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ADOLF HORWICZ
Die psychologische Begründung
des Pessimismus


"Der pessimistischen Bilanz-Rechnung liegt die Voraussetzung zugrunde, daß Lust und Unlust, Vergnügen und Schmerz, Gut und Übel einander so entgegengesetzt sind, wie in der Mathematik  +  und  -,  wie im Geschäftsleben Vermögen und Schulden, sie muß aber auch ferner voraussetzen, daß alle einzelnen Lust-Gefühle, Güter, Freuden usw., und wieder alle Übel, Schmerzen, Unlustgefühle unter sich summiert werden könnten, mit ihrem Gegensatz aber sich ausgleichen. Es müssen sich also alle unsere Gefühle wie gleichbenannte Zahlen und wie entgegengesetzte Größen verhalten: ohne diese beiden Voraussetzungen kann von einer Lust-Unlust-Bilanz gar keine Rede sein."

"Es ist überhaupt nicht daran zu denken, verschiedenartige Gefühle einanander äquivalenz zu setzen oder sie auf einen gemeinschaftlichen Wertmaßstab oder Generalnenner zurückzuführen und nun mit einer Wertziffer zu bezeichnen. Zum Beispiel: wie viele Austern mag für den begeisterten Patrioten die Schlacht bei Sedan wert gewesen sein? Oder wieviele schöne Gemälde können dem frommen Christen die tröstliche Vorstellung seiner Versöhnung mit Gott durch  Christi  Tod ersetzen? Ist es nicht klar, daß hier von einer Vertretbarkeit nicht die Rede sein kann und daß - selbst in gleichartiger Sphäre - Tausende der schönsten Frauen dem Liebenden die Eine, die er liebt, nicht zu ersetzen vermögen?"

Es sei mir gestattet, der im letzten Heft des vorigen Bandes der "Philosophischen Monatshefte" veröffentlichten bejahenden Antwort obiger Frage durch Herrn EDUARD von HARTMANN einige Instanzen entgegenzustellen, aus denen sich meines Erachtens die absolute Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Begrüdung des Pessimismus zur Evidenz ergeben dürfte.

Herr von HARTMANN bemerkt im Eingang dieser Abhandlung sehr richtig, daß Untersuchungen dieser Art "ganz und gar in der Sphäre der subjektiven Erscheinung auf dem psychologischen Erfahrungsboden" bleiben, und es wird vielfach von der exakt wissenschaftlichen Behandlung des Problems, vom induktiven Beweis der Tatsache der negativen Lustbilanz, ja einmal sogar fast eine Seite lang von der Berücksichtigung der Fehlerquellen gesprochen. Aber nirgends finden wir einen Anfang davon, daß dieser wissenschaftliche Apparat nun wirklich in Bewegung gesetzt und die Lust-Unlust-Bilanz in statistisch-rechnungsmäßiger Weise aufgemacht wird. Dasselbe ist es in der ganzen pessimistischen Literatur: breite Ausmalungen des reichlich genug vorhandenen Elends, die Vergänglichkeit des Glücks, Zeugnisse verschiedener hervorragender Leute, daß sie ihr anscheinend glückliches Leben nicht noch einmal leben möchten, und vor allem der theoretisch-psychologische Nachweis, daß es nicht anders sein kann, daß der  grundlose Wille  notwendig zwischen Schmerz und Langeweile hin und her pendeln muß, die Lust für ihn nur ein flüchtiger Durchgangspunkt sein kann. Aber von der wirklichen Inangriffnahme einer exakten Lust-Unlust-Statistik, der Ziehung einer rechnungsmäßigen Bilanz ist nirgends die Rede oder es ist zwar die Rede davon, aber es bleibt beim Reden.

Es ist nicht meine Absicht, hier zu wiederholen, was ich zur Bekämpfung  der unrichtigen psychologischen Theorie vom grundlosen Willen  anderswo (Psychologische Analysen auf physiologischer Grundlage, Bd. II, Seite 2) beigebracht habe. Diese Lehre ist der wahre Kern und Stern des Pessimismus, der mit ihr steht und fällt; sie ist das einzige wissenschaftliche Fundament desselben. Aber sie ist nirgendwo erwiesen, nirgendwo zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse gemacht; sie gehört vielmehr noch ganz und gar jener noch immer nicht überwundenen Epoche des Spekulierens aufgrund vorgefaßter Meinungen an. Es ist der oft beklagte Übelstand, der in der Erkenntnistheorie, Ethik und Metaphysik so viel Schaden angerichtet und auf so unfruchtbare Abwege gelockt hat und immer noch lockt, daß die wichtigsten Grundbegriffe und Grundtatsachen, die ihre wahre Begründung, ihr tieferes Verständnis und ihre genauere Begrenzung nur in einer exakt-wissenschaftlichen Psychologie finden können, teils auf bloße Autorität, teils auf einfache Meinung hin als feststehend angesehen und zur Grundlage einer Erkenntnistheorie usw. gemacht werden. Die völlig kritiklose Nachbeterei KANTs, der in den holprigen Geleisen der WOLFF'schen Psychologie einherfuhr, hat heutzutage wohl mindesten ebensoviel "dogmatischen Schlummer" hervorgebracht, wie die Nachfolge irgendeines spekulativen Systems verschuldete, und ihr ist es zuzuschreiben, daß wir von der Verwirklichung des eigentlichen und wahrhaft großartigen Grundgedankens des Meisters, "der Ausmessung der geistigen Vermögen" als kritischer Vorarbeit für jegliches Philosophieren noch gerade so weit als vor 99 Jahren entfernt sind.

Doch das nur nebenbei. Mit der SCHOPENHAUER - von HARTMANNschen Willenslehre haben wir es hier nicht zu tun, sondern mit der negativen Lustbilanz, d. h. dem Überwiegen der Unlust über die Lust, die uns hier fortwährend als induktiv erwiesene Grundtatsache vorgeführt wird und die unseren Autor so zuversichtlich stimmt, daß er im Hinblick auf die angeblichen Beweise mit der Versicherung schließen zu dürfen glaubt: "Nach all dem darf man behaupten, daß der Pessimismus zu den wissenschaftlich begründeten Wahrheiten schon jetzt gehört ..." Wir wollen nun einmal sehen, was es mit der so pomphaft proklamierten Lust-Unlust-Bilanz für eine Bewandtnis hat.

1. Die Lehre, daß die in der Welt vorhandene Unlust die Lust überwiegt und daß daher die Nichtexistenz der Welt ihrer Existenz vorzuziehen ist, beruth auf folgenden beiden Voraussetzungen:
    1. daß eine Bilanz, d. h. ein gegenseitiges Abwägen von Lust und Unlust ansich denkbar ist,

    2. daß es möglich ist, für irgendeinen kleineren oder größeren Kreis eine solche Bilanz mit irgendeinem, wenn auch noch so geringen Grad von Genauigkeit aufzustellen.
Diese beiden Voraussetzungen wollen wir vom Standpunkt psychologischer Empirie unbefangen prüfen.

Der Begriff der Bilanz ist dem kaufmännischen oder allgemein geschäftlichen Leben entnommen und bezeichnet das Zusammenbegreifen gleichartiger Größen, die aber derartig entgegengesetzt sind, daß sie einander aufheben wie Forderung und Schulden. Gleich vorweg drängt sich uns hier ein für die Bilanz-Theorie höchst bedenklicher Umstand auf: nämlich der, daß es außer in der Mathematik als reiner Gedankenwissenschaft keinen absoluten Gegensatz von  +  und  -  gibt. Wenn ich 100 Mark Schulden gemacht und 100 Mark ausgeliehen habe, so habe ich damit in Bezug auf die Nutzbarkeit meines Besitzstandes Nichts, in dieser einen Beziehung, nämlich derjenigen ihrer Verwertbarkeit im Gütertausch, heben sich beide Posten auf. In anderer Beziehung, z. B. hinsichtlich des Umfangs meiner Geschäftsgebahrung, addieren sie sich, mein Umsatz beträgt 200 Mark. Oder wenn ich 5 Meilen nach Norden reise und 5 Meilen nach Süden, so heben sich beide Reisen nur in der einen einzigen Hinsicht, ob ich in der nordsüdlichen Richtung nach der einen oder anderen Seite vorwärtsgekommen bin, in jeder anderen Hinsicht bleibt es dabei, daß ich 10 reelle Meilen gereist bin. Da ist es nun für den Pessimismus wirklich recht schlimm, daß es sich bei der Lust-Unlust-Bilanz nicht um einen relativen Vergleich, sondern um eine  absolute Wertermittlung  handelt. Es handelt sich ja für den Pessimismus nicht darum, ob sich die Dinge in der einen oder anderen Beziehung entgegengesetzt verhalten, sondern um den Nachweis, daß das Schlechte das Gute, die Übel die Güter überwiegen.

Mindestens, wenn wir bei den subjektiven Erscheinungen der Lust und Unlust stehen bleiben, müßte doch zunächst gezeigt werden, in welchen Beziehungen diese Erscheinungen sich entgegengesetzt verhalten, in welchen nicht, und was ausder ersteren für den Pessimismus gefolgert zu werden vermag, eine sehr subtile psychologische Sonderung, die bisher meines Wissens noch niemals gemacht worden ist.

Aber wir wollen auch hiervon ganz absehen. Der pessimistischen Bilanz-Rechnung liegt die Voraussetzung zugrunde, daß Lust und Unlust, Vergnügen und Schmerz, Gut und Übel einander so entgegengesetzt sind, wie in der Mathematik  +  und  -,  wie im Geschäftsleben Vermögen und Schulden, sie muß aber auch ferner voraussetzen, daß alle einzelnen Lust-Gefühle, Güter, Freuden usw., und wieder alle Übel, Schmerzen, Unlustgefühle unter sich summiert werden könnten, mit ihrem Gegensatz aber sich ausgleichen. Es müssen sich also alle unsere Gefühle wie gleichbenannte Zahlen und wie entgegengesetzte Größen verhalten: ohne diese beiden Voraussetzungen kann von einer Lust-Unlust-Bilanz gar keine Rede sein.

Es ist aber leicht zu zeigen, daß beide Voraussetzungen falsch sind. Unsere Gefühle sind nicht gleichbenannte Zahlen, nicht vertretbare fungible Dinge nach juristischem Kunstausdruck wie Geld, Getreide und dgl., sondern jedes Gefühl ist ein Ding eigener Art, und der Gedanke an eine Gefühlsbilanz gemahnt an den Versuch, Ochsen, Schafe, Äpfel, Birnen und Stiefelknechte zu addieren. In einem gewissen Sinn und bis zu einem gewissen beschränkten Grad vermag ein Lustgefühl den Eindruck des anderen und wiederum eine Unlust den Eindruck der anderen zu steigern, z. B. die Freuden am Eßtisch können durch Musik, geistvolle Unterhaltung, schöne Frauen und dgl. mehr zu einem größeren Lustkomplex gesteigert und ebenso kann das Zusammentreffen mehrerer Widerwärtigkeiten eine größere Unlustsumme liefern. Dies ist aber nur unter ganz bestimmten seltenen Umständen der Fall. Denken wir uns verschiedene Ereignisse mit einem Lustwert  a, b, c, d  bezeichnet, so wird es ein sehr seltener Fall sein, daß das Zusammentreffen derselben den vollen Lusteffekt  a + b + c + d  liefert. Abgesehen von allem Anderen, was zu berücksichtigen uns hier viel zu weit führen müßte, kommt hier die Enge unseres Bewußtseins und die obere Grenze unseres Empfindungsvermögens in Betracht. Verschiedene gleichzeitig zusammentreffende Faktoren stören einander und setzen sich wechselseitig herab, und sobald ein gewisses Maß erreicht ist, können neue Lust- oder Unlustanstöße nur noch wenig oder gar kein Gefühl erregen.

Ist aber auch nur daran zu denken, verschiedenartige Gefühle einanander äquivalenz zu setzen oder sie auf einen gemeinschaftlichen Wertmaßstab oder Generalnenner zurückzuführen und nun mit einer Wertziffer zu bezeichnen? Zum Beispiel wie viele Austern mag für den begeisterten Patrioten die Schlacht bei Sedan wert gewesen sein? Oder wieviele schöne Gemälde können dem frommen Christen die tröstliche Vorstellung seiner Versöhnung mit Gott durch  Christi  Tod ersetzen? Ist es nicht klar, daß hier von einer Vertretbarkeit nicht die Rede sein kann und daß - selbst in gleichartiger Sphäre - Tausende der schönsten Frauen dem Liebenden die Eine, die er liebt, nicht zu ersetzen vermögen?

Es ist doch von dem Gedanken einer solchen Summierung und Bilanzierung, sobald man mit ihm Ernst machen wollte, eine völlige Verflachung und Herabdrückung unserer edelsten Gefühle auf ein sehr niedriges Niveau gar nicht fern zu halten. Denn gerade den edelsten und höchsten Gefühlen der Menschenbrust wohnt doch als Wesenszug bei, daß die Gefühle niederer Stufe neben ihnen gar nicht oder doch nur in ganz nebensächlicher Weise in Betracht kommen, daß also z. B. dem guten Soldaten alle Leiden der Entbehrung und Strapazen, Wunden, Krankheit und Tod vor dem ersten Ideal der Pflicht und dem berauschenden Jubel des Sieges gar nicht in Betracht kommen, daß einem MUCIUS SCAVOLA trotz des qualvollen Verbrennungsschmerzes ein stolzeres Gefühl die Heldenbrust erfüllt als dem siegreichen PORSENNA. Wir kommen auf diesen Punkt am Schluß noch zurück.

Soviel von der Vertretbarkeit der Gefühle im Allgemeinen; Wir kommen nun zu der gegensätzlichen Stellung von Lust und Unlust. Daß Lust und Unlust sich wie entgegengesetzte Größen gegenüberstehen, das scheint allerdings ein ziemlich verführerischer Gedanke zu sein, scheint doch die Möglichkeit aller Tröstung darauf zu beruhen, daß Unlust durch Lust, Schmerz durch Freude wett gemacht werden kann. Wir haben oben gesehen, daß nur ausnahmsweise unter seltenen Umständen und nur in beschränktem Maß eine Summierung gleichartiger Gefühle eintritt; eben dasselbe gilt von der Kompensation entgegengesetzter Gefühle nur noch in viel evidenterer Weise. Wenn wir die Fälle, wo entgegengesetzte Gefühle gegeneinander wirken, genauer ins Auge fassen, so bemerken wir leicht, daß von einer eigentlichen Kompensation gar nicht die Rede sein kann. Niemals kann es geschehen, daß entgegengesetzte Gefühle von gleicher Intensität sich wie  +a  und  -a  zu Null aufheben. Wer gleichzeitig etwas Angenehmes und etwas Unangenehmes, eine Freude und einen Schmerz erfährt, wird sich niemals so fühlen, als wäre ihm nichts geschehen. Sondern in der Regel wird von Zweien Eins geschehen. Entweder überwiegt das eine der streitenden Gefühle das andere an Intensität und pathischer Gewalt erheblich, dann wird es und zwar ohne selbst erheblich an Intensität einzubüßen, das andere einfach auslöschen, es einfach von der Schwelle des Perzipiertwerdens hinwegdrücken oder beide Gefühle sind von annähernd gleicher Intensität, dann werden sie miteinander streiten, einander die Waage halten, einanander abwechselnd verdrängend und sich gegenseitig wieder ins Bewußtsein rufend, wie  Shylock  abwechselnd an den Verlusten  Antonios  sein Rachegefühl weidet und der entlaufenen Tochter und seiner Dukaten mit Ingrimm gedenkt.

Die näheren Verhältnisse der  Statik und Mechanik der Gefühle  sind noch weit entfernt davon, erforscht zu sein; dazu fehlt es ja vor allen Dingen an jeder Möglichkeit einer exakten Messung und dazu ist ja jedes einzelne Gefühl zu sehr  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp] und  sui juris  [sich selbst Rechtfertigung - wp]. Aber soviel läßt sich mit der größten Bestimmtheit sagen, daß Lust und Unlust sich nicht einfach aufheben wie Gewinn und Verlust bei Spiel und dgl. Daß dies überhaupt und ansich unmöglich ist, das wird zur völligen Evidenz erhoben, sobald man den Vorgang der Gefühlserregung in seinen frühesten, elementarsten Stadien nämlich an den einfachsten sinnlichen Gefühlen untersucht.

Denkt man sich auf ein perzipierendes Nervenende einen Reiz, z. B. Druck, in der Weise einwirken, daß er von den kleinsten Werten anfangend stetig wächst, so nimmt die Skala unserer Empfindung folgenden Verlauf. Die schwächsten, eben noch merklichen Reize erregen uns das unangenehme Gefühl des Kitzels. Bei einem weiteren Anwachsen des Reizes tritt das mehr unangenehme als angenehme Mitgefühl des Juckens ein, welches gebieterisch eine energische Verstärkung des Reizes (Kratzen) erfordert und dadurch in das normale Wohlgefühl angemessenen Reizes übergeht. Auf diese beiden Stufen des Kitzels und Juckens folgt bei einem weiteren Wachsen des Reizes ein mit weiterem Zunehmen wachsendes Wohlgefühl. Nimmt nun der Reiz noch weiter zu, so tritt Unlust, schließlich Schmerz ein, der sich bis zu einem gewissen Grad verstärkt, über welchen hinaus bei gleichzeitiger Degeneration des Nerven die Empfindung nicht mehr zu wachsen vermag (Reizhöhe nach WUNDT). Beim Druck erscheint dieses Wohlgefühl des normalen Reizes so schwach, daß man es fast gleichgültig nennen könnte. (WUNDTs abweichende Gefühlsskala in seinen "Grundzügen der physiologischen Psychologie"; vgl. dagegen meine "Psychologischen Analysen etc.", Bd. II, Teil 2) Schon dieses allgemeine Verhalten der Empfindungsskala gleicht durchaus nicht dem Verhältnis positiver und negativer Größen. Denn wo käme es sonst vor, daß positive Werte auf einmal wieder negativ werden?

Noch evidenter wird diese Verschiedenheit, sobald wir den Übergang des Lustgefühls angemessener Erregung in das Unlustgefühl zu starker Reizung näher untersuchen. Hätten wir es mit entgegengesetzten Größen zu tun, so müßte offenbar der positive Wert allmählich abnehmen bis zu Null und von dort in allmählich wachsende negative Werte übergehen. Aber davon zeigt die Beobachtung nichts. Vielmehr zeigt sich ebenso wie beim Übergang des Kitzels und Juckens in das normale Wohlgefühl ein Zwischenstadium gemischten Gefühls, das Lustgefühl dauert an, während daneben Unlustgefühle auftreten, die Anfangs noch von Lustgefühlen überwogen werden, sich dann aber mehr und mehr geltend machen und nun sehr schnellt zu entschiedener Unlust und Schmerz ansteigen.

Dies tritt noch ungleich deutlicher als bei Druck, wo die Verhältnisse wegen der schwachen Gefühlsbetonung der mittleren Empfindungen verdunkelt werden, bei den Temperatur- und Lichtempfindungen hervor. Hält man die Hand an einen sich erwärmenden Körper oder bewegt sie am Ofen langsam von einer kälteren zu einer heißen Stelle, so empfindet man eine Zeit lang mit der Wärme ein proportional steigendes Wohlgefühl, dann aber treten Unlustgefühle auf, Anfangs neben den immer noch steigenden Lustgefühlen und nehmen rasch anwachsend so überhand, daß sie schnell die höchsten Schmerzgrade erreichen. Ganz ähnlich bei Licht: Anfangs freut sich das Auge der wachsenden Helligkeit, es nimmt auch weitere Helligkeitsgrade wohlgefällig auf, aber es fangen jetzt an sich Unlustempfindungen, partielle Ermüdungen mit schmerzlichen Nebenempfindungen einzustellen, bis schließlich bei einem gewaltsam fixierten Auge alles in eine wahre Marter übergeht.

Wir sehen an diesen Beispielen so recht  ad oculos  [vor Augen - wp] demonstriert, wie Lust und Unlust dicht nebeneinandergestellt sich keineswegs in Null aufheben und wie sich überhaupt beide ganz und gar nicht als entgegengesetzte Größen, sondern als verschiedene Grade ein und desselben Reizvorgangs verhalten, nicht natürlich wie Vermögen und Schulden, sondern eher wie die Wasserstände am Pegel eines Flusses oder wie die Grade eines Thermometers, die ja ebenfalls nur scheinbar einen Minus-Plus-Pegel bilden.

2.  Die Möglichkeit der Aufstellung einer Bilanz.  Wenn wir von allem bisher Erörtertren völlig absehen und annehmen wollen, daß alle Gefühle gleichartig und nur quantitativ verschieden und daher wie andere zähl- oder wägbare Dinge in verschiedenen Quantitäten einander vertreten und aufwiegen können, und wenn wir ferner annehmen, daß Lust und Unlust sie wie  +  und  -  aufheben und kompensieren lassen, so ist damit für die Lust-Unlust-Bilanz des Pessimismus immer noch gar nichts gewonnen. Was würde wohl ein Kaufmann sagen, dem sein Schuldner diese Bilanz vorlegen würde:

Kredit
Debet
Vorhandene Aktiva ............ 50.000 M Mehrere Passiva ................... 100.000 M
Besaß von 25 Jahren ein Rittergut
       wert ......................... 100.000 M
       Summa ................... 150.000 M Summa per Saldo ................. 100.000 M
  Bilanzvermögen: ...... 50.000 M


Oder wenn er statt des gewesenen Ritterguts ein Aktivum, das einem Dritten gehört, einstellen würde? Nun, diese schon mehr als sonderbare Zumutung wird hier allen Ernstes an uns gestellt. Wir sollen vergangenes und gegenwärtiges Gefühl summieren und bilanzieren: das ist schon, wenn man bloß sein eigenes Leben in Betracht zieht, eine unmögliche Forderung. Manches ist total vergessen, wie der Schmerz, da ich als Kind fiel oder krank lag; Anderes hat seinen Lust-Unlust-Wert geradezu verloren oder vertauscht: was mir früher Quelle der Lust gewesen ist, beschämt mich vielleicht jetzt und die Mühen und Entbehrungen der Jugend gereichen dem durch eigene Tüchtigkeit Emporgekommenen zur stolzen Genugtuung, wie dem siegreichen Soldaten die erduldeten Anstrengungen und Gefahren. Es ist wahr, jeder Mensch zieht häufig in seinem Leben so etwas, was man sich versucht fühlen könnte, mit einer Bilanz zu vergleichen: aber wie sieht es in Wahrheit damit aus? Von einer wirklich objektiven Abschätzung der sämtlichen Erlebnisse nach ihrem Lust- oder Unlustwert ist ja niemals die Rede und es sind, wenn man genau hinsieht, nur sehr wenige vereinzelte Faktoren, die in angebliche Gefühlsbilanz eingehen; diese ist keine verstandesmäßige Rechnung, sondern eine momentane oder auch auf Temperament beruhende ständige  Gefühlsstimmung.  Setzen wir den Fall, jemand lebt 70 Jahre im Schoß eines ungetrübten Glücks; nun verliert er sein Vermögen und stirbt nach einem Jahr in Armut und Vereinsamung. Was für eine Bilanz wird ein solcher ziehen, wenn es ihm nicht gelingt, in höheren moralischen und religiösen Gefühlen Trost zu finden? Wird er berechnen, wieviel Gutes er in den langen 70 Jahren genossen und wie wenig das Übel, das ihm im letzten Lebensjahr auferlegt wurde, im Vergleich zum vergangenen Glück doch eigentlich ist? Er denkt gar nicht daran, es ist ihm vom Standpunkt bloß weltlicher Lustberechnung ganz unmöglich, so zu rechnen. Das vergangene Glück ist ihm nur die umso quälendere Erinnerung an sein jetziges Unglück. Der saftige Braten, den er früher aß, der köstliche Wein, den er trank, lassen ihm sein Brot und Wasser nur umso schaler und reizloser schmecken. Oder will man sagen: in dieses kurze Jahr sei mehr Weh hineingepreßt, als die vergangenen siebzig an Glück bargen? Es mag ihm so vorkommen, das glaube ich gern. Aber wo ist der Maßstab, der objektive Wertmesser, die richtige Waage, Vergangenes und Gegenwärtiges gegeneinander abzuwägen? Er existiert nirgends oder doch nur in sehr unbestimmten, abgeblaßten oder durch Stimmung und Phantasie willkürlich veränderten Erinnerungen.

Solchen offenbaren Unmöglichkeiten begegnet schon der Gedanke, die Lust-Unlust-Bilanz eines einzelnen Menschenlebens zu ziehen, aber noch verzweifelter sieht es mit der Lust-Unlust-Bilanz der ganzen Welt aus. Wie sollte wohl die Lust des Einen durch die Unlust des Anderen aufgewogen werden oder umgekehrt? Fühlt man sich etwa, wenn man heftiges Zahnweh hat, getröstet beim Anblick des Wohlergehens Anderer? Zwar kann der Anblick fremden Leids meine Lust herabstimmen, aber doch nur dadurch, daß es in meiner Brust das Unlustgefühl des Mitleids hervorruft. Überhaupt sind hier die verschiedensten Fälle möglich. Fremdes Leid kann sehr leicht meine Lust erhöhen, nicht nur durch Schadenfreude, sondern durch den Gedanken, daß ich es besser habe. Ebenso kann fremde Lust die meinige herabsetzen, nicht sowohl durch Neid als durch die Erhöhung meines Erwartungsmaßstabes. Zur Aufstellung einer Bilanz ist durchaus die Einheit des Subjekts, auf welches sich die einzelnen zu summierenden und zu kompensierenden Posten beziehen sollen, erforderlich. Das einzige Subjekt aber, das den Gedanken einer solchen Weltbilanz ohne  contradictio in adjecto  [Widerspruch insich - wp] fassen könnte, wäre Gott der Allwissende; ob er diesen Gedanken denkt und zu welchem Resultat er dabei kommt, unterfangen wir uns nicht, auch nur ahnen zu wollen.

Aber sehen wir auch hiervor noch ab, so scheitert der Gedanke einer Lust-Unlust-Bilanz schon deshalb an seiner eigenen Unvollziehbarkeit, weil es ja an jedem objektiven Maßstab zur Messung fremder Gefühle völlig fehlt. Wenn zwei Personen Zahnschmerzen haben, ist es absolut unmöglich zu bestimmen, wem von beiden sein kranker Zahn mehr Schmerz verursacht als dem Anderen. Vollends wenn der Eine Schmerzen hat, ein Anderer in Austern und Rheinwein schwelgt, wie will man da ausmachen, ob die Lust des Einen oder die Unlust des Anderen größer ist. Und nun soll aus Billionen solcher Elemente, deren jedes Einzelne völlig unmeßbar und unvergleichbar ist, eine exakte Statistik, eine richtig berechnete Bilanz gezogen werden, und von einem solchen Hirngespinst wagt man als von einer empirischen oder induktiven Wahrheit zu reden. Es gehört wirklich eine erstaunliche Naivität dazu.

Das war es, was ich Herrn von HARTMANNs angeblich psychologischem Beweis der Lust-Unlust-Bilanz entgegenstellen wollte, seine schließlichen Bemerkungen über  den moralischen Beweis des Pessimismus  veranlassen mich noch einige Worte hinzuzufügen, gleichfalls noch vom psychologischen Standpunkt.

Ziemlich am Eingang der Abhandlung wird als ein "auf den Pessimismus unmittelbar gegründetes Urteil" der Satz bezeichnet,  daß die Nichtexistenz der Welt ihrer Existenz vorzuziehen ist",  während das weitere Derivat aus demselben,  "daß es in praktischer Hinsicht rational ist, die Aufhebung der Welt zum Zweck zu setzen"  zu den "metaphysischen Folgerungen" gezählt wird, "welche der Diskussion offen stehen". Vor einer solchen Afterweisheit ist es schwer, nicht satirisch zu werden. Also es wäre in praktischer Hinsicht rationa, die Aufhebung der Welt zum Zweck zu setzen? Aber wie doch gleich? Wollen wir einige Kubikmeilen Stickstoff in Pikrinsäure verwandeln, um damit die Erde in den Äther zu sprengen? Es wäre immerhin ein Anfang, freilich ein höchst winziger. Denn schließlich bliebe doch die Welt immer die Welt, ob einige Erden und selbst Sonnensysteme oder Sterninseln mehr oder weniger existieren oder nicht. Überhaupt, da man unter der Welt doch nichts anderes als den Inbegriff des Seienden verstehen kann, dieses aber, wie auch seine Existenzformen wechseln mag, doch auf irgendeine Weise existieren muß, so bewegt sich der tiefsinnige Satz, daß die Nichtexistenz der Welt ihrer Existenz vorzuziehen ist, etwa auf derselben Linie wie der andere, daß es besser sein würde, wenn der Kreis viereckig wäre.

Und ein solcher theoretisch wie praktisch gleich unerträglicher Nonsens soll ein ethisches Postulat sein? Armer KANT! Es wird dir doch gerade von deinen orthodoxesten Anhängern eigentlich am Übelsten mitgespielt. Gerade so wie unsere kirchlichen Orthodoxen diejenigen, mit deren Namen sie prunken, vergöttern und in ihrem Räuspern und Spuken getreulich kopieren, sich namentlich an ihren Extremen und Härten fanatisch anklammern, während sie sich um den Geist, der sie beseelte, nicht kümmern und ihre Lehre oft in den wichtigsten Stücken ins gerade Gegenteil verkehren: gerade so treiben es unsere orthodoxen Neukantianer mit dem Begründer der modernen Philosophie. Sie schwelgen in kantischen Phrasen und Terminologien, sie werden nicht müde, die alte Litanei immer wieder herzubeten, sieht man aber näher hin, so findet man, daß jeder von ihnen sich seine sehr bedeutenden Heterodoxien [Irrlehren - wp] gestattet.

Herr von HARTMANN wird mir verzeihen, wenn ich ihn, obgleich er auch bei anderen Meistern in die Schule gegangen ist, mit diesen Kant-Orthodoxen zusammenbringe. Er hat sich auch sonst zu demselben gehalten. Hier gibt er mir das vollste Recht dazu, indem er sich leidenschaftlich an einen der alleroffenbarsten Irrtümer des großen Meisters anklammert und ihn zum Angelpunkt aller Moral und Religion erhebt, nämlich den  Gegensatz von Neigung und Pflicht,  und indem er in demselben Augenblick KANTs größte praktisch-philosophische Tat, die Postulate der praktischen Vernunft, fast entwertet, indem er ihr gesundes Lebensbrot, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit mit dem unverdaulichen Werg der Welt-Aufhebung vertauscht.

Der alte KANT würde nicht schlecht dreingefahren sein, wenn er es hätte erleben müssen, zum Begründer des Pessimismus gestempelt zu werden. Der einzige Anhaltspunkt, den Herr von HARTMANN hierfür bei KANT finden konnte, ist jene verfehlte Gegenüberstellung von Neigung und Pflicht, die man wohl ohne Frage den größten Irrtum des Meisters nennen kann, der ihm seine ganze Ethik verdorben hat, und ihm bereits zu seiner Zeit den gerechten Spott der  Xenien  eingetragen hat. Der ewige Wahrheitskern, der dem strengen Moralisten, dem stolzen Denker des kategorischen Imperativs vorschwebte, war die tiefgekühlte Abneigung gegen die Gemeinheit des Hedonismus und die Flachheit des Eudämonismus, die er nicht scharf genug aussprechen zu können dachte:  es war die völlige Unvergleichbarkeit der höheren und der niederen Gefühle,  eben dasselbe Moment, welches, wie wir bereits sahen, den Gedanken einer Summierung, Kompensierung und Bilanzierung der Gefühle in sich unmöglich macht. KANT irrte nur darin, daß er übersah, wie auch die Pflicht auf einem Gefühl beruhen muß, daß er dieselbe vielmehr als ein auf Vernunftmaximen beruhendes Ideal ins völlig Leere setzte.

Herr von HARTMANN folgt nicht nur bedingungslos diesem so augenfälligen Irrtum des Meisters, sondern er benutzt ihn schleunigst als Unterbau für den Pessimismus nach folgendem Schema: KANT lehrt, daß Sittlichkeit und Glückseligkeit in einem ausschließenden Gegensatz stehen. Sittlichkeit soll aber bestehen, folglich muß Glückseligkeit eine Jllusion sein. Dieser Schluß ist wieder ganz und gar unkantisch und der Versuch, den Autor der Kritik der praktischen Vernunft zum Vater des Pessimismus zu stempeln, als die reine Gewalttat zu bezeichnen. Denn KANT faßt ja gar nicht Sittlichkeit und Glückseligkeit in der Weise als ausschließende Gegensätze, daß das Eine Jllusion sein muß, wenn das andere Wahrheit sein soll, sonst könnte er doch nicht das Dasein Gottes zur Herstellung der vom moralischen Bewußtsein geforderten Harmonie beider postulieren.

In Wahrheit bildet bei Herrn von HARTMANN die Autorität KANTs nur ein geschmackvolles Ornament, während der eigentliche und einzige Grund des Pessimismus die SCHOPENHAUERsche Lehre von der Priorität und Grundlosigkeit des Willens ist. Von diesem Standpunkt, wenn man sich recht auf ihn versteift und vor den andrängenden Tatsachen der Erfahrung die Augen verschließt, muß man allerdings zum Pessimismus gelangen. Wenn man den Willen zum wesentlichen Grundzug der Seele nicht nur, sondern zur Grundsubstanz der Welt erhebt, die Vorstellung zu demselben nur als zufällige Erscheinung, das Gefühl als Folge desselben bezeichnet: ja da kann man wohl dahin gelangen, Schmerz und Langeweile für die einzig realen Gefühlsweisen, alles Übrige aber für eine Jllusion zu halten.

Aber diese ganze Lehre ist, wie ich an betreffender Stelle gezeigt habe, psychologisch durchaus unhaltbar. Ein grundloser Wille ist sowohl ansich völlig undenkbar, also auch der Erfahrung widersprechend, wobei uns letztere den Willen als den naturgemäßen Ausfluß des Gefühls zeigt, wie denn auch ein Blick auf das physiologische Substrat des Seelenlebens, das Nervensystem, sogleich erkennen läßt, daß die motorischen Nerven die Organe der Willensvollstreckung mit den sensiblen Nerven, bzw. ihren Zentren, den Herden der Gefühlserregung überall in einem notwendigen Zusammenhang stehen. Ebenso zeigt die oben gegebene Skala der Nervenerregung, daß nicht die Unlust, sondern im Gegenteil die Lust der normale Gefühlszustand ist, während die Unlust dem Ausnahmezustand des Zuwenig oder Zuviel an Erregung entspricht. Ist aber der Wille kein wesentliches Urvermögen, sondern eine auf ein Gefühl folgende und auf seine Festhaltung oder Entfernung, Erneuerung oder Vermeidung gerichete reaktive Tätigkeit und ist das Gefühl normalerweise Lust und nur in den Ausnahmefällen des Zuviel oder Zuwenig Unlust, so kann gar nicht mehr davon die Rede sein, daß das Seelenleben notwendigerweise und im Überschuß Unlust entbindet; und es ist damit überhaupt der wissenschaftliche Apparat des Pessimismus zerstört.

Aus diesen elementaren Verhältnissen des Fühlens und Begehrens fällt nun auch ein helles Licht auf die angeblich ethische Bedeutung des Pessimismus. Dasjenige, was dem Pessimismus als Wahrheitskern zugrunde liegt und was ihm die Sympathien manches ernster Denkenden einträgt, das ist das Vorhandensein zahlloser Übel und Unlustquellen auf der Welt und daß es jedem Menschen, auch dem Glücklichsten unmöglich ist, dem Übel zu entfliehen. Jeder muß Unlust leiden und zwar in großen Portionen, schließlich naht ihm immer unwillkommen das beschwerliche Alter, der kalte, erdige Tod; um diese  dira necessitas  [grausame Notwendigkeiten - wp] ist auf keine Weise herumzukommen. Das kann und soll man sich nicht verhehlen, und nichts ist widerwärtiger, als jener süßlich-weiche Optimismus, der das Leben ohne weiteres für eine Anweisung zum Glück und sein liebes Ich selbstverständlich zu phäakischem Wohlbehagen bestimmt hält, und der gleich dem Lustboot des Dorfweihers beim ersten Wellenschlag des offenen Meeres rettungslos zugrunde geht.

Aber wie gesagt, von jenen Elementar-Verhältnissen aus gewinnt man den richtigen Maßstab und Gesichtspunkt für das Verhältnis der Güter und der Übel. Nicht die Lust ist das Akzidenz [Merkmal - wp] der Unlust, sondern die Unlust das Akzidenz der Lust. Wer auf die zahlreichen Übel schmält [lästert - wp], der sollte doch zunächst überlegen, inwiefern etwa das Übel nur als Erscheinungsweise oder als notwendige Vorstufe oder Folge der Lust anzusehen ist. Denn man wird doch nicht für das Podagra [Zehengicht - wp] des Trinkers, die Fettsucht des Fressers, die Nervenzerrüttung des Lüstlings usw. die Vorsehung oder die Weltursache verantwortlich machen zu dürfen. Warum sind uns Krankheit und Alter so zuwider? Doch nur weil wir die Lust der Jugend und Gesundheit kennen. Ohne jene Lust wäre dieses keine Last. Warum empfinden wir Armut so schmerzlich? Weil sie uns die bekannten und begehrten Genüsse des Wohlstandes entzieht. Und wiederum wie notwendig und untrennbar sind Lust und Unlust miteinander verbunden, wie so recht darauf angewiesen, in einem beständigen Wechsel auseinander hervorzugehen, sich gegenseitig zu bedingen und zu erzeugen. Die Mühsal der Arbeit, die so entschieden auf die Soll-Seite unseres Lust-Unlust-Kontos zu fallen scheint, wie ist sie doch zugleich die wichtigste, ja alleinige Quelle des Glücks, sie ist selbst schon vornehmster Genuß und die unentbehrliche Vorbedingung allen Genießens. Dies will ich nicht weiter ausführen, da die eigentümliche Lust jeder energischen Tätigkeit - und zwar körperlicher ebenso wie geistiger - jedem Leser dieser Blätter wohl hinlänglich bekannt ist, ebenso wie im Grunde genommen Arbeit es allein ist, was Leib und Seele überhaupt erst genußfähig macht.

Wer in dieses notwendige Wechselverhältnis von Lust und Unlust so recht bis zu seinem innersten Kern durchgedrungen ist, der kann kaum noch auf die nutzlose Frage verfallen, ob es nicht besser gewesen wäre, die Welt ohne Übel zu schaffen, diese Frage wird ihm vielmehr erscheinen wie die, weshalb der Kreis nicht viereckig ausgefallen ist, weil er weiß, daß er mit den Gütern die Übel gerade so notwendig in Kauf nehmen muß, wie die herbe und harte Schale der Nuß, wenn er zu ihren süßen Kern gelangen will.

Damit stehen wir schon recht im Herzen der ethischen Frage. Es war ein bedauerlicher Mißgriff KANTs, die Ethik vom Gefühl trennen zu wollen. Die dadurch bei ihm und seinen Nachfolgern bewirkten Mißverhältnisse sind für die volle Ausgestaltung er Moral kaum weniger verhängnisvoll gewesen, als es eine hedonistische oder eudämonistische Pseudo-Moral nur immer gewesen sein können. Denn um wieviel soll der unmögliche Stoizismus des kalten, leeren, lediglich formalen Pflichtbegriffs selbst hinter einem niedrigen Hedonismus oder einem seichten Utilitarismu an ethischem Wert zurückstehen? Er weicht vom Ideal einer gesunden, fruchtbaren, lebenswahren und lebenswarmen Moral nach der einen Seite ebenso weit ab, wie die letztgenannten Verirrungen nach der anderen. Er spornt ein hölzernes Pferd, und wenn das für den Anfang die Phantasie ein wenig anregt, so muß die unaufhörliche Wiederholung eines so vergeblichen Beginnens schnell langweilig werden. Und das ist dann auch leider bei uns das Schicksal der Moralphilosophie geworden.

Der Wille folgt notwendig - er kann gar nicht anders - dem jeweiligen stärksten Gefühl. Alle moralistischen Deklamationen werden an diesem Grundgesetze der menschlichen Natur nichts ändern, und es ist nur Wasser auf die Mühle des Sensualismus und Materialismus, wenn man dasselbe bestreitet und die Sittlichkeit auch subjektiv lediglich aus allgemeinen Ideen, Vernunftmaximen, ableiten will. Zur Sittlichkeit wird das Individuum in den geselligen Verbänden, in die es gestellt ist, erzogen, indem sich einerseits die Gefühle nach ihrer qualitativen Breitenentwicklung historisch in immer höheren Komplexen organisieren, sich andererseits die Begehrungen in der analogen Entwicklung durch eine fortschreitende Auswahl zu einigen wenigen konstanten beherrschenden Willensrichtungen kondensieren.

Aber der rigoroseste Moralist kann weiter nichts verlangen, als daß man den höchsten Gefühlen und obersten Willensrichtungen folgen soll, daß man sein wahres, wesentliches und dauerndes  Heil  erstrebe. Die engelsgleichste Tugend vermag nicht mehr zu tun, als den Gesetzen und Interessen ihres wahren Wesens zu dienen. Es heißt tyrannischer als der Tyrann selbst zu sein und den Himmel blauer malen als er ist, wenn man vom sittlichen Wollen verlangt, daß der absolute Wert des Guten von ihm nicht auch als individueller Wert empfunden wird.

Hierin liegt die letzte wichtigste Differenz mit dem Pessimismus. Unsere ganze Sittlichkeit beruth subjektiv auf höheren, edleren, wärmeren und reineren Gefühlen, wurzelt und gipfelt in ihnen. Nicht das ist die wahre Tugend, was der widerstrebenden Neigung widerwillig abgerungen wird, sondern was gern und freudig und mit Lust getan wird. Aber Tugend ist nicht die Sache eines augenblicklichen Entschlusses, sondern der Erziehung und Entwicklung. Wie es dem Unmusikalischen unmöglich ist ein Instrument zu handhaben, so darf man vom schlecht Erzogenen und schlecht Gewöhnten nicht die Kraft eines tugendhaften Entschlusses verlangen.

Stufenweise entwickelt sich das Gefühl höher, reiner, allgemeiner und stärker. Jede höhere Stufe faßt die früheren in sich zusammen, bildet die höhere Einheit derselben, erhebt sich ihnen gegenüber als leitender Zweck, beherrschender Gesichtspunkt, während sie zu bloßen Mitteln und nebensächlichen Rücksichten herabsinken. So werden die sinnlichen Gefühle die konstituierenden Momente des ästhetischen; dieses die Vorstufe und ein mitbedingender Faktor für die höhere Einheit des intellektuellen Gefühls. Alle Gefühle wiederum sind bestimmt, einzugehen in die neue höhere Synthese der moralischen Gefühle. Auch hier geht es stufenweise vorwärts: formale Beurteilungs-, Eigen- und Selbstgefühle, Mitgefühl, Erwiderungsgefühle, Liebe, jedes höhere in gleicher Weise über alle früheren hinausgipfelnd und auf der großen Gruppe der Liebesgefühle der neue, komplizierte und hochragende Überbau der engeren, weiteren und höchsten Verbandgefühle gegen Familie, Gemeinde, Landschaft, Staat, sowie die Standes- und gesellschaftlichen Gefühle und über all dem die höheren Sittlichkeits- und religiösen Gefühle einer hohen Kuppel sich gleichsam emporwölbend.

In diesem strengen Subordinationsverhältnis, vermöge dessen die niederen Gefühlsstufen den höheren Entwicklungen gegenüber in die Stellung des Mittels zum Zweck, der Nebenrücksicht zur Hauptsache herabgedrückt werden, liegt die Unmöglichkeit, daß höhere Gefühle den niederen auf keine Weise, auch nicht im Verhältnis ihrer Intensität und Dauer äquivalent und vertauschbar sind, daß sie in keinem Verhältnis mit ihnen summiert, kompensiert, bilanziert werden können. Herr von HARTMANN meint:
    "Die qualitative Verschiedenartigkeit von Lust und Unlust kommt hierbei nur insofern in Betracht, als sie auf Intensität und Dauer derselben influiert [einwirkt - wp] und in diesen beiden Faktoren bereits ihren mathematischen Ausdruck gefunden hat."
Abgesehen von dieser Umrechnung, meint er, sei alle Lust und Unlust gleichartig und homogen. Aber das ist auch, wenn man von dem Wagnis, in einer Materie, die  jeder  rechnungsmäßigen Grundlage entbehrt, von mathematischer Ausdrückbarkeit zu reden, noch völlig absieht, irrtümlich und unzutreffend, auch wenn KANTs Autorität mit Recht dafür eingesetzt wird. Irrtümlich, weil nach dem Vorangeführten das niedere Gefühl dem Höheren so untergeordnet ist, daß die größten Quantitäten und Intensitäten des ersteren den kleinsten des letzteren immer noch untergeordnet bleiben, sodaß z. B. alle möglichen Vorteile oder Nachteile bei einem Ehrenpunkt einfach nicht mehr in Betracht kommen. Unzutreffend aber ist jene Anführung deshalb, weil die höhere Gefühlsentwicklung eben die gemeinschaftliche Organisation der niederen darstellt, dieselbe also auch nach Intensität und Dauer ebenso beherrscht wie in einem Sternsystem der Zentralkörper oder der gemeinsame Schwerpunkt des Systems die Massen der einzelnen Weltkörper überwiegt und in ihre Bahn zwingt.

Alles Streben ist Heilsstreben. Das wahrhaft Gute ist auch das wahrhaft Lustbringende, das dauernd und nachhaltig heilsame, während die Lust der Sünde nur eine scheinbare, momentane Lust ist, sie die lachende lockende Frucht der Tollkirsche. Aber es ist nicht bloß so, daß Jeder mit instinktiver Notwendigkeit sein Heil erstreben muß: dieses allgemeine Heilsstreben ist keine Jllusion, sondern Jeder kann es für sich verwirklichen nach dem Maß der Kraft und Energie seines Strebens und der Wärme und harmonischen Entwicklung seines Gefühls. Trotz alles Schrecklichen, Furchtbaren, Schauerlichen, das von allen Seiten unser schwaches Glück bedroht, und wie tückisch die rohe Faust des Zufalls in einem zwecklosen Vandalismus in  das,  was uns lieb und wert ist, die breite Bresche der Verwüstung zu legen scheint, trotz all dem behält doch der alte Gemeinplatz Recht, daß Jeder seines Glückes Schmied ist. Nur muß der Schmied natürlich wirklich schmieden und sein Feuer zusammenhalten, statt es, hier ein Fünkchen, da ein Fünkchen, auf dem ganzen Herd zu verzetteln.

Wenn man die angegebene Stufenordnung unserer Gefühlsentwicklung und das Verhältnis der einzelnen Gefühlsstufen zur  Sicherheit  und Dauer des auf ihnen zu erringenden Heilserfolges unbefangen erwägt, so ergibt sich das Gesetz, daß die Gefühlsbefriedigung umso unsicherer ist, je niedriger, und umso sicherer und nachhaltiger, je höher die erreichte Entwicklungsstufe ist. Wer sein Heil in der Sinnlichkeit sucht, wird sich bald an Leib und Seele bankrott finden; gerade aus der Sphäre der Sinnlichkeit drohen uns und unserer Liebe die schwersten Gefahren, Hunger, Armut, Ausschweifung, Schmerz, Krankheit, Tod. Etwas länger mag es mit dem ästhetischen Genuß gehen, doch zeigt sich auch hier in schönseliger Gefühlsverzärtelung und in den Bizarrerien der Caprice [Laune - wp] die verderbende Wirkung der Übersättigung. Höher gipfelt der edle Wahrheitsdrang wissenschaftlicher Forschung. Aber auch hier droht neben dem verwirrenden Irrtum die Unlust der Schwäche, die weit vor dem Ziel erlahmt, und dann weist das Wahrheitsstreben in sich selbst auf höhere Zwecke zurück, bei deren Vernachlässigung das Wissen zu einer dürren unfruchtbaren Bücherweisheit entartet. Ehre ist ein edles Kleinod, das den Besitzer über vieles Ungemach, über Not und Gefahr siegreich hinauszuheben vermag, doch auch sie kann schwer verletzt werden durch Dummheit, Bosheit, Irrtum und Schwäche, und ihre blanken Waffen rosten ruhmlos in der Rumpelkammer, wenn sie nicht im Kampf um höhere Güter fleißig gebraucht werden. Ehre kann viel, aber Liebe kann weit mehr; sie ist die sanfte Glut, die das ganze Haus erhellt und wärmt. Auch ihr droht freilich Trennung und die Schwäche des eigenen Ungenügens. Aber wahre Liebe, auch wenn sie im Einzelnen keine Erwiderung und kein Genüge hatte, sucht und findet den Anschluß ans größere Ganze, an Familie, Gemeinde, Volk, Staat, an die großen gesellschaftlichen Verbände, an das ideale Ganze der Menschheit mit seinen ewigen Weltgesetzen, der Sittlichkeit. Schließlich mögen Familie, Gemeinde, Volk, Staat, Gesellschaft, ja es mag die ganze Menschheit vergehen: dem Vergänglichen muß das Ewige zugrunde liegen, das als wahres Sein die wechselnden Daseinsformen aus sich entbindet. Und wie auch immer die schwache Menschenvernunft dieses beharrende Wesen, die Substanz und letzte Ursache sich vorzustellen versuchen mag, immer muß das Individuum sich ihm gleichartig fühlen, muß es im Leben die Übereinstimmung mit ihm zum Zeitpunkt seines Strebens zu machen bemüht sein, muß in ihm das allein Gute und den wahren Wertmesser aller Dinge, und im Tod, dem Ende alles Irdischen, die Rückkehr zu ihm, die sichere Grenze, über welche die Übel nicht hinausgehen können und jenseits deren nach den Stürmen auf Erden Ruhe herrschen muß, erblicken.

Allerdings heben die höheren Gefühle die niederen nicht auf. Der weiseste Mensch leidet Hunger und Durst, und daß die Philosophie nicht das Zahnweh zu stillen vermag, ist schon sprichwörtlich. Und in gewissem Sinn kann man ja sagen, daß die höhere Gefühlsentwicklung, die über die Selbstgefühle hinausgeht, unsere Übel und Gefahren steigert, indem sie uns nicht bloß das, was uns selbst betrifft oder droht, sondern auch die Leiden und Gefahren unserer Lieben mitfühlen läßt. Schmerz, Wunden, Trennung, Tod bleiben natürlich, was sie sind, behalten ihren vollen schweren Unlusteffekt. Aber sie erscheinen demjenigen, der den Reichtum der höheren Gefühlswelt in sich zu entwickeln, ihre begeisterungsvolle Glut zu entzünden vermocht hat, nicht mehr als die kalte Verneinung aller Lust, als der nasse Schwamm, der jeglichen Schimmer des Glücks hinwegwischt und nur die tiefe Schwärze der Trauer stehen läßt, sondern wie die Krankheit dem, der die Hoffnung und die Kraft zu gesunden in sich fühlt und der im Hinblick darauf ihre Schmerzen und Beängstigungen geduldig erträgt. Dahin muß man gelangen, noch ganz abgesehen von jedem religiösen Glauben an die Allmacht, Güte und Gerechtigkeit Gottes und die Unsterblichkeit der Seele, und wenn man KANTs Postulate der praktischen Vernunft sich in so weite, abstrakt abgeblaßte Formen einkleidet, wie wir es eben getan haben, daß selbst ein Pantheismus und der Materialismus darin Platz haben.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist klar, wie ganz zur Ungebühr der Pessimismus sich anmaßt, ein Prinzip der Sittlichkeit sein zu wollen. Er ist dazu subjektiv und objektiv gleich unfähig. Wir haben bisher die subjektive Seite der Sache verfolgt und gezeigt, wie die natürliche Höherentwicklung unserer Gefühle zugleich die immer sicherere Gewähr einer dauernden Befriedigung in sich schließt. Damit ist schon die Grenze des Objektiv-Sittlichen berührt. Subjektiv, psychologisch kann alles Ethische nur auf dem Gefühl beruhen, weil es keine andere Triebkraft für menschliches Handeln gibt. Objektiv aber muß natürlich ein Zusammenhang bestehen zwischen den subjektiven Triebmomenten und den realen Bedingungen unserer Existenz, welche keine anderen sein können als die Gesetze und Bedingungen allen realen Seins überhaupt. Das vermittelnde Bindeglied dieses Zusammenhangs ist die denkende Vernunft, die sich einerseits ganz subjektiv aus den Gefühlsreaktionen zunächst lediglich als deren Mittel und Werkzeug herausentwickelt, andererseits aber getrieben vom Stachel dieses Bedürfnisses dahin gelang, diese realen Gesetze und Bedingungen immer besser zu erfassen und richtiger zzu erkennen, sodaß im Hinblick hierauf der pessimistische Zweifel, ob nicht etwa die realen Existenzbedingungen mit den Bedingungen der subjektiven Gefühlsentwicklung dauernd divergieren, gar keinen Boden mehr findet. Denn in dem Maße wie sich die Gefühlsaktion über die Stadien zwangsmäßiger Reflexe und blinder sinnlicher Triebe und Begierden zu einem immer bewußteren, durchdachteren Heilsstreben erhebt, in demselben Maß sucht sie sich von subjektivem Schein, Vorurteil, Jllusion und dgl. mehr und mehr zu befreien und in immer klarerer, tieferer, wichtigerer Realerkenntnis eine immer wahrere und nachhaltigere Befriedigung zu erlangen. So muß die Realität Ziel, Maß und Richtschnur für unser Heilsstreben bilden, da sie ja nur zu diesem Zweck erforscht und erkannt wird und theoretische Irrtümer in praktischen Fehlschlägen ihre Korrektur finden. An sie schmiegt und fügt sich das Leben mit der dem Organismus eigentümlichen Elastizität - DARWINs Gesetz der Anpassung. - In ihre Formen und Gesetze hat sich, solange die Menschheit besteht, unser höheres Gefühlsleben hinein entwickelt, so daß man an Letzterem die apriorischen Formen des wahrhaft Seienden erkennt, wie am Wurzelgeflecht des ausgestürzten Blumenstocks die Form des Topfes, in dem er wuchs. Muß man das, was man erstrebt, ein Gut und gut nennen, und ein umso höheres Gut, je allgemeiner und dauernder es erstrebt wird, so ergibt sich aus dem geschilderten Zusammenhang, daß je mehr etwas wahre Realität, reines der Hülle der Erscheinung entkleidetes oder richtiger dieselbe mit seinem Wesensgehalt erfüllendes Sein ist, es ein umso höhere Gut, und daß dasjenige, was als höchste Realität, als letzter Grund und wahres Sein allem Erscheinen und Werden zugrunde liegt und somit auch, wie wir gesehen haben, den letzten Gravitationsmittelpunkt für alles vernünftige Streben und Wollen bildet, das höchste Gut, das absolut Gute sein muß.

Der Begriff der Sittlichkeit hat keinen Sinn ohne  das Gute,  und dieses darf kein scheinbares, eingebildetes Gutes, darf keine konventionelle menschheitliche Jllusion sein, sondern es muß ein objektiv allgemein-notwendiges Gutes, eine reale Macht und Wesenheit sein. Denn sonst schlägt die angebliche Sittlichkeit sofort in einen sophistischen Konventionalismus um, wonach der Mensch das Maß aller Dinge ist. Der Pessimismus ist ethisch ganz impotent und kann nie dahin gelangen, eine praktisch brauchbare Sittenlehre zu entwickeln, weil ihm die Idee des Guten fehlt oder vielmehr mit seinem Grundprinzip in einem unversöhnbaren Gegensatz steht. Die Ethik des Pessimismus ist daher ein ebensolches hölzernes Eisen, ein sich selbst aufhebender und in sein Gegenteil verkehrender Unfug, wie die Metaphysik desselben mit ihrem Noumenon der Unvernunft. Die letzte Ursache, der wahre Wesensgrund, er kann sein, was immer er sein will, muß die höchste Wahrheit und Vernunft der Welt sein. Es kann keine höhere Wahrheit und Vernunft geben als dasjenige, was allem Sein und Werden als innerster Grund und wahres Wesen zugrunde liegt. Soll Unvernunft das Wesen der Dinge sein, so bleibt doch diese "Unvernunft" immer das Wahrste und Höchste, Norm und Richtschnur allen Denkens, Wissens, Fühlens und Handelns, also mit anderen Worten eben das, was man auf Deutsch "Vernunft" nennt. Doch das will ich nur andeuten, da ich hier nicht Metaphysik treiben will. Es gehört nur deshalb in diesen Zusammenhang, weil keine Ethik eine Begründung auf die Metaphysik entbehren kann.

In diesem metaphysisch-ethischen Weltzusammenhang, d. h. darin, daß das Gute, welches die oberste Norm und Richtschnur unseres Strebens und Handelns bilden soll, eben dasjenige ist, was theoretisch als höchste Wahrheit, Wesenheit und Macht der Welt zugrunde liegt, in diesem Koinzidenzpunkt des Wesens und der Macht, nach dem hin alles notwendig gravitiert und dem alles Einzelne in einer fortschreitenden Entwicklung sich allmählich anzunähern suchen muß: darin liegt, was das schnurgerade Gegenteil des Pessimismus ist, die fortwährende Möglichkeit für jeden, nach dem Maß der Energie seines Strebens, der Wärme und Entwicklung seiner Gefühle und der Erziehung seines Willens das Heil nicht nur zu erstreben, sondern es auch mehr und mehr zu erlangen, darin liegt es, daß jeder in jeder Lage des Lebens nach den schwersten und schrecklichsten Schlägen auf dieser Heilsbahn vorwärts kommen kann, wie der gute Feldherr nach der Niederlage seine zerrissene Front enger zusammenzieht, auf eine festere Stellung zurückgeht und nun doch wieder imponierend dasteht, wie FRIEDRICH II. nach Hochkirch oder daß er wie der mutige Wanderer im Unwetter das Gewand fester zusammenrafft und umso entschlossener vordringt.

Es ist nicht so, wie Herr von HARTMANN meint, daß aus der empirischen Wahrheit des Pessimismus auf die Unvernunft der Weltursache geschlossen wird, sondern umgekehrt, man muß von vornherein von der Vernunftlosigkeit der Welt durchdrungen oder man muß zum unverwüstlichen Glauben an die Weltvernunft noch nicht hindurchgedrungen sein, um zum Pessimismus zu gelangen und bei ihm stehen zu bleiben. Vollends wessen theoretische Überzeugung von der notwendigen Gleichartigkeit individuellen und allgemeinen Seins gipfelt in dem religiösen Glauben an einen lebendigen Gott und dessen Allmacht, Güte, Weisheit und Gerechtigkeit, und wer aus der schwer erträglichen Krankheit und dem tiefen Weh dieses Lebens den Blick auf den Arzt der Seelen wirft, auf die verklärte Leidensgestalt  Christi,  die wie in einer Art von höherer Katharsis [Reinigung - wp] die Affekte des Mitleids und der Furcht an irdischem Weh hinwegnimmt, weil alles, was Menschen leiden können, gering erscheinenmuß im Vergleich mit dem, war er, der Größte, erdulden mußte und in so einem sieghaften Heldenmut überwunden hat: dem muß allerdings die prahlerische Wehleidigkeit des Pessimismus und das Aufbauschen individuellen Schmerzes zum universalen Prinzip vorkommen wie die kindliche Phantasie, welche sich beim Plätschern in der Badewanne den Wogenschlag des Ozeans erträumt.

LITERATUR - Adolf Horwicz, Die psychologische Begründung des Pessimismus, Philosophische Monatshefte, Bd. XVI, Leipzig 1880