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Platons Dialog über die Richtigkeit der Wörter und das Problem der Sprachkritik
Die Sprachkritik hat bei uns keinen hohen Stellenwert. Das gilt für den Bereich der Öffentlichkeit, in der sie eine klägliche Existenz fristet, es gilt aber noch mehr für den Bereich der Sprachwissenschaft. Gibt es, wenn man von der Sprachwissenschaft herkommt, eine klar bestimmbare Grundlage der Sprachkritik? Welches wäre ihre Grundlage? Ein bevorzugter Gegenstand sprachkritischer Bestrebungen sind die einzelnen Wörter, u.a. die sog. Fremdwörter. Ich möchte mich hier vorwiegend mit dem Typus der durchsichtigen, sprechenden Ausdrücke beschäftigen und eine speziellere Frage stellen. Gibt es eine Richtigkeit der durchsichtigen, motivierten Wörter - läßt unsere Kenntnis von dem Charakter des sprachlichen Zeichens zu, daß man sie als Träger falscher oder schlechter Konzepte kritisiert, und welches wäre die Basis einer solchen kritischen Sichtung? Man muß, wenn man von einer Richtigkeit der Wörter spricht, zwei nicht immer klar unterschiedene Dinge auseinanderhalten: die Richtigkeit eines Ausdrucks in dem Sinn, daß für einen gemeinten Vorstellungsinhalt eine der allgemeinen Konvention entsprechende SAUSSURE sieht die beiden Arten von Richtigkeit in beliebiger Konvention begründet. Für ihn ist die Sprache bekanntlich ein synchrones System von Geltungen. Diese Geltungen (oder Werte) Das Prinzip der Beliebigkeit gilt bei Saussure zufolge nicht nur für die lautliche, sondern auch, obwohl er es nicht ausdrücklich so formuliert, für die inhaltliche Seite des Zeichens. Die Arbitrarität (Willkürlichkeit) der Lautgestalt ergibt sich durch den Sprachenvergleich: ich kann die gleiche Vorstellung Die Sprache bildet sich "zwischen zwei gestaltlosen Massen", den Lauten und den Vorstellungen, die beide erst durch das System der sprachlichen Zeichen gegliedert werden. Es gibt "keine von vornherein gegebenen Vorstellungen", keine "positiven Einzelglieder" in der Sprache, sondern nur eine wechselseitige Definition der Zeichen innerhalb des Systems: "Was ein Zeichen an Vorstellung oder Lautmalerei enthält, ist weniger wichtig als das, was in Gestalt der anderen Zeichen um dieses herum gelagert ist". Das Vorstellungsmaterial, das unsere sprachlichen Zeichen gliedert, könnte also auch anders gegliedert sein - unsere Sprache trägt eine beliebige Struktur in die Wirklichkeit hinein. LYONS schreibt 1971 im Anschluß an de SAUSSURE: "Es gehört zu den Eigenheiten von Sprachen, daß sie der Welt den Stempel einer bestimmten lexikalischen Kategorisierung aufdrücken und die Trennlinien Zu dieser These wird häufiger bemerkt, daß sie je nach Gegenstandsbereich eine unterschiedliche Geltung habe. Man kann hier eine Arbitraritätsskala entwerfen. Sie beginnt dann bei Gegenständen, die sich für jedermann klar von anderen unterscheiden: Geräte, bestimmte Arten von Lebewesen, die Sehnen, Nerven und Blutgefäße des Arms usw. Es folgen im Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren relative Kontinua: Farben, die Eindrücke von kalt bis heiß, die Gruppierung fließender Gewässer usw. Als am größten erscheint die Willkür, wo von nur geistig wahrnehmbaren Gegenständen die Rede ist, wo der Bezugsgegenstand der Vorstellung selbst wieder eine Vorstellung ist: die Götter z.B., die Tugenden, Denken, Wollen und Fühlen usw. PETER R. HOFSTÄTTER äußert in seiner interessanten sprachpsychologischen Interpretation von PLATONs Kratylos die Ansicht, daß die Psychologie es überhaupt nicht mit einem autochthonen, in sich gegliederten Vorstellungsbereich zu tun habe, sondern daß sie, im Gegensatz zur Physiologie, ihre Gegenstände durch die Benennung erst schaffe. Mit einer solchen Unterscheidung ist der prinzipiell psychologische Standpunkt de SAUSSUREs allerdings schon verlassen. SAUSSURE hat andererseits Einschränkungen der Beliebigkeit formuliert, die innerhalb des Systems der Sprache gelten:
2. Die Beliebigkeit ist eingeschränkt durch Konstruktionsregeln, nach denen die Zeichen verbunden werden. SAUSSURE spricht in diesem Zusammenhang von einer relativen Motivierung der Zeichen. Dreizehn, Schäfer, ships, Großvater sind im Vergleich zu drei, Schaf, ship, groß motiviert. In diesem Zusammenhang trifft SAUSSURE die bekannte Unterscheidung zwischen den extremen Polen einer lexikologischen und einer grammatikalischen Sprache. Er schreibt: "Alles, was auf die Sprache als System Bezug hat, muß meiner Überzeugung nach von diesem Gesichtspunkt aus behandelt werden, um den die Sprachforscher sich fast gar nicht kümmern: die Einschränkung der Beliebigkeit". SAUSSURE muß diese Frage ausklammern, teils, weil er sich auf den innersprachlichen Bereich beschränkt, teils aber auch, weil er davon ausgeht, daß das Vorstellungsmaterial prinzipiell beliebig gliederbar ist. Auf dieser Grundlage dieser Theorie hätte die Kritik an den sprachlichen Zeichen Folgerichtig hat sich PETER von POLENZ in seiner problematischen Kritik an der lebhaften publizistischen Sprachkritik der fünfziger Jahre auf SAUSSURE berufen. Mit der neuen Rezeption SAUSSURE zu Beginn der sechziger Jahre wurde jene publizistische Kritik am "Wörterbuch des Unmenschen" (1957) oder an der "Sprache in der verwalteten Welt" (1959, deren Sprachbegriff bis dahin mit der gleichzeitig an unseren Universitäten vorherrschenden inhaltbezogenen Sprachwissenschaft übereingestimmt hatte, selbst Gegenstand wissenschaftlicher Kritik. Auf dem Boden des Prinzips der doppelten Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens verlor die Sprachkritik ihre Grundlage. Der Bezugspunkt der Realität war, wie in SAUSSSUREs Zeichenbegriff, nahezu ausgeklammert. Die historische Dimension der Sprache, der geschichtliche Hintergrund der Wörter ebenso wie ihre Bedeutung Eine Auseinandersetzung mit der doppelten Beliebigkeit und ihrem Gegensatz, der doppelten "naturgemäßen" Richtigkeit der Namen SOKRATES verschiebt am Schluß und am Anfang des Dialogs das Problem von der Frage nach der sprachlichen Richtigkeit zu der nach der Wahrheit der Rede. Seine These ist: Wenn der Mensch nach dem erkenntnistheoretischen Satz des PROTAGORAS das Maß aller Dinge ist, wenn die Dinge im Sinne des EUTHYDEMOS keine eindeutige, sondern eine heterogene, paradoxe (?) Struktur haben, SOKRATES ist dagegen der Ansicht, daß es eine Identität der Dinge mit sich gibt, Eine zweite Voraussetzung der Sprachkritik formuliert SOKRATES, indem er feststellt, daß die Wörter nicht Individuen, sondern Klassen von Individuen bezeichnen, daß sie Gattungsnamen sind - der Unterschied von Gattungs- und Eigennamen ist noch nicht klar gefaßt. Die Ursache liegt darin, daß die Welt der Dinge nicht aus lauter Individuen besteht, Von hier aus weitergehend gelangt der Dialog zu einer Formulierung der Beziehung zwischen den Wörtern und den Dingen. KRATYLOS hatte behauptet, "jedes Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung". HERMOGENES war überzeugt von der Gegenthese, daß es keine andere Richtigkeit gibt "als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet". Für KRATYLOS sind die Namen praktisch die physiognomische Repräsentation der Dinge oder gar keine Namen, für HERMOGENES sind Wörter und Dinge ganz und gar getrennt. SOKRATES hält Wörter und Dinge getrennt, ohne einen Zusammenhang aufzugeben, für ihn gibt es eine "gewisse Richtigkeit" der Wörter. Der Beleg dieser These bildet den Hauptteil des Dialogs. SOKRATES untersucht erstens an einer Reihe von Wörtern, ob ihre Grundbedeutung einen richtigen Hinweis auf die bezeichnete Sache gibt. In diesem Teil beschäftigt er sich mit übertragen verwendeten, abgeleiteten, zusammengesetzten Wörtern als dem etymologischen Hintergrund der Namen. Man könnte von sekundären Zeichen sprechen, die durch die etymologische Deutung als solche erst erkennbar gemacht werden müssen. Der zweite Teil wendet sich dann den primären Zeichen, den Stammwörtern zu und untersucht, ob in ihnen, in ihren Silben und Buchstaben, die Dinge physiognomisch repräsentiert sind. Die sekundären Zeichen gestatten einen Durchblick Die Erweiterung der Lexemliste aus dem vorhandenen Inventar ist nur möglich, wenn eine Ähnlichkeitsbeziehung Die sekundären Zeichen sagen etwas Die primären Zeichen könnten aber die Welt falsch klassifiziert haben; Die Ausführung an einzelnen Beispielen ist so wenig wie die der etymologischen Deutungen eindeutig ernst gemeint. Für uns ist an dem bisherigen Gedankengang das Wesentliche, daß SOKRATES den aus ihrem Etymon erschließbaren Wörtern eine mimetische Qualität zuerkennt. In diesen auf etwas verdunkelte Weise sprechenden Ausdrücken entdeckt der Dialog eine zumindest für das Bewußtsein der Sprechenden vorhandene Dingeberührung der Sprache, die sich von der phonetischen Abbildung von Bedeutungen dadurch unterscheidet, daß sie sich in einer Aussage über die Dinge dokumentiert. SOKRATES hat bisher mit der Kratylos -These von der natürlichen Richtigkeit der Namen gegen die Hermogenes -These, Wörter und Dinge seien völlig getrennt und ihre Beziehung beruhe auf beliebiger Konvention, gestritten; jetzt relativiert er umgekehrt die Natur-These durch die Konventions-These, um dann beide in einer synthetischen Aussage zu vermitteln. Für KRATYLOS, der von einer physiognomischen Repräsentation der Dinge durch die Namen überzeugt ist, muß er Ding und Wort überhaupt erst einmal auseinander halten. Er tut dies, indem er die eingeschränkte Geltung des Abbildmodells diskutiert. Für KRATYLOS sind die Namen unmittelbar richtige Abbilder. SOKRATES macht ihn darauf aufmerksam, daß die Wörter ihren Urbildern richtig oder falsch zugeordnet werden können; zwischen beiden kann Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit bestehen. - Der Gedanke scheint besonders auf die sekundären Zeichen anwendbar zu sein: ein Wort, das etwas kundmacht, kann richtig oder falsch zugeordnet werden. Die Metapher elektrischer Strom z.B. wäre eine falsche Kundmachung. Zum andern weist SOKRATES darauf hin, daß Abbilder, etwa Zeichnungen, nicht ihren Gegenstand wiederholen, sondern daß sie selektiv und typisierend vorgehen. Auf die kundmachenden Wörter übertragen: sie sind nur teildefinierend, heben an ihrem Gegenstand u.U. nur ein auffallendes Merkmal hervor, im Sinn der typisierend-abstraktiven Erfahrungsschemata, von denen LUCKMANN spricht. Schließlich weist SOKRATES auf diejenige Tatsache hin, welche die Geltung des Abbildmodells prinzipiell einschränkt: daß Wörter - im Sinn der These SAUSSUREs - auf Grund von Gewohnheiten verstanden werden, ohne daß eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen ihnen und den Dingen, die sie kundmachen, besteht. Gewohnheit bedeutet nach SOKRATES das Gleiche wie Verabredung - man vergleiche unser Wort Übereinkunft - sie wird damit zu einer zumindest grundsätzlich möglichen Basis einer Richtigkeit der Wörter. Das Ergebnis ist, daß beide Aspekte, der Ähnlichkeitsaspekt wie der Verabredungsaspekt, an der Richtigkeit beteiligt sind: "Denn mir ist es auch gar recht, daß nach Möglichkeit die Namen den Dingen ähnlich sein sollen; allein wenn nicht nur in der Tat, wie HERMOGENES vorher sagte, diese anziehende Kraft der Ähnlichkeit gar zu dürftig ist und es notwendig wird, jene Gemeinere, die Verabredung, mit zu Hilfe zu nehmen bei der Richtigkeit der Worte. SOKRATES hat sich zu einer begrenzten Gültigkeit des Abbildmodells durchgearbeitet; es wird durchkreuzt und ergänzt von dem Verabredungscharakter der Sprache. Der Dialog wäre vielleicht noch klarer, wenn er die drei Seiten des Bezeichnens, die im semiotischen Dreieck auseinandergehalten werden, systematisch unterschiede; indirekt lassen sie sich ihm entnehmen: die lautliche Form, der mit ihr verbundene Vorstellungsinhalt (Sinn, Bedeutung, Begriff) und der in dem Zeichen intendierte Bezugsgegenstand (Relatum). Die Zeichen können Aussagen sein; dasjenige, worauf sie deuten, kann aus den Bestandteilen des Wortes als mit den Lautbildern verbundener Vorstellungsinhalte hervorgehen und den Bezugsgegenstand teilweise definieren. Die Zeichen können andererseits als Spielmarken (HERMOGENES) fungieren, als symbolische Stellvertreter im Sinne des scholastischen aliquid stat pro aliquo, die auf ihren Bezugsgegenstand lediglich verweisen. Für die Überlegungen zur theoretischen Grundlage der Sprachkritik erscheint diese Polarität als besonders bedeutsam. Daß die sekundären Zeichen, die den weitaus größten Teil des sich ständig erweiternden Wortschatzes ausmachen, auf einer gleitenden Skala zwischen symbolischer Vertretung und prädizierendem Ausdruck stehen, daß sie teils mehr als das eine, teils mehr als das andere realisiert werden können, daß sie auf eine in der Regel umgangssprachliche primäre Klassifikation zurückgreifen, dieses einander Durchkreuzen von Wahrheit und (konventioneller) Richtigkeit scheint die Beziehung von Wort und Erkenntnis so verwickelt zu gestalten. Aus der grundsätzlichen Geltung des SAUSSUREschen Prinzips einer konventionellen Zurordnung der Lautbilder zu Vorstellungen ergibt sich daß eine definitive, absolute Kritik an einzelnen sprachlichen Ausdrücken keine zureichende theoretische Grundlage hat. KARL BÜHLER hat betont, daß wir sachgesteuert denken, daß unsere Auffassung der Wörter von den mit ihnen bezeichneten Gegenständen bestimmt wird und wir sie weitgehend als Andeutung nehmen. Das gilt freilich nur so lagne, als wir uns nicht auf Grund einer bewußt anderen Auffassung der Wörter oder auf Grund unserer Unkenntnis der mit ihnen gemeinten Dinge anders verhalten. Wer von einer Sache nichts weiß, sieht sich veranlaßt, sie aus dem Kontext und aus dem Wort zu erschließen. Wem die Bedeutung eines Wortes, z.B. einer Zusammensetzung, nicht vertraut ist, der erschließt sie zum Teil aus der Bedeutung seiner ihm vertrauten Bestandteile. Die sog. Volksetymologie und das Etymologisieren der Kinder sind nur extreme Beispiele für das graduell bis in das sprachorientierte Verhalten sich fortsetzende Erschließen neuer Sachen aus den Wörtern. Auf der anderen Seite beobachtet man ständig die Wirkung des gegenläufigen Prinzips. Daß man elektrischen Strom Strom nennt, hat nichts zu sagen, wenn man weiß oder durch eine Definition erfährt, was er ist. Jeder zunächst sprechend gemeinte Ausdruck läßt sich durch ausdrückliche Vereinbarung terminologisieren oder unterliegt, auf Grund der Sachsteuerung unseres Verstehens, einer Entwicklung. "ist eine solche motivierte Bildung einmal in Gebrauch, dann wirkt allmählich eine Tendenz der selbständigen semantischen Weiterentwicklung des ganzen Gefüges, die vielfach zur Verdunkelung der Motivation, zur De-Motivierung oder Idiomatisierung führen kann", schreibt FLEISCHER.
Denn die Wörter sind Mischgebilde aus sprachlicher und sachlicher Richtigkeit, aus Stellvertretung für eine Sache und Aussage über eine Sache, aus gegenwärtigem Gebrauch und vergangener Bedeutung. Teilweise benennen wir sie nur - teilweise bilden sie auch ab, sind sie den Dingen mehr oder weniger angemessen. Beides durchkreuzt einander und löst einander ab. Es ist ein bemerkenswertes Kennzeichen der platonischen Sprachkritik, daß sie sich einer graduellen Redeweise bedient. Das bedeutet, daß sehr viele Sprachkritiker sich einer falschen Aussageform bedienen. Sie äußern sich in der Form obligatorischer Verdikte - in dieser Form werden die Äußerungen vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus sinnlos und falsch. Das bedeutet aber m.E. nicht, daß die Sprachkritik an sich sinnlos wäre. Ganz im Gegenteil: als ständige gewissenhafte Sichtung, d.h. als Ausscheiden der weniger wahren und an Unmenschliches erinnernden Wörter und als Suche nach der richtigsten, in jedem Sinn besten Wörter hat sie, wie ich glaube, eine Aufgabe, die bei uns heute zu unserem Schaden unterschätzt wird. Die Sprachkritiker nehmen Dimensionen der Sprache ernst, von denen Sprachwissenschaftler wie PETER von POLENZ auf Grund ihres synchronen Ansatzes und ihrer Überzeugung von der Kontextdetermination der Wörter weitgehend absehen: die geschichtliche Dimension der Wörter und ihren Wahrheitsaspekt. Diese beiden Dimensionen hängen zusammen. Die Frage des Sprachkritikers zielt darauf ab, ob jemand die Gegenwart, wenn er sie in den überlieferten Wörtern kategorisiert, richtig und angemessen und gut einordnet. Zur Bedeutung eines Wortes gehört auch, was es seinen Grundbestandteilen nach sagt und was es in früheren Zusammenhängen bedeutet hat; eine Scheidung von Diachronie und Synchronie, wie sie von POLENZ in seiner Kritik der Sprachkritik forderte, läßt sich gar nicht durchführen. Die Wörter sind Mischgebilde, eben nicht nur aus sachlicher und konventioneller Richtigkeit, sondern auch aus vergangenem und gegenwärtigem Gebrauch. In der Tat zeigt sich ja auch, daß von POLENZ, wo er den synchronen Ansatz in reiner Form durchführt, in seinem Aufsatz über die Fremdwort-Frage, diese Frage bagatellisiert, während der Sprachkritiker ADORNO in seinem hochinteressanten Aufsatz, in dem er für die Wörter aus der Fremde eintritt, ein feines und genaues Sensorium für die Sonderstellung der Fremdwörter in unserem Sprachraum und für die geschichtliche Dimension der Fremdwort-Frage erkennen läßt. Es sei gestattet, noch einmal zum "Kratylos" zurückzukehren. Das in dem Durchgang durch These und Antithese ermittelte Ergebnis ist zunächst eine "gewisse Richtigkeit" der Wörter. Sie sind partiell abbildend, haben, so könnte man sagen, einen höheren oder geringeren Realitätsgehalt. Das bedeutet, daß eine Sichtung zwischen besseren und schlechteren Wörtern möglich ist. SOKRATES stellt nicht das Programm einer solchen Sichtung auf, führt es aber praktisch am Beispiel der schönen Wörter, der Namen für die Tugenden, durch und sucht zu zeigen, daß es die Möglichkeit des Betrugs durch falsche Wörter gibt. Die Überlegungen haben für die sekundären Zeichen durchaus ihre Berechtigung. Solange ich sie nur als Münzen verwende und die Dinge vorher weiß, ist das Programm bedeutungslos. Sobald ich die Dinge aber nicht kenne oder sie unbewußt mehr oder weniger Wörtern entnehme, ist es sehr wichtig, ob die Bezeichnung ihren Gegenstand unter eine geeignete Vorstellung plaziert. Das Ergebnis wird aber noch einmal von einer höheren Warte aus relativiert. Da die Wahrheit nicht zuverlässig in den Wörtern niedergelegt ist, erscheint es gar nicht als die beste Methode, die Erkenntnis aus den Wörtern zu gewinnen. SOKRATES wendet sich abschließend prinzipiell gegen diesen Erkenntnisweg, also gegen Wortgläubigkeit bzw. Wortrealismus. Wenn ich der Überzeugung bin, das Wesen lasse sich aus dem Namen lesen, oder mich unbewußt von der Sprache führen lasse, so folgt daraus wegen der gemischten Natur der Wörter allzu leicht ein wortgesteuertes Halb- oder Mißverstehen. Auch dieser Gedanke wir in graduellen Werturteilen ausgedrückt; als Speicher der Erkenntnis sind die Wörter für SOKRATES ja keineswegs wertlos: "Wenn man also zwar auch wirklich die Dinge durch die Wörter kann kennenlernen, man kann es aber auch durch sie selbst, welches wäre wohl dann die schönere und sicherere Art, zur Erkenntnis zu gelangen?" Er kommt mit KRATYLOS überein, "daß nicht durch die Worte, sondern weit lieber durch sie selbst man sie erforschen und kennenlernen muß als durch die Worte". Das Ergebnis des Dialogs, Sprachzweifel und Sprachkritik, läßt sich nicht kürzer ausdrücken als in drei aphoristischen Bemerkungen GOETHEs, die im Zusammenhang seiner naturwissenschaftlichen Arbeit entstanden sind. Die eine findet sich im Didaktischen Teil der "Farbenlehre", §751: "Man bedenkt niemals genug, daß eine Sprache eigentlich nur symbolisch, nur bildlich sei und die Gegenstände niemals unmittelbar, sondern nur im Widerscheine ausdrücke." Die andere findet sich in Notizen Goethes zu seinen "Physikalischen Vorträgen" von 1805: "Aber es ist ein Unterschied unter dem Gelde. Es gibt goldne, silberne, kupferne Münzen und auch Papiergeld. In den ersten ist mehr oder weniger Realität, in dem letzten nur Konvention." In der dritten Äußerung kehr der zuletzt genannte Gedanke wieder als sprachkritische Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte: "Wenn jemand Wort und Ausdruck als heilige Zeugnisse betrachtet und sie nicht etwa wie Scheidemünze oder Papiergeld, nur zu schnellem, augenblicklichen Verkehr bringen, sondern im geistigen Handel und Wandel als wahres Äquivalent ausgetauscht wissen will, so kann man ihm nicht verübeln, daß er aufmerksam macht, wie herkömmliche Ausdrücke, woran niemand mehr Arges hat, doch einen schädlichen Einfluß verüben, Ansichten verdüstern, den Begriff entstellen und ganzen Fächern eine falsche Richtung geben".
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