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    cr-4NominalismusAlois Riehl - Humes KausalitätstheorieJacobi - HumeDie Lehre Humes    
 

CARL GRUBE
David Hume als Nominalist
(1711 - 1776)

Es ist klar, daß wir bei der Bildung der meisten Allgemeinbegriffe - wenn nicht bei allen - von jedem besonderen Grade der Quantität und Qualität abstrahieren.


HUME bewunderte BERKELEYs Nachweis, daß es keine abstrakten Begriffe gäbe, als eine der größten Taten der Philosophie; daher sucht er selbst BERKELEYs Behauptung noch durch genauere Beweise zu stützen und seinerseits das Wesen der sogenannten abstrakten Begriffe zu erklären.

Er geht zunächst von unseren Vorstellungen überhaupt aus. Alle unsere Vorstellungen,  ideas,  entstehen aus unseren Empfindungen,  impressions;  denn wenn wir unsere Gedanken und Vorstellungen, so zusammengesetzt oder abstrakt sie immer sein mögen, analysieren, so lassen sich dieselben allemal in solche einfachen Vorstellungen auflösen, die eine vorhergegangene Empfindung zum Gegenstande haben; zweitens steht fest, daß, wenn Jemand wegen mangelnden Organs für gewisse Empfindungen keine Empfänglichkeit hat, derselbe ebensowenig der Vorstellungen fähig ist, die jenen Eindrücken entsprechen.

Es sind also alle unsere Vorstellungen die Abbilder unserer Empfindungen. Eine weitere Abstufung der Stärke findet nun auch noch unter den Vorstellungen selbst statt: die einen haben noch einen beträchtlichen Grad von Lebhaftigkeit; diese befinden sich als in der Mitte stehend zwischen Empfindung und Vorstellung im Gedächtnis, welches sie in der den Eindrücken entsprechenden Ordnung bewahrt.

Die andern dagegen haben gänzlich die Lebhaftigkeit verloren; diese befinden sich als reine Vorstellungen,  perfect ideas,  schwach und schwer festzuhalten in der Einbildungskraft, welche die Vorstellungen beliebig umstellen und verändern, und wo sie einen Unterschied zwischen denselben bemerkt, trennen kann.

Zu diesen letzten Vorstellungen zählen auch unsere allgemeinen Begriffe; doch bilden diese keine besondere Gattung von Vorstellungen, sondern sind im Grunde nur individuelle Begriffe, welche nur als allgemeine funktionieren. Dies ergibt sich aus folgender Überlegung.

Sicherlich repräsentiert der abstrakte Begriff "Mensch" Menschen von allerlei Größen und Eigenschaften; dies kann nur dadurch möglich sein, daß er entweder alle möglichen Größen und Eigenschaften auf einmal in sich begreift, oder dadurch, daß er gar kein Individuum darstellt. Letzteres hält man gewöhnlich für richtig, ersteres aber für absurd; jedoch gegen diese gewöhnliche Annahme spricht zweierlei:
    erstens die Unmöglichkeit eine Quantität oder Qualität vorzustellen, ohne einen bestimmten Begriff ihrer Stärke zu bilden, und

    zweitens das Vermögen unseres Geistes alle Grade der Quantität und Qualität zugleich zu begreifen, wenigstens soweit es den Zwecken unseres Denkens dienlich ist.
Der erste Satz, daß man keinen Begriff von Quantität und Qualität ohne den bestimmten Begriff ihrer Stärke bilden kann, ergibt sich als folgenden Argumenten:
  • Was verschieden (different) ist, ist unterscheidbar (distinguishable), und was unterscheidbar ist, ist auch in der Einbildungskraft trennbar (separable); - und umgekehrt, was trennbar, ist auch unterscheidbar und daher verschieden. Wir brauchen also nur zu prüfen, ob das, wovon wir in unsern allgemeinen Begriffen abstrahieren, d.h. absehen, auch wirklich unterscheidbar und verschieden von dem ist, was als Wesentliches zurückbleiben soll; dann erkennen wir, ob die Abstraktion eine Trennung in sich schließt.
    Da nun die bestimmt Länge einer Linie von der Linie selbst weder verschieden noch unterscheidbar ist, so kann man die Vorstellung der Linie nicht von derjenigen der Länge trennen, also keine Quantität und ebensowenig eine Qualität ohne bestimmten Grad vorstellen.
  • Jede Empfindung ist bezüglich des Grades der Quantität und Qualität bestimmt; unsere Vorstellungen sind aber, wie oben gezeigt, alle aus unsern Empfindungen entsprungen und nur schwächere Abbilder derselben; daher müssen auch unsere Vorstellungen graduell bestimmt sein.
  • Es ist ein allgemeiner Grundsatz der Philosophie, daß jedes Ding (every thing) in der Natur individuell ist, und daß es absurd ist, ein wirklich existierendes Dreieck anzunehmen, welches kein bestimmtes Verhältnis der Seiten und Winkel habe. Was in der Realität absurd ist, muß es auch in der Vorstellung sein, weil nichts, dessen klare und deutliche Vorstellung wir bilden können, absurd und unmöglich ist.
    Ferner ist es dasselbe, die Vorstellung eine Gegenstandes zu bilden oder eine Vorstellung schlechtweg; denn die Beziehung der Vorstellung auf ein Objekt ist nur eine äußerliche Benennung, von der die Vorstellung kein Zeichen in sich trägt, da es nun unmöglich ist, die Vorstellung eines Gegenstandes zu bilden, der Quantität und Qualität und doch keinen bestimmten Grad von beiden hat, so ist es also auch unmöglich, eine Vorstellung zu bilden, welche in dieser Hinsicht nicht bestimmt ist.
Abstrakte Ideen sind daher in sich selbst individuell, jedoch funktionell allgemein; im Geiste befindet sich nur das Bild eines besonderen, einzelnen Gegenstandes, aber es wird im Denken verwendet, als wäre es allgemein. Wie ist eine solche Verwendung unserem Denken möglich?

Darauf antwortet der zweite oben angeführte Satz, daß wir uns eine, wenn auch unvollkommene, Vorstellung aller möglichen Grade der Quantitäten und Qualitäten machen können, wenigstens insoweit, als sie zu den Absichten unseres Nachdenkens und zur Mitteilung der Gedanken dient.

Denn wir belegen Gegenstände, welche sich nur durch die Grade ihrer Quantität und Qualität unterscheiden, im übrigen aber ähnlich sind, darumm sämtlich mit gemeinsamen Namen. Daher erwacht später, sobald wir den Namen hören, die Vorstellung eines dieser Gegenstände in der Einbildungskraft mit allen individuellen Zügen, und da nach der Voraussetzung dasselbe Wort öfter auf andere Individuen angewandt ist, welche in vielen Stücken von der der Seele vorschwebenden Vorstellung verschieden sind, so ist der Name zwar nicht imstande, die Vorstellung von allen diesen Individuen, welche alle möglichen Grade der Quantität und Qualität aufweisen, wieder zu erwecken, aber er gibt der Seele einen Anstoß und ruft jene Gewohnheit wieder ins Leben, die wir durch Überblicken jener Individuen erworben haben.

Die Vorstellungen dieser Individuen sind nicht wirklich im Bewußtsein gegenwärtig, sondern bloß virtuell, wir ziehen sie in der Einbildungskraft nicht alle einzeln hervor, sondern wir halten uns in Bereitschaft, diejenigen von ihnen zu überblicken, zu denen wir durch Absicht oder Notwendigkeit eben veranlaßt werden. Das Wort erregt also eine individuelle Idee zugleich mit einer gewissen Gewohnheit, und diese Gewohnheit erzeugt irgend eine andere individuelle Idee, zu deren Vorstellung gerade Gelegenheit ist.

Da aber die Hervorbringung aller derjenigen Einzelvorstellungen, denen der Name zukommt, meistenteils unmöglich ist, so unterbrechen wir das Geschäft durch eine mehr besondere Betrachtung der einzelnen Begriffe, ohne daß aus dieser Verkürzung viele nachteiligen Folgen für unsere Schlüsse entständen.

Denn wenn wir über einen allgemeinen Begriff nachdenken und dabei nur ein Einzelding der betreffenden Gattung vorstellen, so erwacht sofort die diese Vorstellung begleitende Gewohnheit, noch andere Gegenstände derselben Gattung vorzustellen infolge des abstrakten und allgemeinen Namens, und wenn wir einen falschen Schluß machen, führt sie leicht eine andere individuelle Vorstellung herbei.

Wenn wir z.B. bei dem Worte "Dreieck" die Idee eines besonderen, gleichseitigen Dreiecks bildeten und dann behaupten wollten, daß die drei Winkel des "Dreiecks" einander gleich seien, so steigen sofort die Vorstellungen ungleichschenkliger Dreiecke in uns auf, um uns die Falschheit unserer Behauptung bemerkbar zu machen, obgleich der Satz hinsichtlich der zuerst gebildeten Vorstellung richtig war.

Diese Gewohnheit leitet so sicher, daß eben dieselbe Vorstellung an mehrere, verschiedene Worte gebunden und zu verschiedenen Schlüssen gebraucht werden kann ohne eine Gefahr des Irrtums. So können wir ein gleichseitiges Dreieck vorstellen, einerlei, ob wir von einer Figur, einer regulären Figur, einem Dreieck oder wirklich von einem gleichseitigem Dreieck reden.

Es wird also eine individuelle Vorstellung dadurch zu einem allgemeinen Begriff, daß man dieselbe an ein allgemeines Zeichen bindet, d.h. an ein Zeichen, welches vermöge der beständigen durch Gewohnheit eingeführten Verknüpfung mit mehreren anderen Individuen eine Beziehung auf dieselben hat und sie darum leicht in der Einbildungskraft wiedere erweckt. Eine Kritik dieser Ansichten HUMEs ist umso schwieriger, als schon die Erläuterung der oben meist wörtlich gegebenen Darstellung nicht leicht ist und vor allem durch zahlreiche Unklarheiten des Ausdrucks beeinträchtigt wird. Allerdings ist nun MEINONG sehr scharfsinnig den HUMEschens Ausführungen nachgegangen, aber er hat dabei mehr für die Kritik als für die Erklärung gesorgt. Daher werden wir uns in erster Linie überall eine Erläuterung HUMEs angelegen sein lassen. Zunächst war es nötig, klar darüber zu sein, was HUME beweisen will.

MEINONG behauptet, HUME wolle alle Abstraktionen leugnen, und wundert sich dann, daß HUME nur von der Unmöglichkeit des Abstrahierens von Graden spreche.

Aber HUME selbst sagt nur, er wolle beweisen, "that all general ideas are nothing but particular ones" und in demselben Kapitel sagt er, er zeige "the impossibility of general ideas according to the common method of explaining them"; er will also beweisen, daß die allgemeinen Ideen nicht so erklärt werden können, wie es gewöhnlich geschieht, nämlich als abstrakte, sondern daß sie partikulare sind.

Leugnet HUME damit alle Abstraktion? Es scheint vielmehr aus den Worten HUMEs: "whether abstraction implies separation" hervorzugehen, daß HUME einmal durchaus nicht alle Abstraktion bestreitet und zweitens eine Abstraktion ohne "separation" annimmt. Diese Ansicht wird durch folgende Erwägungen noch gestützt.

In den früheren Kapiteln, besonders in demjenigen über die Einbildungskraft, hat er ausgeführt, daß die Einbildungskraft, nach gewissen Regeln mit den Ideen operiere, indem sie einfache Ideen trenne und vereine, d.h. doch wohl aus den komplexen Ideen die einfachen trenne und dieselben anders wieder vereine; so könne man am Apfel Farbe, Geschmack und Geruch unterscheiden, d.h. den komplexen Eindruck in diese 3 einfachen Ideen zerlegen. Dies ist vollkommen klar: HUME scheidet den einzelnen Sinnen entsprechend einfache Ideen; daher zählt er auch - was MEINONG vermutet - sicher zur Farbe die Ausdehnung, weil beide durch dieselbe Sinneswahrnehmung gegeben sind.

Man kann die einfachen Ideen in der Einbildungskraft trennen, weil man sie auch im Eindruck,  impression,  trennen könnte durch Ausschluß eines Sinnes, z.B. des Gehöres. So kann man sehr wohl einfach einen Geruch oder Geschmack ohne Ton vorstellen; die Trennung,  separation,  der einfachen Ideen erzeugt also einfache Ideen, welche nicht als Teile komplexer Vorstellungen, sondern für sich als selbständige Vorstellungen im Bewußtsein sein können.

Dies muß nach HUME  abstraction which implies separation  sein.

Von der Abstraktion ohne Trennung finden wir in dem Abschnitte von der  distinctio rationis  gehandelt. Allerdings hat MEINONG darauf verzichtet, diesen Teil zur Erklärung der HUMEschen Ansichten sofort herbeizuziehen, aber wir sehen uns nicht veranlaßt diesem Beispiele zu folgen. Denn einmal wäre MEINONGs Vorgehen nur berechtigt, wenn ohne Berücksichtigung dieses Abschnittes Alles leicht zu erklären wäre; aber MEINONG selbst erklärt wiederholt die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, HUME hier voll zu verstehen.

Zweitens ist MEINONG an anderen Stellen jenes Abschnittes sind:
    "Es ist gewiß, daß es dem Verstande nie eingefallen wäre, die Figur von dem figurierten Körper zu scheiden, da sie in der Wirklichkeit weder getrennt noch verschieden sind, wenn er nicht bemerkte, daß eben in dieser Einfachheit verschiedene Ähnlichkeiten und Verhältnisse enthalten sind ... Nach einiger Übung ... fangen wir an, die Figur von der Farbe in dem Verstande zu unterscheiden, da sie doch der Realität nach dieselben sind ... Ein Mensch, der da verlangt, daß man die Figur einer weißen Kugel betrachten solle, ohne an ihre Farbe zu denken, verlangt eine Unmöglichkeit, aber seine Meinung ist, daß wir zwar die Figur und Farbe zusammen betrachten können, aber wir sollen unser Augenmerkt nur auf die Ähnlichkeit mit der schwarzen Kugel ohne Rücksicht auf ihre Farbe und Materie richten."
Hier handelt es sich um Abstraktion innerhalb der Wahrnehmung eines und desselben Sinnes: Figur und Farbe sin der Realität nach nicht verschieden und nicht getrennt vorstellbar in der Einbildungskraft, aber ein logisches Unterscheiden durch den Verstand infolge des Vergleichens und Aufmerkens auf das Gemeinsame ist doch möglich, wenn auch dadurch keine besonderen, selbständigen Vorstellungen erzielt werden.

Nach diesen Ausführungen können wir den negativen Teil der HUMEschen Beweisführung besser verstehen. Es handelt sich für ihn hier um die im Bewußtsein selbständig existierenden Vorstellungen; HUME sucht nachzuweisen, daß, wenn wir allgemein sprechen, wir dennoch eine partikulare Idee vorstellen, und er beweist zu dem Zwecke, daß jede Idee graduell bestimmt sein müsse. Daß HUME hiermit alle Allgemeinbegriffe zu treffen glaubt, geht aus seinen Worten hervor:
    "Es ist klar, daß (wir) bei der Bildung der meisten Allgemeinbegriffe - wenn nicht bei allen - von jedem besonderen Grade der Quantität und Qualität abstrahieren."
Man kann MEINONG sehr wohl zugeben, daß der Ausdruck "Grad" nicht besonders passend gewählt ist, weil es Eigenschaften gibt, bei denen von Gradunterschieden keine Rede sein kann. Bei letzteren handeln wir aber gewiß nach HUMEs Meinung, wenn wir nur von individueller Bestimmtheit reden, auf welche ja HUMEs dritter negativer Satz schon hinweist. Daher können wir weder hier noch in der ganzen Formulierung der These so viel vermissen, wie MEINONG tut. Uns scheint im Gegenteil die Formulierung ganz passend:
    "Allgemeine Vorstellungen müßten, - wenn sie existierten, graduell unbestimmt sein - jede Vorstellung ist aber graduell bestimmt, folglich kann es keine allgemeinen Vorstellungen so, wie sie gewöhnlich aufgefaßt werden, geben."
LITERATUR - Carl Grube, Über den Nominalismus in der neueren englischen und französischen Philosophie, Halle 1889