cr-3Tucholsky - Sprache ist eine WaffeKarl Kraus - Die Sprache       
 
FRANZ DEUBZER
Die Sprachkritik von Karl Kraus

"Sprachkritik ist eine Möglichkeit des "geistig beschäftigt sein ... lohnend durch das Nichtzuendekommen an einer Unendlichkeit, die jeder hat und zu der keinem der Zugang verwehrt ist."

Die Fehleinschätzungen der Arbeit von KARL KRAUS haben ihre Ursachen oft darin, daß einzelne seiner Aufsätze, sogar einzelne Sentenzen ohne Rekurs auf den gedanklichen Zusammenhang zur Grundlage einer Wertung gemacht werden. Die aphoristische, apodiktische [unumstößliche, wp] Sprache von KRAUS, die ihre Entschiedenheit immer einer satirischen, niemals einer normativen Absicht verdankt, mag dieses Vorgehen nahelegen, kann es aber nicht rechtfertigen. Als Beispiel dafür, daß auch in grundlegenden Untersuchungen solches gelegentlich vorkommt, kann eine Interpretation M. NAUMANNs stehen, der den Aphorismus: "Wenn ich die Feder in die Hand nehme, kann mir nichts geschehen. Das sollte sich das Schicksal merken". - unter die "exuberante(n) Proklamationen des Dichters und Satirikers" rechnet, welche "unangenehm" berührten und wie folgt ausgedeutet werden:
"Hatte die repressive Reaktion der Wiener Presse die dichterisch- satirischen  topoi  von KRAUS in das oft blumenlose Feld der Sprachkritik abgedrängt, so fühlte er sich dort konkurrenzlos - nicht als Herr der Sprache, wohl aber als Herr des Schicksals".
Der Aphorismus, der sich wörtlich genommen von vornherein jedem Zugang sperrt, wird so Anlaß zu einem völlig falschen Urteil: daß sich KRAUS im blumenlosen Feld der Sprachkritik als Herr des Schicksals fühlen konnte, ist absurd. Diese Absurdität steckt zwar im Aphorismus, doch dort ist sie ein konstitutives Element und deshalb sinnvoll. Löst man den Aphorismus aber in seine  inhaltlichen  Bestandteile auf, ohne die dabei veränderte Sprechsituation zu berücksichtigen, dann nimmt man ihn nur als positive Erkenntnis, die er ja niemals liefern will.

Zu einer Fehleinschätzung der Arbeit von KRAUS muß also kommen, wer ihn auf dem Weg solch positivistisch- pointillistischer Annäherung zu verstehen sucht. Es ist beispielsweise nicht schwer, ein Panoptikum von sprachmystischen oder gar spracherotischen Gedankensplittern KRAUS zusammenzustellen. Außerdem können mißverständliche Formulierungen von Autoren, bei denen ein tieferes Verständnis für KRAUS vorausgesetzt werden darf, dazu beitragen, den Nimbus eines Sprachesoterikers zu verdichten. Dem zu entgehen, vor allem aber zu zeigen, daß Sprachkritik in den Arbeiten von KARL KRAUS nicht bedeutet, daß er  Sprach -Kritiker war, ist Ziel der folgenden Überlegungen.

Am ehesten greifbar, wenn auch am wenigsten satirisch und deshalb am wenigsten charakteristisch, ist KRAUS Sprachkritik in seinen Aufsätzen zur "Sprachlehre", die seit Juni 1921 in unregelmäßigen Abständen in der  Fackel  erschienen. KRAUS war jedoch kein  Sprach -Lehrer, so wenig wie Sprach-Kritiker. Zwar könnte man daraus, daß er auf die Grammatikalität des Geschriebenen großen Wert legte, einen solchen Anspruch herauslesen. Doch im Gegensatz zum Sprach- und Stildidaktiker, dem die Regel und ihre Anwendung der Zweck seiner Arbeit ist, ist sie für KRAUS nur das Mittel zu dem Zweck, Eingang in die Sprache zu finden.

Denn da, wo eine Regel wirkt wo also  richtiges  von  falschem  Sprechen geschieden wird, kommen die Probleme der Sprache an der Sprache selbst zum Ausdruck. Für den Sprach-Lehrer bedeutet die Regel das Resultat, für KRAUS bedeutet sie die Prämisse; jener sieht in ihr das abstrakte Abbild der Regelmäßigkeit der Sprache, für KRAUS ist sie der Anhaltspunkt für das Unregelmäßige, Unbegriffene in der Sprache, das dort anfängt, wo die Regel aufhört. Die willkürliche Handhabung der Regel, wodurch sie zurückgenommen oder als unerheblich ausgewiesen würde, entzöge KRAUS Sprachkritik die Voraussetzung.

Das dialektische Verhältnis zwischen regelmäßiger, d.h. begriffener, und unregelmäßiger, d.h. (noch) unbegriffener Sprache kann niemals in einer endgültigen Synthese aufgelöst werden. Die Aufsätze KRAUS "Sprachlehre" behandeln deshalb auch fast ausschließlich Zweifelsfälle, die nicht pro oder kontra entschieden, sondern deren sprachliche Varianten in ihrer jeweils besonderen Bedeutung erhellt werden: "Fragen nun, die Probleme berühren oder enthalten, wären solche sprachkritischer Natur." heißt es in dem Aufsatz "Die  Neue Freie Presse  erteilt Sprachlehre". Durch solche  wirklichen  Fragen, die "entweder an ein Wissen rühren, das auch durch kein Nachschlagewerk so leicht zu erlangen ist, oder jenseits des Wissens etwas Problematisches betreffen ..." wird das Schulmeistern mit Bildungsfragen der Art, "an welchem Fluß Lyon liegt", bloßgestellt.

Die Sprachlehre von KARL KRAUS betrifft aber keinesfalls rein sprachliche Probleme. Wenn sie auch der "Belehrung" dienen soll, so spielt doch in einem "Vortrag über Konjunktive, Pronomina, Tempora, Kasus ... die Welt zwischen  Neuer Freier Presse  und BEKESSY eine beträchliche und namentliche Rolle ...". Und KRAUS Sprachkritik hat nicht rein syntaktisches, semantisches oder stilistisches Material zum Gegenstand, sondern das Denken und die Dinge, die durch jenes Material zum Ausdruck kommen. KRAUS hätte "insbesondere nicht Sprachkritik treiben (können), wenn ich nicht in der Welt lebte, die von den Firmen Ullstein, Mosse und Scherl (deutsche Buch- und Zeitungsverlage) geistig versorgt wird.


Zweck und Effizienz der Sprachkritik

Der Zweck von KRAUS' Sprachkritik ist, pointiert formuliert, Existenzerhellung,  nicht  Existenzklärung oder gar -bewältigung. Diese Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil auf der Verwechslung oder der vermeintlichen Kongruenz dieser Begriffe das Mißverständnis beruht, Sprachkritik könne unmittelbare Wirkung innerhalb der Gesellschaft, der Kultur oder der Politik erzielen. Sprachkritik kann keine Sinnvorgabe leisten und sie ist, wie aus dem Gesagten hinreichend deutlich geworden ist, keine Massenveranstaltung.

Im Gegenteil: sie ist eine Möglichkeit des "geistig beschäftigt sein ... lohnend durch das Nichtzuendekommen an einer Unendlichkeit, die jeder hat und zu der keinem der Zugang verwehrt ist. Sie leistet damit, was jedem Fraktioniertem widerstreben muß: sie demontiert die Parteiräson. Deshalb ist es nur ein Beweis vollkommenen Unverständnisses für KRAUS, ihn wegen seiner eigenwilligen rhetorischen Auftritte mit HITLER zu vergleichen, so wie ein anderes Mißverständnis in KRAUS einen wirksamen Antagonisten HITLERs und des Nazismus sah.

Abgesehen von der Inkommensurabilität der Mittel - "hie Waffe, hie Wort" - braucht man nur die an der Oberfläche greifbaren Adressaten festzustellen: das Kollektiv, in dessen Namen der Einzelne seinen Geist aufzugeben hat in doppeltem Sinn, und eben diesen Einzelnen. Auf den Vorwurf, er habe sich durch sein Schweigen "aus der Gemeinschaft der Kämpfenden ausgeschaltet, gab KRAUS die Antwort:
"Der Autor der Fackel, der es seinen Anhängern durchaus überläßt, die Beziehung zu ihm mit ihren sonstigen, ererbten oder erworbenen Idealen vereinbar zu finden, ist natürlich bereit, sich aus jeder nur möglichen Gemeinschaft, der er nie seinen Eintritt angemeldet, und aus jeder Genossenschaft, der er nie angehört hat, ausgeschaltet zu fühlen, wie überhaupt aus jeder Verbindung, die auf Grund eines Mißverständnisses zustande gekommen wäre..."
KRAUS Verzicht auf eine Parteizugehörigkeit bedeutete aber nicht den Verzicht auf Parteinahme. Er bedeutete auch nicht einen Rückzug ins Private. Er gingn lediglich von der Erkenntnis aus, daß ein gemeinsames, programmatisches Handeln der Individuen zum Zweck eines kollektiven Interesses nur auf der Ebene oberflächlicher Nutzhaftigkeit stattfindet und die Beteiligten in ein Verhältnis zueinander setzt, das mit  Beziehungen  angemessen bezeichnet ist, das darum die proklamierte Solidarität auf Dauer gerade verhindert.

Keine Ideologie, keine Bildung zu allgemeinen oder höheren Zwecken kommt umhin, den Einzelnen in seinen  eigentlichen Äußerungen  einzuschränken. Wird sein Geist passiv immunisiert, reproduziert jener, als "kundiger Thebaner", nur angetragene Meinungen. KRAUS Sprachkritik will dagegen eine aktive Immunisierung. Sie propagiert keine Ziele, sondern demonstriert eine Methode, eine Methode aber, die nicht einfah übernommen werden kann, sondern die jeder für sich selbst entwickeln muß. Deshalb gab seine Sprachkritik auch keine Systematik ihres Vorgehens oder eine systematische Sichtung ihres Gegenstands, sondern konkrete Beispiele dafür, wie Geist und Phantasie aktiviert werden, wenn sie die Sache beim Wort nehmen, wenn sie sie auf den Wert, der ihr vermittels der Sprache beigemessen wird, untersuchen.

Ein Leser, der "bei aller Wertschätzung für KARL KRAUS bemängelte, daß in der  Fackel  auch Nichtigkeiten breitgetreten würden, bekam zur Antwort: "Ich bin für derlei ein Problem der Quantität geworden! ... Es denkt so: Zehn Seiten sind "über" etwas geschrieben, dessen Beachtung im täglichen Berufsleben, das kaum Zeit für die Aufnahme der wichtigsten Themen gestattet, nicht eine Zeile verdienen würde. Also habe ich die Nichtigkeit offenbar breitgetreten. Denn über den NAPOLEON kann man ein Buch schreiben; wer jedoch über einen Feldwebel eines schreibt, hat das Thema breitgetreten ... Was schätzt mich da wert und was mag es an mir schätzen? Wenn ich eine Seite über dies Konstruktion schriebe, wie würde es die Wertschätzung für mich vollends verlieren!"

Die Phantasie muß also in den Stand gesetzt werden, daß sie die konventionelle öffentliche Auszeichnung der einen Sache um den Gedanken an die dadurch zwangsläufig verursachte Vernachlässigung einer anderen Sache ergänzt. Denn je mehr Unbedeutendes oder vermeintlich Bedeutendes zur Sprache kommt, desto mehr wird Erhebliches vergessen. In der Phrase findet dieses Mißverhältnis zwischen Schein und Sein den deutlichsten Ausdruck; sie ist der Inbegriff des toten Gedankens, der - hier ist die Metapher am Platz - in immer anderer Gewandung über die Zeit gebracht werden soll. KRAUS Sprachkritik dokumentiert, daß die Verschleierung nichts nützt, daß dieses Denken - vom Gemeinplatz über die Unwahrheit bis zur Lüge - entlarvt werden kann.

Das, worauf es seiner Kritik ankommt, läßt sich am klarsten an einem Passus aus dem gedanklich dichtesten Sprach-Essay KRAUS, "Die Sprache", zeigen:
"Welch ein Stil des Lebens möchte sich entwickeln, wenn der Deutsch keiner anderen Ordonnanz gehorsamte als der der Sprache! ... Die Sprache ist die einzige Chimäre, deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der das Leben nicht verarmt."
Die Stelle könnte weiteren Anlaß geben zu einer Kritik an KRAUS Sprachesoterik. Aber die Zusammenhänge sind anders. KRAUS schrieb diesen Aufsatz im Dezember 1932, kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Da Sprache und Verstand nur in Korrelation zueinander denkbar sind, ist KRAUS Gedanke vergleichbar KANTs Antwort auf die Frage, wie Aufklärung zustande komme: "Habe Mut, dich deines  eigenen  Verstandes zu bedienen!" Die Ordonnanz der Sprache ist deshalb eine so wünschenswerte, weil sie sich niemals wie eine jede andere überlebt und nicht wie sie die Gehorsamspflicht ausrufen muß zum Schutz vor der allgemeinen Erkenntnis ihres Absterbens.

Der blinde Gehorsam zu den gewöhnlichen, gewohnten Ordonnanzen soll durch die Aufmerksamkeit des Einzelnen für sein und Anderer Denken und Sprechen abgelöst werden. KRAUS Sprachkritik hat damit mittelbaren politischen Effekt: indem sie nicht aus parteitaktischen Gründen eine Sache tabuisiert oder mystifiziert, spricht sie jedem die Verantwortung zu, nach Maßgabe seiner eigenen Erfahrung und Erkenntnis zu einem Urteil zu kommen.

Dies ist kein Weg ins Ungewisse, weil Gewißheit oft nur bedeutet, daß vorhandene Ungereimtheiten durch übernommenes, überkommenes Denken kaschiert und nicht wirkungsvoll aufgelöst werden. Die Forderung, jeder möge für sich denken und sprechen, bedeutet auch nicht, daß die Vereinzelung befürwortet wird. Vielmehr ist, wie oben besprochen, eine Verständigung auf Dauer nur möglich, wenn man sie als Mittel, nicht als Zweck begreift.


Ideal und Wirklichkeit

In seinem Nachruf auf KARL KRAUS sagte A. POLGAR: "Er rächte das Ideal an der Wirklichkeit". Das ist richtig, wenn die Beziehung zwischen Ideal und Wirklichkeit im Denken KRAUS als dialektisch, aber falsch, wenn sie als dualistisch aufgefaßt wird. Die zweite Vorstellung stiftet ausdrücklich etwa G.ZEHM, der das gesamte Tun KRAUS kurz als den "puren Idealismus" deklariert. Die so behauptete Diskrepanz zwischen KRAUS Gedanken und der Realität gab seit je Anlaß zum Vorwurf, KRAUS habe an der Wirklichkeit vorbeigedacht. Der Gedankengang hin zu dieser Erkenntnis läuft gewöhnlich in folgendem Dreischritt ab:
- KRAUS war ein Idealist bzw. ein "großer Moralist";
- er hat deshalb "das Augenmaß" für die Wirklichkeit verloren und mit "blindwütigem Zorn" reagiert;
- weil er also den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit nicht überwinden konnte und ihm damit die Einsicht in die  conditio humana  abging, ist auch seinen Erkenntnissen nur mindere Bedeutung beizumessen.
Dabei verhält es sich in Wahrheit ganz anders. KRAUS war kein purer Idealist, weil den "unverantwortlichen Wortdreschern" des Journalismus der phrasenhafte Vertrieb von Idealen zufiel, wenn es gegen die Beherrschten und zugunsten der "Machtlüge ihrer Beherrscher" ging, ob nun deren "ästhetische Lebensausflucht" oder "das ruhig Abwägen der Gegebenheiten und Möglichkeiten" propagiert wurde. KRAUS war aber auch keine planer Materialist oder Realist, der nicht einer Politik mißtraut hätte, "die das  primum vivere  so banausenhaft traktiert, daß hinter diesem Primat keine höhere Verheißung mehr sichtbar wird als die lässige Hand, die die Reste vom Tische der bürgerlichen Kultur verabreicht".

Die dualistische Auffassung von Ideal und Wirklichkeit, die zwangsläufig Prioritäten setzt und sich damit einer Ideologie verpflichtet, indem das im Grund wechselseitige Verhältnis der beiden Begriffe auf die dogmatische Willkür einer "Welt"-Anschauung (einer strikt idealistischen bzw. strikt materialistischen) reduziert wird, wird mit KRAUS nicht fertig. Das Ideal entdeckte ihm die Wirklichkeit und gab ihm das Bessere zu denken, die Wirklichkeit entdeckte ihm das Ideal, von dem sie verleugnet wurde.

Die Opposition von Ideal und Wirklichkeit wird damit aufgehoben, sie bedingen und ergänzen einander und sind so die wechselseitig verschränkten Phänomene der Unternehmungen gegen die Ewigkeit des Wiederkehrenden Gleichen", die H. WOLLENSCHLÄGER als den Ausweis der "Instanz K.K." betrachtet. Die Brisanz dieser Unternehmungen und ihre Gegenwärtigkeit gründen sich darauf, daß KRAUS jede etablierte, das heißt petrifizierte Wirklichkeit als Idealzustand für die Entstehung von Unmenschlichkeit dekuvrierte und der deshalb auch heute jeden treffen muß, der es sich in ihr zu richten sucht.

KRAUS Insistieren auf dieser "Utopie ex negativo" (ARNTZEN) kann nur attakiert werden, indem man ihn als destruktiven Kritiker denunziert und sich gar nicht auf Grund und Absicht seiner Kritik einläßt, sondern ihre  Art  moniert und dabei z.B. feststellt, daß er "den (literarischen) Gegenständen seiner Kritik mit einem völlig unangemessenen Pathos der Vernichtung und Teufelsaustreibung entgegentrat. Besonders deutlich wird die Haltlosigkeit dieser Methode im Versuch ihrer wissenschaftlichen Fundierung, den M. MITSCHERLICH-NIELSEN in den "Psychoanalytischen Bemerkungen zu KARL KRAUS" unternommen hat.

Um einer knappen Probe von Sprachkritik, so wie sie hier verstanden werden soll, aber auch um der Illustration einer optimistischen Wissenschaft willen, der es um die Bestätigung vorgefaßter Interessen geht, soll daraus ausführlicher zitiert werden.

Bereits die in der Einleitung erklärte Absicht birgt das Problematische:
Als Psychoanalytikerin interessiere ich mich für die Lebensgeschichte von KARL KRAUS, um mit ihrer Kenntnis und der seiner Werke mir verständlich zu machen, warum er sich auf die für ihn so charakteristische, unerbittliche Weise mit "Sittlichkeit und Kriminalität", mit der sozialen Ungerechtigkeit, der falschen und doppelten Sexualmoral auseinandersetzte".
Das Problem liegt in der Kollision zwischen der arbeitsteiligen Formel "als Psychoanalytikerin" und der Behauptung, daß der Grund für die Unerbittlichkeit von KRAUS Kritik aus der psychoanalytischen Durchdringung von Biografie und Werk hervorgehen werde. Die Ursache oder vielmehr der Zweck dieses Widerspruchs wird erkennbar, als erklärt wir, daß das Instrument der Untersuchung, die Psychoanalyse, von vornherein in Opposition steht zum Gegenstand der Untersuchung, KRAUS Kritik:
"Es ist nicht zu leugnen: die Psychoanalyse erzieht zur Selbstkritik, sie lehrt bei äußeren Schwierigkeiten, Feindschaften, kritischen Einstellungen etc., erst einmal sich selbst zu beobachten, sich selber zu fragen, was man zu dieser Situation durch eigenes problematisches Verhalten beigetragen haben könnte".
Es geht also nicht um Erkenntnis, sondern um die Richtigkeit der Lehre der Psychoanalyse, um deren Beglaubigung willen KRAUS zum Kontrastmittel herabsinkt. Es geht nicht um den in der Einleitung vorgeschobenen Grund für KRAUS Unerbittlichkeit, sondern nur um den Nachweis, daß es für solche Unerbittlichkeit keinen Grund gebe, wenn man sich richtig, d.h. nach Maßgabe der Psychoanalyse verhalte. Auf vierzehn Seiten wird dieser Nachweis versucht und zu Ende gebracht mit dem Fazit:
"Die Sittlichkeit, das Über-Ich, das Gewissen von KARL KRAUS, das die Verlogenheit seiner Gesellschaft mit bewundernwertem Scharfsinn durchschaute, war gleichzeitig oft hart und intolerant."
KRAUS Erfahrung, daß die Gesellschaft verlogen war, wird so auf eine private moralische Verfassung zurückgeführt. Die behauptete moralische Verfassung wird dann aber kritisiert, weil sie gleichzeitig hart und intolerant gewesen sei, was die Autorin nicht als unerläßliche Bedingung des Widerstands gegen eine verlogene Gesellschaft (welche von W. BENJAMIN kurzerhand als "Sauherde" bezeichnet worden war), sondern als ethisches Defizit betrachtet werden.

Moral und Gewissen dürften zwar die Verlogenheit durchschauen, könnten aber bei diesem Unternehmen nur soweit toleriert werden, als sie nicht hart und intolerant sich gerieren. Anstatt die Selbstverständlichkeit zu sehen, daß  Gewissen  die Aufhebung von Verlogenheit erreichen will und vorher gar nicht schweigen kann, wird eine imaginäre Grenze fixiert, die die Aufhebung des Gewissens durch es selbst fordert. Eine KRAUS bestätigende Äußerung ADORNOs repliziert MITSCHERLICH-NIELSEN mit der Phrase, daß sie "gewiß den Nagel nicht auf den Kopf" treffe und mit der Begründung:
"Sicher, es gibt genügend Situationen, wo Menschlichkeit gebietet, daß das Verständnis im Sinne von Entschuldigung aufhört. Die Einfühlung in den anderen, auch Andersdenkenden, das Verständnis für des anderen Andersartigkeit und die Distanz zu sich selber, d.h. das Wissen um eigene untergründige Motive, die unser Handeln, unsere Urteile bestimmen, und um Projektionen verdrängter Aggressionen und Gekränktheiten sind aber im alltäglichen mitmenschlichen Verkehr die Vorbedingung, daß Menschlichkeit gedeihen kann."
Die begütigende Einschränkung zu Beginn des Zitats kommt über eine  captatio benevolentiae  eventuell Andersdenkender nicht hinaus (die Beschwichtigunsformel  Sicher , ist schon verdächtig). Dagegen wird  Einfühlung  in das  Denken  des andern und Distanz zu sich selbst empfohlen, damit die Bedingtheit des eigenen Denkens klar werde. Die Weisung, jedes Denken durch ein anderes Denken zu relativieren, ist aber entweder trivial, wenn sie meint, sich gedanklich, also sprachlich mit anderen auseinanderzusetzen, oder aber sie muß zur Unfähigkeit eigenen Denkens überhaupt führen, wenn sie meint, in einer sublimen Form der Gewissenserforschung Auskunft bei sich einzuholen,  warum  man so und nicht anders denke (also das Problem auf eine Ebene zu verlagern, wo der pure Idealismus herrscht).

Vor allem aber wäre zu beachten, wessen Interesse KRAUS Kritik gedient hat. Vor allem aber wäre zu belegen, welches persönliche Interesse KRAUS den Vorwurf mangelnder Selbstkritik rechtfertigte. Nichts Widersinnigeres, als sie an einer Arbeit, die gerade durch die Abwesenheit sogenannter  privater  Absichten charakterisiert ist, zu vermissen. Aber das Momento der Selbstkritik, das heute mit tiefem Ernst und hohen Augenbrauen auf allen Wegen wandelt, ist Ausdruck einer Entwicklung, die gerade noch darüber erschrecken kann, daß es sie vor der eigenen Interessenbedingtheit nicht graut.

Es ist Ausdruck einer exhibierten Bedenklichkeit, die auch dort, wo nichts mehr zu überlegen, sondern nur noch etwas anders zu machen ist, im Verein mit sich selbst das Für und Wider der eigenen Schlechtigkeit erörtert (und diese vorsichtshalber "problematisches Verhalten" nennt). Darum unternimmt der Vollzug von Selbstkritik nur den Versuch, den Mangel an Urteilskraft und wirklicher Betroffenheit auszugleichen.


Sprachkritik und Urteilskraft

"Der Kern von KRAUS Sprachkritik ist eine Überprüfung des Vorstellungsvermögens am Beispiel der Sprache des einzelnen". Das ist ganz richtig erkannt. Die "Überprüfung des Vorstellungsvermögens am Beispiel der Sprache des einzelnen" auf den Begriff gebracht ist nichts anderes als eine Kritik der Urteilskraft (im Sinn SCHOPENHAUERs), d.h. eine Kritik der "Fähigkeit, die anschauende Erkenntnis in die abstrakte zu übertragen und diese wieder richtig auf jene anzuwenden".

Je mehr diese Fähigkeit einem Interesse dienstbar gemacht wird, desto mehr trübt sie sich ein. Am klarsten erscheint sie deshalb in der Dichtung und in der Philosophie. Für KRAUS standen sich deshalb gegenüber die Sprache der Literatur und die Sprache der Presse als der Anfang und das Ende der vielen Welten, die "zwischen der Auskultation eines Verses und der Perkussion des Sprachgebrauches Raum (haben)". Solange diese Polarität besteht, solange Leitartikel wie Leitartikel verfaßt und gelesen werden und die Urteilskraft der Literatur respektiert, d.h. ihr überlassen wird, hat alles seine Ordnung. Doch mit der Presse, mit der feuilletonistischen Presse, welche jeden Tat etwas Neues zu sagen vorgeben muß, mußten die Sprachwelten durcheinander kommen.

Viele ihre Schreiber, damals wie heute, sind Spekulanten, aber sie geben sich als Beauftragte für Ethik und Ästhetik aus. Deshalb wollte KRAUS die Presse nicht ändern, sondern abschaffen, weil sie gar nicht anders als auf der Basis bestimmter Interessen funktionieren kann, weil sie irgendeine Meinung oder auch nur sich selbst  verkaufen  wollen muß. Weil es ihr also schon immer nicht auf Urteilskraft ankommt, kann sie die ihrer Leser nicht kräftigen, sondern allenfalls deren Meinungen multiplizieren bzw. sie darin bestärken (was sich auch darin äußert, daß jeder das liest, was ihn bestätigt).

Auf diese Weise wird das Vorstellungsvermögen niemals aktiviert, im Gegenteil: der  Stoff  und das  Ornament , oder die  Sensation  und die  Scheibe , wie es heute heißt, sind die Krücken des Geistes und töten die Phantasie ab. Der einzige praktische Nutzen der Literatur wie der Sprachkritik von KARL KRAUS ist, die Urteilskraft zu festigen, während der Ausfall aller Phantasie letzten Endes mit Sicherheit bedeutet: daß man gezwungen ist zu erleben, was man sich nicht mehr vorstellen kann.

LITERATUR - Franz Deubzer, Methoden der Sprachkritik - Münchner Germanistische Beiträge, München 1980