ra-2 Eduard von HartmannAgnes Taubert    
 
FREDERICK ANTHONY HARTSEN
Die Moral des Pessimismus
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"Schönheit, nicht Häßlichkeit ist die Regel in der Welt. Wie es mehr ehrliche Leute als Diebe, wie es mehr Gesunde als Krüppel gibt, so gibt es mehr Menschen mit regelmäßigen, als mit verwirrten Gesichtszügen. Und in den niederen Schichten der organischen Welt herrscht die Schönheit dergestalt vor, daß es schwierig ist, ein wirklich häßliches Tier, eine wirklich häßliche Pflanze, eine häßliche chemische Substanz zu finden. Einzelne sind in gewisser Hinsicht häßlich, aber in der Regel herrscht das Schöne vor und wäre es nur als Symmetrie. Nicht anders ist es mit dem Glück. Es gibt mehr Sehende als Blinde, mehr Hörende als Taube, mehr Gesunde als Kranke, mehr Verständige als Verrückte, mehr Heitergestimmte als Melancholische, mehr Glückliche als Unglückliche."

Was hilft es, ob ein Mensch gute Eigenschaften (Begierden) hat, wenn er daneben so schlechte besitzt, daß die guten dadurch zum größten Teil, vielleicht ganz, neutralisiert werden? Nur dasjenige tun wir recht gut und kräftig, was wir mit Freude, mit ganzer Seele, mit ungeteiltem Interesse tun. In der Tat, man frage einmal einen General, welche Soldaten ihm die liebsten sind: diejenigen, denen das Vaterland über alles geht oder solche, die Nebeninteressen haben und denen das Ausziehen schwere Opfer kostet? Man frage den Staatsmann, welche Beamten größeren Wert haben: diejenigen, welche ihre Geschäfte lieben oder solche, die mit Widerwillen und nur aus Pflichtgefühl arbeiten.

Das Gute  soll getan,  das Böse  soll unterlassen  werden, darauf kommt am Ende alles an. "Ordnung muß sein." Kostet uns das Gute Opfer, es muß dennoch geschehen. Aber kostet es uns keine, umso besser! Nicht nur die Anwesenheit der guten Begierden, sondern auch die  Abwesenheit der schlechten  bestimmt den Wert eines Wesens.

Abwesenheit der schlechten Begierden nun schließt eben die Aufopferung aus. Denn wo nichts zu opfern ist, da kann von Aufopferung nicht die Rede sein.

Vielleicht könnte man sogar die Abwesenheit schlechter Begierden ansich schon Tugend nennen. In diesem Fall ist die Unrichtigkeit der TAUBERTschen Ansicht noch einleuchtender.

Daß nicht jeder von diesen Wahrheiten überzeugt ist, wundert uns nicht. Vielleicht kein Mensch ist in jeder Hinsicht so tugendhaft, daß es ihm nie schwer fällt das Gute zu tun. Tatsächlich sind wir also gewohnt, die Tugend in Gesellschaft der Aufopferung zu sehen. Es ist daher natürlich, daß wir geneigt sind, sie als zusammengehörend zu betrachten.

Das aber liegt nicht an der Tugend, sondern an unserer Schlechtigkeit. Nicht darum ist so mancher Tugendhafte genötigt Opfer zu bringen, weil er vortrefflich ist, sondern viel eher darum, weil er dies  nicht genug  ist. Und es liegt kein Grund vor zu sagen: Wer die schwersten Opfer bringt, ist am tugendhaftesten und vice versa [umgekehrt - wp].

Aufopferung kann  Mittel,  unumgängliches Mittels sein,  Zweck  ist sie nie.

Wir haben gesagt, daß eben die höchste Tugend Aufopferung ausschließe. Dieser Satz folgt unmittelbar aus der Ansicht, daß Tugend  Gesinnung  sei. Hieraus geht nämlich hervor, daß die Tugend umso größer ist, als die tugendhafte Gesinnung schwächer. Je schwächer nun die Gesinnung, umso leichter wird sie einem Widerstand begegnen, mit anderen Worten: umso größere Opfer wird der, welcher sie hat, ihr zu bringen haben. Ist aber die gute Gesinnung sehr stark, so wird sie den Menschen dergestalt beherrschen, daß er nur selten in die Lage kommt, etwas anzustreben, das ihr widerstreitet und daß die schlechten Begierden sozusagen ohne Kampf erliegen oder nicht einmal aufkommen können; was uns berechtigt zu sagen, daß bei  vollkommener  Tugen die Aufopferung gleich Null sein würde.

Will man nun behaupten, daß es kein Mensch in der Tugend so weit gebracht habe, um nie in die Lage zu kommen der Tugend Opfer bringen zu müssen, so geben wir das gern zu.

Ein solcher Mensch jedoch ist denkbar. Und es gibt wirklich Menschen, die, ohne auf  jedem  Gebiet der Tugend zu glänzen, doch in einzelnen so weit sind, keiner Opfer fähig zu sein. Es gibt sozusagen  Spezialisten  in der Tugend. Der Eine z. B. ist dergestalt begeistert von seiner Vaterlandsliebe, daß er nie in Versuchung gerät, etwas zu tun oder zu wünschen, was dem Heil des Vaterlandes Abbruch tun könnte. Ein Anderer liebt seine Frau von Herzen und hat eine so große Ehrfurcht für die ehelichen Rechte seiner Mitbürger, daß es ihm gar kein Opfer kostet, sich des Ehebruchs zu enthalten und daß er sogar lieber sein Leben verlieren würde, als sich zu so etwas herab zu lassen.

Werden wir sagen, dieser Mensch sei nicht treu und rechtlich? Ist dieser vielleicht ein Ehebrecher im wahrsten Sinne?

Ein Dritter hat ein so zärtliches Herz, daß er alles lieber täte, als einem Kind oder einer Fliege ein Leid anzutun; und daß der Gedanke zu so etwas nie in ihm aufkommt. Sollen wir sagen, dieser Mensch sei nicht wohlwollend??

Und so mit allen besonderen Tugenden. Was aber von jedem Teil gilt, muß auch vom Ganzen wahr sein.

Kurz, sollen wir sagen: wer nicht mit Widerwillen die Tugend übt, wem sie keine Opfer kostet, der ist nicht tugendhaft?

Wir wiederholen es: Tugend gibt leicht Veranlassung zu Opfern, vorausgesetzt, daß der Mensch die Kraft, die Gelegenheit und die Mittel habe, solche zu bringen. Werden aber diese Opfer nicht gebracht, so beweist das nicht, daß keine Tugend da sei. Vielleicht mangelt die Gelegenheit oder die Veranlassung (denn ohne Veranlassung Opfer zu bringen ist Torheit) oder die Kraft oder vielleicht mangeln die Mittel.

Man lasse sich nicht irreführen durch den Umstnd, daß unser Satz sich nicht umkehren läßt. Die Abwesenheit von Aufopferung ist allerdings nicht immer ein Beweis der höchsten Tugen. Auch bei geringeren Graden der Tugen kann ja die Aufopferung mangeln, wenn sich der Tugend nichts in den Weg stellt, wenn keine Verführung da ist. Hieraus folgt jedoch keineswegs, daß bei größerer Tugend notwendig Aufopferung da sein müsse.

Wer unsere Definitionen von "Tugend" und "Aufopferung" adoptiert, wird logisch unseren Ansichten über die Moral beistimmen müssen. Wer diese Ansichten bestreiten will, muß unsere Definition von "Tugend" angreifen.

Wer z. B. das Maß der Tugend in aktueller Aufopferung sucht, der muß die Anachoreten als Koryphäen der Tugend preisen oder wenigstens behaupten, daß eine gute Begierde ansich noch keine Tugend sei, daß sie es nur sein kann unter der Voraussetzung,  daß neben ihr schlechte Begierden da sind.  Er muß annehmen: die Tugend wächst im umgekehrten Verhältnis zum Unterschied zwischen den guten und den schlechten Begierden, die im Menschen kämpfen, also, wenn eine gute Begierde in jemand gegeben ist, habe diese Person umso mehr Tugend, als ihre schlechten Begierden stärker sind. Er muß annehmen, daß nur da große Tugend ist, wo diese schlechten Begierden fast ebenso stark sind, als die Begierden zum Guten.

Das wäre ja erforderlich, damit die Aufopferung möglichst groß ist. Er muß also annehmen, daß die widerlichsten Instinkte eine Bedingung zur Tugend sind. Und wenn der Erzieher, der Hygieniker und der Arzt bestrebt sind, solche im Menschen auszurotten oder denselben vorzubeugen, so muß er sich ihrem Streben, als der Tugend verderblich entgegenstemmen.

Er muß endlich die schreiende Ungereimtheit annehmen, daß die Tugend eine Schule der Sünde, ein sittenverderbendes Übel ist. Denn, wenn jemand sich daran gewöhnt das Gute zu tun, so wird ihm das allmählich immer leichter und es kostet ihm dann immer weniger Opfer. TAUBERT muß also annehmen, daß wer das Gute liebt, das Schlechte tun soll. Sonst opfere man ja nichts auf!

Wir können nur wiederholen, was wir in unserer "Grundlegung von Ästhetik, Moral und Erziehung" gegen von FICHTE, der mit TAUBERT übereinstimmend denkt, vorbrachten, nämlich:
    "von FICHTE ist der Meinung, Sittlichkeit sei nur da möglich, wo eine böse Neigung bezwungen wird mit anderen Worten, nur da, wo moralische  Selbstbeherrschung  waltet, nicht aber da, wo der Mensch durch eine ursprüngliche Neigung zum Gutestun hingezogen wird. Diese Ansicht scheint uns durch die ungeheuerlichen Folgerungen, zu denen sie führt, hinlänglich widerlegt zu sein. Ja, durch ihre ungeheuerlichen Folgerungen, In der Tat, wäre diese Ansicht richtig, so könnte der Mensch nur moralisch sein  unter der Bedingung, daß er böse Neigungen hat.  Denn, hätte er deren keine, so könnte bei ihm von moralischer Selbstbeherrschung oder Entsagung keine Rede sein. Es hätte dann also die Erziehung zur Aufgabe, nicht die bösen Neigungen im Kind zu zerstören,  sondern im Gegenteil sie auszubilden,  damit nämlich das Kind nicht die Gelegenheit verlöre, moralisch zu sein! Und dann wäre der Mensch nicht genötigt, die Versuchung zu fliehen, sondern im Gegenteil, sie aufzusuchen als eine Bedingung, die zum Moralischsein nötig wäre! Dann sollte man das Gebet "führe uns nicht in Versuchung," ersetzen durch dieses  führe  uns in Versuchung," damit wir nämlich Gelegenheit haben, moralisch zu sein"!

    "Für die meisten unter uns ist Selbstbeherrschung eine traurige Notwendigkeit, sollen sie zur moralischen Vollkommenheit gelangen, das ist wahr. Hätte aber der Mensch einmal die moralische Vollkommenheit erreicht, dann wäre er moralisch ohne moralische Selbstbeherrschung. Also: gerade auf der höchsten Stufe der Sittlichkeit hört moralische Selbstbeherrschung auf. Es ist demnach klar: moralische Selbstbeherrschung ist keine wesentliche Bedingung der Moralität."

    "Übrigens leugnen wir nicht, daß die moralische Selbstbeherrschung zum Guten, da wo sie stattfindet, ein Beweis von sittlicher Würde ist. Sie ist dies gewiß und umso mehr, als die schlechte Begierde, welche dabei überwunden wird, mächtiger ist. Selbstbeherrschung zum Guten nämlich ist ein Beweis davon,  daß eine gute Begierde vorhanden ist  und zwar in solcher Stärke, daß eine schlechte Begierde von gewisser Größe dadurch entkräftet wird. Denn, das bei der Selbstbeherrschung zum Guten Wirksame ist gerade eine gute Begierde. Also: wo moralische Selbstbeherrschung zum Guten stattfindet, da ist Sittlichkeit. Hieraus aber folgt gar nicht, daß  keine  Sittlichkeit da ist, wo  keine  moralische Selbstbeherrschung stattfindet. Nein, es kann sein, wir haben es gesehen, daß Mangel an moralischer Selbstbeherrschung gerade ein Beweis der höchsten Sittlichkeit ist."

    "Überhaupt - man muß das wohl beachten - ist Selbstbeherrschung  ansich  nichts Gutes. Denn es gibt auch eine Selbstbeherrschung  zum Schlechten,  diejenige nämlich, bei welcher eine gute Begierde durch eine schlechte entkräftet wird. Hier ist Mangel an Selbstbeherrschung bestimmt besser, als Anwesenheit derselben."
Aufopferung, wie jede Art der Unlust, kann Mittel, nie aber Zweck sein. Ja, Aufopferung ist ansich immer ein Übel, kein Gut. Und der denkende Mensch hat Recht, wenn er die Notwendigkeit der Aufopferung nie  sucht,  sondern ihr möglichst ausweicht, wenn er die Selbstpeinigung verwirft und seine Lage so einzurichten sucht, daß seine Pflichten mit den Forderungen seines Geschmacks zusammenfallen, so daß die Tugend möglichst wenig Aufopferung von ihm fordert.

Niemand wird uns diese Wahrheiten weniger streitig machen als der Christ, der ja wohl nicht behaupten wird, daß der christliche Gott untugendhaft sei, weil er, als Allmächtiger keiner Opfer fähig und absolut selig ist.

Wem das Gute große Opfer kostet, der hat es zur wahren Tugend nicht gebracht. -

Unter denjenigen, welche uns zustimmen möchten, daß die Tugend nicht notwendig Aufopferung in ihrem Gefolge führt, werden manche doch von uns wenigstens das Gutdünken fordern, daß man nur auf dem Weg der Aufopferung  zur Tugend gelangen kann. 

Auch das müssen wir bestreiten. Manche Menschen, vielleicht alle, gelangen tatsächlich nur unter Aufopferung zur vollkommenen Tugend, das ist wahr. Immer aber ist die Aufopferung eine traurige Notwendigkeit, nicht das Wesen der Tugend, nicht ein Maßstab für die Größe derselben.

TAUBERT stellt sich hier die Tugend als etwas notwendig  Angelerntes,  sozusagen Eingepeitschtes vor. Es gibt also für ihn keine  angeborene Tugend.  Nun ist es aber unverkennbar, daß wir in manchen Fällen, von unseren Eltern nicht nur die Empfänglichkeit zu guten, d. h. nicht nur Fehler, sondern auch Tugenden. Und vielleicht besteht die Möglichkeit, daß auch, abgesehen von Erblichkeit, die Tugend in jemand spontan entstehe.

Nacht TAUBERT wären "Selbstverleugnung und die Bekämpfung des Egoismus das erste Gebot wahrer Sittlichkeit". Aber wie, wenn es nun bei jemandem keinen Egoismus zu bekämpfen gibt, wenn eben das Selbst des Menschen Tugend ist, wenn von Haus aus der Geschmack des Menschen seinen Pflichten entspricht? Muß dann der Mensch sein tugendhaftes Selbst verleugnen, um tugendhaft sein zu können? Wenn ein Mensch nun einmal  kein Egoist  ist (und nicht alle Menschen sind gottlob Egoisten), kann er dann nur tugendhaft sein unter der Bedingung, daß er Egoist wird um seinen Egoismus bekämpfen zu können??

Wie beklagenswert sind vom TAUBERTschen Standpunkt edle Seelen, denen es von Haus aus Lust und Freude macht, für andere zu leben und zu arbeiten!

TAUBERT sagt: wenn das Erringen der Tugend keine Opfer erforderte, so "wäre es  kein Verdienst  tugendhaft zu sein und würde jeder Schurke nach Tugend streben oder nur aus Dummheit ein solches Streben unterlassen"! Daß Tugend verdienstlich sei, ist ein Widerspruch gegen die Ansicht TAUBERTs, darüber aber später. Aber hiervon abgesehen, was in aller Welt beweist seine Bemerkung über den Schurken? Daß es einem Schurken Opfer kosten würde tugendhaft zu sein (vorausgesetzt, daß dieses ihm überhaupt möglich wäre), versteht sich von selbst. Denn eben darin besteht seine Schurkerei, daß er alles lieber als Gutes tut, daß er keinen Gefallen findet an guten Handlungen, daß diese ihm sogar widerlich sind. Aber was für einen Schurken wahr ist, gilt darum nicht notwendig für jedermann. Und das Verhalten eines Schurken zur Tugend ist kein Maßstab für das Wesen der Tugend selbst. Ein tugendhafter Mensch ist eben  kein  Schurke. Überhaupt möchten wir in Frage stellen, ob je ein Schurke durch Aufopferung zur Tugend gelangt. Hat man je einen Schurken gesehen, der zu sich sagte: "ich möchte gern tugendhaft sein", und der dann Opfer brachte, um es zu werden? Nein! Wer sagt: "ich wünsche tugendhaft zu sein", der tut es entweder weil er Gefallen daran findet solche Handlungen zu tun die gut sind, oder weil er irgendeinen Vorteil dabei findet, tugendhaft zu sein. Im ersteren Fall beweist er, daß er schon tugendhaft ist und es nicht zu werden braucht. Im zweiten Fall wird er nie tugendhaft werden. Eine durch Opfer erkaufte Tugend wäre also kaum denkbar. Vielleicht ist das  "Poeta nascitur" ... , mutatis mutandis  [ein Poet ist geboren - das zu Ändernde wurde geändert. - wp] auch auf den Tugendhaften anwendbar.

Aber wäre auch nicht alle Tugend angeboren, es gibt doch angeborene Tugend. Es gibt ja Menschen, die mit  einer  liebenswürdigen Anlage zur Welt kommen. Und das sind wahrlich nicht die am wenigsten liebenswürdigen! -

Ein anderes Mittel, um die Eigentümlichkeiten und Folgen der Tugend für den Pessimismus zu verwerten, besteht bei TAUBERT darin, daß er jeder äußeren Belohnung der Tugen nicht nur die Berechtigung abspricht, sondern solche auch zu leugnen versucht, wo sie wirklich existiert.
    "Neben  diesem  inneren Lohn (innere Ruhe und Zufriedenheit) sich aber noch nach der Glückseligkeit umsehen oder dieselbe den Tugendhaften verheißen zu wollen, ist eine Herabwürdigung der Tugend und ein theoretisches Heruntersinken auf den jüdich-christlichen Standpunkt, welchen KANT bereits, wenn auch noch nicht völlig, überwunden hat. Mit der einen Hand die Tugend zu geben, um mit der anderen die Glückseligkeit zu nehmen, offenbart einen Schachersinn, gegenüber welchem die alte Lehre, nach der die Tugend ihren Lohn  in sich selbst  hat, groß und erhaben zu nennen ist. Auch KANT war von diesem Irrtum nicht gänzlich frei, indem er zwar Tugend und Glückseligkeit als zwei getrennte, nicht-identische Begriffe anerkannte, dennoch aber der Ansicht war, daß der Tugendhafteste auch der Glück würdigste  wäre, den nach Gebühr zu belohnen er die Vermittlung einer höheren Macht, einer heiligen Weltordnung voraussetzte, welche je nach den sittlichen Anstrengungen des Individuums dasselbe mit Glückseligkeit belohnte. Gerade das wurde für ihn die Hinterpforte, um die aus der theoretischen Metaphysik hinausgewiesene Unsterblichkeit mit einer  jenseitigen  Belohnung wieder einzuschmuggeln, da das Mißverhältnis von Tugend und Glückseligkeit im  Diesseits  zu offen zutage lag. Die Inkonsequenz dieser Auffassung hat GARVE bereits dargelegt, indem er sagt: "Die Glückseligkeit ist keine schickliche Belohnung für die Tugend: für sie ist gar keine Belohnung schicklich! sie bedarf derselben nicht und jeder Gedanke an eine solche verunreinigt sie." (Übersicht der vornehmsten Prinzipien der Sittenlehre von CHRISTIAN GARVE, Seite 283).
Soweit TAUBERT.

In seiner Verwerfung der Arbeit um Lohn geht TAUBERT zu weit. Es darf nicht behauptet werden, daß alle Arbeit um Lohn unbedingt verwerflich und verdienstlos sei. Sonst wäre ja auch Aufopferung unbedingt verwerflich. Denn ein vernünftiger Mensch opfert sich ja doch nicht auf um Nichts, sondern  mit einem Zweck  d. h. um dadurch etwas zu erreichen. Bei Lohn braucht man ja nicht notwendig an  grobsinnlichen  Lohn, nicht einmal an  Geld  zu denken. Es gibt auch einen höheren Lohn. Und ein solcher eben wird erzielt durch diejenigen, welche wir ihr Opfer wegen bewundern. Der Soldat, der sein Blut vergießt, tut dies doch nicht um Nichts. Im edelsten Fall bezweckt er die Förderung irgendeiner Sache z. B. die Befreiung des Vaterlandes. Erreicht er dieses Ziel, so ist eben diese Befreiung sein Lohn.

Die barmherzige Schwester, die auf Gefahr ihres Lebens Kranke mit ansteckenden Krankheiten verpflegt, bezweckt die Leiden dieser Kranken zu mildern usw. Die Freude, diese Qualen abnehmen, die Kranken sich bessern zu sehen, das ist ihr Lohn, für den sie arbeitet. Und er ist wohl verdient dieser Lohn! Ob sie im Jenseits noch anderen Lohn verdient, lassen wir hier dahingestellt.

Genug, ohne Aussicht auf irgendeinen Lohn,  ohne allen Zweck,  opfert sich nur der Narr auf.

Aber auch dem Menschen, der für stofflichen Lohn arbeitet, z. B. für Geld, womit er grobsinnliche Genüsse sich zu verschaffen beabsichtigt, kann man nicht jeden Verdienst absprechen. Sonst würde ja folgen, daß er nie auf dasjenige Recht hätte, für das er arbeitet. Nun wird aber Dr. TAUBERT uns wohl beipflichten, daß er, auch ohne "Pfaffe" oder Schacherer zu sein, verpflichtet ist, seinen Kleidermacher zu bezahlen, auch wenn dieser nicht aus reiner Aufopferungssucht schneiden und nähen würde.

Arbeit um Lohn hat immer insofern einen Verdienst als es  Tätigkeit, Berechnung,  voraussetzt und besser als Faulenzen ist. Aber einen solchen Lohn zu  versprechen  ist doch verkehrt, sagt TAUBERT Seite 81.
    "Es ist gefährlich Tugend zu predigen auf diese Weise, denn das erste Gebot wahrer Sittlichkeit, die Selbstverleugnung und die Bekämpfung des Egoismus wird dadurch fast unmöglich gemacht oder doch in die zweite Reihe gestellt. Unmöglich ist es, die Glückseligkeit als Folge der Tugend vor Augen zu haben und sich nicht durch dieselbe zur Tugend motivieren zu lassen. Wer sich dazu für fähig hielte, befände sich jedenfalls in einer Selbsttäuschung über die psychologischen Gesetze der Motivation".
Das Eifern gegen das Predigen der Tugend um Lohn hat allerdings gewissermaßen seine Berechtigung. Ein solches Predigen ist aber weniger allgemein (auch bei "den Pfaffen") als TAUBERT voraussetzt. Und es ist auch weniger gefährlich als TAUBERT voraussetzt.

Lohn für die Tugend zu versprechen; zu predigen, daß  der Arbeiter seines Lohnes wert sei,  ist meines Erachtens weniger verderblich als TAUBERT glaubt.

Wenn TAUBERT obige Worte über die "Gesetze der Motivation" (großartiger Ausdruck!) niederschrieb, verkehrte er wohl in der Meinung, von bedeutender Menschenkenntnis Zeugnis abzulegen und eine wichtige psychologische Beobachtung gemacht zu haben. Das Gegenteil ist wahr. Es ist sehr wohl möglich, daß jemand Aussicht hat, durch irgendeine Handlung etwas zu verdienen,  ohne daß im Augenblick der Handlung,  die Begierde nach jenem Lohn sein einzig Motiv, sogar ohne daß es sein Hauptmotiv ist. Es kann sogar sein, daß er beim Handeln an den Lohn nicht einmal denkt. Wer in einem gebildeten Land einem Menschen das Leben rettet, wird dafür gewiß belohnt, z. B. durch eine Auszeichnung, durch das Lob der öffentlichen Meinung und dgl. Dennoch kann man nicht behaupten, daß jeder Engländer, der ein Kind im Wasser liegen sieht und sich kühn hineinstürzt, dazu durch den Gedanken bewogen wird: Wenn ich dieses Kind rette so erhalte ich eine Medaille oder so etwas. Und eine barmherzige Schwester möge noch so fest glauben, durch ihr Streben eine gute Stelle im Himmel zu erlangen, es wäre gewagt zu behaupten, daß dieser Glaube ihrer natürlichen Herzensgüte Abbruch tun müßte.

Dagegen ist das Vorhalten von Lohn in dieser Welt sozusagen Notwendigkeit und wird dies vielleicht bleiben, so lange diese Welt existiert. Es gibt nun einmal Menschen, die nur durch die Aussicht auf Belohnung dazu zu bringen sind, zu tun was für sie Pflicht ist; oder bei denen die Liebe zum Guten wenigstens der Aussicht auf Lohn zur Unterstützung bedarf. Man denke sich einmal alle Vorzüge der Keuschheit und der Ehrlichkeit (wie öffentliche Achtung, Aussicht auf den Himmel usw.) weg, wie viele Menschen würden jenen Tugenden noch nachkommen? Es scheint sogar, daß Aussicht auf Belohnung zur Erhaltung der Gesellschaft nicht einmal genügt, es scheint, daß obendrein noch  Furcht vor Strafe  hinzukommen müsse.

Man höre auf, den Lohn vorzuhalten, ... der Kampf ums Dasein wird auf das Roheste entbrennen und die kleine Schar der Uneigennützigen wird von den Übrigen bald verspeist sein!

Welche Bedeutung hat nun am Ende der Pessimismus für die Tugend, für die Moral? Zuerst malt er die Tugend als etwas, das kein Glück, sondern Unglück bringt. Sein erster Erfolg ist also, alle diejenigen, welche für Lohn das Gute tun, von demselben abzuwenden. Und der kleinen Schar derjenigen, welche sich in guten Werken gefallen, wird der Pessimismus lehren: ihr seid nicht tugendhaft, denn ihr bringt keine Opfer; um tugendhaft zu sein, müßt ihr erst Schurken werden. Also: wenn der Pessimismus sein Ziel erreichte, hätten wir eine Welt von Schurken.

Sollte dieses Urteil zu streng sein, so ist doch soviel gewiß, daß es zwei Kardinal-Tugenden gibt, die vom pessimistischen Standpunkt ganz widersinnig sind: das  Wohlwollen  und die  Dankbarkeit.  Für die Dankbarkeit ist das klar. Denn soll die Tugend nicht belohnt werden; ist es sogar für die Tugend verderblich, damit die Aussicht auf Lohn zu verbinden; so müssen wir uns wohl hüten, unsere Wohltäter zu belohnen. So etwas würde sie ja nach den "Gesetzen der Motivation" zu Egoisten machen. Das Ideal des Pessimismus ist somit eine Gesellschaft, wo jeder Gutes mit Schlechtem vergilt (damit das Verdienst der Guten umso größer sei) und niemand seine Schulden bezahlt!

Was das Wohlwollen betrifft: "nur auf den Trümmern des individuellen Glücks, d. h. jeden Glücks wächst die wahre Sittlichkeit". Jemand zu beglücken ist also verkehrt, denn dadurch raubt man ihm die Gelegenheit sittlich zu werden. Noch klarer geht dies hervor aus der Stelle, wo TAUBERT vom Pessimismus sagt, daß dieser "das Nichtige und Jllusorische allen Erdenglücks erkannt hat" (Seite 83). Erdenglück aber wäre nach dem Pessimismus das einzige Glück, denn von Glück im Jenseits will er nichts wissen. Also alles Glück ist eitel. TAUBERT sieht in dieser Wahrheit eine Forderung des Wohlwollens. Eine kräftigere Aufforderung zum Egoismus ist jedoch kaum denkbar. Wer dieser Lehre beistimmt, wird notwendig wie folgt räsonnieren: "ist alles Glück eitel, so ist es das ebenso für andere als für mich. Was werde ich mich also quälen, um andere zu beglücken? Wozu micht bemühen, ihnen ein Geschenk zu geben, welches für sie doch wertlos ist?" Und da es auch dem Pessimisten doch am Ende immer ein bißchen leichter fällt, den Wert des Glücks zu leugnen wo es sich um andere, als wo es sich um sein Selbst handelt, so wird er wohl kaum der Versuchung widerstehen, das Glück, welches für andere ja doch wertlos ist, ganz unschuldig an sich zu ziehen. Kurz, der Pessimismus ist die Schule des abscheulichsten Egoismus.

Der ganze Gedanke der Aufopferung, dieses Schiboleth [Erkennungszeichen - wp] des Pessimismus, verliert nach diesem System selbst jede Bedeutung. Ist alles Glück nicht - so wird der konsequente Pessimist folgern, - was werde ich denn opfern? Was ich nicht habe, kann ich ja nicht geben. Und wozu sollte ich es auch geben, da es ja auch für andere nichtig sein würde, so gut wie für mich. Kurz, das Rechte wird also sein, das Geschäft der Aufopferung anderen zu überlassen! ...

Der einzige Trost ist, daß vielleicht nicht die Mehrzahl der Pessimisten, sondern nur die philosophischen Prediger desselben die richtigen Folgerungen aus ihrem System ziehen würden und daß also (wie bei mehreren Aposteln der Aufopferungstugen) wenigstens die Koryphäen selbst aus der allgemeinen Glücksverachtung und Aufopferungswut einigen Vorteil herausklauben würden.

Wo bleibt am Ende nach TAUBERT die ganze Tugend? Vollbringt jemand eine gute Handlung, weil er an derselben Gefallen findet, so ist er nach TAUBERT nicht tugendhaft. Denn er bringt kein Opfer. Aber auch wer sich aufopfert, wäre nach den Prämissen unseres Verfassers nicht tugendhaft. Gehen wir näher auf diese Sache ein. Ein vernünftiger Mensch opfert ja kein Glück auf ohne  Motiv:  über den Standpunkt der Selbstverstümmelung sind wir mit TAUBERT hinaus. Nur zwei Motive sind aber für Aufopferung denkbar: entweder  Liebe  zu etwas  Gutem  oder  Berechnung.  Ein drittes Motiv ist hier schlechthin undenkbar. Das zweite Motiv verwirft TAUBERT als untugendhaft, als den Ausfluß eines Schachergeistes. Aber auch wer aus Liebe zum Guten handelt wäre nicht tugendhaft. Denn ein solcher ist, wenn er das Gute tut, nicht unglücklich, was nach TAUBERT eine  conditio sine qua non  [Grundvoraussetzung - wp] der Tugend wäre. -

Nach dieser Prüfung der TAUBERTschen Ansicht ist es uns eine  angenehme  Pflicht (unser Gegner verzeihe uns diese haarsträubende Contradictio in terminis [Wortwiderspruch - wp]!) Herrn TAUBERT in Schutz zu nehmen gegen seine eigene Ansicht - gegen die Ausführungen in seinem Buch meine ich. Einem Philosophen muß man vieles verzeihen. Das Verteidigen von Paradoxien ist für den denkenden Geist zu verführerisch. Wer nur die nackte Wahrheit sagen wollte, hätte bald ausgeredet. Und der Tag ist doch lange! Es muß doch gedacht und geschrieben werden! Daher wäre es ungerecht, die Philosophen nach ihren Schriften zu beurteilen. Die meisten sind besser als ihre Systeme und zu solchen gehört auch TAUBERT, vielleicht mit mehreren Pessimisten.

Werfe die Natur zur Türe hinaus, früher oder später kehrt sie wieder, obgleich nicht immer  "au galop",  wie das Sprichwort sagt.

Trotz aller Anstrengung, den Pessimismus zu verteidigen und für die Moral zu verwerten, will es ihm doch nicht gelingen, sich seine bessere Einsicht vom Leib zu halten. Wider seinen Willen macht sich dieselbe jeden Augenblick Luft und erblicken wir dieselbe durch die Löcher seines Systems. Der Systematiker fällt wiederholt aus seiner Rolle. Wiederholt siegt bei ihm die Natur über die Lehre, die Wahrheit über das System, der Mensch über den Philosophen. Der Erfolg ist ein Sprudel von  Widersprüchen,  eines begeisterten HEGELianers würdig.

Erstens wird es als eine Eigentümlichkeit der Tugend gestattet, daß sie  verdienstlich  ist. Der Tugendhafte ist also verdienstlich. Dennoch wird, wie wir sahen, jeder Belohnung der Tugend, die Berechtigung abgesprochen. Wie stimmt das? "Verdienst haben" will doch in jeder gesunden Sprache wohl nichts anderes sagen als:  Recht auf Belohnung haben. 

Weiter. Daß Unglück ein notwendiger Begleiter der Tugend ist, sahen wir. Nun lehrt aber derselbe TAUBERT: wenn das Streben nach Glück nicht so schwierig wäre, würde jeder Schurke danach streben, oder nur aus Dummheit dieses Streben unterlassen. Es hat also doch seine Vorteile, gut zu sein. Sonst müßte man im Gegenteil sagen, daß kein vernünftiger Mensch danach streben würde; am allerwenigsten ein Schurke; und daß eben nur Dummheit einen Schurken dazu bewegen könnte. -

Seite 139 wird TAUBERTs Moral so nachgiebig, daß er erklärt, durch  jede Arbeit,  "welche nicht eben Caritas zu sein braucht", kann der Mensch seine sittliche Aufgabe erfüllen und sich tugendhaft machen. Durch  jede Arbeit.  Also auch durch eine solche, die dem Geschmack des Arbeitenden angemessen ist, die dieser mit Freude vollbringt, die keine Opfer von ihm fordert. Also Tugend ohne Opfer!

Seite 82 lesen wir: "Wenigstens ist kaum anzunehmen, daß die höchste aller Tugenden, die Selbstverleugnung, woanders herstammen soll, als aus einem tiefen Unglauben an die Erreichbarkeit irdischen Glücks" und Seite 83: "Wer immer einer opferwilligen sittlichen Hingebung fähig ist, vermag dies  nur,  indem er auf das Glückseligkeitsideal, dem die groben und feinen Egoisten nachjagen, geringschätzend herabblickt".

Eine prachtvolle "Selbstverleugnung" fürwahr: auf Etwas zu verzichten, das man als unerreichbar betrachtet und auf das man geringschätzig herabblickt!

Andere Inkonsequenz. TAUBERT gibt sich jede Mühe, die Unmöglichkeit der Glückseligkeit im  Jenseits  darzulegen. Er [!! - wp] benützt hierzu Argumente, die ziemlich willkürlich sind, so die Behauptung, daß kein Bewußtsein ohne Gehirn und zwar ohne ein  mangelhaftes  Gehirn, denkbar ist. Unter seinen Argumenten nun sehen wir auch das, daß im Himmel die Tugend überflüssig und unmöglich sein würde. (Seite 89) Von einem Pessimisten würde man ein solches Argument am wenigsten erwartet haben. Denn, seiner Ansicht über die Tugend nach, würde die Überflüssigkeit der Tugend eben ein großer Vorzug des Himmels sein. In der Tat, wäre die Tugend untrennbar von Aufopferung und Schmerz, wer würde sich dann nicht nach einem Ort sehnen, wo die Tugend unnötig wäre!

Ganz naiv ist es, wenn TAUBERT den Pessimismus als Universalmittel gegen die Sozialdemokratie anpreist. Man soll die sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter dadurch beruhigen, daß man ihnen die Nichtigkeit der irdischen Güter vorhält. Aber leider! die Sozialdemokraten sind nun einmal so dumm und unphilosophisch! Es liegt die große Gefahr nahe, daß sie ganz nüchtern antworten werden: Nun gut, die Güter sind wertlos, also verzichtet dann selbst darauf und überlaßt sie uns. Wir sind nicht egoistisch, wir haben TAUBERT gelesen und werden euch dieses Ballastes von Herzen gern entheben!

Es ist demnach einleuchtend, daß sich der Pessimismus die Vernichtung der Moral  zur Aufgabe gemacht hat.  Er versucht sogar, eine Moral zu konstruieren und stellt als höchste Forderung der Moral "eine vollkommene selbstlose Hingabe an den Prozeß des Ganzen". Diesen "ethischen Idealismus" soll HARTMANN auf seine Fahne geschrieben haben.

Eine vernünftige Grundlage für die Tugend! Leider läuft auch diese Forderung auf Vernichtung aller Tugenden hinaus; denn sie widerspricht sich selbst. Ein Ganzes ist ja nichts ohne seine Teile. Denkt man sich alle Teile weg, so hört auch das Ganze zu sein auf. Also: völlig selbstlose Hingabe jedes Individuums an das Ganze fordern, heißt soviel als völlige Hingabe d. h. Auflösung des Ganzen selbst fordern. Hat das Individuum keinen Wert für sich, so hat es auch eine Vereinigung von Individuen nicht. Nun ist es aber ein Widerspruch, zu fordern, daß man sich für etwas aufopfert, das keinen Wert hat. Seitens eines Individuums, das keinen Wert hat, ist Aufopferung nicht einmal denkbar. Denn was gibt es da zu opfern? Was nützt dem Ganzen das Opfer von etwas, das keinen Wert hat? Ein Opfer hat nur einen Sinn, unter der Voraussetzung, daß jemandem dadurch genützt werde.

Will man fordern, daß jemand sich dem Ganzen opfert, so muß man konsequent annehmen, daß es im Ganzen einen Teil gibt, der sich nicht opfert. Jene Forderung setzt also voraus, entweder eine Anzahl Wesen, die sich gar nicht aufopfern oder daß sich alle aufopfern, aber nicht ganz, so daß jeder doch in irgendeiner Hinsicht von der allgemeinen Aufopferung Nutzen zieht. Unter diesen Voraussetzungen wäre die Moral TAUBERTs vernünftig zu nennen. Setzen wir den letzten Fall, so erhalten wir als Resultat, daß es gewisse Wesen gibt, die sich nicht aufopfern und daß alle anderen sich für diese aufopfern. Jemand, der sich nicht aufopfert, ist nun aber nach TAUBERT nicht tugendhaft. Es entstände also die Forderung, daß sich die Guten aufopfern, damit die Lasterhaften ruhig ihre Pfeife rauchen können!

Der andere Fall, wo jeder sich  zum Teil  opfert, aber auch in gewisser Hinsicht wieder von den allgemeinen Opfern sein Gutes hat, wäre vernünftig. Das hieße mit anderen Worten, daß jeder seine Pflichten, aber auch seine Rechte habe. Wollte der Pessimist nur dieses sagen, so würde er seine Zeit verlieren. Denn das ist schon genug und vernünftiger gesagt worden.

Völlig selbstlose Hingabe kann also die Grundlage der Moral nicht sein.

Wollen TAUBERT und andere Pessimisten über diesen Gegenstand Vernünftiges lesen, so würden wir ihnen dringend die Lektüre von BAHNSENs  Charakterologie  und besonders von HERBERT SPENCERs unlängst erschienenem Werk  The study of Sociology  empfehlen. Sie werden sich dann vielleicht überzeugen, daß es auch solch ein Ding wie "Pflicht der Selbsterhaltung" gibt. Das Studium der englischen Philosphie überhaupt sei den Deutschen bestens empfohlen. Daß die Engländer uns in Philosophie voraus sind, läßt sich nicht leugnen. Jedes Volk hat seine Spezialität. Und die Spezialität der Deutschen war Philosophie bisher nicht. Dies, mit aller Ehrfurcht vor der Liebenswürdigkeit der Deutschen und ihren großartigen Leistungen anderswo z. B. in der Naturwissenschaft, der Musik usw.

Man wird wohl auch bemerken, daß der Gedanke "der völlig selbstlosen Hingabe" ein Gedanke ist, der sich selbst aufhebt. Ein Mensch, der sich selbst völlig hingäbe, würde auch das in ihm hingeben, was sich hingeben könnte, was sich selbst widerspricht.

Beiläufig gesagt: ich kann mir nicht helfen, aber die Feinde des sogenannten Eudämonismus, die Verächter jeden Glücks, auch des idealen, erhabenen, kommen mir immer verdächtig vor. Etwas gewagt würde ich das Experiment finden, ihnen ein anerkanntes Wertstück vorzuhalten, um zu sehen, ob sie es verschmähen würden. Und wenn jemand mir die völlige Hingabe predigt, so ist meine höfliche Antwort: aprés vous Monseigneur! [Nach Ihnen, mein Herr! - wp]

Eine wunderschöne Parodie auf die Moral des Pessimismus gibt TAUBERT, wenn er Seite 130 sagt: "es bleibt nichts übrig, als sich mit dem Leid zu beschäftigen und mit ihm zu ringen, bis es, wenn möglich zunichte geworden ist. Dies ist die Mission des Menschengeschlechts und sein ewiger Triumph"! Prachtvoll in der Tat. Leider wird uns anderswo gelehrt: "Not und Elend wird sich immer mehr vermindern, aber das Bewußtsein der vorhandenen und niemals zu elimierenden Dasensqual wird noch schneller wachsen und sich steigern. Die Bedürfnisse werden zwar immer mehr befriedigt, aber die  Zahl  der Bedürfnisse wächst in schnellerer Progression als die  Möglichkeit  der Befriedigung, die zunehmende Bildung und Feinfühligkeit vermißt das Versagte und empfindet das Widerwärtige immer schmerzlicher und die sich steigernde Intelligenz durchdringt mit der Überlegung mehr und mehr den träumenden Zustand eines dämmerhaften kritiklosen Dahinlebens. Immer mehr verliert die Autorität auf allen Gebieten von ihrer bändigenden und beruhigenden Macht und die Selbstherrlichkeit des reflektierenden Verstandes zersetzt schonungslos eine Jllusion nach der andern, welche bisher den Elenden ihr Elend verschleierte. Nur die eine Jllusion hält bis jetzt noch vor, daß dieser Übelstand durch die Verbesserung der materiellen Lage gehoben werde, während doch tatsächlich das Bewußtsein des Leides proportional mit der Geschwindigkeit der Kulturfortschritte wächst. Während also in der Tat die äußere Lage immer besser wird, was die alten Leute so gern verkennen, so haben die letzteren doch darin Recht, daß es mi dem eudämonologischen Bewußtsein der Menschheit immer schlimmer wird. Mindestens ist es ebenso verkehrt, die Glückseligkeit in der Zukunft, als sie in der Vergangenheit zu suchen."

Das "wenn möglich" von Seite 130 ist also nicht überflüssig. Wer wird nachdem noch Lust und Neigung haben, sich aufzuopfern??

Aus dem Pessimismus läßt sich meines Erachtens nur ein einziges Moralprinzip ableiten, dieses nämlich, daß  Seine  allerdurchlauchtigste, allergnädigste, allergroßmächtigste Majestät, König HERODES der Kindermörder, das Musterbild aller Philanthropen war!

Sollte die Welt nicht durch Feuer zugrunde gehen (wie der heilige THOMAS von AQUIN prophezeit) und auch nicht durch Kälte (wie einige Astronomen lehren), so wird sie gewiß sterben an ... Pessimismus, vorausgesetzt, daß diese Lehre je eine Macht werden könnte.



Die Richtigkeit einer Ansicht läßt sich nicht abmessen an ihren Folgerungen. Im Gegenteil, ist eine Ansicht richtig, so muß man ihre Folgerungen adoptieren.

Ist nun aber der Pessimismus wahr? Der Ausdruck "Pessimismus" ist unbestimmt, wie die meisten Benennungen von Systemen. Nach  einem,  z. B.  Venetianer  (2), ist  jeder  Pessimist, der eingesteht, daß es Leiden und Sünde in der Welt gibt; nach anderen, z. B. HARTMANN, TAUBERT, lehrt der Pessimismus, daß in der Welt die Summe des Unglücks größer ist, als die Summe der Lust und daß es mit dem Fortschritt in dieser Beziehung immer schlimmer wird.

Dem ersteren Sinn nach wäre der Pessimismus eine ganz unbedeutende Lehre und wäre es Zeitverlust, dieselbe zu besprechen; denn das Dasein von Unglück und Sünde wird von niemandem streitig gemacht. Wir nehmen also das Wort "Pessimismus" im letztgenannten Sinn und fragen, ob es mehr Glück als Unglück gibt oder umgekehrt.

Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir zuvor bestimmen, was wir unter "Glück", was unter "Unglück" verstehen. "Glück" und "Unglück" sind schwankende Begriffe, nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. Will man nur die  höchsten Grade  des Glücks "Glück" nennen, so ist das Glück auf Erden allerdings selten. Selten aber sind gottlob auch die höchsten Grade des Unglücks (Verzweiflung). Und das höchste Unglück hebt bald sich selbst auf, sei es daß es durch Selbstmord oder auf andere Weise den Tod herbeiführe.

Will man entscheiden, ob es mehr Glück oder mehr Unglück gibt, so muß man derart verfahren, daß man die Gleichgültigkeit als Grundlinie annimmt und alles, was auf der einen Seite (Lustseite) dieser Linie liegt, zum Glück, alles was auf der anderen Seite (Unlustseite) liegt, zum Unglück rechnet. So verfahrend, kann man meines Erachtens auf Grund der Erfahrung folgende Argumente wider den Pessimismus aufstellen.
    1. Wir können die Frage nur beantworten für denjenigen Teil der Welt, welchen wir kennen, d. h. für den bekannten Teil der Erde, innerhalb eines beschränkten Zeitraumes. Um die Frage entscheidend zu beantworten, müßten wir genau kennen,  alles  was  ist,  was  war  und was  sein wird.  Begnügt sich der Pessimist aber damit, zu bestimmen, ob im uns bekannten Teil der Welt die Lust oder die Unlust vorwiegt, so bemerken wir:

    2. Als Maßstab für die Größe des Leidens in der Welt hat man (HARTMANN) auf den Umstand gedeutet, daß die Empfänglichkeit für Genuß sich allmählich abstumpft. Man vergißt dabei zu sehr, daß diesem Übel in der Regel durch  Abwechslung in den Genußarten  abgeholfen werden kann.

    3. Der Pessimist negiert die Lust, wo sie wirklich existiert. Er tut das, weil er meint, was ihm selbst keine Lust bringt, bringt auch anderen keine Lust. Dennoch kann, was den Pessimisten gleichgültig läßt oder ihm sogar Unlust bringt, in gewissen Fällen für andere eine Quelle der Lust sein. TAUBERT z. B. unterschätzt den Genuß am Schönen, weil er bemerkt zu haben meint, daß die niederen Klassen für das Schöne unempfindlich sind. Seine Beobachtung ist ungenau. Die niederen Klassen sind allerdings unempflindlich für dasjenige, was  wir  schön finden (Musik von SCHUMANN und WAGNER z. B.); aber sie haben dagegen  ihr  Schönes, an welchem Sie sich ebensosehr ergötzen, als wir es an unserem Schönen tun. Wer hat nicht auf dem Jahrmarkt einen Bauern sich für ein buntes Tuch begeistern sehen, das er "ein Gemälde" nennt, das wir aber eines solchen Namens nicht einmal würdig erachten?

    Der Pessimist leugnet weiter, daß Arbeit ansich in der Regel angenehm sei, gibt aber zu, daß die Zwecke, zu welchen man sie verrichtet, das Unangenehme derselben in der Regel aufhebt. Er sollte also anerkennen, daß die Arbeit (direkt oder indirekt) eine Quelle des Glücks sein könne.

    4. Der Pessimist erklärt gewisse Lustarten für  illusorisch.  Dieses Argument aber hat keinen Sinn. Lust ist nie illusorisch. Niemand kann sich einbilden Lust zu empfinden, es sei denn, daß er sie wirklich empfindet. Es kann zwar sein, daß er sich bezüglich der  Erklärung seiner Lust,  oder in seinen Erwartungen über die Dauer derselben täuscht. Das alles aber hat mit der Frage nichts zu tun und vermag die Lust nicht aufzuheben, wo sie wirklich ist.

    5. Schönheit, nicht Häßlichkeit ist die Regel in der Welt. Wie es mehr ehrliche Leute als Diebe, wie es mehr Gesunde als Krüppel gibt, so gibt es mehr Menschen mit regelmäßigen, als mit verwirrten Gesichtszügen. Und in den niederen Schichten der organischen Welt herrscht die Schönheit dergestalt vor, daß es schwierig ist, ein wirklich häßliches Tier, eine wirklich häßliche Pflanze, eine häßliche chemische Substanz zu finden. Einzelne sind in gewisser Hinsicht häßlich, aber in der Regel herrscht das Schöne vor und wäre es nur als Symmetrie.

    Nicht anders ist es mit dem Glück. Es gibt mehr Sehende als Blinde, mehr Hörende als Taube, mehr Gesunde als Kranke, mehr Verständige als Verrückte, mehr Heitergestimmte als Melancholische, ... mehr Glückliche als Unglückliche.

    6. Glück verlängert, Unglück verkürzt das Leben. Die Folge ist, daß unter den Unglücklichen die Sterblichkeit weit größer als unter den Glücklichen ist und daher die Anzahl der Glücklichen auf die Dauer überwiegen muß.

    Unglück drückt sämtliche Verrichtungen, also auch die Zeugungsfähigkeit herab. Nun gehören aber heitere und finstere Gemütsstimmungen zu den Eigenschaften, die sich leicht von den Eltern auf die Nachkommenschaft vererben. Es wird also die Zahl der Wesen mit heiterer Gemütsanlage schneller zunehmen, als die Zahl derjenigen mit finsterer Gemütslage. Und auf die Gemütsanlage kommt es beim Glück doch am Ende an.

    7. Die Menschheit strebt danach, ihre Verhältnisse zu verbessern, nicht aber danach, sie zu verschlimmern. Und das geschieht nicht ohne Erfolg. Es kann ja nicht gesagt werden, daß jede neue Quelle von Glück oder die Beseitigung von Schmerz eine neue Quelle des Unglücks mit sich bringt, welche sie aufheben würde. Wir erinnern an die schmerzstillenden Mittel, wie Chloral, Chloroform und dgl., Mittel, von welchen man vielleicht weit mehr Vorteil ziehen könnte, als es jetzt geschieht! Wodurch wird der Nutzen dieser Mittel aufgehoben? Ist zugleich mit dem Chloral etwa ein neues Förderungsmittel erfunden worden?

    Die Wissenschaft verscheucht manche Vorurteile, welche für unsere Vorfahren Quellen des Leidens waren, ohne daß dieselben durch neue Vorurteile ersetzt werden. Jedenfalls ist nicht zu leugnen, daß heutzutage unter den Menschen ein viel heiterer, zufriedener Geist herrscht, als z. B. im klagenden, grübelnden Mittelalter. -

    8. Trotz aller Anstrengung will es den Pessimisten nicht gelingen, die Mehrzahl der Menschen zu ihrem System zu bekehren. Die meisten Menschen sind und bleiben Optimisten. Dies aber ist nun eben ein Argument wider den Pessimismus. Denn der Optimist ist glücklich, sonst würde er ja zum Pessimismus übertreten. Es sind also die Mehrzahl der Menschen glücklich.

    9. Manche Menschen nehmen freiwillig große Opfer auf sich und bleiben dennoch munter. Dies deutet aber auf einen Überschuß an Glück hin, welcher durch größere Leiden nicht aufgehoben wird. In der Tat gewährt das Vollziehen der physiologischen und psychologischen Vorgänge (Verdauung, Muskelbewegung, Denken, Rechnen usw.) dem gesunden Menschen ein Kapital angenehmer Gefühle, welches ihn in den Stand setzt, viel zu dulden, ohne die Hoffnung und Lebenslust zu verlieren.



    Fast jeder Irrtum hat seinen Nutzen als Reaktion wider einen anderen, ihm entgegengesetzten. Der Pessimismus hat seinen Wert als Reaktion wider einen oberflächlichen, egoistischen Optimismus. Irrtum aber ist und bleibt Irrtum.



    Anmerkungen:

    Zum Vorwort, Seite 1: Wenn den moralisierenden Naturforschern das "ne sutor" [Schuster, bleib bei deinen Leisten! - wp] zugerufen wird, so ist das allerdings nicht unverdient. Nur zu oft verlauten ja von deren Seite die sonderbarsten und oberflächlichsten Theoreme sozialer Reform.

    HÄCKEL preist unter anderem die spartanische Kinderermordung als "ein vortreffliches Beispiel von Zuchtwahl"! (Schöpfungsgeschichte).

    BERTILLON verdammt alle diejenigen, welche nicht körperlich und geistig vollkommen sind, unbedingt zum Zölibat (während er selbst andernorts das Zölibat als eine Schule der Unsittlichkeit tadelt)! "Zum Zölibat" sagen wir, ob auch  zur Enthaltsamkeit  wird freilich nicht gesagt. Er wünscht nämlich, daß durch das Gesetz, neben der Ehe, auch "weniger unauflösliche Verbindungen" der Art anerkannt und geregelt werden sollen. (Dictionaire des sciences médicalespar le Dr. Dechambre, Art. Mariage). Man muß freilich in Betracht ziehen, daß BERTILLON für Frankreich schreibt, wo die Ehe für  unbedingt  unauflöslich gilt.

    VIRCHOW, der große, der humane VIRCHOW, will allen Brustkranken (nicht bloß Tuberkulosen, sondern auch fibreus affizierten) unbedingt das Heiraten verbieten und seine Argumente lassen sich auf alle chronisch Kranken und Schwachen überhaupt ausdehnen. Als ob nicht das Mittel hier oft schlimmer wäre als das Übel!

    So die Naturforscher. Und die Psychologen spinnen das System weiter aus. HERBERT SPENCER z. B. geht so weit, daß er jede  Philanthropie  [Menschenfreundlichkeit - wp], als der Veredlung unserer Rasse nachteilig, verwünscht. Warum denn nicht lieber alle Armen und Kranken mit einer guten Gabe eines Narkotikums sanft aus der Welt schaffen?

    Wir fürchten, daß dergleichen Theoreme weniger dem wissenschaftlichen Nachdenken ihre Geburt verdanken, als einem blinden Hass gegen das Christentum, wollen jedoch dieselbe mit wenigen Worten hier ernsthaft prüfen.

    Wir bemerken also:

      1. Es ist gut, an die Veredlung der Rasse zu denken und das Interesse der ganzen Rasse über das des Individuums zu stellen. Man soll aber nicht vergessen, daß die Rasse am Ende nichts weiter ist als die Summe der Individuen und daß es also im Interesse der Rasse selbst ist, die Interessen der Individuen nicht zu vernachlässigen.

      2. "Stark", "Schwach", "Krank", "Gesund", sind  relative  Bezeichnungen. Gesetzt, man rottet heute alle schwachen und kranken Menschen aus, so würden unter den Übrigbleibenden doch wieder Stufen der Kraft und der Gesundheit bestehen. Die  weniger  Starken und weniger Gesunden wären jetzt wieder krank und schwach den anderen gegenüber; müßten also auch wieder ausgerottet oder zum Zölibat verurteilt werden usw. usf.

      Am Ende würde auf diese Weise die ganze hochgerühmte Rasse ausgerottet werden, höchstens mit Ausnahme der Ausrotter selbst (HÄCKEL, HERBERT SPENCER, VIRCHOW usw. usf.), die selbstverständlich auf ewig jung, schön, gesund und stark bleiben!

      3. Körperschönheit, Kraft, Gesundheitsfülle und dgl. haben allerdings einen hohen Wert. Niemand mehr als wir ist ein aufrichtiger Bewunderer von breiten Schultern, strammen Muskeln, roten Backen und dicken Waden.  Ceteris paribus  [wenn sonst alles gleich ist - wp] ist ein Gesunder allerdings immer einem Kranken vorzuziehen. Jedoch, die "cetera paria" [bei denen sonst alles gleich ist - wp]sind selten auf dieser Welt!

      Das Höchste im Menschen ist  der Geist.  Der Geist nun hängt allerdings gewissermaßen vom Körper ab; jedoch aber nicht in einem solchen Grad, daß man sagen könnte: ein körperstarker Mensch ist für die Rasse immer mehr wert, als ein körperschwacher. Mancher Schwindsüchtige hat für die Menschheit mehr geleistet, als Tausende von Gepäckträgern und Alpenjägern mit kolossaler Lungenkapazität! Mancher mit kranker Lunge und Leber vermag weit wertvollere Kinder zu erzeugen, als mancher kolossale und reiche Habitué [ständiger Gast - wp] der Pariser oder Berliner Bierkneipen!

      Und mit Hilfe der Philanthropie kann man von einem Kranken noch größeren Nutzen ziehen. Philanthropie ist ein notwendiger Zweig der Gesittung, wenigstens ebenso notwendig wie Blumenzucht und Bierbrauerei. Von einem direkten Nutzen abgesehen, verleiht sie manchem einen beglückenden und veredelnden Zeitvertreib.

      4. Heiraten  verbieten  ist nicht nur grausam, sondern mit Rücksicht auf die öffentliche Hygiene und Moralität immer bedenklich. Dennoch behaupten wir nicht, daß es keine Kranken gibt, denen das Heiraten zu widerraten ist. In manchen Fällen jedoch (auch bei gewissen Brustkranken" würde das Verhindern einer Heirat die schlimmsten Folgen haben, den Tod des Kranken beschleunigen (das wäre vielleicht nach HÄCKEL usw. ein Glück) und vielleicht ein liebendes Mädchen aus Verdruß auch schwindsüchtig machen usw. usf.

      VIRCHOW usw. denken nur an die möglichen  Nachteile  der Ehe und vergessen die Vorteile ,welche sie als Erziehungsmittel und moralisches Heilmittel haben kann. Sie ignorierten ganz den Vorteil der Pflege einer liebenden Gattin.

      Das Mittel wird hier leicht schlimmer als das Übel. Die Naturforscher betrachten die Ehe zu sehr als ein fleischliches Verhältnis und erniedrigen sie (man verzeihe mir den Ausdruck) zu einem erlaubten Konkubinat, während doch unverkennbar erst das geistige, ideale, gemütliche Element die Ehe zur wirklichen  Ehe  erhebt. Auch brauchen Kranke nicht notwendig mit Kranken zu heiraten, so daß hier eine Kompensation von Übeln möglich ist.  Unvernünftige  Heiraten sind freilich immer verkehrt.

      In diesen Dingen lassen  allgemeine Regeln  sich nicht geben. Jeder Fall soll einzeln untersucht und gewogen werden.

      5. Die Gesetze der Erblichkeit, so weit wir sie kennen, sind nichts weniger als ausnahmelos. Wie oft sieht man nicht Kinder von denselben Eltern viel voneinander abweichen in körperlicher und geistiger Hinsicht! Das eine hat schwarzes, das andere rotes Haar, das eine ist zur Schwindsucht geneigt, das andere zu Rheumatismen usw. Entweder die Gesetze der Erblichkeit können durch andere Umstände aufgehoben werden oder das eine Gesetz der Erblichkeit vermag das andere außer Wirkung zu setzen. Es ist keine Notwendigkeit, daß ein Fehler des Vaters auf seine Nachkommen übergeht. In manchen Fällen wird das durch die Kraft der Gene in der Natur, in manchen Fällen läßt es sich durch hygienische Maßregeln verhüten. Wie oft sieht man nicht z. B. Kinder brustkranker Eltern, die selsbt gar nicht brustkrank sind! Was aber nicht ausnahmelos ist, das ist keiner unbedingten, ausnahmelosen Anwendung fähig.

      Kurz, die praktische Anwendung der Erblichkeitsgesetze ist eine verwickelte Sache und Rücksichten der Erblichkeit sollen nicht ausschließlich über Heiraten entscheiden.

      6. Sehr schwierig ist es, zu beurteilen, was das Wohl der Rasse fördert und was nicht. Kein Individuum steht vereinzelt in der Gesellschaft da. Auch mancher Kranke z. B. hat Eltern, Verwandte, Freunde, kurz, Personen die an seinem Dasein Interesse haben. Das Aufopfern eines Individuums trifft also nicht dieses Individuum allein, sondern greift weiter in die Gesellschaft ein. So z. B. wenn man ein verstümmeltes Kind tötet oder eine Ehe vereitelt. Es könnte also sein, daß bei der Art der Zuchtwahl, welche wir bekämpfen, das Mittel schlimmer als das Übel wäre und am Ende die Rasse davon mehr indirekten Nachteil als direkten Vorteil erfahren würde.

      7. Dieselben Gründe, welche man für das Töten verstümmelter Kinder anführt, könnte man zu der Forderung ausbeuten, daß jeder Mensch, der  später krank oder verstümmelt wird,  aus dem Weg geschafft werden soll. Und wer Krankheit als ein notwendiges Hindernis zum Heiraten betrachtet, muß konsequent fordern, daß jede Ehe  aufgelöst werde,  sobald einer der Gatten  nach der Ehe  krank wird. Also keine Ambulanzen, keine Hospitäler, keine Irrenanstalten mehr! Und jeder Gatte, der seine Frau gegen eine andere zu vertauschen wünscht, hat nur irgendeinen körperlichen Fehler in ihr zu entdecken und eine ärztliche Inspektion einzurufen. Das macht Luft! Das vereinfacht die Gesellschaft!

    Die Frage bleibt dennoch, ob die Gesellschaft darauf angelegt ist, um quand-meme [trotzdem - wp] vereinfacht zu werden.

    Das Einfachste freilich wäre es, die ganze Gesellschaft nur aussterben zu lassen. Was macht es aus, ob es nach 100 Jahren noch Menschen gibt oder nicht! ... Wenn nur nicht die Vorsehung auch eine Stimme in der Sache hätte.

    HÄCKEL und HERBERT SPENCER ziehen in der Tat die Konsequenz. HÄCKEL eifert ja auch gegen die Krankenpflege oder medizinische Zuchtwahl, wie er sie nennt.

    Ob die Mediziner VIRCHOW cum suis [und Kollegen - wp]  in diesem Punkt  den Freunden der Zuchtwahl beistimmen, dürfte zweifelhaft erscheinen!



    Es ist allerdings von hoher Bedeutung, um die Veredlung der Menschenrasse besorgt zu sein.

    Dennoch können wir nicht zugeben, daß zu diesem Zweck  alle Mittel  gut sind. Wenigstens können wir nicht behaupten, daß alle Mittel, welche den Darwinianern hierzu geeignet  scheinen,  wirklich Mittel sind. Medizin und Philanthropie können in gewisser Hinsicht Unheil stiften (nichts ist vollkommen auf Erden), es ist sehr wohl möglich, daß deren Abschaffung noch weit größeres Unheil herbeiführen würde.

    HERBERT SPENCER fürchtet, daß Philanthropie die Faulheit und Rücksichtslosigkeit befördere. In gewissen Fällen dürfte sie es  tun.  Dieser Nachteil jedoch ist nicht bedeutend. Die  Mehrzahl  der Menschen wird immer vorziehen, gesund, frei und selbsttätig zu sein, als all das zu opfern, um in ein Lazarett eingesperrt oder durch Almosen unterhalten zu werden! -

    Diesen Gründen hätten wir allerdings noch Betrachtungen über Gemütlichkeit, Religion und Unsterblichkeit zufügen können. Wir haben es unterlassen, weil wir die Gegner nur auf ihrem eigenen Boden bekämpfen wollten.

    Man hat von medizinischer Seite uns vorgeworfen, daß unsere Reden für die Kranken und Verstümmelten nichts weiter als eine  oratio pro domo  [Rede zum Hausgebrauch - wp] seien; obgleich der Verfasser dieser Zeilen schon lange verheiratet und gegen das Ausrottungssystem der Kranken gottlob geschützt ist. Eine solche Waffe gehört in eine wissenschaftliche Diskussion gar nicht hinein. Gesetzt einmal, wir reden pro domo, was würde das an der Sache ändern? Darum handelt es sich nicht in der Wissenschaft, ob jemand für sich oder andere redet, aber darum, ob dasjenige, was er sagt,  wahr ist.  Wir fordern die Herren HÄCKEL, SPENCER und VIRCHOW auf, unsere Gründe zu widerlegen. Mit Verdächtigen ist in dieser Hinsicht nichts gewonnen.

    Wenn wir, soviel es in unserem Vermögen ist, gegen jene Oberflächlichkeiten ankämpfen, so geschieht das zum Teil aus Motiven der Humanität und des Interesses für die Gesellschaft; zum Teil darum, weil dieselben die Deszendenztheorie [Abstammungstheorie - wp], die Naturwissenschaft überhaupt diskreditieren. Die Naturwissenschaft nicht nur, sondern auch die Medizin. Welcher Paterfamilias [Vater der Familie - wp] wird einen Hausarzt wählen, der kranke Kinder als einen Ballast für die Gesellschaft betrachtet? Welcher junge Mann wird sich einem Arzt anvertrauen, der seine Heiratspläne vereiteln hilft, sobald er nicht körperlich gesund ist?

    Zu Seite 2: Auch unter wahrheitsliebenden Menschen ist Verschiedenheit der Ansichten über Fragen der Moral möglich, sagten wir.

    Das wird zu oft übersehen. Ein oberflächlich denkender Mensch meint gewöhnlich, daß andere nach denselben Grundsätzen handeln als er selbst. Junge Leute, welche das Lügen verabscheuen, werden leicht blind für die Tatsache, daß manche sonst ehrenhafte Menschen das Lügen nicht immer als schlecht betrachten und erfahren dadurch bittere Täuschungen. Also will man der Jugend ein Mißgeschick ersparen, so soll man dieselbe frühzeitig darauf aufmerksam machen, daß andere Menschen, ohne Schurken zu sein, nach anderen Grundsätzen handeln können als ie. Man soll sie nicht nur lehren, daß sie gut sein soll, sondern auch, daß andere (mit Einschluß der Erzieher selbst) nicht immer gut sind.

    Zu Seite 14: Das Wort "Wille" wird verschieden definiert und wir selbst haben es wohl anders definiert als wir es hier tun. Jetzt sagen wir: unter dem Willen eines Wesens auf einen Augenblick versteht man  die Begierde, welche in diesem Augenblick bei ihm herrschend ist. 

    Wir meinen bei dieser letzteren, in diesem Büchlein gegebenen Definition beharren zu müssen. In der Tat, wann sagt der Mensch  "ich will  dieses oder jenes?" Offenbar tut er das, wenn irgendeine Begierde in ihm so sehr vorherrscht, daß keine andere Begierde ihr das Gebiet streitig macht, sei es, daß jene Begierde ihre Antagonisten niedergekämpft hat, sei es, daß solche Antagonisten nie vorhanden gewesen sind. "Ich bin entschlossen zu gehen", "ich  will  gehen" heißt: die Begierde zu gehen ist jetzt die einzige, welche mein Handeln bestimmt. Sollte nachher eine neue Begierde auftauchen und die Begierde zu gehen bekämpfen, so ist die Begierde zu gehen kein Wille mehr: das heißt sie macht dann einem anderen Willen Platz.

    HERBART definiert einen Willen (ein Wollen) eines Wesens als eine Begierde, welche in diesem Wesen von dem Gedanken begleitet ist, daß die Ausführung der Begierde möglich sei. Ein Wille, eine Entschlossenheit, setzt diesen Gedanken allerdings voraus. Jedoch ist dieser Gedanke noch nicht genügend um eine Begierde zum Willen zu machen. Man will nicht alles, was man begehrt und für ausführbar hält.

    Wir bemerken noch, daß der Begriff "Wille" notwendig Bewußtsein voraussetzt. Von unbewußtem Willen oder vom Willen eines bewußtlosen Wesens (z. B. eines Steins) zu reden, ist also dem Sprachgebrauch zuwider. Höchstens könnte man von unbewußten  Begierden  rede.

    Wie es sich damit immer verhalte, es gibt in einem Wesen keinen Willen als Substanz außerhalb der einzelnen Begierden dieses Wesens. Den tätigen Teil in der Seele eines lebenden Wesens, sein "Ich", kann man in der Tat als eine Gesellschaft von kämpfenden Begierden betrachten.

    Der bekannte Ausdruck  "stat pro ratione voluntas"  [anstatt einer Begründung steht der Wille - wp] ist also unrichtig. Denn auch die "ratio" (bessere Einsicht) setzt einen Willen voraus, soll sie anders ausgeführt werden können. Der Fehler, der mit jenem Ausdruck gemeint wird, besteht nicht darin, daß ein Wille da ist, sondern darin, daß ein schlechter Wille anstatt eines guten da ist. Man soll also sagen: statt  pro bona voluntate mala voluntate  [statt guter Wille böser Wille - wp]. Zu Seite 23: Aufopferung, haben wir gesagt, ist ansich ein Unlustgefühl. Wird die Befriedigung einer Begierde vereitelt, auf welche Weise es auch sei, so veranlaßt dies allerdings ein Unlustgefühl.

    Dagegen ist zu bemerken, daß bei einer Aufopferung nicht nur die Unterjochung einer Begierde, sondern auch  der Sieg  derjenigen, welche unterjocht, in Betracht kommt. Dieser Sieg nun erzeugt bei dem Wesen, in welchem er stattfindet, ein Lustgefühl, nämlich das Gefühl, welches wir "das Bewußtsein der eigenen Macht" zu nennen pflegen.

    Dazu kommt, daß der Zweck der Aufopferung immer ein Lustgefühl ist. Nun gibt aber die  Aussicht  auf ein Lustgefühl ansich schon Lust (Vorgeschmack) und dieser Vorgeschmack begleitet notwendig die Aufopferung. So wird das Unangenehme der Aufopferung immer durch verschiedene Lustgefühle gemildert; es kann dadurch ganz neutralisiert werden. Es kann sogar ein Überschuß an Lust bleiben.

    Daß Herr TAUBERT [Es ist eine Sie, Agnes Taubert. - wp] über den Prozeß der Aufopferung keine klaren Ansichten hat, darf ihm nicht verargt werden. Dieser Gegenstand gehört ja zu den schwierigsten der Psychologie. -

    Zu Seite 36: Höchst auffallend bei TAUBERT ist die Behauptung (Seite 31): "Allerorten schon beginnt es aufzudämmern in den Köpfen, daß wir solidarisch, Glieder eines Leibes sind, daß, was dem einen schadet, auch des anderen Unheil ist und was dem einen nützt, der Allgemeinheit zugute kommt".

    Das klingt ganz anders als absolute Hingabe und würde eher erinnern an das RÜCKERTsche:

      "Laßt nur jeden froh beglückt,
      Seiner Freuden warten;
      Wenn die Rose selbst sich schmückt'
      Schmückt sie auch den Garten!"

    Dieser RÜCKERTschen Moral dürfte man beistimmen, vorausgesetzt, daß jeder in moralischer Hinsicht einer schönen Rose ähnlich ist!

    Zu Seite 42: HERBERT SPENCER, in seiner Sociology führt Erklärungen namhafter Ärzte an, nach welchen die Syphilis in unseren Tagen immer in milderen Gestalten auftritt und im Verschwinden begriffen sei; sind diese Erklärungen richtig, so haben wir hier ein Beispiel einer Verbesserung, welche nicht durch neue Übel kompensiert wird.
    LITERATUR - Frederick Anthony Hartsen, Die Moral des Pessimismus [nach Veranlassung von Dr. Tauberts Schrift "Der Pessimismus und seine Gegner"], Nordhausen 1874

      Anmerkung
      2) VENETIANER, Der Allgeist, Berlin 1874