ra-2ra-2p-4H. Aschkenasyvon WieseA. BrunswigA. MeinongLocke    
 
HARALD HÖFFDING
(1843-1931)
Der Relationsbegriff
[1/2]

"Wenn nun das Wahrheitskriterium das widerspruchsfreie Verhältnis geprüfter und durchgedachter Vorstellungen ist, wird dadurch eine Aufgabe gestellt, die nimmer absolut gelöst werden kann. Es gibt keine Grenze dafür, in wie vielen Verhältnissen eine Vorstellung untersucht werden soll, damit sie ihre Probe vollständig bestehen könne. Es zeigt sich hier, daß der Relationsbegriff auf einmal eine Grenze und eine Aufgabe bedingt. Wegen der vorherrschenden Bedeutung dieses Begriffs in unserer Erkenntnis drückt jedes erreichte Verständnis gewisse bestimmte Verhältnisse aus und gilt nur für diese, ist also insoweit  relativ." 

"Die Philosophie Hegels ging in ihrer historischen Orientierung von einem Stadium aus, auf welchem die menschlichen Gedanken friedlich beieinander wohnten, ohne daß sich ein Bedürfnis regte, ihre gegenseitigen Verhältnisse zu bestimmen. Das Entstehen eines solchen Bedürfnisses ist für Hegel ein Auflösungsphänomen. Dann entstehe ein  unglückliches Bewußtsein,  in welchem die Harmonie der Gedanken zerbrochen sei, und strenge geistige Arbeit sei erfordert, damit die einzelnen Gedanken, trotz oder eben mittels ihrer Gegensätze, als die Glieder eines großen Ganzen stehen können. Dies wird durch die dialektische Methode, die eigentlich eine Systematisierung von Relationsbegriffen bedeutet, möglich. Der einzelne Gedanke wird über sich selbst zu anderen Gedanken geführt, indem seine Begrenzung eingesehen wird. Dadurch werden die Widersprüche, die durch die Isolation der Gedanken hervorgerufen wurden, aufgehoben. - Doch wird eine kritische Untersuchung zeigen, daß Hegel eigentlich selbst die Begriffe isoliert, um dann hinterher die höhere Einheit siegreich aufweisen zu können."


I.
Die Geschichte des Relationsbegriffs.

Diese Abhandlung ist, wie eine frühere Abhandlung "Der Totalitätsbegriff" (deutsche Übersetzung 1917), ein Versuch, einen einzelnen Punkt in meinem Buch "Der menschliche Gedanke" (deutsche Übersetzung 1911), näher zu entwickeln. In diesem Buch war es mein Bestreben gewesen, eine Darstellung der Hauptformen, in denen menschliches Denken arbeitet, und im Zusammenhang damit die Hauptprobleme, mit welchen es arbeitet, zu geben. Der Zusammenhang zwischen Gedankenformen und Gedankenproblemen zeigt sich am deutlichsten darin, daß die Gedankenformen allen Fragen zugrunde liegen, Fragen, die, wenn sie in scharfer und bestimmter Form gestellt sind, Probleme werden.

Nachdem das Interesse für Erkenntnistheorie am Schluß des vorigen Jahrhunderts wieder erweckt war, wurden die ersten Grundsätze der menschlichen Erkenntnis besonders diskutiert. Man untersuchte die Möglichkeit, sie zu begründen oder abzuleiten, und die Möglichkeit ihrer vollständigen Durchführung auf allen Gebieten. Aber solche Grundsätze enthalten gewisse Grundbegriffe, die mehr oder minder unwillkürlich teils vom gesunden Menschenverstand (sens commun), dem vorwissenschaftlichen Denken, teils vom wissenschaftlichen Denken, wie sich dieses in der Geschichte der Wissenschaft kundgibt, angewandt werden. Sowohl in den Fragen, die vom Denken gestellt werden, als in den Antworten, die es anerkennt, geben sich gewisse Formen kund, die von der Kategorienlehre, der deskriptiven Erkenntnistheorie, hervorgezogen und geordnet werden sollen. Die zwei Hauptquellen der Kategorienlehre sind die psychologische Analyse des  gesunden Menschenverstandes  und das historische Studium der Entwicklung der Wissenschaft auf ihren verschiedenen Stadien. Diese Quellen stehen in beständiger Wechselwirkung miteinander, indem die Wissenschaft sich aus dem unwillkürlichen Denken des gesunden Menschenverstandes sukzessiv entwickelt, besonders wenn sich ein Zweifel kundgibt, und indem andererseits der Gedankengang und die Resultate der Wissenschaft, langsam, aber fortwährend, auf die Form und den Inhalt des gemeinen Verstandes Einfluß üben, so daß der gesunde Menschenverstand nicht zu allen Zeiten der gleiche ist.

Während die frühere Abhandlung den Totalitätsbegriff und die mit ihm zusammenhängenden Gedankentendenzen behandelte, soll die hier vorliegende Abhandlung den Relationsbegriff und die mit ihm zusammenhängenden Prinzipien der Forschung zu beleuchten versuchen. Die zwei Begriffe zeigen gegenseitig aufeinander hin. Auf zwei verschiedenen Wegen gibt sich der Totalitätsbegriff kund. Alle Erkenntnis besteht im Zusammenfassen, in einem unwillkürlichen Streben, Ganze zu bilden, wo solche nicht unmittelbar gegeben sind. Aber das unmittelbar Gegebene, die vorliegenden Gegenstände (Erlebnisse) können als Ganzes hervortreten (und bei näherer Untersuchung wird dies gewiß immer so sein) und können nur verstanden werden mittels Analyse des Zusammenhanges zwischen ihren Elementen und zwischen ihnen und andern Ganzen und Elementen. Das menschliche Erkennen bildet Totalitäten, wo solche nicht unmittelbar gegeben sind, und löst sie auf, wo sie unmittelbar vorliegen. In beiden Fällen offenbart sich der Zusammenhang zwischen dem Totalitätsbegriff und dem Relationsbegriff. Totalitäten können nur dadurch gebildet werden, daß Gegenstände in bestimmte Verhältnisse zueinander gebracht werden, und gegebene Totalitäten können nur durch Aufweisung der für ihr Bestehen entscheidenden inneren und äußeren Relationen verstanden werden. Relation ist daher auf allen Gebieten eine wesentliche Gedankenform. Denken ist bestimmte Verhältnisse zu finden, einen Gegenstand in Relation zu einem anderen zu setzen. Die allgemeinsten Relationen sind Kontinuität und Diskontinuität, Ähnlichkeit und Verschiedenheit; ich nenne sie fundamentale Kategorien. Sie nehmen in den formalen Kategorien (Identität, Analogie, Negation, Rationalität), in den realen Kategorien (Kausalität, Totalität, Entwicklung) und in den idealen Kategorien (den Wertbegriffen) speziellere Formen an. Die nähere Darlegung hiervon ist in "Der menschliche Gedanke" gegeben.

Im folgenden wird der Relationsbegriff durch eine Untersuchung der Art, in welcher er sich in der Aufstellung und der Behandlung der philosophischen Hauptprobleme kundgibt, beleuchtet werden. In "Philosophische Probleme" (deutsche Übersetzung 1903) und in "Der menschliche Gedanke" (Seite 269 - 278) habe ich behauptet, daß es vier solche Probleme gibt: das psychologische, das erkenntnistheoretische, das ethische und das metaphysische (oder, wie es ich lieber nenne: das kosmologische), und ich habe die Analogien zwischen ihnen hervorgehoben. -

Ein Überblick über die Geschichte der Kategorienlehre (siehe "Der menschliche Gedanke" Seite 147 -168) zeigt eine entschiedene Tendenz dazu, den Relationsbegriff in erste Linie zu stellen. ARISTOTELES, der erste, der eine Kategorienlehre aufgestellt hat, faßt freilich die Relation nur als eine unter zehn Kategorien auf, aber eine nähere Untersuchung zeigt, daß die meisten (im Grunde alle) anderen aristotelischen Kategorien besondere Arten von Relation ausdrücken. Als Beispiele der Relation nennt ARISTOTELES selbst: Gleichheit und Ungleichheit der Größe, Ursache und Wirkung, Erkanntes und Erkenntnis. Aber in späterem griechischen Denken spielte die Relation eine ganz entscheidende Rolle. (Hier bedarf die in "Der menschliche Gedanke" gegebene Übersicht einer wichtigen Ergänzung.) Charakteristisch für dieses spätere griechische Denken, ehe die Mystik ihren Einfluß geltend machte, war die kritisch-skeptische Richtung. PLATON steht, trotz seines spekulativen Strebens, als der Vorgänger dieser Richtung da, teils durch die Einwendungen, die er im "Parmenides" gegen die Ideenlehre darstellt, teils in dem Gewicht, das in späteren Dialogen darauf gelegt wird, daß die Erkenntnis im Urteilen, also in der Bestimmung der gegenseitigen Relationen der Begriffe, Ausdruck findet (1). Während aber PLATON trotzdem doch immer davon überzeugt war, daß die Wahrheit gefunden ist und in einer Welt ewiger Ideen hervortritt, kam die spätere akademische Schule zu dem Resultat, daß die Wahrheit nicht nur nicht gefunden war, sondern daß sie auch nicht gefunden werden konnte; was man finden konnte, war nur Wahrscheinlichkeit. Der bedeutendste Mann dieser Schule ist KARNEADES (2. Jahrh. v. Chr.), der mit Recht der mächtigste Geist in Griechenland in diesen Jahrhunderten genannt worden ist. Von entscheidender Bedeutung für den Relationsbegriff war es, daß er die Frage entwarf, worin eigentlich unser Kriterium der Wahrheit und der Wirklichkeit bestehe. Den Stoikern gegenüber, die sich dadurch beruhigten, daß es Vorstellungen gäbe, in welchen die Wahrheit ganz unmittelbar ergriffen werden könnte (2), behauptet er, daß, weil mehrere einander widersprechende Vorstellungen mit diesem Gepräge auftreten können, man zu keiner einzelnen Vorstellung Zuversicht haben könne. Die Gültigkeit einer Vorstellung könne nur auf ihrer Übereinstimmung mit anderen Vorstellungen beruhen. Sie soll nicht nur von anderen Vorstellungen nicht widersprochen sein, sondern müsse durch Zusammenhang mit anderen Vorstellungen Bestätigung finden, wie die Ärzte sich in ihren Diagnosen an keine einzelnen Kennzeichen, sondern an den Zusammenhang aller Kennzeichen halten. Ferner müsse in allen wichtigen Fällen ein analysierendes Durchgehen aller den Vorstellungsinhalt betreffenden Verhältnisse stattfinden (3).

Es wäre unrichtig, KARNEADES einen Skeptiker zu nennen. Er glaubt zwar nicht, daß eine Vorstellung, abgesehen von ihrem Verhältnis zu anderen Vorstellungen, Gültigkeit behaupten kann, aber hierdurch zeigt er eigentlich nur auf den Weg hin, den der gesunde Menschenverstand unwillkürlich geht, wenn sich ein Zweifel regt und er formuliert die Methode der Erfahrungswissenschaft. In seiner Darstellung der Lehre des KARNEADES vergleicht SEXTUS seine Methode mit der von den  empirischen  Ärzten angewandten und man hat sogar vermutet (4), daß diese Ärzteschule ihn beeinflußt hat. In dem von KARNEADES behaupteten Wahrheitskriterium gibt sich der Relationsbegriff deutlich kund und zwar in einer Weise, die schon von PLATON (Staat X 602 B - 603 A) angedeutet wird, wie wir späterhin wieder erwähnen wollen.

Wenn nun das Wahrheitskriterium das widerspruchsfreie Verhältnis geprüfter und durchgedachter Vorstellungen ist, wird dadurch eine Aufgabe gestellt, die nimmer absolut gelöst werden kann. Es gibt keine Grenze dafür, in wie vielen Verhältnissen eine Vorstellung untersucht werden soll, damit sie ihre Probe vollständig bestehen könne. Es zeigt sich hier, was sich im folgenden immer wieder zeigen wird, daß der Relationsbegriff auf einmal eine Grenze und eine Aufgabe bedingt. Wegen der vorherrschenden Bedeutung dieses Begriffs in unserer Erkenntnis drückt jedes erreichte Verständnis gewisse bestimmte Verhältnisse aus und gilt nur für diese, ist also insoweit "relativ". Anderseits aber führt uns die Relation als Kategorie immer über jedes erreichte Verständnis hinaus, indem sie die Wichtigkeit oder die Notwendigkeit, neue Relationen zu suchen, einschärft, damit die Bestimmung des verstandenen Gegenstandes tiefer werden könne. Was dem Gedanken Widerstand macht, was ihn hemmt oder begrenzt, stellt ihm aber dadurch neue Aufgaben und gibt ihm neue Anregungen. CHARLES RENOUVIER hat daher mit Recht von der Relation als Methode (la méthode des relations) gesprochen. In der Geschichte des Relationsbegriffes bis in die neueste Zeit treten immer wieder die beiden Tendenzen Begrenzung und Aufgabe (Widerstand und Arbeit, Abschluß und Erweiterung) auf. Und sie haben beide in der Relation als Kategorie ihren Ursprung.

Schon im Altertum tritt diese doppelte Seite des Relationsbegriffs hervor. Nach der Zeit des KARNEADES waren die Akademiker am meisten vor dem Drange nach Abschluß beherrscht und näherten sich den Stoikern mit ihrem Glauben an eine einmal für alle gegebene Wahrheit. Die Skeptiker dagegen meinten, daß, wenn man nimmer die volle Wahrheit gewinnen kann, hat man kein Recht, an sie zu glauben. Außerdem könne man ja wieder fragen, durch welches Kriterium wir die Gültigkeit des von KARNEADES behaupteten Kriteriums entscheiden können. - Während die Dogmatiker den Relationsbegriff verwerfen und sich an gewisse Vorstellungen als definitive halten, schließen die Skeptiker kraft des Relationsbegriffes, daß es keine Wahrheit gibt: relative Wahrheit sei keine Wahrheit!

Der hervorragendste dieser Skeptiker, AENESIDEMUS (wahrscheinlich im ersten Jahrhundert vor Chr.), hat eine systematische Darstellung der verschiedenen Verhältnisse, die seiner Meinung nach wahre Erkenntnis unmöglich machen, gegeben. Er weist auf die Verschiedenheiten der organischen Wesen, besonders der Menschen, hin, auf die Verschiedenheiten unserer Sinne, mittels welcher  dasselbe Ding  sich für verschiedene Sinne verschieden zeigt, auf die Bedingtheit unserer Auffassung durch Raum- und Zeitverhältnisse, besonders durch unseren Abstand vom Gegenstand, auf den Einfluß von Gewohnheiten und Überlieferungen. Es gibt überhaupt zehn Arten von Verhältnissen, die unsere Erkenntnis unsicher machen. SEXTUS EMPIRICUS (ed. BEKKER, Seite 10) zeigt, daß die zehn Arten auf drei zurückgeführt werden können, indem die Auffassung entweder durch das auffassende und urteilende Subjekt oder durch das aufgefaßte Objekt oder durch beides auf einmal bestimmt werden kann. Und diese "drei Tropen" führt er dann zuletzt auf den allgemeinen Relationsbegriff zurück. Hier wird zum erstenmal die Relation als allgemeine Kategorie aufgestellt.

Mit Unrecht hat man in der Rolle, welche die Erörterungen über das Wirklichkeitskriterium in den späteren Zeiten des Altertums spielen, ein Zeichen der Abschwächung des Forschungsdranges gesehen (5). Es sind eben neue und bedeutungsvolle Gedanken, die in der akademischen und skeptischen Schule hervortreten, Gesichtspunkte, die PLATON und ARISTOTELES in ihrer intellektuellen Begeisterung nicht recht gewürdigt hatten. Die Einsicht, daß die Entwicklung darüber, was als Wirklichkeit anerkannt werden soll, teils durch das Verhältnis zwischen Gegenständen untereinander, teils durch das Verhältnis zwischen den Gegenständen und dem auffassenden und denkenden Subjekt bestimmt wird, ist von der akademischen und skeptischen Schule zur Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit übergegangen (6), wie es sich im folgenden zeigen wird. Im Altertum selbst bildete die Erörterung dieser Frage eine Einleitung zu einer rein empirischen Wissenschaft, besonders in den ärztlichen Schulen, und eine wissenschaftliche Bewegung in dieser Richtung war vielleicht, wie schon bemerkt, mitwirkend bei der prinzipiellen Entstehung der Frage. -

In neuerer Zeit haben besonders Kritizismus und Positivismus auf den Relationsbegriff Gewicht gelegt. KANT, dessen Kategorienlehre die bedeutendste seit ARISTOTELES ist, kam zu seiner Philosophie mittels der Einsicht, daß die Kategorie der Relation die wichtigste von allem ist, indem unsere Erkenntnis überall darauf ausgeht, Gegenstände mittels Bestimmung ihrer gegenseitigen Verhältnisse zu verbinden. Zwei Arten von Verhältnissen sind von besonderer Bedeutung, Abhängigkeit und Ähnlichkeit, und in der Arbeit, solche Verhältnisse zu denken, offenbart sich die Erkenntnis als Synthese (7). Auch bei KANT machten sich die zwei obenerwähnten verschiedenen Gesichtspunkte dem Relationsbegriff gegenüber geltend. Er hat eine gewisse Neigung, es als eine Unvollkommenheit an unserer Erkenntnis zu betrachten, daß alles in Relationen gestellt wird, und er setzt daher ein "Ding an sich" als über alle Relationen hinaus liegend voraus. Einige Kantianer, besonders WILLIAM HAMILTON, haben dies noch stärker betont und es als eine durchgehende Begrenzung unserer Erkenntnis betrachtet, daß ihre Arbeit immer darin besteht, das eine ins Verhältnis zu einem anderen zu setzen. In ähnlicher Weise erklärte HERBART, daß unser Beziehen uns nur eine zufällige Ansicht der Dinge geben könne, und daß wahre Realität gar nicht in Beziehung stehe. Für KANT war doch der wesentliche Gesichtspunkt der, daß alle Wissenschaft durch die in bestimmten Gesetzen ausgedrückten Verhältnisse zwischen den Gegenständen charakterisiert ist. Und von diesem Gesichtspunkt aus ist die Notwendigkeit der Relation eben eine Quelle der Fülle und des Reichtums für unsere Erkenntnis. Je mehr Relationen wir finden und bestimmen können, um so größere Einheit und um so größere Mannigfaltigkeit wird es gleichzeitig in unserer Erkenntnis geben.

Für die spekulativen Nachfolger KANTs wurde die Relation mehr und mehr eine Schranke, über die man hinaus strebt, um eine höchste, allumfassende Einheit zu suchen, innerhalb welcher alle Relationen, besonders alle Gegensätze als einseitige und unvollkommene Auffassungen stehen sollten. FICHTE steht hier als ein charakteristischer Übergangstypus. Er hat einen klaren Blick dafür, daß, wenn wir Verhältnisse finden und bestimmen wollen, sich darin eine geistige Aktivität kundgibt. Ohne geistige Wirksamkeit kein Setzen von Relationen: "Die reine Tätigkeit ist Bedingung des Beziehens" (Wissenschaftslehre 2, Seite 244). Relation ist nicht ein Empfangenes oder Aufgezwungenes, sondern setzt einen Gedankenakt voraus. Und wenn durch einen solchen Akt eine Schranke gesetzt wird, bedeutet dies bloß, daß eine Aktivität notwendig ist. Geistige Arbeit, theoretischer oder praktischer Art, führt dazu, Schranken zu überwinden, und die vollkommene Schrankenfreiheit steht als das erhabene Ideal, das in keinem geistigen Zustande verwirklicht werden kann. In seiner späteren Philosophie wurde das Problem FICHTEs doch ein anderes. Es war nicht mehr die Frage, wie wir durch Setzen von Relationen und durch Kampf mit den so gesetzten Schranken eine immer reichere Wahrheit gewinnen können, sondern es wird jetzt in neuplatonischer Weise gefragt, wie ein Streben nach Wahrheit überhaupt möglich sei, wenn ein absolutes Sein der Grund von allem sei.

Die Philosophie HEGELs ging in ihrer historischen Orientierung von einem Stadium aus, auf welchem die menschlichen Gedanken friedlich beieinander wohnten, ohne daß sich ein Bedürfnis regte, ihre gegenseitigen Verhältnisse zu bestimmen. Das Entstehen eines solchen Bedürfnisses ist für HEGEL ein Auflösungsphänomen. Dann entstehe ein  unglückliches Bewußtsein,  in welchem die Harmonie der Gedanken zerbrochen sei, und strenge geistige Arbeit sei erfordert, damit die einzelnen Gedanken, trotz oder eben mittels ihrer Gegensätze, als die Glieder eines großen Ganzen stehen können. Dies wird durch die dialektische Methode, die eigentlich eine Systematisierung von Relationsbegriffen bedeutet, möglich. Der einzelne Gedanke wird über sich selbst zu anderen Gedanken geführt, indem seine Begrenzung eingesehen wird. Dadurch werden die Widersprüche, die durch die Isolation der Gedanken hervorgerufen wurden, aufgehoben. - Doch wird eine kritische Untersuchung zeigen, daß HEGEL eigentlich selbst die Begriffe isoliert, um dann hinterher die höhere Einheit siegreich aufweisen zu können. So z. B., wenn er gleich am Anfange seiner Logik  Sein  als etwas für sich und  Nichts  als etwas für sich aufstellt, um dann zu zeigen, daß sie einander nicht entbehren können. Jedes Sein hat ja seine Grenze, über die hinaus es nichts gibt, wenn eine neue Form des Seins nicht gefunden werden kann, - und  Nichts  bedeutet eben nur eine solche Grenze des Seins. Es ist die Erfahrung von einem begrenzten Sein, die von HEGEL in zwei einander widersprechende Begriffe aufgelöst wird (8). - Obgleich aber HEGEL die Widersprüche, die seine Dialektik überwinden soll, oft selbst erschafft, und obgleich es ihm allzuleicht gelingt, von Relation zu Relation zu kommen, ist seine Philosophie doch ein großer Ausdruck für die Wahrheit, daß man die Welt nur dadurch denken kann, daß man sich von Relation zu Relation fortarbeitet, und sie zeigt zugleich, daß in dieser Arbeit das Höchste, was gedacht werden kann, als vorwärts führende Kraft zugegen ist. -

Mit vollem Bewußtsein hat der französische Neukantianer CHARLES RENOUVIER den Relationsbegriff an die Spitze seiner Kategorienlehre gestellt. Daß alles relativ ist - sagt er, dieses starke Wort des Skeptizismus, war das letzte Wort der kritischen Philosophie des Altertums und muß das erste Wort der modernen Methode sein. Er findet in dieser Kategorie eine ganze Methode enthalten: es gilt unsere Gegenstände durch so viele Relationen als möglich zu bestimmen. - Der Kritizismus begegnet hier dem Positivismus. Für COMTE liegt der Relationsbegriff in dem Begriffe von  positiver  Wissenschaft enthalten, indem diese überall bestimmte, in Gesetzen ausgedrückte Relationen statt der absoluten, aber unbestimmten Wesen oder Kräfte der Theologie und der Metaphysik zu setzen sucht. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet COMTE ausdrücklich KANT als seinen Vorgänger, wie er auch darin mit ihm einig ist, daß die Erkenntnisarbeit in einer Verbindung der Gegenstände besteht (tout se réduit toujours à lier [alles ist immer eine reduzierte Verbindung - wp]), - einer Verbindung, die teils durch Klassifikation (par similitude [durch Ähnlichkeit - wp]), teils durch Ableitung (par filiation [durch Abstammung - wp]) geschähe (9). - Wie DAURIAC gezeigt hat (10), ist COMTEs Klassifikation der Wissenschaften nach demselben Prinzip angelegt wie RENOUVIERs Ordnung der Kategorien, nämlich so, daß von dem Einfachen und Fundamentalen zum Komplexen und Abgeleiteten fortgeschritten wird.

GOBLOT (11) wendet gegen jeden Versuch einer Kategorienlehre ein, daß unser Wissen noch zu provisorisch ist, sowohl was die letzten Schlüsse als was die fundamentalen Prinzipien betrifft, um ein System der Grundbegriffe aufstellen zu können. Diese Einwendung trifft aber nicht RENOUVIER, der klar eingesehen hat, daß kein rationeller Beweis für die Gültigkeit der Kategorien oder für die Vollständigkeit der Kategorienliste geführt werden kann. Die Kategorien werden durch Analyse der Erfahrung gefunden; sie werden probeweise aufgestellt und müssen immer wieder durch Erfahrung bestätigt werden (12). RENOUVIER macht daher KANT den Vorwurf, daß er eine deduktive Begründung der Kategorienlehre versucht hat. In eigentümlichem Gegensatz hierzu hat der Schüler RENOUVIERs HAMELIN (13), obgleich er die Kategorientafel seines Vorgängers festhält, eine dialektische Ableitung geben wollen, indem er meint, daß jede Kategorie in ihren Gegensatz hinüberführt. Er verwechselt aber, wie HEGEL, Korrelation von Begriffen mit einem Verhältnisse des Widerspruchs oder des Gegensatzes. Ein solches Verhältnis entsteht nur, wenn die einzelnen Begriffe durch isolierende Abstraktion aus ihrer Korrelation heraus genommen werden; die Wiederaufhebung dieser Isolation kann dann einen Schein der Dialektik hervorbringen. HAMELINs dialektische Übergänge sind auch sehr künstlich. - Man kommt, wie RENOUVIER richtig gesehen hat, in der Kategorienlehre nicht über eine analytische Methode hinaus.

Die Kategorien werden durch Analyse der faktischen Arbeit, die von unserem Gedanken geübt wird, wenn ihm bestimmte Fragen gestellt werden, gesucht und gefunden. Jede Kategorientafel kann daher nur einen vorläufigen Charakter haben, und die spezielleren Kategorien können nicht aus den allgemeineren und mehr umfassenden abgeleitet werden, obgleich sie sich bei näherer Untersuchung als spezielle Formen von diesen zeigen können. Wie überall, wo wir mit Begriffen zu tun haben, die aus der Erfahrung (in diesem Fall aus der faktischen Gedankenarbeit) gezogen sind, besteht hier ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Inhalt und Umfang. Je mehr Elemente ein Begriff enthält, um so enger ist der Kreis von Gegenständen, für den der Begriff gilt. In der Kategorienlehre ist dies von besonderer Wichtigkeit durch das Verhältnis zwischen den Wertbegriffen und den mehr universalen (fundamentalen, formalen und realen) Kategorien. Weil aber, wie ich in meiner Abhandlung über den Totalitätsbegriff zu zeigen versucht habe, aller Wert in Relation zu einem Ganzen und seinen Existenzbedingungen steht, gibt es doch einen inneren Zusammenhang zwischen den Wertbegriffen und den anderen Kategorien.

Es ist nun die Aufgabe gegenwärtiger Abhandlung, den Relationsbegriff dadurch zu beleuchten, daß er in seiner Bedeutung für die verschiedenen philosophischen Probleme betrachtet wird. Es wird hierbei zweckmäßig sein, nicht nur den Begriff der Relation, sondern auch das ihm entsprechende Prinzip der Relation zu untersuchen. In "Der menschliche Gedanke" (Seite 279) habe ich dieses Prinzip in folgender Weise formuliert: Jeder Gegenstand (Erlebnis oder Element) soll in so vielen Beziehungen wie möglich betrachtet, mit so vielen anderen Gegenständen zusammengestellt werden, daß er möglichst vollkommen bestimmt werden kann. Wo wir keine Relationen finden können, gewinnen wir auch keine Erkenntnis. Das Verhältnislose ist daher mit Recht von KANT als außer aller Wissenschaft liegend erklärt; es kann nur ein rein negativer Begriff sein. Unser Denken wirkt wie ein Zirkel: beide Beine sollen eine Stellung finden, und unsere Erkenntnis beruht auf dem Verhältnis zwischen diesen zwei Stellungen. -

Wenn die Abhandlung von  Relation,  nicht von  Relativität  handelt, so geschieht dies, weil der Ausdruck "Relativität" oft mißverstanden wird, indem man (wie in ihrer Weise die alten Skeptiker) meint, daß, wenn etwas "relativ" sei, es dann ungültig oder gleichgültig, sei, keine objektive Bedeutung habe. Ganz im Gegensatz zu einer solchen Auffassung muß behauptet werden, daß jede Wahrheit in ganz bestimmten Relationen ihren Ausdruck findet und nur innerhalb solcher Relationen gilt, aber dann absolut gilt (wenn die Relationen richtig bestimmt sind). Daß alle Notwendigkeit, wie schon KANT lehrte, hypothetisch ist, also nur in Relation zu ihren Voraussetzungen gilt, bedeutet nicht, daß eine solche Notwendigkeit keine wirkliche Notwendigkeit wäre. Bei jeder Notwendigkeit muß nach den Voraussetzungen gefragt werden, denn Notwendigkeit besteht eben in einem Verhältnisse von Grund und Folge. Nur durch Gedankenwirksamkeit wird ein solches Verhältnis gefunden. Und auch von diesem Gesichtspunkt aus ist der Ausdruck "Relativität" unzweckmäßig, indem er die Vorstellung von einer ruhenden Eigenschaft oder von einem abgeschlossenen Zustande erwecken kann. Relation besteht aber in einem Referieren, in einer beziehenden Aktivität, einem bestimmten Einstellen der zwei Zirkelbeine des Gedankens. Im Begriff der Relation liegt eine Anweisung zur Gedankenarbeit.


II.
Der Relationsbegriff in der Psychologie

Bei jedem Versuch, eine, wenn auch nur vorläufige Erklärung davon zu geben, was man unter  Bewußtseinsleben  oder  Seelenleben  versteht, muß man besonderes Gewicht auf die Tatsache legen, daß alles, was empfunden, vorgestellt, gefühlt und gewollt wird, gewisse bestimmte Verhältnisse darbietet, ohne welche es nicht gedacht werden kann. Man hat freilich versucht, das Seelenleben als ein Chaos relationsloser Elemente aufzufassen; aber solche Versuche haben, trotz der Energie, mit welcher sie bisweilen gemacht waren, zu keiner verständlichen Psychologie führen können. Die Sache ist nämlich, daß jedes seelische Element von seiner ersten Entstehung an in einen Zusammenhang hineingewoben ist, durch welchen es bestimmt wird, und mittels welchem es einen bestimmenden Einfluß auf das Seelenleben üben kann. Dadurch macht das Seelenleben ein Ganzes aus und ist ein Beispiel der oben erwähnten Verbindung der Begriffe Totalität und Relation. In Erscheinungen wie Erinnerung, Vergleichung, Verwunderung und Vorziehen offenbart sich die Eigentümlichkeit des Bewußtseinslebens in besonders klarer Weise, und in ihnen ist eben mehr als ein Chaos gegeben, indem die verschiedenen Elemente, die durch psychologische Analyse gefunden werden können, ganz und gar durch ihre gegenseitigen Relationen in ihrer Eigentümlichkeit bestimmt sind. Und alle Erfahrungen deuten darauf hin, daß auch die mehr primitiven und einfachen seelischen Erscheinungen in Analogie mit ihnen aufgefaßt werden müssen; jedenfalls hat die Sprache keine Bezeichnungen, die den Unterschied ausdrücken könnten, gebildet. Es wird sich im folgenden zeigen, daß dies mit dem Grade der Bewußtheit von den Verhältnissen des Seelenlebens zusammenhängt.

Durch die durchgehende Bedeutung des Relationsbegriffes innerhalb des Bewußtseinslebens ist es berechtigt, wie besonders LEIBNIZ und KANT eingeschärft haben, das Bewußtsein als eine Synthese zu charakterisieren. Eine Relation kann sich nur geltend machen, wenn ihre Glieder zusammengefaßt werden; Relation bedeutet ja eben, daß gewisse Erscheinungen Glieder eines Ganzen sind und dadurch bestimmt werden.

Der schon erwähnte doppelte Charakter der Relation, als begrenzend und als weiterführend, gibt sich in der Psychologie deutlich kund. Die Eigentümlichkeit jedes seelischen Elements beruht auf seinem Verhältnis zu anderen seelischen Elementen und ist insoweit begrenzt; aber eben durch diese Relationsbestimmtheit zeigt jedes Element, wenn es plötzlich und ohne deutlichen Zusammenhang mit anderen Elementen, auftritt, über sich selbst hinaus und ruft ein Bedürfnis der Ergänzung hervor (14). -

Einzelheiten betreffend, muß ich hier auf meine Darstellung der Psychologie hinweisen, die eben auf dem Grundgedanken aufgebaut ist, daß die Gültigkeit des Verhältnisgesetzes für alle seelischen Erscheinungen den Charakter des Bewußtseins als Synthese bezeugt. Nur einzelne Hauptzüge sollen hier hervorgezogen werden.

In Bezug auf die Sinnesempfindungen war man lange nicht darüber klar, daß der Relationsbegriff, und mit ihm der Synthesebegriff, für sie Gültigkeit hatte. HOBBES hatte zwar energisch behauptet, daß eine einzige unveränderliche Empfindung dasselbe wie gar keine Empfindung wäre. Man war aber immer geneigt, die Empfindungen als ein Chaos, das erst von dem  Verstande  geordnet werden sollte, aufzufassen. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts kam man zu einer anderen Auffassung. Die Entdeckung der Kontrastwirkung durch CHEVREUL zeigte, daß die Qualität der Empfindungen durch das Verhältnis zur Qualität vorhergehender und gleichzeitiger Empfindungen bedingt war, und FECHNER fand ein analoges Verhältnis für die Intensität, mit welcher die einzelnen Empfindungen sich geltend machen. - Man ist geneigt gewesen, es als eine Unvollkommenheit zu betrachten, daß wir keine  absoluten  Empfindungen besitzen, und selbst HELMHOLTZ betrachtete sukzessive Kontrastwirkung als eine Jllusion. Man kann aber keine  Normalempfindung  aufzeigen, dessen Qualität die  richtige  sein sollte, und jedenfalls würde auch eine solche durch gewisse Empfindungsrelationen bedingt sein. - Wir sehen schon hier, bei diesen elementaren Erscheinungen, etwas, das auch bei den höchsten intellektuellen Funktionen hervortreten wird. -

Gehen wir von den Empfindungen zu den Vorstellungen (die in ihrer einfachsten Form reproduzierte Empfindungen sind), so sehen wir, daß das Auftauchen einer bestimmten Vorstellung in einem bestimmten Augenblick durch das Verhältnis dieser Vorstellung zu anderen Vorstellungen bedingt ist. Man hat zwar versucht, jeder Vorstellung eine Art Selbsterhaltungsdrang zuzuschreiben, so daß sie  wie von selbst  im Bewußtsein auftauchen sollte, sobald andere Vorstellungen (oder Empfindungen) die psychische Energie nicht in Anspruch nehmen. Auch dann aber hängt ja das Auftreten der Vorstellung von bestimmten Verhältnissen (Hemmung oder Nichthemmung) ab. Die Selbständigkeit, mit der sich die einzelne Vorstellung geltend macht, ist, wie die Erfahrung zeigt, durch ihr Verhältnis zum ganzen übrigen Bewußtseinsleben bedingt und ist nur dadurch verständlich. Es wird immer unnatürlich, zuletzt unmöglich sein, eine Vorstellung von dem übrigen Inhalt des Bewußtseins isoliert zu halten. Jede einzelne Vorstellung hat eine Tendenz, andere Vorstellungen nach bestimmten Gesetzen hervorgerufen. Auch hier offenbart sich der synthetische Charakter des Seelenlebens. Die meisten Psychologen sind denn auch darin einig, daß die sogenannten Assoziationsgesetze verschiedene Formen der Totalitätsassoziation sind, verschiedene Formen, in welchen sich der Drang nach Wiederhervorrufung des ganzen Bewußtseinszustandes, dessen Glied die einzelne Vorstellung einmal gewesen ist, äußert.

Auf dem Gebiete des Gefühlslebens ist das Verhältnisgesetz früh bemerkt worden. Am deutlichsten tritt es in der Verwunderung hervor, diese sei nun ein selbständiges Gefühl oder ein Glied eines komplizierten Gefühls. Aber in aller Lust und Unlust, in Freude und Leid ist das Verhältnis zwischen dem vorhandenen Zustande und vorausgehenden Zuständen von entscheidendem Einfluß. Das Glück, das gefühlt wird, hängt nicht nur von der  absoluten  Größe des erfahrenen Gewinnes oder Fortschritts, sondern auch vom Verhältnis zum schon voraus vorhandenen Gefühlsniveau ab. Je mehr verschiedene Relationen sich bei dem Entstehen eines Gefühls geltend machen, um so eigentümlicher und reicher wird dieses Gefühl sein. Bei jedem dieser reich ausgeformten Gefühle wird es die Frage sein, ob es den neuen Relationen, denen das Seelenleben unterliegen wird, gegenüber bestehen kann. So z. B., wenn der Humorist tragischen Schicksalen begegnet (15).

Wollen ist vorziehen, ist daher in ganz einförmigen inneren und äußeren Zuständen ebenso unmöglich wie Empfindung, Vorstellung und Gefühl. Es müssen innere oder äußere Unterschiede gegeben sein, damit ein Wollen möglich sei. Schon Reflexbewegung und Instinkt setzen Änderungen im inneren, organischen Zustande oder in den äußeren Verhältnissen voraus. Reaktion setzt Aktion voraus. Dies gilt sowohl für das unwillkürliche als für das willkürliche Wollen. Es gibt viele Grade des Wählens, aber immer ist eine Verschiedenheitsrelation eine Voraussetzung. Alle Überlegung, die unwillkürliche sowohl als die willkürliche, geht nur darauf aus, solche Verschiedenheitsrelationen so deutlich wie möglich hervortreten zu lassen. Die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten werden nach ihrem Verhältnisse zum jetzigen oder bisherigen Zustande des Seelenlebens gemessen. Hier kann ein Kampf entstehen, dessen Ausgang auf der Relation zum Charakter und zur Geschichte des Individuums beruhen wird. Man hat bisweilen die Motive als absolut selbständige, vom Willen unabhängige Elemente betrachtet. Jedes Motiv ist aber selbst ein Wollen, ein Vorziehen. Was für ein Individuum Motiv werden kann, beruht auf dem Charakter und der Vorgeschichte des Individuums. Motive sind nimmer relationslos. Es ist von entscheidender Wichtigkeit, auf welchem Punkte der Entwicklung eines Individuums eine Handlungsmöglichkeit auftritt; davon hängt es ab, ob ein gewisses Motiv überhaupt entstehen kann, und ob es siegen können wird. - Es ist eine besondere Frage, ob das Bewußtsein selbst auf die entscheidenden Relationen aufmerksam wird. Viele psychologische Probleme entstehen dadurch, daß die Relationen nicht entdeckt werden, indem sie nur durch eine objektive, historische Untersuchung dargetan werden können, eine Untersuchung, die vom Individuum selbst, jedenfalls in der Zeit des unmittelbaren Erlebnisses, nicht unternommen werden kann.

Kontrastrelationen machen sich, sowohl was Qualitäten als was Intensitäten betrifft, von Anfang an geltend, ohne daß wir es merken. Wir sind vom Leben und der Stärke des neuen, eben durch den Kontrast hervorgehobenen Elements aufgenommen. So vergessen wir, wenn eine Farbe  gesättigt  dasteht, sehr leicht die Relation, durch welche die Sättigung bedingt ist. Wir wenden uns einem neuen Gefühl, das nach einem Gefühle entgegengesetzter Art mit Leben und Fülle auftritt, entgegen und vergessen den Besiegten über dem Sieger. Ein Vorsatz oder ein entscheidender Beschluß kann sich wie  ein Schlag auf den Kopf  (um DOSTOJEWSKIs Ausdruck im "Raskolnikow" zu gebrauchen) melden, indem wir die unwillkürliche oder willkürliche Überlegung vergessen, die mittels eines Zusammenspiels von Erinnerungen, Gefühlen und Trieben den Weg gebahnt haben. Wir merken nicht immer den Assoziationsverlauf, dem eine Vorstellung ihr Entstehen verdankt, und sie kann dann als eine plötzliche, unmotivierte Eingebung stehen.

Wir haben überhaupt die Neigung, bei gewissen hervorspringenden Punkten unseres Seelenlebens zu verweilen und die Relationen zu übersehen, die die Übergänge zwischen solchen Punkten bedingen. WILLIAM JAMES, der diese Eigentümlichkeit des Seelenlebens trefflich beleuchtet hat, machte einen Unterschied zwischen Ruheplätzen und Flugplätzen innerhalb des Stromes des Bewußtseins und meinte, daß wir geneigt sind, uns an den Ruheplätzen zu halten. Noch deutlicher hat er sich ausgedrückt, wenn er von substantivischen und transitiven Teilen unseres inneren Lebens spricht, und zeigt, daß wir geneigt sind, jenen ein absolutes, unabhängiges Bestehen zuzuschreiben, weil die Übergänge oft nicht direkt wahrgenommen, nur geschlossen werden können (16). Solche substantivische Elemente haben wir eben in kontrastbestimmten Qualitäten oder Intensitäten, in unmittelbarem Wiedererkennen (Bekanntheitsqualität), in einer plötzlich auftauchenden Vorstellung, einem ausgeprägten Gefühl, einem überraschenden Beschluß.

JAMES hat ferner darauf aufmerksam gemacht, daß Relationen bisweilen als Qualitäten gemerkt werden, so in den seelischen Zuständen, die in der Sprache durch  auch, aber, trotz  u. a. ausgedrückt werden. Es ist dies eine Art Empfindung (oder Gefühl) von Verbindung oder von Gegensätzlichkeit, die ebenso unmittelbar sein kann wie die gewöhnlich so genannten Empfindungen.

Hierhin gehört auch die merkliche Empfindung von einer Richtung in unserem Seelenleben, die wir haben können. Um den Vergleich mit dem Zirkel zu gebrauchen, können wir sagen, daß wir, während das eine Zirkelbein feststeht (durch unsere Vorgeschichte und ihre Folgen bestimmt), merken, daß das andere Zirkelbein in eine gewisse Richtung ausgespannt ist, ohne daß wir darüber klar werden können, an welchem bestimmten Orte es sich stellen wird. Hier tritt bald mehr eine unbestimmte Erwartung, bald mehr ein unbestimmtes Streben hervor. -

Auf dem Übergang zwischen Psychologie und Erkenntnistheorie liegt die Frage, ob und wie eine Relation, deren man sich mehr oder minder klar bewußt geworden ist, auf andere Glieder als die ursprünglichen überführt werden kann. Eine wichtige Art, in welcher dies geschehen kann, ist folgende. Wir ordnen unwillkürlich die Gegenstände nach Ähnlichkeit und Verschiedenheit. Dadurch werden Reihen gebildet, und es kann sich dann zeigen, daß ein Glied einer solchen Reihe ausgeschoben werden kann, und daß das Verhältnis doch immer zwischen seinem früheren Vorgänger und seinem früheren Nachfolger bestehen kann. In der Reihe  ABC  kann vielleicht  B  ausgeschoben werden und das Verhältnis zwischen  A  und  C  das gleiche sein wie das zwischen  A  und  B  (17). Es ist ein solcher Fall, der in der formellen Logik als ein Verhältnis zwischen Prämissen und Konklusion konstruiert wird. Die Prämisse sind z. B.  A = B  und  B = C,  und die Konklusion wird  A = B (A = C).  Überhaupt macht sich die Relation (die eben darum zu den fundamentalen Kategorien gehört) früher als alles Begriffsbilden, Urteilen und Schließen geltend. Schon innerhalb der Sinnes-, Erinnerungs- und Phantasieanschauung werden Elemente wegen ihres gegenseitigen Verhältnisses geordnet und umgeordnet, ohne daß ein Denken im engeren Sinne des Wortes stattfindet. Ich verweise hier auf meine Untersuchungen über das Verhältnis zwischen Anschauen und Urteilen in "Der menschliche Gedanke", Seite 39-76 (vgl. schon meine Abhandlung "Le fondement psychologique du jugement" in "Revue Philosophique", 1901). Von besonderem Interesse ist die Art, in welcher eine Anschauung ganz unwillkürlich und unbewußt artikuliert werden kann, ohne daß ein Urteil gebildet wird. Wir streben, so lange als möglich im Anschauen zu verweilen, ohne Begriffe und Urteile zu bilden und ohne Schlüsse zu ziehen.

In der Reihe  ABC  blieb oben  A  stehen, aber  C  konnte in dieselbe Relation zu  A  treten wie, früher  B.  Die Frage entsteht nun, ob man nicht beide Zirkelbeine anderswohin stellen kann, so daß das Verhältnis zwischen ihnen in der neuen Stellung dasselbe bleibt. In einem einfachen Beispiele geschieht dies, wenn eine Relation zwischen zwei neuen Gliedern (X und Y) vorliegt und diese Relation dann als dieselbe, die schon zwischen zwei früheren Gliedern (A und B) wiedererkannt wird. Solches Wiedererkennen kann - wie das Wiedererkennen von Qualitäten - entweder unmittelbar oder mittelbar sein; im letztern Falle setzt es eine ausdrückliche Ausmessung voraus, oder es wirken auch mehrere Relationen als Mittelglieder zwischen den beiden Relationen, die identifiziert werden. Die Intuition, in welcher es, der Sage zufolge, für NEWTON aufging, daß das Verhältnis des fallenden Apfels zur Erde dasselbe war wie das Verhältnis der Planeten zur Sonne, ist zuerst unmittelbar gewesen, wurde aber mittelbar mittels der Messungen und Rechnungen, die zur definitiven Aufstellung seiner Gravitationslehre führten. Überhaupt entstehen viele Fragen und Probleme eben dadurch, daß die Möglichkeit von identischen Relationen auf dem einen oder dem andern Wege für das Bewußtsein auftritt. Sowohl Bestimmungsfragen, die fehlenden Relationen zu verdanken sind, als Entscheidungsfragen, die durch Streit zwischen verschiedenen möglichen Relationen entstehen, können das Denken weiterführen. Schon innerhalb des gemeinen Bewußtseins (sens commun) können solche Fragen mit Versuchen der Beantwortung auftreten, und was wir Wissenschaft nennen, beruht nur auf strenger Begründung und Formulierung der Fragen und scharfer Untersuchung der Gültigkeit der Antworten.

Ein steigender Grad des ausdrücklichen Bewußtseins von Relationen führt vom unwillkürlichen Denken zum logischen und mathematischen Denken, das mit Relationen wie mit einfachen Qualitäten operiert, Reihen von Relationen und wieder Reihen von solchen Reihen bildet. Ein Beispiel dieses Überganges gibt die Entwicklung des Zahlbegriffes von der Zahlqualität durch Laufnummer zur Anzahl und weiter zu den verschiedenen Funktionsbegriffen (18).

Eine bestimmte Grenze des Denkens würde vorliegen, wenn es Reihen geben sollte, deren Glieder ohne weiteres vertauscht werden könnten, weil das Ähnlichkeits- oder Verschiedenheitsverhältnis absolut das gleiche zwischen allen Gliedern wäre. Solche Reihen würden entweder chaotische Verschiedenheitsreihen oder absolute Identitätsreihen sein. Ob sie im Dasein vorkommen, kann von vornherein nicht entschieden werden. Aber vom Standpunkt der Psychologie muß gesagt werden, daß sie im faktischen Seelenleben nicht vorkommen; höchstens Annäherungen finden sich. Es ist ein Grundgesetz in der Psychologie, daß die Ordnung der Addende [des Hinzugefügten - wp] nicht gleichgültig ist. Wo Chaos oder absolute Identität zwischen psychischen Elementen vorzuliegen scheinen, wird es die Aufgabe der Psychologie sein, im ersten Falle Ähnlichkeiten oder bestimmte Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den anscheinend absolut verschiedenen Elementen im zweiten Falle Verschiedenheiten und damit zusammenhängende Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den anscheinend identischen Elementen zu finden. Von Chaos oder von absoluter Identität kann man nur von bestimmten Gesichtspunkten und in Relation zu diesen sprechen (19). Das Relationsprinzip macht sich also auch hier geltend. Die Gedankenarbeit setzt ein beständiges Wechselverhältnis oder eine beständige Brechung zwischen Kontinuität und Diskontinuität, Ähnlichkeit und Verschiedenheit voraus; nur durch solche Brechung werden dem Gedanken bestimmte Aufgaben gestellt, so daß seine Arbeit anfangen kann. HUMEs Behauptung, daß chaotische Elemente das eigentlich Gegebene wären, machte jeden Anfang einer Gedankenarbeit unmöglich. SPINOZAs Aufstellung ewiger Attribute als absoluter Identitäten setzte einen Abschluß aller Gedankenarbeit voraus. Die zwei Denker endeten, jeder in seiner Weise, in Relationen, die eigentlich keine Relationen mehr waren.
LITERATUR - Harald Höffding, Der Relationsbegriff - eine erkenntnistheoretische Untersuchung, Leipzig 1922
    Anmerkungen
    1) Vgl. meine Bemerkungen über den platonischen Dialog  Parmenides,  Deutsche Übersetzung in Bibliothek für Philosophie, Hg. von LUDWIG STEIN, 1921
    2) Über die Bedeutung dieses Ausdruckes vgl. PAUL BARTH, Die Stoa. Seite 66f.
    3) SEXTUS EMPIRICUS, ed. BEKKER, Seite 225 - 232.
    4) VICTOR BROCHARD, Les Sceptiques Grecs, 1889, Seite 183
    5) PAUL DEUSSEN, Die Philosophie der Griechen. Seite 410.
    6) HÖFFDING, Der menschliche Gedanke, Seite 113
    7) Vgl. meine Abhandlung "Die Kontinuität im philosophischen Entwicklungsgang Kants", Deutsche Übersetzung in Archiv für die Geschichte der Philosophie, Bd. VII, § 27.
    8) G. W. F. HEGEL, Wissenschaft der Logik I, 1812, Seite 22 - 26. - Neuere Hegelianer stellen sich hier dem Meister kritisch gegenüber. So BENEDETTO CROCE: Cio che è vivo e cio che è morto della filosofia di Hegel, 1907, Seite 21 - 33. McTAGGART, A Commentary on Hegels Logic, 1910, Seite 17.
    9) AUGUSTE COMTE, Discours sur l'esprit positif, 1844, Seite 20.
    10) LIONEL DAURIAC, "Contingence et catégorie", Revue de Métaphysique et de Morale, 1916, Seite 499.
    11) EDMOND GOBLOT, Traité de Logique, Seite 138.
    12) Vgl. GABRIEL SÉAILLES, La philosophie de Renouvier, Seite 91f.
    13) OCTAVE HAMELIN, Essai sur les éléments principaux de la représentation, 1907.
    14) In meiner Abhandlung über Platons "Parmenides", Bibliothek für Philosophie, hg. von LUDWIG STEIN, Kapitel 3, habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß, während PLATON den logischem Übergang von einem Begriff (Idee) zum anderen sehr schwierig fand, hatte er als Psychologe keinem Zweifel darüber, daß selbst ein plötzlich auftauchendes und höchst wertvolles Erlebnis seinen bestimmten Platz in der Reihe der Erlebnisse hatte und dadurch bedingt war, daß eine ganze Reihe Bestrebungen und Erfahrungen in einer bestimmten Ordnung vorausgegangen war.
    15) HÖFFDING, Der große Humor, Deutsche Übersetzung, Seite 118 - 121.
    16) WILLIAM JAMES, Principles of psychology I, Seite 243f
    17) Vgl. HÖFFDING, Der menschliche Gedanke, Seite 177f
    18) HÖFFDING, Der menschliche Gedanke, Seite 207 - 211
    19) HÖFFDING, Der menschliche Gedanke. Seite 179 f und 185 - 187