cr-3Über Sinn und BedeutungProbleme der BedeutungBedeutungslehre    
 
CHARLES KAY OGDEN (1889-1957)
IVORY ARMSTRONG RICHARDS (1893-1979)
Die Macht der Wörter
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Gedanken, Wörter und Dinge
Die Theorie der Definition
Zeichen in der Wahrnehmung
Symbolismus

  "Ich glaube fest, - wenn ich sie auch nicht fand - daß es das gibt: Wörter, die Dinge sind." - WILLIAM BUTLER YEATS
Wenn wir uns nun den mehr emotionalen Aspekten des modernen Denkens zuwenden, so wird es uns nicht überraschen, daß wir eine wahrhafte Orgie der Verbomanie vorfinden.

Auf diese Weise wurde z.B. die Idee der Göttlichkeit langsam auf ein "Konglomerat" rein verbaler oder fast rein verbaler Attribut" reduziert. Damit ist schließlich, wie WILLIAM JAMES es formuliert, "das Gesamt der von den Theologen erdachten metaphysischen Attribute" ( Gott ist die Erste Ursache,  besitzt eine Existenz  a se ; er ist  notwendig  und  absolut , absolut grenzenlos, unendlich vollkommen; er ist der  Eine  und  Einzige, spirituell, metaphysisch einfach, unveränderlich, ewig, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig  usw.
"nur noch ein Hinundherschieben und Zusammenpassen pedantischer, lexikalischer Adjektive. Man hat das Gefühl, daß sie in den Händen der Theologen nur noch eine durch mechanische Manipulierung von Synonymen gewonnene Serie von Titeln sind; an die Stelle der Vision ist der Verbalismus getreten, an die Stelle des Lebens der Professionalismus." 5)
Ähnlich hat in der gewöhnlich metaphysisch genannten Argumentation die Sprache in der Hauptsache die Funktion, "eine stabile verbale Unterstützung" zu liefern,
"so daß unexakte, verschwommene und fluktuierende Begriffe je nach Bedarf in Erinnerung gerufen werden können, ohne daß die Elastizität der Begriffe beeinträchtigt wird"; zu diesem Zweck ist die Phraseologie, derer man sich bedient, "so nebulos und geheimnisvoll wie nur möglich. Daher die sogenannten  in der Tiefe geschriebenen  Termini, von denen RIBOT spricht und die allen Metaphysikern so teuer sind, weil sie so wundervoll geeignet sind, alles Gewünschte zu enthalten und zugleich die Widersprüche und Absurditäten der Lehren zu verhüllen, die auf den in Frage stehenden Begriffen basieren...

Die Funktion des verbalen Symbols ist es deshalb, widersprüchliche Attribute gewaltsam vereint zu halten, obwohl sie unmöglich sämtlich im gleichen Augenblick dem Geist gegenwärtig sein könnten, eben weil sie einander gegenseitig ausschließen; für den Metaphysiker ist es nämlich wichtig, sie zur Verfügung zu haben, um aus dem Begriff, aus ihrer Summe, manchmal die eine, manchmal die andere Reihe von Folgerungen abzuleiten, ja nach der gerade gewünschten Darstellung der Wirklichkeit."
Zuletzt tritt das Wort vollkommen an die Stelle des Gedankens - "Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten zeit sich ein", wie MEPHISTO sagt. Und RIGNANO vergleicht den Prozess einleuchtend mit dem Abwerfen der "Schale" durch ein Krustentier.
"Ohne diese verbale Schale würde mit dem Verschwinden jeglichen Inhalts auch jede Spur eines solchen Inhalts aus der früheren Existenz verschwinden. Aber die Schale bewahrt etwas, das, weil es die frühere Existenz eines Begriffes beweist, der einmal wirklich lebendig war, leicht für einen noch existierenden Begriff genommen werden kann. So daß dieses Etwas, obwohl jeglichen geistigen Inhalts bar, stets einen wertvollen Anknüpfungs- und Stützpunkt für die korrespondierende Gemütsbewegung darstellt, die so intensiv ist, daß sie nicht wahrnimmt, daß das geliebte Objekt nicht mehr die Ähnlichkeiten trägt, denen die Verehrung gilt."6)
In praktischen Dingen sind diese Einflüsse nicht weniger mächtig und noch viel verhängnisvoller. Wir brauchen bloß die von einer Fülle von detaillierten Beweisen gestützte Behauptung von CROOKSHANK anzuführen, daß wir
"unter dem Einfluß bestimmter Denkschulen und bestimmter Ausdrucksgewohnheiten uns daran gewöhnt haben, so zu reden und zu schreiben, als sei eine Krankheit ein natürlicher Gegenstand";
daß wir uns gegen diese verhängnisvollen Sprachgewohnheiten wehren müssen, denn
"im Bereich der Medizin ist kein großer Fortschritt möglich, solange nicht der Glaube an die reale Existenz der Krankheiten aufgegeben wird";
und daß das linguistische Problem unverzüglich angegangen werden muß, denn
"wir werden kein nennenswertes Maß nutzbringender Übereinstimmung erzielen, wenn wir uns nicht zuerst über die Prinzipien der Methodik und des Denkens einigen." 7)
Da diese so eindrucksvolle Bestätigung der von uns vorgetragenen Ansichten von einem Manne mit dreißig Jahren Erfahrung in der Heilkunst kommt, kann sie nicht einfach abgelehnt werden; CROOKSHANK selbst führt weitere Gründe dafür an, daß ihre Ablehnung nur auf mangelnder Würdigung der Fakten beruhen könnte.

Bis in die jüngste Zeit sind nur vereinzelt Versuche unternommen worden, das Geheimnis durch unmittelbares Anpacken des wesentlichen Problems aufzuklären. Im 14. Jahrhundert haben wir die nominalistische Analyse von WILHELM von OCKHAM, im 17. das Werk von BACON und von HOBBES. Die Diskussion erreicht einen Höhepunkt mit dem Dritten Buch von LOCKEs  Essay  und dem Interesse von LEIBNIZ an einer "philosophischen Sprache" - einer  Characteristica Universalis.  Durch BERKELEY und CONDILLAC blieb das Interesse an der Frage wach, und mit HORNE TOOKE und seinen Nachfolgern gelangen wir zur Bewegung des 19. Jahrhunderts, in der die Arbeit von BENTHAM, TAINE und MAUTHNER besonders bedeutsam war.

Als Ergebnis all dieser Bemühungen ist eine "Wissenschaft des Symbolismus" möglich geworden, aber wir müssen fortwährend im Auge behalten, in welch besonderen Formen die Macht der Wörter in der Gegenwart auftreten und wirken kann.

"Wer hat nicht eingestanden, hingerissen,
Die Macht der Gnade, eines Namens-Zaubers?"
fragte der einfache Poet vor hundert Jahren; und heute:
"Alle Laute", sagt YEATS, "erwecken undefinierbare und doch genaue Gefühle... oder, wie ich mir lieber vorstelle, rufen gewisse körperliche Mächte auf uns herab, die über unser Herz hinweggehen und deren Schritte wir Gefühle nennen."
Die alten Glaubensvorstellungen mögen tot sein, aber der Instinkt, oder die Hoffnung, ist stark:
"Ich glaube fest,
Wenn ich sie auch nicht fand, daß es das gibt:
Wörter, die Dinge sind."
Wir bilden uns gern ein, daß, was wir eine Rose nennen, "so lieblich duften würde, gleich wie sein Name hieße". Aber die Anhänger des Dr. COUÉ sollten sich das doch noch einmal überlegen, bevor sie sich am Duft einer Rose berauschen, die den Namen "Das zerquetschte Stinktier" trägt.
"Wenn ich von einem Gericht koste", sagt BERGSON, "das als vorzüglich gilt, tritt der Name, den es trägt und der Anerkennung nahelegt, zwischen meine Empfindung und das Bewußtsein; es kann sein, daß ich glaube, der Geschmack behage mir, obwohl eine geringe Anspannung der Aufmerksamkeit das Gegenteil beweisen würde. 8)
Und Wörter können in zahllosen subtilen Weisen zwischen uns und unsere Objekte treten, wenn wir das Wesen ihrer Macht nicht erkennen. In der Logik führen sie, wie wir sahen, zur Schaffung von Pseudo-Entitäten, den Universalien, den Eigenschaften und so fort, über die wir im Folgenden noch mehr zu sagen haben werden. Dadurch, daß sie die Aufmerksamkeit auf sich selbst konzentrieren, verleiten die Wörter zu dem ergebnislosen Studium von Formen, das soviel dazu beigetragen hat, die Grammatik zu diskreditieren; durch die Erregung, die sie durch ihre emotive Kraft hervorrufen, wird die Diskussion größtenteils steril; durch die verschiedenen Typen der "Verbomanie" und der "Graphomanie" wird die Befriedigung des Namengebens erlangt und das Gefühl persönlicher Macht auf unechte Weise gesteigert.

Es überrascht nicht, daß die Erwägung, auf welche Art und Weise bisher die Sprache im Dienste der Menschheit eingesetzt wurde, häufig zu einer skeptischen Reaktion führt. Wie ein kluger, aber wenig bekannter Autor bemerkt hat:

"Nehmen wir an, jemand behauptet:  Der Gostak dispimmt die Doschen.  Sie wissen nicht, was das bedeutet; ich auch nicht. Aber wenn wir annehmen, es sei deutsch, dann wissen wir:  die Doschen werden von dem Gostak dispimmt.  Wir wissen weiter:  ein Dispimmer von Doschen  (von möglicherweise mehreren)  ist ein Gostak.  Wenn nun ferner die  Doschen  Galluhnen sind, so wissen wir: manche  Galluhnen  werden vom Gostak dispimmt. So könnten wir weitermachen - und so machen wir tatsächlich häufig weiter."
Und weiter: wofür stehen die Wörter, die wir im täglichen Leben benützen?
"Wir haben oft Gelegenheit, von der Gruppe der Erscheinungen - als einem unteilbaren Ganzen - zu sprechen, die im Spiele sind, wenn ein Neger mit einer Melone unterm Arm über einen Lattenzaun steigt, während der Mond gerade hniter einer Wolke verschwindet. Käme aber dieses Zusammentreffen von Erscheinungen häufig vor und wir hätten oft Gelegenheit, von ihm zu sprechen, und wäre anzunehmen, daß dieser Erscheinungskomplex Einfluß auf den Geldmarkt hat, so hätten wir irgendeinen Namen, um ihn zu bezeichnen, sagen wir  Wusin . Und nach einiger Zeit würde man darüber diskutieren, ob zu einem  Wusin  notwendigerweise ein Lattenzaun gehöre, oder ob die Bezeichnung auch angewandt werden könne, wenn der gleiche Vorgang sich mit einem Weißen und einer Steinmauer abspielt." 9)
"Da geht es schließlich bloß um Worte" oder "wir kommen nie zu einem Ergebnis - Sie sagen es so und ich anders, und wie sollen wir jemals wissen, daß wir vom Gleichen sprechen?": das sind Schlußfolgerungen, zu denen nicht selten die Untersuchung verbaler Schwierigkeiten bei Menschen führt, die mit ihnen zum ersten Mal konfrontiert werden. Aber ein gründliches Erfassen der Art und Weise, in der diese Schwierigkeiten entstehen - die beiden eben angeführten Fälle sind gute Beispiele -, berechtigt zu keinem linguistischen Nihilismus.

Das beste Mittel, sich einem solchen Skeptizismus und den lähmenden Einflüssen, die wir erörtert haben, zu entziehen, liegt darin, die Art und Weise, in der die Symbole zu eienr solchen Macht gelangen, klar zu erkennen und ebenso die verschiedenerlei Sinne, in denen ihnen eine "Bedeutung" zugesprochen wird. Eine wesentliche Voraussetzun bildet die Notwendigkeit, auf einfachste Art die Zeichen-Situation zu erklären und damit zu verstehen, wie wir überhaupt dazu kommen, zu "wissen" oder zu "denken".
weiter
LITERATUR - C.K. Ogden / I.A. Richards, Die Bedeutung der Bedeutung (Eine Untersuchung über den Einfluß der Sprache auf das Denken und über die Wissenschaft des Symbolismus), Ffm 1974
    Anmerkungen
      5) William James, The Varieties of Religious Experience
      6) Rignano, The Psychology of Reasoning
      7) Crookshank, Influenza, 1922
      8) Henry Bergson, Time and Free-Will
      9) A. Ingraham, Swain School Lectures (1903)