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GOTTHART WUNBERG
Der frühe Hofmannsthal
Schizophrenie als dichterische Struktur

Brief des Lord Chandos
Nachwort zum Chandos-Brief
Hofmannsthal-Mauthner
"Es ist nur ein Name. Es ist nur eine Illusion. Es ist nur ein Behelf, den wir praktisch brauchen, um unsere Vorstellungen zu ordnen."

Depersonalisation und Bewußtsein
Die weithin verbreitete Auffassung, daß die sogenannte Chandoskrise HUGO von HOFMANNSTHALs im Jahre 1902 einen plötzlichen, einmaligen und seinesgleichen suchenden Einschnitt darstellt, scheint eher praktisch als richtig. Sie ist auch nicht ausschließlich (und nicht einmal in erster Linie) eine Krise in der Verwendung der Sprache und der damit aufs engste verknüpften Potenz zur Kommunikation mit der Umwelt, sondern primär eine des Bewußtseins; genauer gesagt: des Ich-Bewußtseins. Es ist nicht zu leugnen, daß es  auch  eine Sprachkrise gewesen ist; aber das Phänomen ist damit nicht erschöpfend definiert.

Daß es sich nicht um ein punktuelles Ereignis handelt, kaum um eine  Krise  im engeren Sinn, ist verschiedentlich gesagt worden. PAUL REQUADT hat mit Recht betont, daß das Chandoserlebnis "nichts Einmaliges und völlig Neues in HOFMANNSTHALs Entwicklung" darstellt, "sondern die Verdichtung einer schon seit Jahren fälligen Entscheidung, die nun erst im Bereich des Sprachlichen akut wird, da die lyrische Schaffenskraft versiegt". Allerdings sähe es danach so aus, als sei das Versiegen der Lyrik unabhängig von einer allgemeinen Bewußtseinskrise zustande gekommen. Daß dem nicht so ist, soll unter anderem unten gezeigt werden.

RICHARD BRINKMANN hat Ähnliches festgestellt, ist aber zugleich einen Schritt weiter gegangen. Er hat die Sprachproblematik aus der Isolierung herausgelöst, in die sie durch eine allzu einseitige  immanente  Interpretation zu geraten drohte, und sie im Zusammenhang mit dem Problem der "Existenzgewinnung" dargestellt. In dieses Zusammenhang gehört auch, was THEODORE ZIOLKOWSKI in seinem Aufsatz über "JAMES JOYCE Epiphanie und die Überwindung der empirischen Welt in der modernen deutschen Prosa" zu HOFMANNSTHAL gesagt hat.

Analog zu einer solchen Modifizierung, die die Chandoskrise als End- oder Höhepunkt einer sich lang anbahnenden Entwicklung in der Sprachproblematik sehen will, versuchen die hier vorgelegten Studien eine weitere Differenzierung: nicht nur die Sprache ist für HOFMANNSTHAL von Anfang an problematisch, sondern in gleicher Weise  Ich  und  Bewußtsein. 

Ich- oder Bewußtseinsspaltung im Sinne von Depersonalisation, gar Schizophrenie, beschreibt das, was im folgenden darunter verstanden werden soll, einerseits zu speziell psychiatrisch-medizinisch und deshalb andererseits nicht spezifisch genug für die Dichtung. Trotzdem bietet sich diese Terminologie an; ja sie drängt sich, den Textbefunden nach, geradezu auf.

Nun ist der Begriff  Depersonalisation  schon für die Psychologie nicht immer so glücklich, daß man ihn ohne weiteres verwenden kann. Übernimmt man ihn in eine fremde Disziplin wie die Literaturwissenschaft, dann bedarf er einer genauen Definition um so mehr. Ähnliches gilt für den Schizophreniebegriff, in dessen unmittelbare Nähe die Depersonalisation als "Initialsymptom" gehört.

Da der Gedanke, im Zusammenhang mit dem Werk des frühen HOFMANNSTHAL am besten von Ich-Spaltung und Depersonalisation oder Schizophrenie zu sprechen, nicht ganz neu ist - er kommt aus so verschiedenen Richtungen wie HERMANN BROCHs kongenialer Analyse und OLGA SCHNITZLERs Erinnerungen, hat also schon eine gewisse Tradition -, ist diese Terminologie auch in den vorliegenden Studien beibehalten worden. Die Definition eines zeitgenössischen Philosophen und Psychologen mag am besten sagen, was mit Depersonalisation gemeint ist. Nach GERARD HEYMANS ist darunter

"ein momentan sich einstellender, meistens auch schnell vorübergehender Zustand zu verstehen, während dessen alles, was wir wahrnehmen, uns fremd, neu, eher Traum als Wirklichkeit zu sein scheint; die Menschen, mit welchen wir uns unterhalten, auf uns den Eindruck machen, bloße Maschinen zu sein; auch die eigene Stimme uns fremd, wie diejenige eines anderen, in den Ohren klingt; und wir im allgemeinen das Gefühl haben, nicht selbst zu handeln und zu reden, sondern nur als müßige Zuschauer unser Handeln und Reden beobachten".
HOFMANNSTHAL veröffentlichte und unterdrückte Arbeiten tragen von Anfang an Züge, die diese Symptome eindeutig erkennen lassen. Das kann sich am Gegenstand zeigen, aber auch formal; meistens ist beides der Fall.

Das im Werk selbst evident werdende Depersonalisations-Syndrom ist nicht auf HOFMANNSTHAL beschränkt. Bekanntlich haben besonders die Romantiker - und unter ihnen vor allem E.T.A. HOFFMANN - diese Möglichkeiten ausgenützt. Auch für ANETTE von DROSTE-HÜLSHOFF ist das gezeigt worden. Es wäre sachlich also wenig gerechtfertigt, das Problem von vornherein auf HOFMANNSTHAL zu verengen, wenn nicht andere - entscheidende - Gründe dafür sprächen: die Bedeutung des Chandos-Erlebnisses - das bisher vorwiegend als Ausdruck von Sprachzerfall, Sprachskepsis und Sprachunfähigkeit gewertet worden ist - läßt sich durch die Komponente des Bewußtseins entscheidend erweitern.

Da man nachweisen kann, wie  Ich, Bewußtsein  und  Denken  bei HOFMANNSTHAL von Anfang an fragwürdig erscheinen (es nicht etwa erst im Zusammenhang mit dem Chandos-Erlebnis werden) und darüber hinaus gegenüber der Sprachproblematik geradezu dominieren, stellt die Chandos-Krise sich schließlich nicht als Sprach-, sondern als Ich- und Bewußtseinskrise dar. Als ihre Chiffre ergibt sich die Ich-Spaltung deshalb, weil hier - etwas vereinfachend gesagt - rationales Denken auf das Ich angewendet wird und die Spaltung hervorruft.

ZIOLKOWSKI umschreibt diese Situation als "eine logische, wenn auch köstlich ironische Folge der Wissenschaftlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts" und formuliert treffend, der Mensch habe sich "durch seine  hochgetriebene Intellektualität  aus seinem früheren unmittelbaren Verhältnis zur Welt ... hinausräsonniert". Die Ratio ist nicht nur wesentlich an dem Zustandekommen des sich neu entwickelnden Ich- und Umweltverständnisses beteiligt, sie gibt auch die neuen Positionen an. Was HOFMANNSTHAL anbelangt, so wird sich das unten vor allem an den Parallelen zum Denken ERNST MACHs zeigen lassen, den er als junger Student gehört hat.

Es handelt sich also nicht um psychologische oder psychopathologische Untersuchungen zum Genieproblem. Es geht - wenn man das trennen kann - um das Werk, nicht um die Person des jungen HOFMANNSTHAL. Ob die unten immer wieder dargelegte schizophrene Struktur auch ein biographisches Problem für ihn gewesen ist, soll nicht diskutiert werden. Ginge man - und das ist der grundsätzliche Einwand - von der Person aus, dann ergäbe sich die Konsequenz, daß immer - selbst bei der Abfassung von in sich ganz homogenen Texten - eine schizoide Persönlichkeit angenommen werden muß; hier geht es aber gerade um die schizophrene Struktur der  Texte. 


Mach und Hofmannsthal

HERMANN BAHR berichtet in seinem "Dialog vom Tragischen" unter der Überschrift "Das unrettbare Ich" von einem Erlebnis, das er als Kind hatte. Er habe seinen Vater gefragt: "Wo kommt die Sonne eigentlich hin, wenn sie untergeht? Wo ist sie denn in der Nacht?", worauf der Vater ihm erklärt habe, daß es eine Täuschung sei; daß die Sonne nicht untergehe, sondern daß vielmehr die Erde sich drehe. Der Knabe kann nicht glauben, daß es so ist, wie der Vater sagt; denn er sieht doch, daß die Sonne untergeht, kann aber nicht sehen, daß die Erde sich dreht.

Dieses Erlebnis führ schließlich zu der Feststellung, daß der Vater die Unwahrheit gesagt hat. Endlich gelangt BAHR in seinem Bericht nach manchen Umschweifen zu seiner Beschäftigung mit dem Philosophen ERNST MACH. Dessen Gedanken vom "unrettbaren Ich" werden von BAHR jetzt, als er erwachsen ist, in dieselbe Erlebnissparte wie der Sonnenuntergang und die Erklärung des Vaters rubriziert: "Es ist nur ein Name. Es ist nur eine Illusion. Es ist nur ein Behelf, den wir praktisch brauchen, um unsere Vorstellungen zu ordnen". Das Ich wie der Sonnenuntergang sind Behelfe, nur Namen für eine Sache, die sich in Wirklichkeit ganz anders verhält.

Für HOFMANNSTHAL speziell läßt sich manche auffallende Paralle zu MACH zeigen. MACH war der Überzeugung, daß das Ich analog zum Körper lediglich eine "ideelle denkökonomische, keine reelle Einheit" darstelle. Mit anderen Worten: es ist praktischer, das Ich als Einheit anzunehmen, als es bleiben zu lassen; Realität kommt ihm deshalb aber noch nicht zu. Es setzt sich aus "Elementen", wie er die Empfindungen nannte, zusammen; es handelt sicha also nur um "vermeintliche Einheiten", um "Notbehelfe". Die Körper erzeugen nicht "Empfindungen, sondern Empfindungskomplexe (Elementarkomplexe) bilden die Körper". Entscheiden ist für MACH allein die "Kontinuität", die "langsame Änderung" des Ich; nur auf ihr beruht seine "scheinbare Beständigkeit". Was er in diesem Zusammenhang ausführt, zeigt entschiedene Affinitäten zu dem, was HOFMANNSTHAL in seinen Tagebüchern schreibt:

"Die vielen Gedanken und Pläne von gestern, welche heute fortgesetzt werden, an welche die Umgebung im Wachen fortwährend erinnert (daher das Ich im Traume sehr verschwommen, verdoppelt sein, oder ganz fehlen kann), die kleinen Gewohnheiten, die sich unbewußt und unwillkürlich längere Zeit erhalten, machen den Grundstock des Ich aus. Größere Verschiedenheiten im Ich verschiedener Menschen, als im Laufe der Jahre in  einem  Menschen eintreten, kann es kaum geben."
Auf solchem Hintergrunde nehmen sich HOFMANNSTHALs Äußerungen zu diesen Problemen alles andere als mystisch aus:
Wir haben kein Bewußtsein über den Augenblick hinaus, weil jede unserer Seelen nur einen Augenblick lebt. Das Gedächtnis gehört nur dem Körper: Er reproduziert scheinbar das Vergangene, d.h. er erzeugt ein ähnliches Neues in der Stimmung.
Was MACH in seiner Anmerkung als Beispiel beibringt, dasselbe Erlebnis findet sich - nur mit anderen Worten - auch bei HOFMANNSTHAL. MACH schreibt:
"Wenn ich mich heute meiner frühen Jugend erinnere, so müßte ich den Knaben (einzelne wenige Punkte abgerechnet) für einen anderen halten, wenn nicht die Kette der Erinnerungen vorläge. Schon manche Schrift, die ich selbst vor 20 Jahren verfaßt, macht mir einen höchst fremden Eindruck."
Dazu HOFMANNSTHAL:
"Mein Ich von  gestern  geht mich so wenig an wie das Ich NAPOLEONs oder GOETHEs.
Oder:
"Wir sind unserem Ich von Vor-zehn-Jahren nicht näher, unmittelbarer  eins  als mit dem  Leib  unserer Mutter. Ewige physische Kontinuität.
ERNST MACHs Vorstellung, daß das menschliche Ich selbst eine Fiktion, und nichts anderes als das Zusammentreffen von Sinneseindrücken sei, läßt sich auch HOFMANNSTHALs folgende Äußerung an die Seite stellen - es ist eine Tagebucheintragung vom 5.Mai 1891:
"Wir erscheinen uns selbst als strahlenbrechende Prismen, den andern als Sammellinsen (unser Selbst ist für uns Medium, durch welches wir die Farbe der Dinge zu erkennen glauben, für die anderen etwas Einförmiges, Selbstfärbiges: Individualität; wir schließen aus dem Eindruck auf die Außenwelt, die andern aus dem Eindruck, den wir empfangen, auf unsere aufnehmende Substanz).
Noch sehr viel später, 1917, hat er in diesen oder ähnlichen Kategorien gedacht:
"Es gibt strenggenommen keinen Gegenstand des Nachdenkens, denn der Gegenstand wird von der inneren Verfassung jedes Mal neu statuiert und ist jedes Mal die ganze Welt.
Auch das gibt, mit HOFMANNSTHALs eigenen Worten, MACHs Auffassung wieder, daß es keine objektive und bleibende äußere Wirklichkeit gibt, daß sie vielmehr sich nur in dem Augenblick scheinbar als objektiv konstituiert, da das Ich sie wahrnimmt.


Wertverlust

Mit der oben dargelegten Nivellierung von Außen und Innen zu gleichwertigen Elementen (Sinneselementen) hängt aufs engste diejenige des Wertbegriffs zusammen. Diese wertnivellierende Konsequenz ergibt sich deshalb, weil alles gleichberechtigt nebeneinandersteht. MACH leugnet entschieden die Annahme eines "Ding an sich". Er spricht von dem "ungeheuerlichen Gedanken eines (von seiner  Erscheinung  verschiedenen, unerkennbaren) Dinges an sich". Es gibt keine Gradunterschiede, nach denen sich die einzelnen Dinge voneinander oder gar von einem "Ding an sich" unterscheiden:

"Das Ding, der Körper, die Materie ist nichts außer dem Komplex der Erfahrung, Töne usw., außer den sogenannten Merkmalen".
Gerade diese Unfähigkeit, sich festzulegen, ist aber entscheidend für Chandos. Zu sagen, Sherrif N. sei ein böser, Prediger T. ein guter Mensch usw., erfüllt Chandos mit  einem  unerklärlichen Zorn.  Dies alles  erscheint ihm  so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich.  Chandos enthält sich jeder Wertung. Er beobachtet die Vorgänge, denen er unterliegt, mit einer merkwürdigen Gelassenheit, oder, um ein Wort HOFMANNSTHALs zu gebrauchen: mit  Resignation.  Es ist aber nicht nur Resignation. Philosophisch läßt sich das durchaus systematisch fassen. ERNST MACH schreibt z.B.:
"Der Ausdruck  Sinnestäuschung  beweist, daß man sich noch nicht recht zum Bewußtsein gebracht oder wenigstens noch nicht nötig gefunden hat, dieses Bewußtsein auch in der Terminologie zu bekunden,  daß die Sinne weder falsch noch richtig zeigen.  Das einzig Richtige, was man von den Sinnesorganen sagen kann, ist, daß sie unter verschiedenen Umständen verschiedene Empfindungen und Wahrnehmungen auslösen."
Der Verlust des Wertmaßstabes ist also nicht in erster Linie ein ethisches, sondern ein erkenntnistheoretisches Problem. Die erkenntnistheoretische Komponente des Chandos-Erlebnisses wird dadurch entscheidend hervorgehoben.

Mit dieser Wertnivellierung ist aufs engste die Sprachproblematik verknüpft, die auch bei MACH eine Rolle spielt, und die später bei HOFMANNSTHAL an entscheidender Stelle wieder auftaucht. Unter der Leitfrage: "Was ist eine Abstraktion? Was ist ein Begriff? Entspricht dem Begriff ein sinnliches Vorstellungsbild?" behandelt MACH das Problem, wie der Begriff zustande kommt. In diesem Zusammenhang heißt es:

"Überhaupt deckt  ein Wort,  welches aus Not zur Bezeichnung vieler Einzelvorstellungen verwendet werden muß, durchaus noch keinen Begriff."
Aus Not sind aber, wie MACH sagt, alle Worte entstanden, weil es keinen anderen Zugriff für das Bewußtsein gibt. Er fährt fort:
"Ein Kind, das zuerst einen schwarzen Hund gesehen und nennen gehört hat, nennt z.B. alsbald einen großen, schwarzen, rasch dahinlaufenden Käfer ebenfalls  Hund,  bald darauf ein Schwein oder Schaf ebenfalls  Hund.   Irgendeine an die früher benannte Vorstellung erinnernde  Ähnlichkeit  führt zum naheliegenden Gebrauch desselben Namens ... Demnach ist auch von einem  Begriff  gar nicht die Rede ... Die meisten Menschen verfahren mit Worten ebenso, nur weniger auffallend, weil sie einen größeren Vorrat zur Verfügung haben ... Ein Begriff ist überhaupt nicht eine fertige Vorstellung."
Die Verwendung von Begriffen ist also Gewohnheitssache. Dasselbe Problem stellt sich Chandos in seinem Brief an BACON, wenn er die Klischees, die ihm  so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich  erscheinen, verabscheut und nicht mehr verwenden kann.

Hierher gehört auch die Bemerkung MACHs, die bei ihm gleich am Anfang seiner Untersuchung steht:

"Was auf  einmal  vorgestellt wird, erhält  eine  Bezeichnung,  einen  Namen."
Wenn man diesen Satz bei den darauf folgenden Darlegungen MACHs im Auge behält, ergibt sich schließlich die Konsequenz: Da nichts auf einmal vorgestellt werden kann, weil es sich aus soundso viel einzelnen Elementen zusammensetzt, gibt es auch keine Bezeichnungsmöglichkeiten. Die Dinge können nicht mehr benannt werden, weil sie sich nur vielfältig und unzusammenfaßbar darstellen. - Warum etwa Chandos nicht in der Lage ist, die Dinge eindeutig mit Namen zu nennen, ist auf diesem Hintergrunde ganz deutlich.

ERNST MACH sagt:

"Es gibt keine Kluft zwischen Psychischem und Physischem, kein  Drinnen  und  Draußen,  keine  Empfindung,  der ein äußeres von ihre verschiedenes  Ding  entspräche. Es gibt nur  einerlei Elemente ..."
Das heißt also, daß Psychisches und Physisches ununterscheidbar sind, daß sie aus demselben Stoff, d.h. in MACHscher Terminologie, aus denselben "Elementen" bestehen.

Der von der Forschung immer wieder herangezogene Begriff der Mystik sollte gerade das Phänomen erklären, daß Außenwelt und Innenwelt, daß Mensch und Welt überhaupt, Mikrokosmos und Makrokosmos, dasselbe sind. Ein solcher Rückgang auf die Mystik ist jedoch nicht notwendig. Zieht man die zeitgenössische Philosophie heran, dann ergibt sich aus HOFMANNSTHALs Werken zwar genau dieselbe Struktur; aber doch auf einem anderen Hintergrund. Anders ist es auch kaum zu erklären, daß für ihn die Ich-Spaltung ein so dominantes Phänomen darstellt.

Wenn die Elemente des Ich mit denen der Umwelt, der Außenwelt identisch sind, wenn beide aus den gleichen Elementen bestehen, dann muß sich naturgemäß jede Betrachtung der Umwelt zugleich als eine Betrachtung des Ich herausstellen; denn das Ich sieht in der Außenwelt nichts anderes als die Elemente, aus denen es selbst auch besteht. Sie sind lediglich "je nach der temporären Betrachtung", wie MACH sagt, "drinnen oder draußen".
LITERATUR - Gotthart Wunberg, Der frühe Hofmannsthal - Schizophrenie als dichterische Struktur, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1965