p-4 Paul Natorp    
 
HANS DRIESCH
Die Logik als Aufgabe
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    Vorwort
1. Der Gegenstand der Untersuchung
2. Von der neuen Psychologie des Denkens
a) Gedanken haben und nachdenken.
b) Vom denkpsychologischen Experiment
c) Grundlegende Ergebnisse
3. Die Gedanken
a) Der Gedankeninhalt, die Gegenständlichkeit ...
b) Messers und Bühlers Klassifikation der Gedanken
c) Die letzten unselbständigen Bestandteile ...
c) Die letzten unselbständigen Bestandteile ...
d) Der Gedankeninhalt, die Gegenständlichkeit ...
e) Messers und Bühlers Klassifikation der Gedanken
f) Die letzten unselbständigen Bestandteile ...

"Die eigentlich  logischen  Methoden der verschiedenen Wissenschaften ruhen aufeinander, womit natürlich nicht geleugnet sein soll, daß  praktisch  jedes noch uneroberte Wissensgebiet mit den gerade gut erscheinenden Methoden in Angriff genommen werden müsse. Aber das Ziel ist doch in  jedem  Fall Unterwerfung unter die  eine  Herrin:  die Ordnungslehre;  sie ist der  nomos,  welcher durch die  thesis  des Ich sein soll."

3. Die Gedanken

d) Von den Ordnungszeichen

Endgültigkeitszeichen mit Rücksicht auf Ordnung  oder, kurz,  Ordnungszeichen,  werden als eine Letzterlebnisform erlebt, wenn irgendein Gedankeninhalt mit dem Bewußtsein gehabt wird, daß  diese bestimmte  Seite oder Hinsicht an ihm eine solche ist,  wie sie sein soll,  und zwar sein soll, auf daß  Ordnung  in der Erlebtheit herrsche, daß, anders gesagt, diese bestimmte Seite oder Hinsicht am Gedanken mit dazu beiträgt, Erlebtheit eine geordnete Erlebtheit sein zu lassen. Hier also stehen wir wieder vor dem Urgeheimnis, das den Ausgang unserer "Ordnungslehre" und auch dieser Studie bildete und das auch dieser Studie Ende bilden wird. Einstweilen aber stellen wir nur in schlichter Weise fest, daß wir eine besondere Letztform des gedanklichen Erlebens angetroffen haben, eine Letztform des Erlebens, die eben durch die Besonderheit der in ihr erlebten Inhalte eine besondere ist. (1)

Ganz naiv können wir sagen, daß es eben eine besondere Letztform des bewußten Habens sei, wenn erlebt wird, daß etwas "in Ordnung" sei. Man hat das Ordnungszeichen-Erlebnis häufig als das Erleben eines Evidenzgefühls bezeichnet oder es doch jedenfalls mit unter diesen Begriff gefaßt. Der Ausdruck erscheint aber deshalb wenig passend, weil erstens das "Gefühl" dabei jedenfalls keine so wichtige Rolle spielt, auch wenn wir eine Lustbetonung des Erlebnisses  Ordnungszeichen  durchaus nicht gesonnen sind zu leugnen, weil aber zweitens, wie schon angedeutet, "Evidenz" ein wenig scharfer Ausdruck ist, ein Ausdruck, der auf eine Mischung geht, nicht auf ein eigentlich Letztes, auf eine Mischung zumindest mit dem zweiten Typus der Zeichenerlebnisse, dem Erleben von  Erledigungen. 

Soll "Evidenzgefühl" nur heißen, daß ich eben  weiß,  wann ich Ordnungserlebnisse oder überhaupt irgendwelche Bedeutungserlebnisse habe, so ist natürlich nichts gegen die Verwendung des Wortes zu sagen, außer dem Einen, daß es recht wenig, jedenfalls weniger als zu sagen möglich ist, besagt.

In den Protokollen der Arbeiten zur experimentellen Denkpsychologie tritt das  Ordnungszeichen- Erlebnis nicht so ausdrücklich hervor, wie man erwarten könnte; vielleicht weil es gar zu "selbstverständlich" erschien. Es ist aber in alle  End aussagen über die Erlebnisse beim Nachdenken über Aufgaben eingeschlossen. MESSERs "Bewußtseinslagen logischer Beziehungen" und ein großer Teil von dem, was BÜHLER seinem Gedankentypus "Beziehungsbewußtsein" zuweist, gehören hierher. STÖRRINGs (2) "Gedanken der Notwendigkeit" mit ihren Nuancen möchte ich auch hier unterbringen, während seine Gedanke der Sicherheit" wohl Erlebnisse der  Erledigung  sind.

In seiner Erörterung der Gedankenerlebnisse vom Typus reiner "Intentionen" redet BÜHLER (3) einmal, wie schon mitgeteilt, von "Platzbestimmtheiten innerhalb einer bewußten Ordnung", welche die "Wasbestimmtheiten in den Akten des unmittelbaren Wissens" ausmachen sollen. Man könnte meinen, unsere  Ordnungszeichen-Erlebnisse  seien hier nicht nur in ihrer ganzen Eigentümlichkeit gesehen, sondern seien auch sogar mit dem eigentlich passenden Namen schon bezeichnet worden. (4) Und wenn gleich darauf auf die "bewußte Ordnung" als "psychische Gegenstandsordnung" gekennzeichnet wird, die "für alles Platz haben muß, an was wir als an etwas Bestimmtes denken können ohne erfüllende Bewußtseinsinhalte", so kann man in dieser Meinung noch bestärkt werden. Leider wird der Gedanke nicht weiter ausgeführt oder benutzt; daß er zumindest nicht ganz dem unsrigen entspricht, scheint mir daraus hervorzugehen, daß BÜHLER einmal sagt "diese Ordnung oder diese Ordnungen (es könnten für verschiedene Gedanken ja verschiedene sein)", daß er also das Wort "Ordnung" im Plural verwendet, und daß er in allem nur eine  symbolische  Beschreibung" sehen will. Auch daß BÜHLER sich auf MESSERs "Sphärenbewußtsein" bezieht, spricht dafür, daß er nicht eigentlich dasselbe meint wie wir; denn "Sphärenbewußtsein" wird, aufgrund der Aussage einer Versuchsperson, MESSER mit den Worten erläutert: (5) "Eigenartiger Zustand, in welchem man genau weiß in welchen Bereich von Gedanken das Wort gehört;" das trifft höchstens eine Seite unseres Ordnungsbegriffs.

MESSER selbst sagt einmal (6): zu den  "Aufgaben,  die uns ganz selbstverständlich sind und auf die wir sozusagen stets eingestellt sind, gehört zweifellos auch die, das Seiende zu erkennen, also unser Wahrnehmen, Denken und Reden so zu gestalten ,daß es für das Seiende gültig ist, mögen wir dabei nun Bestand, Eigenschaften, Zustände, Veränderungen, Beziehungen oder den Wert des Seienden  meinen".  Diese Auffassung kommt unserer Lehre vom Wesen der Logik in der Tat nahe. Aber auch sie ist nicht mit unserer Lehre identisch; denn sie setzt nicht  Ordnung  als die "vorgewußte" Aufgabe, sie redet von sozusagen empirischer Selbstverständlichkeit.

Wie dem nun auch sei, für uns ist das Wichtige,  daß  es  Ordnungszeichen  als Letzt-Erlebtheitsinhalte  gibt.  Das ist sichergestellt durch das bloße Dasein dessen, was Logik und "Kategorienlehre" genannt wird; insofern kann geradezu gesagt sein, daß mittels "transzendentaler Methode" das Dasein von Ordnungszeichen als Erlebnisinhalten sichergestellt sei. Das aber wiederum heißt:  Ordnungszeichen- erleben ist eine besondere Erlebensart; denn Erlebnisarten bestimmen sich nach Erlebtheitsinhalten.

Es entsteht schließlich die Frage, ob nicht zum Erlebnis  Endgültigkeitszeichen mit Rücksicht auf Ordnung  ein  Gegenstück  im ausdrücklichen Erlebnis  Mangel an Endgültigkeit mit Rücksicht auf Ordnung  erlebt werde. Dieses Erleben eines gleichsam Negativen würde wohl als unlustbetont zu erwarten sein, entsprechend dem Lustton des Ordnungserlebnisses. In den Protokollen der Denkpsychologen kommt das hier Gemeinte wohl immer dann vor, wenn irgendeine Aufgabenlösung als noch nicht fertig, als nicht befriedigend erscheint. Und ich meine, wir können auch aus dem tatsächlich bestehenden Wissenschaftsbetrieb heraus die Aussage wagen, daß es ein gewisses  Ordnungsmangel- erlebnis gibt: Das ohne Ende fortdauernde Streben, die "Materientheorie" kinetisch oder mindestens newtonisch-dynamisch zu gestalten, die Unbefriedigtheit mit einer elektrodynamischen Materientheorie als angeblich Letztem gehört hierher: und ebenso gehört an diese Stelle die trotz aller Mißerfolge immer wieder einsetzende Bemühung um eine ordnungshafte Fassung des Geschichtsproblems. Mag auch erkannt werden, daß ein überpersönlicher Evolutionscharakter der Geschichte, welcher Geschichte zu  dem  Gesetz machen würde, im Prinzip niemals endgültig erkennbar sei, mag auch erkannt sein, daß "Gesetze"  in  der Geschichte stets nur wenig sichere Regeln bedeuten (7): stets reizt das Problem wieder zur Inangriffnahme. Es wird eben mit Rücksicht auf dieses Problem der Mangel an Ordnung und zwar, so dürfen wir wohl sagen, an einer ganz  bestimmten,  aus der logischen Theorie heraus  erwarteten  Ordnung geradezu als Erlebnis bewußt gehabt.

Ganz anders liegt die Sache, wie schon an dieser Stelle beiläufig bemerkt sei, beim "negativen Urteil". Wenn etwa über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit eines  S  zu einem  P  ausgesagt werden soll und als Ergebnis "S ist nicht P" erscheint, so ist  hier  nicht das Erlebnis einer eigentlichen Negativität vorhanden. Denn "S ist nicht P" bedeutet ebendasselbe wie "S ist Nicht-P", d. h. "S setzen bedeutet jedenfalls ein Nicht-P setzen"; Nicht-P aber ist nun ein durchaus, obschon unbestimmtes, Positives, ein  Gesetztes,  weil das  Nicht  stets nur  Dasein  zugunsten anderen  Daseins,  aber nie "Sein" - im Sinne von Gegenständlichkeit überhaupt - verneint. (8)

Ein Kenner der Schriften BERGSONs (9) wird aus dem letzten Abschnitt unserer Erörterungen ersehen haben, daß ich wohl den Ausführungen dieses Denkers über le néant [das Nichts - wp] aber nicht denen über le désordre [die Unordnung - wp] beipflichte. Wo Ordnung vermißt wird, da ist eben nicht "eine andere Ordnung", sondern da ist eine ganz bestimmte, die allein in Frage kommt,  nicht;  wo verneint wird, da ist doch stets ein anderes Daseiendes.


e) Von den Erledigungszeichen

Das Erlebnis  Erledigungszeichen  hat die Bedeutung, daß mit Rücksicht auf irgendeine beliebige zur Lösung gestellte Aufgabe ein Gewisses bereits erledigt ist, daß, anders gesagt, ein gewisses Mittel zur Lösung dieser Aufgabe seine Schuldigkeit tue. Auch das Erledigungszeichen wird nie allein erlebt, sondern in Verbindung mit anderen Zeichen und mit Sachhaftem; es kann ausdrücklich lustbetont sein, ist jedenfalls nie unlustbetont.

In den Darlegungen der Denkpsychologen erscheint das Erledigungszeichen in den verschiedensten Ausprägungen. MESSERs "Bewußtseinslagen der Bekanntheit, der Fremdheit, des Wertes, des Passenden, des Sinnvollen, des Richtigen" usw. gehören in klarster Weise hierher. Bei BÜHLER ist es erstens das "Regelbewußtsein", in welchem zum Ausdruck kommt, daß ein Gewisses hinsichtlich der Aufgabe schon  erledigt  sei; sei es auch nur der bekannt erscheinende Aufgabetypus, aufgrund dessen man weiß, wie man es machen soll und kann. Zweitens aber und ganz besonders gehört BÜHLERs  Intentions- erlebnis hierher. Das ist ein Erlebnis, welches geradezu als ein  erledigungsgesättigtes  bezeichnet werden kann, ob es schon, beim Lösen von Aufgaben, ein Zwischenerlebnis sein mag. Es hat die Bedeutung: "Dieses Bestimmte hier ist trotz seiner Kompliziertheit für mich erledigt" oder auch "Das weiß ich wirklich ganz genau". Ein einziger, in der Rückerinnerung gleichsam punktartiger "Akt" kann dieses Erlebnis erfassen.

HÖFFDING hat, wie man weiß, dasjenige an einem Wahrnehmungsinhalt, was eine Wahrnehmung zu mehr, als sie selbst ist, nämlich zu einer  Wiedererkennung  macht, mit dem Namen "Bekanntheitsqualität" bezeichnet. Die Bekanntheitsqualität kann geradezu als Art des Erledigungszeichens gelten und wir können andererseits, die engere Bedeutung des HÖFFDINGschen Ausdrucks erweiternd, von  intellektueller Bekanntheitsqualität  allemal da reden, wo das Erlebnis  Erledigung  sich auf ein Gedankliches und nicht nur auf ein vornehmlich Sachhaftes bezieht.

Von besonderer Bedeutung für die Schaffung der Logik wird das Erleben von Erledigungszeichen da, wo es mit dem Erleben von Ordnungszeichen zu einem Erlebnis vereint ist, wo also das Erledigungszeichen einem Ordnungszeichen gleichsam anhängt. So hängt zum Beispiel dem Letztbegriff  verschieden  das Erledigungszeichen mit Rücksicht auf den Letztbegriff  Dieses,  so hängt auch dem Letztbegriff  Zahl  das Erledigungszeichen mit Rücksicht auf  Dieses  an. Weiterhin ist für den Begriff  Trägheit,  im Rahmen der Bewegungslehre, der Begriff  die Gerade,  ist für den Begriff  Kräfteparallelogramm  der Begriff  Parallelogramm  in seinem vollen  geometrischen  Sinn erledigt. Dieses  Erledigtsein  des logisch Früheren im logisch Späteren hat nun natürlich insofern seine Kehrseite, als für jedes Weiterschreiten in logischen Dingen in der Tat eine ganze Menge  erledigt  sein  muß,  um dieses Weiterschreiten überhaupt möglich zu machen. Daß nur das  unbedingt  Notwendige  erledigt  sein  soll,  sagt das  Sparsamkeitsprinzip  der Logik aus. Um den Satz vom Kräfteparallelogramm sinnvoll auszusprechen, muß ich also als  erledigt  wisse, was Parallelogramm bedeutet und um jenen Satz einem echten logischen Gefüge einzureihen, muß ich das in vollendeter Schärfe, ohne jedes überflüssige Beiwerk, wissen. Der Satz von der  Sparsamkeit  (10) kann geradezu auch Satz von der  Vermeidung des Überflüssigen  heißen.

Ganz besonders wichtig ist der  Erledigungs begriff für meine Darstellung der Lehre von  Werden  geworden, insofern ich versucht habe, die Begriffe  Substanz  und  Kausalität  durchaus auf das  Erledigtsein  der Begriffe  Identität  und  Konsequenz  im  rein  logischen Sinne und auf das  Erledigtsein  des Begriffes  Natur  aufzubauen. (11)

Bedeutsam ist der Erledigungsbegriff auch für die "Hierarchie" der Wissenschaften. Jede zusammengesetzte Wissenschaft setzt in der Tat die Ordnungsbegriffe der weniger zusammengesetzten, bis zur Ur-logik hinab, als  erledigt  voraus, um dann ihrerseits ein oder mehrere neue  Endgültigkeits zeichen hinzuzufügen. Durch diese Doppelwendung wird, so scheint mir, den Lehren COMTEs und den Lehren der Neueren, vornehmlich WINDELBANDs, welche das Insich-Ruhen jeder Wissenschaftsart - inbesondere etwa der Menschengemeinschaftslehre im Vergleich zur Biologie im engeren Sinne - besonders betonen, gleichermaßen Genüge getan. Soziologie und "Geschichte" setzen das menschliche sich ernährende und fortpflanzende Individuum, mitsamt seiner "Psyche" als  erledigt  und fügen nun den Ordnungs-Begriff der "überpersönlichen Ganzheit" mit allen seinen Konsequenzen hinzu.

Die eigentlich  logischen  Methoden der verschiedenen Wissenschaften ruhen also  auf einander, womit natürlich nicht geleugnet sein soll, daß  praktisch  jedes noch uneroberte Wissensgebiet mit den gerade gut erscheinenden Methoden in Angriff genommen werden müsse. Aber das Ziel ist doch in  jedem  Fall Unterwerfung unter die  eine  Herrin:  die Ordnungslehre;  sie ist der  nomos  [Gesetz - wp], welcher durch die  thesis  [Behauptung - wp] des Ich sein soll. (12)

Es scheint mir nicht geboten zu sein, dem Erlebnis  Erledigung  ein besonderes Erlebnis  Nicht-Erledigung  als Gegenstück zur Seite zu stellen, vielmehr ist wohl das Wissen um Nicht-Erledigung lediglich das Wissen darum, daß  noch nicht alles in Ordnung  sei, also dasselbe wie das  Ordnungsmangel- erlebnis.

Wäre Logik in jedem ihrer Zweige vollendet, das heißt: wäre alle Wissenschaft, wäre  das Wissen  vollendet, indem ein klarer ganzer Begriff zugleich das Sachganze der Gegenständlichkeit in jedem Sinne treffen würde (13), dann würde das  Endgültigkeits zeichen  Ordnung  selbst mit dem  Erledigungs ton erlebt werden.

Was das  Ich  als Schlußergebnis eines Lösungsversuches, sei es auch desjenigen, welcher auf die Aufgabe  Ordnung  geradezu zielt, erleben kann, das ist aber immer im günstigsten Fall Erledigung für Teilendgültigkeit, soweit nicht das Erleben einzelner besonderer reiner Endgültigkeits zeichen  als solcher in Frage kommt. Denn gerade in den Reichen der  Natur  und der  Seele  ist der  Inhalt (14), der geordnet werden soll, so unendlich reich. Eben deshalb kann praktisch wohl erlebt werden: erstens das einzelne Endgültigkeitszeichen und zweitens Erledigung mit Rücksicht auf andere Endgültigkeitszeichen, aber Erledigung mit Rücksicht auf vollendete Endgültigkeit nicht.

Dieser Gedanke führt nun noch einmal zurück auf gewisse Ergebnisse der Denkpsychologie.

Man könnte meinen, das Erlebnis am Schluß des Versuchs, eine Aufgabe zu lösen, müsse Erledigung mit Rücksicht auf vollendete Endgültigkeit bedeuten. Aber davon ist gar keine Rede. Denn alles Aufgabenlösen,  wie es in den Versuchen verlangt war,  heißt doch nur: gewisse Bruchstücke an Ordnungsarbeit im Rahmen  der Ordnungsarbeit  überhaupt erledigen.  Ordnen  überhaupt war stets die unbewußte Oberaufgabe, die als determinierende Obertendenz über der aufgegebenen Sonderaufgabe stand:  im Sinne der Ordnung überhaupt  sollte die Sonderaufgabe gelöst, sollte ein Aphorismus verstanden, ein Schluß gezogen, ein Werturteil gefällt werden. Insofern war unter höherem Gesichtspunkt die "Lösung" immer nur Teillösung, nur Mittel. Und außerdem handelte es sich in den Versuchen ja weder um eigentliche Entdeckungen noch um Betonung reiner Ordnungszeichen als solcher. Deshalb konnte das Schlußerlebnis in den Versuchen auch stets nur ein  Erledigung erlebnis, nämlich mit Rücksicht auf die gestellte Aufgabe als  Bruchstück  der großen Aufgabe  Ordnung,  sein, ein Erledigungserlebnis, das freilich gewisse Sonderordnungszeichen tragen konnte und dem auch gewisse Ordnungserlebnisse, meist ihrerseits wohl wieder mit dem Erledigungston versehen, als Zwischenerlebnisse, als Mittel, vorhergingen; aber jenes Schlußerlebnis war  nicht  das Erlebnis "erledigte Endgültigkeit überhaupt".


f) Von den Zeitzeichen

Das Erlebnis  Zeitzeichen  ist für unsere besonderen Absichten von geringerer Bedeutung und soll hier daher eine kürzere Erörterung finden als die Erlebnisse  Erledigung, Endgültigkeit  und das alsbald zu behandelnde Erlebnis  Erlebniskreis.  Für die Lehre vom  Werden,  also eine rein ordnungsmäßige Angelegenheit, ist dagegen gerade das Erlebnis  Zeitzeichen  von ganz besonderer, nämlich grundlegender (15), Bedeutung.

Ich kann jedes Erlebnis, sei es inhaltlich, was es wolle, mit dem Ton des  damals  oder  einst  erleben, obschon ich es stets als  jetzt  erlebe. Und es gibt verschiedene  damals  von jeweils durchaus scharfer Bestimmtheit und mit scharfen Unterschieden untereinander. Die Unterschiede unter den  damals  drücke ich durch das Begriffspaar  früher-später  aus. Um die Analyse des Erlebnisses  damals  in seiner scharfen Sonderbestimmtheit hat sich HENRI BERGSON besondere Verdienste erworben; (16) Seine Begriffe  souvenir pur  und der  durée  sind es, die hier in Frage kommen. Doch, wie schon angedeutet, ein näheres Eingehen auf diese Begriffe gehört ebensowenig wie die Entwicklung unserer Lehre vom  Werden  in den Bereich dieser Studie. Nur das eine mag immerhin gesagt sein, daß das Erlebnis eines  damals  bedeutenden  Jetzt  eine durchaus andere Angelegenheit ist, als das Erlebnis  Neben.  Im Erlebnis  Neben  nämlich wird gleichsam instinktiv-ahnend  unmittelbar  das Rätsel  Stetigkeit  erlebt, im Erlebnis des  damals  dagegen wird gar nichts von "Stetigkeit", sondern wird gleichsam ein  Eines  im Anderen, ein  getrennt und doch zugleich  erlebt, und aufgrund sehr umständlicher Verarbeitung - die freilich dem "naiven" Menschen nicht klar als solche zum Bewußtsein kommt - wird daraus, also aus dem das  bestimmte Früher  bedeutenden  Jetzt,  der Begriff der "stetigen"  Zeit  geschaffen und auch das nur, soweit der Begriff  steitig  überhaupt ein vor dem Denken in Klarheit bestehener Begriff ist. (17)

Für die Erlebnislehre als solche scheint mir jedoch etwas anderes von Bedeutung zu sein: Das bestimmte  Damals,  das einem Erlebnis im  Jetzt  anhaftet, ist einmal dieses bestimmte  Damals  rein als solches, es ist  dieses Damals.  Mit dieser Kennzeichnung hat es nur eine bestimmte Kennzeichnung für oder an sich selbst. Es ist aber auch ein  früher,  bzw. ein  später "als",  und mit dieser Kennzeichnung hat es etwas  Beziehliches  an sich, eine Beziehung auf  andere  inhaltlich besondere bestimmte  Damals. 

Alles bis hierher Geschilderte ist eine strenge Darstellung des populär als  Erinnerung  oder  Gedächtnis  bezeichneten Tatbestandes, insoweit hier ein reiner Tatbestand "phänomenologischer" Art und nicht etwa schon der "psychologische" Begriff eines "Vermögens" vorliegt.  Ich erinnere mich  das heißt eben (18): ich erleben im Jetzt ein  Solches  mit bestimmten Zeichen des  damals  und des  früher (später) als. 

Erinnerung redet nur von der  Vergangenheit;  nun gibt es aber auch, wie bekannt, Erlebnisse, welche das  Zukunfts zeichen tragen. Die Psychologie läßt das Erleben dieses Zeichens, dessen Dasein wir hier lediglich feststellen, aus dem Vermögen der Einbildungskraft, der Phantasie oder ähnlichem erstehen. Diese Worte bezeichnen aber keine unmittelbaren Erlebtheiten.

Wenn ein  Jetzt- Erlebnis nicht nur das Zeichen  damals,  sondern das ganz bestimmte Zeichen  früher als  - nämlich "als" irgendein bestimmter anderer ganz dunkel anklingender vergangener Erlebnisinhalt - trägt, wird man wohl am zutreffendsten sagen, daß das  Jetzt- Erlebnis mit seinem  früher als-  Zeichen zugleich ein  Erledigungs- Zeichen für jenen anderen vergangenen Erlebnisinhalt an sich trage. Wieder ein Beispiel für das In-einander-Verbwobensein aller  Zeichen  oder  Bedeutungen  als Erlebnisse.
LITERATUR - Hans Driesch, Die Logik als Aufgabe, Eine Studie über die Beziehung zwischen Phänomenologie und Logik - zugleich eine Einleitung in die Ordnungslehre, Tübingen 1913
    Anmerkungen
    1) Besondere Erlebensform und Besonderheit des Erlebten sind, wie wir wissen, nicht dasselbe, aber entsprechen einander. Meist wird man von Verschiedenheiten des Erlebten ausgehen, um Verschiedenheit der Erlebensform aufzufinden, da, seltsamerweise, Verschiedenheiten erlebter Inhalte ("Gegenstände") dem Ich zugänglicher sind als Verschiedenheiten des Erlebens. - AVENARIUS in seinem eigentümlichen Werk hat stets die Erlebensform unmittelbar - auch hinsichtlich des Logischen - zu erfassen versucht; man vergleiche z. B. seine Ausführungen über die "Heterot" (Kritik der reinen Erfahrung II, Seite 27f).
    2) Archiv für die gesamte Psychologie XI und auch XIV.
    3) Archiv usw. IX, Seite 357
    4) Noch mehr könnte man angesichts des Aufsatzes von J. Royce, "Prinzipien der Logik", welcher unmittelbar nach Ausgabe meiner "Ordnungslehre" im 1. Band der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" erschien, zur Ansicht kommen, daß dieselbe Sache von Zweien nicht nur gleich gesehen, sondern auch gleich benannt sei. ROYE redet geradezu von "Logik als Ordnungswissenschaft". Es zeigt sich aber bei näherem Zusehen, daß er nur die  allgemeine  Ordnungslehre, in meinem Sinne, darunter versteht; ja  praktisch  ist sein Begriff "Ordnung" wohl nur meinem Begriff der  Anordnungsbesonderheit  (Ordnungslehre, Seite 87f) gleich.
    5) AUGUST MESSER, Archiv für die gesamte Psychologie VIII, 1906, Seite 77
    6) AUGUST MESSER, Archiv für die gesamte Psychologie VIII, 1906, Seite 109
    7) Näheres DRIESCH, Ordnungslehre [OL], Seite 251f
    8) Näheres OL Seite 43f
    9) HENRI BERGSON, L'evolution créatrice, Seite 252f und 298f
    10) DRIESCH, Ordnungslehre, Seite 35
    11) DRIESCH, Ordnungslehre, Seite 124f, 145f, 173f
    12) Unsere Begriffe  vorwissen, vorwollen! 
    13) OL, Seite 284 und Logos IV, Heft 1
    14) Über diesen Begriff siehe OL Seite 152, 155f und 329
    15) DRIESCH, Ordnungslehre, Seite 124
    16) HENRI BERGSON, Essai sur les données immédiates de la conscience. Deutsch und dem Titel "Zeit und Freiheit", Jena 1911
    17) Zum Begriff  Stetigkeit  siehe Ordnungslehre, Seite 101f und 111
    18) DRIESCH, Ordnungslehre, Seite 308