ra-2cr-4 Fundament der MoralB. Bauch - EthikDing an sich und Erscheinung    
 
ARTHUR SCHOPENHAUER
(1788-1860)
Zur Ethik
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"Statt die Grundwahrheit des Fatalismus durch seichtes Geschwätz und alberne Ausflüchte beseitigen zu wollen, sollte man suchen, sie recht deutlich zu verstehen und zu erkennen."

§ 117. Nach meiner Preisschrift über die  moralische Freiheit  kann keinem denkenden Menschen zweifelhaft bleiben, daß diese nirgends in der Natur, sondern nur außerhalb der Natur zu suchen ist. Sie ist ein Metaphysisches, aber in der physischen Welt ein Unmögliches. Demnach sind unsere einzelnen Taten keineswegs fei; hingegen ist der individuelle Charakter eines jeden anzusehn als seine freie Tat. Er selbst ist ein solcher, weil er, ein für alle Mal, ein solcher sein will. Denn der Wille selbst und an sich ist, auch sofern er in einem Individuo erscheint, also das Ur- und Grundwollen desselben ausmacht, von aller Erkenntnis unabhängig, weil ihr vorhergängig. Von ihr erhält er bloß die Motive, an denen er sukzessive sein Wesen entwickelt und sich kenntlich macht oder in die Sichtbarkeit tritt: aber er selbst ist, als außer der Zeit liegend, unveränderlich, so lange er überhaupt ist. Daher kann jeder, als ein solcher, der er nun einmal ist und unter den jedesmaligen Umständen, die aber ihrerseits nach strenger Notwendigkeit eintreten, schlechterdings nie etwas anderes tun, als was er jedesmal gerade jetzt tut. Demnach ist der ganze empirische Verlauf des Lebens eines Menschen, in allen seinen Vorgängen, großen und kleinen, so notwendig vorherbestimmt, wie der eines Uhrwerks. Dies entsteht im Grunde daraus, daß die Art, wie die besagte, metaphysische freie Tat ins erkennende Bewußtsein fällt, eine Anschauung ist, welche Zeit und Raum zur Form hat, mittels welcher nunmehr die Einheit und Unteilbarkeit jener Tat sich darstellt als auseinandergezogen in eine Reihe von Zuständen und Begebenheiten, die am Leitfaden des Satzes vom Grunde in seinen vier Gestalten, - und dies eben heißt  notwendig,  - eintreten. Das Resultat aber ist ein moralisches, nämlich dieses, daß wir an dem was wir tun, erkennen was wir sind; wie wir an dem was wir leiden, erkennen, was wir verdienen.

Hieraus folgt nun ferner, daß die  Individualität  nicht allein auf dem  principio individuationis  beruth und daher nicht durch und durch bloße  Erscheinung  ist; sondern daß sie im Ding an sich, im Willen des Einzelnen, wurzelt: denn sein Charakter selbst ist individuell. Wie tief nun aber hier ihre Wurzeln gehn, gehört zu den Fragen, deren Beantwortung ich nicht unternehme.

Hierbei verdient in Erinnerung gebracht zu werden, daß schon PLATO, auf seine Weise, die Individualität eines jeden als dessen freie Tat darstellt, indem er ihn, infolge seines Herzens und Charakters, als einen solchen, wie er ist, mittels der Metempsychose, geboren werden läßt. (Phädrus, Seite 325) - Auch die Brahmanen ihrerseits drücken die unveränderliche Bestimmtheit des angeborenen Charakters mythisch dadurch aus, daß sie sagen, Brahma habe, bei der Hervorbringung jedes Menschen, sein Tun und Leiden, in Schriftzeichen in seinen Schädel eingegraben, denen gemäß sein Lebenslauf ausfallen müsse. Als diese Schrift weisen sie die Zacken der Suturen der Schädelknochen nach. Der Inhalt derselben sei eine Folge seines vorhergegangenen Lebens und dessen Tuns. Dieselbe Einsicht scheint dem christlichen (sogar schon paulinischen) Dogma von der Gnadenwahl zum Grunde zu liegen.

Eine andere Folge des obigen, die sich empirische durchgängig bestätigt, ist, daß alle  echten  Verdienste, die moralischen, wie die intellektuellen, nicht bloß einen physischen oder sonst empirischen, sondern einen metaphysischen Ursprung haben, demnach a priori und nicht a posteriori gegeben, d. h. angeboren und nicht erworben sind, folgich nicht in der bloßen Erscheinung, sondern im Ding an sich wurzeln. Daher leistet jeder im Grunde nur das, was schon in seiner Natur, d. h. eben in seinem Angeborenen, unwiderruflich feststeht. Die intellektuelen Fähigkeiten bedürfen zwar der Ausbildung; wie manche Naturprodukte der Zurichtung, um genießbar oder sonst nutzbar, zu sein: wie aber hier keine Zurichtung das ursprüngliche Material ersetzen kann, so auch dort nicht. Daher eben sind alle bloß erworbenen, angelernten, erzwungenen Eigenschaften, also Eigenschaften a posteriori, moralische, wie intellektuelle, eigentlich unecht, eitler Schein, ohne Gehalt. Wie nun dies aus einer richtigen Metaphysik folgt, so lehr es auch ein tieferer Blick in die Erfahrung. Sogar bezeugt es das große Gewicht, welches alle auf die Physiognomie und das Äußere, also das Angeborene, jedes irgendwie ausgezeichneten Menschen legen und daher so begierig sind, ihn zu sehn. Die Oberflächlichen freilich und, aus guten Gründen, die gemeinen Naturen werden der entgegengesetzten Ansicht sein, um bei allem, was ihnen abgeht, sich trösten zu können, es werde noch kommen. - So ist denn diese Welt nicht bloß ein Kampfplatz, für dessen Siege und Niederlagen die Preise in einer künftigen ausgeteilt werden; sondern sie selbst schon ist das jüngste Gericht, indem jeder Lohn und Schmach, je nach seinen Verdiensten, mitbringt; wie denn auch Brahmanismus und Buddhismus, indem sie Metempsychose lehren, dies nicht anders wissen. -

§ 118. Man hat die Frage aufgeworfen, was zwei Menschen, die in der Wildnis, jeder ganz einsam, aufgewachsen wären und sich zum ersten Male begegneten, tun würden: HOBBES, PUFENDORF, ROUSSEAU haben sie entgegengesetzt beantwortet. PUFENDORF glaubte, sie würden sich liebevoll entgegenkommen; HOBBES hingegen, feindlich; ROUSSEAU, sich schweigend vorübergehn. Alle drei haben Recht und Unrecht: gerade da würde sich die  unermeßliche  Verschiedenheit angeborener moralischer Disposition der Individuen' in so hellem Lichte zeigen, daß hier gleichsam der Maßstab und Gradmesser derselben wäre. Denn Menschen gibt es, in denen der Anblick des Menschen sogleich ein feindliches Gefühl aufregt, indem ihr Innerstes den Ausspruch tut: "Nicht-Ich!" - Und andere gibt es, bei welchen jener Anblick sogleich freundliche Teilnahme erregt; ihr Inneres sagt: "Ich noch ein Mal!" - Dazwischen liegen unzählige Grade. - Aber daß wir in diesem Hauptpunkt so grundverschieden sind, ist ein großes Problem, ja ein Mysterium. Über diese Apriorität des moralischen Charakters gibt zu mannigfaltigen Betrachtungen Stoff des Dänen BASTHOLM Buch: "Historische Nachrichten zur Kenntnis des Menschen im rohen Zustand". Ihm fällt es auf, daß Geisteskultur und moralische Güte der Nationen sich als ganz unabhängig voneinander erweisen, indem die eine oft ohne die andere sich vorfindet. Wir werden dies daraus erklären, daß die moralische Güte keineswegs aus der Reflexion entspringt, deren Ausbildung von der Geisteskultur abhängt; sondern geradezu aus dem Willen selbst, dessen Beschaffenheit angeboren ist und der an sich selbst keiner Verbesserung durch Bildung fähig ist. BASTHOLM schildert nun die meisten Nationen als sehr lasterhaft und schlecht: hingegen hat er von einzelnen wilden Völkern die vortrefflichsten allgemeinen Charakterzüge mitzuteilen: so von den Orotchysen, den Bewohnern der Insel Sawu, den Tungusen und den Pelew-Insulanern. Da versucht er, das Problem zu lösen, woher es komme, daß einzelne Völkerschaften so ausgezeichnet gut sind, unter lauter bösen Nachbarn. Mir scheint, es könne daraus erklärt werden, daß, da die moralischen Eigenschaften vom Vater erblich sind, in obigen Fällen eine solche isolierte Völkerschaft aus einer Familie entstanden, mithin demselben Ahnherrn, der gerade ein guter Mann war, entsprossen ist und sich unvermischt erhalten hat. Haben doch auch, bei mancherlei unangenehmen Anlässen, wie Staatsschulden, Raubzügen usw., die Engländer den Nordamerikanern ins Gedächtnis gerufen, daß sie von einer Verbrecherkolonie abstammen; - wiewohl dies nur von einem geringen Teil derselben gelten kann.

§ 119. Zu bewundern ist es, wie die  Individualität jedes Menschen  (d. h. dieser bestimmte Charakter mit diesem bestimmten Intellekt), gleich einem eindringenden Färbestoff, alle Handlungen und Gedanken desselben, bis auf die unbedeutendsten herab, die äußere und innere Geschichte, des einen so grundverschieden von der des andern ausfällt. Wie ein Botaniker an einem Blatt die ganze Pflanze erkennt; wie CUVIER aus einem Knochen das ganze Tier konstruierte; so kann man aus einer charakteristischen Handlung eines Menschen eine richtige Kenntnis seines Charakters erlangen, also ihn gewissermaßen daraus konstruieren; sogar auch wenn diese Handlung eine Kleinigkeit betrifft; ja, dann oft am besten: denn bei wichtigeren Dingen nehmen die Leute sich in Acht; bei Kleinigkeiten folgen sie, ohne viel Bedenken, ihrer Natur. Zeigt einer in solchen, durch sein absolut rücksichtsloses, egoistisches Benehmen, daß die Gerechtigkeit der Gesinnung seinem Herzen fremd ist; so soll man ihm, ohne gehörige Sicherheit, keinen Groschen anvertrauen. Denn wer wird glauben, daß der, welcher in allen anderen, nicht das Eigentum betreffenden Angelegenheiten, sich täglich ungerecht bezeugt und dessen grenzenloser Egoismus aus den kleinen, keiner Rechenschaft unterworfenen Handlungen des gemeinen Lebens überall hervorguckt, wie ein schmutziges Hemd aus den Löchern einer zerlumpten Jacke, - daß ein solcher in den Angelegenheiten des Mein und Dein, ohne anderen Antrieb, als den der Gerechtigkeit, ehrlich sein werde? Wer im Kleinen rücksichtslos ist, wird im Großen ruchlos sein. - Wer die kleinen Charakterzüge unbeachtet läßt, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er nachmals aus den großen den betreffenden Charakter, zu seinem Schaden, kennen lernt. - Nach dem selben Prinzip soll man auch mit sogenannten guten Freunden, selbst über Kleinigkeiten ,wenn sie einen boshaften oder schlechten oder gemeinen Charakter verraten, sogleich brechen, um dadurch ihren großen schlechten Streichen vorzubeugen, die nur auf Gelegenheit waren, sich einzustellen. Dasselbe gilt von Dienern. Stets bedenke man: besser allein, als unter Verrätern.

Wirklich ist die Grundlage und Propädeutik [Vorschule - wp] zu aller Menschenkenntnis die Überzeugung, daß das Handeln des Menschen, im Ganzen und Wesentlichen, nicht von seiner Vernunft und deren Vorsätzen geleitet wird; daher keiner dieses oder jenes dadurch wird, daß er es, wenn auch noch so gern, sein möchte: sondern aus seinem angeborenen und unveränderlichen Charakter geht sein Tun hervor, wird näher und im Besonderen bestimmt durch die Motive, ist folglich das notwendige Produkt dieser beiden Faktoren. Demgemäß kann man das Handeln des Menschen sich veranschaulichen am Lauf eines Planeten, als welcher das Resultat der diesem beigegebenen Tangential- und der von seiner Sonne aus wirkenden Zentripetalkraft ist; wobei denn die erstere Kraft den Charakter, die letztere den Einfluß der Motive darstellt. Dies ist fast mehr als ein bloßes Gleichnis; sofern nämlich die Tangentialkraft, von welcher eigentlich die Bewegung ausgeht, während sie von der Gravitation beschränkte wird, metaphysisch genommen, der in einem solchen Körper sich darstellende Wille ist.

Wer nun dieses begriffen hat, wird auch einsehn, daß wir über das, was wir in einer zukünftigen Lage tun werden, eigentlich nie mehr, als eine Mutmaßung haben; obwohl wir diese oft für einen Entschluß halten. Wenn z. B. ein Mensch, infolge eines Vorschlags, die Verbindlichkeit, beim Eintritt noch in der Zukunft liegender Umstände, dieses oder jenes zu tun, höchst aufrichtig und sogar sehr gern eingegangen ist; so ist hierdurch noch gar nicht ausgemacht, daß er sie erfüllen werde; es sei denn, er wäre so beschaffen, daß sein gegebenes Versprechen selbst und als solches stets und überall ein hinreichendes Motiv für ihn würde, indem es, mittels der Rücksicht auf seine Ehre, wie ein fremder Zwang auf ihn wirkte. Außerdem aber läßt sich was er, beim Eintritt jener Umstände, tun wird, ganz allein, jedoch mit völliger Gewißheit vorherbestimmen aus einer richtigen und genauen Kenntnis seines Charakters und der äußeren Umstände, unter deren Einwirkung er alsdann gerät. Dies ist sogar sehr leicht, wenn man ihn schon ein Mal in der gleichen Lage gesehn hat: denn unfehlbar wird er das zweite Mal dasselbe tun, vorausgesetzt, daß er schon beim ersten die Umstände richtig und vollständig erkannt hatte. Was er nämlich das erste Mal nicht erkannt oder verstanden hatte, konnte dann auch nicht auf seinen Willen einwirken; eben wie ein elektrischer Prozeß stockt, wenn irgendein isolierender Körper die Einwirkung eines Leiters hemmt. - Ungemein deutlich dringt die Unveränderlichkeit des Charakters und daraus hervorgehende Notwendigkeit der Handlungen sich dem auf, der, bei irgendeiner Gelegenheit, sich nicht benommen hat, wie er gesollt, indem er etwa an Entschlossenheit oder Festigkeit oder Mut oder sonstigen vom Augenblick geforderten Eigenschaften es hat fehlen lassen. Jetzt hinterher erkennt und bereut er sein unrichtiges Verfahren aufrichtig und denkt auch wohl: "Ja wenn mir das wieder geboten würde, da wollt' ich es anders machen!" Es wird ihm wieder geboten, der gleiche Fall tritt ein: er mach es wieder ganz eben so, - zu seiner großen Verwunderung. (Vgl. "Welt als Wille und Vorstellung II, Seite 226)

Zu der hier in Rede stehenden Wahrheit liefern uns durchgängig die beste Erläuterung SHAKESPEAREs Dramen. Denn er war von ihr durchdrungen und seine intuitive Weisheit spricht sie in concreto auf jeder Seite aus. Ich will dies jedoch jetzt an einem Fall exemplifizieren, in welchem er es mit besonderer Deutlichkeit hervorhebt, wiewohl ohne Absichtlichkeit und Affektation, da er, als ein echter Künstler, nie von Begriffen ausgeht; sondern offenbar nur, um der psychologischen Wahrheit, wie er sie anschaulich und unmittelbar auffaßt, zu genügen, unbekümmert darum, daß es von Wenigen recht beachtet und verstanden werden würde und ohne Ahnung davon, daß einst in Deutschland fade und flache Gesellen breit auseinandersetzen würden, daß er seine Stücke geschrieben habe, um moralische Gemeinplätze zu illustrieren. Was ich nun hier meine, ist der Charakter des Grafen Northumberland, den wir durch drei Trauerspiele hindurchgeführt sehn, ohne daß derselbe eigentlich als Hauptperson aufträtte, vielmehr nur in wenigen Szenen, die in 15 Akte verteilt sind, vorkommt; daher wer nicht mit voller Aufmerksamkeit liest den in so weiten Zwischenräumen dargestellten Charakter und die moralische Identität desselben leicht aus den Augen verlieren kann; so fest ihn auch der Dichter vor den seinigen behalten hat. Er läßt diesen Grafen überall mit edlem, ritterlichem Anstand auftreten, eine diesem angemessene Sprache reden, ja, hat ihm mitunter sehr schöne und selbst erhaben Stellen in den Mund gelegt; indem er weit davon entfernt ist, es zu machen wie SCHILLER, der gern den Teufel schwarz malt und dessen moralischen Billigigung oder Mißbilligung, der von ihm dargestellten Charaktere durch ihre eigenen Worte durchklingt. Sondern bei SHAKESPEARE und so auch bei GOETHE, hat jeder, während der dasteht und redet, vollkommen Recht und wäre er der Teufel selbst. Man vergleiche in dieser Hinsicht den Herzog Alba bei GOETHE und bei SCHILLER. - Die Bekanntschaft des Grafen Northumberland also machen wir schon im Richard II., wo er der Erste ist, eine Verschwörung gegen den König anzuzetteln, zugunsten des Bolingbroke, nachherigen Heinrichs IV., welchem er auch schon (2. Akt, Szene 3) persönlich schmeichelt. Im folgenden Akt erleidet er eine Zurechtweisung, weil er, vom König redend, schlechtweg Richard gesagt hat, versichert jedoch, es bloß beliebter Kürze halber getan zu haben. Bald darauf bewegt seine hinterlistige Rede den König zur Kapitulation. Im folgenden Akt behandelt er diesen, beim Kronentsagungsakt, mit solcher Härte und Schnöde, daß der unglücklich, gebrochene Monarch doch noch ein Mal die Geduld verliert und ausruft: "Teufel! du quälst mich, noch ehe ich in der Hölle bin." Am Schluß berichtet er dem neuen König, daß er die abgeschlagenen Köpfe der Anhänger des vorigen nach London gesandt habe. - Im folgenden Trauerspiel, Heinrich IV., zettelt er, ganz ebenso, eine Verschwörung gegen den neuen König an. Im vierten Akt sehn wir diese Rebellen, vereinigt, sich zur morgenden Hauptschlacht vorbereiten, nur auf ihn und seine Heeresabteilung mit Ungeduld wartend. Da kommt endlich ein Brief von ihm: er selbst wäre krank, seine Heeresmacht aber könne er einem anderen nicht anvertrauen, jedoch sollten sie nur mutig fortfahren und tapfer drauf losgehn. Sie tun es: aber durch sein Ausbleiben bedeutend geschwächt, werden sie gänzlich geschlagen, die meisten ihrer Häupter gefangen und sein eigener Sohn, der heldenmütige Hotspur, fällt von der Hand des Kronprinzen. - Wieder im folgenden Stück, dem zweiten Teil Heinrichs IV., sehn wir ihn durch den Tod dieses Sohnes in den wildesten Zorn versetzt und wütend Rache schnauben. Er facht daher die Rebellion wieder an: die Häupter derselben sammeln sich aufs Neue. Wie nun diese, im vierten Akt, eben die Hauptschlacht zu liefern haben und nur noch darauf warten, daß er zu ihnen stoße, kommt ein Brief: er habe die genügende Heeresmacht nicht zusammenziehn können, werde daher für jetzt seine Sicherheit in Schottland suchen, wünsche jedoch von Herzen ihrem heldenmütigen Unternehmen den besten Erfolg. Worauf sie sich dem König unter einer Konvention ergeben, die nicht gehalten wird und so zu Grunde gehn. -

Weit entfernt also, daß der Charakter das Werk vernünftiger Wahl und Überlegung wäre, hat der Intellekt beim Handeln nichts weiter zu tun, als dem Willen die Motive vorzuhalten: dann aber muß er, als bloßer Zuschauer und Zeuge, zusehn, wie aus ihrer Wirkung auf den gegebenen Charakter der Lebenslauf sich gestaltet, dessen sämtliche Vorgänge, genau genommen, mit derselben Notwendigkeit eintreten, wie die Bewegungen eines Uhrwerks; worüber ich auf meine Preisschrift von der Willensfreiheit verweise. Die hierbei nichtsdestoweniger stattfindende Jllusion einer gänzlichen Freiheit des Willens, bei jeder einzelnen Handlung, habe ich ebendaselbst auf ihre wahre Bedeutung und ihren Ursprung zurückgeführt und dadurch die bewirkende Ursache derselben angegeben, welcher ich hier nur noch die Endursache beigeben will, in folgender teleologischer Erklärung jenes natürlichen Scheins. Indem die Freiheit und Ursprünglichkeit, welche in Wahrheit allein dem intelligiblen Charakter eines Menschen, dessen bloße Auffassung durch den Intellekt sein Lebenslauf ist, zukommt, jeder einzelnen Handlung anzuhängen scheint und so das ursprüngliche Werk, für das empirische Bewußtsein, scheinbar in jeder einzelnen Handlung aufs Neue vollbracht wird; so erhält hierdruch unser Lebenslauf die größtmögliche moralische  nouthesis  [Ermahnung - wp], indem sämtliche schlechte Seiten unseres Charakters uns dadurch erst recht fühlbar werden. Jede Tat nämlich begleitet das Gewissen mit dem Kommentar "du könntest auch anders handeln", - obwohl dessen wahrer Sinn ist: "du könntest auch ein anderer sein." Da nun einerseits durch die Unveränderlichkeit des Charakters und andererseits durch die strenge Notwendigkeit, mit der alle Umstände, in die er sukzessive versetzt wird, eintreten, der Lebenslauf eines jeden durchgängig von  A  bis  Z  genau bestimmt ist, dennoch aber der eine Lebenslauf, in allen, sowohl subjektiven wie objektiven Bestimmungen ungleich glücklicher, edler und würdiger ausfällt, als der andere; so führt dies, wenn man nicht alle Gerechtigkeit eliminieren will, zu der, im Brahmanismus und Buddhismus fest stehenden Annahme, daß sowohl die subjektiven Bedingungen, mit welchen, als die objektiven, unter welchen jeder geboren wird, die moralische Folge eines früheren Daseins sind.

MACCHIAVELLI, der sich durchaus nicht mit philosophischen Spekulationen beschäftigt zu haben scheint, wird, vermöge der durchdringenden Schärfe seines so einzigen Verstandes, zu folgendem, wahrhaft tiefsinnigen Ausspruch geführt, der eine intuitive Erkenntnis der gänzlichen Notwendigkeit, mit der, bei gegebenen Charakteren und Motiven, alle Handlungen eintreten, voraussetzt. Er hebt mit demselben den Prolog zu seiner Komödie  Clitia  an: "Wenn, auf der Welt, die selben Menschen wiederkehrten, wie die selben Fälle wiederkehren, so würden niemals hundert Jahre verlaufen, ohne daß wir abermals uns beisammen befänden, ganz dasselbe wie jetzt wieder tuend.) Hierauf scheint ihn jedoch eine Reminiszenz dessen, was AUGUSTINUS im "Gottesstaat", Lib. 12, c. 13 sagt, geführt zu haben.

Das Fatum der Alten ist eben nichts anderes, als die zu Bewußtsein gebrachte Gewißheit, daß alles Geschehende durch die Kausalkette fest verbunden ist und daher streng notwendig eintritt, demnach das Zukünftige schon vollkommen fest steht, sicher und genau bestimmt ist und daran so wenig etwas geändert werden kann, wie am Vergangenen. Bloß das Vorherwissen desselben kann an den fatalistischen Mythen der Alten als fabelhaft angesehn werden; - wenn wir hierbei von der Möglichkeit des magnetischen Hellsehns und des zweiten Gesichts abstrahieren. Statt die Grundwahrheit des Fatalismus durch seichtes Geschwätz und alberne Ausflüchte beseitigen zu wollen, sollte man suchen, sie recht deutlich zu verstehen und zu erkennen; da sie eine demonstrable Wahrheit ist, welche ein wichtiges Datum zum Verständnis unseres so rätselhaften Daseins liefert.

Prädestination und Fatalismus sind nicht in der Hauptsache verschieden, sondern nur darin, daß der gegebene Charakter und die von außen kommende Bestimmung des menschlichen Tuns bei jener von einem erkennenden, bei diesem von einem erkenntnislosen Wesen ausgeht. Im Resultat treffen sie zusammen: es geschieht was geschehen muß. - Der Begriff einer  moralischen  Freiheit' hingegen ist unzertrennlich von dem der  Ursprünglichkeit.  Denn daß ein Wesen das Werk eines andern, dabei aber, seinem Wollen und Tun nach,  frei  sei, läßt sich mit Worten sagen, aber nicht mit Gedanken erreichen. Der nämlich, welcher ihn aus nichts ins Dasein rief, hat eben damit auch sein Wesen, d. h. seine sämtlichen Eigenschaften, mitgeschaffen und festgestellt. Denn nimmermehr kann man schaffen, ohne daß man ein Etwas schaffe, d. h. ein durchweg und alle seinen Eigenschaften nach genau bestimmtes Wesen. Aus diesen dadurch festgestellten Eigenschaften aber fließen nachher mit Notwendigkeit die sämtlichen Äußerungen und Wirkungen desselben, indem diese eben nur die ins Spiel gesetzten Eigenschaften selbst sind, welche bloß der Veranlassung von außen bedurften, um hervorzutreten. Wie der Mensch  ist,  so muß er handeln: also nicht seinen einzelnen Taten, sondern seinem Wesen und Sein klebt Schuld und Verdienst an. Daher sind Theismus und moralische Verantwortlichkeit des Menschen unvereinbar; weil eben die Verantwortlichkeit immer auf den Urheber des Wesens zurückfällt, als woselbst sie ihren Schwerpunkt hat. Vergebens hat man gesucht, zwischen jenen beiden Unvereinbaren eine Brücke zu schlagen, mittels des Begriffs der moralischen Freiheit des Menschen: sie stürzt immer wieder zusammen. Das  freie  Wesen muß auch das  ursprüngliche  sein. Ist unser Wille  frei,  so ist er auch das  Urwesen;  und umgekehrt. Der vorkantische Dogmatismus, welcher diese beiden Prädikamente getrennt halten wollte, war eben dadurch auch genötigt,  zwei  Freiheiten anzunehmen, nämlich die der ersten Weltursache, für die Kosmologie und die des menschlichen Willens, für die Moral und Theologie: dem entsprechend handelt auch bei KANT sowohl die dritte, wie die vierte Antinomie von der  Freiheit. 

In  meiner  Philosophie hingegen entspricht die unbefangene Anerkennung der strengen Notwendigkeit der Handlungen der Lehre, daß auch in den erkenntnislosen Wesen das sich Manifestierende  Wille  sei. Sonst würde die, bei Wirken dieser aufgenfällige Notwendigkeit dasselbe zum Wollen in Gegensatz stellen, wenn es nämlich wirklich so eine Freiheit des einzelnen Tuns gäbe und dieses nicht vielmehr ebenso streng notwendig wäre, wie jedes andere Wirken. - Andererseits macht, wie ich eben gezeigt habe, dieselbe Lehre von der Notwendigkeit der Willensakte nötig, daß das Dasein und Wesen des Menschen selbst Werk seiner Freiheit, mithin seines Willens sei, dieser also Aseität [Aus-sich-Sein, wp] habe. Unter den entgegengesetzten Voraussetzung nämlich fiele, wie gezeigt, alle Verantwortlichkeit weg und die moralische, wie die physische Welt wäre eine bloße Maschine, die ihr außerhalb befindlicher Verfertiger zu eigener Unterhaltung ablaufen ließe. - So hängen die Wahrheiten alle zusammen, fordern sich, ergänzen sich; während der Irrtum an allen Ecken anstößt.

§ 120. Welcher Art der Einfluß sei, den  moralische Belehrung  auf das Handeln haben kann und welches die Grenzen desselben, habe ich unter § 20 meiner Abhandlung über das Fundament der Moral hinlänglich untersucht. Im Wesentlichen analog verhält sich der Einfluß des  Beispiels,  welcher jedoch mächtiger ist, als der der Lehre; daher er eine kurze Analyse wohl verdient.

Das Beispiel wirkt zunächst entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen was er gern täte. Er sieht nämlich, daß andere es nicht tun; woraus er im Allgemeinen abnimmt, daß es nicht ratsam sei, also wohl der eigenen Person oder dem Eigentum oder der Ehre Gefahr bringen müsse; daran hält er sich und sieht sich gern eigener Untersuchung überhoben. Oder er sieht gar, daß ein anderer, der es getan hat, schlimme Folgen davon trägt: dies ist das abschreckende Beispiel. Befördernd hingegen wirkt das Beispiel auf zweierleit Weise: nämlich entweder so, daß es den Menschen bewegt, zu tun was er gern unterließe, jedoch ebenfalls besorgt, daß die Unterlassung ihm irgendwelche Gefahr bringen oder ihm in der Meinung anderer schaden könne; - oder aber es wirkt so, daß es ihn ermutigt, zu tun was er gern tut, jedoch bisher, aus Furcht vor Gefahr oder Schande, unterließ: dies ist das verführerische Beispiel. Endlich kann auch noch das Beispiel ihn auf etwas bringen, das ihm sonst gar nicht eingefallen wäre. Offenbar wirkt es in diesem Fall zunächst nur auf den Intellekt: die Wirkung auf den Willen ist dabei sekundär und wir, wenn sie eintritt, durch einen Akt eigener Urteilskraft oder durch Zutrauen auf den, der das Beispiel gibt, vermittelt werden. - Die gesamte, sehr starke Wirkung des Beispiels beruth darauf, daß der Mensch, in der Regel, zu wenig Urteilskraft, oft auch zuwenig Kenntnis hat, um seinen Weg selbst zu erkunden; daher er gern in die Fußstapfen anderer tritt. Demnach wird jeder dem Einfluß des Beispiels umso mehr offen stehn, je mehr es ihm an jenen beiden Befähigungen gebricht. Diesem gemäß ist der Leitstern der allermeisten Menschen das Beispiel anderer und ihr ganzes Tun und Treiben im Großen, wie im Kleinen, läuft auf bloße Nachahmung zurück: nicht das Geringste tun sie nach eigenem Ermessen. (1) Die Ursache hiervon ist ihre Scheu gegen das eigene Urteil. Zugleich zeugt dieser so auffallend starke Nachahmungstrieb im Menschen auch von seiner Verwandtschaft mit dem Affen. Die Art der Wirkung des Beispiels aber wird durch den Charakter eines jeden bestimmt: daher dasselbe Beispiel auf den einen verführerisch, auf den andern abschreckend wirken kann. Dies zu beobachten geben gewisse gesellschaftliche Unarten, welche, früher nicht vorhanden, allmählich einreißen, uns leicht Gelegenheit. Beim ersten Wahrnehmen einer solchen wird einer denken "pfui, wie läßt das! wie egoistische, wie rücksichtslos" wahrlich, ich will mich hüten, nie dergleichen zu tun." Zwanzig andere aber werden denken: "Aha! tut der das, darf ich es auch." -

In moralischer Hinsicht kann das Beispiel, eben wie die Lehre, zwar eine zivile oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, welches die eigentlich moralische ist. Denn es wirkt stets nur als ein persönliches Motiv, folglich unter Voraussetzung der Empfänglichkeit für solche Art der Motive. Aber gerade das, ob ein Charakter für diese oder für jene Art der Motive überwiegend empfänglich sei, ist für die eigentliche und wahre, jedoch stets nur angeborene Moralität desselben entscheidend. Überhaupt wirkt das Beispiel als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften: aber es schafft sie nicht: daher SENEKAs Ausspruch  velle non discitur  [Wollen lernt man nicht. - wp] auch hier Stich hält. Das das Angeborensein aller echten moralischen Eigenschaften, der guten, wie der schlechten, besser zur Metempsychosenlehre [Seelenwanderungslehre - wp] der Brahmanisten und Buddhisten, derzufolge "dem Menschen seine guten und schlechten Taten aus einer Existenz in die andere, wie sein Schatten, nachfolgen," als zum Judentum paßt, welches vielmehr erfordert, daß der Mensch als moralische Null auf die Welt komme, um nun, vermöge eines undenkbaren  liberi arbitrii indifferentiae  [Vermögen, sich für eine Sache wie für das Gegenteil frei zu entscheiden. - wp], sonach infolge vernünftiger Überlegung, sich zu entscheiden, ob er ein Engel oder ein Teufel oder was sonst etwa zwischen beiden liegt, sein wolle, - Das weiß ich sehr wohl, kehre mich aber durchaus nicht daran: denn meine Standarte ist die Wahrheit. Bin ich doch eben kein Philosophieprofessor und erkenne daher nicht meinen Beruf darin, nur vor allen Dingen die Grundgedanken des Judentums sicher zu stellen, selbst wenn solche aller und jeder philosophischen Erkenntnis auf immer den Weg verrennen sollten. Liberum arbitrium indifferentiae, unter dem Namen "die sittliche Freiheit", ist eine allerliebste Spielpuppe für Philosophieprofessoren, die man ihnen lassen muß, - den geistreichen, redlichen und aufrichtigen.
LITERATUR - Arthur Schopenhauer, Zur Ethik, Parerga und Paralipomena II, Sämtliche Werke, Bd. VI (Ausgabe Frauenstädt), Leipzig 1874
    Anmerkungen
    1) Nachahmung und Gewohnheit sind die Triebfedern des allermeisten Tuns der Menschen.