cr-3 Heinrich RickertFritz MauthnerHans Leisegang
 
CHARLES KAY OGDEN (1889-1957)
IVORY ARMSTRONG RICHARDS (1893-1979)
Die Theorie der Definition
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Gedanken, Wörter und Dinge
Die Theorie der Definition
Zeichen in der Wahrnehmung
Symbolismus

  "...die "Papageiennaturen", die auf Worte ungefähr so reagieren wie auf die ersten Noten einer Melodie, die sie fast automatisch zu Ende führen."

Die Erkenntnis, daß viele der beliebtesten Diskussionsthemen mit symbolisch leeren, jedoch emotional aktiven Wörtern überschwemmt sind, ist eine notwendige Voraussetzung für die Ausdehnung wissenschaftlicher Methoden auf diese Fragen. Eine weitere Voraussetzung ist eine Technik, vermittels derer festgestellt werden kann, welche Wörter dieser Art sind und in welchen Fällen. Ob experimentell und physiologische Methoden gegenwärtig Resultate erbringen können, läßt sich bezweifeln, aber eine endgültige Lösung der Frage ist kaum zu erwarten, bis Tests gefunden sind, die von der Meinung des Sprechers unabhängig sind.

Wir werden bei allen Diskussionen feststellen, daß das Gesagte nur zum Teil von den Dingen bestimmt wird, auf die der Sprecher Bezug nimmt. Die Menschen haben, oft ohne sich dessen bewußt zu sein, Vorurteile, die ihre Verwendung von Wörter bestimmten. Sofern wir nicht ihrer Absichten und Interessen in dem betreffenden Augenblick gewahr sind, wissen wir nicht, worüber sie reden und ob ihre Referenten die gleichen wie die unseren sind oder nicht.

Die Absicht beeinflußt das Vokabular auf zwei Arten. Manchmal diktiert sie, ohne den Bezug zu beeinflußen, die Wahl der für einen Anlaß besonders geeigneten Symbole. So kann die Sprache eines Lehrers, der einem Kind sein Spektroskop beschreibt, sich von der unterscheiden, in der er es seinem Kollegen oder seiner Verlobten beschreibt, ohne daß in seinem Bezug ein Unterschied besteht.

Oder ein gewandter Stilist spielt auf der Klaviatur einer Serie von Synonymen, ohne seinen Bezug zu ändern. Ein Physiker andererseits bedient sich einer anderen Sprache als sein Bergführer, um über das "Gespenst vom Brocken" zu reden; ihre unterschiedlichen Absichten beeinflußen in diesem Fall ihre Sprache durch die Änderung ihrer Bezüge.

Es ist klar, daß Fälle der ersten Art viel einfacher sind als die der zweiten Art; nur bei den letzteren ist es wahrscheinlich, daß sie zu sinnlosen Kontroversen führen. Wenn beispielsweise der eine Disputant von öffentlicher Meinung spricht, bezieht er sich  möglicherweise  auf etwas, das andere die Ansichten bestimmter Zeitungsverleger nennen würden, in welchem Fall eine Auseinandersetzung darüber, ob die Presse die öffentliche Meinung beeinflußt, wahrscheinlich zu keinem Ergebnis führt, wenn nicht ein Dritter dabei ist, der mit der Technik der Definition vertraut ist. Selbst in den intelligentesten Kreisen kommt es fortwährend zu derartigen Auseinandersetzungen, obwohl sie, mit den nüchternen Augen der Kritik betrachtet, gewöhnlich so närrisch erscheinen, daß man sie kaum für möglich halten würde.

Wie sollte nun aber eine Diskussion geführt werden, deren Ziel die Beseitigung der Ungewißheit ist, ob die Beteiligten auf die gleichen Dinge Bezug nehmen oder nicht?

Vor allem muß man sich daran erinnern, daß die Individuen unterschiedliche Vorgeschichten haben, mit Ausnahme gewisser sehr einfacher Hinsichten, und daß sie deshalb wahrscheinlich auf jedes allgemeine Wort auch verschieden reagieren und es verschieden verwenden. Für manche ist ein Wort lediglich ein Anreiz zur Äußerung anderer Wörter, ohne daß ein Bezug gegeben ist - für die "Papageiennaturen", die auf Worte ungefähr so reagieren wie auf die ersten Noten einer Melodie, die sie fast automatisch zu Ende führen.

Wenn wir zwischen rivalisierenden Anschauungen vermitteln wollen, ist es weit besser, anzunehmen, daß die Disputanten terminologisch selbständig sind, als anzunehmen, sie müßten ihre Wörter in jeder Hinsicht mit gleicher Bedeutung benutzen. Beim ersteren Vorgehen haben wir, wenn tatsächlich ein gemeinsames Element im Spiele ist, gute Chancen, es zu entdecken. Bei letzterer Art des Vorgehens neigen wir unvermeidlich dazu, alle hier auftrendenden Anschauungen falsch darzustellen und den größten Teil ihrer wirklich wertvollen und besonderen Züge zu übersehen.

Die Synthese auseinandergehender Meinungen sollte, wenn sie überhaupt versucht wird, verschoben werden, bis jede Auffassung so vollständig wie möglich für sich geprüft worden ist. Voreilige Versuche, zu denen uns all unsere Einstellungen zu Symbolen drängen, sind eine nie versiegende Quelle der Konfusion.

Menschen, die an Symbole unreflektiert herangehen, fällt es oft schwer zu glauben, daß so bequeme Wörter wie  Schönheit, Bedeutung  oder  Wahrheit  tatsächlich gar nicht Einzelwörter sind, vielmehr Sammlungen von oberflächlich nicht unterscheidbaren, aber extrem diskrepanten Symbolen. Die Gründe dafür lassen sich jedoch unschwer darlegen. Die Sprahe, die sich in der Hauptsache entwickelt hat, um den Forderungen des alltäglichen, praktischen Umgangs zu genügen, zeigt eine bemerkenswerte Ungleichheit in der Verteilungsdichte ihrer Einheiten, wenn wir sie vom Standpunkt unserer theoretischen Bedürfnisse aus betrachten.

So geschieht es fortwährend, daß ein einziges Wort Funktionen dienen muß, für die hundert nicht zu viel wären. Warum die Sprache an diesen Punkten oft so wachstumsfeindlich ist, ist ein schwer zu ergründendes Problem. In den etablierten Wissenschaften wird einem Mangel an Begriffen ohne Schwierigkeit durch die Einführung neuer Begriffe abgeholfen. In wissenschaftlichen Disziplinen hingegen, die sich noch im Anfangsstadium befinden, bevor sie sich zu einer Sache für Spezialisten entwickelt haben, und noch Angelegenheiten des Allgemeininteresses sind, ist der Widerstand gegen neue Begriffe sehr groß. Wahrscheinlich ist die Erklärung in dem Fehlen emotionaler Kraft zu suchen, das allem Fachtechnischen eigentümlich ist.

Das Resultat dieser Knappheit der Begriffe ist, daß jedwede Bezugnahme auf diese symbolisch unterernährten Themenbereiche zwangsläufig die wenigern Wörter verwenden muß, die verfügbar sind, ganz gleich, wie sehr sich ihre Referenten von denen anderer Bezugnahmen unterscheiden mögen, die sich der gleichen Wörter bedienen. So besteht z.B. die Tendenz, jede Bezugnahme auf menschliche Betätigungen, die weder theoretischer noch praktischer Natur sind, durch das Wort  ästhetisch  zu symbolisieren; und davon abgeleitet wird alles, was wir nicht entweder zu wissen oder zu verändern bestrebt sind, gern als  schön  bezeichnet.

Und das ganz gleich, wie viel fundamental verschiedene Einstellungen zu Dingen wir möglicherweise wir zu unterscheiden lernen. Hier haben wir eine Ursache, für die geradezu abenteuerliche Vieldeutigkeit aller wichtigeren Wörter in der allgemeinen Diskussion; eine Ursache, die die eben erörterten Prozesse der metaphorischen Verschiebung ergänzt und verstärkt.

Zu Beginn jeder ernsthaften Untersuchung dieser Fragen sollten wir uns also eine möglichst vollständige Liste der unterschiedlichen Verwendungen der wichtigsten Wörter anlegen. Es gibt einen wichtigen Grund, warum diese Liste so vollständig wie nur möglich sein sollte (in vernünftigen Grenzen, versteht sich). In Bereichen wie diesem ist es außerordentlich schwierig, den "Sinn für Positionen" zu bewahren, wie man es vielleicht nennen könnte.

Der Prozeß der Untersuchung besteht ( so stellt es sich jedenfals dem Untersuchenden dar) sehr weitgehend aus blitzartigen Einsichten, plötzlichem Aufleuchten von Zusammenhängen zwischen Dingen und plötzlichem Erkennen von Besonderheiten und Unterschieden. Diese Einsichten müssen, um nicht wieder verlorenzugehen, symbolisiert werden, wenn sie nicht, wie es meistens der Fall ist, schon von vornherein mit einem symbolisierten Zustand auftreten.

Ohne eine solche Landkarte der abgrenzbaren Gebiete, auf die sich die Untersuchung erstreckt, läuft jede  constatation géniale  Gefahr, mit einer anderen durcheinandergebracht zu werden, zum Schaden beider, oder einen scheinbaren Widerspruch rein verbalen Ursprungs zu ergeben. Sind wir hingegen in der Lage, die Idee sofort in ihrem eigenen Bereich zu lokalisieren, so verliert der Zufall, daß wir die gleichen Wörter als völlig verschiedene Symbole verwenden müssen, seine Macht, unsere Orientierung zu stören.

Die bloße  ad hoc -Unterscheidung zwischen zwei oder vielleicht drei Bedeutungen eines Wortes, die in der Reaktion auf die speziellen Erfordernisse einer Auseinandersetzung getroffen wird, ist ungenügend. Wir können nie im voraus wissen, welchen Teil des Gesamtgebietes ein gnädiges Geschick als nächstes erleuchten wird, und wenn wir nicht in groben Umrissen die vorhandenen Möglichkeiten kennen, bleibt uns wahrscheinlich verborgen, worauf das Licht unserer Einsicht fiel.

Nicht alle Wörter sind so vieler Mühe wert. Man könnte annehmen, es seien eher gewisse Themen, die keine Aufmerksamkeit verdienen, aber eine genauere Nachprüfung zeigt, daß diese Themen - die Theologie ist ein gutes Beispiel - selber bloße Wortsysteme sind. Aber selbst die unfruchtbarsten Gebiete haben ihr psychologisches Interesse; und wer mit einer Technik der Symbolik bewaffnet und imstande, Prinzipien wie die im letzten Kapitel behandelten Kanons anzuwenden, in eine Diskussion eintritt, kann die Hoffnung haben, daß es ihm "jeden Tag und auf jede Weise besser geht".

Für das, was man "Spracheugenik" nennen könnte, ist ein weites Betätigungsfeld vorhanden, genau wie für die "Ethik der Terminologie".

In Andeutung des bewußten Prozesses der sprachlichen Eliminierung hat ALFRED SIDGWICK unter dem Titel "Verdorbene Wörter" darauf hingewiesen, daß es Begriffe gibt, deren Vieldeutigkeit irreparabel ist. Aber er läßt es dabei bewenden, das Problem aufgezeigt zu haben. Die Sprache wurde, wie wir wissen, gemacht, bevor die Menschen denken lernten; vn den "Vulgären", um mit MILL zu reden; und so entsteht sie immer noch, in der Form, in der wir sie in der Unterhaltung gebrauchen, auch wenn uns das gar nicht gefällt.

Es läßt sich durchaus die Frage aufwerfen, ob wir nicht durch unsere Bemühngen, die Bedeutung dieser "unseligen Wörter" einzuschränken, nur die bestehende Konfusion noch vergrößern. Wenn wir uns daran erinnern, daß sich emotionale und andere Assoziationen nicht nur an Wörter heften, sondern daß z.B. VICTOR HUGO (worauf RIBOT hingewiesen hat) sogar in jedem Buchstaben eine symbolische Repräsentation eines wesentlichen Aspekts des menschlichen Wissens erblickte, dann erscheint es recht optimistisch, auf die Wirksamkeit der Bedeutungseinschränkung in der Diskussion zu vertrauen.

MAX MÜLLER meinte, es wäre von größtem Nutzen für die Geisteswissenschaften, wenn alle solche Begriffe wie Eindrücke, Sinnesempfindungen -  Seele, Geist  usf. - eine Zeitlang verbannt werden könnten und erst nach einer gründlichen Reinigung wieder zugelassen würden.

"Ändere nie eingeborene Namen, denn in jedem Volk gibt es gottgegebene Namen, von unerklärlicher Macht in den Mysterien." So sagt ein chaldäisches Orakel sehr weise. Aber in prosaischen Diskussionen, die auf die Vermeidung von Mysterien abzielen, müssen sowohl "Reizwörter" als auch "degenerierte Wörter" rücksichtslos ausgeschlossen werden - "Reizwörter" wegen ihrer Macht, störende Emotionen wachzurufen, und "degenerierte Wörter" wegen der Vielzahl der mit ihnen assoziierten Referenten.

Es gibt noch eine weitere Klasse von Wörtern, deren Verbannung aus dem Bereich des legitimen Disputs von Nutzen wäre. MATTHEW ARNOLD spricht von "Begriffen, die der Sprecher einem nicht ganz erfaßten Objekt seines Bewußtseins sozusagen vor die Tür stellt". Solange die wahre Funktion dieser "Bettelwörter", wie man sie nennen könnte, erkannt wird, richten sie kaum Unheil an. Man soll sie nie grob behandeln, sondern sie nur freundlich ein Haus weiter schicken.

Von den "Bettelwörtern", von denen angenommen werden kann, daß sie den Stalltrieb besitzen, sind die "Zigeuner" zu unterscheiden, deren Lebensform zuerst von LOCKE beschrieben wurde.

"Da die Menschen von der Wiege an gewöhnt sind, Wörter zu lernen, die man leicht aufnimmt und behält, noch bevor man die Ideen, die sie ausdrücken, ganz kennt und erfaßt, bleiben sie gewöhnlich ihr ganzes Leben lang bei dieser Übung; und ohne sich die nötige Mühe zu geben, in ihrem Geist fest umrissene Ideen zu fassen, benutzen sie die Wörter für die unsicheren und wirren Vorstellungen, wie sie sie eben haben; sie geben sich mit den gleichen Wörter zufrieden, die andere Leute benutzen, als ob der Laut selber die gleiche Bedeutung mit sich trage.

In den gewöhnlichen Dingen des Lebens kommen die Menschen damit schlecht und recht durch, aber wenn sie über ihre Anschauungen sprechen, erfüllt das ihre Reden offenkundig mit einem Schwall von leerem Geräusch und Geschwätz - vor allem in moralischen Dingen, wo oft nur der bloße Klang der Wörter bedacht wird oder zumindest sehr unsichere und verschwommene Vorstellungen mit ihnen verbunden werden.

Die Menschen nehmen die Wörter, die sie bei ihren Nachbarn in Gebrauch finden, und um nicht unwissend über ihren Inhlat zu erscheinen, benutzen sie sie zuversichtlich, ohne sich viel den Kopf über eine bestimmte, feste Bedeutung zu zerbrechen; damit haben sie es nicht nur leicht, sondern sie gewinnen auch noch den Vorteil, daß sie so, wie sie selten recht haben, auch selten zu überzeugen sind, daß sie unrecht haben; denn diese Leute, die keine klaren Vorstellungen haben, aus ihren Fehlern herauszuziehen, ist genauso schwer wie einem Herumstreicher, der keine feste Bleibe hat, seine Wohnung wegzunehmen. So ist es, wie ich meine; und jeder kann an sich selber oder an anderen beobachten, ob es so ist oder nicht."
Dem können wir auch heute noch zustimmen: es gibt kaum einen Zweifel, daß es so ist; wenn wir heute in der Lage sind, diese "Zigeuner" leichter zu erkennen, so sollten wir weniger Zeit mit dem hektischen Plündern von Gräbern verschwenden, das gegenwärtig so in Mode ist.
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LITERATUR - C.K. Ogden / I.A. Richards, Die Bedeutung der Bedeutung (Eine Untersuchung über den Einfluß der Sprache auf das Denken und über die Wissenschaft des Symbolismus), Ffm 1974