cr-4L e v i a t h a nMauthner - Hobbes Der Nominalist Thomas Hobbes    
 
FERDINAND TÖNNIES
Anmerkungen über die
Philosophie des Hobbes

[2/2]

"Philosophie ist ein Wissen bloß von Begriffen und von den Beziehungen zwischen Begriffen ist. Dieses vermag Gewißheit zu erlangen, nicht durch einen Akt der Erkenntnis, aber durch einen Akt des Willens. Definitionen sind wahr, weil wir  wollen,  daß sie wahr sind; alle prinzipiellen Urteile müssen Definitionen oder Teile von Definitionen, d. h. lauter analytische Sätze sein; alle übrige Wahrheit entsteht durch eine Kombination von solchen."

"Wissenschaft mag zwar ihren ganzen Inhalt aus Erfahrung entnehmen: ihre Form der allgemeinen Gültigkeit hat sie aus der Vernunft, d. h.  aus dem Entschluß des Einzelnen  oder aus einer vertragsmäßigen Übereinkunft zwischen Mehreren."

"Wenn wir behaupten, Allgemeines (universalia) zu verstehen, und es doch nichts Allgemeines gibt außer den Namen, so kann es nicht ein Verstehen der Dinge selber geben, sondern nur der Namen und der Rede, die aus Namen zusammengesetzt ist."

Zweiter Artikel

11. Zweimal wird im Verlauf des oben skizzierten Gedankenganges die unwissenschaftliche Erkenntnis besprochen; jedoch nicht beidemale in demselben Sinn. An der zweiten Stelle sind nur vereinzelte sinnliche Wahrnehmungen und die Ungewißheit ihrer Wiederkehr in der Erinnerung ohne den Gebrauch der Namen gemeint; an der ersten aber handelt es sich um mehrere assoziierte Vorstellungen, deren eine als das Zeichen der anderen betrachtet werde und durch ihr Eintreten die  Erwartung  eines zukünftigen oder die  Meinung  von einem vorhergegangenen Geschehen veranlasse; diese Meinungen oder Erwartungen sind hier das Ungewisse. Aber - muß man fragen - gibt denn Wissenschaft mit ihren Namen einen gesicherteren Grund zu einer Aussage über die Wirklichkeit? Was weiß ich denn, wenn ich weiß, daß ein Ding oder ein Phantasma oder was auch immer zwei  Namen  hat? Wenn diese Namen die vergangene Vorstellung wieder hervorrufen - kann nicht dieselbe auch von ungefähr durch die wortlose Erinnerung wiederkehren? Jedoch durch Namen können wir die Vorstellungen immer, nach unserem Belieben, wieder erwecken; darin liegt ihr Vorzug. Können wir es immer? was ist denn ein Name? er ist ein von unserem Willen abhängiges Merkmal, welches einer anderen Vorstellung assoziiert ist; und wir  erwarten,  daß die assoziierten Vorstellungen zusammen wiederkehren, indem eine die andere nach sich zieht. Warum erwarten wir es? weil wir es sehr oft erfahren haben. Aber der Bauer hat auch sehr oft erfahren, daß dem Aufziehen einer dunklen Wolke Regen folgt; dessen an das erste Ereignis geknüpfte Erwartung nannten wir ungewiß, und sagten, seine Erfahrung genüge nicht, um allgemeine Schlüsse zu bilden. Nun scheint es, daß die Erwartung des Philosophen über das Eintreffen der Vorstellung nicht besser begründet ist. Offenbar hat der Autor sich durch Erwägungen dieser Art führen lassen, wenn er den tatsächlichen Erfolg, daß die Vorstellung, welcher die Namen gegeben werden, fortwährend das Denken begleite, schließlich als "Evidenz" zur  Bedingung  des Wissens macht (Hum. Nat. Kap VI, 3); womit dann aber der beabsichtigte Vorteil der Namen aufgegeben ist. Nun aber ferner: wenn irgendein Erkenntnisinhalt in einem Urteil zu finden sein soll, so müssen die beiden Namen, aus welchen es besteht, ursprünglich nicht dieselbe Wahrnehmung bezeichnen, sondern verschiedene; und das Urteil muß behaupten, daß diese Wahrnehmungen in einer Vorstellung  verbunden  vorkommen. Damit dies geschehen kann, müssen die Wahrnehmungen zuvor miteinander verglichen werden. Aus diesem Gedanken bezeichnet der Autor im Jahre 1644 als das hauptsächliche Geschäft der Namen, eine solche Vergleichung in feststehenden Charakteren auszudrücken (praef. ad. Mersenni ballisticam: Opp. latt. V, Seite 306). Indessen: gesetzt die frühere Bedingung, daß mit den Namen die zugehörigen Vorstellungen auftreten, sei beständig erfüllt, so muß doch die Erwartung einer Assoziatin von Wahrnehmungen (mit anderem Ausdruck: der Koexistenz von Merkmalen) als in Erfahrung nicht hinlänglich begründet, wiederum zurückgewiesen werden. So käme also Wissenschaft mit ihren Namen nicht weiter als Empirie mit ihren Beobachtungen über Sukzessionen; dafür gäben aber beide eine wenn auch ungewisse Meinung von tatsächlichem Geschehen. Philosophie soll sich aber gerade durch ihre Gewißheit von Erfahrung unterscheiden. Gewisse Erkenntnisse von tatsächlichem Geschehen hat sich als unmöglich ergeben. Folglich kann Philosophie nicht ein solches Geschehen zu ihrem Gegenstand haben. Es bleibt nur, daß sie ein Wissen bloß von Begriffen und von den Beziehungen zwischen Begriffen ist. Dieses vermag Gewißheit zu erlangen, nicht durch einen Akt der Erkenntnis, aber durch einen Akt des Willens. Definitionen sind wahr, weil wir wollen, daß sie wahr sind; alle prinzipiellen Urteile müssen Definitionen oder Teile von Definitionen, d. h. lauter analytische Sätze sein; alle übrige Wahrheit entsteht durch eine Kombination von solchen. So mag dann - können wir im Sinne von HOBBES sagen - Wissenschaft zwar ihren ganzen Inhalt aus Erfahrung entnehmen: ihre Form der allgemeinen Gültigkeit hat sie aus der Vernunft, d. h. aus dem Entschluß des Einzelnen oder aus einer vertragsmäßigen Übereinkunft zwischen Mehreren. Da aber diese Form gerade ihr wesentliches Merkmal ist, so kann sie von der Existenz ihres Gegenstandes völlig unabhängig werden; und HOBBES ist demnach bereit, den von DESCARTES in anderer Meinung vorgetragenen Satz, daß auch, wenn es auf der ganzen Welt kein solches Ding wie einen Triangel geben sollte, doch der Begriff oder die Essenz desselben unveränderlich und ewig bestimmt sein, mit der Einschränkung, daß unter Essenz nichts anderes verstanden werden darf, als die Verbindung zweier Namen durch die Kopula (obj. XIV in Cart. Meditatt), womit man den Sinn, in welchem HUME (Inquriy, § VI) jenen Satz wiederholt, vergleichen mag. Aus demselben Gedanken heißt es auch in der erwähnten Vorrede von 1644: "wenn wir behaupten, Allgemeines (universalia) zu verstehen, und es doch nichts Allgemeines gibt außer Namen, so kann es nicht ein Verstehen der Dinge selber geben, sondern der Namen und der Rede, die aus Namen zusammengesetzt ist."

12. Sehr schroff, und nur im Ausdruck etwas verändert, wird diese Theorie im  Leviathan  (1651) vertreten (1). So heißt es (Teil 1, Kap. III): "Kein Gedankengang (discourse) kann enden in absolutem Wissen von einer Tatsache, sei es von einer vergangenen oder einer zukünftigen. Denn das Wissen von Tatsachen ist in seinem Ursprung Sinnesempfindung; und nachher immer Erinnerung. Das Wissen von Beziehungen (of consequence) aber, welches, wie ich früher gesagt habe, Wissenschaft genannt wird, ist nicht ein absolutes, sondern ein bedingtes; kein Mensch kann durch Denken (by discourse) wissen, daß dieses oder jenes  ist gewesen ist oder sein wird; das wäre absolutes Wissen; sondern nur:  wenn  dieses ist, so ist jenes usw. Das heißt bedingt wissen,  und zwar  nicht die Beziehung eines  Dinges  zu einem andern, sondern eines Namens von einem Ding zu einem anderen Namen desselben Dings." Ebenso (Teil 1, Kap. IX zu Anfang): "Es gibt Wissen zweierlei Art ... Wissen von Tatsachen ... Wissen von der Beziehung eines Urteils zu einem anderen ... das letztere heißt Wissenschaft und ist ein Bedingtes; dahin gehört ein Wissen, wie dieses:  wenn  die gezeigte Figur ein Kreis ist,  dann  wird jede gerade Linie, durch den Mittelpunkt gezogen, sie in zwei gleiche Teile teilen; und dies ist das Wissen das von einem Philosophen gefordert wird, d. h. von dem, der Anspruch macht auf Denken." Demgemäß ist "Geometrie die einzige Wissenschaft, welche es Gott gefallen hat, bislang der Menschheit zu verleihen" (Teil 1, Kap. IV). Irrtum in der Wissenschaft ist nicht möglich, sondern nur Absurdität, da das Gegenteil jedes wahren Satzes einen Widerspruch enthält (Teil 1, Kap. 5: "Wenn wir eine allgemeine Behauptung machen, so ist es entweder eine wahre oder ihre Möglichkeit ist undenkbar").

13. Es ist interessant zu sehen, wie sich HOBBES mit dieser Idee von Wissenschaft der Metaphysik DESCARTES gegenüber verhält. Kurze Zeit nachdem er seine "Elements of law" vollendet hatte, wurde ihm das Manuskript der  Meditationen  durch MARIN MERSENNE übermittelt, mit der Aufforderung des Autors, die stärksten Einwürfe zu machen, deren er fähig ist. Man kann nicht sagen, daß er dies getan hat: die eben bezeichnete Wissenschaftstheorie tritt schon darin hervor, wenn auch noch zaghaft und zweifelnd; HOBBES fühlt, daß die Kraft seiner Kritik durch dieselbe gelähmt wird, und kann doch nicht seine wirklichen wissenschaftlichen Ansichten los und unabhängig von ihr machen. Er gibt zu, daß der Name "denkendes Ding" ein passender Name für die Menschen ist; wenn ihm aber dann die Schlußreihe vorschwebt: Empfinden, Wahrnehmen, Denken (das alles will ja DESCARTES  in den Meditationen  mit dem Wort  cogitare  umfassen) ist eine Veränderung im empfindenden usw. Ding; alle Veränderung ist (lokale) Bewegung, alles Bewegte ist Körper; folglich ist das empfindende und denkende Ding ein Körper; so hemmt ihn die Erwägung, daß er damit entweder (synthetisch) über Tatsachen urteilt: dann ist es nicht wissenschaftlich, sondern unsichere Vermutung; oder er sagt aus (analytisch) über Begriffe: dann steht Behauptung gegen Behauptung, Wille gegen Wille. - DESCARTES bildet mit demselben Recht der Willkür seine Begriffe von zwei verschiedenen Substanzen, mit welchem HOBBES den Begriff  eines  gleichartigen körperlichen Universums bildet. So kann dieser nur in Betreff des Ursprungs der Begriffe seine Meinung mit Nachdruck geltend machen, und zwar tut er dies im Sinne des Sensualismus gegenüber den Behauptungen DESCARTES' von angeborenen oder als große Lichter klar und deutlich in seinem Verstand vorhandenen Ideen.

14. Die eigentliche Ursache des Gegensatzes zwischen den beiden Denkern, welche bei dieser Diskussion gar nicht zum Vorschein kommt, ist in ihrer gemeinsamen wissenschaftlichen Absicht zu suchen. Beiden schwebte das Ziel vor Augen, Veränderungen aller Art auf meßbare Quantitäten räumlicher Bewegung zurückzuführen; beide wollten deshalb die mechanischen Prinzipien allen ihren Untersuchungen zugrunde legen und anerkannten als die hauptsächlichsten derselben die neuen Gesetze GALILEIs; wenn auch DESCARTES die Welt glauben machen wollte und wirklich glauben gemacht hat, daß er dieselben aus seiner eigenen Vernunft selbständig gefunden habe (2). Beide verstanden ferner als eine Konsequenz dieser Prinzipien, daß jede bewegende Kraft selber ein bewegter Körper ist und nur durch Berührung wirkt; dem berührten Körper aber nur soviel Bewegung mitteilen kann, als sie selber wiederum von einem bewegten Körper empfangen hat. Diese Folgerungen, ja eigentlich schon der Kern des Beharrungsgesetzes selber mußten bei der Übertragung desselben auf organische Körper ergeben, daß die sogenannte Seele als selber unbewegt, von innen Bewegendes oder als selbständige,  freie  Urheberin irgendeiner Bewegung - welcher Charakter ihr doch als der  substanziellen Form  des Leibes bislang war gegeben worden - ein unwirktliches und unmögliches Ding ist. Welchen Begriff man auch immer mit ihrem Namen verbinden wollte, sie mußte sich dem allgemeinen Naturgesetz unterwerfen, wonach sie nur die Bewegung mitteilen kann, welche sie selber empfangen hat, d. h. sie mußte ein Körper werden. HOBBES erkannte diese Konsequenz klar und deutlich und hob sie immer so stark wie möglich hervor. DESCARTES kannte sie auch, aber er fürchtete sie. Die Meditationen bezeichnen den Versuch, sie durch eine gewaltsame Umstülpung seines Denkens abzuwehren; hier die ganze, später will er zumindest die nur dem Menschen zukommende intellektive Seele der Aristoteliker vor der Wissenschaft retten. Mit dieser Abtretung konnten sich in der Tat die philosophierenden Theologen zufrieden geben.

15. HOBBES hätte aber über den wissenschaftlichen Wert seiner eigenen Ansichten mehr im Klaren sein müssen, um DESCARTES auf dessen eigenem Feld schlagen zu können. Inzwischen fuhr er stillschweigend, wie in den  Elements of law,  so auch im  Leviathan  fort, die mechanistische Betrachtung auf Psychologie anzuwenden. Andeutungsweise wird schon im ersteren Werk, ganz ausdrücklich aber im anderen die Fortdauer der Empfindung in der Imagination aus dem Gesetz der beharrenden Bewegung erklärt; Träume aus einer Bewegung von den "inneren Teilen" des Körpers aus zum Gehirn, welche reziprok denselben Weg nimmt, auf dem im Wachen die von außen verursachte Wahrnehmungsbewegung aus dem Kopf in die Glieder übergehen; Fiktioni (in Hum. Nat.) als eine durch die Bewegung verschiedener Motoren bewirkte  zusammengesetzte  Bewegung; ich erinnere ferner an die Ideenassoziation, durch deren mechanische Erklärung HOBBES eine sich weit erstreckende Anregung gegeben hat; und verweise auf die Lehre von den menschlichen Affekten und Handlungen, welche später besprochen werden wird.

16. Nun aber erkannte aber der Philosoph bald, daß es sich bei dieser gesamten Theorie um etwas anderes handelt als um Beziehungen zwischen Begriffen. Es ist bezeichnend, daß in den erkenntnistheoretischen Kapiteln der  Elements of law  gar nicht von Kausalverhältnissen die Rede war; sondern nur einmal von einer Sukzession der Vorstellungen, als wovon keine Wissenschaft möglich sei. Nun aber stand er fortwährend vor der Aufgabe, gegebene Wirkungen aus ihren Ursachen abzuleiten. Die Frage: kann hier auch Definition, mit anderen Worten der Wille helfen? mußte er sich verneinen. Schon im Februar 1641, in einem Brief an CHARLES CAVENDISH, stellt er mit einem Seufzer die Naturwissenschaft den mathematischen Wissenschaften gegenüber; dieser ihr  Vorzug  bestehe darin, daß man (auf analytischem Weg) zuletzt zu einer Definition gelangt, d. h. zu einem Prinzip, das durch Übereinkunft zwischen uns selber  wahr gemacht  wird. Und der zweite ungedruckte Traktat (von dem ich angenommen habe, daß er vor 1644 geschrieben wurde) hebt mit folgenden Sätzen an:
    "Die Behandlung der Naturdinge ist von der Behandlung der übrigen Wissenschaften sehr verschieden. Denn in den übrigen werden andere Grundlagen oder erste Prinzipien des Beweisens weder erfordert noch gestattet als Definitionen der Worte ... dies sind erste Wahrheiten; denn jede Definition ist ein wahres Urteil ... Aber in der Erklärung natürlicher Ursachen muß notwendig eine andere Gattung von Prinzipien angewandt werden, und zwar diejenige, welche Hypothese oder Supposition heißt. Denn da es sich darum handelt, für eine den Sinnen vorliegende Tatsache (welche Phänomen genannt zu werden pflegt) die wirkende Ursache zu finden, welche in der Regel in der Eigentümlichkeit irgendeiner Bewegung besteht, auf die ein solches Phänomen notwendig folgt; und da es nicht unmöglich ist, daß durch unähnliche Bewegungen ähnliche Phänomene hervorgerufen werden; so kann es angehen, daß aus einer supponierten Bewegung die Wirkung richtig demonstriert wird und doch die Hypothese selber nicht wahr ist. So wird dann von einem Physiker nichts weiter verlangt, als daß die Bewegungen, welche er supponiert oder sich ausdenkt, vorstellbar sind, und daß durch ihre Zulassung die Notwendigkeit des Phänomens demonstriert wird und schließlich, daß nichts Falsches daraus abgeleitet werden kann."
Mit diesen Sätzen räumte der Autor die Idee einer Wissenschaft von Tatsachen ein, als einer zweiten Art neben den Wissenschaften von Begriffen. Und während hier noch, daß alle wirkenden Ursachen in Bewegungen bestehen, als selbstverständlich auftritt, so werden im optischen Traktat, welchen 1644 MERSENNE in seinen  Cogitata physico-mathematica  publizierte (abgedruckt in Hobbesi opp. latt. Vol. V, Seite 217f), überhaupt nichts als Hypothesen vorangestellt, an deren Spitze der Satz: "Jede Aktion ist lokale Bewegung im Agens, jede Passion lokale Bewegung im Patiens." Hier ist der Bruch vollständig geworden.

17. Die natürliche Folge ist eine neue Bestimmung des Begriffs Philosophie. Sie findet sich schon - fremdartig neben den ganz anderen Elementen des ersten Teils - im letzten Abschnitt des  Leviathan:  "Unter Philosophie" heißt es (Teil 4, Kap. 46), "wird das Wissen verstanden, welches erworben ist durch Entwicklung der Gedanken von der Art der  Erzeugung  eines Dings zu den Eigenschaften; oder von den Eigenschaften zu einer  möglichen  Art der Erzeugung desselben"; unter dem ersteren Ausdruck wird jetzt hauptsächlich die Geometrie begriffen, auf die ein gleich angeknüpftes Beispiel bezogen ist. Jedoch bedeutet eben diese veränderte Auffassung der Geometrie, daß der schroffe Gegensatz zwischen den beiden Arten von Wissenschaft für den Autor, als er dieses schrieb, schon nicht mehr bestand. Was zu jener neuen Auffassung veranlaßt hatte und dadurch die Scheidewand zu durchbrechen strebte, das war diejenige Disziplin, deren Verallgemeinerung als das Ziel des gesamten HOBBES'schen Denkens gezeigt wurde, die mathematische Bewegungslehre. Sie war doch offenbar eine Wissenschaft von tatsächlichem Geschehen, ja sogar von allem Geschehen, da es ein anderes als räumliche Bewegung nicht gibt; und doch wurde sie bewiesen aus Definitionen und durch Anwendung der Geometrie. Unmöglich konnte zwischen Geometrie und Dynamik eine Kluft bleiben. Ja, HOBBES kam zu der Meinung, daß Geometrie, unangewandt auf Gegenständliches, eine recht unnütze Sache ist, nämlich  reine Spielerei und zwar schwierige,  so drückt er sich noch in einer Schrift seines späten Greisenalters darüber aus (princ. et problem. aliq. geometr. 1674 Opp. latt. V, Seite 200). Die Konsequenz dieser Gedanken war der Satz, daß Geometrie selber eine Wissenschaft von Bewegungen sein muß, darin nach dem Früher und Später Ursache und Wirkung unterschieden werden kann, daß also eine derartige Wissenschaft, in welchem näheren Verhältnis sie auch immer zur eigentlichen Dynamik gedacht wurde, aus Definitionen demonstrierbar ist.

18. Die Schrift "Über den Körper", welche erst 1655, wie es scheint nach beinahe 20-jähriger Arbeit, als "erste Sektion der philosophischen Elemente" publiziert wurde, trägt in ihrem ersten, grundlegenden Teil (philosophia prima) Spuren der verschiedenen Phasen des erkenntnistheoretischen Denkens, welche HOBBES durchgemacht hat; ich werde jedoch nur auf diejenigen Stellen Rücksicht nehmen, welche in diesen zeitlichen Zusammenhang zu gehören scheinen. Das Werk beginnt mit einer Definition der Philosophie, welche mit der zuletzt mitgeteilten aus dem  Leviathan  ihrem Inhalt nach identisch ist. Weiterhin aber tritt diese Zweiteilung ganz zurück und das Problem wird als einheitliches dahin gefaßt, daß aus Ursachen Wirkungen abzuleiten sind. Alle Erkenntnis des Daseins (ton oti) sei Wahrnehmung und Erinnerung; ihr wird aber nun Wissenschaft einfach als Erkenntnis der Ursachen (ton dioti) gegenübergestellt. Nun seien die Ursachen der in den allgemeineren Begriffen dargestellten Dinge, heißt es in deutlicher Wiederannäherung an die formellen Bestimmungen des Aristoteles, für die Vernunft früher bekannt, als die der singulären; indem diese aus jenen zusammengesetzt sind; die allgemeinen Begriffe selber müsse man durch Analyse gewinnen und darin fortgehen bis zu den allerallgemeinsten, darin die allen Dingen gemeinsamen Merkmale enthalten sind.
    "Deren Ursachen sind  durch sich selber offenbar  oder, wie man sagt, der Natur bekannt; so daß sie überhaupt gar keiner Methode bedürfen; denn es ist  eine  allgemeine Ursache statt aller, nämlich die Bewegung ... wenn auch für Viele eine Art von Beweis nötig ist, damit sie einsehen, daß Veränderung aus Bewegung besteht, so hat doch dieses nicht statt wegen Dunkelheit der Sache (denn daß etwas aus seinem Zustand oder aus seiner Bewegung abweicht, außer durch Bewegung, kann nicht  gedacht  werden), sondern entweder, weil denen ihr natürliche Verstand durch die Vorurteile ihrer Lehrer verdorben ist, oder deshalb, weil sie überhaupt gar keinen Gedanken auf das Suchen der Wahrheit anwenden." (de corp. I, Kap. VI, 5)
Hier ist also HOBBES auf einem weiten Umweg zum eigentlichen rationalistischen Dogma gelangt: "Reine Vernunft gibt Erkenntnis von  Tatsachen".  Demgemäß folgt auch auf die angeführte Stelle der Plan eines universalen Systems der Wissenschaften, welches von jenen ursprünglichen Erkenntnissen aus nach synthetischer Methode aufzubauen ist. Zuerst ist zu erforschen, was durch Bewegung, wenn man sie absolut betrachtet, bewirkt wird (quid fiat ex motu simpliciter); hierin besteht die Geometrie. Es folgt die Darstellung der Wirkungen, welche  ein  Körper in einem  anderen  hervorbringt durch Stoß - dies ist abstrakte Dynamik (philosophiae pars illa quae de motu est). An dritter Stelle sind die Ursachen der Sinneswahrnehmungen, an vierter die der sinnlichen Qualitäten zu entwickeln. Dann hat sich an die Physik die Moral, an diese die politische Philosophie anzuschließen.

19. Dieser Idee gemäß bekommt nun der Begriff der Definition einen neuen Sinn. Sie soll nicht mehr einen Willensakt, sondern eine ursprüngliche  Erkenntnis  enthalten. Dies kann nun wiederum darauf gehen, daß eine Vorstellung mehrere  Namen  hat; solche Definitionen sind zwar nützlich, aber unwesentlich; diejenigen hingegen, worauf die Wissenschaft beruth, enthalten die  Ursache  oder  Entstehung  eines Dinges; "denn wenn man das Wissen davon nicht in den Definitionen hat, so wird man es auch nicht in der Schlußfolgerung des ersten Syllogismus antreffen; wenn nicht in dieser, in keiner der folgenden; und so würde keine Wissenschaft zustande kommen" (de corp. Teil 1, Kap. VI, 13 fin.). So schlagen die Definitionen gleichsam in ihr Gegenteil um. Der vorbildliche Versuch, solche neue Definitionen zu bilden, wird natürlich an der Geometrie dargestellt. "Eine Linie ist das Ding, welches entsteht durch Bewegung eines Körpers, dessen Größe nicht in Betracht genommen wird", diese möge als Beispiel dienen. In dem hier besprochenen Buch wird aber die Geometrie sehr kurz und noch im Bereich des zweiten Teils (philosophia prima), welcher eben die grundlegenden Definitionen enthalten soll, abgehandelt; der Autor geht dann mit dem dritten Teil (de rationibus motuum et magnitudinum) zu einer abstrakten Darstellung der mechanischen, hauptsächlich der dynamischen Gesetze über; nennt aber diese (in Widerspruch mit den Bestimmungen des Planes) Geometrie. Es hatten sich in seinen Gedanken die Begriffe von Geometrie und von Mechanik unlöslich miteinander verschlungen; infolge des Bestrebens, die Demonstrierbarkeit der ersteren zu retten, ohne die der letzteren unmöglich zu machen.

20. Mit der universalwissenschaftlichen Demonstration bleibt der Autor jedoch nach Vollendung des dritten Teils stecken. Es solle nun von den Phänomenen der Natur, d. h. von Bewegung und Größe der kosmischen oder  in Wirklichkeit existierenden  Körpern gehandelt werden. Hier sei von vorliegenden Wirkungen auf  mögliche  Arten der Entstehung zurückzugehen; demnach können die Prinzipien keine Definitionen sein, überhaupt nicht  allgemeine,  sondern nur  singuläre  Gültigkeit haben; müssen jedoch mit den vorher demonstrierten allgemeinen Sätzen in Übereinstimmung sein. Durch die letzte Bestimmung ist diese Theorie hier der früheren gegenüber charakterisiert; mit dem, was der Plan in Aussicht gestellt hatte, ist sie in einem sichtlichen Widerspruch. HOBBES konnte selber nichts ins Klare darüber kommen, warum er an dieser Stelle einen Einschnitt machen muß. Daß bisher von imaginären, nun von realen Körpern die Rede ist, trifft offenbar nicht ins Schwarze. Der ganze Wert der entwickelten Gesetze besteht ja darin, daß sie für alle in der beschriebenen Weise bewegten Körper  Gültigkeit  haben sollen, und wieso dies möglich ist, warum sie sich, mit diesem Charakter, a priori ableiten lassen, das ist gerade die Frage. Schon an einigen Stellen des ersten Teils versucht HOBBES, einen anderen Grenzstrich zu ziehen. Er unterscheidet einmal (P. I, Kap. 6, 6) "die Wege offensichtlich erzeugter" von den "Wegen innerer und unsichtbarer Bewegungen"; ähnlich, kurz nachher (in demselben Kaptel 17, 3) "was durch eine offenbare Aktion, d. h. durch Stoß und Anziehung dargestellt werden kann" (doceri possunt) von der "Bewegung unsichtbarer Teile" usw. Diese Unterscheidung meint eigentlich, daß sich die als allgemeingültig deduzierten Gesetze an der einen Gattun von Bewegungen verifizieren lassen, an der andern nicht; und weist darauf hin, daß dies bei jenen darum möglich ist, weil sich dort die Ursachen oder Kräfte in ihrer Tätigkeit selber unmittelbar beobachten lassen, während sich im anderen Fall nur die Wirkungen kundgeben. Aber warum die allgemeinen Gesetze gültig und als solche der Demonstration fähig sind, wird nicht erklärt. Inzwischen konnte sich HOBBES auch bei jener oberflächlichen Erledigung der prinzipiellen Erkenntnisse oder Definitionen, daß sie durch sich selber offenbar, daß sie der Natur bekannt sind und degl, nicht beruhigen. Diese DESCARTES'sche Wendung war mit seiner festgewurzelten Grundmeinung, daß alle Erkenntnis aus der sinnlichen Wahrnehmung herstammt, durchaus nicht verträglich. Also trat auch von dieser Seite die Nötigung an ihn heran, nach einer neuen Erklärung zu suchen. Bei seiner Vermischung der Geometrie mit der Mechanik formulierte sich das Problem so: warum ist eine Demonstration der Geometrie aus Definitionen möglich, d. h. aus Sätzen, welche eine prinzipielle Erkenntnis von den notwendigen Wirkungen gegebener Ursachen enthalten? Die Antwort findet sich zuerst in der Dedikationsepistel zu einer polemischen Schrift von 1656 (Six lessons to the professors of the mathematics: Englisch Works ed. Molesworth VII, Seite 184):
    "Von den Wissenschaften", heißt es hier, "sind einige demonstrierbar, andere undemonstrierbar; und demonstrierbar sind diejenigen, deren Gegenstand zu  konstruieren  in der  Macht  des Darstellers selber liegt, welcher in seiner Demonstration lediglich die Folgerungen aus seinen eigenen Operationen deduziert. Der Grund davon ist dieser, daß die Wissenschaft von einem jeden Gegenstand hergeleitet ist aus einer  vorherigen Kenntnis der Ursachen,  der Erzeugung und Konstruktion desselben; und folglich, wo die Ursachen  bekannt  sind, da ist Raum für Demonstration, aber nicht wo die Ursachen aufzusuchen sind. Darum ist Geometrie demonstrierbar, denn die Linien und Figuren, von denen unser Räsonnement ausgeht, sind gezogen und beschrieben  von uns selber;  und politische Philosophie ist demonstrierbar, weil wir das Gemeinwesen selber machen. Hingegen, da wir von Naturkörpern die Konstruktion nicht kennen, sondern sie von den Wirkungen aus suchen, so gibt es keine Demonstration davon, welche die Ursachen  wirklich  sind, nach denen wir suchen, sondern nur, welches sie  sein können." 
Doch ist auch hiermit nicht geholfen. Die Identität der Geometrie und der Mechanik bleibt das Geheimnis. Daß ein Punkt und darum auch ein jeder als Punkt betrachtete Körper durch Bewegung eine Linie beschreibt, mag ich daher wissen, daß ich eine solche Linie selbst hervorbringe; daß aber Übertragung von Bewegung nur durch Berühren erfolgt und daß der von einer einfachen Kraft bewegte Körper deren Richtung in gerader Linie fortsetzt, dergleichen wird sich nicht daraus folgern lassen. HOBBES hat aber an dieser Erklärung festgehalten; sie ist ausführlich wiederholt in "der philosophischen Elemente zweiter Sektion: über den Menschen" (1658, Kap.10, 5). Hier spricht er sich auch noch einmal über das Verhältnis der  Physik  zur  Geometrie  aus; er sagt:
    "Sofern man nicht einmal a posterioribus ad priora [von der letzteren zur ersteren - wp] zurückgehen kann in den Naturerscheinungen, welche durch Bewegung zustande kommen, ohne Kenntnis dessen, was aus einer jeden Art von Bewegung resultiert, noch die Resultate der Bewegung zu finden vermag ohne Kenntnis des Quantitativen, worin die Geometrie besteht, so ist es nicht möglich, daß nicht Einiges auch von einem Physiker sollte a priori demonstriert werden können. Daher pflegt die Physik, ich meine die wahre Physik, welche sich auf Mechanik stützt, unter die angewandte Mathematik (inter mathematicas mixtas) gerechnet zu werden."
21. Man erkennt, daß HOBBES immer von Neuem mit dem Fuß an das Problem anstößt, aber nicht darüber hinwegkommt. Das wahre Verhältnis der Mechanik zur Geometrie und der Physik zur Mechanik blieb ihm dunkel. Es blieb ihm deshalb dunkel, weil er sich nicht entschließen konnte, den offenbaren Verkehrtheiten der alten Physik und der ganzen damit zusammenhängenden Weltansicht gegenüber sich mit bloß präsumtiv allgemeinen Sätzen zu begnügen, sondern glaubte - mit so vielen der Zeitgenossen und der Späteren - den vorgeblich notwendigen Wahrheiten der Schulphilosphen wirklich notwendige entgegenstellen zu müssen. Demgemäß mochte er nicht einräumen, daß das GALILEI'sche Beharrungsgesetz nur eine genial erfundene Abstraktion, immerhin doch von hypothetischem Charakter, ist; und sich nicht dabei beruhigen, daß dasselbe, da sich alle auf seinem Boden angestellten mechanischen Berechnungen an der Erfahrung bewährten, dadurch eine in fortwährender Progression zunehmende Wahrscheinlichkeit erhält und darum als Gewißheit behandelt werden darf; wollte folglich auch nicht zugeben, daß der Satz, alle Veränderung sei lokale Bewegung, welcher die Übertragung der mechanischen Gesetze auf das Universum erst möglich macht, sofern er über Tatsächliches aussagen will, immer ein Postulat oder ein regulatives Prinzip bleiben muß, welches freilich von überwältigender Probabilität sein kann, solange nicht eine Veränderung anderer Art als durch eine solche Bewegung für die Sinne deutlich gezeigt und solange nicht eine andere Art von Bewegungsübertragung als durch Berührung als möglich, d. h. als wirklich nachgewiesen wird. Mit solchen Vorbehalten würde HOBBES nicht geglaubt haben, die scholastische Philosophie siegreich bekämpfen zu können. - Diesem gemäß ist wohl der Zweifel gerechtfertigt, ob man Grund haben wird, noch ferner diesen Philosophen als den Jünger FRANCIS BACONs vorzustellen; ja ich meine, ein flüchtiger Einblick in seine Schriften hätte verhindern müssen, daß in einem berühmten Buch der Hergang etwa folgendermaßen geschildert wurde: der  Meister  und Chorege [Chorleiter - wp] der empiristischen Erkenntnistheorie zeichnet dem jungen HOBBES  seine Aufgabe vor;  er wird angestellt, nach den Prinzipien des  Novum Organum  die Politik zu traktieren; da dem Großkanzler sein Rang und seine Kenntnis von Staatsgeheimnissen verboten hat, sich mit dieser Materie selbst zu befassen. So macht HOBBES dann als ein gehorsamer Schüler sich an die Arbeit! -

22. Auf der anderen Seite ist es gewöhnlich geworden, daß HOBBES als ein Repräsentant des sogenannten Materialismus bezeichnet wird. Indessen wenn man diesen Ausdruck nicht bloß als sittlichen Vorwurf und um damit ein allgemeines Mißfallen an rücksichtslosem Denken kundzugeben, verwendet, so weiß ich nicht, ob er sich wird rechtfertigen können. F. A. LANGE, der unseren Autor im Ganzen unter einem richtigen Gesichtspunkt behandelt hat (Geschichte des Materialismus, Bd. 1, Seite 234f), neigt öfters dazu, jenen Namen fast gleichbedeutend mit  mechanistischer Naturphilosophie  zu gebrauchen; indessen bemerkt er doch, daß HOBBES in mehreren Hinsichten über den Materialismus hinausgegangen ist. Meine Meinung ist, daß der Gegensatz, dessen eine Seite durch jenes Wort bezeichnet wird, für alle wichtigen Erscheinungen innerhalb der neuen Philosophie ein ganz unzulängliches Einteilungsprinzip darstellt. Wenigstens wenn unter Materialismus eine metaphysische Doktrin verstanden wird, welche insbesondere das Verhältnis zwischen Sein und Empfindung bestimmen will, so ist dieselbe nicht erst durch die kantische Kritik der Vernunft überwunden, sondern hat vor  keiner  solchen Kritik recht Stand halten können. Was HOBBES betrifft, so ist er zunächst jeder Art von transzendenter Behauptung über das Wesen des Weltalls abgeneigt, der sensualistischen oder empiristischen Seite seiner Erkenntnislehre gemäß; er bemerkt, über die Welt, als ein Aggregat vieler Teile, könne sehr wenig gefragt, aber gar nichts bestimmt werden. Und es folge zum Beispiel nichts Absurdes, ob die Welt als endlich oder als unendlich gesetzt wird; eine Vorstellung sei freilich nur vin Endlichem möglich. Ebenso sei ein unaufhörlicher Kausalregressus wohl denkbar, aber in Wirklichkeit nicht auszuführen; wer es versuche, werde doch schließlich ermüden und aufhören müssen,  ohne zu wissen, ob  er noch weiter hätte gehen können oder nicht; die Ursache, bei der er Halt mache, nenne er dann  Gott  (de corp. Teil IV, Kap. 21, 1f; Leviathan I, 12; English Works III, Seite 96). - Geradezu im Gegensatz zum Materialismus steht aber HOBBES durch seinen, wenn auch nicht entschieden durchgeführten, doch deutlich genug hervortretenden  Phänomenalismus.  Wenn er die Akzidentien [Merkmale - wp] den Körpern gegenüberstellt und als Wirkungsarten der Körper definiert, so unterscheidet er nicht zwischen primären und sekundären Qualitäten, wie es, wenn auch nicht mit diesen Ausdrücken, DESCARTES tut; und wie es auch der atomistischen Doktrin gemäß ist. Sondern er begreift unter den irrealen Akzidentien auch Ausdehnung, Beweglichkeit, Undurchdringlichkeit; und  Raum und Zeit  sind bloß die abstraktesten Vorstellungen, welche als Erinnerungen auch bleiben würden, wenn alle Vorstellungen von  Dingen einerseits von seienden, andererseits von bewegten, verschwunden wären. In den früheren Schriften (Hum. Nat., Leviathan) wird freilich die Bewegung als daß außerhalb unserer Wahrnehmung allein Reale bezeichnet. Nachdem aber, konsequenterweise, im Buch  de corpore  auch das Bewegtsein für eine Akzidenz erklärt worden ist - woneben freilich an vielen stellen desselben Buches das Frühere beibehalten wird - bleibt von einer Wirklichkeit außerhalb der Vorstellungen eigentlich nichts als der leere Begriff eines Körpers oder eines Substanz, welcher nur dienen kann, den Glauben auszudrücken, daß doch überhaupt so etwas, wie  Dinge-ansich vorhanden ist (siehe de corp. Teil II, Kap. VIII mit Decameron physiologicum, Kap. I, English Works VII, Seite 81). Dabei wird freilich wieder betont, daß ohne das Prädikat der Ausdehnung oder Figur ein Körper gar nicht  gedacht  werden kann; keineswegs jedoch sei etwa ein  bloß  ausgedehnter Körper als existierend vorzustellen; der Begriff eines solchen sei  nur  für das Denken zu gebrauchen. Dieses ausdrücklichen Vorbehalts muß man sich erinnern, wo HOBBES von der Konstitution der Materie redet. In Bezug auf diese aber ist er auch keineswegs (wie ich hie und da fälschlich angegeben finde) Atomiker; nicht bloß nicht weil er, gleich DESCARTES, das Vakuum leugnet, oder doch dessen Annahme nicht für notwendig hält; sondern hier ist seine seine ganze Betrachtung, wie LANGE richtig bemerkt, relativisch; und zwar ist sie es unter dem Einfluß der phänomenalistischen Ansicht. Groß und klein, teilbar und unteilbar sind ja nicht Eigenschaften irgendwelcher Dinge; ob ich in meinen Berechnungen den Erdball als einen Punkt betrachte, oder als ein Zusammengesetztes aus unendlich vielen Teilen, ist ansich vollkommen gleichwertig; die Bewegung eines Ganzen als solchen kann ich ebensowohl wie die Bewegung eines sogenannten kleinsten Teiles als die Ursache einer Veränderung annehmen ... In welcher Weise und wie weit diese Auffassung in den physikalischen Theorien selber durchgeführt ist, dies zu betrachten, wäre für den Spezialhistoriker wohl interessant, ist aber sonst unwichtig, weil die eigentliche Naturlehre des HOBBES in allen ihren Einzelheiten nur von geringem Einfluß gewesen ist. Ob sie dies ihrem minderen Wert gegenüber der DESCARTES'schen zu verdanken hatte, will ich nicht und könnte ich nicht entscheiden. Ein Kenner wie GASSENDI freilich, der von den DESCARTES'schen  Principia  an seinen Freund RIVET schrieb, das Buch werde noch vor seinem Autor sterben müssen, er sehe niemand, der es aushalten kann, dasselbe zu Ende zu lesen, dieser soll die Schrift "de corpore", welche ihm kurz vor seinem Tod noch zu Händen kam, als das wahre Schatzkästlein der Weisheit gepriesen haben; indessen war er mit HOBBES befreundet, gegen DESCARTES erbittert. Sicherlich ist aber der Umstand, daß die neue Physik im DESCARTES'schen Gewand allmählich kathederfähig wurde, ihrer Gesellschaft mit den Gottes- und Seelenbeweisen (obgleich auch diese den Gläubigen sehr mit Recht verdächtig waren) ganz hauptsächlich zuzuschreiben. Weil HOBBES mit so etwas nicht dienen konnte, ja vielmehr durch seine Moral und Politik den schwersten Haß auf sich geladen hatte, so wurde seine Physik umso mehr perhorresziert [abgelehnt - wp] (3). Inzwischen urgierte er bis an sein Lebensende den baconisierenden Physikern der Royal Society gegenüber, daß allen Hypothesen die rationale Bewegungslehre, um die jene sich wenig kümmerte, zugrunde gelegt werden muß; wenn die Experimente es täten, so könnte auch ein junger Drogist als Philosoph auftreten. HOBBES hätte es vielleicht als einen Triumph betrachtet, wenn er erlebt hätte, daß JOHN NEWTON seine große Theorie aus dem Zusammenhang einer allgemeinen mathematischen Mechanik deduktiv begründete.

23. Daß die erkenntnistheoretischen Gedanken des HOBBES durch ihren Einfluß auf LOCKE und BERKELEY, sowie auf LEIBNIZ eine große Bedeutung für die Fortbildung jener Disziplin gehabt haben, soll hier nur behauptet, nicht bewiesen werden. Epoche machend aber ist HOBBES geworden als Begründer einer rationalistischen Ethik. Diesem Gegenstand wird daher eine fernere Erörterung gewidmet sein.
LITERATUR - Ferdinand Tönnies, Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 3, Leipzig 1879
    Anmerkungen
    1) Dieses einst so berühmte Werk pflegt in Deutschland (wenn überhaupt einmal) nach der lateinischen Übersetzung zitiert zu werden, welche zu Amsterdam 1668 in einer Sammlung der lateinischen Schriften erschienen ist. Diese Übersetzung enthält aber einen stark überarbeiteten Text; viele wichtige Stellen sind weggelassen, gekürzt oder abgeschwächt.
    2) Daß aber die beiden gleichzeitig und ohne Zweifel völlig unabhängig voneinander den Gedanken dieser Verallgemeinerung ergriffen, ist nicht erstaunlich. Einmal forderten die großartigen Fortschritte der Mechanik dazu heraus, dann aber hatte das Studium der verwandten epikureischen Ansichten, das freilich erst durch GASSENDI lebhaftere Förderung empfing, immerhin wohl schon lange einer solchen Weltbetrachtung ihr fremdartiges Aussehen genommen.
    3) "Eine Lehre des Hobbes", sagte der Vizekanzler der Oxforder Universität, OWEN, "wie sie auch immer beschaffen sein möge, werden wir niemals annehmen. (siehe Hobbes, de natura aeris, ed. 1668, Seite 28)