ra-2cr-4p-4Th. Lippsvon WieseA. BrunswigA. MeinongLocke    
 
HARALD HÖFFDING
(1843-1931)
Der Relationsbegriff
[2/2]

"Wenn Kant sagt, daß wir uns selten der Funktion, die der Synthese zugrunde liegt, bewußt werden, dann ist es eben, weil die Relation den Charakter von Gegensatz, Streit und Spannung annehmen muß, damit wir uns der zusammenfassenden Arbeit oder doch des Dranges dazu, bewußt werden können."

"Die Synthese geht um so leichter, je weniger Unterbrechungen es gibt. Unter der Herrschaft der Kontinuität haben Anschauen und Nachdenken den Charakter eines gleichmäßig hingleitenden Stromes ohne Strudel und ohne Wasserfälle. Man fragt nicht. Keine Stockung und keine Verwunderung motiviert ein Fragen. Oder wenn man fragt, lautet die Frage: Warum nicht? Warum nicht fortsetzen wie bisher?"

"Für das Denken des Mittelalters, das überwiegend klassifikatorisch oder syllogistisch war, war die Frage, welche von diesen Begriffen im einzelnen Falle angewandt werden sollte, und mit welchem  Recht  sie angewandt wurden. Die neuere Wissenschaft unternimmt hier eine große Reduktion. Für sie ist nicht das Verhältnis zwischen höheren und niederen Begriffen entscheidend, sondern es kommt darauf an, ob ein Begriff einem anderen Begriffe in allen Rücksichten substituiert werden kann. Die  Identität  stellt jetzt alle anderen Arten von Ähnlichkeit in den Schatten. Und eben durch den grundlegenden Charakter des Identitätsprinzips als des Nerven alles Schließens und durch die davon bedingte scharfe Bestimmung des Identitätsbegriffs unterscheidet sich moderne Wissenschaft von dem gemeinen Denken, das es mit dem Verhältnis zwischen Identität und Ähnlichkeit nicht so genau nimmt."

"Rationalität bedeutet in sich selbst die Relation zwischen Prämissen und Konklusion. Und überall, wo Begründung gefordert wird, wird nach den Voraussetzungen unseres Urteils gefragt. Eine unbedingte Notwendigkeit gibt es nicht. Notwendigkeit drückt eben nur das Verhältnis von Grund und Folge aus, ein Verhältnis, das immer wieder in Frage kommen muß, solange man noch denkt, ob es nun im einzelnen Falle möglich ist, dieses Verhältnis zu finden oder nicht."

Meyerson sieht klar, daß jede Gesetzeserkenntnis, oft dem Entdecker unbewußt, ein inneres Band zwischen den Gegenständen, die durch das Gesetz verbunden werden, voraussetzt und er gesteht, daß  Legalität  und  Rationalität  in der Wirklichkeit so genau verbunden sind, daß man nur beim Nachdenken über die Grundlage der Wissenschaft die zwei Prinzipien voneinander scheiden kann. Nach meiner Auffassung gibt es hier nicht zwei Prinzipien, sondern ein und dasselbe Prinzip wird mit steigender Genauigkeit und Konsequenz durchgeführt.

III.
Der Relationsbegriff in der
Erkenntnistheorie.


a) Der Relationsbegriff und die
anderen fundamentalen Kategorien. 

Die Analyse, die zur Auffindung der Formen und Voraussetzungen der Erkenntnis führen soll, muß nicht nur gegen die in strengerem Sinne wissenschaftliche Arbeit gerichtet werden, sondern auch gegen das unwillkürliche Denken, das wir alle im täglichen Leben anwenden, und das für den sogenannten gesunden Menschenverstand charakteristisch ist. Aus diesem unwillkürlichen Denken hat sich das wissenschaftliche Denken, das von bestimmten Begriffen ausgeht und genaue Begründung sucht, Schritt für Schritt entwickelt, und beim Übergange zur Wissenschaft kann, so groß und auffallend der Gegensatz auch sei, keine vollständige Änderung in der Art des Denkens eintreten. KANT hat dies eingesehen, wenn er sagt, daß auch "der gemeine Verstand" gewisse "apriorische Erkenntnisse" hat (Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe B, Seite 3), und er zeigt es noch bestimmter in seiner Lehre von der Synthese als der Grundform des Bewußtseins, Wirkung "einer Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind" (Kritik der reinen Vernunft, Seite 78). Wir haben gesehen, welche Bedeutung dieser Begriff für die Psychologie hat. Wie die anderen fundamentalen Kategorien, ist er ein solcher, in welchem sich Psychologie und Erkenntnistheorie begegnen. Neulich hat MEYERSON (1) mit Nachdruck und in sehr lehrreicher Weise hervorgehoben, daß ganz dasselbe Denken in Naturwissenschaft, Philosophie und gesundem Menschenverstand (sens commun) geübt wird.

Doch geht er auf die Stufen und Wege, auf welchen sich das gemeine Denken sukzessiv der Wissenschaft nähert, nicht näher ein. So betont er nicht die Bedeutung des Zweifels als eines Störenfriedes. Die praktische Orientierung in der Welt ist nicht immer hinlänglich, oder sie führt zu widersprechenden Möglichkeiten, denen gegenüber man ratlos steht. In der Schule des Zweifels kommt der Gedanke dazu, strengere Forderungen in sich selbst zu stellen.

Wenn man das Wort "Vernunft" so definieren wollte, daß es vom vorwissenschaftlichen sowohl als von dem wissenschaftlichen Denken gebraucht werden könnte, könnte man sagen, daß sie ein Inbegriff von Kategorien sei, besonders von fundamentalen Kategorien, das heißt solchen, die auf allen Stufen angewandt werden müssen. Zu diesen fundamentalen Kategorien gehören die drei Begriffspaare Synthese - Relation, Kontinuität - Diskontinuität, Ähnlichkeit - Unterschied.

Relation ist (wie ihr Korrelat Synthese) eine Grundform, die sich in allen speziellen Gedankenformen, auch in den oben genannten Begriffspaaren kundgibt. So besteht eine Relation zwischen  Synthese  und  Relation.  Diese zwei Begriffe können nämlich, trotz der Korrelation, in Gegensatz zueinander treten, so daß Zusammenfassen und Einheit auf Kosten der Verhältnisbestimmtheit vorherrscht, oder umgekehrt, die Glieder der Relation können sich so selbständig geltend machen, daß sie nicht Glieder desselben Ganzen zu sein scheinen. Anderseits wird der Drang zur Synthese stärker, je stärker die gegenseitige Spannung der Glieder ist. Wenn KANT sagt, daß wir uns selten der Funktion, die der Synthese zugrunde liegt, bewußt werden, dann ist es eben, weil die Relation den Charakter von Gegensatz, Streit und Spannung annehmen muß, damit wir uns der zusammenfassenden Arbeit oder doch des Dranges dazu, bewußt werden können. Hier liegt eben die Bedeutung des Zweifels. Und die beständige Korrelation zwischen Synthese und Relation zeigt sich darin, daß Zweifel und Probleme nur so lange existieren, als verschiedene Gegenstände, trotz allen Gegensatzes und Widerspruches, in ausdrücklicher Relation zueinander festgehalten werden. Ein Problem fällt weg, wenn das eine der streitenden Glieder wegfällt, oder wenn der Gegensatz zwischen den Gliedern abgeschwächt wird.

Es kann sich eine Furcht vor der Mannigfaltigkeit und der Schärfe der Relationen regen im Gegensatz zur zuversichtlichen Ruhe in einer unwillkürlichen Synthese. Dadurch wird eine solche Reaktion hervorzurufen, wie sie HAMANN, HERDER und JACOBI KANTs kritischer Philosophie gegenüber, JAMES und BERGSON der Wissenschaft unserer Zeit gegenüber repräsentieren. Und wenn TAGORE die Westeuropäer auffordert, indische Gedanken aufzunehmen, dann liegt darin eine Aufforderung, von allen scharfen und spannenden Relationen, die in der europäischen Zivilisation ausgeprägt worden sind, wegzugehen und zu einem relationslosen Zustande zurückzukehren. Aber so groß und tief das Einheitssuchen der Vedantalehre, deren moderner Prophet TAGORE ist, auch sei, es gibt für uns keinen Weg zurück. Entweder sind die Relationen, die sich geltend machen, künstlich und unbegründet, und dann wird die Kritik sie fällen, oder sie sind in Tatsachen gegründet, und dann können sie nur durch geistige Arbeit beherrscht werden. Ein Zweifel wird nur aufgehoben entweder durch Aufweisung seiner Unbegründetheit, oder durch Problemlösung, oder dadurch, daß eine unlösbare Grenzfrage dargetan wird. Wenn DESCARTES eben aus der Möglichkeit des Zweifels die Existenz des Denkens schließt, dann liegt hierin eine Erkenntnis des genauen Zusammenhanges der Kategorien der Synthese und der Relation.

Das Verhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität ist dem zwischen Synthese und Relation analog oder ist eine speziellere Form davon. Die Synthese geht um so leichter, je weniger Unterbrechungen es gibt. Wenn möglich, werden solche Unterbrechungen selbst in die Anschauung (die dann artikuliert wird) oder in das Urteil (dessen Glieder dann begrenzt oder erweitert werden) einbezogen. Unter der Herrschaft der Kontinuität haben Anschauen und Nachdenken den Charakter eines gleichmäßig hingleitenden Stromes ohne Strudel und ohne Wasserfälle. Man fragt nicht. Keine Stockung und keine Verwunderung motiviert ein Fragen. Oder wenn man fragt, lautet die Frage: Warum nicht? Warum nicht fortsetzen wie bisher, wenn nur hinlängliche Energie zur Fortsetzung der Expansion zugegen ist? - Aber sowohl im Leben als in der Wissenschaft werden sich mehr oder minder scharfe Arbeitsteilungen geltend machen und dadurch auch Widerstände und Gegensätze, an denen man nicht ohne weiteres vorbeigehen können wird. Man muß dann Mittelglieder zwischen den vorläufig isolierten Gliedern suchen, oder man muß eine Kontinuität suchen, die tiefer als die vorliegende Diskontinuität liegt, und innerhalb welcher die vorliegenden Sprünge oder Brüche als abgeleitet stehen können. Von rein psychologischer Seite ist dies schon oben erwähnt; es ist überhaupt die Aufgabe der Psychologie zwischen den oft so scharfen Gegensätzen und Katastrophen, die sich innerhalb des Seelenlebens der unmittelbaren Wahrnehmung darstellen können, zu unterscheiden. Besonders ist hier JAMES' Aufweisung transitiver [übergangsbezogener - wp] im Gegensatz zu substantivischen Zuständen von Interesse. Psychologische Diskontinuität kann überhaupt nur ein Problem, niemals eine Lösung bezeichnen. Analogerweise bedeutet in der Biologie die Mutationslehre, die plötzliches, von äußeren Verhältnissen unabhängiges Entstehen neuer organischer Arten annimmt, ein Auftreten neuer Probleme. Der Grundleger der Mutationslehre, HUGO von VRIES, sprach gleich aus, daß Mutationen ebenso viele Probleme bezeichneten. Die moderne Quantenlehre in der Physik, infolge welcher Energie nicht kontinuierlich, sondern sprungweise ausgelöst wird (2), wird näher begründet durch mathematische Gesetze, nach welchen die springende Auslösung als notwendig dasteht. Jedenfalls sucht man theoretische Gesichtspunkte zum Verständnis der Diskontinuität. Sobald die Sprünge in einer Reihe geordnet werden können, ist die Arbeit, neue Konitnuität zu finden, schon begonnen.

Die hier liegenden Probleme wurden schon in der griechischen Philosophie gestellt. Das "Eine" des PARMENIDES bedeutet auf einmal Kontinuität und Identität; diese waren für ihn nicht verschieden. Dagegen wurde die Diskontinuität von HERAKLIT und DEMOKRIT behauptet. Durch den Platonismus und seine Widersacher setzt sich der Streit in der neueren Zeit fort. KANT betrachtete diesen Streit als eine rationale Notwendigkeit. Seine Lehre von den Antinomien will hier eine absolute Grenze der Vernunft aufzeigen. Der große Grundleger der kritischen Philosophie sah nicht, daß Diskontinuität nur in der Form eines Problems das letzte Wort des Gedankens werden kann, und seine "Antithesen", die ebendies aussagen, haben daher entschieden recht gegen die "Thesen", die absolute Diskontinuitäten behaupten.

Kontinuität und Diskontinuität sind Korrelata, die einander gegenseitig supplieren. Sie bezeichnen verschiedene Gesichtspunkte und Funktionen, und die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie bald die eine, bald die andere dieser Kategorien in erster Reihe stehen, aber so, daß ihr Kampf immer wieder anfangen wird. Kein Forscher hat dieses Verhältnis besser beleuchtet als HENRI POINCARÉ, besonders in folgender Äußerung (3): "Dieser Kampf wird dauern, solange man Wissenschaft treiben wird, solange die Menschheit denkt, denn sie entspringt aus zwei unversöhnlichen Tendenzen des menschlichen Geistes, zwei Tendenzen, die er nicht verlieren kann, ohne daß er zu existieren aufhört - nämlich dem Drange, zu begreifen (und wir begreifen nur das Begrenzte), und dem Drange, anzuschauen (und wir können nur Ausdehnung, die unbegrenzt ist, anschauen). Obgleich dieser Kampf nicht mit dem schließlichen Siege eines der Kämpfenden enden sollte, wäre er doch dafür nicht unfruchtbar, denn in jedem neuen Kampfe ist der Kampfplatz ein anderer; jedesmal wird daher ein Schritt vorwärts getan, und es wird eine Eroberung gemacht nicht für einen der Kämpfenden, sondern für die Menschheit." - Zu dieser schönen und treffenden Äußerung muß ich doch die Bemerkung fügen, daß das Verhältnis zwischen Anschauen und Denken auch einen anderen Charakter als den von POINCARÉ angegebenen haben kann. Oft wird eben die Anschauung begrenzte Bilder festhalten, während der Gedanke mittels Gesetzeserkenntnis die Begrenzung jeder Anschauung und die Möglichkeit neuer Glieder in der Reihe der Bilder einsieht. Außerdem gibt es, wie schon oben angedeutet, mehrere Übergangsformen zwischen Anschauen und Denken, und in jedem einzelnen Falle werden bestimmte, in der Erfahrung gegebene Gegenstände entscheiden, ob Anschauen oder Denken das Wort führen soll.

Wo die Kontinuität festgehalten werden kann, wird es dadurch möglich sein, daß keine großen Verschiedenheiten in Zeit, Zahl, Intensität und Qualität zwischen den Gegenständen (Erlebnissen) des Bewußtseins hervortreten. Wo Ähnlichkeit vorherrscht, wird leicht und (jedenfalls anscheinend) kontinuierlich von dem einen Gegenstande zum anderen übergegangen. Ähnlichkeit und Verschiedenheit sind ein Begriffspaar, das dem Paare Kontinuität und Diskontinuität analog ist. Während es aber von der Kontinuität gesagt werden kann, daß sie nicht bemerkt wird, bevor sie vorbei ist, hat Ähnlichkeit einen etwas mehr bewußten Charakter. Sie steht nicht in dem genauen Verhältnis zum Anschauen wie die Kontinuität. - Je größer die Ähnlichkeit ist, um so leichter wird die Kontinuität erhalten werden können. Erst durch ausdrückliches, vielleicht willkürliches Vergleichen wird der Unterschied zwischen den verschiedenen Graden oder Arten der Ähnlichkeit entdeckt werden können. In meiner Psychologie und in "Der menschliche Gedanke" (Seite 69f) habe ich fünf Arten der Ähnlichkeit unterschieden: Identität, Deckungsähnlichkeit, zusammengesetzte Ähnlichkeit, Qualitätsähnlichkeit und Verhältnisähnlichkeit (Analogie). In dieser Reihe tritt das Verschiedenheitselement immer mehr hervor, und es ist wesentlich durch wachsende Verschiedenheit oder durch abnehmende Ähnlichkeit, daß wir von Kontinuität zu Diskontinuität kommen.

Die Relationen Ähnlichkeit und Verschiedenheit sind von so wesentlicher Bedeutung, daß es berechtigt ist, Denken als Vergleichen zu definieren. Daß die zwei Relationen alles Denken, alle Kategorien beherrschen, sah schon PORPHYRIOS, als er es für notwendig fand, eine Einleitung zu der aristotelischen Schrift von den Kategorien (4) zu schreiben, in welcher er die Begriffe  Geschlecht, Unterschied, Art, Individuum  und  Eigenschaft  erklärte. Diese Einleitung wurde die Grundlage der vielen Diskussionen des Mittelalters über die objektive Bedeutung der Gemeinbegriffe (des Streites zwischen Nominalismus und Realismus). Die fünf Begriffe bilden eine fortschreitende Reihe in Bezug auf Verschiedenheiten, also vom Abstrakten oder Allgemeinen zum Konkreten oder Speziellen. Für das Denken des Mittelalters, das überwiegend klassifikatorisch oder syllogistisch war, war die Frage, welche von diesen Begriffen im einzelnen Falle angewandt werden sollte, und mit welchem Recht sie angewandt wurden. Die neuere Wissenschaft unternimmt hier eine große Reduktion. Für sie ist nicht das Verhältnis zwischen höheren und niederen Begriffen entscheidend, sondern es kommt darauf an, ob ein Begriff einem anderen Begriffe in allen Rücksichten substituiert werden kann. Die Identität stellt jetzt alle anderen Arten von Ähnlichkeit in den Schatten. Und eben durch den grundlegenden Charakter des Identitätsprinzips als des Nerven alles Schließens und durch die davon bedingte scharfe Bestimmung des Identitätsbegriffs unterscheidet sich moderne Wissenschaft von dem gemeinen Denken, das es mit dem Verhältnis zwischen Identität und Ähnlichkeit nicht so genau nimmt. PARMENIDES hatte zwar gesehen, daß der Nerv des Denkens hier liegt, aber erst LEIBNIZ legte den Identitätsbegriff zugrunde für die Logik, weil er Substitution möglich machte. Es ist in diesem Zusammenhang gleichgültig, ob man Identität als möglichst große Ähnlichkeit oder als möglichst kleine Verschiedenheit definiert; beide Definitionen erinnern an das korrelate Verhältnis zwischen Ähnlichkeit und Verschiedenheit. - Aber an dem entscheidenden Wendepunkte, der durch die Herrschaft des Identitätsbegriffs bezeichnet wird, gehen wir von den fundamentalen zu den formalen Kategorien über.


b) Der Relationsbegriff und die formalen Kategorien.

a) Durch die Ausbildung der formalen Kategorien (Identität, Analogie, Negation, Rationalität) wird es möglich, genau bestimmte Relationen zu erreichen.

Der Identitätsbegriff wird gebildet als eine natürliche Fortsetzung der schon im praktischen Denken hervortretenden Tendenz, Reihen von Gegenständen zu bilden, die nach zunehmender Ähnlichkeit oder abnehmender Verschiedenheit geordnet sind. Durch diesen Begriff werden Gesichtspunkte ermöglicht, aus welchem nicht bloß eine Übersicht über die Relationen gewonnen werden kann, sondern auch die eine Relation vielleicht aus der anderen abgeleitet werden kann. Erst hier treten die erkenntnistheoretische und die psychologische Betrachtungsweise entschieden in Gegensatz zueinander. Psychologisch und historisch gibt es höchstens nur Annäherungen zur Identität, und der reine Identitätsbegriff wird vielleicht sogar abgewiesen, damit die von der Wahrnehmung dargebotenen Verschiedenheiten und Veränderungen zu ihrem vollen Rechte kommen können. Erkenntnistheoretisch wird die Sache von der entgegengesetzten Seite betrachtet: Verschiedenheiten und Veränderungen stehen als Unterbrechungen der Identität, die die erste Voraussetzung aller Wissenschaft und die Bedingung aller ernsten Problemstellung ist.

Die grundlegende Bedeutung des Identitätsbegriffs für wissenschaftliches Denken beruht darauf, daß seine Anwendung eine Voraussetzung der zwei wichtigsten Gedankenfunktionen, Klassifikation und Beweisführung, ist.

Eine Einteilung verschiedener Gegenstände kann nur dann von entscheidender Bedeutung werden, wenn es einen Gesichtspunkt gibt, aus welchem die Gegenstände trotz aller Verschiedenheit als identisch betrachtet werden können. In Geschlechts- und Artbegriffen sind solche Gesichtspunkte gegeben. Die einzelnen Gegenstände, für welche solche Begriffe gelten, können, vom Gesichtspunkte des betreffenden Begriffs, als ein und derselbe Gegenstand betrachtet werden, was sich dadurch kundgibt, daß jeder von ihnen als Beispiel des Begriffs gebraucht werden kann. Die Verschiedenheiten der individuellen Gegenstände fallen nicht weg; sie können im Gegenteil als sehr scharfe Gegensätze hervortreten, eben weil man sie unter demselben Gesichtspunkte vereinigt. Nicht eine einzige der Eigenschaften, die infolge des Begriffs als "gemeinsam" betrachtet werden, wird vielleicht in den einzelnen Beispielen in ganz derselben Weise vorkommen. Es besteht aber eine Analogie zwischen den verschiedenen Gegenständen, indem das Verhältnis zwischen den Eigenschaften das gleiche sein wird.

ARISTOTELES behauptete mit großem Nachdruck, sowohl, daß die Wissenschaft nur mit dem Allgemeinen (dem Inhalte der Geschlechts- und Artbegriffe ) zu tun habe, als auch, daß das wirklich Existierende immer individuell sei. Vom Individuellen könnte man, seiner Auffassung nach, keinen Begriff bilden. Er hat dadurch, ohne sich dessen bewußt zu sein, ein großes Problem gestellt, das sich unter verschiedenen Formen durch die ganze spätere Geschichte des wissenschaftlichen Denkens streckt. Indem wir hier vorläufig die Frage nur vom Gesichtspunkte der Klassifikation betrachten, bemerken wir, daß doch Begriffe gebildet werden können, deren Inhalt solche Eigenschaften oder Verhältnisse sind, die, trotz aller Verschiedenheiten in den einzelnen Zuständen eines individuellen Gegenstandes, die Identität des Gegenstandes mit sich selbst ausdrücken kann. Solche typischen Individualbegriffe werden besonders innerhalb der Geisteswissenschaften möglich und notwendig sein. Zwischen den verschiedenen Zuständen eines und desselben Gegenstandes gilt, wie zwischen den verschiedenen Beispielen eines Allgemeinbegriffs, nur Analogie, keine Identität.

Wo weder Analogie noch Identität nachgewiesen werden kann, stehen wir einem Chaos gegenüber. Aber der Begriff des Chaos selber hat nur Bedeutung durch den Gegensatz zur Identität. Es besteht ein Unterschied zwischen demjenigen Chaos, das für das gemeine Bewußtsein steht, wenn es von den Verschiedenheiten überwältigt wird, und demjenigen Chaos, das von einem Gedanken statuiert wird, der in ernster Arbeit nach Analogien und Identitäten geforscht hat und nun zuletzt die Arbeit niederlegen muß. Aber selbst in diesem letzten Falle kann es niemals mit Sicherheit behauptet werden, daß wir einer chaotischen Verschiedenheitsreihe gegenüberstehen. Streng genommen können wir nur sagen, daß es bisher nicht geglückt ist, Einheitspunkte für die Gegenstände, die solche Reihen bilden, zu finden. Wie Identität durch die möglichst große Ähnlichkeit oder die möglichst kleine Verschiedenheit definiert werden kann, so kann Chaos durch die möglichst große Verschiedenheit oder die möglichst kleine Ähnlichkeit definiert werden. Die Ähnlichkeit kann so klein sein, daß sie bisher nicht bemerkt worden ist, wie wir bei den Gegenständen, die wir als identisch betrachten, sagen können, daß die Verschiedenheiten so klein sind, daß sie nicht bemerkt werden.

Der Begriff der Negation taucht hier auf als Ausdruck einer Unterbrechung der Gedankenarbeit - hier der einteilenden Gedankenarbeit - wegen fehlender Ähnlichkeitspunkte. Die Geschichte der Klassifikation zeigt uns, daß man in solchen Fällen oft negative Begriffe (oder Begriffe, die nur negative Merkmale enthalten) bildet. LAMARCK teilte die Tiere in Wirbeltiere und wirbellose Tiere ein; später aber fand CUVIER positive Merkmale und Grundlagen für eine positive Einteilung der Wirbellosen.

Die chaotische Verschiedenheitsreihe und die absolute Identitätsreihen bezeichnen zwei ideale Grenzlinien für unsere Erkenntnis, Grenzlinien, die in wirklicher Erkenntnis niemals nachgewiesen werden können. Die eine bezeichnet die Unmöglichkeit der Erkenntnis (5), die andere ihren Abschluß.

Zwischen beiden liegt eine Stufenreihe von Gedankenreihen (einige der wichtigsten sind in "Der menschliche Gedanke" Seite 162-174 dargestellt), die verschiedene Stufen, auf welchen die Erkenntnis sich ihrem Ideal zu nähern sucht, aufweist.

Solange die Erkenntnis nur nach einer Klassifikation strebt, läßt sie die Verschiedenheiten bestehen und sucht nur eine geordnete Übersicht zu erreichen. In der Beweisführung dagegen hat der Identitätsbegriff aktive oder produktive Bedeutung als ein Mittel, neue Wahrheiten aufzuzeigen, vielleicht neue Gegenstände ohne Hilfe der Wahrnehmung zu finden. Hier tritt die Kategorie der Rationalität, die der Relation von Grund und Folge zugrunde liegt, hervor. Ihre Voraussetzung ist eine Identität von zwei Gegenständen, die uns dazu berechtigt, den einen statt des anderen zu setzen. Die zwei Prämissen, aus welchen der Schlußsatz hervorgeht, müssen einen Begriff enthalten, der in beiden identisch ist. Schon die Klassifikation macht Schließen möglich, sobald Art- und Geschlechtsbegriffe (oder typische Individualbegriffe) gebildet sind. Aber die Wissenschaft sucht einen Schritt weiter zu gehen. Sie bildet nicht nur Reihen von erkannten Gliedern, die nur durch neue Wahrnehmungen fortgesetzt werden können, sondern auch Reihen, die nach demselben Gesetze, nach welchem sie angefangen sind, fortgesetzt werden können. Hier tritt der Unterschied zwischen Logik und Mathematik hervor. Der Mathematiker stellt nicht nur das Identitätsprinzip als für die Einer, mit welchen er arbeitet, gültig auf, also  1 = 1;  er behauptet auch, daß er aus diesen Einern eine Reihe bilden kann dadurch, daß Einer immer in derselben Weise zu Einer gefügt wird: also  1 + 1 + 1.  Eine Voraussetzung wie diese letzte kennt die reine Logik nicht. Für sie hat Wiederholung keine gedankenmäßige Bedeutung, so große psychologische und pädagogische Bedeutung sie auch haben kann. Die Logik hält sich an das Identitätsprinzip (und die damit mehr oder minder direkt zusammenhängenden Prinzipien). Die mathematische Grundvoraussetzung ist dagegen (außer dem Identitätsprinzip) die positive und produktive Bedeutung der Wiederholung. Diese Voraussetzung hat HENRI POINCARÉ  loi de recurrence  [Gesetz der Wiederkehr - wp] genannt; er sieht in ihr das Prinzip dessen, was KANT ein apriorisch-synthetisches Urteil genannt hat (6). Während die Klassifikation die qualitativen Verschiedenheiten bestehen ließ, indem sie nur geordnet wurden, sucht die moderne Naturwissenschaft die Qualitätsverschiedenheiten so zu bearbeiten oder zu reinigen, daß rein formale Reihen wie die oben erwähnten gebildet werden können, solche also, in denen neue Glieder immer nach demselben Gesetz, das schon den vorhergehenden Gliedern ihren Platz gegeben hat, konstruiert werden können. Es gibt vier Arten von Qualitätsverschiedenheiten, die besonders zu einer solchen Reinigung geeignet waren: Zeit, Zahl, Grad und Ort. Für die unmittelbare Wahrnehmung treten sie nicht als "rein", sondern als Qualitäten auf. Der Unterschied zwischen Zeiten, zwischen Orten, zwischen Zahlen und zwischen Graden ist ursprünglich ebenso qualitativ wie der zwischen Gelb und Blau, Härte und Weichheit. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, welche Gedankenarbeit nötig war, damit die genannten vier Qualitätsreihen zu Reihen ausgebildet werden konnten, in welchen jedes Glied durch seinen Platz in der Reihe vollständig bestimmt ist, einen Platz, der durch das Verhältnis zu den anderen Gliedern bestimmt ist. Es ist nun gleichgültig, was die Augenblicke erfüllt oder an den verschiedenen Orten geschieht, was gezählt oder graduell bestimmt wird. Jedes einzelne Glied der Reihe wird betrachtet, als hätte es ganz den gleichen Inhalt wie die anderen Glieder; nur der Platz macht einen Unterschied. In kurzen Zügen habe ich diesen Reinigungsprozeß in "Der menschliche Gedanke" (Seite 203-220) geschildert, und ich gehe hier nicht näher darauf ein. Ich füge nur hinzu, daß die vier Reinigungsprozesse nicht unabhängig von einander verlaufen, sondern einander gegenseitig stützen. Dies wird dadurch möglich, daß die Kategorien periodisch entstehen; dadurch kann eine gewisse Entwicklung der einen Kategorie für die Entwicklung der anderen Bedeutung haben. Der Zeitbegriff hat sich so mit Hilfe des Zahlbegriffs und des Raumbegriffs entwickelt. Überhaupt hat besonders der Zahlbegriff den drei anderen Kategorien zu voller Entwicklung geholfen. Der Prozeß, durch welchen Einer zu Einer gefügt wird, ist einfacher und leichter als der, durch welchen Augenblick zu Augenblick, Grad zu Grad und Ort zu Ort gefügt wird. Schon KANT sah, daß wir im Zählen das einfachste Beispiel der "Synthesis des Gleichartigen" haben. COMTE hat dies noch stärker hervorgehoben, und GAUSS hat behauptet, daß die Zahl in höherem Grade als der Raum ein Produkt unseres eigenen Geistes ist (7).

Während solche typischen Individualbegriffe, die konkrete Gegenstände angeben, nur durch beständigen Hinblick auf Wahrnehmung und durch Anlehnen an diese entwickelt werden können, gibt der erwähnte Reinigungsprozeß Möglichkeit für Bildung von Gedankenreihen, die nach demselben Prinzip, nach welchem sie angefangen sind, fortgesetzt werden können, und aus welchen Forderungen an die von der Wahrnehmung dargebotenen Gegenstände gestellt werden können. b) Bei der Bildung der erwähnten reinen Qualitätsreihen liegt überall der Identitätsbegriff zugrunde, indem sie dadurch charakterisiert sind, daß die Begriffe Zeit, Zahl, Grad und Ort von jedem Inhalte, der die Zeit ausfüllt, die Zahl ausmacht, den Grad hat und den Ort annimmt, freigemacht sind; mit dem Inhalt fallen auch die realen Verschiedenheiten innerhalb derselben Reihe weg. Wenn sie noch Qualitätsreihen genannt werden, ist es, weil die gegenseitigen Unterschiede zwischen Zeit, Zahl, Grad und Ort fortwährend bestehen. Es gibt, wie später näher besprochen werden wird, eine Tendenz dazu, die Zahl als zuletzt herrschend und alle Erkenntnis als ein System von Gleichungen aufzufassen. Doch kämpfen hier, wie MEYERSON gezeigt hat (8), Algebra und Geometrie um den Vorrang. Die Frage selbst gehört unter die realen Kategorien.

So hohen Grad der Exaktheit nun auch von der mit den erwähnten Reihen arbeitenden Erkenntnis erreicht werden kann, meldet sich der Relationsbegriff doch wieder in diesen reinen Regionen. Auf drei Punkten tritt dies hervor.

Identität ist selbst eine Relation: das Verhältnis eines Gedankens oder eines Gegenstandes zu sich selbst unter verschiedenen Umständen. Diese Verhältnisbestimmtheit kann bei keiner Definition der Identität wegfallen. Ob man nun von der möglichst großen Ähnlichkeit oder von der möglichst kleinen Verschiedenheit spricht, die Relation wird nicht ausgeschlossen. Und besonders deutlich wird dies, wenn man die experimentale Definition LEIBNIZ' anwendet: identisch sind die Gedanken oder Gegenstände, die überall einander ohne Aufhebung der Gültigkeit (salva veritate) substituiert werden können (9). Wenn die Möglichkeit der Substitution entscheidend ist, macht man ja von der Relation zwischen den betreffenden Gedanken oder Gegenständen Gebrauch; die Gültigkeit hört auf, wenn eine solche Relation durch die Substitution geändert wird. Sogar bei der Identität  1 = 1  muß die Frage entstehen, ob wir wirklich Einer haben, die einander substituiert werden können. In der Diskussion über FECHNERs Versuch, dem WEBER'schen Gesetz eine streng mathematische Formulierung zu geben, wurde diese Frage erhoben.

Zweitens setzt die Aufstellung und die Anwendung des Identitätsbegriffs immer einen bestimmten Gesichtspunkt voraus, aus welchem er gilt. Bei der Klassifikation ist es deutlich, daß die Identität nur für gewisse Kennzeichen, die immer wiederkommen, gilt, während in den einzelnen Fällen wenigstens Analogie vorliegt. Aber auch die Identität, die der Nerv jeder Beweisführung ist, gilt nur von einem gewissen Gesichtspunkt aus. Die Identität ist stets durch Reinigung erreicht, das heißt dadurch, daß von Gesichtspunkten, welche die betreffende Sache nicht angehen, weggesehen wird. Wenn die verschiedenen Naturkräfte als Energien bestimmt, das heißt durch das Vermögen, eine Arbeit auszuführen, gemessen werden, dann ist damit ein einheitlicher Gesichtspunkt erreicht, ebenso, wie wenn man sonst höchst verschiedene Dinge allein unter dem Gesichtspunkt der Schwere betrachtet. Bis zur Entdeckung der Spektralanalyse betrachtete man, auf Grundlagen der NEWTON'schen Physik, die Himmelskörper wesentlich unter dem Gesichtspunkt der Schwere. Durch Anlegung eines rein quantitativen Gesichtspunktes, die nur möglich wird, wenn man sich an gewisse bestimmte Eigenschaften hält, können sonst sehr verschiedene Gegenstände als identisch betrachtet werden. Wie in den beschreibenden Wissenschaften Qualität durch Hilfe der Geschlechts- und Artbegriffe zu Identität reduziert werden kann, so kann in den exakten Wissenschaften Qualität mit Hilfe von Quantitätsbestimmungen zu Identität reduziert werden (10). PLATON hat in beiden Richtungen tiefsinnige Andeutungen gegeben; was den letztgenannten Punkt betrifft, setzt GALILEI in genialer Weise seinen Gedanken fort.

Im griechischen Denken wurde öfter eine Art Kultus mit "dem Einen", dem Inbegriff der reinen Identitäten, getrieben. Dies zeigt sich bei PARMENIDES und PLATON und erreicht seinen Höhepunkt im Neuplatonismus. Für das Denken der neueren Zeit ist Identität kein Gegenstand der Kontemplation, sondern ist ein großes Gedankenmittel, wie es in LEIBNIZ' experimentaler Definition deutlich hervortritt. Und nicht minder wesentlich ist es, daß wir jetzt einen weiteren Schritt machen, indem wir fragen, von welchem Gesichtspunkt aus die Identitäten gelten. Wir verlieren dadurch nicht die Ideenwelt. Im Gegenteil, die Gesichtspunkte, von welchen aus Identitäten möglich sind, machen für uns die wahre Ideenwelt aus, und die Erkenntnistheorie gibt durch diese Betrachtung einen wichtigen Beitrag zur Erörterung des Daseinsproblems. Die Tatsache, daß es Gesichtspunkte gibt, durch welche die strengste für Menschen erreichbare Erkenntnis möglich wird, muß von großer Bedeutung für eine letzte, abrundende Weltanschauung sein. -

Drittens bewirkt eben die Bildung von qualitativen Identitätsreihen, daß die Relationen schärfer als vor der Reinigung hervortreten. In den erwähnten Reihen ist jedes Glied ausschließlich durch seinen Platz im Verhältnis zu den anderen Gliedern bestimmt. Ein Augenblick hat, von seinem Inhalt ganz abgesehen, einen individuellen Charakter dadurch, daß er gewissen Augenblicken nachfolgt und gewissen anderen Augenblicken vorausgeht. Die Augenblicke dienen einander zu gegenseitiger Ausmessung ihrer Individualitäten. Das gleiche gilt von der Zahl: jede Zahl in der Zahlenreihe ist eine Individualität, eben durch ihr bestimmtes Verhältnis zu anderen Zahlen. MALEBRANCHE hat bemerkt, daß die ganzen Zahlen Relationen sind wie die Brüche, obgleich man es leicht übersieht, weil eine ganze Zahl durch ein einziges Zeichen ausgedrückt werden kann. Wie später GAUSS gesagt hat: "Jede reelle ganze Zahl repräsentiert die Relation eines beliebig als Anfang gewählten Gliedes zu einem bestimmten Gliede der Reihe" (11). Der Kultus gewisser Zahlen, die in den Volksreligionen so häufig sind, wurden nur dadurch möglich, daß man solche Zahlen aus der Reihe, innerhalb welcher sie allein ihre Individualität haben, herausnahm. - Was für Augenblicke und Zahlen gilt, gilt analog auch für Grade und Orte. Dies bedarf hier keines näheren Nachweises. Was den Ort (den Raum) betrifft, wird uns ein speziellerer Zusammenhang Gelegenheit geben, die Frage wieder aufzunehmen. Interessant ist doch eben im gegenwärtigen Zusammenhang die Bemerkung von POINCARÉ, daß die Relativität und die Gleichartigkeit des Raumes ein und dieselbe Sache sei (12). -

Zu den formalen Kategorien haben wir außer Identität und Analogie auch Negation und Rationalität gerechnet. Auch hier ist kein ausführlicher Nachweis der beständigen Geltung des Relationsbegriffes notwendig.

Jedes Nein setzt ein (wirkliches oder mögliches) Ja voraus. Eine Negation ist rein logisch das Zeichen eines Weges, der nicht befahren werden kann, und setzt also Versuche, einen solchen Weg zu gehen, voraus. Oder sie setzt einen Vergleich zwischen zwei Anschauungen voraus, von welchen die eine Elemente enthält, die in der anderen fehlen. Mathematisch kann Negation eine Aufforderung sein zur Reihenbildung in einer anderen Richtung als der früheren.

Rationalität bedeutet in sich selbst die Relation zwischen Prämissen und Konklusion. Und überall, wo Begründung gefordert wird, wird nach den Voraussetzungen unseres Urteils gefragt. Eine unbedingte Notwendigkeit gibt es nicht. Notwendigkeit drückt eben nur das Verhältnis von Grund und Folge aus, ein Verhältnis, das immer wieder in Frage kommen muß, solange man noch denkt, ob es nun im einzelnen Falle möglich ist, dieses Verhältnis zu finden oder nicht.

Wie wir bei der Klassifikation zum Analogiebegriff kamen, wenn Artbegriffe nicht mehr gebildet und nur Analogien zwischen individuellen Gegenständen möglicherweise gefunden werden konnten, so kommen wir, was Beweisführung betrifft, zu den sogenannten Analogieschlüssen, die ARISTOTELES treffend Schlüsse aus einzelnen Beispielen genannt hat. Durch die Verhältnisse innerhalb eines Gegenstandes werden wir veranlaßt, entsprechende Verhältnisse innerhalb eines anderen Gegenstandes zu vermuten. Je mehr Beispiele wir hier finden können, um so mehr nähert sich die Analogie der Induktion. Sie hat übrigens (gleich wie die Induktion) nur Bedeutung als Entdeckungsmethode, das heißt als Veranlassung, Sätze, die näher geprüft werden können, aufzustellen; Beweis kann sie niemals werden. Man hat sie daher treffend einen guten Diener, aber einen schlechten Herrn genannt. Daß aber auch die Analogie immer auf bestimmten Voraussetzungen beruht, bedarf keines näheren Nachweises.

c) Der Relationsbegriff und die realen Kategorien.

a) Die Frage entsteht natürlich, ob es möglich ist, solche Reihen, deren Möglichkeit die formalen Kategorien uns gezeigt haben, auf Gegenstände, die uns ganz abgesehen von unseren Konstruktionen gegeben sind, anzuwenden; anders ausgedrückt: ob wir von solchen Gegenständen Reihen bilden können, die in dem einen oder dem anderen Grade jenen formalen Reihen entsprechen und dadurch der Notwendigkeit, die diese auszeichnet, teilhaft werden können, - also ob eine Rationalisierung gegebener Gegenstände möglich ist. Die Relation zwischen Grund und Folge ist nun einmal das Vorbild aller Notwendigkeit.

Diese Frage veranlaßt eine Erörterung der realen Kategorien (Kausalität, Totalität, Entwicklung), die ich in "Der menschliche Gedanke" (Seite 226-260) angestellt habe. Hier beschränke ich mich darauf, die Bedeutung des Relationsbegriffes auf dem Gebiete dieser Kategorien zu beleuchten.

Historisch haben die realen Kategorien nicht auf die formalen gewartet; eher sind sie es, die die Entwicklung der formalen veranlaßt haben. Es zeigt sich hier deutlich, daß die Wissenschaft sich aus dem praktischen Leben und dem gesunden Menschenverstande entwickelt hat. Die realen Kategorien, besonders der Kausalitätsbegriff, haben ihren faktischen Ursprung in dem Bedürfnis nach Orientierung im Dasein, die sowohl für Tiere als für Menschen eine Lebensbedingung ist. Hier zeigt sich deutlich, wie das Denken sich aus dem Zweifel entwickelt. Wenn Enttäuschung, Widerstand oder Widerspruch der unwillkürlichen Zuversicht zu allen auftauchenden Empfindungen und Vorstellungen ein Ende machen, gibt es keinen anderen Ausweg als den, neue Empfindungen und Vorstellungen zu suchen, die einen festeren Zusammenhang als den zerbrochenen darbieten und dadurch zuversichtliche Weiterführung des Lebens möglich machen können. Dies heißt aber, daß der Kreis der Relationen erweitert wird, bis die verschiedenen Gegenstände in festen, unumgänglichen Verhältnissen zueinander erscheinen. Kausalität oder gesetzmäßiger Zusammenhang liegt aller Überzeugung von Realität zugrunde, wenn eine solche Überzeugung nach der Zerstörung der unwillkürlichen Zuversicht zum unmittelbar gegebenen Zusammenhang möglich sein soll. Dieses Wirklichkeitskriterium wird in der Wissenschaft durch nähere Prüfung und Bestimmung der den Zusammenhang der Gegenstände bedingenden Relationen vertieft und präzisiert. Über alle Relationen hinaus kommt der Gedanke nicht. Die Wirklichkeit von irgend etwas, das in gar keiner Relation stehen sollte, kann nicht begründet oder bewiesen werden. Wirklichkeit und Relation gehören nun einmal zusammen. Jede Konstatierung der Wirklichkeit eines Dinges besteht in dem Nachweis einer festen Relation zwischen diesem Dinge und dem Kreise von Dingen, die bisher durch gegenseitigem festen Zusammenhang als wirklich dastehen; das eine Zirkelbein des Gedankens steht in diesem Kreise, und durch das andere Zirkelbein wird die Relation zwischen dem Kreise und dem Dinge, dessen Wirklichkeit in Frage ist, ausgemessen. Erhebt sich ein Zweifel wegen der bisher anerkannten Wirklichkeit, muß auch das erste Zirkelbein anderswohin gestellt werden, und so fort. Beide Zirkelbeine müssen bei jeder Erkenntnis eines Wirklichen gebraucht werden. Wird man genötigt, auf dem einen zu stehen, ohne einen sicheren Platz für den anderen finden zu können, ist man in einem Zustande von Zweifel, Erwartung oder Sehnsucht (13).

Wegen der genauen Verbindung, die zwischen Kausalität und Wirklichkeitskriterium besteht, und die sich darin zeigt, daß wir nur dann eine begründete Überzeugung von Wirklichkeit haben können, wenn wir Gegenstände als Ursache und Wirkung verbinden können, war es ein revolutionärer Schritt von HUME, die Berechtigung der Anwendung des Kausalitätsbegriffes zu bezweifeln. Es war ein Angriff sowohl auf die wissenschaftliche Erkenntnis des Daseins als auf das praktische Wirklichkeitskriterium. Seine Kritik beruht aber auf der Voraussetzung, daß Ursache und Wirkung zwei ganz verschiedene Dinge wären - Glieder einer chaotischen Verschiedenheitsreihe. In einer solchen Reihe fehlt der feste Zusammenhang, indem man ihre Glieder in jede mögliche Ordnung stellen kann. Nun ist es doch eine Tatsache, daß bisweilen Reihen gegenüberstehen, deren Glieder nicht vertauscht werden können, und in dieser Tatsache sah KANT einen Ausgangspunkt sowohl für die Kausalitätstheorie als für den Wirklichkeitsbegriff. Und die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie das äußerliche Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung auf vielen Gebieten mehr und mehr von einem Kontinuitätsverhältnisse zwischen den Dingen, die im Kausalitätsverhältnis zueinander stehen, und dieses wieder von einem Rationalitätsverhältnisse (indem spätere Glieder in der Reihe der Begebenheiten aus dem Gesetze der Reihenfolge der früheren abgeleitet werden können) abgelöst wird.

Selbst wenn die Reihen, die in dieser Weise gebildet werden, im höchsten Grade kontinuierlich und rational werden, bleibt der Wirklichkeitsbegriff doch immer ein Ideal, das niemals vollständig mit Wahrnehmung belegt werden kann. Es werden immer neue Mittelglieder gefunden werden können, und neue Gegenstände können auftauchen, deren kontinuierliche und rationale Verhältnisse zu den früheren nachgewiesen werden müssen. Wirklichkeit bedeutet immer eine Relation zu den bisher gebildeten kontinuierlichen und rationalen Reihen. Und die Möglichkeit kann nie ausgeschlossen werden, daß diese Reihen mit ganz anderen Reihen ersetzt werden müssen, oder daß (um das oben gebrauchte Bild anzuwenden) beide Zirkelbeine neue Stellungen einnehmen müssen.

HERBERT BRADLEY hat mit Recht den Erfahrungsbegriff bei der für uns unabschließbaren Charakteristik des Daseins benutzt. Erfahrung ist für BRADLEY der Maßstab der Realität; weil aber Erfahrung immer durch Nachweis von Relationen gewonnen wird und neue Relationen sich immer geltend machen können, sei eine vollständige Erfüllung der Forderungen dieses Maßstabes unmöglich. BRADLEY ist auf einmal davon überzeugt, daß wir immer in Relationen denken, und daß eine vollständige Lösung des Wirklichkeitsproblems vom Relationsbegriff her (the relational point of view) unmöglich ist (14).

Die Lösung kann, darin behält BRADLEY recht, niemals vollständig erreicht werden. Die Erkenntnisarbeit geht aber immer darauf aus, neue Relationen zu finden und einen Zusammenhang zwischen ihnen und den früher gefundenen Relationen nachzuweisen, vielleicht so, daß diese durch jene berichtigt werden. Ohne hier auf Fragen, die unter das Daseinsproblem gehören, zu kommen, muß behauptet werden, daß die Erkenntnisarbeit selbst eine Wirklichkeit ist, ein Glied der großen Wirklichkeit, die vielleicht mehr umfaßt, als was irgendeine Gedankenarbeit umspannen können wird. Und wenn der Teil der Wirklichkeit, die in Erkenntnisarbeit besteht, niemals abgeschlossen werden können wird, kann man vielleicht daraus schließen, daß das Dasein selbst nicht fertig ist oder fertig werden kann. Eine solche Vermutung (15) setzt freilich voraus, daß die Zeitform für das Dasein, nicht nur für unser Denken gilt. BRADLEY aber verneint entschieden, daß Denken ein Teil der Realität ist: The process which moves within Reality, is not Reality itself, Philosophy is itself but appearance (16).

Das tiefsinnige Hauptwerk BRADLEYs ist Kosmologie ("Metaphysik"), nicht eigentlich Erkenntnistheorie. Er stellt Realität in Gegensatz zu Wahrheit: wenn die Wahrheit vollkommen wäre, hörte sie auf, Wahrheit zu sein, denn dann träte die Realität in ihrer Reinheit auf. Aus diesem Standpunkte folgt, daß, obgleich BRADLEY auf den Relationsbegriff so großes Gewicht legt, daß er Denken als Suchen nach Relationen definiert, faßt er doch dieses Suchen als eine Unvollkommenheit auf, weil Abschluß und Totalität dadurch ausgeschlossen werden. Und hiermit hängt es ferner zusammen, daß er die Bedeutung der Relationen, mit welchen die speziellen Wissenschaften, jede auf ihrem Gebiete, arbeiten, verkennt. Er hat den Relationsbegriff als Grundlage und Maßstab alles Wahrheitsuchens klar gesehen; aber sein eigenes System ist eigentlich ein kristallisiertes Wahrheitsideal, ein Versuch, die Erfahrung als vollständig (experience entire, containing all elements in harmony Seite 172) zu denken - ein Versuch, der unmöglich durchgeführt werden kann, wenn wir, wie BRADLEY, das Denken als relational auffassen (17).

Der Nachweis kontinuierlicher Reihen von Gegenständen mit unvertauschbaren Gliedern ist noch nicht das höchste Ideal der Wissenschaft. Zwar wird dadurch das äußerliche Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung vorläufig aufgehoben, aber es verschwindet nicht ganz. Einen Schritt weiter führt der Nachweis gegenseitiger Äquivalenz zwischen verschiedenen Gegenständen (Erlebnissen). Dann kann der erste Gegenstand aus dem zweiten und dieser aus jenem abgeleitet werden. Dies tritt deutlich hervor, wenn das Äquivalenzverhältnis als eine Gleichung formuliert wird. Es ist dann (in der Theorie) gleichgültig, von welcher Seite des Gleichheitszeichens man beginnt, und weder der qualitative Unterschied noch der Zeitunterschied zwischen den beiden Gegenständen hat dann Bedeutung; ein absolutes Identitätsverhältnis ist erreicht. Die Qualitäten (zu denen auch die Zeit, die Sukzession gerechnet werden kann) stehen dann als bloße "Anthropomorphismen", als subjektive Gegenstände (Erlebnisse), die von der strengen Wissenschaft nicht beachtet werden. Man geht hier einen Schritt weiter als die mechanische Naturauffassung, die zwar von den eigentlichen Qualitäten wegsah, aber die Zeit noch als objektive Form anerkannte, indem Bewegung das einzige Existierende war; freilich wurde dieses Existierende durch die subjektive Auffassung "verfälscht" (18). Man geht einen bedeutenden Schritt weiter, wenn man annimmt, daß die Zeit umgekehrt werden kann, so daß die Ordnung der Begebenheiten zuletzt gleichgültig wird.

Im Gegensatz zu einer solchen Auffassung, die oft von mathematischer und naturwissenschaftlicher Seite behauptet wird, und die in philosophischer Form von der Marburger Schule durchgeführt ist, muß erklärt werden, daß die Welt reiner Gleichungen, in welcher strenge Wissenschaft endet, oder nach der sie jedenfalls strebt, ihre Bedeutung nicht verliert, weil die Behauptung festgehalten wird, daß ein Verhältnis zwischen "vor" und "nach" niemals vollständig in ein Verhältnis der reinen Identität aufgehen kann. Weil ein gegenseitiges Äquivalenzverhältnis zwischen zwei qualitativ verschiedenen Dingen (wie Wärme und Bewegung) besteht, ist es doch nicht gleichgültig, welches von ihnen zuerst auftritt und welches nachfolgt. Es geschieht etwas Verschiedenes in den zwei Fällen, was deutlich gesehen wird, wenn die Reihe in neuen Gliedern weitergeführt wird: selbst wenn  A  und  B  äquivalent sind, wird doch von  B  ein Übergang zu  C  möglich sein können, der nicht von  A  aus möglich wäre. CARNOTs Satz zeigt, daß der Übergang zwischen Wärme und Bewegung nicht in beiden Richtungen gleich leicht geschieht. Aber der streng mathematische Abschluß der Naturerkenntnis hat seine Bedeutung darin, daß dem rein zeitlosen, logisch-mathematischen Verhältnisse zwischen den Gliedern der Gleichungen ein zeitlicher Übergang zwischen verschiedenen Erlebnissen entspricht. Es ist mittels Analogie, daß die logisch-mathematische Erkenntnis ihre unschätzbare Bedeutung zu erweisen hat. In den Gleichungen kann der Kundige den Verlauf der Erscheinungen ablesen, wie der Musiker in der Partitur den Lauf der Töne ablesen kann.

Diese Auffassung wird schon von KANT angedeutet, wenn er lehrt, daß zwischen Grund und Folge einerseits, Ursache und Wirkung anderseits ein Analogieverhältnis, aber kein Identitätsverhältnis besteht. Später ist sie in bedeutungsvoller Weise von CLERK MAXWELL (im zweiten Band seiner "Scientific Papers") geltend gemacht worden. In meinem "Philosophische Probleme" (1903), in "Der menschliche Gedanke" (1910) und in "Der Totalitätsbegriff" (1917) habe ich dieselbe Auffassung entwickelt.

Daß das Verhältnis zwischen einer Reihe von Gleichungen und einer Reihe von qualitativen Veränderungen kein logisches Identitätsverhältnis ist, kann daraus eingesehen werden, daß man aus der reinen Logik und Mathematik das Bestehen einer zeitlichen Welt mit qualitativen Unterschieden niemals ableiten könnte. Es geht mit jener Welt der Gleichungen wie mit der Ideenwelt PLATONs (die hier in einer neuen Form auftritt): man kann vielleicht zu ihr aufsteigen, aber die Leiter fällt weg, sobald man hinauf gekommen ist. (Vgl. die dritte Einwendung gegen die Ideenlehre in PLATONs "Parmenides".) Und dazu kommt noch, daß ein abschließender Beweis der realen Gültigkeit der absoluten Ideenreihen nicht gegeben werden kann, weil neue Relationen immer möglich sind, deren Analogien mit den gefundenen Identitätsreihen erst nachgewiesen werden müssen. Auch hier zeigt es sich, daß der Relationsbegriff Wahrheit und Wirklichkeit als Ideale stehen läßt, die nur unter fortwährender Arbeit annähernd erreicht werden können. -

EMILÉ MEYERSON hat in seinen erkenntnistheoretischen Werken auf den Unterschied zwischen der Erkenntnis eines gesetzmäßigen Verlaufs von Erlebnissen und der rationalen Erklärung eines solchen Verlaufs sehr großes Gewicht gelegt. Besonders in dem neulich erschienenen großen und tiefgehenden Werke "De l'Explication dans les Sciences" (1921) sucht er diesen Unterschied durch einen Reichtum von Beispielen aus der Geschichte der Naturwissenschaften zu beweisen, um welchen jeder, der sich mit Erkenntnistheorie beschäftigt, ihn beneiden könnte. Ich bin im ganzen mit ihm einig; nur benutze ich eine andere Terminologie. Schon in dem Abschnitte meiner Psychologie, der von dem Übergange von Psychologie zu Erkenntnistheorie handelt, zeigte ich, daß die Wissenschaft bei der bloßen Konstatierung einer unumgänglichen und unvertauschbaren Reihenfolge zweier Erlebnisse nicht stehen bleibt und nicht stehen bleiben kann, daß sie aber, nachdem eine solche Reihenfolge (und damit ein "Gesetz" in der populären Bedeutung der Worte) nachgewiesen ist, sich die Aufgabe stellt, einen kontinuierlichen Übergang vom einen Glied des Kausalitätsverhältnisses zum anderen zu finden, so daß die "Wirkung" als eine Fortsetzung der "Ursache" dastehen kann, eine Fortsetzung, die eine Analogie zu der Weise, in welcher in einem Schlusse die Konklusion aus den Prämissen "folgt", bildet. Es ist dies das große Ideal, das von den Denkern des siebzehnten Jahrhunderts aufgestellt wurde, wenn sie forderten, daß nichts in der Wirkung sein dürfte, das nicht schon in der Ursache enthalten war. Die Kontinuität, die erreicht wird, wenn dieses Ideal wenigstens annähernd erreicht wird, ist, soviel ich sehe, was MEYERSON Rationalität nennt, die durch "Erklärung" erreicht wird. In einem sehr lehrreichen Beispiel (I, Seite 315) zeigt er, wie die Wissenschaft nicht nur ein gesetzmäßiges Verhältnis zwischen gewissen optischen Erscheinungen und der chemischen Struktur eines Stoffes nachweist, sondern auch einen zusammenhängenden Prozeß zu finden sucht, der mit der Einwirkung des Lichts anfängt und durch die Bewegungen fortgesetzt wird, die durch diese Einwirkung im Inneren der Moleküle hervorgerufen werden, und die wieder gewisse Bewegungen in den vom betreffenden Stoffe beeinflußten Sinnesorgan hervorrufen. Es ist also eine kontinuierliche Reihe von Bewegungen, die konstatiert werden. Aber sofern es möglich ist, dieses Schema durchzuführen (und MEYERSON hebt die Schwierigkeiten stark hervor), kann es doch nur durch den Nachweis einer Reihe von Gesetzen (für die Reflektion des Lichts, für den inneren Bau der Moleküle usw.) geschehen, und ich sehe nicht, welcher Unterschied dann zuletzt zwischen Gesetzmäßigkeit (légalité) und Rationalität übrig sein wird. MEYERSON sieht denn auch klar, daß jede Gesetzeserkenntnis, oft dem Entdecker unbewußt, ein inneres Band zwischen den Gegenständen, die durch das Gesetz verbunden werden, voraussetzt (II, Seite 289), und er gesteht (II, Seite 337), daß Legalität und Rationalität in der Wirklichkeit so genau (inextricablement) verbunden sind, daß man nur beim Nachdenken über die Grundlage der Wissenschaft die zwei Prinzipien voneinander scheiden kann. Nach meiner Auffassung gibt es hier nicht zwei Prinzipien, sondern ein und dasselbe Prinzip wird mit steigender Genauigkeit und Konsequenz durchgeführt.

Daher glaube ich nicht, daß MEYERSON in seiner Kritik von COMTE ganz recht hat, wenn er diese Kritik so formuliert, daß COMTE zwar Gesetzmäßigkeit, aber nicht Rationalität als die Aufgabe der Wissenschaft anerkennt. COMTE selbst spricht (im "Discours sur l'esprit positif", Seite 20-21) bestimmt aus, daß die Aufgabe der Wissenschaft sowohl Erklärung als Voraussehen ist, und daß die Wissenschaft "durch ihre systematischen Spekulationen dem unwillkürlichen Einheitsdrange unseres Verstandes entgegenkommt, indem die Kontinuität und Gleichartigkeit der verschiedenen Begriffe durchgeführt wird". Eine andere Sache ist es, daß COMTE nicht der Meinung war, daß dieses Ideal ganz realisiert werden könnte, teils, weil die faktischen Diskontinuitäten ihm unüberwindlich vorkamen, teils, weil er eine Religion stiften wollte, deren Dogma in den bisher (bis 1830) gewonnenen Resultaten der Wissenschaft enthalten sein sollten. Die Kritik von COMTE muß so formuliert werden: er forderte einen Abschluß der Gesetzeserkenntnis und glaubt nicht an die Möglichkeit, sie in spezielleren Formen als bisher durchzuführen. Noch einen Punkt gibt es, wo ich mit dem ausgezeichneten französischen Denker, von dessen Werken ich so viel gelernt habe, nicht einig sein kann. Ich glaube nicht, daß das letzte Ziel der Wissenschaft die Aufstellung allgemeiner, so exakt als möglich formulierter Sätze sei. Es gibt noch eine Arbeit zu tun, die nämlich, die allgemeinen Sätze, die rationalen Gesichtspunkte zum Verständnis der individuellen Existenzen, die nur durch das Zusammenspiel von Gesetzmäßigkeiten bestehen können, anzuwenden. ARISTOTELES hatte darin unrecht, daß das Individuelle kein Gegenstand der Wissenschaft wäre. Eher verhält sich die Sache so, daß die ungeheure Arbeit, Gesetzmäßigkeit und Rationalität zu finden, selbst wieder eine Bedingung ist, Verständnis der individuellen Totalitäten, die das faktisch Existierende wird, zu gewinnen. Nur wenn man diese Aufgabe nicht vergißt, wird der Blick für das große, unendliche Ziel der Wissenschaft geöffnet.

b) Wir werden hierdurch daran erinnert, daß nicht nur Kausalität, sondern auch Totalität und Entwicklung als reelle Kategorien betrachtet werden müssen. Und dies eben kraft des Relationsbegriffes. Denn die gefundenen rationalen Gesichtspunkte müssen untereinander verbunden werden, und sie werden dadurch in bestimmten Relationen zueinander gestellt, und durch die Arbeit hierauf findet der Gedanke neue Totalitäten, wo bisher nur sporadische Wahrnehmungen vorzuliegen schienen. Jede solche Totalität steht aber in Verhältnis zu äußeren Gegenständen und Elementen, und dadurch werden neue Aufgaben gestellt. Wenn anderseits gegebene Zustände unmittelbar als Totalitäten auftreten, wird die Aufgabe nicht synthetisch, sondern analytisch; es gilt dann den Zusammenhang, das Zusammenspiel zu finden, wodurch solche Totalitäten möglich sind. Wir kennen die Dinge nur durch ihre Eigenschaften, und diese bedeuten ebenso viele Relationen zu anderen Dingen. Auch Moleküle, Atome und Elektrone sind Totalitäten, die durch ihre Relationen erkannt werden (19).

Der Entwicklungsbegriff ist schon angedeutet, wenn Kausalität als ein kontinuierlicher Prozeß aufgefaßt wird. Es können dann verschiedene Stadien unterschieden werden, bis ein gewisser Abschluß erreicht ist, und eine Charakteristik dieser verschiedenen Stadien kann versucht werden. Dann hängt der Entwicklungsbegriff auch eng mit dem Totalitätsbegriffe zusammen, indem jede Totalität ihre Geschichte hat.

Es wird auf dem Gesichtspunkt beruhen, was im einzelnen Falle eine Totalität oder ein Stadium genannt wird. Was für eine Betrachtung als Ganzes dasteht, ist für eine andere Betrachtung vielleicht nur ein Teil; was für eine Betrachtung als ein Entwicklungsstadium steht, ist für eine andere Betrachtung vielleicht ein Auflösungsstadium. Ein näheres Eingehen auf die hier aufsteigende Frage würde unter die Erörterung der Relation Subjekt Objekt oder auch unter die Erörterung des Relationsbegriffes auf dem Gebiete der Werte gehören und muß späteren Abschnitten dieser Abhandlung vorbehalten werden. -

KARNEADES hat Recht bekommen. Wir kennen nur die Wirklichkeit durch die festen, mehr oder minder durchsichtlichen Relationen zwischen den in der Erfahrung gegebenen Gegenständen. Die Fortschritte der modernen Forscher im Vergleich mit den alten Akademikern und Skeptikern beruhen auf der Genauigkeit, mit welcher die einzelnen Relationen bestimmt werden, auf der steigenden Anzahl Relationen, die nachgewiesen werden, und auf dem Zusammenspiel dieser Relationen, das entdeckt werden kann. Dadurch ist der Wirklichkeitsbegriff Schritt für Schritt entwickelt und erweitert worden. Die alten Akademiker sahen nicht die Entwicklungsmöglichkeiten, die durch den Relationsbegriff gegeben werden. Sie konnten nicht mit Humor auf die Unvollkommenheiten der Erkenntnis sehen, weil sie die Bedeutung einer fortschreitenden Anwendung des Relationsbegriffes nicht sahen. Eine besondere Form von Humor ist dagegen in neurerer Zeit möglich geworden, indem das große Ideal der Erkenntnis ohne Überschätzung der einzelnen Schritte, die gemacht werden können, festgehalten wird (20).

Dazu kommt noch, daß die skeptische Haltung der Akademiker im Grunde ihre Voraussetzung in dem populären Wirklichkeitsbegriffe hatte, nach welchem die Wirklichkeit ein für allemal feststehe als eine absolute Ordnung der Dinge, mit welcher neue Gedanken stimmen müßten, wenn unsere Erkenntnis wahr sein sollte. Es ist eine unmögliche Relation, die hier angenommen wird. Die Wirklichkeit kann nicht selbst ein Glied einer Relation sein; dies würde ja voraussetzen, daß wir sie schon kannten. Sie beruht dagegen selbst auf den Relationen zwischen unseren Wahrnehmungen. Unser Gedanke kann nicht das eine Zirkelbein auf sich selbst und das andere auf etwas, das ihm noch gar nicht zugänglich ist, setzen. Wahrheit ist nicht Entschleierung, sondern Hervorbringen; sie wird nur durch beständige Arbeit gewonnen.


d) Die Relation Subjekt - Objekt.

a)  Einleitung. -  Die bisher erwähnten Relationen bestehen zwischen Gegenständen (Erlebnissen) und zeugen von verschiedenen Seiten von der Tatsache, daß der menschliche Gedanke darin besteht, einen Gegenstand in ein Verhältnis zu anderen Gegenständen zu setzen, und daß er auf diesem Wege zu dem Verständnis gelangt, das ihm überhaupt möglich ist. Zuletzt gilt es, alle Gegenstände auf gewisse Grunderlebnisse (Urphänomene) zurückzuführen, die vorläufig feststehen, obgleich die spätere Forschung vielleicht weiter zurückzugehen versuchen wird. Wie ERNST MACH (Erhaltung der Arbeit, 1872) bemerkte: daß man eben bei gewissen bestimmten Gegenständen stehen bleibt, kann nur historisch erklärt werden. Er führt ein großes Beispiel an (Seite 32): "Wenn wir heute glauben, daß die mechanischen Tatsachen verständlicher sind wie andere, ... so ist dies eine Täuschung. Es liegt dies daran, daß die Geschichte der Mechanik älter ist als jene der Physik, daß wir mit mechanischen Tatsachen länger auf einem vertrauten Fuß standen. Wer darf behaupten, daß uns einmal elektrische und Wärmeerscheinungen nicht ähnlich erscheinen werden, wenn wir ihre einfachsten Regeln kennen gelernt haben und mit ihnen vertraut gewesen sind .... Niemals ist eine Grundtatsache verständlicher als eine andere." - Daß die Stellung der Grundtatsachen (der Urphänomene oder Grundgegenstände) innerhalb unserer Erkenntnis nur historisch erklärt werden kann, bedeutet, daß wir nur mit Hilfe der Geschichte der Wissenschaft verstehen können, warum man zu einer gegebenen Zeit bei gewissen bestimmten Tatsachen haltmachen und eine vollständige Erklärung in der Zurückführung anderer Tatsachen auf sie finden mußte. MACH hat in der angeführten Äußerung vorausgesagt, was wirklich geschehen ist. Im zwanzigsten Jahrhundert betrachtet die Naturwissenschaft nicht mehr Inertie [Trägheit -wp], Schwere und Energiebestehen als Grundtatsachen; jedenfalls stellt sie sich die Aufgabe, sie auf andere Tatsachen zurückzuführen. - In der Philosophie hat man sich oft bei einer gewissen Anzahl von Grundbegriffen (Kategorien) befriedigt gefunden, und selbst KANT meinte hier ein Ende erreicht zu haben. Es zeigt sich aber, daß die Grundbegriffe, von welchen die Erkenntnis in seiner Arbeit Gebrauch macht, ebensowenig wie die Grundtatsachen der Naturwissenschaft zu allen Zeiten dieselben sind, obgleich sie einen gewissen durchgehenden Typus zu allen Zeiten darbieten.

Es ist verständlich, daß die Forscher mitten in ihrer energischen Arbeit sich nicht immer gleichzeitig des historisch bedingten Charakters der Grenzen ihrer Resultate klar bewußt sind. MEYERSON drückt dies so aus: die Wissenschaft ist ontologisch, nur daß sie eine andere Ontologie an die Stelle der Ontologie des gesunden Menschenverstandes setzt; diese neue Ontologie sei nun Atomistik, Energetik oder reiner Materialismus (21). Es ist doch nicht notwendig, daß naive Ontologie immer für wissenschaftliche Arbeit charakteristisch sein soll. Erstens löst, wie MEYERSON selbst zeigt (22), die Wissenschaft selbst die Ontologie, die vorläufig notwendig schien, auf. Zweitens muß doch natürlich, selbst für den am meisten begeisterten Forscher, die Frage auftauchen, mit welchem Recht er "das Ding an sich" erreicht zu haben glaubt; die Geschichte der Wissenschaft zeigt, daß dies keine fremde, außer der Wissenschaft liegende Frage ist. Und drittens muß unumgänglich die Frage entstehen, wie man von der Ontologie, zu welcher man gekommen ist, zurückgehend die Welt der Qualitäten und der Sukzessionen, von welcher aus man sein Aufsteigen zur vermeintlichen absoluten Ordnung der Dinge begann, erklären kann. Diese Frage hat die gleiche Bedeutung jetzt wie im Altertum PLATON und DEMOKRIT gegenüber. -

Aber außer den objektiven Relationen, durch welche Gegenstände einander gegenüber beleuchtet und bestimmt werden, macht sich immer, nur mehr verdeckt, eine Relation zwischen dem erkennenden Subjekt und den Gegenständen, die seine Objekte sind, geltend. Schon die alten Skeptiker sahen ein, daß hier eine Grundrelation vorlag. Alle objektiven Relationen werden von einem menschlichen Subjekt aufgefaßt und durchdacht und gelten vorläufig in Relation auf dieses. Mit einer Änderung dieses Subjekts, seiner Organisation und seiner Situation wird auch seine Erkenntnis eine andere werden können. Hier, wie bei den objektiven Grundgegenständen, stellt sich eine historische Aufgabe ein, nämlich die, den Grund zu finden, warum das Erkenntnissubjekt eben mit diesen bestimmten Voraussetzungen auftritt und diese bestimmten Fragen stellt. Diese Aufgabe gehört unter die vergleichende Psychologie und die Geschichte der Wissenschaft. Hier haben wir es nur mit dem allgemeinen Gesichtspunkt: ohne Subjekt kein Objekt, zu tun.

Der umgekehrte Gesichtspunkt gilt aber auch: ohne Objekt kein Subjekt. Wir haben nämlich niemals ein reines Subjekt ohne objektiven Inhalt, und ohne daß es durch diesen Inhalt bedingt und bestimmt ist, ebensowenig wie wir je ein reines Objekt haben, sondern stets (obgleich nicht immer mit vollem Bewußtsein) einen möglichen Beobachter oder Denker voraussetzen. Die Begriffe Subjekt und Objekt sind korrelat, wie die Begriffe Synthese und Relation, Kontinuität und Diskontinuität, Ähnlichkeit und Verschiedenheit usw. Jede Darstellung der Entstehung einer Welt, von der mosaischen Schöpfungsgeschichte bis zu modernen kosmogonischen Versuchen, gibt eine Beschreibung davon, wie das Ganze sich für einen Zuschauer mit gewissen Sinnen und Voraussetzungen ausnehmen würde. Das erkennende Subjekt, der Zuschauer oder Denker, hat selbst eine Geschichte, die durch die Erfahrungen, die er gemacht hat, und durch die Weise, in welcher er diese Erfahrungen bearbeitet hat, bestimmt ist. Die moderne Erkenntnistheorie ist darüber klar, daß sich mittels wissenschaftlicher Arbeit eine Subjektivität entwickeln kann, die Vermögen und Drang besitzt, die Gegenstände in ihren Relationen zu sehen, und die ein Verständnis davon hat, wie sie selbst zu dem Standpunkte, aus welchem sie ihre Aufgaben stellt und die möglichen Lösungen untersucht, gekommen ist (23). Man kann eine solche Subjektivität die erkenntnistheoretische Subjektivität nennen. HEINRICH RICKERT, der diesen Punkt klar beleuchtet hat, nennt treffend das erkenntnistheoretische Subjekt einen Grenzbegriff im Verhältnis zum psychologischen Subjekte (24). Daß keine Kategorielehre definitiv sein kann, ist eben eine Folge davon, daß dieser Grenzbegriff immer wieder von neuem bestimmt werden kann und muß, weil er durch den jeweiligen objektiven Inhalt bedingt ist. Die Welt wird von der menschlichen Natur und vom menschlichen Standpunkte aus verstanden - aber die Natur und der Standpunkt des Menschen werden wieder aus den Weltgesetzen und der Weltentwicklung verstanden. Über dieses Wechselspiel hinaus kommt man nicht, obgleich die zwei Gesichtspunkte zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenem Gewichte in der wissenschaftlichen Diskussion auftreten können.

Die Betonung der Relation Subjekt - Objekt führt keineswegs zum Subjektivismus, weil es, wie schon gesagt, kein reines Subjekt gibt, das alles aus sich selbst hervorbringen könnte. Es gibt stets nur ein objektiv bestimmtes  S  (ein S O), wie es stets nur ein subjektiv bestimmtes  O  (ein O S) gibt. Daß man sich dieser Relation nicht ohne weiteres bewußt wird, ist eine Folge von der unwillkürlichen Zuversicht, mit welcher wir vom Anfang an jeder Empfindung, jeder Erinnerung, jeder Phantasie, jedem Gedanken begegnen. Darauf gründet sich der Gedanke, von dem sich die Griechen nie recht freimachen konnten, und die man noch immer selbst in klaren Köpfen spüren kann: was ich erkenne, muß doch etwas sein; wäre es nichts, gäbe es auch kein Erkennen! - Es ist ja auch nicht gleich Grund dazu, die Gültigkeit der Gedankenformen, in welcher wir unsere Probleme erörtern, zu bezweifeln. Und vorläufig denken wir nicht daran, daß wir selbst ein Zirkelbein sind, das auf einem bestimmten Orte steht, von welchem aus das andere Zirkelbein an verschiedenen Orten, aber immer in Relation zu der Stellung des ersten, angebracht werden kann. Die antike Skepsis hat es entdeckt. Und wir wollen jetzt einige Beispiele anführen, die zeigen werden, wie man in neuerer Zeit mehr und mehr die Bedeutung dieser Relation für unsere Erkenntnis eingesehen hat. Welche Rolle die subjektive Relation (wie wir sie kurz nennen können) im einzelnen Fall spielt, kann natürlich nicht im Voraus gesagt werden. Der Anteil, den der Mensch, das Subjekt, an unserer Erkenntnis hat, kann nur durch Analyse der fortschreitenden Erkenntnis der Welt dargelegt werden. Es sind drei Beispiele aus der Geschichte der neueren Naturwissenschaft und Philosophie, die wir jetzt vorlegen wollen.

b)  Kopernikanismus und Relationsbegriff.  (25) - Der subjektive Relationsbegriff war ein Teil der Grundlage, auf welcher KOPERNIKUS seine Hypothese aufbaute. Sinneswahrnehmung kann uns, sagt er, nicht unmittelbar sagen, was sich bewegt, ob es das wahrgenommene Ding ist, oder das wahrnehmende Subjekt, oder vielleicht beide (mit verschiedener Hastigkeit oder in verschiedener Richtung). Wenn sich nun die Erde bewegte, würden sich die wahrnehmenden Subjekte auch bewegen, und es wäre kein Grund, die Sonne als bewegt anzunehmen. Schon ein Jahrhundert vor KOPERNIKUS war ein ähnlicher Gedankengang von dem tiefsinnigen Denker NIKOLAUS CUSANUS geltend gemacht worden. Er sah, daß, wo ein Mensch sich auch befinde, würde er meinen im Zentrum zu sein, er befinde sich nun an einem Orte der Erde oder auf der Sonne oder auf anderen Sternen. Man hat daher kein Recht, von einem Mittelpunkte der Welt zu reden, folglich auch kein Recht, die Erde als diesen Mittelpunkt zu behaupten. Und daraus folgt wieder, daß man kein Recht hat, die Erde als ruhend zu behaupten. Wenn wir keine Bewegung merken, kann dies ja daraus kommen, daß wir keinen absolut ruhenden Punkt haben, in Verhältnis zu welchem die Bewegung hervortreten könnte. Dieser Gedankengang ist bei CUSANUS ein Glied einer ganzen Auffassungsart, die die Verhältnisbestimmtheit (die Relativität) aller Gedanken einschärft, und diese Auffassungsart wird wieder dadurch begründet, daß alle Erkenntnis mittels einer Verbindung einer Mehrheit von Erlebnissen entsteht, durch welche Verbindung die Erlebnisse notwendig in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden und dadurch einander gegenseitig bestimmen. CUSANUS hat überhaupt ein wunderbares Vermögen, jeden Gegenstand in seinen bestimmten Relationen zu denken. Dadurch ist er ein Vorläufer des KOPERNIKUS, dessen Tat der Nachweis des neuen Weltbildes war, der eine Folge dieser Auffassungsart werden könnte, und des GIORDANO BRUNO, der wie CUSANUS den Relationsbegriff aus der Natur unserer Erkenntnis (del modo nostro de intendere [Art unseres Verstehens - wp]) ableitet. Unser Denken arbeitet immer dadurch, daß ein Gegenstand durch einen anderen bestimmt wird; es setzt Grenzen und hebt wieder Grenzen auf kraft ein und desselben Prinzips. So wird ein Ort im Verhältnis zu einem anderen Ort und Bewegung im Verhältnis zu einem vorausgesetzten festen Punkte bestimmt. Suche ich einen solchen Punkt auf der Sonne, wird eine Bewegung sich anders ausnehmen, als wenn ich ihn auf der Erde suche. Das alte Weltbild setzte voraus, was eben bewiesen werden sollte, daß die Erde der eine feste Punkt wäre, im Verhältnis zu welchem alle wahre Bewegung erwiesen werden mußte. Von Zentrum, Pol, Zenit oder Nadir als Absolutem können wir nur sprechen, wenn wir die Erde als ruhend voraussetzen. Besonders interessant ist es, daß für BRUNO die Relativität der Zeit eine ebenso notwendige Folge wie die Relativität des Ortes und der Bewegung war. ARISTOTELES hatte (Physica IV, 4) gelehrt, daß die Begriffe Zeit und Bewegung genau zusammenhängen und gegenseitig durcheinander gemessen werden; ihm war der Maßstab in den regelmäßigen Bewegungen der Himmelskörper gegeben. Hierzu bemerkt BRUNO (26), daß, weil ein und dieselbe Bewegung sich von den verschiedenen Weltkörpern aus verschieden ausnehmen muß, es ebenso viele verschiedene Zeiten geben muß, wie es Sterne gibt! - Interessant ist bei BRUNO die Weise, in welcher der Relationsbegriff ihn dazu führt, neue Wahrnehmungen und Versuche zu fordern, wo man sich bisher zuversichtlich am unmittelbar Gegebenen als seine Erklärung in sich selbst enthaltend gehalten hatte.

GALILEI macht die Wendung, zwischen der mathematischen und der sinnlichen Auffassung scharf zu unterscheiden. In der mathematischen Erkenntnis fällt für GALILEI der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Denken weg. Es sind seine PLATON-Studien, die wirken, wenn er behauptet, daß in der Mathematik kein Unterschied zwischen dem Dasein in sich selbst und unserer Auffassung gilt: hier ist das menschliche Erkennen der Notwendigkeit teilhaft, mit welcher die Gottheit die den Zusammenhang des Daseins tragenden Gedanken denkt. Nur der Unterschied bleibt zurück, daß das Verständnis, das Menschen nur durch mühsame Arbeit und sukzessiv erreichen können, für die Gottheit in unmittelbarem Schauen hervortritt, und ferner, daß der Umfang der göttlichen Erkenntnis den der menschlichen weit übersteigt. Nur für die mathematische (göttliche) Auffassung existieren ein absoluter Raum und eine absolute Bewegung. Für unsere sinnliche Auffassung ist alle Bewegung relativ, weil wir nach dem Umsturz der antiken, begrenzten Weltbilder kein absolutes Unbewegtes haben, im Verhältnis zu welchem Bewegung konstatiert werden könnte. Unsere sinnliche Auffassung ist durch unseren Standpunkt auf der Erde bedingt. "Denke nur die Erde weg, dann existiert kein Sonnenaufgang oder Sonnenniedergang, kein Meridian, kein Tag und keine Nacht!" Und hier auf der Erde ist es wieder unser körperlicher Organismus, der die Eigenschaften bestimmt, die wir - von den rein mathematischen Eigenschaften (primi e reali accidenti[ersten und realen Zufälligkeiten - wp]) abgesehen - den Dingen beilegen, also alle eigentlichen Sinnesqualitäten (Farbe, Geruch, Geschmack usw.). Nimm den Körper weg, dann fallen auch alle Sinnesqualitäten weg, und unsere Erkenntnis wird mit der göttlichen Erkenntnis ganz in eins gehen.

Der scharfe Gegensatz zwischen mathematischer (göttlicher) Erkenntnis, für welche absoluter Raum und absolute Bewegung existiert, und sinnlicher (menschlicher) Erkenntnis tritt um so sonderbarer bei GALILEI hervor, als seine Großtat eben das methodische Zusammenwirken von Deduktion und Induktion, von Mathematik und Experiment war. Dieser scharfe Gegensatz bekam aber großen Einfluß in den folgenden Jahrhunderten, besonders weil sie durch die große Autorität NEWTONs gestützt wurde.

Auf Grundlage der Lehre von der Relativität der Bewegung konnten rein formell (mathematisch) die Himmelserscheinungen ebensogut dadurch erklärt werden, daß die Sonne sich um die Erde bewegte, als dadurch, daß die Erde sich um die Sonne bewegte. Und TYCHO BRAHE hatte eine Zwischenform aufgestellt, nach welcher die Erde fest stand, während sich die Sonne und die Planeten um sie bewegten. GASSENDI verglich die drei so aufgestellten Hypothesen und suchte zu zeigen, daß man rein wissenschaftlich nicht zwischen ihnen wählen konnte. Dann wies aber NEWTON in seinem berühmten Werke nach, daß die KEPLERschen Gesetze der Planetenbewegung abgeleitet werden konnten, wenn man dem Gesetz der Schwere auf alle Himmelskörper Anwendung gab, und dann mußten die Erde und die Planeten sich um die Sonne drehen, nicht umgekehrt die Sonne um die Erde. Kraft der Gesetze der Fallbewegung wurde also zuletzt nur eine Hypothese möglich. Analogerweise führte ungefähr gleichzeitig LEIBNIZ über die Skepsis hinaus, die durch die Relativität der Bewegung anscheinend motiviert wurde, indem er als das für die Erkenntnis Entscheidende das Gesetz der Bewegung, nicht die Bewegung selbst behauptete, und indem er ferner - unter Kritik der kartesischen Lehre vom Bestehen der Bewegung - den Satz von dem Bestehen der Kraft aufstellte. Hier gab es dann eine Realität, die von dem Standpunkt des Beobachters im Raum nicht abhängig war. Die zwei großen Forscher führten, jeder in seiner Weise, über die Relativität der Bewegung hinaus und fanden den entscheidenden Standpunkt in den Gesetzen der Bewegung.

Doch behauptete NEWTON (hier gewiß unter dem Einflusse des Platonikers HENRY MORUS), wie GALILEI, einen scharfen Gegensatz zwischen dem sinnlichen Raum, an den sich die populäre Auffassung hält, der aber keine absolute Ortsbestimmung möglich macht, sondern nur relative Bewegung aufzeigt, und dem absoluten Raum, der in keiner äußeren Relation steht und daher absolute Ortsbestimmung, absolute Bewegung möglich macht. In der wissenschaftlichen Orientierung in der Welt (in rebus philosophicis) benutzen wir die absoluten Orte (loca primaria), und dabei liegt der mathematische Raum zugrunde. Im praktischen Leben (in rebus humanis) aber begnügen wir uns mit dem sinnlichen Raum, der keine absoluten Bestimmungen möglich macht. Diese Auffassung, die mit der eigentümlichen Metaphysik NEWTONs zusammenhängt, wurde vorläufig in der Naturwissenschaft herrschend. Ein starker Schlagbaum war dadurch für die fortgesetzte Anwendung des Relationsbegriffs gesetzt. Weil man nicht mehr, wie noch KOPERNIKUS, die Fixsternsphäre ("die achte Sphäre") als unbeweglich annahm, so daß sie als ein  communis universorum locus  (um den Ausdruck des KOPERNIKUS zu Gebrauchen) als Grundlage (point de repère) absoluter Ortsbestimmung dienen könnte, war es eigentlich ein rein mystischer Hinweis, wenn man an den absoluten Raum, der keiner menschlichen Erfahrung zugänglich war, appellierte. - Auf diesem Punkte der Diskussion greifen nun zwei philosophische Denker auf eigentümliche Weise ein.

g)  Philosophische Gesichtspunkte. -  Ein neuer Platonismus hatte mit GALILEI und NEWTON gesiegt, ein eigentümlicher Gegensatz zu der Weise, in welcher diese großen Forscher in ihrer Naturwissenschaft die Wechselwirkung zwischen Denken und Wahrnehmung anwandten. Es erhob sich aber jetzt eine Opposition, die mit der von KARNEADES und AENESIDEMUS gegen die platonische Ideenlehre erhobenen Opposition verglichen werden kann. Es waren BERKELEY und KANT, die diese Opposition erhoben. Sie kritisierten beide, jeder in seiner Weise, den absoluten Raum und behaupteten, daß, wenn man das erkennende Subjekt nicht mit in Beachtung nimmt, alle Wahrheiten und alle Rätsel wegfallen.

Der Hauptgedanke BERKELEYs war, daß wir in Beispielen denken und denken müssen. Allgemeine Begriffe, Sätze und Gesetze kennen wir nur aus den speziellen Fällen, in welchen sie sich geltend machen, und es ist unberechtigt, ihnen und den Verhältnissen, die sie ausdrücken, Existenz als eine Welt für sich hinter der Welt der für die Wahrnehmung hervortretenden Qualitäten und Qualitätsänderungen zuzuschreiben. Die "primären und realen" Eigenschaften, denen GALILEI absolute Existenz zuschrieb, fassen wir doch immer nur unter bestimmten Bedingungen auf: in einem oder dem anderen Abstand, makroskopisch oder mikroskopisch usw. Ausdehnung im Raum muß mit allen anderen Eigenschaften das Schicksal teilen. Jede Bewegung muß eine bestimmte Richtung und eine bestimmte Geschwindigkeit haben. Es gibt weder Ausdehnung noch Bewegung im allgemeinen. Wenn die Frage nach dem rechten Ort, der rechten Größe, Richtung oder Geschwindigkeit aufgeworfen wird, dann kann eine solche Frage nur in Beziehung auf das auffassende und denkende Subjekt beantwortet werden. Wenn ich, sagt BERKELEY, als der kindlich Glaubende der er war, bei der Schöpfung zugegen gewesen wäre, würde ich die Dinge in der in der Bibel erzählten Ordnung entstehen gesehen haben. Im täglichen Leben sehen wir aber vom Subjekt ab, obgleich es immer vorausgesetzt werden muß. - Hier tritt sehr klar der Gegensatz zu NEWTON hervor, nach welchem wir in strenger Wissenschaft vom Subjekt absehen. BERKELEY behauptet, daß in der Wissenschaft (in rebus philosophicis, um NEWTONs Ausdruck zu gebrauchen) ebensowohl wie im praktischen Leben (in rebus humanis) ein Subjekt vorausgesetzt werden muß. -

KANT hat, wie schon erwähnt, gesehen, daß Relation ein für alle Erkenntnis geltender Grundbegriff ist, nur daß er sich, in entschiedener Inkonsequenz, ein relationsloses "Ding an sich" vorbehielt, um das Dasein von etwas, das wir nicht selbst hervorgebracht haben, erklären zu können (27). Unter den Relationen ist es bei ihm, wie bei BERKELEY, ganz besonders die Relation Subjekt - Objekt, die das Interesse in Anspruch nimmt, und er behauptet die fundamentale Stellung des Subjekts in dieser Relation. Selbst in der reinen Mathematik und in der exakten Erfahrungswissenschaft wird ein Erkenntnissubjekt vorausgesetzt. Nur für ein solches Subjekt existiert eine Erfahrung in strenger Bedeutung, eine Erfahrung, in welcher die mathematischen Begriffe ihre Anwendung finden und ihre reale Bedeutung haben.

KANT fing als eifriger Newtonianer an, und vorläufig behauptete er, wie sein Meister, den absoluten Raum als objektive Voraussetzung für die strenge Erfahrung sowohl als für die reine Geometrie (die für ihn ihre definitive Grundlage mit EUKLID gefunden hatte). Noch in der "Kritik der reinen Vernunft" behauptete er einen absoluten Raum, nur daß der newtonische Raum eine menschliche Anschauungsform statt einer göttlichen Anschauungsform, ein  sensorium hominis  statt eines  sensorium dei  geworden ist (28). Von besonderem Interesse ist es, daß der Begriff des Raums (wie auch der Begriff der Zeit) nach KANT nicht nur ein Allgemeinbegriff ist, sondern typischer Individualbegriff; jeder bestimmte Raum ist ein Teil des Raumes, nicht nur ein Beispiel des Begriffs "Raum". Und wenn KANT den Raum eine Anschauungsform nennt, meint er nicht Anschauung als ein einmal für alle fertiges Resultat, sondern eine Funktion, ein Anschauen, das zur Bildung von Anschauungen oder Konstruktion von Schemata führt. Überhaupt meint KANT mit "Formen" Weisen, in welchen die verbindende Funktion, die Synthese, in welcher alles Bewußtsein und alle Erkenntnis besteht, in den einzelnen Fällen vor sich geht. Wir konstruieren den Baum, indem wir Punkt an Punkt, Stück an Stück nach einer bestimmten Regel fügen. In der Identität einer solchen Regel äußert sich die Einheit des Bewußtseins im einzelnen Falle.

Durch die nähere Durchführung dieses Gedankenganges kam KANT später dazu, die subjektive Realität des absoluten Raumes zu verneinen, wie er schon in der "Kritik der reinen Vernunft" seine objektive Realität verneint hatte. Schon in der ersten Ausgabe des Hauptwerks hatte er gesagt, von allen Dingen, die ausfüllen oder begrenzen, abgesehen, ist der absolute Raum nur "die bloße Möglichkeit äußerer Erscheinungen". Einige Jahre später (in "Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft") geht er einen Schritt weiter, indem er auf die Relativität jedes Ortes und jeder Bewegung hinweist. Im absoluten Raume sollte man ja von allen Relationen absehen können. Wann werden wir aber damit fertig, alle Punkte in Relation zueinander zu setzen, alle Linien zu ziehen usw.? Wo ist der Punkt oder die Grenze, die selbst relationslos alle Punkte und alle Grenzen bestimmt? Daher erklärt KANT jetzt, daß der reine, absolute Raum "für alle mögliche Erfahrung nichts ist". "Der absolute Raum ist an sich nicht und gar kein Objekt, sondern bedeutet nur einen jeden relativen Raum, den ich mir außer dem gegebenen jederzeit denken kann" (Metaphysische Anfangsgründe, 1786, Seite 16; vgl. Seite 3). KANT folgte hier faktisch der Lehre BERKELEYs, daß wir in Beispielen denken. Der absolute Raum bedeutet nur, daß kein gegebener Raum abschließend ist. Neue Räume können immer vorgestellt werden. Es ist der Gedanke des Beziehens, der Relation, der KANT von seiner absoluten Anschauungsform wegführt. Der Raum wird eine "Idee" in Kantischer Bedeutung, ein Grenzbegriff, der allen Abschluß verwirft und die Möglichkeit neuer Reihenbildungen behauptet. Der Begriff des Raumes hat also, wie alle "Ideen", nur regulative Bedeutung.

KANT hat selbst seine Philosophie mit dem Kopernikanismus verglichen. Und gewissermaßen könnten er und BERKELEY in dem Abschnitt erwähnt sein, der von "Kopernikanismus und Relationsbegriff" handelte. Die beiden Philosophen waren aber doch am meisten davon aufgenommen, den Dogmatismus, der sich, mit vermeintlicher Stütze in mathematischer Wissenschaft, trotz des Sieges des Kopernikanismus erhalten hatte, zu bekämpfen. Und was besonders KANT betrifft, war es sein Hauptbestreben, auf einmal die große Bedeutung des Newtonschen Wissenschaftsbegriffes zu behaupten und die absoluten Formen, die NEWTON noch hatte stehen lassen, auf Formen des arbeitenden Gedankens zurückzuführen.

Obgleich KANT immer die Zeit als dem Raum parallel auffaßt, zieht er doch für sie keine Konsequenz wie die für den Raum gezogene. Und doch wäre es ihm - besonders durch seine Lehre von den "Schematismen", die die Aktivität in der Zeitauffassung hervorhebt - natürlich gewesen, zu sehen, daß wir ebensowenig mit der Zeit wie mit dem Raume fertig werden, und daß die absolute Zeit nur bedeuten kann, daß neue Zeitrelationen immer möglich sind. -

Es ist nicht nötig, hier eine Kritik von KANT zu geben. Eine solche würde besonders zu zeigen haben, daß der Begriff der Erfahrung, in KANTs oben angegebenem strengem Sinne, auch eine "Idee", wie der Raum und die Zeit, und daß KANT nur durch eine wunderbare Inkonsequenz ein "Ding an sich" ohne Relationen annehmen konnte.

d)  Die neue Relationstheorie. -  Trotz der großen Erweiterung des Horizonts, die der Kopernikanismus veranlaßte, hatte die Naturwissenschaft doch die Begriffe des absoluten Ortes und der absoluten Bewegung festgehalten, obgleich sie nur innerhalb des alten Weltbildes mit seinen begrenzten und festen Rahmen ihre Berechtigung hatten. GALILEIs und NEWTONs absoluter Raum trat an die Stelle des durch die achte Sphäre begrenzten Raumes. Es kam aber die Zeit, da der Relationsbegriff auch hier seine Konsequenzen geltend machte, und zwar nicht nur, was das gegenseitige Verhältnis zwischen den Gegenständen, sondern auch was das Verhältnis zwischen den Gegenständen und dem erkennenden Subjekt betrifft.

Zuerst wurde der erste Satz der Bewegungslehre, und damit der Naturwissenschaft, vom Gesichtspunkt des Relationsbegriffs erörtert. NEUMANN (Über die Prinzipien der Galilei-Newtonschen Theorie, 1870) machte darauf aufmerksam, daß der Inertiesatz, nach welchem die Geschwindigkeit und die Richtung eines Körpers nur durch äußere Einwirkung geändert wird, eine Bestimmung des Ortes voraussetzt, im Verhältnis zu dem die Geschwindigkeit und die Richtung erhalten wird, wenn keine äußere Einwirkung hinzukommt. NEUMANN fand nun keinen Ort, der als Ausgangspunkt für ein absolutes Koordinatsystem dienen könnte. Er meinte, daß man doch hypothetisch ein Zentrum annehmen müßte, damit der Begriff absoluter Bewegung seine Bedeutung bewahren könnte. MACH, der ungefähr gleichzeitig auf seinem eigenen Weg die Einsicht gewonnen hatte, daß der Inertiesatz [Trägheitsgesetzt - wp] ein bestimmtes Koordinatensystem voraussetzt, fand doch nicht den Ausweg NEUMANNs befriedigend. Er forderte den Relationsbegriff durchgeführt. Die dogmatische Auffassung des Inertiesatzes wird nach seiner Meinung erst wegfallen, wenn man sich darüber klar wird, daß jeder Körper im Weltall an und für sich als Ausgangspunkt gebraucht werden kann, und daß wir in praxi in jedem einzelnen Fall den einen oder den anderen Körper als einen vorausgesetzten festen Ausgangspunkt für die Koordinate gebrauchen, durch welche die Geschwindigkeit und die Richtung einer Bewegung bestimmt wird. (Die Erhaltung der Arbeit, 1872) Diesen Weg ist man faktisch immer gegangen, nur daß innerhalb des alten Weltbildes, das ja auf der Voraussetzung einer absolut festen Grenzsphäre der Welt ruhte, keine Wahl notwendig war. MACH legt überhaupt großes Gewicht auf die historischen Voraussetzungen, die der Forschung jeder einzelnen Zeit zugrunde liegen, zeigt aber dann, wie diese Voraussetzungen von Zeit zu Zeit variieren, und daß keiner Voraussetzung absolute Notwendigkeit und Verständlichkeit zukommen kann. Das Entscheidende ist hier immer, was französische Forscher points de repère [Vermessungspunkt, Bezugspunkt - wp] nennen (29).

Eine noch radikalere Anwendung des Relationsbegriffes ist im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geschehen. Was uns in diesem Zusammenhang interessiert, ist, daß es sich als notwendig gezeigt hat, auf das auffassende Subjekt und seinen Standpunkt Rücksicht zu nehmen. Schon KOPERNIKUS hatte ja dies eingeschärft, was die Auffassung der Bewegung der Himmelskörper betrifft, und NEUMANN und MACH, was die Geschwindigkeit und die Richtung der Bewegungen betrifft. EINSTEIN (30) hat nun zu zeigen gesucht, daß das, was vom Raum, auch von der Zeit gilt. Wenn man dies nicht früher entdeckt hat, ist es nach EINSTEIN daraus zu erklären, daß man mit Geschwindigkeiten gerechnet hat, die im Verhältnis zur Geschwindigkeit des Lichts sehr klein waren. Der letzte Zeitmaßstab wird für die moderne Physik die Geschwindigkeit des Lichts, während er für ARISTOTELES und noch für die Kopernikaner in den Bewegungen der Himmelskörper gefunden wurde (31). Auf Grundlage der elektromagnetischen Theorie der physischen Erscheinungen, für welche die mechanische Naturauffassung nur als ein spezieller Fall steht, sucht EINSTEIN zu zeigen, daß Bedingungen gegeben werden können, unter welchen zwei Beobachter, von welchen der eine an ein festes, der andere an ein bewegliches Koordinatensystem geknüpft ist, die gleiche Zeitauffassung nicht haben können. Was für den einen Beobachter als ein Gleichzeitigkeitsverhältnis zwischen zwei Begebenheiten steht, wird für den anderen als ein Sukzessionsverhältnis stehen. Eine Zeitangabe hat überhaupt nur Meinung, wenn angegeben wird, im Verhältnis zu welchem Koordinationssystem sie gilt, und besonders, ob dieses System selbst in Ruhe oder in Bewegung ist.

Wenn man sagen wollte, daß hier bei dem einen oder dem anderen Beobachter eine Jllusion vorhanden sein müsse, wird von dem EINSTEINschen Standpunkt erwidert, daß jeder Beobachter hier sein Maßsystem hat, das ebenso berechtigt ist wie das eines anderen Beobachters, daß es aber sehr wohl dem einen Beobachter möglich ist, sich auf den Standpunkt eines anderen zu setzen und von diesem aus die Zeit zu beurteilen (32). -

Die Tatsachen und Schlüsse, auf welchen die EINSTEINsche Theorie baut, sind noch in Untersuchung begriffen, und die Anschauungen stehen scharf gegeneinander. In einen solchen Streit kann der Philosoph als solcher nicht eingreifen, und die Philosophie hat dann auch Zeit zu warten. Ob die Physik wirklich Situationen nachweisen kann, wo das, was für einen Beobachter Gleichzeitigkeit ist, für einen anderen Sukzession ist, müssen die Physiker untereinander entscheiden. Wenn es mit ja beantwortet werden muß, stehen wir dem bedeutungsvollen Resultat gegenüber, daß die Naturwissenschaft nun wieder, wie in den Tagen des KOPERNIKUS, auf seinem eigenen Wege die Notwendigkeit eingesehen hat, sich nicht nur an den Inhalt der Wahrnehmungen zu halten, sondern auch die Voraussetzungen des wahrnehmenden Subjekts in Betracht zu nehmen. In einer interessanten Diskussion in "Aristotelian Society" (1919) schärfte WHITEHEAD die Bedeutung des "percipient event" ein (33), und NICHOLSON erklärte, daß zu den Data, die von entscheidender Bedeutung sind, muß auch "the essential framework of our modes of perception" gerechnet werden.

Man hat gegen die EINSTEINsche Hypothese, wie gegen frühere Nachweisungen der erkenntnistheoretischen Bedeutung des Relationsbegriffs (34), geltend gemacht, daß die Wahrheit doch in jedem einzelnen Falle nur eine einzige sein könne, und daß es gegen den Grundsatz des Widerspruchs streiten würde, wenn zwei Beobachter, von denen der eine als gleichzeitig behauptet, was der andere als sukzessiv behauptet, beide recht haben sollten (35). Man braucht aber gar nicht für die Einheit der Wahrheit zu fürchten, selbst wenn EINSTEIN recht haben sollte. Die eigentliche Wahrheit liegt nämlich dann in der physischen Notwendigkeit, daß verschiedene Beobachter unter gewissen Bedingungen zu verschiedenen Resultaten kommen. Jeder einzelne Beobachter faßt die Zeit auf, wie er es in seiner Situation muß. Wenn ein Beobachter aber zugleich Physiker ist, wird er (die Richtigkeit der EINSTEINschen Theorie vorausgesetzt) uns erklären können, warum ein anderer Beobachter eine andere Auffassung als er hat. So stellten sich ja auch NEWTON und LEIBNIZ der Relativität der Bewegung gegenüber; die Objektivität war für sie durch die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen bestimmt. Natürlich beruht die physische Erklärung der verschiedenen Zeitauffassungen verschiedener Beobachter selbst auf gewissen Voraussetzungen; sie setzt ein Koordinatensystem voraus, von welchem aus die Koordinatensysteme der verschiedenen Beobachter bestimmt werden, und hier ist Möglichkeit für eine neue Diskussion. Wenn diese Diskussion nicht fortgesetzt werden kann, wird der Grund sein, daß keine Standpunkte von mehr fundamentalem Charakter nachgewiesen werden können. KANT hat längst behauptet, daß alle Notwendigkeit hypothetisch ist. Aber darum ist sie doch Notwendigkeit - oder richtiger, eben darum ist sie Notwendigkeit. Eine Notwendigkeit ohne Voraussetzungen kennen wir nicht.

Wenn die neue Relativitätstheorie fortgesetzte Bestätigung gewinnen wird, wird nicht nur ein an und für sich interessantes Resultat physischer Forschung vorliegen. Diese Theorie enthält zugleich, wie Einstein selbst hervorgehoben hat, einen Sporn zu fortgesetzter Forschung. Wenn es sich so verhält, daß verschiedene Relationssysteme bei der Auffassung eines Gegenstandes möglich sind, dann liegt eben hierin eine Aufforderung dazu, alle diejenigen Relationen, die in jedem einzelnen Falle zugrunde liegen, aufzusuchen, und die Forschung wird so immer weiter geführt, während sie dogmatisch abschließen würde, wenn die Voraussetzungen, mit denen man bisher gearbeitet hatte, als die einzig möglichen betrachtet wurden. Zwei erkenntnistheoretische Interessen sind an den Relationsbegriff geknüpft: es wird über die Natur und die Bedingungen unserer Erkenntnis Licht geworfen, und indem jeder Gedanke über sich selbst hinaus weist, werden neue Aufgaben angewiesen, immer wieder ein plus ultra behauptet. -

In seiner Apologie für GALILEI sagte CAMPANELLA, daß man, wenn GALILEI recht hätte, auf eine neue Weise philosophieren müßte. Wenn aber EINSTEIN recht hat, brauchen wir darum nicht auf eine neue Weise zu philosophieren (36). Schon rein philosophisch ist man, wie die vorhergehende Darstellung gezeigt hat, seit langem auf den Relationsbegriff und auf seine Bedeutung für Erkenntnis und Weltanschauung aufmerksam gewesen. Wenn aber EINSTEIN recht hat, liegt eine neue, unerwartete, bedeutungsvolle Erfahrung in dieser Richtung vor.

Durch die Notwendigkeit, auf das Erkenntnissubjekt Rücksicht zu nehmen, und durch die Möglichkeit eines Gegensatzes zwischen den jede für sich notwendigen Auffassungen verschiedener Erkenntnissubjekte bietet die Naturwissenschaft - bei EINSTEIN wie bei KOPERNIKUS - eine Analogie dar zu dem, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft - wie wir gleich sehen werden - besonders stark hervortritt.
LITERATUR - Harald Höffding, Der Relationsbegriff - eine erkenntnistheoretische Untersuchung, Leipzig 1922
    Anmerkungen
    1) EMILÉ MEYERSON, De l'Explication dans les Sciences I (1921), Seite IX-XIV.
    2) HENRI POINCARÉ, L'Hypothèse de Quanta. (Dernières Pensées, Chap. 6)
    3) Les conceptions nouvelles de la matière. (In dem Sammelwerk "Le Matérialisme contemporain", 1913, Seite 67. - Vgl. auch die interessante Diskussion in "Bulletin de la société française de Philosophie", Vol. X (1910)
    4) Isagoge in categorias (Scholia in Aristotelem. ed. Brandis, Seite 1)
    5) STUART MILL versuchte alles Schließen auf einen assoziativen Übergang von einer Einzelheit zu einer davon verschiedenen Einzelheit zurückzuführen. Ein solcher Übergang ist aber schon rein psychologisch nur möglich, wenn die erste Einzelheit wiedererkannt wird; nur dann kann verstanden werden, wie sie die andere Einzelheit, mit der sie vorher zusammen vorgekommen war, hervorruft. Es ist doch eigentlich die Analogie, die einen Schluß "von Einzelheit zu Einzelheit" möglich macht: wie sich  A  in einer früheren Wahrnehmung zu  B  verhielt, verhält sich jetzt  A1  zu  B1.  Auch nach dieser Auffassung muß doch Ähnlichkeit zwischen  A  und  A1  bestehen. In meiner Kritik von STUART MILL habe ich dies schon hervorgehoben. Vgl. meine "Geschichte der neueren Philosophie" (in der zweiten Ausgabe, Seite 417 f.). Neulich ist dieser Punkt von ETTORE GALLI (Nel regno di cognoscere 1919, Seite 159-167) sehr klar entwickelt worden.
    6) Vgl. HÖFFDING, Der Totalitätsbegriff, Seite 54-58.
    7) In den von ERDMANN herausgegebenen "Reflexionen" sagt KANT, daß eigentlich nur Zahl und Größe aus reiner Vernunft konstruiert werden können, weil bei ihnen nur Wiederholung erforderlich ist. (Vgl. Der Totalitätsbegriff, Seite 56 Anm.) - COMTE fand in den reinen Zahlspekulationen "la véritable origine de tout le système scientifique" (Discours sur l'esprit positif, 1844, Seite 100) - GAUSS erklärte in einem Brief die Zahl als ein Produkt unseres Geistes, während der Raum auch eine Realität außer diesem hätte. (Siehe die Zitate bei ERNST MACH, Erkenntnis und Irrtum, Seite 384)
    8) De l'Explication dans les Sciences I, Seite 264, II. Seite 167, 204-220.
    9) Wie in "Der Totalitätsbegriff" (Seite 65) erwähnt, haben sich unter dänischen Mathematikern verschiedene Auffassungen der Frage geltend gemacht, ob ihrer Wissenschaft Grundsätze, die absolute Identität ausdrücken, notwendig sind, oder ob Annäherungen zu einer solchen hinlänglich sind. Dieser Gegensatz erinnert an die zwei verschiedenen Definitionen der Identität als möglichst großer Ähnlichkeit und als möglichst kleiner Verschiedenheit. In der letzten Arbeit, die von der Hand ZEUTHENs vorliegt (Hoorleden Mathematiken i Tiden fra Platon il Euklid blev rational Videnskab. [Wie die Mathematik in der Zeit von Platon zu Euklid rationale Wissenschaft ward.] Schriften der dän. Gesellsch. der Wissenschaften, 1917, Seite 80), sagt er, daß die Anwendbarkeit des geometrischen Systems Euklids darauf beruht, daß die empirischen Linien die in den Postulaten angegebenen Eigenschaften haben, was EUKLID voraussetzt, oder, wenn man will, inwiefern sie sie haben. Durch dieses "inwiefern" wird sicher auf die von HJEELMSLEV geltend gemachte Auffassung hingedeutet, nach welcher ideale Definitionen wie die euklidische nicht notwendig sind, man aber von solchen Linien und Figuren, die gezeichnet werden können, ausgehen kann.
    10) HÖFFDING, Der menschliche Gedanke, Seite 193-197.
    11) MALEBRANCHE - Recherche de la Vérité VI, Seite 1, 5. GAUSS, zitiert bei CASSIRER, Substanz und Funktion, Seite 72. - Dies wird doch ausdrücklich von BERTRAND RUSSELL (Introduction to Mathematical Philosophy, Seite 64) verneint. Für ihn ist die Zahl an sich keine Relation; anders verhält es sich mit  + m  und  - m.  Eine Zahl ist für RUSSELLs platonisierende Auffassung ein an und für sich Existierendes, von den Relationen, in welchen sie gesehen werden, ganz abgesehen. RUSSELL unterscheidet auch bestimmt zwischen m und m/1, das eine Relation sei
    12) Science et Méthode, Seite 113
    13) THOMAS von AQUINs versuchte den theologischen Gottesbegriff von aller Relation dadurch zu befreien, daß er behauptete, die Welt stehe zwar in Relation zu Gott, Gott aber nicht zur Welt. (Vgl. hierüber meine Religionsphilosophie § 22) THOMAS schloß sich hier der Mystik, besonders HUGO SAINT VICTORE an, und die ist wieder vom Neuplatonismus beeinflußt. Von diesem Gedankengang aus hat ein moderner katholischer Theologe SPINOZA kritisiert, weil er die Behauptung nicht gewagt hat, daß der Abhängigkeit der Welt von Gott keine Abhängigkeit Gottes von der Welt entspreche. (DUNIN-BORKOWSKI, Der junge Spinoza, Seite 357) Eine Relation setzt nun aber immer zwei Glieder voraus, und wie man sich auch zum Gottesbegriffe SPINOZAs stellt, muß man die Konsequenz anerkennen, mit welcher er auf diesem Punkt den Relationsbegriff festhält.
    14) Appearance and Reality Seite 171: When thought begins to be more than relational, it ceases to be mere thinking. Siehe auch Seite 445 und 519.
    15) Vgl. schon meine Philosophische Probleme (Deutsche Überetzung 1903) und A philosophical confession (Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Method 1904).
    16) Appearance and Reality, Seite 448 und 554.
    17) In derselben Richtung wie die hier gegebene Kritik von Bradley gehen die kritischen Bemerkungen von Haldane (The Reign of Relativity, 1921, Seite 203-211), der sonst BRADLEY nahe steht. - HALDANEs Buch kam erst in meine Hände, nachdem meine Abhandlung abgeschlossen war.
    18) THOMAS HOBBES hat, teils auf eigenem Wege, teils unter persönlichem Einfluß von GALILEI, eines der ersten Vorkämpfer einer streng mechanischen Naturanschauung, in seiner poetischen Selbstbiographie die gewonnene Einsicht (Bewegung, als das Einzige) so ausgedrückt:
      Et mihi visa quidem est toto res unica modo
      Vera, licet multis falsificata modis.
    19) Eine nähere Entwicklung des hier Angedeuteten ist in Der Totalitätsbegriff gegeben.
    20) Vgl. Humor als Lebensgefühl (Deutsche Übersetzung 1918). Kap. 6 (Verständnis und Humor). Vgl. Kap. 9 § 54 (Humor und kritischer Realismus).
    21) La science de nos jours est saturée d'ontologie, et les savants, en dépit de ce qu'ils affirment expressément euxmêmes, font de la métaphysique comme ont fait, de tout temps, leurs dévanciers. De l'Explication dans les Sciences II, Seite 174.
    22) Les sciences, en menant ses explications jusqu'au bout, finit par détruire cette ontologie qui, d'abord, paraissait lui etre indispensable I, Seite 50.
    23) Über die Wechselwirkung zwischen dem psychologischen und dem erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt vgl. Der menschliche Gedanke. Seite 326-333.
    24) RICKERT, Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Seite 134 bis 138, 308.
    25) In diesem und dem nächstfolgenden Stücke baue ich auf meiner Darstellung der Geschichte der neueren Philosophie.
    26) Acrotismus, Art. 38. (Opera latina, Ed. Fiorentino I, Seite 143-146.)
    27) Wenn "Ding an sich" den Grund des Stoffes (und der Form) unserer Erkenntnis enthalten soll, muß es doch in Relation zur Erkenntnis stehen, obgleich sie relationslos sein sollte. Oder unsere Erfahrung stände in Relation zu ihm, aber nicht umgekehrt. Nach dieser letzten Auffassung haben wir dieselbe einseitige Relation, die THOMAS von AQUIN in der Theologie durchzuführen versuchte. Vgl. oben Seite 42 Note.
    28) Vgl. Die Kontinuität in KANTs philosophischem Entwicklungsgange (Archiv für Geschichte der Philosophie, 1893)
    29) Vgl. z. B. PAINLEVÉ, Mécanique (in der Sammlung "De la Méthode dans les Sciences", 1909, Seite 399, "Les mouvements absolus, c'est-à-dire au fond les mouvements convenablement repérés".
    30) ALBERT EINSTEIN, Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie l916.
    31) BRUNOs Lehre von der Relativität des Zeitbegriffes ruht auf diesem Maßstab.
    32) LANGEVINS in "Bulletin de la Société Française de Philosophie", 11. Okt. 1911. - Die Voraussetzung ist natürlich, daß der Beobachter, der sich auf den Standpunkt des anderen setzen kann, hinlängliche physische Kenntnisse hat.
    33) Vgl. auch WHITEHEADs "Principles of Natural Knowledge" (1919), Seite 68. - Die Auffassung WHITEHEADs ist doch darin von der EINSTEINschen verschieden, daß "The percipient event" für ihn nur ein Faktor neben vielen anderen und nicht, wie bei EINSTEIN, für die Messung von Zeit und Raum entscheidend werden kann. Vgl. hierüber HALDANE: The Reign of Relativity (1921), Seite 69f, 107f.
    34) Vgl. Der menschliche Gedanke, Seite 334.
    35) KRISTIAN KROMAN, in "Fysisk Tidsskrift", XIV. Seite 15.
    36) EINSTEIN selbst ist hiermit einverstanden. In seiner Vorrede zu LUCIEN FABRES Buch "Les théories d'Einstein" (1921) sagt er: "Die Relativitätstheorie weder kann noch will ein Weltsystem geben, sondern nur eine Begrenzung für die Naturgesetze angeben." - Daß nicht nur von Grenze die Rede ist, haben wir oben gesehen.