p-4Kritik der wissenschaftlichen GrundbegriffeDer Relationsbegriff    
 
HARALD HÖFFDING
(1843-1931)
Der Totalitätsbegriff
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I. Die Stellung der Kategorienlehre
II. Fundamentale Kategorien
III. Formale Kategorien
IV. Reale Kategorien
V. Totalität und Wert
VI. Totalität als Grenzbegriff
Anhang: Kategorientafel

"Die Selbständigkeit der Psychologie gegenüber der Erkenntnistheorie erhellt sich daraus, daß sich wissenschaftliches Denken von den allgemeinen Gesetzen des Bewußtseinslebens nicht emanzipieren kann. Sowohl Entdeckung als auch Beweisführung setzen psychische Arbeit voraus. Sie müssen psychologisch möglich sein. Man kann aus der Psychologie keine Erkenntnistheorie deduzieren, aber man kann untersuchen, welche psychologischen Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnis voraussetzt und dann untersuchen, ob diese Bedingungen vorhanden sind."

"Durch Analyse der Voraussetzungen der Wissenschaft wird Cassirer dazu geführt, die Bedeutung des Begriffes der Relation einzuschärfen, der für ihn, wie für so viele neuere Erkenntnistheoretiker, die wichtigste Kategorie ist."

"Die Geschichte der Probleme und die der Kategorien hängen eng zusammen."

"Schon Bruno deutet an, daß streng genommen weder der Begriff  Teil  noch der Begriff  Ganzes  auf das Dasein Anwendung finden kann. Spinoza versucht, Gesetzerkenntnis und Totalitätsauffassung in  einem  Begriff zu vereinigen. Auch Hobbes erklärte bestimmt, daß nach der Welt als Ganzem sehr wenige Fragen gestellt und keine beantwortet werden kann. Der von Hobbes angedeutete Gedankengang wird in der Lehre Kants, daß Begriffe von absoluter Totalität,  Ideen,  wie er sie nennt, keine Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis sein können, weitergeführt."


I.
Die Stellung der Kategorienlehre
innerhalb der Philosophie

- Fortsetzung 2 -

5. Die Selbständigkeit der Psychologie gegenüber der Erkenntnistheorie erhellt sich daraus, daß sich wissenschaftliches Denken von den allgemeinen Gesetzen des Bewußtseinslebens nicht emanzipieren kann. Sowohl Entdeckung als auch Beweisführung setzen psychische Arbeit voraus. Sie müssen psychologisch möglich sein. Man kann aus der Psychologie keine Erkenntnistheorie deduzieren, aber man kann untersuchen, welche psychologischen Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnis voraussetzt und dann untersuchen, ob diese Bedingungen vorhanden sind. Die Stellung der Psychologie der Wissenschaft gegenüber ist mit ihrer Stellung der Kunst und der Religion gegenüber ganz analog. Sie fragt, wie Wissenschaft möglich ist, wie sie fragt, wie Kunst und Religion möglich sind. Die verschiedenen geistigen Lebensformen wachsen aus dem unwillkürlichen Seelenleben hervor und verlieren nicht ihren Zusammenhang mit ihm, solange die Bedingungen ihres Bestehens noch da sin. Dies streitet auch gar nicht gegen die Eigentümlichkeit, mit welcher sie auf ihren höheren Entwicklungsstufen auftreten.

Wenn die Erkenntnistheorie synthetisch dargestellt wird, zeigt sich ihr Zusammenhang mit der Psychologie am deutlichsten. Die Psychologie ist dann eine Einleitung, eine Art der "Phänomenologie des Geistes". Durch Untersuchung der unwillkürlichen Gedankenarbeit werden wir auf das Verhältnis zwischen Erlebnis und Deutung, das im wissenschaftlichen Denken eine entscheidende Rolle spielt, aufmerksam. Die Formen, in welchen die Erlebnisse im unwillkürlichen Denken bearbeitet werden, müssen zugeschliffen, erweitert oder begrenzt werden, damit das Ziel der Wissenschaft, Gedanken zu gewinnen, die trotz des Wechsels der Erlebnisse bestehen können, erreicht werde.

KANT geht in der "Kritik der reinen Vernunft" synthetisch vor. Seine "metaphysische" Deduktion in der "transzendentalen Analytik" sind in Wirklichkeit psychologische Analysen, mittels welcher der Begriff der Form von den Begriffen des Erlebnisses und des Wertes geschieden werden. In meinem Buch "Der menschliche Gedanke" gehe ich auch analytisch vor, nur mit entschiedenerem Gewicht auf der psychologischen und historischen Grundlage. Ich zeige, wie schon der Übergang vom Anschauen zum Urteil den Keim des wissenschaftlichen Denkens enthält und wie dieses Denken im Lauf der Geschichte der Wissenschaft zu immer klarerem Bewußtsein seiner selbst erwacht. Daraus entsprang die Einteilung meiner Darstellung in drei Hauptabschnitte: Funktionen, Kategorien und Probleme.

Aber auch bei anlytischer Darstellung der Erkenntnistheorie wird sich der notwendige Zusammenhang zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie anbieten. Man geht dann von der faktisch bestehenden Wissenschaft aus und fragt, auch welchen Voraussetzungen sie beruth und mit welchen Gedankenformen sie operiert. Und nachher kann man nicht umhin, zu fragen, inwieweit diese Voraussetzungen und Formen im Bewußtseinsleben faktisch zugegen sind und wie sie sich zu reiner, unwillkürlicher Gedankenarbeit verhalten. Diesen Weg ging KANT in seinen "Prolegomena". Der Weg führt hier von den Grundsätzen durch die Kategorien zu den psychischen Funktionen zurück, die in der Psychologie aufgewiesen und beschrieben werden sollen. - In neueren erkenntnistheoretischen Werken, die ebenso wie KANTs "Prolegomena" analytisch vorgehen, tritt diese Dreiheit deutlich hervor. MEYERSON (Identité et Réalité, 1908) kommt mittels einer Analyse der Voraussetzungen moderner exakter Naturwissenschaft zum Gegensatz zwischen Identität und Sukzession zurück. Kausalität in strenger Bedeutung des Wortes enthält nach seiner Auffassung eine zweiseitige Äquivalenz, Möglichkeit für Substitution, also Identität. Aber Gesetzmäßigkeit (légalité) könne ohne zweiseitige Äquivalenz da sein; hier sei Substitution nicht möglich und darum will MEYERSON den Ausdruck Kausalität hier nicht gebrauchen. CARNOTs Prinzip (die Entropie) zeige die Bedeutung dieses Unterschiedes. MEYERSON findet in der Geschichte der Wissenschaft eine stetige, unbezwingliche Tendenz des menschlichen Geistes, Begriffe von etwas, das trotz aller Sukzession besteht, zu bilden. Wenn nun aber die Zeit nicht eliminiert werden kann, indem CARNOTs Prinzip eine Grenze der Substitution der Zustände der Natur anzeigt, dann stehen wir am Gegensatz von Identität und Sukzession und dem damit zusammenhängenden Gegensatz von Quantität und Qualität, welcher zuletzt auf das Verhältnis von Denken und Sinnesauffassung zurückführt, das die Psychologie untersuchen soll. So kommen wir auch hier von Grundsätzen durch Kategorien zu psychischen Funktionen zurück. - Auch bei CASSIRER (Substanz und Funktion, 1910) tritt der Unterschied zwischen Funktionen, Kategorien und Problemen deutlich hervor und zwar in umgekehrter Ordnung von der, der ich in meinem Buch folge. Durch Analyse der Voraussetzungen der Wissenschaft wird CASSIRER dazu geführt, die Bedeutung des Begriffes der Relation einzuschärfen, der für ihn, wie für so viele neuere Erkenntnistheoretiker, die wichtigste Kategorie ist. Daher wird zuletzt der Psychologie die Aufgabe gestellt, die Bedeutung der Relation, der Verhältnisbestimmung im Seelenleben zu untersuchen. Mit Unrecht, meint CASSIRER, daß diese Untersuchung bisher ganz versäumt worden ist. Die Hauptsache ist aber in diesem Zusammenhang, daß eine genaue Verbindung zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie besteht. Ja, CASSIRER endet sogar sein Buch mit der Äußerung, daß der Gegensatz zwischen diesen Disziplinen zuletzt wegfällt, weil "die Psychologie selbst den  Ansatz  der Probleme ergibt, die ihre fortschreitende Lösung in der Logik und in ihrer Anwendung auf die Wissenschaft zu suchen haben". - Auch in HENRI POINCARÉs erkenntnistheoretischen Abhandlungen finden wir die hier aufgezeigte Dreiheit. Seine Untersuchungen der Theorien der modernen Mathematik und Physik führen ihn auf den Gegensatz zwischen Kontinuität und Diskontinuität und auf ihren stetigen Kampf in der Geschichte des Denkens und der Wissenschaft. Und diesen Gegensatz zu untersuchen sei die Aufgabe der Psychologie, indem er mit dem immer wieder neu hervortretenden Gegensatz von Anschauen und Denken zusammenhängt. Daher leugnet POINCARÉ (siehe besonders "Derniéres Pensées", Seiten 139 und 158), daß es eine von aller Psychologie unabhängige Erkenntnistheorie gibt: eine solche sei ebenso unmöglich, als es Wissenschaft ohne Wissenschaftler geben kann! -

Wenn das wissenschaftliche Gedankenleben nicht durch das unwillkürliche Gedankenleben vorbereitet würde, verlöre die Wissenschaft ihren Naturgrund. Die Wissenschaft wächst aus dem unwillkürlichen Denken hervor. Es gibt daher auch eine ganze Gruppe von Kategorien, die fundamentalen Kategorien, mit welchen schon das unwillkürliche Denken operiert: Synthese und Relation, Kontinuität und Diskontinuität, Ähnlichkeit und Verschiedenheit sind Formen, deren kein Bewußtseinsleben entbehren kann. Sie dienen zur Definition des "Denkens" in der weitesten Bedeutung des Wortes, - der Bedeutung, in welcher DESCARTES, seiner eigenen Erklärung nach, das Wort nahm, wenn er sagte: "Je pense, donc je suis!" [Ich denke, also bin ich. - wp] Die anderen Kategoriengruppen sind speziell ausgeformte Anwendungen der fundamentalen Kategorien. Die formalen Kategorien (Identität und Rationalität) treten in der Klassifikation und im logischen und mathematischen Denken hervor. Mit den realen Kategorien (Kausalität, Totalität und Entwicklung) wird in der Naturwissenschaft, der Psychologie und Soziologie gearbeitet. Der Ökonomie, der Ästhetik, der Ethik und der Religionsphilosophie liegen Wertbegriffe zugrunde. - Eine rationale Klassifikation der Wissenschaften ist mit einer systematischen Kategorienlehre eins.

Die formalen Kategorien kamen schon im Altertum zum Bewußtsein. Hier liegt die Großtat des griechischen Denkens. In neuerer Zeit kostete es einen Kampf, um die realen Kategorien in ihrer Zeit kostete es einen Kampf, um die realen Kategorien in ihrer charakteristischen Verschiedenheit vor den formalen hervortreten zu lassen. Hier liegt der große Einsatz HUMEs und KANTs. Und es kostet noch jetzt eine Arbeit, die Wertbegriffe von den anderen Kategorien zu unterscheiden und sie doch in ihrem Zusammenhang mit diesen zu sehen. Die Geschichte der Probleme und die der Kategorien hängen eng zusammen.

Einige Beispiele werden sowohl das gegenseitige Verhältnis der verschiedenen Kategoriengruppen als das Verhältnis zwischen Psychologie und Erkenntnistheorie erklären.

Durch die Analyse der in psychologischer Erfahrung vorliegenden Erlebnisse wird die Erkenntnistheorie vorbereitet. In diesen Erlebnissen ist weit mehr und vielfach anderes gegeben, als was dem Bedürfnis der Erkenntnistheorie entspricht. Die Aufgaben des Denkens entscheiden die Auswahl unter den vorliegenden Möglichkeiten. So bietet z. B. psychologische Erfahrung verschiedene Grade oder Arten von Ähnlichkeit dar. Wiedererkennen, Assoziation und Vergleichung setzen Ähnlichkeit voraus, teils als Deckungsähnlichkeit + Verschiedenheit), teils als Qualitätsähnlichkeit, teils als Verhältnisähnlichkeit (Analogie). So eine Ähnlichkeit bekommen dadurch erkenntnistheoretische Bedeutung, daß sie die Bildung von Reihen möglich machen, den festliegenden Reihen, in welchen die Glieder nach abnehmender Ähnlichkeit oder nach zunehmender Verschiedenheit geordnet sind und durch welche Klassifikation und vergleichende Wissenschaft möglich werden. Aber Logik und Mathematik fordern Deckungsähnlichkeit in ihrer strengsten, idealen Form als absolute Identität, weil nur dadurch strenges Schließen und Berechnen möglich werden. Identität wird so als ein Grenzfall der Ähnlichkeit definiert. Dies ist eine analytische Definition, wie wenn wir in der Geometrie vom Körper zur Fläche, von der Fläche zur Linie und von der Linie zum Punkt gehen. Der Anfang ist psychologisch (oder liegt auf einem der Psychologie und der Erkenntnistheorie gemeinsamen Gebiet): aber von diesem Anfangspunkt aus entwickelt sich der erkenntnistheoretische Gesichtspunkt allmählich zur Selbständigkeit. Diese Entwicklung fällt zum Teil mit einer Entwicklung von der Praxis zur Theorie zusammen. Praktisch können wir uns oft mit einer Art von Ähnlichkeit, die zwischen Deckungsähnlichkeit und Verhältnisähnlichkeit liegt, begnügen. Aber die strenge Theorie fordert eine Identität als Grundlage des Schließens und des Messens. An eine solche Identität denkt PLATON, wenn er von der "Idee der Gleichheit" spricht. Die platonischen Ideen sind sowohl Allgemeinbegriffe als Grundbegriffe: PLATON hatte kein Bedürfnis, Klassifikation und exaktes Denken, beschreibende und formale Wissenschaft scharf zu unterscheiden. Wie für PLATON der höchste Grad der Ähnlichkeit eine "Idee" war, an welche wir in allen vorliegenen Fällen nur Annäherungen haben, so ist nach KANT der reine Raum eine "Idee", eine Regel, nach welcher Erscheinungen geordnet und bestimmt werden können, aber nicht selbst eine Erscheinung. Der Streit der verschiedenen erkenntnistheoretischen Richtungen dreht sich eigentlich darum, ob es notwendig sei, an die Grenze - zur Identität als dem Ideal der Ähnlichkeit zu gehen. Alle sind wohl darin einig, daß absolute Identität in keiner Wahrnehmung gegeben sein kann. Die Frage ist nur, ob man gleich zur praktischen Anwendung der Wissenschaft gehen soll oder ob man zuerst die Wissenschaft in der strengen Form, die sie bekommt, wenn an die Grenze gegangen wird, entwickeln soll - um dann erst nachher zu den in Erfahrung und Praxis möglichen Fällen herabzusteigen. Anders ausgedrückt: ob man sich mit einem Ganzen begnügen oder bis zum letzten Teil gehen soll, - ob man sich mit einer Reihe immer mehr zunehmender Grade von Ähnlichkeit begnügen oder sich an das Grenzglied einer solchen Reihe halten soll.

Die verschiedenen vorliegenden Definitionen der Identität haben das gemeinsam, daß sie alle Ähnlichkeit und Verschiedenheit als bekannt voraussetzen und daß man dann von den Möglichkeiten, die in den Verhältnissen der Ähnlichkeit und der Verschiedenheit enthalten sind, eine auswählt, die für den Gedanken fruchtbar werden kann. Wenn LEIBNIZ Identität als Möglichkeit der Substitution definiert, bedeutet das, daß er sich an den Grad der Ähnlichkeit hält, der es möglich macht, das eine an die Stelle des anderen zu setzen. Ebenso in der Definition der Identität als des Unterschiedes, der kleiner als jeder gegebene Unterschied ist (WEIERSTRASS). Hier liegt nur keine Reihe zunehmender Ähnlichkeiten, sondern eine Reihe abnehmender Verschiedenheiten zugrunde. Der möglichst kleine Unterschied ist eine "Idee" wie die möglichst große Ähnlichkeit. Eine dritte Definition (BOLZANOs), die Identität als die Ähnlichkeit eines Dings mit ihm selbst erklärt, führt zur Defintion von LEIBNIZ zurück, weil die Substitution durch so eine Ähnlichkeit bedingt wird. Oder sie führt zum Begriff des möglichst kleinen Unterschieds zurück; denn zwischen einem Ding und ihm selbst wird es in der Regel einen geringeren Unterschied geben, als zwischen einem Ding und anderen Dingen. Und weil kein Ding in verschiedenem Zusammenhang ganz in derselben Weise hervortritt, wird die Identität auch nach dieser Definition eine "Idee".

Es ist der Psychologie nicht gleichgültig, ob man Identität durch Ähnlichkeit oder Ähnlichkeit durch Identität definiert. In letzterem Falle ist die Definition synthetisch; man betrachtet Identität als einen einfachen Begriff und Ähnlichkeit als Identität + Verschiedenheit. Hiergegen muß die Psychologie aber protestieren. Denn es gibt Ähnlichkeiten, die nicht in dieser Weise aufgelöst werden können, z. B. die Ähnlichkeit zweier Farben (Orange und Gelb, Blau und Violett). Nicht nur Qualitätsähnlichkeit, auch Verhältnisähnlichkeit (Analogie) kann nicht ohne weiteres in dieser Weise aufgelöst werden. -

Ein anderes Beispiel des Übergangs durch eine Analyse der Psychologie zur Erkenntnistheorie haben wir im Verhältnis zwischen Wirklichkeitskriterium und dem Begriff der Ursache. Die Psychologie muß auf eigene Hand die Frage stellen, was Menschen tun, wenn sie an der Gültigkeit ihrer Wahrnehmungen oder ihrer Vorstellungen, d. h. an der Möglichkeit, sie in allen Fällen festzuhalten und nach ihnen zu handeln, zweifeln. Nun zeigt Erfahrung, daß wir in Zweifelsfällen unwillkürlich prüfen, ob die einzelnen Wahrnehmungen und Vorstellungen miteinander und mit den neuen Wahrnehmungen, die noch dazu kommen, übereinstimmen. Nur wo sich ein unentfliehbarer Zusammenhang zwischen allen den verschiedenen Wahrnehmungen, die zu Gebote stehen, zeigt, haben wir das Vertrauen, einer "Wirklichkeit" gegenüberzustehen. Ein solcher unentfliehbarer Zusammenhang ist aber die elementarste Form des Begriffs der Kausalität. Bei dieser elementaren Form bleibt die Wissenschaft nicht stehen, sucht dagegen überall, wo es möglich ist, den Zusammenhang absolut rational zu machen, so daß die Glieder zweiseitig äquivalent werden. Im idealen Kausalitätsbegriff hat die Rationalität das Übergewicht über das räumliche oder zeitliche Verhältnis der Glieder. - Psychologisch fragen wir also, wie wir es in Zweifelsfällen machen; erkenntnistheoretische wird gefragt, mit welchem Recht wir von der Vorzeit zur Jetztzeit oder zur Zukunft und von der Jetztzeit zur Zukunft schließen.

6. Es ist keine Einwendung gegen die hier gegebene Bestimmung des Verhältnisses zwischen Psychologie und Erkenntnistheorie, daß die Psychologie selbst, wie jede andere Wissenschaft, eine erkenntnistheoretische Grundlage voraussetzt. Die Erkenntnistheorie, die die Grundlage aller Wissenschaft untersucht, muß natürlich auch die Grundlage der Psychologie untersuchen. Der wissenschaftliche Charakter der Psychologie beruth darauf, daß auf ihrem Gebiet Reihen, die wissenschaftliche Bedeutung bekommen können, gebildet werden können. Vorläufig sind es Reihen mit festliegenden Gliedern, die auf psychologischem Gebiet gebildet werden können; absolute Identitätsreihen und damit die Möglichkeit exakter Äquivalenzverhältnisse, liegen noch fern.

Es liegt ein Widerspruch darin, daß sich die Erkenntnistheorie, die sich geschichtlich aus der Psychologie entwickelt hat, später gegen seinen eigenen Ursprung wendet, um sein eigenes Entstehen zu ergründen, ebensowenig wie es überhaupt widersprechend ist, daß die Geschichte der Wissenschaft ein Gegenstand von Wissenschaft wird. Es ist ja nicht die Aufgabe der Erkenntnistheorie, die speziellen Wissenschaften hervorzubringen. Sie setzt diese voraus, obgleich sie auf Voraussetzungen beruhen, die die Erkenntnistheorie untersuchen soll.

Die Schwierigkeit, die man hier oft findet, wird vielleicht verschwinden, wenn man bedenkt, daß die Erkenntnistheorie selbst, sobald sie Wissenschaft sein will, auf gewissen Voraussetzungen beruth. Es kann also eine Erkenntnistheorie der Erkenntnistheorie geben, also eine Erkenntnistheorie in zweiter Potenz. Wenn die Erkenntnistheorie z. B. behauptet, daß alles Erkennen ein Verhältnis zwischen einem Subjekt (S) und einem Objekt (O) darstellt, dann kann eben dieses Verhältnis und seine Glieder (S und O) wieder Gegenstand eines erkenntnistheoretischen Problems werden. Das geschieht ja, wenn Erkenntnistheoretiker einander kritisieren. Wenn man nur nicht, wie KANT, voraussetzt, daß die erkenntnistheoretische Arbeit bald ein für allemal abgeschlossen werden kann, muß es eingeräumt werden, daß hier eine unendlich Reihe möglich ist. Man kann nun einmal nicht den Stachel des Skeptizismus für immer herausziehen. Es ist eine Grundeigentümlichkeit geistigen Lebens, daß die vorausgehende geistige Arbeit Gegenstand neuer geistiger Arbeit werden kann. Das Subjekt kann sich selbst zum Objekt machen. Wenn das Zeichen  {  ein Objektivierungsverhältnis bezeichnet, können wir eine unendliche Reihe haben:
    S1 { S2 {S3 {S4 {S5 ...
Es wird in dieser Reihe von  O  ganz abgesehen. In  O  können Veränderungen eintreten, die nicht von  S  allein abhängen, wie ja auch in  S  Veränderungen eintreten können, die nicht von  O  abhängen. Die Verhältnisse werden also in der Wirklichkeit mehr kompliziert als in jener Reihe sein. Diese ist aber hinlänglich, um das zu zeigen, worauf es hier ankommt. - Über die ganze hier berührte Frage verweise ich auf mein Buch "Der menschliche Gedanke" (Seite 326 - 336 der dt. Übersetzung.

7. Wie für alle Begriffe, die unmittelbar aus der Anschauung (Sinnesempfindung, Erinnerung oder Phantasie gebildet sind, gilt auch für die Kategorien die Regel, daß Inhalt und Umfang in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen. Die umfassendsten Kategorien sind die fundamentalen (Synthese und Relation, Kontinuität und Diskontinuität, Ähnlichkeit und Verschiedenheit), indem sie für alles Bewußtseinsleben, für alle Wahrnehmung und alles Denken und für ungültiges Denken sowohl als für gültiges Denken gelten. Eine engere Klasse von Kategorien bilden die formalen (Identität, Analogie, Negation, Rationalität), die hervortreten, wenn bestimmte Forderungen an die Bildung der Begriffe, der Urteile und der Schlüsse gestellt werden. Wenn gefragt wird, wie diese formalen Kategorien auf die in der Wahrnehmung hervortretenden qualitativen Änderungen angewandt werden, treten die realen Kategorien (Kausalität, Totalität und Entwicklung) auf. Und wenn besonders gefragt wird, inwieweit die Bedingungen des Entstehens, des Bestehens und der Entwicklung eines gewissen Ganzen gegeben sind, dann treten die idealen Kategorien, die Wertbegriffe, auf, indem aller Wert ein Verhältnis zwischen einem Ganzen und seinen Bedingungen voraussetzt.

Die Kategorien können daher in einer fortschreitenden Verschiedenheitsreihe geordnet werden, also (wenn wir uns an die wichtigsten Kategorien der einzelnen Gruppen halten):
    Synthese > Identität > Rationalität > Kausalität > Totalität > Wert.
Die folgenden Glieder der Reihe setzen immer die vorausgehenden voraus, sind gewissermaßen in ihnen enthalten, sind spezielle Ausformungen oder Anwendungen von ihnen. Historisch sind die Kategorien sporadisch entstanden, je nach dem Bedürfnis, sie anzuwenden und den Aufgaben, die gestellt waren. Die verschiedenen Wissenschaften, die, jede für sich, mit ihren Kategorien arbeiten, haben sich auch sporadisch entwickelt, obgleich COMTE darin recht hat, daß in der Reihenfolge, in welcher sie einen strengen positiven Charakter erwerben, eine gewisse Ordnung gespürt werden kann. Durchgehend ist eine Neigung da gewesen, mit Totalitäten und Werten zu arbeiten, ehe die vorausliegenden Kategorien scharf geformt waren. Die fundamentalen Kategorien wurden zuerst von LEIBNIZ und KANT klar gefaßt. Eben weil sie an die eigene Wirkungsweise unseres Geistes innerlich geknüpft sind oder mit ihr eins sind, ist es erklärlich, daß sie so spät entdeckt werden. Die logische Ordnung ist jedenfalls eine andere, als die historische. Wie bei der von COMTE vorgeschlagenen Klassifikation der Wissenschaften können wir die Kategorien so ordnen, daß von den notwendigsten und daher umfassendsten zu den spezialeren fortgeschritten wird.

In einem späteren Zusammenhang werden wir untersuchen, ob es nicht möglich wäre, den Inhalt und den Umfang eines Begriffes gleichzeitig zu erweitern. Die oben erwähnte logische Regel vom umgekehrten Verhältnis zwischen Inhalt und Umfang gilt jedenfalls für die Kategorien, weil diese aus dem Verlauf der Gedankenbewegung im Bewußtseinsleben und speziell in der Wissenschaft zu finden sind. Es ist unmöglich, aus den fundamentalen Kategorien die anderen, spezielleren Kategoriengruppen abzuleiten. Das Gesetz der Synthese könnte gelten, wenn auch Rationalität und Kausalität keine Anwendung hätten; es gilt z. B. auch für eine chaotische Verschiedenheitsreihe. Die Kausalität könnte gelten, auch wenn wir für Begriffe wie Totalität und Wert keine Anwendung hätten. Der großartige Versuch HEGELs, eine rein deduktive Ableitung der Kategorien aus den einfachsten und umfassendsten Grundbegriffen zu geben, scheiterte an der Notwendigkeit, immer wieder neue Elemente und Prämissen aus der Erfahrung aufzunehmen. Umgekehrt ist es unmöglich, die konkretesten Kategorien, die Wertbegriffe, als die universellsten aufzufassen, wie es in allen theologischen oder theologisierenden Anschauungen versucht wird. Beides führt nur zu einem Spiel mit Analogien, ohne Möglichkeit, die Berechtigung und die Begrenzung dieser Analogien zu erweisen.

Es folgt aber schon aus der Stellung der Synthese als ersten Gliedes der Kategorienreihe, daß sie einen allen Kategorien und Kategoriengruppen gemeinsamen Typus darstellt. Wenn die Synthese die gemeinsame Form aller Gedankenwirksamkeit, auf welchem Gebiet sie sich auch bewege, ist, müssen alle Gedanken einen mehr oder minder ausgeprägten Totalitätscharakter darbieten. Und wenn es richtig ist, daß alle grundlegenden Definitionen analytisch sein müssen, so liegt darin, daß wir stets mit Totalitäten anfangen und daß die Gedankenarbeit darin besteht, Teile oder Elemente innerhalb solcher Totalitäten zu finden. So ist Identität ein spezieller Fall von Ähnlichkeit, die Fläche ein Teil des Körpers usw. Von der speziellen Stelle des Totalitätsbegriffss in der Kategorienreihe abgesehen, ist daher zu vermuten, daß er in den vorausgehenden Gliedern der Reihe antizipiert wird und in spezielleren Formen den folgenden Gliedern zugrunde liegt. Von diesem Gesichtspunkt aus ist in dieser Abhandlung die Untersuchung der Kategorien wieder aufgenommen worden. die früher, in "Der menschliche Gedanke", dargestellte Ordnung der Kategorien wird dadurch eine nähere Beleuchtung bekommen.

8. Historisch macht sich, wie schon angedeutet, der Totalitätsbegriff sehr früh geltend, weil eine Tendenz vorhanden ist, mit den konkretesten Begriffen anzufangen, indem man nicht sieht, daß sie zugleich die kompliziertesten sind oder vielmehr weil sich die verschiedenen Kategoriengruppen noch nicht voneinander gesondert haben, aber ein Ganzes bildeten oder als gegenseitig identisch betrachtet wurden.

Das antike Weltbild stand als eine absolute Totalität für den Gedanken da; jedes Wesen, jede Qualität und jeder Wert konnten in ihr ihre bestimmten Stellen finden. Schon in der Frage der Vorsokratiker: "Was ist das Seiende?" äußerte sich diese Voraussetzung. Man sucht eine Eigenschaft des Daseins, die für die Totalität und alle ihre Teile, in gleichem Grad in toto et in parte [im Ganzen und den Teilen, wp] gilt. Dadurch entstand aber ein Problem, das sich durch die ganze Geschichte des Denkens kundgibt. Wenn nämlich jene Grundeigenschaft überall dieselbe sein soll, woher kommen dann die Unterschiede zwischen Wesen, zwischen Qualitäten und zwischen Werten? Aus der strengen Identität können die Verschiedenheiten nicht abgeleitet werden und bei strengen Logikern, wie PARMENIDES, entsteht dann eine Neigung, die Realität der Verschiedenheiten zu leugnen oder sie zu den "Meinungen der Sterblichen" zu rechnen. Es tritt hier ein Gegensatz zwischen Einheit und Ganzheit, zwischen Rationalität und Totalität hervor, ein Gegensatz, der in neuerer Zeit als ein Gegensatz zwischen formaler und realer Wissenschaft hervortritt. In der Lehre des ARISTOTELES, daß die Wissenschaft nur mit dem Allgemeinen zu tun habe, daß aber alles Wirkliche individuell sei, also den Charakter der Totalität habe, tritt das Problem, das uns hier beschäftigt, in scharfer Weise - und für alle Zeiten - hervor.

In der Renaissance drängt sich der Totalitätsbegriff in erster Linie hervor und ein Versuch wird gemacht, den antiken Gegensatz von Gedanke und Totalität dadurch zu überwinden, daß man die "Ideen" PLATONs als Gesetze des realen Zusammenhangs der Erscheinungen interpretiert. Die wahren Ideen, sagt BRUNO, sind nicht Begriffe von Dingen oder Eigenschaften in ihrem abstrakten Wesen, sondern Begriffe von den Gesetzen, die den Zusammenhang verschiedener Teile eines Ganzen ausdrücken, z. B. nicht Begriffe von Kopf, Lunge, Herz usw. jedes für sich, sondern vom Zusammenhang aller dieser Dinge, wodurch sie ein Ganzes ausmachen können. (1) Der so angedeutete Gedankengang wird von SPINOZA weitergeführt in seiner Lehre von individuellen Totalitäten, die bestehen können, obgleich die Teile wechseln und obgleich die Richtungen der einzelnen, innerhalb der Totalität sich abspielenden Prozesse geändert werden, wenn nur das Gesetz des Zusammenhangs dasselbe bleibt, - und von Individualitäten verschiedener Grade, die eine Stufenreihe bilden, bis zuletzt die ganze Natur als eine große Individualität dasteht, deren einzelne Teile wechseln ohne Änderung des ganzen großen Individuums.

Die Gesetzerkenntnis, die die moderne Wissenschaft erlangen will, bezieht sich auf die in der Erfahrung hervortretenden Erscheinungen. Man will über die unfruchtbaren Allgemeinbegriffe hinaus, zu welchen man zwar von den einzelnen Wahrnehmungen aufsteigen, aber von welchen man zu den in den Wahrnehmungen gegebenen Einzelheiten nicht herabsteigen kann. Dieser bedeutungsvollen Änderung der Aufgabe verdankt die moderne Naturwissenschaft ihr Entstehen. In der Methodenlehre GALILEIs fand diese Änderung ihren Ausdruck in der Forderung eines Zusammenwirkens und einer gegenseitigen Supplierung von Deduktion und Induktion. Man kann aber auf diesem Weg nicht zu einer solchen abgeschlossenen Totalität, wie sie das Altertum behauptete, kommen, nur zu einem großen, unübersehbaren Zusammenhang, der immer erweitert werden kann. Schon BRUNO deutet an, daß streng genommen weder der Begriff "Teil" noch der Begriff "Ganzes" auf das Dasein Anwendung finden kann. (2) SPINOZA versucht, wie wir später (Kapitel V) sehen werden, Gesetzerkenntnis und Totalitätsauffassung in  einem  Begriff zu vereinigen. Auch HOBBES erklärte bestimmt, daß nach der Welt als Ganzem sehr wenige Fragen gestellt und keine beantwortet werden kann. (3) Der von HOBBES angedeutete Gedankengang wird in der Lehre KANTs, daß Begriffe von absoluter Totalität, "Ideen", wie er sie nennt, keine Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis sein können, weitergeführt. Und zu den "Ideen" rechnet er auch den Begriff der Welt; die Bildung des Begriffs würde nämlich eine unendliche und doch vollendete Synthese erfordern.

Schon die fundamentalen Kategorien fordern von allem, das erkannt werden soll, daß es mit einem Anderen zusammengefaßt und diesem gegenüber als kontinuierlich oder diskontinuierlich und als ähnlich oder verschieden aufgefaßt werden kann. Daher hat HOBBES darin recht, daß die Fragen, die Welt als Ganzes betreffend, nicht beantwortet werden können. Umso mehrere Fragen müssen dagegen, mit Möglichkeit von Antworten, betreffend die in der Erfahrung hervortretenden begrenzten Individualitäten und Totalitäten, gestellt werden. Da jede begrenzte Totalität Beziehungen zu anderen Totalitäten oder zu Elementen, die von ihr selbst verschieden sind, hat, wird es hier möglich, unsere Kategorien anzuwenden.

Eine begrenzte Totalität kann den Grund ihres Entstehens, ihres Bestehens und ihres Vergehens nicht in ihr selbst haben. Sie ist Glied in einer Reihe, setzt vorausgehende Glieder dieser Reihe, durch welche sie vorbereitet wurde und von welcher sie sich sukzessiv scheiden kann, voraus; sie muß in jedem Augenblick wieder entstehen, weil ihr Bestehen von bestimmten Bedingungen abhängt; und wenn sie die Ursache von Veränderungen außer ihr ist, wird sie immer mit mannigfaltigen anderen Ursachen zusammenwirken, ohne welche ihr eigentümliches Eingreifen nicht möglich wäre oder zu keinem Resultat führen könnte.

Ein Problem entsteht aber nicht nur durch das Verhältnis einer Totalität zu etwas von ihr Verschiedenem. Auch im Verhältnis zwischen der Totalität als solcher und den in ihr enthaltenen Elementen liegt ein Problem, das vielleicht eine Versuchung enthalten könnte, dem Totalitätsbegriff jede erkenntnistheoretische Bedeutung abzusprechen. Jedenfalls stehen hier verschiedene Richtungen einander gegenüber, die dem Gegensatz von Deduktion und Induktion entsprechen und aus der Schwierigkeit entspringen, die von GALILEI geforderte Wechselwirkung der beiden Methoden hier anzuwenden.

Von der einen Seite wird das ganze Gewicht auf die Elemente gelegt, die innerhalb eines gegebenen Ganzen unterschieden werden können, die von mehr oder weniger Bedeutung für ihre Existenz sind und die außer ihr in gleichen oder analogen Formen wiedergefunden werden können. - Von der anderen Seite legt man das ganze Gewicht auf die Eigentümlichkeit, mit welcher die Totalität in der Erfahrung hervortritt, - auf den inneren Zusammenhang zwischen ihren Elementen, solange diese ihre Glieder sind, - auf die gesammelte Kraft, die sie in ganz bestimmten Richtungen anzuwenden vermag und ohne die sie gar nicht bestehen könnte. Wegen dieses inneren Zusammenhangs und dieses konzentrierten Auftretens bietet sie Eigenschaften dar, die keines ihrer Elemente an und für sich besitzt und sie steht daher als verschiedenartig diesen Elementen gegenüber. In jedem Versuch, die Geschichte eines Berges, eines Flusses, eines Waldes oder eines Himmelskörpers zu schreiben, tritt dieser Unterschied hervor. Aber besonders auf dem biologischen, dem psychologischen und dem soziologischen Gebiet macht sich hier ein Gegensatz und damit auch ein Problem geltend, - der Gegensatz zwischen Richtungen, die beziehungsweise als Mechanismus und Vitalismus, als Assoziationismus und Spiritualismus, als Individualismus und Sozialismus bezeichnet werden können.

Man hat den Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft (oder wie wir lieber sagen, Kulturwissenschaft) darin finden wollen, daß jene nur allgemeine Gesetze des Zusammenwirkens von Elementen finden will, während diese es mit individuellen Totalitäten in ihrer Eigentümlichkeit zu tun hat. Auch einer solchen Auffassung gegenüber wird eine nähere Untersuchung des Totalitätsbegriffs von Bedeutung sein können. Wenn dieser Begriff, mehr als alle anderen Kategorien, das eigentümliche Gepräge des menschlichen Gedankens trägt, wird er auf keinem Erkenntnisgebiet verleugnet werden können. -

In einigen berühmten Linien hat GOETHE der Stimmung des Forschers beim Totalitätsbegriff Ausdruck gegeben:
    Freuet euch des wahren Scheins,
    Freuet euch des ernsten Spieles!
    Kein Lebendiges ist eins,
    Immer ist es vieles.
Die Totalität hat den Charakter des Scheins und des Spieles, wenn sie auf irgendeiner Stufe als fertig genommen wird und wenn man ihr in mystischer Weise eine Kraft der Selbsterhaltung und Entwicklung, ganz abgesehen von der Wechselwirkung innerer Elemente und äußerer Bedingungen, beilegt. Aber im Schein und im Spiel ist Wahrheit und Ernst, weil der totale Zusammenhang nicht minder den Charakter der Elemente als diese den Charakter der Totalität bedingt und weil äußere Bedingungen ihren Einfluß nur unter Mitwirken der Eigentümlichkeit der faktisch gegebenen Totalität ausüben können. Außerdem ist die Gedankenwirksamkeit selbst, auf welchem Gebiet sie sich auch bewegt, der Ausdruck einer Totalität, die sich unter immer innerlicherem Zusammenschließen ihrer Elemente zu erweitern strebt. - Von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus wollen wir im folgenden den Totalitätsbegriff betrachten.
LITERATUR - Harald Höffding, Der Totalitätsbegriff - Eine erkenntnistheoretische Untersuchung, Leipzig 1917
    Anmerkungen
    1) HARALD HÖFFDING, Die Geschichte der neueren Philosophie I, Seite 143f (der dt. Ausgabe). Vgl. Seite 219 - 221 (Bacon).
    2) GIORDANO BRUNO, L'universo é tutto in tutto (se pur in modo alchuno se pùo dir totalitá doue non é parte ne fine). "Opere italiane", Edition Lagarde, Seite 315
    3) THOMAS HOBBES, De mundo, ut uno multarum partium aggregato, qvae qvaeri possunt, paucissima sunt, qvae determinari, nulla, "De Corpore", Seite XXVI