ra-1ra-1tb-2E. Dubois-ReymondK. MarbeL. NelsonA. Berkowitz    
 
EMILE MEYERSON
(1859-1933)
Identität und Wirklichkeit
[6/6]

"Galilei  und  Descartes  haben die Physik umgewandelt und die aristotelischen Vorstellungen endgültig ausgeschaltet. Beide sind Mechanisten und vor allem  Descartes  verkündet mit unvergleichlicher Gewalt und Autorität die Lehre, daß jede Erscheinung sich letzten Endes auf eine mechanische Veränderung zurückführen lassen muß."

"Wir haben das Bedürfnis zu begreifen, und wir können das nur, wenn wir eine Identität in der Zeit annehmen. Die Veränderung muß also eine bloß scheinbare sein, hinter ihr muß sich eine allein wirkliche Identität verbergen. Aber das scheint ein Widerspruch zu sein. Wie kann ich als identisch  auffassen,  was ich als verschieden  wahrnehme?" 

"Hypothesen erhalten ihre erklärende Kraft fast ausschließlich aus Überlegungen, die den Raum und die Zeit betreffen, in erster Linie aus der Aufrechterhaltung der Identität in der Zeit. Irgendetwas  muß  bestehen bleiben; die Frage, was dieses Beständige ist, bleibt dabei verhältnismäßig nebensächlich. Unser Geist ist sich der Schwierigkeit der kausalen Erklärung bewußt und resigniert sozusagen von vornherein in dieser Hinsicht; wird nur sein Streben nach etwas in der Zeit Beharrlichem befriedigt, so ist er bereit, für diesen Zweck irgendetwas, sei es auch etwas Unerklärtes und durchaus Unerklärbares hinzunehmen."



Zweites Kapitel
Die Mechanistik
[Fortsetzung]

Ungeachtet des gewaltigen Fortschritts, den die Himmelsmechanik durch das von NEWTON entdeckte Gesetz machte, stieß die Hypothese der allgemeinen Gravitation, als sie zuerst ausgesprochen wurde, dennoch auf heftigen Widerstand von seiten der Zeitgenossen. Vor allem LEIBNIZ war ein sehr entschiedener Gegner dieser Theorie. Ebenso erklärte HUYGENS, "es hieße dunkle und unverstandene Prinzipien formulieren", wenn man die Gravitation auf "irgendwelche inneren und inhärenten Qualitäten zurückführen wolle". (49) Er hat sich übrigens große Mühe gegeben, eine mechanische Theorie der Gravitation aufzustellen, aber ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. NEWTON selbst scheint, wenigstens zu Beginn seiner Arbeiten, die Möglichkeit erwogen zu haben, die Gravitation auf eine Wirkung des Mediums zurückzuführen. (50)

Die neue Vorstellung schien sich direkt aus dem von NEWTON aufgestellten Gesetz zu ergeben und dieses herrschte unumschränkt über einen der wichtigsten Teile der Physik, der sich am schnellsten und am vollständigsten entwickelt hatte. In anderen Teilen gestattete sie wichtige Vereinfachungen der Rechnung und versprach, wie wir sahen, die Grundlage für eine allgemeine Theorie der Materie zu liefern. Es war also sehr natürlich, daß sie den Sieg davontrug. Erstaunlich sind im Gegenteil die Widerstände, die sich ihr in den Weg stellten. Ohne Zweifel kann man die anfänglichen Widerstände dem Einfluß DESCARTES' zuschreiben, der sowohl der Wissenschaft als auch der Philosophie seinen Stempel aufgedrückt hatte und sogar so starke Geister wie LEIBNIZ und HUYGENS beherrschte. Prüft man jedoch, was sich in der Folge zutrug, so bemerkt man, daß es in der Wissenschaft immer eine starke Strömung gegen die Vorstellung der Fernwirkung gegeben hat. d'ALEMBERT behandelt die Kräfte soweit sie Bewegungsursachen sein sollen, als "dunkle und metaphysische Wesen, die über eine durch sich selbst klare Wissenschaft nur Finsternis zu verbreiten geeignet sind". (51) Ein wenig später erklärt EULER, daß man sich mit der Annahme einer Fernwirkung in Widerspruch zum Trägheitsprinzip setze, denn nach diesem soll ein Körper seine Bewegung nur durch den Stoß eines anderen ändern. (52) 1771 stellt AEPINUS fest, daß man noch immer die Kräfte als "okkulte Qualitäten" ansieht. (53) Noch nach LAGRANGE und COULOMB bedienten sich viele Physiker zwar unbedenklich der "Zentralkräfte", hörten aber trotzdem nicht auf, in der Vorstellung einer momentanen Wirkung durch den Raum hindurch einen Stein des Anstoßes, ja beinahe ein Ärgernis für die Physik zu sehen. Man findet bei STALLO (54) eine lange Reihe von Zitaten, die in dieser Hinsicht sehr beweiskräftig und ausschließlich Physikern des XIX. Jahrhunderts entnommen sind. Man könnte dieses Verzeichnis beinahe unbegrenzt fortsetzen. Wir wollen uns damit begnügen, als besonders bezeichnend die Erklärung von SIR WILLIAM THOMSON ( LORD KELVIN) hinzuzufügen, der die Hypothese der Fernwirkung für "das phantastischste aller Paradoxe" bezeichnet (55). Vielleicht noch merkwürdiger ist es, daß auch Physiker, die in dieser Hinsicht eine weniger ausgesprochene Stellung einnehmen, dennoch bei geeigneter Gelegenheit bezeugten, wie gerne sie ohne die Fernwirkung auskommen würden. So meint GAUSS, der sich doch selbst als Newtonianer bezeichnete, daß für die Elektrizität die Vorstellung einer zeitlichen Ausbreitung derjenigen der momentanen Ausbreitung bei weitem vorzuziehen wäre (und das zu einer Zeit, als keinerlei Versuche eine derartige Behauptung rechtfertigten) (56). Ebenso empfand FARADAY, obwohl er theoretisch den Gedanken von BOSCOVICH zu folgen vorgab, einen großen Widerwillen gegen die Vorstellung von Kräften, die fern von ihrem Sitz und ohne physikalischen Zusammenhang mit ihrem Ursprungsort wirken sollen. (57) MAXWELL erklärte, es würde genügen, daß eine wissenschaftliche Theorie Aussicht böte, mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einer Erklärung der Schwerkraft zu führen, um Naturforscher zu veranlassen, dem Ausbau dieser Theorie den Rest ihres Lebens zu widmen. (58) Und dieselbe Ansicht drückt HELMHOLTZ aus, der doch bekanntlich seinen Beweis des Energieprinzips auf die Hypothese der Zentralkräfte gegründet hatte. (59)

Demnach faßt also SIR J. J. THOMSON einfach die Sachlage zusammen, wenn er erklärt, daß die Fernwirkung zwar wegen der Erleichterungen, die sie für die Rechnung bietet, vielen Mathematikern plausibel erschienen sei, daß aber die größten Physiker sich niemals hätten entschließen können sie zu akzeptieren. (60) Daher sind denn auch zahllose Versuche gemacht worden, um sich von ihr zu befreien. Nach HUYGENS haben HOOKE, VARIGNON, FATIO de DUILLIERT, REDEKER, EULER, CHALLIS, GUYOT, SCHELLBACH, GUTHRIE, THOMSON und viele andere sich daran versucht. (61) Die Theorie, die unbestritten den größten Erfolg gehabt hat, war die von LE SAGE (62). MAXWELL war der Ansicht, daß dies die einzige widerspruchslose Gravitationstheorie sei, die jemals aufgestellt worden ist. (63) Bekanntlich besteht die Hypothese LE SAGEs in der Annahme, daß die Gravitation das Ergebnis der Stöße einer ungeheuren Zahl von Korpuskeln sei, gegen die sich die Himmelskörper gegenseitig abschirmen. Die Schwierigkeiten, die diese Theorie mit sich bringt, sind enorm: nicht nur muß man annehmen, daß ein Körper von der Dichte der Erde für die fraglichen Korpuskeln fast völlig durchdringlich ist, sondern es ist auch, wie MAXWELL feststellt, (64) unmöglich diese oder auch irgendeine andere mechanische Theorie der Gravitation mit dem Prinzip der Erhaltung der Energie in Einklang zu bringen. Außerdem hat LAPLACE als untere Grenze für die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Gravitation eine Geschwindigkeit angegeben, die 100 oder mindestens 50 Millionen mal größer ist als die des Lichts, (65) d. h. man mußte diese Geschwindigkeit und damit die der besagten Korpuskeln als annähernd unendlich ansehen. Es ist außerordentlich bezeichnend, daß alle diese Schwierigkeiten nicht verhindert haben, daß angesehene Physiker sich ernsthaft um die Prüfung und Weiterentwicklung dieser Theorie bemüht haben. Man wird dadurch zu der Annahme genötigt, daß die innere Abneigung gegen die Hypothese der Fernwirkung einen sehr starken Einfluß auf ihren Geist ausgeübt hat.

Es muß bemerkt werden, daß die Physiker bei diesem Bemühen keineswegs auf die Unterstützung der Philosophen rechnen durften; denn diese schienen sich im Gegenteil mit der Fernwirkung vorzüglich abzufinden. KANT postuliert sie ausdrücklich in seinen  Metaphysischen Anfangsgründen  und macht sie zum Eckstein seiner Theorie der Materie. Wenn er später in seinem nachgelassenen Werk  Vom Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik  in dieser Hinsicht weniger entschieden urteilt, so hat er den fraglichen Begriff doch niemals verleugnet. (66) SCHOPENHAUER nimmt womöglich noch entschiedner Stellung; die Kraft ist ihm etwas Ursprüngliches, wofür man keinen Grund suchen kann. (67) Ebenso haben die Naturphilosophen unaufhörlich mit Kräften operiert. Diese Überlieferung hat sich auch später erhalten; der Begriff der Fernwirkung ist in der deutschen Metaphysik sozusagen gangbare Münze geworden, wie man bei EDUARD von HARTMANN sehen kann (68). In Frankreich betrachtete AUGUSTE COMTE den Begriff der Gravitation als über jeden Streit erhaben und warf den Astronomen der früheren Zeit vor, sie seien "fast stets beherrscht gewesen von den zeitgenössischen Vorurteilen hinsichtlich der eitlen Suche nach den Ursachen." (69) In England redete JOHN STUART MILL vom "Vorurteil" gegen die Fernwirkung und beglückwünschte seine Zeitgenossen dazu, daß sie sich von ihm freigemacht hätten (70) und HERBERT SPENCER benutzte den Kraftbegriff ohne Bedenken genau wie die Naturphilosophen. (71)

Die Haltung der Physiker in dieser Frage hat auf STALLO einen starken Eindruck gemacht, (72) ein Zeugnis, das umso schwerer wiegt, als ihm selbst ebenso wie JOHN STUART MILL ihr Widerstand als Ausfluß eines bloßen Vorurteils erscheint, dessen einzige Quelle er in dem Umstand sieht, daß wir selbst nur bei Berührung auf die Körper wirken können. Es sei übrigens bemerkt, daß die Gegner der Fernwirkung im allgemeinen einen ähnlichen Standpunkt eingenommen haben. Wir werden später Gelegenheit haben, auf diese Betrachtungen zurückzukommen. Aber die wahren Gründe für den Widerstand der Naturforscher gegen die Annahme einer Fernwirkung scheinen uns sehr viel tiefer zu liegen.

Versuchen wir uns in Gedanken die Wirkung der Schwerkraft vorzustellen, so benutzen wir sicher ein Verfahren, das früher oft dazu diente, die Vorstellung von "Zentralkräften" im allgemeinen plausibel zu machen. Wir stellen uns nämlich Flächen vor, die in verschiedenen Entfernungen von Zentrum senkrecht zum Radius stehen. Alsdann kommen wir leicht zu der Überzeugung, daß (wenn wir das Licht zum Vergleich benutzen) dieselbe Beleuchtung sich auf eine umso größere Fläche verteilt, je weiter diese vom Zentrum entfernt ist und zwar im Verhältnis des Quadrates der Entfernung. Wir sehen also, wie bei der Gravitation dieselbe Kraft sich sozusagen wie eine Flüssigkeit auf Kugeloberflächen von wachsendem Durchmesser verteilt; das liefert uns ein scheinbar befriedigendes räumliches Bild. Man kann mit LOTZE danach fragen, was den dauernden Fluß dieser Pseudo-Flüssigkeit hervorbringt und was aus ihr wird, wenn sie auf ihrem Weg keinem Körper begegnet. (73) Es kann auch wunder nehmen, daß dieser Fluß die Körper, die er anziehen soll, nicht vielmehr abstößt. Aber das Wesentliche ist, daß das räumliche Bild selbst ein täuschender Schein ist und daß der Begriff der Fernwirkung im Grunde dem des Raums widerstrebt.

Wir kennen die Materie nur durch ihre Wirkung; das folgt aus der Definition der  Materie.  Die Vorstellung einer Materie, die wahrhaft und absolut träge wäre, also weder auf unsere Sinne noch auf andere Materie wirken und auch nicht auf sie reagieren würde, diese Vorstellung wäre ein in sich widerspruchsvoller Begriff; eine solche Materie könnte nicht  existieren,  den "existieren" und "wirken" sind in diesem Fall durchaus gleichbedeutend. "Ihr Sein ist ihr Wirken", sagt SCHOPENHAUER, "kein anderes Sein ist auch nur zu denken möglich". (74) Es folgt daraus, daß eine Materie, die gleichzeitig im ganzen Raum wirken soll, streng genommen im ganzen Weltall zugleich existiert. Das sieht man deutlich in der rein dynamischen Theorie: BOSCOVICHs Atom befindet sich überall eher als in seinem "Zentrum". Als Antwort auf diesen Einwand haben die Dynamisten zu beweisen versucht, daß wir auf jeden Fall zu der Annahme genötigt sind, daß eine Materie da wirkt, wo sie nicht ist. KANT sagt: "Ein jedes Ding im Raum wirkt auf ein anderes nur an einem Ort, wo das Wirkende nicht ist. Denn sollte es an demselben Ort, wo es selbst ist, wirken, so würde das Ding, worauf es wirkt, gar nicht  außer  ihm sein; denn dieses  Außerhalb  bedeutet die Gegenwart in einem Ort, darin das andere nicht ist. Wenn Erde und Mond einander auch berührten, so wäre doch der Punkt der Berührung ein Ort, in dem weder die Erder noch der Mond ist." (75) Wenn man so schließt, so übersieht man vollkommen die Stetigkeit des Raums; das sieht man deutlich, wenn man an die Stelle des Raums die Zeit setzt. Die Hypothese der Fernwirkung besteht in der Annahme, daß eine Erscheinung eine andere bedingt und daß im Zwischenraum nichts geschieht. Sicher wird man sagen, daß dieser Zwischenraum von der Kraft  durchlaufen  wird. Da aber die beiden Erscheinungen gleichzeitig stattfinden sollen, durchläuft die Kraft den Zwischenraum nicht, sondern sie überspringt ihn, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf. Kann man etwas Ähnliches für die Zeit zulassen? Kann eine Erscheinung eine andere über die Zeit hinweg bedingen, ohne daß sich in den dazwischenliegenden Augenblicken irgendetwas ändert? Offenbar nicht. Wir drücken uns freilich oft so aus, als wäre ein Ereignis die Folge einer entfernten Vergangenheit. Das ist aber nur eine  facon de parler  [Redewendung - wp]. Im Grunde wissen wir sehr gut, daß auch in der Zwischenzeit Veränderungen stattgefunden haben, mögen sie auch unserer Aufmerksamkeit entgangen sein. Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht darum, die Frage zu entscheiden, ob die Zeit und der Raum wirkliche Kontinua sind oder nicht; sicher ist jedenfalls, daß wir sie als solche voraussetzen müssen, um uns ein Wirken vorzustellen. (76) Es liegt deshalb nahe, zu fordern, daß jeder Ort des Raums nur vom Wirkungsprinzip der Nachbarorte beeinflußt sei, gerade wie jeder Augenblick durch den vorhergehenden bedingt ist und seinerseits den unmittelbar folgenden bedingt. Gibt man weiter diese Einschränkung hinsichtlich des Raums auf und räumt man ein, daß ein Körper wirklich an einem Ort wirken und dort eine Veränderung hervorrufen könne, ohne in den dazwischenliegenden Räumen irgendetwas zu verändern, warum sollte der Körper dann nicht auch an einem entfernten Ort  erscheinen  können, ohne die Orte zu passieren, die die beiden Positionen voneinander trennen? Warum, da er doch gleichzeitig überall wirkt, sollte er nicht auch an zwei verschiedenen Orten zugleich erscheinen? (77) Derartige Annahmen sind übrigens, so ausschweifend sie erscheinen mögen, im XVIII. Jahrhundert von PRÉMONTVAL ausgesprochen worden und man kann aus seinem merkwürdigen Büchlein ersehen, daß sie ganz unmittelbar an die Vorstellung von der Fernwirkung angeknüpft werden. (78) Ebenso bezeichnend ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß ein moderner Autor in einem Buch, das übrigens wirkliches Interesse bietet, (79) die Wirkung der Schwerkraft mit der Hypothese einer vierten Dimension in Verbindung gebracht hat; auf dieselbe Annahme stützen die Spiritisten Gedanken, deren Verwandtschaft mit denen PRÉMONTVALs nicht geleugnet werden kann und bekanntlich hat ZÖLLNER diese Annahme in ähnlicher Absicht benutzt. (80) Das liegt daran, daß die Fernwirkung tatsächlich die Idee des Raumes aufhebt. Das vollzieht sich, wie ein berühmter Philosoph, übrigens ein Anhänger der Fernwirkung, es drastisch ausgedrückt hat, "hinter dem Rücken des Raumes." (81) Die Vorstellung ist antispatial [antiräumlich - wp] oder mindestens  aspatial. 

Der Widerstand der Physiker ist also berechtigt. Stets hat die Wissenschaft sich nur widerwillig mit der Fernwirkung abgefunden und hält nur notgedrungen an ihr fest. Sie wird solange dazu genötigt sein, wie die Bewegungen der Himmelskörper sich nicht anders erklären lassen als durch die Annahme einer momentanen Ausbreitung der Gravitation. Sobald aber diese Hypothese nicht mehr unbedingt unentbehrlich sein wird, sobald es erlaubt sein wird, der Ausbreitung der Gravitationswirkung eine endliche Geschwindigkeit zuzuschreiben, wird diese Vorstellung bestimmt verschwinden, ohne jemals wiederzukehren; denn einen zeitlichen Sprung, der dem durch die Fernwirkung verlangten räumlichen Sprung entsprechen würde, hat nie jemand für möglich gehalten und wird auch wahrscheinlich niemals jemand annehmen. Das hat sich übrigens bei den anderen "Fernkräften" gezeigt, die man eine nach der anderen durch Nahewirkungen ersetzt hat, sobald man sich überzeugt hatte, daß ihre Ausbreitung Zeit brauchte. HERTZ hat in seiner berühmten Rede  Über die Beziehungen zwischen Licht und Elektrizität  (82) diese Entwicklung geschildert und die Vermutung ausgesprochen, daß auch die Gravitation dieses Schicksal teilen würde. Es scheint, als sei diese Voraussage im Begriff, sich zu bewahrheiten; besonders die Arbeiten des berühmten holländischen Physikers H. A. LORENTZ sowie die von WILHELM WIEN und anderen gehen in dieser Richtung. Wie wir früher gesehen haben, glaubte LAPLACE der Schwerkraft eine märchenhaft hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit als untere Grenze zuschreiben zu müssen. Wie WIEN auseinandersetzt, war das ein prinzipieller Irrtum. Um derartige Berechnungen auszuführen, müßte man imstande sein, die Anziehungskraft eines Körpers zu vergrößern oder zu verringern und dann die Störungen zu beobachten, zu denen diese Änderungen Veranlassung geben würden. Nun haben wir aber nicht die geringste Möglichkeit, die Schwere eines Körpers irgendwie zu ändern; sie bleibt vielmehr absolut konstant; es kann sich also nur um die Veränderungen handeln, die durch die Bewegungen der Himmelskörper hervorgerufen werden. Diese Veränderungen aber sind, wie LORENTZ gezeigt hat, äußerst winzig; es sind Größen zweiter Ordnung. Es steht also der Annahme einer endlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit der Gravitation nichts mehr im Weg, man kann sie z. B. gleich der des Lichts und der Elektrizität annehmen. (83) Es scheint allerdings, als sei diese Theorie von den Physikern noch nicht allgemein anerkannt; aber sie hat unter ihnen zahlreiche Anhänger; die soeben angeführten Namen genügen, um zu beweisen, wie sehr sie unsere Aufmerksamkeit verdient. Wenn es gelingt, sie einwandfrei zu begründen, so ist klar, daß dann die Vorstellung der Fernwirkung endgültig verschwinden wird; denn es gibt dann im ganzen Bereich der Wissenschaften keine einzige Tatsache mehr, die uns diese "Extravaganz", um mit LORD KELVIN zu reden, aufnötigen würde (84).

Fassen wir die Ergebnisse unserer kurzen Prüfung mit einigen Worten zusammen: die mechanistischen Theorien zeigten sich uns als zugleich sehr verwickelt und im Grunde mit unheilbaren Widersprüchen behaftet, also für den menschlichen Geist unendlich wenig befriedigend. Scheint dieses Ergebnis nicht denen Recht zu geben, die diese Theorien entweder ganz aus der Wissenschaft ausschließen oder ihnen lediglich die Rolle von Gedächtnishilfen einräumen wollen?

Versucht man jedoch andererseits die physikalischen Theorien aller Zeiten zu überblicken, so kann man sich nicht dem Eindruck entziehen, daß sie sich alle aus den gleichen Elementen aufbauen. Zuweilen wird, besondes in populärwissenschaftlichen Büchern, die Atomistik als das letzte Wort der Wissenschaft gepriesen, als ein Ergebnis, zu dem sie sich mühsam durchgerungen hätte. Da aber das hohe Alter der atomistischen Systeme nicht zu leugnen ist, so hat man versucht, zwischen den modernen Systemen und denen der Alten einen Unterschied zu konstruieren; man erklärt nämlich diese für "willkürliche spekulative Vorstellungen", während man jene als "echte Entdeckungen der Naturforschung" bezeichnet. Schon F. A. LANGE hat auf diese Behauptung BÜCHNERs in seiner  Geschichte des Materialismus  die gebührende Antwort erteilt. (85) In Wirklichkeit ist die Ähnlichkeit zwischen beiden vollkommen.

So unvollkommen unsere Kenntnisse über die Anfänge des menschlichen Wissens sind, soviel können wir doch sagen, daß die Atomistik bereits mit der Morgenröte der Wissenschaft in der einen oder der anderen Form auftritt. In Indien ist sie seit dem zwölften vorchristlichen Jahrhundert vollendet; sie war dort, wie ihr Geschichtsschreiber MABILLEAU feststellt, "nicht nur die erste, sondern auch die beständigste und beinahe einzige Form der Naturphilosophie". (86) Es werden dort zwei Hauptsysteme der atomistischen Philosophie verzeichnet. Das der Zeit nach erste, das System KANÂDAs nähert sich den Ideen des ANAXAGORAS in dem Sinne, daß es qualitativ verschiedene Atome annimmt. KANÂDAs Atome sind ausdehnungslos; sie sind mit einer gewissen Fähigkeit oder Potenz ausgestattet (wenn man nach den Textbruchstücken schließen darf, die wir bei MABILLEAU finden, hat diese eine merkwürdige Ähnlichkeit mit LEIBNIZ'  Antitypie)  und auch mit Schwere, weswegen sie fallen. Natürlich wird jede materielle Tatsache auf eine Ortsveränderung zurückgeführt, das ist ja die wesentliche Grundlage einer jeden mechanistischen Theorie. (87) Im Gegensatz zu KANÂDA erkennen die  Jainas  keine qualitativ verschiedenen Elemente an, sondern ihre Atome sind homogen wie die des LEUKIPP und des DEMOKRIT (88). Später scheint vor allem  dieses  System bei den Indern geherrscht zu haben. In Griechenland datiert man im allgemeinen die Atomistik von LEUKIPP. Die Beziehungen zwischen ihm und DEMOKRIT kennen wir wenig. (89) Wir wissen daher nicht genau, welchen Anteil jeder von ihnen am System hat, das unter dem Namen des letzteren bekannt ist, aber sicher zu einem großen Teil auf den ersteren zurückgeht. Über dieses System ist alles gesagt worden, und das mindeste, was man von ihm behaupten kann, ist seine absolute Vollständigkeit; so wie es im fünften vorchristlichen Jahrhundert aus den Händen dieser Griechen hervorgegangen ist, genau so - abgesehen von bedeutungslosen Verbesserungen - sehen wir es bei den Philosophen und Naturforschern der Neuzeit wiedererstehen und sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts halten, d. h. bis zur Aufstellung der elektrischen Theorien der Materie. Um es zusammenzufassen, genügt es, ein paar der wunderbaren, aber leider so seltenen Fragmente anzuführen, die uns von DEMOKRIT überliefert sind. "Es gibt zwei Arten der Erkenntnis; die wirkliche und die getrübte Erkenntnis; zur getrübten Erkenntnis gehören alle Dinge des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens; die wirkliche Erkenntnis ist von dieser verschieden." "Das Süße und das Bittere, das Warme und das Kalte, die Farbe, dies alles sind bloße Meinungen; wahr sind allein die Atome und das Leere." "Alles, was wir an Wahrem im Hinblick auf das Ding selbst wahrnehmen, ist verändert in Bezug auf die Lage des Körpers und der Dinge, die auf uns fallen oder uns widerstehen." (90) Die Atomistik des EPIKUR, die sich wenig von der des DEMOKRIT unterscheidet (wir sind sogar über die Natur dieser Unterschiede nicht genau orientiert (91) war eine der herrschenden Philosophien des Altertums und hat in der lateinischen Welt das unvergängliche Meisterwerk des LUKREZ  De natur rerum  entstehen lassen. Die Werke HERONs von Alexandria und VITRUVs (92) beweisen, daß die Physiker gewohnt waren, die atomistischen Vorstellungen zugrunde zu legen, wenn sie diese auch zuweilen mit solchen vermengten, die von den Philosophen der "Qualität" entliehen waren. Sogar in der Medizin war eine Korpuskulartheorie sehr verbreitet; das sehen wir aus dem Buch des CAELIUS AURELIANUS (93), das sich großen Ansehens erfreute. Die ersten Christen zitierten gerne LUKREZ; sogar nach dem endgültigen Sieg des Christentums halten SANKT AMBROSIUS und SANKT HIERONYMUS an der Physik des EPIKUR fest, während sie gleichzeitig seine Philosophie seine Philosophie bekämpfen. (94) Im achten Jahrhundert bekennt sich RABANUS MAURUS zu durchaus atomistischen Ansichten, die er dem LUKREZ entnommen zu haben scheint (95). Um dieselbe Zeit bildet sich eine Schule von jüdischen Atomisten; wir kennen sie aus der Widerlegung, die ihnen SAADIA, ein Philosophe des 11. Jahrhunderts widmet (96). Die Bewegung finde im Orient ihre Fortsetzung in der arabischen Schule der  Motekallim  oder Motekallemin, und MAIMONIDES, der übrigens ihre Ansichten verwarf, hat uns eine Zusammenfassung ihrer Lehren hinterlassen, die über deren wahren Charakter nicht den geringsten Zweifel läßt:
    "Sie behaupteten, das ganze Weltall, d. h. jeder der darin enthaltenen Körper, bestehe aus sehr kleinen Teilchen, die wegen ihrer Kleinheit nicht teilbar sind. Jedes einzelne dieser Teilchen ist absolut ohne Quantität, aber wenn sie miteinander vereinigt sind, so hat diese Gesamtheit Quantität und ist dann ein Körper ... Alle diese Teilchen sind ähnlich und gleichen einander, und es gibt unter ihnen keinerlei Unterschiede. Es ist unmöglich, sagen sie, daß es irgendeinen Körper gibt, der nicht durch Aneinanderreihen aus diesen kleinen Teilchen zusammengesetzt ist, so daß für sie Entstehung dasselbe ist wie Vereinigung und Vernichtung dasselbe wie Trennung." (97)
Im Abendland trat die Atomistik nach RABANUS MAURUS in den Hintergrund infolge der Vorherrschaft der peripatetischen [aristotelischen - wp] Lehren. Immerhin wissen wir durch neuere Forschungen, daß die Vergessenheit, in die sie geraten war, eine weniger vollständige war, als man biher anzunehmen geneigt war. Es scheint, als wäre fast ununterbrochen eine deutlich atomistische Unterströmung vorhanden gewesen, von deren Vertretern wir wenig wissen, deren Bedeutung wir aber mittelbar einigermaßen an den Widerlegungen ermessen können, die ihr die großen Scholastiker wie ROGER BACON, DUNS SCOTUS, OCKHAM und ALBERTUS de SAXNOIA widmeten. Seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts können wir auch Namen nennen: es sind GERARD ODON und ROBERT HOLKOT, dessen Atomistik vor allem geometrischer Natur gewesen zu sein scheint, AEGIDIUS COLONNA, der im Gegenteil die unbegrenzte Teilbarkeit der geometrischen Größe zugibt, sie aber für die materielle Größe leugnet (würde man ein kleinstes Volumen Wasser weiter teilen, so würde man es in eine andere Substanz verwandeln (98), schließlich NICOLAUS de AUTRICURIA (99), der übrigens nur dadurch bekannt ist, weil er 1348 in Paris gezwungen wurde, öffentlich verschiedenen Lehren abzuschwören, die er vorher verkündet hatte, darunter auch die These, daß alle Naturerscheinungen sich auf die Vereinigungs- und Trennungsbewegungen der Atome zurückführen lassen. Aber erst in der Renaissance wurde an die abgerissene Kette endgültig wieder angeknüpft. Nachdem sie durch GIORDANO BRUNO, FERNEL, GORLAEUS, SENNERT, SEBASTIAN BASSO, MAQUEDUS vorbereitet worden war, wurde die Atomistik des DEMOKRIT und EPIKUR in ihrer ganzen Strenge von GASSENDI neu formuliert. Unterdessen hatten GALILEI und DESCARTES die Physik umgewandelt und die aristotelischen Vorstellungen endgültig ausgeschaltet. Beide sind Mechanisten und vor allem DESCARTES verkündet mit unvergleichlicher Gewalt und Autorität die Lehre, daß jede Erscheinung sich letzten Endes auf eine mechanische Veränderung zurückführen lassen muß. Es wäre überflüssig, diesen geschichtlichen Rückblick noch weiter zu verfolgen. Bis gegen das Ende des 19. Jahrhunderts haben die Prinzipien des DESCARTES die Wissenschaft in der absolutesten Weise beherrscht; keinen Naturforscher von einigem Namen könnte man nennen, der bewußterweise von ihnen abgewichen wäre.

Freilich haben wir in unserem kurzen Überblick nur die großen Züge der Theorie hervorgehoben und die feineren Schattierungen vernachlässigt. Die Atomistik der Motekallemin z. B., die den Raum in Punkte und die Zeit in unteilbare Momente auflöst (was unaufhörliche Schöpfungsakte der Gottheit nötig macht), nähert sich den Vorstellungen der Inder, unterscheidet sich aber deutlich von der korpuskularen Atomistik des DEMOKRIT. Weder GALILEI noch DESCARTES sind Atomisten im eigentlichen Sinn des Wortes, (100) und unter den späteren Physikern gibt es viele, die sich zwar zur Atomistik bekennen, aber deren Prinzipien in ganz verschiedener Weise und oft ganz unstreng formulieren und die sich übrigens in der Praxis manchmal sehr weit von ihr entfernen. Nichtsdestoweniger ist es sicher, daß man alle diese Ansichten als "Mechanistik" zusammenfassen kann, und daß das, was sie alle gemeinsam haben, recht beträchtlich ist (101). Alles in allem scheint die Behauptung keinesfalls übertrieben zu sein, daß die mechanistischen Hypothesen zugleich mit der Naturwissenschaft entstanden sind und daß sie sozusagen eins mit ihr waren, solange sie wirklich fortschritt, während die Zeiten, in denen diese Hypothesen unbeachtet blieben, zugleich solche eines sehr langsamen Fortschrittes der Naturwissenschaft waren (102). Muß dieses Zusammentreffen nicht unser Erstaunen erregen? Selbst ein so entschiedener Gegner der Mechanistik wie STALLO, der der Ansicht ist, daß sie dem Fortschritt der Wissenschaft schädlich und "ein Überbleibsel des mittelalterlichen Realismus" sei (eine recht seltsame Ansicht, wie die vorstehenden Ausführungen lehren), (103) sieht sich doch zu dem Einverständnis gezwungen, daß "die atomistische Theorie sich mit größerer Hartnäckigkeit erhalten hat als irgendeine andere naturwissenschaftliche oder philosophische Lehrmeinung". (104)

Die Geschichtsschreiber der Atomistik haben im allgemeinen einen Zusammenhang zwischen diesen Lehren angenommen. Er ist keineswegs ausgeschlossen. Wie groß auch der Unterschied zwischen der Atomistik LEUKIPPs und DEMOKRITs einerseits und der des KANÂDA und der  Jainas  andererseits sein mag, es kann dennoch sehr wohl sein, daß einige Samenkörner der orientalischen Ideen in die hellenische Philosophie bei ihrem Entstehen eingegangen sind. (105) Die Juden sind sicher von den Griechen angeregt worden. Auch die  Motekallemin  konnten von indischen Vorstellungen beeinflußt sein, ebenso auch durch jüdische Schriften und schließlich durch die atomistischen Theorien, wie sie in gewissen medizinischen Büchern, z. B. in dem des CAELIUS AURELIANUS, enthalten waren. Die moderne Wiedergeburt der mechanistischen Theorien schließlich hängt sicher mit der Erneuerung der klassischen Studien zusammen. Dennoch hat dieser perennierende [andauernde - wp] Charakter der mechanistischen Ansichten etwas Merkwürdiges. Muß nicht der Boden, auf dem sie erwachsen, für sie ganz besonders geeignet sein, da doch oft winzige Samenkörner eine verschwenderische Vermehrung hervorrufen?

Schließlich erleben wir seit mehreren Jahrzehnten ein eindrucksvolles Schauspiel: Der schnelle Schritt der Wissenschaft scheint sie bis zu den Fundamenten zu erschüttern, die man für die sichersten gehalten hat. Und doch beweisen in diesem allgemeinen Umsturz gewisse Ansichten, die mit den mechanistischen oder atomistischen Theorien zusammenhängen, eine merkwürdige Festigkeit. Das fällt ganz unparteiischen Beobachtern auf. So bemerkt HENRY POINCARÉ, daß die Mehrzahl der Schlußfolgerungen FRESNELs, obwohl sie auf einer molekularen Hypothese beruhen, dennoch auch bei Annahme der elektromagnetischen Lichttheorie ihre Geltung behalten (106). ÈTARD, der Zweifel an der Existenz der Atome und Moleküle zum Ausdruck bringt, hebt doch zugleich hervor, daß die Gesamtheit der neuesten Arbeiten sich ohne Schwierigkeit in den Rahmen der Ionentheorie von SVANTE ARRHENIUS einfügt, die ihrerseits nichts anderes als eine Form der kinetischen Theorie ist, so daß schließlich die allgemeine Chemie "mit der Atomtheorie im weitesten Sinne des Wortes verschmilzt". (107) Sir ERNEST RUTHERFORD erklärt in einem Überblick über die Ansichten, welche die heutige Wissenschaft beherrschen und zu deren Entwicklung er selbst so viel beigetragen hat, daß sie "die alte Theorie von der diskontinuierlichen oder atomistischen Struktur der Materie bestätigen". (108) LARMOR ist der Meinung, daß die Entwicklung der elektrischen Theorien eine beharrliche Tendenz zum Atomismus zeigt, (109) obwohl während des größten Teils des 19. Jahrhunderts die in diesem Teil der Wissenschaft herrschenden Theorien auf ganz anderen Voraussetzungen aufgebaut schienen (110). Desgleichen stellt JEAN PERRIN fest, daß die atomistische Hypothese, die er als eine  glückliche  bezeichnet, "mehr und mehr verdient, zutreffend genannt zu werden, wie sehr man auch darüber staunen mag". (111) Anläßlich einer Besprechung der Fortschritte der modernen Physik bemerkt LUCIEN POINCARÉ mit Überraschung, daß die kinetischen Hypothesen im Begriff sind, neue Gebiete zu erobern.
    "Sollte denn die Geschichte der Physik gleich der Geschichte der Völker nur ein ewiges Wiederanfangen sein, und müssen wir von Zeit zu Zeit immer wieder zu den Ansichten zurückkehren, die die Philosophen seit dem Altertum ausgedacht haben? Die Fortschritte der Thermodynamik hatten doch andere Hoffnungen in uns erweckt; sie schien uns für sich allein als Führer im Land der Physik dienen zu können und dabei nichts anderes zu benötigen als Schlüsse und Prinzipien, die auf der natürlichen Verallgemeinerung einiger experimenteller Gesetze beruhen. Werden wir denn immer wieder auf die Bilder und mechanischen Deutungen zurückkommen müssen, die der Natur ohne Zweifel so wenig angemessen sind?" (112)
Wie man sieht, empfindet dieser Physiker keinerlei Begeisterung über die in Frage stehenden Theorien, wodurch sein Zeugnis nur umso gewichtiger wird.

Besonders bemerkenswert an dieser neuesten Phase in der Geschichte der Atomistik ist die Tatsache, daß es sich nicht um eine einfache Rückkehr zu früheren Vorstellungen, sondern um einen echten und dabei sehr bedeutenden Fortschritt handelt. Dieser Fortschritt hat sich in zwei Richtungen vollzogen. Einerseits hat die Atomistik - endgültig, wie es scheint - das ungeheure Gebiet der elektrischen Erscheinungen erobert (das ist eine uns besonders interessierende Seite der Theorie, auf die wir sehr bald zurückzukommen Gelegenheit haben werden); andererseits hat sie aber dermaßen an Präzision gewonnen, wie es noch vor kaum einem Menschenalter dem eifrigsten Anhänger dieser Vorstellungen ganz unglaublich erschienen wäre. In der Tat war es noch bis vor kurzem selbstverständlich, daß, wenn man von der  Größe  und dem  Gewicht  der Moleküle sprach, die dafür angegebenen Zahlen nur relative Bedeutung haben konnten; das Wassermolekül etwa sollte 18 mal soviel wie ein Wasserstoffatom wiegen; dagegen war uns jede Spekulation über den absoluten Wert dieses Gewichts versagt. Heute nun ist dem nicht mehr so. Durch äußerst scharfsinnige Methoden ist es den Physikern gelungen, das fragliche Gewicht wirklich zu bestimmen. Das ist dermaßen erstaunlich, daß man zunächst geneigt ist, sich zu fragen, ob die Forscher nicht in diesem Fall Opfer einer Täuschung geworden sind, ob sie nicht einer unbewußten List ihres eigenen Geistes unterlegen sind. Es genügt jedoch ein Blick auf eine Tabelle, in der die Ergebnisse dieser Untersuchungen zusammengestellt sind (wie sie z. B. kürzlich von PERRIN veröffentlicht worden ist) (113), um sich von solchen Zweifeln zu befreien. Die Ergebnisse, die man mit ganz verschiedenen und völlig voneinander unabhängigen Methoden gewonnen hat, sind nämlich nicht nur alle von derselben Größenordnung, sondern sie nähern sich in den meisten Fällen (das gilt für 6 von den 15 von PERRIN angeführten Resultaten, und zwar sind das diejenigen, die mit den sichersten Methoden gewonnen worden sind) in der erstaunlichsten Weise ein und demselben numerischen Wert:  7 · 1023  für die Anzahl der in einem Grammolekül (z. B. in zwei Gramm Wasserstoff) enthaltenen Moleküle.

Wir müssen übrigens feststellen, daß diese Entwicklung der physikalischen Theorien sich nicht in einem stetigen Aufstieg vollzogen hat, sondern stoßweise, in einer Art vor- und rückläufigen Bewegung. Während eines Teils des 19. Jahrhunderts wurden die atomistischen Theorien etwas vernachlässigt, sie waren zumindest dem Anschein nach in Mißkredit geraten. OSTWALD verkündete den "Zusammenbruch der Atomistik" (114), DUHEM wollte die Wissenschaft zu einer Rückkehr zum Aristotelismus veranlassen. Es steht fest, daß heute diesen beiden Denkern trotz ihres großen Ansehens nur ein ganz kleiner Teil der öffentlichen Meinung der Wissenschaft in dieser Frage Gefolgschaft leistet; im Gegenteil erfährt diese öffentliche Meinung, wie wir soeben sagten, gerade jetzt einen starken Anstoß in der Richtung der atomistischen Lehren.

Schon COURNOT hatte gefühlt, daß der Erfolg der mechanistischen Theorien tiefe Gründe haben muß.
    "Kein Gedanke des Altertums" , sagt er, "hat ein günstigeres oder auch nur gleich günstiges Schicksal gehabt. Die Erfinder der atomistischen Lehre müssen entweder von vornherein den Schlüssel der Naturerscheinungen entdeckt haben, oder sie sind auf eine Vorstellung verfallen, die dem menschlichen Geist durch seine Natur unvermeidlich aufgedrängt wird." (115)
COURNOT hatte Recht; wir können die Frage jetzt schärfer formulieren, als er das getan hatte. Stellen wir zunächst einmal als wesentlichen Punkt fest: die kinetischen Theorien haben  erklärenden  Charakter. Oft verlangt unser Geist sie gebieterisch, und er ist immer befriedigt, wenn er sie als gültig erkennt oder wenn sie nur einige Aussicht haben, als gültig zu erscheinen. Oben haben wir gesehen, daß sich das aus der Praxis der Naturforscher deutlich ergibt. Darüber hinaus aber haben einige unter ihnen es ausdrücklich erkannt. Schon LEIBNIZ stellt in einer oft angeführten Stelle etwas ironisch diesen besonderen Charakter der atomistischen Theorien fest. (116) Aber seine Ironie bezog sich offenbar nur auf den Begriff des Atoms. Das Prinzip dagegen, nach dem sich jeder Vorgang auf einen mechanischen zurückführen lassen muß, wurde, wie wir gesehen haben, von LEIBNIZ ebenso bestimmt verkündet wie von DESCARTES, und mit vollkommener Klarheit hat er bemerkt, daß ihm diese Reduktion nötig erscheint, um die Erscheinungen verständlich zu machen. Sein großer Zeitgenosse HUYGENS definiert die "wahre Philosophie" als diejenige, "in der man die Ursachen aller natürlichen Wirkungen aus mechanischen Gründen begreift", und er fügt hinzu: "das ist meiner Ansicht nach nötig, wenn man nicht auf jede Hoffnung verzichten will, jemals etwas in der Physik zu verstehen." (117) Moderne Naturforscher haben sich womöglich noch deutlicher ausgedrückt. EMIL DUBOIS-REYMOND definiert an einer Stelle, die auffallend an die eben zitierte von HUYGENS erinnert, die theoretische Naturwissenschaft als "Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen" und fährt fort: "Es ist eine psychologische Erfahrungstatsache, daß, wo eine solche Auflösung gelingt, unser Kausalitätsbedürfnis sich vorläufig befriedigt fühlt." (118) LORD KELVIN schreibt: "Der wahre Sinn der Frage: verstehen wir eine bestimmte Sache in der Physik oder verstehen wir sie nicht? ist der: können wir ein entsprechendes mechanisches Modell herstellen?" (119) An anderer Stelle drückt er sich folgendermaßen aus: "Ich bin nie zufrieden, ehe ich nicht ein mechanisches Modell vom Gegenstand herstellen kann; kann ich ein mechanisches Modell machen, so begreife ich; soweit ich kein solches Modell machen kann, begreife ich nicht." (120) MAXWELL beginnt mit der Erklärung, daß "wenn ein Vorgang sich als Beispiel eines auch auf andere Erscheinungen anwendbaren Prinzips beschreiben läßt, sagen wir, der Vorgang ist erklärt". Das scheint, wie man sieht, mit der Ansicht von COMTE und MACH übereinzustimmen. Aber er fügt sofort hinzu: "Kann andererseits ein physikalischer Vorgang vollständig als eine Konfigurationsänderung und eine Bewegung eines materiellen Systems beschrieben werden, so wird die dynamische Erklärung dieses Vorgangs als vollständig angesehen. Eine weitergehende Erklärung können wir weder als notwendig noch als wünschenswert oder nur möglich betrachten." (121) Offensichtlich ist für MAXWELL die Erklärung durch das Gesetz nicht so vollständig wie die durch den Mechanismus; die letztere allein erscheint als  endgültig. 

War die Zergliederung des Kausalprinzips, die wir oben vorgenommen hatten, richtig, besteht dieses Prinzip im wesentlichen darin, daß auf den Gegenstand in der Zeit ein Postulat angewendet wird, das sich in der Gesetzeswissenschaft nur auf den Gegenstand im Raum bezieht, so können wir hier die Probe darauf machen; die atomistischen oder mechanistischen Theorien müssen zumindest hinsichtlich ihrer wesentlichen und dauerhaften Züge aus diesem Prinzip ableitbar sein. In der Tat kann man sich davon leicht überzeugen.

Die Außenwelt, die Natur erscheint uns als unendlich wechselnd, sich unablässig in der Zeit verändernd. Dennoch fordert das Kausalprinzip das Gegenteil: wir haben das Bedürfnis zu begreifen, und wir können das nur, wenn wir eine Identität in der Zeit annehmen. Die Veränderung muß also eine bloß scheinbare sein, hinter ihr muß sich eine allein wirkliche Identität verbergen. Aber das scheint ein Widerspruch zu sein. Wie kann ich als identisch  auffassen,  was ich als verschieden  wahrnehme Dennoch gibt es einen Ausweg, ein einziges Mittel, um bis zu einem gewissen Grad das zu vereinen, was zunächst als unvereinbar erscheint. Ich kann annehmen, daß die Bestandteile der Dinge dieselben geblieben sind, daß aber ihre Anordnung sich geändert hat; dadurch kann ich aus den gleichen Elementen die verschiedensten Zusammensetzungen hervorbringen, so wie man mit denselben Buchstaben ein Trauerspiel und ein Lustspiel schreiben kann (das Bild stammt von ARISTOTELES) (122). So gelange ich zu der Auffassung, daß "die Erzeugung und die Zerstörung der Dinge in der Vereinigung und der Auflösung ihrer Elemente bestehen"; LEUKIPP selbst hat mit diesen Worten die Grundlagen seines Systems dargestellt; aber vor ihm hatten schon ANAXAGORAS und EMPEDOKLES Ähnliches gesagt (123).

Diese Möglichkeit der Überwindung des Widerspruchs beruth offenbar auf der besonderen Natur unseres Begriffs von der Ortsveränderung. Diese ist eine Veränderung und ist doch wieder keine. Hat ein Körper seinen Ort verändert, so hat er wohl eine Veränderung erfahren, dennoch erscheint er mir als mit sich selbst identisch. Das hängt, wie wir sahen, mit dem Wesen unserer Raumvorstellung selbst zusammen, wie sie nicht nur der Physik zugrunde liegt, auch wenn man diese auf den gesetzmäßigen Teil beschränkt, sondern auch der Geometrie.

Die Ortsveränderung erscheint mir daher als die einzige verständliche Veränderung; will ich also Veränderungen erklären, d. h. sie auf Identität zurückführen, so bin ich gezwungen, auf die Ortsveränderung zu rekurrieren. Hier ist ein Körper, der mir vorhin die Empfindung des Kalten hervorrief und das Volumen anderer Körper verringerte, wenn man sie ihm näherte; jetzt brennt er mich bei der Berührung und ruft im Gegenteil eine Volumenvergrößerung bei den Körpern in seiner Nachbarschaft hervor. Das muß entweder daran liegen, daß sich zu der Substanz dieses Körpers eine andere gesellt hat, die unsichtbar ist, aber vorher anderwärts existierte, oder daran, daß die Bewegung der Teile des Körpers selbst sich geändert hat. Bekanntlich haben diese beiden "Erklärungen" abwechselnd die Wissenschaft beherrscht. Die erste hat zu der Hypothese der  Fluida  Veranlassung gegeben, während die zweite den mechanistischen Theorien zugrunde liegt. Beide aber leiten sich von demselben Prinzip her.

Lassen wir für den Augenblick die erste Alternative beiseite; wir werden später auf sie zurückkommen. Da unsere Überlegung ganz allgemein war, so gilt, was wir für die Wärmeerscheinung festgestellt haben, für jede beliebige Erscheinung. Man wird also alle Veränderungen der Körper notgedrungen auf Umgruppierungen, Änderungen im Raum, Verschiebungen der Teile zurückführen.

Die Existenz dieser Teile, deren Ortsveränderung der wesentliche Vorgang der Wirklichkeit, der einzig wirkliche Vorgang überhaupt sein soll, habe ich mit Hilfe einer Überlegung erschlossen: es versteht sich aber von selbst, daß ich sie nicht unmittelbar wahrnehmen kann; also müssen sie sehr klein sein. Diese Teile oder Teilchen sind übrigens immer mit sich selbst identisch, ewig, unveränderlich; auch das ist eine unmittelbare Folge des Grundpostulats. Und da sie ihren Ort verändern sollen, ohne irgendeine Veränderung zu erfahren, diese Art der Ortsveränderung aber in der materiellen Welt das Vorrecht der festen Körper ist, so ergibt sich, daß die Teilchen ultrafeste unwandelbare Körper sein müssen, die also weder zertrümmert noch sonstwie mechanisch geteilt werden können, mit einem Wort  Atome. 

Damit sind wir am Ziel unserer Deduktion; wir werden später zeigen, daß ein anderer charakteristischer Zug der atomistischen Theorien, die Annahme eines einheitlichen Grundstoffes, sich auf ähnliche Weise erklären läßt. Aber unsere Auseinandersetzung genügt, wie uns scheint, um die wahre Grundlage der "psychologischen Tatsache" festzustellen, von der DUBOIS-REYMOND spricht: die erklärende Kraft der Theorien hat ihren Sitz im wesentlichen in der Anwendung des Postulats der Identität in der Zeit. Man sieht nun auch deutlich, daß die Annahme diskreter Teilchen, welche die physikalischen Theorien beherrscht, ihre Wurzel gleichfalls im genannten Postulat hat. Dadurch unterscheiden sich diese Theorien von den mathematischen, in denen das Unendlichkleine, das Unteilbare stets nur vorübergehend auftritt, um sich sozusagen sofort wieder in einem Kontinuum aufzulösen (124). Dieser Unterschied entspringt daraus, daß sich die reine Mathematik nicht mit der Veränderung in der Zeit befaßt. In der Physik dagegen, wo die Veränderung behandelt wird und erklärt werden soll, indessen nicht die Identität des Ganzen postuliert werden kann, ist man genötigt, Teile anzunehmen, die als unveränderlich und daher als diskrete räumlich begrenzte Individuen gedacht werden müssen.

Es leuchtet ein, daß der geistige Prozeß, den wir soeben beschrieben haben, in der Hauptsache im Unbewußten verlaufen muß. Es könnte also  a priori  als ein ziemlich vergebliches Bemühen erscheinen, beim einzelnen Naturforscher, sei er nun Schöpfer oder bloß Anhänger einer mechanistischen Theorie, nach den Beweggründen zu suchen, die ihn zu seiner Haltung veranlaßt haben; denn da diese Beweggründe nach unserer Annahme nicht unmittelbar zu seiner Kenntnis gelangt sein können, so hätten sie sich ihm nur unter der Bedingung enthüllen können, daß er imstande gewesen wäre, sein eigenes Denken rückschauend zu analysieren. Das aber ist eines der schwierigsten Geschäfte, zu dem der Naturforscher als solcher in keiner Weise besonders qualifiziert ist (125). Wie wir jedoch schon früher bemerkt haben (Vorrede), gibt es Fälle, in denen eine Untersuchung über die Entwicklung des kollektiven Denkens bis zu einem gewissen Grad die Lücken auszufüllen vermag, die die Untersuchung des individuellen Denkens offen läßt. Für die Fruchtbarkeit dieser Methode nun glauben wir in der Frage, die uns augenblicklich beschäftigt, ein besonders schlagendes Beispiel gefunden zu haben. Es zeigt sich nämlich, daß zumindest  einmal  in der Geschichte die Atomistik unter bekannten Bedingungen entstanden ist, und zwar sind diese Bedingungen mit bewunderungswürdiger Präzision von einem Beobachter festgehalten worden, dessen Qualität wahrhaft einzigartig war: nämlich von ARISTOTELES. Die Entwicklung, die er für uns nachgezeichnet hat, ist die, aus der die Lehre des LEUKIPP und DEMOKRIT hervorgegangen ist. Der vorherrschende Charakterzug dieser Entwicklung, auf den ARISTOTELES den meisten Nachdruck legt, ist in der Tatsache zu suchen, daß diese atomistische Ansicht aus der Lehre der Eleaten hervorgegangen ist, die sich das Sein als Eines, beharrend und unbeweglich vorstellten; diese Lehre war zwar in sich widerspruchsfrei, stand aber in Widerstreit mit den durch die Sinne bezeugten Tatsachen; denn die Sinne zeigen uns Erzeugung und Vernichtung, Bewegung und Vielheit der Wesen. Umd die Wirklichkeit dieser Erscheinungen zu retten, nimmt LEUKIPP im Gegensatz zu den Eleaten an, daß das Sein nicht Eines, sondern aus einer unendlichen Anzahl von Elementen zusammengesetzt ist, die wegen ihrer außerordentlichen Winzigkeit unsichtbar sind. ZELLER, der auf die große Wichtigkeit dieser Darstellung des ARISTOTELES hinweist, faßt ihr Ergebnis folgendermaßen zusammen:
    "Die atomistische Lehre über das Seiende unterscheidet sich in allen diesen Beziehungen nur dadurch von der eleatischen, daß sie das auf die vielen Einzelsubstanzen überträgt, was  Parmenides  von der  einen  allgemeinen Substanz oder dem Weltganzen gesagt hatte." (126)
Es erscheint uns unnötig, hervorzuheben, wie sehr die Entstehung er atomistischen Theorie auftauchen und die erstaunliche Leichtigkeit, mit der sie sich entwickeln. Wir verstehen auch, daß es in der Wissenschaft nicht  eine  Atomlehre, sondern eine Vielheit von solchen Gibt, denen zwar allen gewisse Grundzüge gemeinsam sind, die aber im übrigen wenig miteinander übereinstimmen und einander sogar häufig widersprechen. Das kommt daher, daß es mehr oder weniger voneinander unabhängige Ansichten sind, die unter dem Einfluß ein und derselben Tendenz bei der Untersuchung einer bestimmten Gruppe von Erscheinungen entstanden sind; es sind nicht etwa, wie man meinen könte, Ableitungen aus einer einzigen Theorie. Wenn so häufig Naturforscher und sogar zuweilen Philosophen zwischen der Atomtheorie einer speziellen Wissenschaft, die angeblich eine "experimentelle Wahrheit" ist, und der allgemeinen Atomistik unterscheiden, die sie als hypothetisch ansehen (127), oder wenn gar die Gesamtheit der modernen Atomtheorien denen der Alten gegenübergestellt wird (128), so beruth diese Unterscheidung auf einer Täuschung, die aus derselben Quelle entspringt wie die vorher angeführten Irrtümer. Man kann aber leicht einsehen, daß alle diese Lehren zusammenhängen und daß zwischen ihnen eine echte Gemeinschaft der Grundlage besteht. Diese Gemeinsamkeit besteht trotz der auf den ersten Blick vorhandenen fundamentalen Verschiedenheit des Ausgangspunktes. Was könnte der Korpuskel des LUKREZ, GASSENDI oder BOYLE unähnlicher sein als das Punktatom BOSCOVICHs oder das Elektron der heutigen Theorien? Und doch fühlen wir instinktiv, daß die Elemente, die diesen Vorstellungen gemeinsam sind, bei weitem die unterscheidenden Merkmale überwiegen. Es sind eben alles "Atomtheorien", und wir können ihre Gesamtheit denken, ohne die Natur des Atoms näher zu bestimmen; tatsächlich haben häufig Physiker Atomtheorien aufgestellt, ohne sie in dieser Hinsicht näher zu präzisieren.

Als begeisterte Anhänger einer speziellen Form der Atomistik haben Naturforscher und Philosophen sich oft unendliche Mühe gegeben, um das zu begründen, was ihnen als wesentliche Grundlage gerade ihrer Theorie erschien. Sie haben zu beweisen versucht, daß ihre Vorstellung vom Atom logisch ist und (was unendlich viel leichter war) daß die gegnerische Vorstellung unheilbare Widersprüche birgt (129). Ein andermal hat man die Grundlagen der Theorie durch eine psychologische Analyse herauszuarbeiten versucht, die die sinnlichen Elemente aufdecken sollte, welche bei der Bildung der nicht weiter reduzierbaren Grundbegriffe der Theorie (wie "Atom" und "Kraft" zusammenwirken (130). Sicher suchen wir unsere Theorie so wenig unlogisch wie möglich zu machen. Andererseits ist nicht zu leugnen, daß die Vorstellung des Korpuskularatoms auf unseren Tastsinn zurückgeht, ebenso wie die des dynamischen Atoms aus der Empfindung der Kraftanstrengung hervorgeht. In einem späteren Kapitel werden wir versuchen, den Weg genauer darzustellen, auf dem diese Vorstellungen in die Wissenschaft eingehen. Aber es liegt auf der Hand, daß weder dem logischen noch dem psychologischen Faktor im entferntesten die Bedeutung zukommt, die man ihnen beilegen möchte. Die erklärende Kraft der Theorien beruth einzig und allein, das sagen wir noch einmal, auf dem Prinzip der Identität in der Zeit, das sie zur Geltung bringen wollen; mit anderen Worten: sie beruth darauf, daß die Existenz von etwas Beharrlichem behauptet wird, wobei die innere Natur dieses Beharrlichen erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Nach dem logischen System werden die Atomtheorien durch Überlegungen begründet, die man etwa folgendermaßen zusammenfassen kann: die Vorgänge, die wir beobachten, erscheinen uns mit einer einzigen Ausnahme unerklärlich; sei diese Ausnahme der Stoß zweier Körper! Dieser letztere ist völlig klar und verständlich; gelingt es uns, alle andere Vorgänge auf ihn als Grunderscheinung zurückzuführen, so ist alles erklärt. Nun haben wir aber bereits gesehen, daß diese Überlegung schon ihrem Ausgangspunkt fehlerhaft ist; niemand hat jemals den Stoß zweier Körper  verstanden,  und niemals wird ihn jemand verstehen, ebensowenig übrigens wie die Fernwirkung. Vielleicht wendet man im Sinne des psychologischen Systems ein, daß man aber doch die  Jllusion  des Verstehens habe. Das ist zweifellos richtig; aber wie entsteht diese so leicht zu durchschauende Jllusion, die manche Philosophen so klar gekennzeichnet haben? Wie kommt es, daß sie sich mit einer solchen Hartnäckigkeit erhält, daß sie unseren wissenschaftlichen Ansichten als Grundlage dienen kann und daß uns diese Ansicht in so hohem Grad befriedigt? Kehren wir das Verhältnis um, und das Rätsel erklärt sich! Nicht weil wir die Korpuskel verstehen, wählen wir sie als Ausgangspunkt. Was wir verlangen, ist die Beharrlichkeit von irgendetwas. Aber unter den Dingen, deren Beharrlichkeit wir postulieren können, ist das am wenigsten Unverständliche, das, was unserer Empfindung, oder vielmehr dem gemeinen Menschenverstand am nächsten liegt, der die Außenwelt schafft -, die materielle Korpuskel. Von ihr werden wir also ausgehen. Sie ist im Grunde unverständlich, wendet man ein? Zugegeben, aber kann man uns einen besser gesicherten Ausgangspunkt angeben? Wenn nicht, nun so werden wir uns an jenen halten; denn auf jeden Fall brauchen wir etwas, das bestehen bleibt; wir werden uns nicht um die in ihr verborgenen Rätsel und Widersprüche kümmern und versuchen mit ihrer Hilfe die Sinnenwelt zu erklären. Erst wenn dieser Versuch scheitert, werden wir daran denken, den Ausgangspunkt zu wechseln; wir ersetzen dann die Korpuskel durch ein Kraftzentrum oder durch ein Atom, das zugleich Korpuskel und Kraftzentrum ist, - Vorstellungen, die noch unverständlicher sind als die der Korpuskel selbst, deren Widersprüche uns aber ebensowenig abschrecken werden.

Hätte es noch eines direkteren Beweises dafür bedurft, daß der unbewußte logische Prozeß, durch den die Atomtheorien entstehen, in dieser Weise verläuft, so würde er uns durch die Gesamtheit der Ansichten geliefert werden, die man als "elektrische" oder "Elektronen"-Theorie der Materie bezeichnet und die sich an den berühmten Namen Sir JOSEPH JOHN THOMSON knüpfen. (131) Man kann ohne Übertreibung sagen, daß diese Theorie heute triumphiert, daß sie das ganze Reich der Physik beherrscht; vielleicht noch niemals in der Geschichte der Wissenschaften ist eine Auffassung von derartiger Allgemeinheit so rasch zu einer solchen Vorherrschaft gelangt. Beeilen wir uns anzuerkennen, daß die Theorie durch ihre wesentlichen Vorzüge diese hohe Bewunderung erklärt und rechtfertigt. Sie ist von wunderbarer Allgemeinheit und dringt nicht nur in der Elektrizitätslehre und Optik (die ja seit MAXWELL und HERTZ unlöslich miteinander verknüpft sind) bis zum Grund der Erscheinungen vor, sondern leistet dasselbe auch in allen anderen Zweigen der Physik und auch der Chemie; hier scheint sie schließlich das alte Prinzip der Einheit der Materie zu etabliern, das ja das "geheime Postulat" der Atomtheorie war, obwohl die Chemiker, die vorgaben, dieser Theorie anzuhängen, dieses Prinzip in jedem Augenblick verleugneten. Auch erklärt sie ohne besondere Anstrengung die geheimnisvolle Erscheinung der radioaktiven Substanzen, die zuerst die fundamentalsten Vorstellungen der Wissenschaft umzustürzen drohten. Schließlich ist die Theorie in erstaunlichem Grad konkret, obwohl sie gleichzeitig sehr allgemein und abstrakt ist; löst sie doch das, was den tiefsten Grund unserer sinnlichen Vorstellung bildet:  die  Materie, in Bestandteile auf, die nichts Materielles mehr an sich haben. In der Tat, dieses letzte Element, diesen Bestandteil des Atoms, dessen Größe sich zu der des Atoms etwa so verhält wie ein Planet zum ganzen Sonnensystem, dieses geheimnisvolle Elektron kann man bei ihr, man möchte beinahe sagen, mit Händen greifen. WILSONs Beobachtung erlaubt uns, es in dem Augenblick zu fassen, in dem es einem winzigen Wassertröpfchen als Kondensationskern dient. Bekanntlich hat Sir J. J. THOMSON auf die Ergebnisse dieses Versuches STOKES' Formel angewandt, welche die Beziehung zwischen dem Durchmesser kleiner Kugeln und ihrer Fallgeschwindigkeit in Luft angibt, und hat auf diese Weise die elektrische Elementarladung gemessen, die wir Elektron nennen; dabei fand er ihre Größe identisch für chemisch verschiedene Gase (132).

Wir haben schon kurz einige charakteristische Züge der Theorie angegeben. Wir wollen jetzt ihren Hauptinhalt entwickeln, wobei wir der meisterhaften Darstellung Sir THOMSONs folgen.

Das einfachste Wesen, das die Wissenschaft bis jetzt gekannt hatte, das Atom der Chemie, wird in der neuen Theorie als ein sehr komplizierter Bau aufgefaßt. PROUT hat geglaubt, daß die Atome aller chemischen Elemente aus Wasserstoffatomen zusammengesetzt sind, J.-B. DUMAS hat die Möglichkeit ins Auge gefaßt, sie aus halben oder viertel Wasserstoffatomen aufzubauen; die neue Theorie nimmt eine Einheit an, die ungefähr 1/700 eines Wasserstoffatoms entspricht. Was wir ein Atom nennen, wird eine Art Nebelwolke ohne Zentralkörper, die aus einer großen Anzahl gleichartiger Körper zusammengesetzt ist, die Trägheit besitzen und gegenseitigen elektrischen Anziehungs- und Abstoßungskräften von beträchtlicher Größe unterworfen sind. (133) Die Theoretiker behandeln diese Nebelwolke nach den Methoden der Himmelsmechanik, indem sie die Keplerschen Gesetze anwenden und Störungen berechnen (134). Die chemischen Atome unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl dieser "Korpuskeln", aus denen (nach der Bezeichnungsweise THOMSONs) sie zusammengesetzt sind, vor allem aber durch deren Anordnung; und man sieht wie Sir THOMSON durch einen genialen Gedanken, bei dem er einen Versuch ROBERT MAYERs über die spontane Anordnung von kleinen im Wasser schwimmenden Magneten benutzt, zu einer Erklärung der periodischen Eigenschaften der Elemente gelangt; diese sollen nämlich darauf beruhen, daß mit wachsendem Atomgewicht von Zeit zu Zeit immer wieder ähnliche Anordnungen auftreten (135).

Was ist aber dieses Grundelement, diese  Korpuskel,  aus der das chemische Atom und damit all das besteht, was der gemeine Menschenverstand als Materie ansieht? Es ist nach THOMSON ein elektrisches Elementarquantum (136). So wird also die Materie zu einer elektrischen Erscheinung. Vielleicht werden wir die Konsequenzen, zu denen diese Ansicht führt, deutlicher erfassen, wenn wir zusehen, was hier aus dem Begriff der  Masse  wird. Die Atomtheorie im allgemeinsten Sinn genommen (ausgenommen natürlich die zugleich atomistischen und qualitativen Theorien, mit denen wir uns später zu beschäftigen haben werden) beraubt das Atom aller Qualitäten mit Ausnahme der Fähigkeit, sich zu bewegen und, sei es durch Berührung, sei es durch Fernwirkung, Bewegung hervorzurufen. Die an zweiter Stelle genannte wesentliche Eigenschaft nennen wir  Masse,  so daß also die Masse das Wesen des Materiellen im allgemeinen ausmacht. Will demnach die neue Theorie die Materie durch die Elektrizität erklären, so muß sie vor allen Dingen die Masse als elektrische Ladung auffassen. Zu dieser kühnen Hypothese ist man nur sehr schrittweise vorgedrungen. Zuerst hat man erkannt, daß die Elektrizität Erscheinungen hervorrufen kann, durch welche die Masse der Körper scheinbar vergrößert wird. Man nennt diese scheinbare Trägheit, die der Körper vermöge seiner elektrischen Ladung zeigt, "elektrische Trägheit", um sie dadurch von der eigentlichen Trägheit zu unterscheiden, die er vermöge seiner mechanischen Masse besaß; übrigens sind die Wirkungen dieser beiden Arten von Trägheit zumindest dem äußeren Anschein nach durchaus die gleichen: "ein sich bewegender geladener Körper zeigt durchaus die uns vertraute Erscheinung der Trägheit einer gewöhnlichen Masse". (137) Später sah man, daß das, was man zunächst als Nebenerscheinung angesehen hatte, sehr wohl die Hauptsache sein konnte, man berechnete aus den sehr genauen experimentellen Ergebnissen die elektrische Trägheit des Elementarquantums und fand, daß sie die mechanische Trägheit weit überwiegen mußte. Schließlich zeigte sich, daß für die letztere sozusagen kein Platz mehr blieb, daß die ganze in Erscheinung tretende Trägheit des Elements elektrischen Ursprungs sein konnte. Von da bis zu der Behauptung, daß sie es sein  muß,  war nur noch ein Schritt, und der wurde leicht getan. So wurde in einem allmählichen Entwicklungsprozeß das mechanische Element sozusagen vom elektrischen aufgesogen. Das mechanische Atom löst sich in  Korpuskeln  auf, die rein elektrische Erscheinungen sind und gar keine mechanische Masse, d. h. überhaupt nichts Materielles mehr besitzen. Diese Annahme stellt offenbar den Hauptzug der Theorie dar, weshalb auch der Versuch KAUFFMANNs, aus dem sie entspringt, wirklich nach einem Ausdruck POINCARÉs (138) den "Angelpunkt" des ganzen Systems bildet.

Wir haben in dieser Zusammenfassung die Theorie vielleicht absoluter dargestellt, als sie von vielen Physikern aufgefaßt wird; zuweilen drückt man sich so aus, als nähme man an, daß es  hinter  dem elektrischen Vorgang noch einen mechanischen gibt; mit anderen Worten: man tut so, als müsse man, nach Zurückführung des scheinbar mechanischen Vorgangs auf einen elektrischen, diesen seinerseits wieder auf einen noch tiefer liegenden mechanischen zurückführen, was offenbar wenig folgerichtig erscheint. Nicht allein LORD KELVIN, den man als einen verspäteten Anhänger der alten Auffassung betrachten könnte, redet so; in den Schriften der Begründer und der entschiedensten Anhänger der neuen Lehre könnte man mit Leichtigkeit eine ganze Anzahl von Stellen finden, die eine solche Ansicht implizit enthalten. Das liegt aber, wie es scheint, vor allem an der Neuheit der Theorie; man muß ihr Zeit lassen, sich zu konsolidieren, damit die, die mit ihr umgehen, sich erst ganz auf die neue Art zu denken einstellen und ihre Konsequenzen klar erfassen. Immerhin kann man nicht bestreiten, daß die Grundlagen der neuen Ansichten mit genügender Deutlichkeit definiert sind: die elektrische Erscheinung soll in der Tat dazu dienen, daß alle anderen auf sie zurückgeführt werden. Wie LANGEVIN in seiner Vorrede zur französischen Übersetzung von LODGEs Buch "On Electrons" (139) bemerkt, sind die scharfsinnigen mechanischen Konstruktionen, die ein vorhergehendes Werk des berühmten Physikers füllten, sehr charakteristischerweise im jüngeren Werk gänzlich verschwunden.

Das Grundphänomen ist also jetzt nicht mehr der Stoß zweier Korpuskeln, noch die Wechselwirkung zweier mechanischer Kraftzentren, sondern es ist die Wirkung, die zwei Elektronen aufeinander ausüben. Die Gesetze dieser Wirkung, die experimentell erforscht sind, kennen wir sehr gut; wer aber könnte behaupten, daß er verstände,  wie  sich diese Wirkung abspielt, daß er ihren Mechanismus begreifen könnte? Um das zu ermöglichen, müßte man, wie schon der eben benutzte Ausdruck andeutet, eine mechanische Theorie von ihr liefern; nun aber versagt man uns die Hoffnung darauf, da ja die elektrische Erscheinung etwas  Letztes  sein soll. So ist also sogar die Jllusion des Begreifens verschwunden, welche die Korpuskularhypothese und, in geringerem Grad, auch die dynamische Hypothese in uns erweckt hatte. Was man in der elektrischen Hypothese als Grundphänomen setzt, ist ein  X eine absolut unerklärte Erscheinung, die man sogar dadurch, daß man sie als letztes Glied der Reduktion hinstellt, für unerklärbar ausgibt. Und auf dieses  X,  dieses Unerklärbare, sollen die Erscheinungen zurückgeführt werden, die wir zu verstehen glaubten. Wenn wir die Wechselwirkung zweier Massen sahen, so glaubten wir den Vorgang erfassen zu können; das war freilich eine Täuschung, denn, wie wir sahen, ist in Wirklichkeit weder der Stoß noch die Fernwirkung erklärbar. Jetzt aber können wir nicht einmal mehr diese Täuschung aufrechterhalten; denn die mechanische Wirkung, die wir zu sehen glaubten, ist nur Schein; die mechanische Masse als solche existiert nicht, sie ist lediglich eine Funktion der elektrischen Masse. Ebenso klar ist es, daß das Elektron nichts mit unserer Empfindung zu tun hat. Wir haben kein spezifisches Sinnesorgan für diese Form der Energie - woraus sich übrigens erklärt, daß sie uns so lange unbekannt geblieben ist - und wir müssen große Umwege machen, um diese Erscheinungen in der Sprache des gemeinen Menschenverstandes zu beschreiben.

Es ist hier nicht unsere Aufgabe, die Vorzüge zu prüfen, die vom experimentellen Standpunkt aus die elektrische Theorie besitzt. Bereits jetzt hat sie sich als ungemein nützlich erwiesen, und es ist ziemlich sicher, daß sie imstande ist, in der Zukunft noch weit größere Dienste zu leisten. Aber die Tatsache, daß eine solche Theorie auftauchen konnte, daß sie sofort mit dem größten Wohlwollen aufgenommen wurde und daß sie in ganz kurzer Zeit die Herrschaft über die ganze Wissenschaft an sich gerissen hat, beweist deutlich, daß weder die logische, noch die psychologische Grundlage, die man gewöhnlich den Theorien zuschreibt, bei ihrer Entstehung eine wirklich wichtige Rolle spielen. Nicht von da jedenfalls erhalten die Hypothesen ihre erklärende Kraft, sondern fast ausschließlich aus Überlegungen, die den Raum und die Zeit betreffen, in erster Linie aus der Aufrechterhaltung der Identität in der Zeit. Irgendetwas muß, sagten wir, bestehen bleiben; die Frage, was dieses Beständige ist, bleibt dabei verhältnismäßig nebensächlich. Unser Geist ist sich der Schwierigkeit der kausalen Erklärung bewußt (unbewußterweise bewußt, wenn dieser paradoxe Ausdruck gestattet ist) und resigniert sozusagen von vornherein in dieser Hinsicht; wird nur sein Streben nach etwas in der Zeit Beharrlichem befriedigt, so ist er bereit, für diesen Zweck irgendetwas, sei es auch etwas Unerklärtes und durchaus Unerklärbares hinzunehmen.

Zugleich überzeugt man sich, daß es angesichts eines solchen ewigen und unüberwindlichen Triebes des menschlichen Geistes zwecklos wäre, ihm künstliche Schranken aufzurichten. Die Wissenschaft könnte, selbst wenn sie wollte, sich nicht ganz von den kinetischen Theorien losmachen; denn diese sind der Ausdruck für eine notwendige Form unseres Verstandes.

Angenommen übrigens, eine solche Ausschaltung wäre möglich, so würde das, was dabei von der Wissenschaft übrig bleibt, dem von COMTE und MACH entworfenen Programm keineswegs besser entsprechen. Bei unseren vorangehenden Erörterungen haben wir uns zuweilen so ausgedrückt, als gäbe es wirklich einen Teil der Wissenschaft, der rein aus dem Prinzip der Gesetzlichkeit fließt; aber das war reine Fiktion. In Wirklichkeit wird die Wissenschaft auch dort, wo sie anscheinend nur von Gesetzmäßigkeiten handelt, aufs tiefste von einem Streben nach Kausalität beeinflußt. Das wollen wir jetzt beweisen.

Es kommen in der Wissenschaft gewisse Aussagen vor, deren Natur nicht ganz eindeutig ist. Man bezeichnet sie bald als Prinzipe, bald als Gesetze; die einen halten sie für empirischen Ursprungs, während die anderen in ihnen Erkenntnisse  a priori  sehen.

Manchmal gestehen die Naturforscher ihre Verlegenheit ein. "In der Meinung vieler Physiker", sagt HEINRICH HERTZ "erscheint es einfach undenkbar, daß auch die späteste Erfahrung an den feststehenden Grundsätzen der Mechanik noch etwas zu ändern finden könnte. Und doch kann das, was aus Erfahrung stammt, durch Erfahrung wieder vernichtet werden." (140) Die Dunkelheit, die sich durch diesen Mangel an Eindeutigkeit über die ganzen Grundlagen der Mechanik verbreitet, war der Hauptgrund, der KIRCHHOFF veranlaßte, die Aufgabe der Wissenschaft auf die einfache Beschreibung der Bewegungen zu beschränken. (141) Und obwohl richtigere Ansichten, wie wir in der Folge sehen werden, schon seit sehr langer Zeit ausgesprochen worden sind, so scheinen sie doch bis zum heutigen Tag keine Geltung erlangt zu haben.

Man kann die Aussagen, von denen wir sprechen, unter der gemeinsamen Bezeichnung der Prinzipien der Konstanz oder der Erhaltung zusammenfassen; es handelt sich um die Erhaltung der Geschwindigkeit oder das Trägheitsprinzip, die Erhaltung der Masse und die Erhaltung der Energie. Wie man sieht, gehören diese Prinzipien oder Gesetze zu den umfassendsten und wichtigsten Verallgemeinerungen, zu denen der menschliche Geist bis heute gelangt ist. Wir werden zeigen, daß bei ihrer Entstehung das Suchen nach dem in der Zeit Identischen eine Hauptrolle gespielt hat und daß dieser Ursprung sich in der Natur und der Tragweite dieser Sätze widerspiegelt.
LITERATUR - Emile Meyerson, Identität und Wirklichkeit, Leipzig 1930
    Anmerkungen
    49) Traité de la lumiére, oú sont expliqées les Causes, etc. Avec un Discours de la Cause de la Pesanteur, Leyden 1690, Seite 93
    50) NEWTON, Optics, 3. Auflage, London 1721. Frage XXI und vor allem die 2. Anmerkung zu dieser Frage.
    51) d'ALEMBERT, Traité de dynamique, 2. Auflage, Paris 1758, Seite 16
    52) EULER, Theoria motus, Rostock 1765, Seite 51
    53) ROSENBERGER, Die moderne Entwicklung der elektrischen Prinzipien, Leipzig 1898, Seite 43
    54) STALLO, a. a. O. Seite 36f
    55) WILLIAM THOMSON, Papers on Electrostatics, London 1872, Seite 318
    56) Über GAUSS vgl. LARMOR, Aether and Matter, Cambridge 1900, Seite 72 und ROSENBERGER, Die moderne Entwicklung usw. Seite 70 und 71
    57) Vgl. MAXWELL, Scientific Papers, Cambridge 1890, Bd. II, Seite 155f und 311
    58) Daselbst, Bd. II, Seite 341
    59) HEINRICH HERTZ, Gesammelte Werke, Bd. III. Einleitung von HELMHOLTZ, Seite 18
    60) J. J. THOMSON, Electricity and Matter, New York 1904, Seite 7
    61) Die Arbeiten, welchen denen von LE SAGE vorangehen, werden in PRÉVOSTs Vorrede zu seinem  Traité de Physique  aufgezählt. Paris 1818, Seite 24 - 33. Über die späteren Arbeiten finden sich einige Einzelheiten bei MAXWELL, Encyclopedia britannica, 9. Auflage, Artikel  Attraction,  Seite 74 und bei STALLO, a. a. O. Seite 36f. Über den Versuch EULERs vgl.  Opuscula,  Berlin 1745, Seite 287.
    62) LE SAGE hat seine Theorie in großen Zügen in seinem  Lucréce Newtonien,  Berlin 1772, dargestellt. Der  Traité de Physique  (Paris 1818), den PREVOST nach Aufzeichnungen von LE SAGE redigiert hat, enthält eine genauere Darstellung.
    63) MAXWELL, Encyclopedia britannica, 9. Auflage, Artikel  Atom,  Seite 47.
    64) MAXWELL, Encyclopedia britannica, Artikel  Attraction,  Seite 65
    65) Die erste dieser Angaben findet sich in  Ouvres,  Paris 1880, Bd. IV, Seite 327; die zweite daselbst Bd. VI, Seite 471. [In der allgemeinen Relativitätstheorie wird bekanntlich die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Gravitationswirkungen derjenigen des Lichtes gleichgesetzt. /Lichtenstein]
    66) Vgl. weiter unten.
    67) SCHOPENHAUER, Die Welt als Wille und Vorstellung, Ausgabe FRAUENSTÄDT, Bd. I, Seite 45f und 154.
    68) EDUARD von HARTMANN, Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Leipzig, Seite 16, 18, 20.
    69) COMTE, Politique positive, Bd. I, Seite 501.
    70) Vgl. STALLO, a. a. O. Seite 36
    71) Vgl. z. B. SPENCER, First principles, Bd. I, Seite 54, 231, 248, 251 - 254
    72) STALLO, a. a. O.
    73) LOTZE, Grundzüge der Naturphilosophie, 2. Auflage, Leipzig 1889, Seite 27 - 28. Es ist zu bemerken, daß LOTZE diese Gründe für ausreichend hält, um zu erklären, daß das Bild eines Ausströmens in Kugelflächen aufgegeben werden müsse: "Man darf nur von einem linearen Verhältnis zwischen zwei Elementen sprechen." - KEPLER kommt bei der Untersuchung der Frage, in welcher Weise die Wirkung der Sonne auf die Planeten sich mit der Entfernung ändern müsse, zu dem Ergebnis, daß dies in umgekehrten Verhältnis zur Entfernung stattfinden müsse  (Opera omnia,  ed. FRISCH, Frankfurt 1870, Bd. VI, Seite 349). Das beweist, daß das Bild der sphärischen Ausstrahlung sich seinem Geist keineswegs aufdrängte.
    74) SCHOPENHAUER, a. a. O., Bd. I, Seite 10
    75) KANT, Gesammelte Schriften, Akademieausgabe, Bd. IV, Seite 513.
    76) Aus der Fortsetzung der Stelle von Sir J. THOMSON, die wir oben angeführt haben, kann man entnehmen, daß er sehr deutlich gefühlt hat, daß hier die wahre Quelle der Schwierigkeit entspringt und es scheint, daß auch FARADAY ein Gefühl dafür gehabt hat. [Die neueste Entwicklung der Quantentheorie scheint darauf hinzudeuten, daß im Unendlichkleinen, in der interatomaren Welt die Kategorien des Ortes und der Geschwindigkeit ihre strenge Gültigkeit verlieren. Wir befinden uns dort bereits im Bereich des  Irrationalen Möglichkeiten einer kausalen Erklärung hören ganz oder teilweise auf. Man vergleiche beispielsweise M. PLANCK, Das Weltbild der neuen Physik, Monatshefte für Mathematik und Physik, Bd. 36, 1929, Seite 387-410. / Lichtenstein]
    77) "Et comme plusieurs philosophes ont jugé que, même dans l'ordre de la Nature, un corps peut opérer immédiatement en distance sur plusieurs corps éloignés tout á la fois, ils croient, á plus forte raison, que rien ne peut empêcher la puissance divine de faire qu'un corps soit présent á plusieurs corps ensemble; n'y ayant pas grand trajet de l'opération immédiate á la présence et peut-être l'une dépendant de l'autre." LEIBNIZ, Théodicée, § 19, Ausgabe ERDMANN, Seite 485.
    78) DE PRÉMONTVAL, Vues philosophiques, Berlin 1761, Seite 212 - 237.
    79) MAURICE BOUCHER, Essai sur l'hyperespace, Paris 1903, Seite 158f
    80) I. C. F. ZÖLLNER, Prinzipien einer elektrodynamischen Theorie der Materie, Leipzig 1876, Seite LXXII ff.
    81) LOTZE, a. a. O. Seite 26
    82) HERTZ, Gesammelte Werke, Bd. I, Seite 353
    83) WILHELM WIEN, Über die Möglichkeit einer elektromagnetischen Begründung der Mechanik, Drudes Annalen, Bd. 5, 1901, Seite 501f.
    84) Diese Ansicht scheint sich in der Tat seitdem unter den maßgebenden Physiker ziemlich restlos durchgesetzt zu haben. Die Auffassung von der Gravitation, wie sie der allgemeinen Relativitätstheorie EINSTEINs zugrunde liegt, setzt sie notwendigerweise voraus (Zusatz zur 3. Auflage).
    85) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, vierte Auflage, Iserlohn 1882, Seite 511
    86) LEOPOLD MABILLEAU, Histoire de la philosophie atomistique, Paris 1896, Seite 14.
    87) MABILLEAU, a. a. O., Seite 28-33.
    88) MABILLEAU, a. a. O., Seite 29. Wir sind im Text hinsichtlich der indischen Atomistik den Angaben MABILLEAUs gefolgt. Es scheint aber, als seien Arbeiten, die jünger sind als die von ihm benutzten geeignet, diese Angaben zu modifizieren. Die heutige indische Philologie scheint immer weniger geneigt, das Alter der Quellen hinaufzurücken; sie stellt fest, daß wir über das Indien vor der Zeit  Alexanders  nur sehr wenig wissen. Doch zeigen uns die ältesten Dokumente, die wir über die Jainas besitzen (sie stammen aus der Zeit ASOKAs um 250 v. Chr.), diese bereits als einen wichtigen Orden (GUERINOT, Essai de bibliographie Jaina, Paris 1905, Seite XXVIII); und man vermutet, daß die Grundlagen ihrer Leere vom Gründer des Ordens, MAHAVIRA, herrühren, der am Anfang des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts gelebt haben soll (a. a. O. Seite V). - Sollte nun wirklich die indische Atomistik zeitlich auf die der Griechen folgen, so würden die Beziehungen der beiden sich einfach umkehren; die von uns weiter oben gezogenen Schlußfolgerungen bleiben jedoch dieselben, ob man nun eine völlige Unabhängigkeit der beiden oder einen Zusammenhang zwischen ihnen annimmt. - Wir wollen auch noch feststellen, daß es nach gewissen Texten mindestens zweifelhaft erscheint, ob die Jainas Atome ohne Qualitäten angenommen haben (vgl. besonders H. JACOBI, Eine Jaina-Dogmatik, Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft, Bd. 60, Heft 2, Leipzig 1906, Seite 515f; WARREN, Les idées philosophiques et religieuses des Jainas, Annales du Musée Guimet, Bd. X, 1887, Seite 361
    89) MABILLEAU, a. a. O., Seite 214.
    90) MULLACH, Fragmenta philosophorum graecorum, Paris 1860, Seite 357f.
    91) MABILLEAU, a. a. O., Seite 194-200 und 272.
    92) Vgl. LASSWITZ, Geschichte der Atomistik, Hamburg und Leipzig 1890, Seite 214-218.
    93) LASSWITZ, a. a. O., Seite 214
    94) J. PHILIPPE, Lucréce dans la théologie chrétienne, Paris 1895, Seite 9, 11, 13.
    95) PHILIPPE, a. a. O., Seite 42f
    96) vgl. PICAVET, Esquisse d'une histoire des philosophies médiévales, Paris 1907, Seite 37 und 163.
    97) MOISE BEN MAIMUN, Le guide des égarés (franz. Übersetzung von MUNK), Paris 1856-66, Bd. I, Seite 377.
    98) PIERRE DUHEM, Ètudes sur Léonard de Vinci, 2. Reihe, Paris 1909, Seite 7f
    99) vgl. LASSWITZ, a. a. O., Seite 257f.
    100) Wir wollen jedoch anmerken, daß CASSIRER, der in dieser Frage ein ausgezeichnetes Urteil hat, von GALILEI meint, er sei im Grunde Atomist gewesen (Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Berlin 1906-07, Bd. 1, Seite 298.
    101) Nicht nur die Philosophen und die Geschichtsschreiber der Atomistik, wie F. A. LANGE, LASSWITZ, und MABILLEAU, sondern auch viele Physiker haben eine klare Vorstellung von dieser Kontinuität. Vgl. z. B. LARMOR, Aether and Matter, Cambridge 1900, Seite 25.
    102) Die von uns im Text ausgesprochene Meinung hat Gegner gefunden. Schon COMTE hatte die Verteidigung der Jahrhunderte des Mittelalters übernommen, sie sind ihm "denkwürdige Zeiten, zu unrecht als finster verschrien von einer metaphysischen Kritik, deren erstes Organ der Protestantismus war" (Cours, V, Seite 317, vgl. VI, Seite 81). Wie MILHAUD (Nouvelles études sur l'histoire de la pensée scientifique, Paris 1911, Seite 18) sehr richtig bemerkt hat, wurde COMTE durch sein Gesetz der drei Stadien genötigt, es so darzustellen, als sei die Wissenschaft der Griechen ein Nichts oder beinahe ein Nichts gewesen. Außerdem erklären sich die Ansichten COMTEs in diesem wie in anderen Punkten aus dem Umstand, daß er das eigentlich wissenschaftliche Interesse anderen diesem Gebiet fremden Interessen unterordnete. - In Werken, deren Bedeutung für die Geschichte und Philosophie der Wissenschaften nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, versucht DUHEM zu beweisen, daß unsere Wissenschaft in direkter Linie von der mittelalterlichen Wissenschaft abstammt und daß "die sogenannten Renaissancen" weiter nichts gewesen sind als "häufig ungerechte und unfruchtbare Reaktionen". Wir glauben jedoch, daß man in dieser Hinsicht weiter nicht beweisen kann, als daß die langen Jahrhunderte des Mittelalters nicht  völlig  unproduktiv gewesen sind und daß der Bruch in der Renaissance kein vollständiger war. Es bleibt jedoch dabei, daß der Fortschritt, der in diesen zehn Jahrhunderten erzielt worden ist, winzig ist im Vergleich zu dem der Periode der wirklichen Aktivität des griechischen Geistes und daß dieser Fortschritt in der Renaissance eine wunderbare Beschleunigung erfahren hat, so daß die moderne Wissenschaft nach einer richtigen Bemerkung MILHAUDs (Ètudes sur la pensée scientifique chez les Grecs et chez les modernes, Paris 1906,Seite 2) "über die Jahrhunderte der Ruhe hinweg als die natürliche Fortsetzung der griechischen Wisenschaft selbst erscheint." Zweifellos ist und bleibt die Renaissance das bemerkenswerteste Ereignis in der ganzen Geschichte der Wissenschaften.
    103) STALLO, a. a. O., Seite 114
    104) STALLO, a. a. O., Seite 60.
    105) vgl. weiter oben
    106) POINCARÈ, Lecons sur la théorie mathématique de la lumiére, Paris 1889, Seite III.
    107) A. ÈTARD, Les nouvelles théories chimiques, dritte Auflage, Paris, Seite 8, 30, 35, 44.
    108) RUTHERFORD, Radio-activity, Cambridge 1905, Seite I.
    109) LARMOR, Aether and Matter, Cambridge 1900, Seite 25. Die Entwicklung der Wissenschaft seit der Zeit, da LARMOR diese Ansicht ausgesprochen hat, scheint ihm recht zu geben. Heute erscheint die atomistische Struktur der Elektrizität sicherlich den meisten Physikern als das feste Fundament des ganzen theoretischen Gebäudes dieses Teils der Wissenschaft. Vgl. J.-J. THOMSON, Electricity and Matter, Cambridge 1905, Seite 41f und MARIE CURIE, Revue scientifique, 17. November 1906, Seite 609.
    110) LARMOR, a. a. O., Seite 71
    111) Bulletin de la Société francaise de philosophie, 6. Jhg. 1906, Seite 85.
    112) LUCIEN POINCARÈ, Revue annuelle de physique, Revue générale des sciences, Bd. IX, 1898, Seite 429.
    113) Bulletin de la Sociéte francaise de philosophie, 10. Jhg. Seite 98 (Sitzung vom 27. Januar 1910).
    114) WILHELM OSTWALD, La déroute de l'atomisme contemporain, Revue générale des sciences, 1895, Seite 953f. - Natürlich wurde die Elektronentheorie bei ihrem Auftauchen von den Energetikern als "reaktionär" verschrien (vgl. HÖFLER, Zur gegenwärtigen Naturphilosophie, Berlin 1906, Seite 112).
    115) COURNOT, Traité de l'enchaînement des idées fondamentales dans la science et dans l'histoire, Paris 1861, § 245.
    116) LEIBNIZ, Ausgabe ERDMANN, Seite 758.
    117) HUYGENS, Traité de la lumiére, Leyden 1690, Kap. I, Seite 5
    118) EMILE DUBOIS-REYMOND, Reden, Leipzig 1886-87, Erste Folge, Seite 105-106.
    119) WILLIAM THOMSON, Notes of Lectures on Molecular Dynamics etc. Baltimore 1884, Seite 132
    120) WILLIAM THOMSON, Conférences scientifiques et allocutions, übersetzt von LUGOL und BRILLOUIN, Paris 1864, Seite 299
    121) MAXWELL, Scientific Papers, Cambridge 1890, Bd. II, § 418. Vgl. auch ders. Theory of Heat, London 1891, Seite 308: "Wenn wir zum Begriff der bewegten Materie gelangt sind und wissen, was man unter der Energie dieser Bewegung versteht, so sind wir außerstande, noch weiterzugehen und uns vorzustellen, daß irgendeine mögliche Erweiterung unseres Wissens die Energie der Bewegung erklären oder uns von ihr ein vollständigeres Wissen verschaffen könnte, als wir schon besitzen."
    122) ARISTOTELES, De generatione et corruptione, I, 2. Nach dem Zusammenhang könnte man beinahe glauben, dieses Bild sei einem Atomisten entlehnt, obgleich es, wie wir später sehen werden, auch mit den peripatetischen Theorien in Einklang ist. Es findet sich übrigens, bei LUKREZ wieder, Buch II, Vers 668f.
    123) FERDINAND ROSENBERGER, Die Geschichte der Physik in ihren Grundzügen, Bd. 1, Seite 11-12.
    124) HANNEQUIN hat sich lebhaft für das Problem interessiert, das durch diesen Unterschied aufgeworfen wird, und hat einen, unserer Ansicht nach vergeblichen, Versuch gemacht, es zu lösen (a. a. O., Seite 92). Er scheint ein deutliches Gefühl dafür gehabt zu haben, daß Mechanistik und Erhaltungsprinzip in den gleichen Gedankenzusammenhang gehören; aber aufgrund seiner vorgefaßten Meinung, daß das Unstetige in die Physik durch die Mathematik hineingekommen ist, hat er die Atomistik aus dem Begriff der geradlinig gleichförmigen Bewegung abgeleitet, d. h. aus dem Trägheitsprinzip (a. a. O., Seite 74f). Das ist aber historisch betrachtet offenbar ungereimt; denn dadurch wird die moderne Atomistik von derjenigen der Griechen, Inder, Juden und Araber gesondert. Der erste, der, wenn auch in etwas verworrener Weise, die Atomistik aus dem Prinzip der Identität in der Zeit abgeleitet hat, war, wie wir glauben (unter den Neueren natürlich, denn einem Griechen wäre diese Ableitung ohne Zweifel nach der Darstellung des ARISTOTELES als trivial erschienen), SPIR (a. a. O., Seite 409-410). Die erste Auflage von  Denken und Wirklichkeit  ist 1873 erschienen. Es scheint, daß HANNEQUIN diese Ableitung nicht gekannt hat; der  Essai critique  ist 1895, ein Jahr vor dem Erscheinen der französischen Übersetzung des Werkes von SPIR herausgekommen. - Es ist äußerst interessant, daß AUGUSTE COMTE mit dem Scharfsinn, den er häufig zeigt, wo seine sozialen Vorurteile keine Rolle spielen, die Stellung der Korpuskularhypothese in der Physik mit derjenigen des Trägheitsprinzips in der Mechanik vergleicht (Politique positive, Bd. I, Seite 520 und 555).
    125) vgl. weiter unten Kapitel 12.
    126) EDUARD ZELLER, Die Philosophie der Griechen, Bd. I, 4, Seite 775f. Bei dem ganz besonderen Interesse, das diese Beweisführung bietet, dürfte es angebracht sein, die betreffenden Stellen aus ARISTOTELES dem Leser selbst zu unterbreiten (De generatione et corruptione, I, 8): "Leukippos und Demokritos haben hier besser als irgendjemand den wahren Weg gewiesen und alles mit einem Wort erklärt, indem sie den von der Natur angegebenen Ausgangspunkt wählten. Einige alte Denker haben nämlich geglaubt, daß das Sein notwendig Eines und unbeweglich sei. Nach ihrer Ansicht gibt es das Leere nicht und es kann im Weltall keine Bewegung geben, da es kein von den Dingen getrenntes Leeres gibt. Sie fügen hinzu, daß es ebensowenig eine Vielheit geben könnte, zumal es kein Leeres gibt, das die Dinge teilt und voneinander isoliert ... Was Leukippos betriff, so glaubte er sich im Besitz von Theorien, die mit den durch die Sinne bezeugten Tatsachen in Einklang stünden und, nach seiner Ansicht, weder die Erzeugung noch die Vernichtung, weder die Bewegung noch die Vielheit der Wesen unmöglich erscheinen lassen. Aber nach diesem Zugeständnis an die Realität der Erscheinungen macht er deren andere an die, welche die Einheit des Seins unter dem Vorwand annehmen, daß ohne das Leere keine Bewegung möglich ist, und er räumt ein, daß das Leere das Nichtseiende und das Nichtseiende nichts Seiendes ist. So ist bei ihm das eigentliche Sein äußerst zahlreich; das so verstandene Sein kann nicht Eines sein, weit davon entfernt sind diese Elemente vielmehr in unendlicher Zahl vorhanden und sind nur wegen der äußersten Kleinheit ihres Volumens unsichtbar." Im Interesse größerer Klarheit haben wir es vorgezogen, diese Stelle im Text zusammenzufassen; wir haben alles ausgelassen, was sich auf die Frage des Leeren und Vollen bezieht, für die sich ARISTOTELES bekanntlich speziell interessierte, die aber den Leser an dieser Stelle eher verwirren würde (vgl. zu dieser Seite der eleatischen Lehre unten, Kapitel VII). Beim Übrigen jedoch haben wir uns bemüht, nur die eigenen Ausdrücke des ARISTOTELES zu gebrauchen. Wenn wir sagen, daß LEUKIPP die Wirklichkeit der Erscheinungen "retten" wollte, so entnehmen wir diesen Ausdruck (der dem Gedanken des ARISTOTELES sicher sehr angemessen ist) ZELLERs Analyse (a. a. O., Seite 768). - Nach ZELLER haben HERMANN COHEN (Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1906, Bd. 1, Seite 31) von diesem Zusammenhang des griechischen Atomismus gesprochen.
    127) Besonders die Chemiker neigen zu dieser Täuschung. Vgl. z. B. SCHÜTZENBERGER, Traitè de chimie générale, Paris 1880, Bd. 1, Seite VII.
    128) HIRN, Conséquences philosophiques et métaphysiques de la Thermodynamique, Paris 1868, Seite 209.
    129) PIERRE BAYLE, Dictionnaire, Amsterdam 1734, Bd. V, Artikel  Zenon,  Anmerkung G, Seite 599.
    130) Ein sehr bemerkenswerter Versuch in dieser Richtung ist der von KOZLOWSKI, Psychologiczne zrodla etc., Warschau 1899, Seite 51 und 68; Szkice filozoficzne, Warschau, 1900, Seite 86; Zasady przyrodoznawstwa, Warschau 1903, Seite 95, 245f und 287.
    131) Meyerson macht hier eine Anspielung auf den Aufschwung, den die von Lorenz begründete Elektronentheorie Anfang des Jahrhunderts, nicht zum wenigsten Dank den Arbeiten von J. J. Thomson über die Leitung der Elektrizität in Gasen, genommen hatte. [Lichtenstein]
    132) JOSEPH JOHN THOMSON, Electricity and Matter, New York 1904, Seite 74f.
    133) Sir OLIVER LODGE, On Electron, zitiert nach der franz. Übersetzung, Paris 1906, Seite 156. [Es erscheint angebracht, an dieser Stelle auf die an die Namen Rutherford, Bohr, Heisenberg, de Broglie und Schrödinger anknüpfenden neueren Wandlungen dieser Vorstellungen hinzuweisen. Nähere Angaben finden sich in jedem der zahlreichen Bücher über die Quantentheorie. Man vergleich vor allem das Standardwerk von Sommerfeld, Atombau und Spektrallinien, Braunschweig 1924; Wellenmechanischer Ergänzungsband, Braunschweig 1929. Siehe auch die im Planck-Heft der Naturwissenschaften (Bd. 17, 1929, Seite 481-529) zusammengefaßten Aufsätze. - Lichtenstein.]
    134) LODGE, a. a. O., Seite 90 und 95
    135) J. J. THOMSON, a. a. O., Seite 114f
    136) THOMSON, a. a. O., Seite 87.
    137) LODGE, a. a. O., Seite 14
    138) HENRY POINCARÉ, Science et méthode, Paris 1908, Seite 271.
    139) LODGE, a. a. O., Seite 10
    140) HEINRICH HERTZ, Die Prinzipien der Mechanik, Gesammelte Werke III, Leipzig 1894, Seite 11.
    141) KIRCHHOFF, Vorlesungen über mathematische Physik, Leipzig 1883-1891, Bd. 1, Vorrede