist das Recht; daher sind das Recht und die Sprache diejenigen beiden Glieder oder Institute auf welchen die ganze Einrichtung des menschlichen Lebens zunächst und als solchen beruth; die Entwicklung von beiden ist eine durchaus notwendige und naturgemäße und es ist durch den Besitz von beiden gleichmäßig das menschliche Leben von der bloßen und rohen Gewalt des tierischen Empfindens unterschieden."


Die Sprache in der Geschichte

Von einer Geschichte der philosophischen Grammatik oder Sprachwissenschaft wird nicht wohl die Rede sein können. Gedanken über die Sprache hat man sich zwar zu allen Zeiten gemacht, aber teils waren dieselben überhaupt unwissenschaftlich, teils sind sie durch neuere erfahrungsmäßige Forschungen widerlegt und berichtigt worden. Das Philosophische aber welches in der Behandlung der gewöhnlichen oder gegebenen Grammatik liegt, gehört nur weniger hierher, da dieses die Sprache überhaupt und näher eine bestimmte Sprache immer zu seiner Voraussetzung hat, während gerade die Frage nach dieser letzteren als solcher oder nach dem ganzen Prinzip ihres Wesens und ihrer Entstehung den Ausgangspunkt für eine rein philosophische oder allgemeine Grammatik zu bilden hat. Bloße oder abstrakte Sprachphilosophie aber ist auf der anderen Seite noch etwas Verschiedenes von dieser letzteren; dieselbe ist erst dann vollkommen, wenn sie sich zum Umfang einer solchen, d. h. zur organischen Konstrukton des ganzen Systems der Gesetze und Einrichtungen der Sprache erweitert. Durch die neuere empirische Wissenschaft ist alles reine Denken über die Sprache als etwas Unwissenschaftliches verdächtigt worden. Die bloße Empirie allein aber ist noch nie die vollendete Wissenschaft; dieselbe glaubt, da sie für ihre besonderen Zwecke des freien Gedankens nicht bedarf, in diesem überhaupt etwas Verkehrtes und Haltungsloses erblicken zu müssen; seinerseits dagegen hat der Gedanke der Erfahrung immer von Neuem zu zeigen, daß und wozu sie seiner bedarf. Das Erkennen aus dem Begriff ist Zweck ansich; dieses Erkennen ist dann wahrhaft, wenn es ihm gelingt in das Einzelne des Stoffs selbst den Eingang zu finden und sich in dem ganzen Umfang von diesem nach seiner eigenen Regel zu orientieren. Nur dieses aber ist wahrer und für die Wissenschaft überhaupt wesentlicher Gewinn, während die Fülle des Einzelnen als solche noch den Gedanken von sich ausschließt oder das diesem entgegengesetzte Elemente des Erkennens ist. Daher muß in seinem Eingehen auf letzteres der Gedanke zugleich von Anfang an eine gewisse Streng walten oder sich in der Ableitung seiner an und für sich notwendigen Bestimmungen nicht durch manchen anscheinenden Widerspruch der vielfach spröden und ungefügen Natur des Einzelnen beirren lassen. Das Fortschreiten der Wissenschaft erfolgt bald mit dem einen bald mit dem anderen der in ihr liegenden Hilfsmittel; die Großartigkeit aber der nach der einen Richtung hin erzielten Resultate darf nicht über die Möglichkeit verblenden, daß auch nach einer anderen hin durch uns noch etwas entdeckt werden kann. Wir sind überhaupt bald dahin gelangt, daß das Wissen aus der Erfahrung der Gegensatz und der Tod ist für das Denken; die Rache dieses letzteren und die Rückkehr desselben in seine richtige Stellung wird nicht ausbleiben; nur darf unwissenschaftliche Spitzfindigkeit nicht mit wirklicher Philosophie verwechselt werden. - Wo soll überhaupt zuletzt noch irgendetwas wahrhaft Neues für uns entdeckt werden wenn nicht auf dem Gebiet oder mit den Mitteln des reinen Gedankens? Neue Weltteile auf der Erde, die entdeckt werden könnten, sind nicht mehr vorhanden; alle naturwissenschaftlichen und historischen Entdeckungen, die gemacht werden mögen, sind nur Fortsetzungen und Vervollkommnungen von bereits eingeschlagenen Richtungen des Erkennens; daher soll versucht werden was aus der Quelle des Gedankens selbst erkannt werden kann. Dies aber wird unter allen Umständen nur ein ihm selbst gemäßes, eine rein geistige Einsicht in das Wesen der Dinge, nicht eine materielle oder tatsächliche Erweiterung des Kreises von diesen sein können. Das ganze Interesse einer solchen aber ist verschieden von dem jenes anderen: die erste Erweckung desselben ist schwerer, aber die letzte Befriedigung ist größer als da.

Das erste höhere Bewußtwerden über die Formen der Sprache findet sich im Altertum bei den Sophisten, an welche sich zugleich das Erwachen des rein dialektischen Denkens in der Philosophie anknüpft. Die Sophisten waren Künstler der Rede und des Denkens; für die älteren Philosophen war die Handhabung der gedankenmäßige Rede das Mittel zum Zweck des Erkennens der Sachen; für die Eitelkeit der Sophisten wurde dieselbe freier nur auf sich beruhender künstlerischer Selbstzweck. Daher auch bei ihnen das erste Gegenständlichwerden des äußerlich Technischen der Rede, der rhetorischen Figuren in Zusammenhang mit den grammatischen Formen. Kein Volk überhaupt ist so wohlredend und kunstreich und doch zugleich so natürlich in der Behandlung seiner Sprache gewesen wie die Griechen. Die Verwunderung des menschlichen Geistes aber als ihm zuerst die Formen seiner Sprache in ihrer objektiven Wirklichkeit gegenübertraten, ist jedenfalls eine ähnliche gewesen als da wo er zuerst das Spiegelbild seines Körpers im Wasser oder auf einer anderen glatten Oberfläche erblickt hat. Äußerst roh und unvollkommen war sodann noch die Sprachphilosophie PLATONs; bei seiner sonstigen Begeisterung für die Ideen war ihm dieses zu gering, doch ahnte er dunkel den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. ARISTOTELES aber, der Begründer der Logik, ging hierbei zugleich von grammatischen Anschauungen aus; nach ihm wurde die Grammatik namentlich durch die Stoiker und andere mehr selbständig entwickelt. In der Wissenschaft des Mittelalters standen Logik und Grammatik im Trivium nebeneinander; die letztere hat sich von da an mehr und mehr zu einer umfangreichen empirischen Wissenschaft entwickelt, indem nur sukzessiv die in der Philosophie selbst ausgebildeten Prinzipien, ebenso wie auf andere Stoffe des Wissens, mit mehr oder weniger Geschick auch auf sie übertragen worden sind. Unter den wissenschaftlichen Werken der neueren Zeit ist es hauptsächlich eines, welches, als zwischen empirischer und philosophischer Sprachforschung einen Übergang bildend, gewissermaßen dieses ganze Gebiet in sich vertritt, die Untersuchungen WILHELM von HUMBOLDTs über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus als Einleitung zur "Abhandlung über die Kawi-Sprache"; auch dieses aber, bei allem Glanz des Wissens und aller Genialität der Auffassung, entbehrt doch noch sehr der definitiven Bestimmtheit der Begriffe und eines vollkommen klar durchgeführten über den gegebenen Erscheinungen des Stoffes stehenden Prinzips der philosophischen Beherrschung, so wie auch zur Zeit der Abfassung desselben die neuere empirisch historische Forschung oder systematische Vergleichung der Sprache selbst erst im Entstehen begriffen war. Die HUMBOLDT'schen Auffassungen sind nach den Formen der HEGEL'schen Philosophie bearbeitet worden durch MAX SCHASLER ("Die Elemente der philosophischen Sprachwissenschaft Wilhelm Humboldts"). Überhaupt ist im Allgemeinen die Philosophie HEGELs mit dem für sie charakteristischen Begriff des einfachen innerlich notwendigen Dynamismus der werdenden Entfaltung diejenige welche den höchsten Grundausdruck aller neueren wissenschaftlichen Behandlungen der historischen wir der sprachlichen Lebenserscheinungen bildet. Diejenigen bestimmteren Anschauungen aber welches sich im Schoß der neueren historischen Schule über die Entstehung der Sprache ausgebildet haben, finden insbesondere in der hierauf bezüglichen Abhandlung JAKOB GRIMMs ihren Ausdruck.

Das Prinzip und die Aufgabe aller allgemein wissenschaftlichen oder philosophischen Erkenntnis in Bezug auf die Sprache wird nur dies sein können, dieselbe als ein in ihren Erscheinungen Geordnetes und nach ihren Ursachen Notwendiges zu begreifen. Die Theorie von einem organischen Leben und Wachstum der Sprache ist ansich nur ein einfacher Begriff oder eine Nominaldefinition dessen was dieselbe ihrer allgemeinen Beschaffenheit nach ist. Auch dies ist allerdings ein unschätzbarer Gewinn; weil hierdurch ausgesprochen wird, daß es gesetzlich zugeht in der Sprache und daß daher überhaupt in ihr ein Stoff rein wissenschaftlicher Erkenntnis so wie ein anderer vorliegt. Aber die wahre Erklärung allen Lebens besteht nicht in dieser seiner einfachen Benennung, die als solche die Gestalt einer bloßen Tautologie an sich trägt, sondern in der geordneten Ableitung desselben aus dem Inbegriff der Verhältnisse, in denen es sich befindet oder von welchen es bedingt und beherrscht wird. Auch die neuere durch die HEGELsche Philosophie vertretene Anschauung von der Geschichte als einem organischen Naturgewächs des menschlichen Geistes ist noch eine einfach und in rohner Weise dynamische, d. h. rücksichtlich ihres logischen Charakters abstrakt nominale, die wesentlich außerhalb der Erkenntnis des Konkreten und Tatsächlichen ihrer Bedingungen und ihres Inhalts stehen bleibt. Der gegenwärtige Stand der philosophischen oder begriffsmäßigen Sprachwissenschaft kann daher im Allgemeinen dahin bestimmt werden, daß zu der aufgefundenen abstrakt nominalen die konkretere oder eingehend reale Erklärung aufzusuchen sein wird. Zuerst bedarf hierhei die allgemeine Stellung der Sprache zu uns selbst einer Bestimmung.

Daß es überhaupt mit der Sprache irgendetwas Großes auf sich hat oder daß dieselbe kein irgendwie schlechter und gemeiner Stoff der Erkenntnis wie ein anderer, sondern ein in seiner Bedeutung hoher und für uns wesentlicher ist, wird von den meisten ohne weiteres zugestanden werden; worin aber dieses Hohe, Geheimnisvolle und Würdige der Sprache für uns gegründet ist, hierübe sich genaue Rechenschaft abzulegen, muß als ein Bedürfnis erscheinen. Unter den Ländern in der Geschichte ist in ähnlicher Weise unter den Gebieten des Wissens die Sprache, etwa Ägypten ein solcher geheimnisvoller Schoß des Wunderbaren, die letzte Quelle und der Ursprung aller menschlichen Weisheit, dessen in frühester Zeit errichtete Denkmäler, die Pyramiden, auch bis jetzt noch alle Stürme der Zeit überdauert haben und die daher gewissermaßen als die Grenzsteine angesehen werden mögen, von denen der Lauf der Geschichte seinen Anfang nimmt. Ebenso ist die Sprache auch jetzt noch ein Denkmal des ältesten und geheimnisvollen Urzustandes der Menschheit, welches den ersten Anfang und die Voraussetzung bildet für alles Fernere, was in der Geschichte des menschlichen Lebens vor sich gegangen ist, und ebenso wie der Nil noch in derselben Weise wie früher seine Fluten dem Meer zuwälzt, so bedienen wir uns auch jetzt noch jenes Mittels des geistigen Verständnisses, welches damals für uns festgestellt und erschaffen worden ist, indem wir an ihm und an seiner Unbegreiflichkeit ebenso bewundernd emporblicken wie am Bau der Pyramiden. Auch in diesen aber hat wie in der Erschaffung der Sprache der menschliche Geist gleich zu Anfang das in ihm liegende Streben ausgedrückt, die Welt um sich herum sich zu unterwerfen und ein Reich der geistigen in den Himmel reichenden Ordnung auf der Erde zu gründen. Die Sprache ist etwas, dessen Entstehung in eine unvordenkliche, durch keine Analogie zu erreichende Zeit zurückfällt; durch sie ist es, daß sich der Mensch vom Tier und der ganzen niederen sinnlichen Natur abtrennt und die Brücke zu seinem eigenen höheren und spezifischen Leben, dem des Geistes, betritt. So wie beim einzelnen Menschen die Erinnerung seines Lebens erst von da anfängt, wo er die Sprache erlernt, ebenso ist alles allgemein Menschliche vor der Entstehung der Sprache in ein nächtliches Dunkel gehüllt, und es tritt uns in der Geschichte dieselbe immer nur als etwas schon Vorhandenes und selbst in frühen Zeiten bereits vollständig Entwickeltes entgegen. Daher konnte überhaupt wohl früher die Frage zur Beantwortung gestellt werden, ob die Sprache etwas durch den Menschen selbst Erschaffene oder nicht ein ihm durch die Natur oder von Gott Gegebenes ist. Jedenfalls aber ist die Sprache älter als die Geschichte, und sie hat sich nicht wie alles andere am Menschen bloß in und mit dieser, sondern bereits vor ihr entwickelt; sie ist die Wurzel und der Ausgangspunkt für die Geschichte, durch welche diese als der Baum des selbstbewußten und spezifisch menschlichen Lebens, in die Tiefe des unter ihm liegenden sinnlich natürlichen herabreicht oder durch welches allein jenes erstere sich von diesem letzteren losgerissen hat. Die Sprache ist die entscheidende Differenz des Menschen gegenüber der Natur und sie ist daher mehr als irgendetwas anderes der unmittelbare und lebendige Ausdruck des Menschlichen selbst.

Eine Eigentümlichkeit unserer Zeit ist die Auffassung aller Dinge im menschlichen Leben unter dem Gesichtspunkt ihres historischen Entstehens oder ihrer sich in der Geschichte fortsetzenden Entwicklung. Das Recht, die Wissenschaft, Kunst und Poesie, das Leben der Staaten und Völker wird zuerst betrachtet in seiner sich aus frühen Zeiten her in die Gegenwart fortbildenden Vervollkommnung und erst hieran werden die Urteile über diese letztere selbst so wie die Ratschläge über ihre Weiterführung in die Zukunft geknüpft. Selbst die Sprache ist diesem Gesetz der historischen Erkenntnis unterstellt worden, aber bei all ihrer Veränderung innerhalb der Geschichte ist sie doch etwas erst von Außen in sie oder in das was für uns Geschichte ist, Gekommenes. Die Sprache als das jenseits der Geschichte Liegende, ist demnach das Urhistorische; erst mit der Erschaffung der Sprache geht die Sonne für die Geschichte auf; das ganze Bestreben aber die Geschichte und die Sprache sich wissenschaftlich gegenständlich zu machen oder eine jede von beiden in den Gesetzen und bedingenden Prinzipien ihrer Gestaltung zu begreifen ist ein in wesentlicher Weise miteinander verwandtes, oder beruth auf einem durchaus gleichartigen Bedürfnis unserer Natur; beides ist eine uns selbst in sich umschließende, uns in unserem ganzen Handeln und Denken aus sich bedingenden Macht; unser Handeln vermag weder über die Geschichte oder über die Grenze der durch diese festgestellten Verhältnisse und Formen noch unser Denken über die Grenzen der in der Sprache liegenden Bedingungen hinaus vorzudringen; - an und für sich zwar ist beides, Geschichte und Sprache, nur etwas aus dem Menschen selbst  Entstandenes  oder der eigene und unmittelbare Inbegriff seines ganzen Lebens, Wirkens und Anschauens; aber wir sind doch gegenwärtig durch beides auf einen erhöhteren und bloß mittelbar mit der natürlichen Welt außer uns zusammenhängenden Zustand gestellt; durch Geschichte und durch Sprache haben wir uns entfernt von der Natur oder von der unmittelbaren und anfänglichen Einheit mit dem was uns umgibt; unser Leben hat sich unendlich bereichert durch beides, aber es entsteht doch immer die Frage ob der Weg den wir durch sie geführt worden sind, auch wirklich der richtige und ob es nicht noch andere denkbare Wege habe geben können. Ebenso läßt sich ein gereifter Mann in ruhiger Sammlung sein ganzes früheres Leben an sich vorübergehen, um sich bei sich selbst in dem was er ist und wie er es geworden ist rückwärts greifend betrachten. Philosophie der Geschichte und Philosophie der Sprache sind daher ihrer Tendenz nach zusammenhängende Wissenschaften; in beiden ist es das hinter uns Liegende unserer eigenen einfachen menschlichen Unmittelbarkeit, welches als Gegenstand des Erkennens erfaßt wird. Auch die Geschichte entspringt wie die Sprache aus einer Beziehung des menschlichen Geistes auf die Außenwelt; in der Sprache unterwirft sich der Geist zuerst die Gesamtheit der sinnlichen Natur nach ihrer allgemeinen Idee, indem er sie nach ihrem geistigen oder anundfürsichseiend logischen Inhalt in den Begriffen des Denkens in sich zusammenzieht oder verdichtet; in der Geschichte dagegen gelangt er dahin sich dieselbe ihrem ganzen Umfang nach tatsächlich zu unterwerfen oder sich zur wirklichen geistigen und materiellen Beherrschung ihres Inhaltes zu erheben; daher ist die Sprache ein engeres und leuchtendes Vorspiel für den weiteren und großartig umfassenden Wurf des menschlichen Lebens in der Geschichte, und es war zugleich in ihr das erste Mittel und der Anlaß gegeben, durch das der Mensch auf die Bahn seines ganzen folgenden, ihn immer weiter über den ersten Anfang seines Daseins hinausführenden Strebens gestellt wurde. Die Geschichte und die Sprache sind beide das vornehmste Zeitliche oder mit dem Begriff des Lebens selbst unmittelbar Einstimmige am Menschen. Nur er hat im Unterschied von allem Natürlichen sowohl eine Sprache als auch eine Geschichte; jene ist die Form seines inneren, diese die seines äußeren Lebens. Alles Natürliche dagegen ist streng in sich selbst verschlossen und strebt nach Außen hin nicht über sich selbst hinaus. In der Sprache, dem geistigen Abbild der Welt, war von Anfang an die Anwartschaft auf die Geschichte, den unendlichen Weg zur freien und vollen Beherrschung derselben gegeben. In der Sprache zeichnet sich wie in den Linien der Hand oder des Gesichts die ganze zukünftige Anlage oder Bestimmung des Menschen, so diejenige seines ganzen Geschlechts, welche die Geschichte ist, in symbolischer Weise ab, indem sie zugleich wie die Hand das vornehmste Werkzeug dieses ganzen späteren Lebens ist. Eben hierher das Geheimnisvolle und Ahnungsreiche, was der Sprache beizuwohnen scheint. Die methodischen Prinzipien aber für die philosophische Behandlung der Geschichte und der Sprache können nur gleichartige sein; beiden Gebieten liegt eine umfassende Beziehung des Menschen zur Außenwelt oder eine nach regelmäßigen Gesetzen geordnete Überwindung des Stoffes von dieser durch seine eigene innere Kraft zugrunde. - In zwei früheren Schriften, "Prolegomena zur Philosophie der Geschichte" (1849) und "Zwölf Vorlesungen über Philosophie der Geschichte" (1850) sind die allgemeinen Prinzipien der philosophischen Behandlung dieses anderen der Sprache verwandten Gebietes durch uns festzustellen versucht worden. Daher schließt sich auch das Gegenwärtige seiner entscheidenden Tendenz nach an jene an.

Die Wissenschaft von der Sprache im Allgemeinen, die Philologie, steht in ihrer eigenen historischen Entwicklung in einem genauen Zusammenhang mit der historischen Entwicklung des neueren Lebens und Wissens überhaupt. Es mag in dieser ihrer Geschichte im Ganzen eine doppelte Hauptepoche unterschieden werden, die erste des 15. und 16., die zweite des 18. und 19. Jahrhunderts, jene von mehr einfachem, rein künstlerischem, diese von einem strengeren tieferen und eigentlich wissenschaftlichen Charakter. Die Kritik ist erst in diesem letzteren Abschnitt an bestimmte Prinzipien gebunden, Grammatik und Archäologie sind erst hier zu wahrhaften Wissenschaften geworden. Die Führer der ersten Epoche waren die Italiener, die der letzteren die Deutschen. Die bloß philologische oder einfach empirische Erkenntnis der Sprache aber kommt über das Einzelne derselben und seine unmittelbaren oder nächstliegenden Gesetze und Gründe der Regel nach nicht hinaus; nur vom Standpunkt des Begriffs oder der Idee der Sprache überhaupt kann eine tiefere und mehr geistige Einsicht in das Wesen ihrer Erscheinungen und der Verschiedenheiten von diesen untereinander gewonnen werden. Die philosophische Betrachtung der Sprache beschränkt sich daher keineswegs auf das ansich Allgemeine oder den bloßen Begriff derselben und ihrer Erscheinungen, sondern es kann vom Standpunkt dieses letzteren selbst aus in die Mannigfaltigkeit des Konkreten ihres Inhaltes der Übergang zu finden versucht werden. Das Wissen und Verstehen der Dinge als solches ist bloß die Basis und Bedingung für das denkende Begreifen. Auch die Philosophie der Geschichte ist eine durchaus unbegrenzte, durch Anschluß an das Einzelne einer fortgesetzten Erweiterung fähige Wissenschaft. Das philologische ebenso wie das historische Wissen ist nicht bloß dem Umfang seines Stoffes und der Virtuosität seiner Methode, sondern auch der Tiefe und dem umfassenden Selbstbewußtsein der Stellung zu seinem Stoff nach einer Fortbildung fähig. Hierzu aber bedarf dasselbe als seines notwendigen Führers der Philosophie. Die edelste Kraft des Geistes, das Denken, hat in der Wissenschaft, da diese vorzugsweise eben auf ihm beruth, noch nie straflos verachtet werden dürfen.


Die Wissenschaft und die Sprache

Die Sprache, obgleich in ihr die wichtigste und am meisten hervorragende Differenz des ganzen menschlichen Lebens enthalten ist, bildet doch an und für sich oder ihrer näheren Stellung nach nur einen einzelnen Zweig der menschlichen Erfindungen und Lebenseinrichtungen überhaupt, welcher seiner Natur nach nicht wohl ohne diese letzteren gedacht werden kann und daher notwendig in seinem inneren organisch gesetzlichen Zusammenhang mit ihnen begriffen sein will. Denn offenbar wäre das Geschenk oder die Erfindung der Sprache etwas Zweckloses für den Menschen, wenn derselbe nicht nach anderen Seiten oder auf weiter entfernten Gebieten seines Lebens zu ihrer fortwährenden Anwendung Veranlassung fände, so wie er umgekehrt auch nur erst aus diesen den Stoff für die in ihr enthaltenen Begriffe und sonstigen Denkformen schöpft. Auch die Tiere könenn wir uns nicht als redend denken, weil sie aller übrigen Bedingungen, Zustände und Verhältnisse in welchen die Sprache ihrer Natur nach wurzelt, des Rechtslebens, des sonstigen Verkehrs, des religiösen Bewußtseins, der künstlerischen, wissenschaftlichen Bestrebungen usw. entbehren. Überhaupt ist daher die Sprache nicht etwas Isoliertes für sich, sondern nur ein integrierender Teil der organischen Einrichtungen und Verhältnisse des menschlichen Lebens im Ganzen und wenn sie auch vielleicht der am meisten altertümliche und am Unmittelbarsten spezifische für dasselbe sein mag, so kann sie doch überall nicht als von jenen übrigen abgetrennt, sondern muß als ein in einem harmonischen Zusammenhang und im Verhältnis eines wechselseitigen Gefordertseins mit ihnen Stehendes gedacht werden.

Alle Einrichtungen und Gebiete des menschlichen Lebens aber bilden von Anfang an und ihrer Natur nach ein geordnetes System miteinander, in dem ein jedes von ihnen seine durchaus spezifisch bestimmte Stellung einzunehmen hat. Es gründet sich aber dieser Organismus der einzelnen Werke und Abteilungen des menschlichen Lebensinhaltes auf die allgemeine und umfassende Beziehung in welche der menschliche Geist zu der ihm gegenüberstehenden wirklichen Objektivität von Anfang an getreten ist, indem in dieser letzteren der Stoff und die Bedingungen seines eigenen höheren rein menschlichen Daseins und seiner ganzen bewußten Lebensgestaltung gegeben waren. Das menschliche Leben ist nicht sowohl ein aus ihm selbst erwachsendes als vielmehr ein sich auf die gegebene Basis des natürlichen Daseins gründendes, und den ganzen Stoff oder inhalt von diesem in sich zu einer neuen und höheren Form des Darstellens und der Erscheinung verarbeitendes. Die einzelnen Seiten oder an und für sich gegebenen Momente des Stoffes der Objektivität treten im menschlichen Leben oder der Geschichte zu ebensoviel selbständigen Abteilungen oder Gebieten der Bearbeitung auseinander und es gründet sich ein jedes dieser letzteren auf eine der ersteren als seine natürliche Basis; die Wirklichkeit oder Natur ist der Keim, welcher unter der befruchtenden Kraft des menschlichen Geistes in der Geschichte seine höhere Entwicklung in der Region des freien und denkenden Selbstbewußtseins erfährt. Das ganze menschliche Leben schließt sich an an das natürliche; nur die Form ist das ihm für sich selbst Eigentümliche, der Stoff hingegen das außer ihm Liegende und nur erst durch ihn selbst in seiner eigenen Sphäre zur Entwicklung Gebrachte. Näher oder ferner daher kommt alles Menschliche ursprünglich her aus der Natur und die wahrhafte oder rationale Erklärung desselben ist nur diejenige welche es im Verhältnis seines Zusammenhangs oder seines organischen Anschlußes an diese begreift.

Es ist aber die Sprache an und für sich eine rein innere Anstalt des menschlichen Lebens, insofern sie das Mittel zur Verständigung und geistigen Kommunikation der Einzelnen untereinander bildet. Jeder der an der Sprache Anteil hat, ist eben hierdurch ein Mitglied oder Bürger der menschlichen Gemeinschaft überhaupt auf der Erde; die Sprache ist das Band , welches alle Einzelnen unseres Geschlechts zu einem Ganzen verbindet oder durch welches ein jeder von diesen ein Stein ist im Dom des historischen oder selbstbewußt geistigen Lebens, das sich auf der gegebenen Basis des sinnlich natürlichen Daseins erhebt. Der Mensch als redender und als geselliger ist ein und derselbe; eben durch den Besitz der Sprache und den in ihr liegenden tieferen allgemein geistigen Inhalt unterscheidet sich die Geselligkeit des Menschen von der des Tieres; die letztere ist eine nur zufällige, zerstreute, von Wechselfällen abhängige, der festen Ordnung entbehrende und in der Grenze des physischen Bedürfnisses eingeschlossene; die erstere dagegen eine feste, gesetzlich geordnete, auf Freiheit beruhende und der unendlichen Erweiterung und Vervollkommnung fähige; der Mensch ist zunächst, ähnlich wie das Tier, Glied seiner Familie, seines Stammes; aber während das letztere diese natürlichen Ordnungen fortwährend zerbricht und wieder von Neuem in derselben Weise regeneriert, so hält sie der Mensch in dem was sie sind mit Bewußtsein fest und erweitert sie regelmäßig fortschreitend zu den höheren Komplexen des Staates oder der Nation; zuletzt aber strebt in der Geschichte alles einer großen nationalen Familienvereinigen zu. Die Anstalt für die Ordnung all dieser inneren geselligen Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens aber, insofern dieselben von realer oder äußerlich tatsächlicher Natur sind, ist das Recht; daher sind das Recht und die Sprache diejenigen beiden Glieder oder Institute auf welchen die ganze Einrichtung des menschlichen Lebens zunächst und als solchen beruth; die Entwicklung von beiden ist eine durchaus notwendige und naturgemäße und es ist durch den Besitz von beiden gleichmäßig das menschliche Leben von der bloßen und rohen Gewalt des tierischen Empfindens unterschieden; die Bedeutung oder Funktion der Sprache aber besteht im Allgemeinen in der aneinanderschließenden Verbindung, diejenige des Rechts dagegen in der Trennung oder Auseinanderhaltung der besonderen Selbständigkeit aller Einzelnen in den spezifischen Kreisen ihres Lebens. Durch die Sprache hat jeder Einzelne am geistigen Inhalt des menschlichen Gesamtlebens Anteil, während er durch das Recht in der gemessenen Freiheit seines tatsächlichen Handelns geschützt und aufrecht gehalten wird.

Die höhere Vollkommenheit des menschlichen Gesellschaftslebens aber beruth zuletzt nur darauf, daß sich der Mensch durch seine eindringende Beziehung auf die Außenwelt einen tieferen und allgemeineren Inhalt gewinnt, dessen das Tier in seiner einsamen und dumpfen Beschränktheit entbehrt. Dieser Inhalt ist im Ganzen von einer doppelten Art, der geistige und der materielle, oder der Erkenntnis und der der Handlung; teils wird die Welt in dem was sie ihrer eigenen geistigen Beschaffenheit nach ist, durch den Menschen erkannt und begriffen, teils wird sie in ihrer sinnlich gegebenen oder stofflichen Außenseite durch die physische Kraft derselben unterworfen und seinen Zwecken dienstbar gemacht. Der geordnete Inbegriff jenes erkannten Geistigen in den Dingen aber ist die Wissenschaft, derjenige dieser materiellen Errungenschaften ist der Mechanismus oder das Handwerk, und es ist daher eine doppelte allgemeine Weltgestaltung, die geistig wissenschaftliche und die sinnlich mechanische, die sich durch die Tätigkeit des Menschen auf der Grundlage der Natur erhebt, oder in welche der Inhalt von dieser nach den beiden in ihr selbst enthaltenen Seiten, der geistigen und der materielen innerhalb der Formen des menschlichen Bewußtseins, seiner Begriffe und seiner Zwecke, auseinander tritt. Mit dem Verhältnis dieser beiden sich unmittelbar auf die äußere Objektivität gründenden Anstalten des menschlichen Lebens aber, der Wissenschaft und des Handwerks, ist das jener beiden inneren oder gesellschaftlichen Institute, der Sprache und des Rechts, wesentlich gleichartig; der Inhalt des geistig Erkannten aus den Dingen kursiert zwischen den Individuen in der Form oder durch das Mittel der Sprache oder es hat eben diese nur am Geistigen selbst und als solchem den Gegenstand ihrer Bezeichnung; der Inhalt des Handwerkes dagegen oder des durch die menschliche Kraft gewonnenen materiellen Besitzes verteilt sich unter die Einzelnen durch die Anstalt des Rechts, und so wie dort immer eine gewonnene Erkenntnis, so ist es hier immer ein erworbener Besitz, welcher der Entstehung von beiden als erste Veranlassung oder objektiv wirkliche Substanz zugrunde liegt. Überhaupt sind es daher diese vier Abteilungen der Wissenschaft, des Handwerks, der Sprache und des Rechts, auf denen der ganze Organismus der menschlichen Lebenseinrichtungen zunächst und vorzugsweise beruth. Die ersteren unter beiden aber sind von rein äußerer unmittelbar auf dem Boden der Objektivität selbst wurzelnder, die letzteren dagegen von innerer, das menschliche Leben selbst durchdringender oder die Beziehungen seiner Individuen erfüllender Natur.

Das Gemeinsame all dieser Anstalten aber besteht darin, daß es vorzugsweise die Sphäre des allgemeinen oder Gesamtlebens des menschlichen Geschlechts ist, welcher dieselben angehören, und es sind daher noch bestimmte fernere Gebiete oder Anstalten durch welche mehr dir rein inneren oder nur im Individuum selbst gegründeten Bedürfnisse und Seiten des Lebens ihre Befriedigung und Gestaltung erfahren. Unter diesen Gliedern sind zunächst die wichtigsten die Religion und die Kunst; der Inhalt der Religion ist ebenso wie der der Wissenschaft ein wesentlich geistiger, der der Kunst so wie der des Handwerks ein sinnlicher; das Wesen der Religion besteht darin, daß sich in ihr die Gewißheit von der Existenz eines anderen geistigen Wesens oder Prinzips in den Dingen neben dem sinnlichen ausdrückt; dasjenige der Kunst dagegen darin, daß die sinnliche Welt in sich selbst als eine schöne oder auf das Geistige hindeutende und diesem gleichartige begriffen wird. Daher hat die Religion an der allgemeinen Idee oder dem einfachen Prinzip einer geistigen Einheit und Ordnung der Dinge, die Wissenschaft dagegen an der vollendeteren Ausführung oder der wirklichen Substanz der geistig gesetzmäßigen Beschaffenheit der Welt ihren Gegenstand, während in gleicher Weise die Kunst die einfache Vorahnung des Sinnlichen in seiner prinzipiellen Eigenschaft eines Schönen oder für den Geist Bedeutsamen, das Handwerk dagegen die vollkommene Unterwerfung desselben nach seinem substantiellen Inhalt unter die Kategorie der subjektiven Zweckmäßigkeit ist. Religion und Kunst sind die in sich selbst einfacheren, daher auch dem Individuum als solchem näher stehenden, Wissenschaft und Handwerk dagegen die ausgeführteren oder ihrer Beschaffenheit nach konkreteren und daher mehr der Allgemeinheit des menschlichen Lebens angehörenden Institute unserer Beziehung nach Außen. Jene beiden haben an der abstrakten Idee, diese dagegen an der konkreten Fülle beider Seiten des Wirklichen, der geistigen und der materiellen ihren Inhalt. In einer ähnlichen Weise aber als sich zu den letzteren unter beiden die innerhalb der Geselligkeit selbst wurzelnden Gebiete der Sprache und des Rechts, so verhalten sich zu jenen ersteren, der Religion und der Kunst, die beiden gleichartigen oder in der inneren persönlich menschlichen Lebensbeziehung selbst gegründeten Gebiete der Sittlichkeit und des ästhetischen Empfindens. Die Religion ist die Basis oder äußere Wurzel der sittlichen, die Kunst diejenige der empfindenden Regungen im Innern des Menschen. Überhaupt ist daher aller menschliche Lebensinhalt teils ein solcher, dessen Wesen in einer direkten Beziehung des Menschen nach Außen oder auf die Objektivität ihm gegenüber gegründet ist, teils ein solcher welcher in den inneren oder geselligen Beziehungen der Einzelnen selbst seinen Sitz hat und daher bloß indirekt nach Außen zurückweist. Die Glieder des ersteren aber sind die Wissenschaft, der Mechanismus, die Religion und die Kunst, die des letzteren die Sprache, das Recht und die beiden Sphären des sittlichen und des empfindenden Lebens. - Das System aller Glieder aber, durch welche der ganze Umfang des menschlichen Lebens uns seines Inhaltes gebildet wird, findet seine Vervollständigung in den beiden allgemeinen Formen der weiteren oder internationalen Lebensbeziehung, dem Krieg und dem Handel. Überhaupt ist es daher die organische Stellung der Sprache im System der menschlichen Lebenseinrichtungen, welche hierdurch bestimmt wird. In Absicht der Stellung oder Beziehung nach Außen ist es das Gebiet der Wissenschaft, in Absicht der inneren Funktion für das menschliche Leben selbst dagegen ist es das Recht, welches der Sprache am Nächsten verwandt ist. Wissenschaft und Sprache sind beides die geistig erkennenden Anstalten oder Glieder des menschlichen Lebens, nur daß die erstere den geistigen Inhalt der Dinge so wie er ansich ist und als vollendet geordnetes System, die letztere so wie er zwischen den Individuen umläuft und als bloße erste Bedingung oder unvollendete Möglichkeit seiner definitiven Erkenntnis in sich einschließt.

Alles diese Glieder aber sind an und für sich gleich notwendig und wesenhaft für das Bestehen des menschlichen Lebens im Ganzen. Jedoch ist teils der Grad der inneren Ausbildung und Vollendung der einzelnen von ihnen immer ein verschiedener, teils ist die Entwicklung derselben überhaupt nicht ein durchaus gleichmäßige und parallele, sondern es sind vielfach die einzelnen Abschnitte in der Geschichte durch das entschiedene und einseitig Vorwiegen des einen oder des anderen näher charakterisiert. Die höhere Ausbildung der vier nach Außen gewendeten Glieder des Lebens, der Wissenschaft, des Mechanismus, der Religion und der Kunst findet wesentlich erst in der eigentlich historischen oder allgemeinen Kulturentwicklung statt, während im rohen Naturleben der Völker meist bloß durchaus unvollkommene Anfänge hiervon gegeben sind. Die Sprache aber als die unentbehrlichste Bedingung des spezifisch menschlichen Lebens ist verhältnismäßig immer das frühzeitig am Vollkommensten entwickelte jener Glieder. Rücksichtlich der Abteilungen jenes äußeren oder im engeren Sinne kulturhistorischen Lebensinhaltes aber scheint in der Entwicklung der Geschichte eine bestimmte Regelmäßigkeit der Aufeinanderfolge ihres äußeren Hervortretens stattzufinden, so daß der Reihe nach ein jedes dieser Glieder das vorherrschende Ziel für das Streben des menschlichen Geistes wird und hierdurch zu einer bestimmten Zeit die definitive Feststellung seines ganzen Begriffs oder Prinzips erfährt. Im Altertum, dem ersten Abschnitt der allgemeinen Geschichte, nahm die Kunst, im Mittelalter, dem darauf folgenden zweiten dagegen nahm die Religion diese Stellung ein oder es war jenes die vorzugsweise und im spezifischen Sinne künstlerische, dieses dagegen ebenso die religiöse Entwicklungsstufe des menschlichen Geistes; für die neuere Zeit ist im Allgemeinen das Vorherrschen des Mechanismus charakteristisch geworden und in einer zukünftigen Zeit kann nur die Wissenschaft als das tiefste und edelste aller Glieder unseres Lebensinhaltes in diese Stellung einzutreten bestimmt sein. Die einfacheren und ihrem Charakter nach prinzipiellen Glieder der Kunst und der Religion aber sind die in dieser Ordnung für den menschlichen Geist naturgemäß früheren gewesen als die zusammengesetzteren oder substantiellen des Mechanismus und der Wissenschaft; das sinnliche unter beiden aber ist ebenso immer das frühere als das geistige. Durch das natürliche Verhältnis dieser Glieder daher erscheint die ganze Ordnung der Geschichte im Voraus bedingt. Auch die Entwicklung des inneren oder gesellschaftlichen Lebens aber steht immer in einem entsprechenden Zusammenhang mit derjenigen des äußeren der allgemeinen menschlichen Kultur.

In der Wissenschaft überwindet der menschliche Geist die ihm gegenüberstehende Außenwelt in der Form seines logisch geordneten denkenden Begreifens. Für dieses aber ist ihm gleich zu Anfang die Sprache in die Hand gegeben gewesen und es ist die Sprache selbst nur aus einer ganz ähnlichen wenngleich nur unbewußt anschaulichen Überwindung oder abstrahierenden Zusammenfassung des Wirklichen in unserem Geist entstanden. daher kehr dieser in der Wissenschaft wesentlich nur mit einem bestimmten und ausgebildeten Bewußtsein dahin zurück, wovon er bei der Erschaffung der Sprache in einfacher sinnlich natürlicher Unmittelbarkeit ausgegangen war. Insofern sind Sprache und Wissenschaft wesentlich einstimmig miteinander; Jene ist das älteste Glied des menschlichen Lebens, durch das sich dieses zuerst von seiner Befangenheit in der Natur entfernt und die Welt im Licht des Gedankens aufzufassen beginnt, diese das jüngste und am Reinsten geistige oder nur aus dem Gedanken selbst errichtete unter ihnen; die ganze Wirklichkeit oder Erscheinung der Wissenschaft aber besteht nur in der Sprache und es findet daher eben in ihr diese letztere ihre vollkommenste edelste und am meisten spezifische Anwendung. Eben deswegen aber ist auch die volle Betrachtung dieses ihres eigenen unmittelbaren Mittels ein für die Wissenschaft durchaus wesentliches Geschäft und es begreift dieselbe in der Tat zuletzt nur sich selbst wenn sie jene ihre Unmittelbarkeit, die Sprache begreift. Die Sprache ist das für die Zwecke der Wissenschaft spezifisch geeignete oder gestaltete Instrument; alle kritisch vernunftmäßige oder sich ihrer Grundlagen bewußte Wissenschaft wird daher nur von der systematischen Untersuchung dieses ihres Mittels und der allgemeinen in ihm liegenden Möglichkeit des Erkennens auszugehen haben. - In derselben Weise aber wie der äußere Verlauf der Geschichte des Menschengeschlechts an seinem Ende wieder zu denjenigen Orten der Erde, von welchen er am ersten Anfang ausgegangen war, den Ländern des Ostens, zurückzukehren scheint und als diejenigen unter den kultivierten Nationen immer die mächtigsten und durch ihre Weltstellung dominierenden gewesen sind, welche sich im Besitz jener Länder des ältesten menschlichen Kulturzustandes und des Zugangs zu denselben befunden haben: in einem ähnlichen Sinn ist auch die Erschaffung der Sprache der Orient gewesen, von welchem alle menschliche Geistesentwicklung vom ersten Beginn an ausgegangen ist und nur durch das Zurückgreifen an sie wird auch das gebildete wissenschaftliche Denken seinem eigenen Abschluß zugeführt werden können. Von einer Umkehr der Wissenschaft aber scheint nur in diesem Sinne einer geordneten Kommunikation mit den in ihrem Rücken liegenden Bedingungen ihres weiteren Strebens nach Vorwärts gesprochen werden dürfen. Neben ihrer äußeren Erweiterung aber ist die Wissenschaft auch einer fortgesetzten inneren Vertiefung fähig.


Das Verhältnis von
Etymologie, Syntax und Logik


Der zweite Hauptteil der philosophischen Grammatik ist die Syntax. Derselbe unterscheidet sich von dem ihm vorangegangenen ersten, der Etymologie, dadurch daß er in sich selbst bereits von philosophischer Natur ist, während in Bezug auf jenen das Recht der Philosophie erst geltend gemacht werden mußte. Wie eine jede andere Grammatik so zerfällt auch die allgemeine oder philosophische Grammatik in die beiden Hauptabteilungen der Etymologie und Syntax; das Philosophische bei der Etymologie aber lag nur in der Art ihrer Behandlung während bei der Syntax auch der Inhalt an und für sich selbst schon ein philosophischer oder dem Gedanken aus sich gleichartiger ist.

Bloß als Satzbildung ist die Sprache der Ausdruck des Denkens; erst mit der Syntax daher nimmt jener allgemeine Parallelismus oder sich wechselseitig bedingende Entwicklungszusammenhang zwischen Logik und Grammatik der philosophischen oder philologischen Formaldisziplin seinen Anfang; das ganze Prinzip der Wortbildung dagegen ist nur ein sinnliches, anschaulich Empfindungsmäßiges, allem Logischen fremdartiges und daher erst mittelbar durch den Gedanken für uns zu erfassendes.

Die Etymologie an und für sich selbst ist eine empirische, die Syntax dagegen eine philosophische Wissenschaft; die letztere ist ihrer Natur nach von der Logik untrennbar und es begreift sich in ihr wesentlich bloß das Denken selbst, inwiefern es in der Sprache seine eigene untrennbare Form und Wirklichkeit hat. Die Gesetze der Wortbildung aber können wesentlich nur auf dem Weg der Beobachtung, diejenigen der Satzbildung müssen auf dem des Gedankens, insofern sie durch die der Logik als ihren notwendigen Inhalt bedingt gewonnen und dargestellt werden.

Jene sind ferner für die einzelnen Sprachen in höherem Grade verschiedene, diese aber gemeinsame. Unter einer philosophischen Etymologie konnte daher bloß verstanden werden die Begründung des allgemeinen Prinzips durch welches die Gestaltung des wortbildenden Verfahrens in den einzelnen Sprachen mit Notwendigkeit bedingt wurde; die Aufzählung des speziellen Formenapparates und die Feststellung der besonderen Gesetze über die Gestaltung des sprachlichen Materials ist in der Grammatik einer jeden einzelnen Sprache wiederum eine in gewisser Weise eigentümliche.

Das Syntaktische hingegen ist an und für sich ein solches, welches sich in allen Sprachen mit gleicher Notwendigkeit vorfinden muß. Daher war bei jener nur das Prinzip, bei dieser aber ist auch der Inhalt ein philosophischer; die Substanz aller Sprache ist das Denken und der Ausdruck des Gesetzes von dieser ist die Logik; das Etymologische ist der Körper, das Syntaktische ist der Geist in der Sprache; die Sprache als solche aber ist nur in der Satzbildung begründet; diese ist der Zweck, die Wortbildung aber das Mittel.

Die ganze neuere systematische Sprachforschung hat sich vorzugsweise nach der Seite der Wortbildung hingewendet, die Satzbildung als etwas Einfacheres und leichter aus sich selbst Verständliches ansehend, gerade so als auch sonst die Erklärungsweise aller Dinge eine vorherrschend physiologische oder sinnlich materialistische geworden ist. Die Etymologie war für uns in gewisser Weise etwas Mittleres zwischen Metaphysik und Psychologie, insofern den einzelnen Lauten des Alphabets immer eine Hindeutung nach diesen beiden entgegengesetzten Hälften alles Daseins, der Welt und der Seele, zu Grunde lag.

Die Sprache überhaupt ist ein Mittleres zwischen uns und der Außenwelt und sie trägt in dieser Stellung zugleich die Eigenschaft einer Grenze und die einer Brücke an sich; die Etymologie aber bezieht sich auf das Urgeschichtliche ihres Baues, die Syntax auf das gegenwärtig Lebendige ihrer Dienste für uns. Daher zeigt uns diese die Sprache in dem was sie der Wirklichkeit nach ist während jene wesentlich nur die geschichtliche Wissenschaft von derselben ist.

Der menschliche Geist ohne die Sprache war Eins mit der Welt; wie ein Keil hat sich jene hineingetrieben zwischen ihn selbst und diese letztere; alle innere Vertiefung und aller abgesonderte Inhalt des menschlichen Geistes beruht nur auf der Sprache; das Etymologische von dieser aber ist dasjenige, welches zunächst nur die Grenze des geistigen Selbstbewußtseins gegenüber der sinnlichen Natur der Dinge festgestellt hat; durch das Syntaktische aber kehrt der Geist in bewußter Vermittlung dann wieder zur Erkenntnis von dieser zurück.

Die Lehre von der Sprache als der Brücke des Denkens zur Wirklichkeit ist die Syntax: daher ist das in ihr Enthaltene zuerst ein rein geistiges, spezifisch inneres und subjektiv selbstbewußtes. Die Wortbildung ist die Prägstätte für die Münze des Denkens, durch die dieses den Inhalt der Welt erkauft. Das Gold ist zuerst das Mark der Erde, das dann durch den Verkehr dem ganzen Inhalt von dieser gleich gesetzt wird; ebenso verarbeitet zuerst die Wortbildung in den Lauten das Mark der Dinge und des menschlichen Geistes, durch welches sodann die ganze Anwendung des Denkens bedingt und erhalten wird.

Überhaupt daher ist die Syntax der für die Sprache im Allgemeinen wichtigere und bedeutungsvollere Teil als die Etymologie oder es ist nur jene die wirkliche und eigentliche Grammatik selbst, diese dagegen eine bloße vorbereitende körperlich physiologische Einleitung zu derselben.

Bloß für den Standpunkt des empirischen Anfängers aber mag immer der etymologische Teil der Grammatik als der wichtigere erscheinen als der syntaktische, weil eben für diesen das Zurechtfinden in den äußerlich verschiedenen Formen einer fremden Sprache das näher Liegende und praktisch Bedeutsamere seines Interesses ist als das dasjenige an der Gliederung des Satzbaues selbst, für dessen Verständnis die Analogie der eigenen Sprache zu jeder Zeit einen festeren und bestimmteren Anhalt bildet. In der Syntax daher wird das Gebiet der eigentlichen oder wirklichen philosophischen Grammatik beschritten.

Die beiden Wissenschaften der Logik und der Syntax erscheinen zunächst als miteinander gleichbedeutend indem eine jede charakteristische Verschiedenheit des Denkens notwendig eine solche des Satzbaue zu ihrer Form und Begleitung hat, eine jede der letzteren aber überall nichts ist als der notwendige Ausdruck einer der ersteren. Alles Logische ist immer zugleich ein Syntaktisches; die Arten des Denkens können nur ebenso viele sein als die Arten seiner Beziehung durch den Satzbau der Sprache.

Der ganze gegebene Organismus der Logik aber ist ein einfacherer als der der Syntax, weil jene sich nur auf das an und für sich Allgemeine oder das abstrakte und notwendige Grundprinzip alles geordneten Denkens, diese dagegen sich auf die konkrete Wirklichkeit oder den ganzen Umfang der besonderen Erscheinungen des Gedankens in der Sprache bezieht. Auch die Syntax ist eine empirische Wissenschaft insofern sie die Erkenntnis alles Besonderen oder Gegebenen ihres Gebietes in sich einschließt, die Logik dagegen eine kritische oder gesetzgebend idealistische Disziplin, indem sie sich nur auf die Feststellung der einfachen Grundidee desselben beschränkt und diese zur beherrschenden Norm und abschließenden Grenze für die Unterscheidung des Wahren und Falschen alles zu ihm gehörenden Inhalts erhebt.

Die Logik stellt das Denken nur hin so wie dieses an und für sich oder seinem reinen und einfachen Wesen nach ist; das wirkliche Denken ist vielfach ohne ein mit dem Gesetze der Logik widersprechendes zu sein, doch ein mannigfaltigeres, abgewandelteres und zusammengesetzteres als das jener ursprünglichen Grundform selbst; daher ist die Logik überhaupt unzureichend als volle und erschöpfende Wissenschaft von den Formen des Denkens angesehen zu werden und es ist eben unter diesem Gesichtspunkt daß sie durch die Syntax der Ergänzung bedarf.

Die Logik ist an und für sich selbst die Wissenschaft vom Denken als solchem oder außerhalb seines notwendigen und untrennbaren Zusammenhangs mit der Sprache, welcher letztere von ihr als etwas bloß Gelegentliches und außerwesentlich Selbstverständliches angesehen wird; alle Versuche aber vom Standpunkt der Logik selbst aus den ganzen Umfang der möglichen und berechtigten Modifikationen des wirklichen Denkens zu erschöpfen oder unter Anschluß an jene seine reine Idee ein umfassendes System derselben aufzustellen, sind vergeblich; nur das Gegebene oder Konkrete dieser Modifikationen wie es die Sprache in sich darbietet ist es das zum Anhalt hierfür genommen werden kann. Daher ergänzt die Syntax auf der einen Seite die Logik, während sie auf der anderen an dem einfacheren Gange von dieser den Führer ihrer eigenen zusammengesetzteren Bewegung findet.

Die Wissenschaft der Logik zerfällt in sich selbst in drei Teile, in die Lehre von den Begriffen und deren allgemeinen Beziehungen, in die von den einfachen und unmittelbaren Urteilsverbindungen und in die von den mittelbaren Urteilen oder Schlüssen. Das gegebene Element alles Denkens ist der Begriff; nur da wo Begriffe sind ist überhaupt ein Denken möglich; daher hat alles wirkliche Denken den Begriff selbst zu seinem spezifischen Kennzeichen und seiner ersten Voraussetzung.

Auf der anderen Seite aber besteht alles Denken wiederum in nichts Anderem als in der Erkenntnis der Begriffe oder der Ermittlung der zwischen diesen selbst stattfindenden notwendigen und wesenhaften Beziehungen; ein Begriff wird in dem was er ist von uns bestimmt oder erkannt nur durch die Beziehungen oder Verhältnisse in welchen er sich zu anderen Begriffen befindet; daher ist der Begriff nicht bloß die Voraussetzung und das wurzelhafte Element, sondern auch der alleinige Inhalt oder Gegenstand der Bewegung des Denkens, und es ist deswegen an und für sich durchaus unrichtig zu sagen, daß sich unser Denken auf die äußeren Sachen als solche richte da es vielmehr zunächst bloß die inneren diesen entsprechenden Begriffe sind auf die sich dasselbe bezieht.

Die Sphäre der Begriffe ist eine ebenso bei sich selbst abgeschlossene und in ihrer inneren Einrichtung von ihren eigenen Gesetzen beherrschte als die der Zahlen, und es sind das strenge oder begriffsmäßige Denken ebenso wie das Rechnen oder systematische Verknüpfen und Umgehen mit Zahlen an und für sich selbst genommen rein ideale oder nur dem Inneren unseres Lebens selbst angehörende Funktionen des Geistes, die überall nur mittelbar und indirekt in einem Zusammenhang mit den äußeren Dingen stehen. Der Zweck alles rein und systematischen Denkens aber ist die Erkenntnis der Begriffe, die in der Ermittlung ihrer mannigfachen Beziehungen unter einander besteht, und es hat zuletzt alles Rechnen ebenso nur an dem Erkennen der Zahlen aus ihren möglichen und notwendigen Beziehungen seinen Inhalt.

Der logische Ausdruck aber des in den Begriffen durch uns Erkannten oder die gedankenmäßige Form einer zwischen ihnen selbst stattfindenden Beziehung ist das Urteil. Begriffe können im Urteil rechtmäßig nur dann in der Weise miteinander in Verbindung gebracht werden als inwiefern sie unter einander selbst sich in Verhältnissen befinden und es ist daher die ganze Lehre oder Theorie von den Urteilen nur eine notwendige Folge und selbstverständliche Konsequenz aus der von den Begriffen.

Die Geltung aller einzelnen Urteile aber ist teils eine unmittelbare, teils eine mittelbare oder eine solche, welche auf der vorausgesetzten Gültigkeit gewisser fernerer Urteile, der Prämissen, beruht; eine derartige mittelbare Urteilsfolgerung aber ist ein Schluß und es ist ebenso die ganze Lehre von den Schlüssen nicht als eine notwendige Folge aus der von den einfachen Urteilen. Die begrifflichen Beziehungen bilden die Voraussetzung oder Grenze, innerhalb deren überhaupt ein geordnetes Denken möglich ist: alles wirkliche Denken als solches aber ist ein Urteil; das Prinzip endlich nach welchem aus gewissen schon gegebenen Urteilen andere solche mit innerer Notwendigkeit abgeleitet werden können, ist der Schluß.

Überhaupt daher hat der erste Teil der Logik, der Lehre von den Begriffen, an der Möglichkeit oder den bloßen Vorbedingungen, der zweite, die von den Urteilen, an der Wirklichkeit oder spezifischen Form, endlich der dritte, von den Schlüssen, an der Notwendigkeit oder dem geforderten Gesetz alles geordneten Denkens seinen Inhalt.


Die Lehre von der Anwendung des
hermeneutischen Prinzips


Das letzte oder zunächst gegebene Einzelne mit welchem es die sprachwissenschaftliche Erkenntnis in Rücksicht der geistigen Seite oder Klasse ihrer Erscheinungen zu tun hat, ist zuerst immer das Wort als solches in dem durch dasselbe angezeigten oder in ihm vertretetenen geistig logischen Bedeutungsinhalt.

Das Wort aber ist immer der Vertreter oder erscheinende Körper eines logischen Begriffes; das wissenschaftliche Verfahren in Bezug auf den Begriff aber ist die Definition und es besteht daher die Aufgabe des Lexikons, insofern dieses die Anstalt ist für die Bestimmung der geistigen Bedeutung der Worte, immer in der Definition der in diesen enthaltenen oder durch sie angezeigten logischen Begriffe. Dieses ganze Verfahren der Definition aber entbehrt in den meisten Fällen eines genügenden empirischen Fundamentes oder es ist doch dasselbe überall erst insofern ein wahrhaftes und wissenschaftlich gerechtfertigtes als es auf die Basis eines solchen gestellt wird.

Die Definition der begrifflichen Bedeutung eines solchen Wortes darf an sich niemals frei aus der Luft gegriffen oder ohne Angabe der näheren empirischen Beweismittel ihrer Richtigkeit als gültig hingestellt werden; der logische Inhalt eines jeden Wortes ist überhaupt niemals eine durchaus einfache und mit nur wenigen leicht aufzufindenden Merkmalen erschöpfte Abstraktion, sondern in jedem Falle eine durchaus konkrete in mannigfaltigen und verschiedenen Nuancen zur Erscheinung kommende geistige Individualität; dieses Individuelle des einzelnen Wortinhaltes aber kann überall nur aus einer durchaus genauen und aufmerksamen Verfolgung des ganzen wirklichen oder angewandten Gebrauches welcher von demselben in der Sprache nach seinen statthaften und nicht statthaften Verbindungsweisen mit anderen Worten gemacht wird, ermittelt und festgestellt werden.

Daher muß dieses letztere immer das erste Geschäft oder die allgemeine Grundlage für die endliche und einfache Definition desselben sein. Die gewöhnliche lexikographische Wort- oder Begriffsbestimmung aber unterliegt in dieser Beziehung meistens dem Tadel eines zu vornehmen und leichtfertigen Hinweggehens über das Konkrete und unmittelbar Wirkliche des gebrauchsmäßigen Vorkommens der Worte in der Sprache, indem gerade nur aus diesem letzteren immer die wahre und scharfe Begriffsindividualität der einzelnen unter ihnen gewonnen oder abstrahiert werder kann.

Überall gilt es hier zuerst zu beobachten und dann zu definieren; die logische Materie der Worte ist immer eine reichhaltigere und bestimmter in sich ausgeprägte als sie sich für die oberflächliche und äußerliche Betrachtung darzustellen pflegt. Das geforderte Verfahren dieser empirischen Beobachtung durch ein Beispiel zu belegen, so ist es für den Begriff des Wortes  Wesen  charakteristisch, daß wir statt des Begriffes eines Frauenzimmers vielfach zu sagen gewohnt sind, ein weibiches Wesen; nach derselben Analogie aber statt des Begriffes  Mann  zu sagen, ein männliches Wesen, würde verkehrt oder mit der Natur und der logischen Materie dieses Begriffes widersprechend sein.

Hieraus geht hervor, daß in dem Begriffe des Wesens etwas enthalten ist, welches der Natur des Weiblichen spezifisch verwandt, der des Männlichen dagegen spezifisch fremd oder von ihr unterschieden ist, obgleich an sich oder der strengen und einfachen Nominaldefinition dieses Begriffes nach das Männliche ebensosehr an dem allgemeinen Charakter eines Wesens Anteil hat als das Weibliche. An derartigen Erscheinungen vorüberzugehen, ist gedankenlos und unrecht; man sammle deren mehrere und es wird sich hier überall ebenso Gesetz und Ordnung zeigen als in allen anderen wirklichen Dingen sonst.

Der Begriff eines jeden Wortes ist eine ebenso konkrete Natur als in der Wirklichkeit irgend ein Tier oder eine Pflanze, und muß durchaus nach der Analogie von diesen in allem Einzelnen seines Inhaltes und seiner Lebenserscheinungen erkannt und beschrieben werden. Die Wissenschaft von den Begriffen der Worte ist ebenso eine Naturwissenschaft als die von den sinnlichen Erscheinungen an denselben; so wie man sich hat gewöhnen müssen in diesen letzteren das Stattfinden allgemeiner Gesetze und organischer Regeln anzuerkennen, ebenso ist auch der begriffliche Gebrauch der Worte nicht etwas Willkürliches in unserer Hand.

Die Feststellung aller charakteristischen Tatsachen in Bezug auf einen bestimmten Begriff bildet daher immer das empirische Material, auf welchem die wirkliche Definition desselben zu fußen hat. Das erste Geschäft ist dieses, solche Erscheinungen zu konstatieren, das zweite sie zu erklären. Die vornehme Verachtung des gewöhnlichen Sprachgebrauches aber als eines Unzammenhängenden, Widersprechenden und Wertlosen ist durchaus unwissenschaftlich und falsch.

Die Sprache ist auch hierin so wie alles Natürliche wahr und vernünftig, und zwar beides in weit höherem Grade als irgend ein sich klug dünkender Einzelner unter uns. So wie alle natürliche Gestalten und Dinge immer besser, schöner und vollkommener sind als sie sich der Mensch mit seiner einseitigen Verstandesberechnung würde erklügeln können, ebenso sind auch die in der Sprache gegebenen Charaktere und Individuen der Begriffe immer bessere und richtigere als die von dem Einzelnen willkürlich aufgestellten oder erfundenen.

Es bildet ferner die ganze Menge der Worte oder Begriffsindividualitäten einer jeden Sprache ein geordnetes und in allen seinen Einzelheiten genau zu einander passendes System, unter denen daher keine von den übrigen getrennt oder aus ihrem Zusammenhang mit denselben herausgerissen werden kann. Wie ein jedes einzelne Wort, so ist auch eine jede Sprache überhaupt in der Gesamtheit der logischen Bedeutungsmomente ihres Wortmaterials eine konkrete und eigentümlich gestaltete Individualität; daher ist die Vergleichung dieses individuellen Gesamtcharakters der einen Sprache gegenüber dem der anderen in der Gestaltung aller ihrer einzelnen logischen Wortindividuen ein ferneres wichtiges und beziehungsreiches Geschäft.

Auch die Gesetze der Wortstellung und alle sonstigen organischen Einrichtungen jeder einzelnen Sprache sind an diejenigen der anderen heranzuhalten und in ihren organischen Verhältnissen diesen gegenüber zu bestimmen. Die Materie oder der Stoff aller Begriffe und sonstigen Formen des Denkens ist zuletzt und dem Wesen nach allen Sprachen mit einander gemein; wie dieser Stoff in einer jeden von ihnen sich in einer durchaus eigentümlichen un mit sich konsequenten Weise gestaltet oder verschoben habe, mag nach dem Vorbild der auf der sinnlichen Seite der Sprache bloßgelegten Gesetze der Lautverschiebungen usw. festzustellen versucht werden.

Diese ganze Aufgabe ist eine quantitativ umfangreiche und qualitativ schwierige; sie ist aber mehr als eine andere belehrend und folgenreich, weil sie das Gebiet unserer eigenen in der Sprache verkörperten geistigen Unmittelbarkeit, das Denken, dem Gesetze der strengen oder exakten naturwissenschaftlichen Erkenntnis unterwirft. Die Hermeneutik als angewandte Kunsttätigkeit aber geht in diesem Sinne selbst in die Gestalt einer eigentlichen oder umfangreich systematischen Wissenschaft über.
LITERATUR,Hermann Josef Cloeren (Hrsg), Philosophie als Sprachkritik im 19. Jahrhundert, Stuttgart-Bad Cannstadt 1971