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David Hume als Nominalist - I I -
Den Obersatz dieses Schlusses geben wir zu, den Untersatz wollen wir an Hand der HUMEschen Beweise prüfen. Bei dem ersten derselben überraschen zunächst die Worte: "Was verschieden, ist unterscheidbar.. usw."; denn sie scheinen eine weit größere Abstraktion zuzulassen, als HUME sonst annimmt. Aber wenn wir bedenken, daß es sich hier um die selbständige Existenz abstrakter Vorstellungen handelt, müssen wir das "Unterscheiden" hier als Tätigkeit der Einbildungskraft, d.h. als getrennt Vorstellen auffassen. HUME selbst weist mit den Worten firstly we have observed auf die Auseinandersetzungen über die Einbildungskraft hin, welche wir bereits oben besprachen. Somit legen wir HUMEs Worte folgendermaßen aus: "Dinge (resp. Eigenschaften), welche in der Realität verschieden sind, werden mit den Sinnen unterschieden und sind in der Einbildungskraft getrennt als selbständige Vorstellungen vorstellbar." So kann ich die Farbe eines Apfels vom Geruch und Geschmack desselben unterscheiden und getrennt allein vorstellen; aber ich vermag nicht eine Linie ohne Länge und zwar ohne bestimmte Länge vorzustellen. So treffen wir hier wieder - und das stützt unsere ganze Auffassung - auf das Abstraktionskriterium BERKELEYs, "daß man nicht diejenigen Eigenschaften von einander durch Abstraktion trennen könne, welche nicht möglicherweise getrennt existieren könnten." Das ist in Wahrheit die anerkennenswerte Leistung BERKELEYs und HUMEs, daß sie die Unmöglichkeit des getrennten Vorstellens begrifflicher Vorstellungsteile darlegten. Der zweite Satz sucht aus der graduellen Bestimmtheit unserer Empfindungen dieselbe Bestimmtheit für unsere Vorstellungen zu folgern, weil alle Vorstellungen nur schwache Abbilder der Empfindungen seien. Da HUME nun sonst allerdings die Einbildungskraft mit den Ideen Veränderungen, Trennung und Vereinigung vornehmen läßt, so wird HUME nicht bestreiten, daß wir manche Vorstellungen haben, welche nicht direkte Abbilder von Empfindungen sind; wir müssen daher HUME so verstehen, daß eben nur die einfachen Ideen, aus welchen die komplexen Vorstellungen zusammengesetzt sind, wirklich direkte Abbilder der Empfindungen sind und graduell bestimmt sein müssen. Aber man könnte bezweifeln, ob man nur diejenigen Empfindungsgrade vorstellen kann, welche man wahrgenommen hat; HUME selbst führt einen Fall an und MEINONG bespricht denselben eingehend, um diesen Zweifel zu begründen. HUME meint nämlich, wenn jemand z.B. alle Schattierungen von Blau außer einer erfahren hätte und alle ihm bekannten Nuancen ihm der Reihe nach vorgeführt würden, so würde er nicht nur diese Lücke wahrnehmen, sondern auch durch die entsprechende Idee ergänzen können. Dazu fügt MEINONG noch die Fälle: "Wenn uns heute das hellste Weiß vor Augen kommt, das wir je gesehen, so können wir uns immer noch ein helleres denken. Wird ein Ton von so vielen Instrumenten auf einmal angegeben, wie wir nie zusammen spielen gehört haben, so können wir uns den Ton doch immer noch stärker und voller vorstellen und dgl." Die beiden von MEINONG erwähnten Fälle können wir nicht bestätigen, vielmehr halten wir es für kaum möglich, überhaupt das hellste Weiß, das wir je sahen, und den stärksten Ton, den wir je hörten, wieder vorzustellen, geschweige denn noch Steigerungen derselben zu bilden. HUMEs Beispiel ist etwas anderer Art, weil in demselben zu beiden Seiten der neu zu bildenden Vorstellung Wahrnehmungen gegeben sind. Sicherlich wird jemand in einer einheitlichen Abstufung von Farbennuancen dort, wo eine Stufe fehlt, die Lücke bemerken. Wie wird er diese ausfüllen? Er wird die über und die unter der Lücke liegende Nuance ins Auge fassen und sich bemühen, die eine z.B. etwas dunkler, die andere etwas heller vorzustellen, aber er wird keine derartig feste Vorstellung bilden können, daß, wenn ihm die fehlende Nuance gezeigt würde, er sagen könne, die und keine andere habe er sich vorgestellt. Wir wollen keineswegs der konstruierenden Tätigkeit, und am wenigsten jenem Verfahren nach der Formel a:b = b:x seinen hohen Wert für das Denken absprechen; wir erhalten ja z.B. eine gewisse Vorstellung der Sonnenferne durch eine solche Proportion, wenn wir denken: "wie sich dieser einzige Nadelkopf hier zu jener mächtig hohen Kirche verhält, so verhält sich letztere zur Entfernung der Sonne von der Erde", - aber man erhält auf diese Weise keine neue selbständige Vorstellung, sondern das Neue ist hier nur das Urteil, die Konstatierung eines gewissen Verhältnisses zwischen zwei gegebenen und einer nicht gegebenen Vorstellung. Wir können daher, ohne HUMEs eigene Bedenken weiter zu teilen, den zweiten Satz billigen, indem wir denselben so auslegen:
Nachdem er im ersten Satz zeigte, daß die Einbildungskraft keine selbständigen, allgemeinen Vorstellungen bilden könne, und nachdem er in zweiten Satze darauf hinwies, daß wir keine allgemeinen Empfindungen hätten, schließt er hier aus der Ansicht, daß das Allgemeine keine reale, selbständige Existenz habe, auf die Unmöglichkeit allgemeiner Vorstellungen. Diesem Schlusse tritt MEINONG direkt entgegen mit der Behauptung, daraus, daß es absurd wäre, ein existierendes Ding ohne Qualität und Quantität anzunehmen, folge durchaus nicht, daß auch solche Idee absurd wäre. Und in der Tat wäre die Voraussetzung dieses Schlusses, daß wir nur etwas vorstellen könnten, was wirklich existiere. Aber wir glauben, daß MEINONG HUME hier mißversteht; alles ist klar und sicher in HUMEs Sinne ausgelegt, wenn wir als die Voraussetzung jenes Schlusses den Satz annehmen, daß man sich nur das vorstellen kann, dessen einfache Empfindungsteile wirklich existieren und darum als einfache Ideen vorgestellt werden. Da nun alle komlexen Vorstellungen aus einfachen Ideen bestehen und letztere entsprechend den Empfindungen graduell bestimmt sind, so müssen auch die komplexen Vorstellungen selbst graduell bestimmt sein. So hoffen wir allerdings in dieser Hinsicht HUME gerechtfertigt zu haben, aber der ganze Beweis gewinnt dadurch nichts an Haltbarkeit. Aus dieser ganzen negativen Beweisführung ergibt sich, daß logische Begriffe keine psychische Sonderexistenz führen, sondern nur partikulare Vorstellungen sind. Soweit stimmen wir HUME zu, aber wir können es nicht billigen, daß er den Begriffen nicht doch eine besondere Stellung innerhalt der Vorstellungen einräumt. Wenn ich z.B. auf eine Tafel genau und deutlich ausgeführt ein menschliches Antlitz zeichne, so entspricht dies etwa der lebhaften Vorstellung, welche HUME als erste Vorstellungstufe anführt. Wische ich über die Zeichnung weg, so daß ein schwach sichtbares, unklares Bild zurückbleibt, so wäre dies etwa eine schwache Vorstellung des Antlitzes; wäre es auch ein Begriff desselben? Keineswegs. Freilich kann der Begriff mit der unklaren Vorstellung das eine gemein haben, daß manche Teile seines Inhalts weniger klar sind als andere; aber während bei der unklaren Vorstellung alle Teile gleich dunkel oder irgendwelche zufälligerweise etwas deutlicher als die andern sein können, sind in der Vorstellung, welche man einen Begriff nennt, die klarer hervortretenden Teile stets dieselben, nämlich die wesentlichen Merkmale des Einzeldings. Die Unklarheit unserer Begriffe liegt hauptsächlich in der Unwissenheit darüber, wie viele jener unwesentlichen Merkmale sich mit den wesentlichen meistenteils verknüpft finden, dagegen beruht die Unklarheit der Vorstellungen überhaupt auf der Verwischtheit und dem zufälligen Hervortreten irgendwelcher Eigenschaften. Somit nimmt der Begriff schon durch seine Vorstellungsart doch eine besondere Stelle unter den Vorstellungen ein, welche HUME ihm jedoch darum nicht einräumen konnte, weil er das Problem, welches die allgemeine Verwendung der partikularen Vorstellung bietet, anders löste. Auch in dieser positiven Darstellung wollte HUME nur BERKELEYs Ansicht ausführen, aber er hat - wie MEINONG zutreffend nachwies - dabei BERKELEY eine andere Meinung untergeschoben. Denn bei BERKELEY stehen die allgemein funktionierenden Einzelideen und der allgemeine Name sich unvermittelt gegenüber, HUME aber stellte eine Vermittelung her durch den folgenden Satz, welchen er aus Berkeley entnommen haben will:
Nach MEINONGs Darstellung wäre nicht einmal hierüber volle Klarheit zu gewinnen. Denn einmal sagt HUME, es würde durch den Namen eine Partikularidee wachgerufen und alle andern Ideen wären nur virtuell gegenwärtig; im folgenden Satze meint er, daß das Wort eine Individualidee erwecke nach einer gewissen Gewohnheit und diese Gewohnheit eine andere Idee, zu der wir Veranlassung hatten; drittens spricht HUME von einer "teilweisen Betrachtung", wobei zweifelhaft bleibt, ob das Wort "teilweise" auf den Inhalt oder den Umfang des Begriffes zu beziehen ist, endlich bemerkt er, daß, wenn wir einen falschen Schluß machen, noch eine andere Vorstellung, welche der ersten in manchen Eigenschaften ähnlich, in andern unähnlich sei, vorgestellt werde. Unmöglich kann man annehmen, daß HUME in diesen vier, auch im Original so unmittelbar aufeinanderfolgenden Sätzen verschiedene Ansichten ausspreche; wir müssen uns bemühen, eine einheitliche Ansicht HUMEs festzustellen. Da ist vor allem den Inhalt des zweiten der angeführten Sätze in betracht zu ziehen; folgte dieser Satz nicht dem ersten, so wäre MEINONGs Einwand berechtigt, daß Vorstellungen, die nur virtuell der einen Individualvorstellung zur Seite ständen, eben gar nicht im Bewußtsein wären und daher auch nicht die erste Vorstellung allgemein machen könnten. Vielmehr muß der zweite Satz als nähere Ausführung des ersten gefaßt werden:
Daß die Abkürzung ohne Gefahr für die Richtigkeit des Denkens geschähe, besagt dann der vierte Satz, welcher nicht etwas Neues hinzubringen, sondern nur das ganze Verfahren noch klarer machen soll. Ziehen wir außerhalb dieser Stelle noch jene oben erwähnte von HUME BERKELEY untergeschobene Erklärung der Allgemeinbegriffe in betracht und fügen noch folgenden von HUME wenig später gebrachten Satz hinzu:
Eins ist bei dieser Ansicht HUMEs hoch anzuerkennen, daß er bestimmt behauptet, bei einem Allgemeinnamen werde ein Einzelding der Gattung mit allen individuellen Zügen vorgestellt, aber ein Fehler ist es, wenn er die allgemeine Funktion dieser Idee durch Hinzutreten des Namens und anderer Ideen erklärt. Es ist schon auffallend, daß HUME fast stets so spricht, als ob erst, nachdem der Allgemeinname genannt sei, die partikulare Idee resp. mehrere derselben vorgestellt würden; man sieht nicht recht ein, wie denn das stille Denken vor sich gehen soll, wenn man HUME nicht so auffaßt, daß unmittelbar mit der durch die Assoziationen herbeigeführten ersten partikularen Idee auch der allgemeine Name und diesem folgend dann die weiteren partikularen Ideen auftauchen müssen. Dann erscheint es aber doch wieder wunderbar, warum sich an die erste partikulare Idee gerade der allgemeine und nicht ein spezieller Name knüpft. Aber abgesehen hiervon können wir auch eine solche Assoziation aller Einzelideen derselben Gattung durch und unter dem Allgemeinnamen und eine Reproduktion infolge desselben unmöglich zugeben. Freilich weist HUME sehr richtig auf die Benennung mit gemeinsamen Namen infolge der Ähnlichkeit hin. Sicherlich haben viele Gattungsnamen erst dadurch ihre volle Bedeutung gewonnen, daß der Name eines Dinges bald mehreren, endlich allen ähnlichen Dingen beigelegt wurde. Täglich können wir bemerken, daß kleine Kinder zuerst z.B. jeden Mann "Papa", jede Frau "Mama" nennen, und überhaupt oft Dinge, die irgendwelche, ihnen besonders auffallende Eigenschaften gemeinsam haben, mit gleichem Namen belegen. Andere Beispiele dieser Art führt MAX MÜLLER an. HUME geht jedoch auf das Verhältnis der Ähnlichkeit zu der Benennung und besonders auf den Einfluß dieser Ähnlichkeit, d.h. der Gemeinsamkeit gewisser Eigenschaften bei Wiederholung derselben Wahrnehmungen nicht weiter ein; er sagt einfach, der Name bezeichne alle unter ihm zusammengefaßten Einzeldinge. Aber man hat doch, weil man nach der Ähnlichkeit benannte und dabei von anderen ungleichen Merkmalen, die aber doch überall vorhanden waren, absah, eigentlich nur die jedesmal gemeinsam vorhandenen Merkmale, auf deren Anwesenheit die Ähnlichkeit beruhte, benannt. Auch HUME übersah diese Folgerung, wie BERKELEY, weil er darin, daß ein Zeichen mit mehreren Individuen gleichzeitig verknüpft sei, den Grund der allgemeinen Verwendung des Zeichens sah. Aber schon bei BERKELEY ist bemerkt, daß Allgemeinheit auf einer Beziehung unter den Dingen selbst gründet. Eine allgemeine Sitte ist eine Handlungsweise, welche von jedem einzelnen Menschen ausgeübt wird, eine allgemeine, menschliche Eigenschaft ist eine Eigenschaft, welche jeder Mensch besitzt; ein allgemeines Zeichen ist darum allgemein, weil es etwas bezeichnet, das bei jedem Einzelnen vorhanden ist. So bezeichnet also der allgemeine Name Eigenschaften, welche vielen Dingen gemeinsam sind, nicht jedoch selbst viele Dinge. Es ist daher zum allgemeinen Denken nicht nötig, daß man über den Umfang eines Begrifes etwas in der Vorstellung desselben habe, sondern einzig und allein ist nur die richtige Hervorhebung des Inhalts, d.h. der wesentlichen Merkmale des Begriffes erforderlich. Darum braucht keineswegs der Name, weil er allgemein ist, uns zugleich oder nacheinander mehrere Einzeldinge ins Bewußtsein zu rufen, vielmehr lehrt auch gerade die Erfahrung, daß dies gewöhnlich nicht der Fall ist. Ich stelle mir, wenn ich vom Hunde im Allgemeinen rede, nicht mehrere Hunde gleichzeitig oder gar nacheinander vor; allerdings vermag ich es, und wenn ich es tue, so geschieht es absichtlich und willkürlich, um die Wesentlichkeit der an dem zuerst vorgestellten Einzelding haftenden Eigenschaften zu bestimmen. Dieses Mittel befestigt und klärt unsere Begriffe, aber es ist nicht der Begriff selbst. Aus dem Gesagten geht hervor, daß durch ein rein äußerliches hinzutreten des Namens und einiger unter ihm assoziierten Vorstellungen eine partikulare Idee nie allgemeine Geltung erhalten kann, sondern daß dies innerhalb der partikularen Idee und zwar durch besonderes Hervortreten der wesentlichen Merkmale geschehen muß. Denn diese bezeichnet ja eben der Allgemeinname, und mit diesen ist derselbe so eng assoziiert, daß ein Hervortreten der wesentlichen Merkmale in der partikularen Vorstellung den Allgemeinnamen und ein Vernehmen des Allgemeinnamens das Hervortreten der wesentlichen Merkmale in der partikularen Vorstellung herbeiführt. Wenn ich daher den Satz ausspreche: "der Mensch ist ein Tier", so drücke ich damit aus, daß in der Vorstellung oder Wahrnehmung eines Menschen, die ich gerade habe, die dem Tiere wesentlichen, d.h. mit diesem Namen bezeichneten Merkmale als besonders stark hervortretend erkannt werden, nicht aber, daß ich eine Gruppe Menschen und eine Gruppe Tiere und die erstere Gruppe als Teil der letzteren vorstelle. |