cr-4 A. Martyvon PfordtenA. StöhrE. Martinak    
 
CHRISTOPH SIGWART
Die Impersonalien
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"Wenn ich sage: es existieren einzellige Organismen oder phönizischen Inschriften oder fossile Menschen, so scheint damit einem Begriff Realität zugesprochen zu werden und ich werde veranlaßt sein, diese Sätze einem solchen gegenüber zu behaupten, der die Existenz solcher Gebiete unwahrscheinlich oder wenigstens überraschend findet. Genauer zugesehen kann aber Existenz immer nur von Einzelnem behauptet werden."

" Sein  aber ist kein Bestandteil des Inhalts der Subjektsvorstellung.  Sein  aber ist kein Bestandteil des vorgestellten Inhalts; ob ich sage  A  ist oder  A  ist nicht, Atome existieren oder Atome existieren nicht, beide Mal denke ich inhaltlich genau dasselbe  A,  im einen Fall nicht mehr und nicht weniger als im andern."

"Vorstellen und Urteilen sind zwei gänzlich verschiedene Weisen des Bewußtseins von einem Gegenstand; indem der Gegenstand einer Vorstellung Gegenstand eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils wird, tritt das Bewußtsein in eine völlig neue Beziehung zu ihm, ähnlich, wie wenn das Vorgestellte nun auch begehrt oder geliebt würde."


14. Die bisherige Ausführung zeigt, wie MIKLOSICH Seite 25 vollkommen zutreffend hervorhebt, daß den unzweifelhaft impersonalen Wendungen die Loslösung der für die äußere oder innere Wahrnehmung gegeben, verbal oder adjektivisch bezeichneten Erscheinung vom Gedanken eines sie tragenden oder hervorbringenden Subjekts zugrunde liegt, das entweder überhaupt nicht zu finden ist, oder, wenn es auch bekannt ist, doch nicht beachtet und sprachlich ausgedrückt wird. Die meisten der so gebrauchten Ausdrücke treten in anderem Zusammenhang mit bestimmtem Subjekt auf; nur wenige, die  pudet, piget  [es beschämt, es verdrießt - wp] usw. sind es, die nur impersonal erscheinen.

15. Allein es bleiben noch größere Klassen von Sätzen übrig, deren psychologischer Ausgangspunkt weniger einfach ist und die darum eine besondere Untersuchung erheischen.

Dahin gehören viele der Ausdrücke, die das Wetter betreffen; an ihnen hat sich vorzugsweise der Scharfsinn der Logiker und Grammatiker versucht. Es blitzt und es donnert bezeichnen zwar einfache Erscheinungen des Gesichts und Gehörs, aber es regnet, es schneit, es hagelt, es stürmt, es gewittert, es bewölkt sich, es klärt sich auf usf. sind verwickeltere Wahrnehmungen. Die Grundlage der Sätze: es regnet, es schneit, es hagelt ist klar: es ist die Gesichts-, (respektive Gefühls-) Wahrnehmung der fallenden Regentropfen, der wirbelnden Schneeflocken, der herabfallenden, aufschlagenden und weiterspringenden Hagelkörner (wo ich etwa bloß aus dem Gehör urteile: es regnet, es hagelt, da ist ein Schluß vorhanden, der nur durch die frühere Gesichtswahrnehmung möglich ist und diese reproduziert). Als Wahrnehmungsurteil will mein Satz: "Es regnet" nichts anderes ausdrücken als diese Erscheinung der fallenden Tropfen; wer es hört, dem entsteht aus dem Wort eben dieses Bild, an das sich die mannigfaltigen Folgen des Regens, der nasse Boden, die gießenden Dachrinnen, die tropfenden Bäume usw. mehr oder weniger deutlich anschließen.

Das Wahrgenommene selbst ist nun aber nicht der Art, daß uns nur eine einfache sinnliche Erscheinung gegeben wäre, deren materielles Subjekt sich verbirgt, wie beim Donnern, Blitzen, Wetterleuchten; die fallenden Tropfen, Schneeflocken, Hagelkörner werden als Dinge unmittelbar wahrgenommen, der Vorgang ließe sich also leicht in eine verbal ausdrückbare Bewegung und das bewegte Ding zerlegen und dann würde ich sagen: Tropfen oder Schlossen [Hagel - wp] fallen, Flocken fliegen. Warum ich nicht in dieser pluralen Form die Wahrnehmung zum Ausdruck bringe, erhellt leicht; ich bediene mich ja derselben dann, wenn ganz vereinzelte Tropfen oder Flocken sichtbar sind, die ich als einzelne auseinanderhalten und mit dem Blick verfolgen kann; bei einem tüchtigen Regen aber sind es der Tropfen zu viele und sie fallen zu dicht, als daß nicht die  kollektive Natur  des Vorgangs in den Vordergrund träte und veranlaßte, die ganze, weit ausgedehnte Erscheinung als ein Ganzes zusammenzufassen - die Übertragung in den Ausdrücken Blütenregen, es hagelt Schläge usw. beweist, daß die dichte Menge den Hauptzug des Bildes ausmacht. Regen und Hagel sind also Substantiva, welche eine kollektive Bedeutung haben und zwar genauer so, daß sie eine Menge gleichartiger Objekte in übereinstimmender Bewegung darstellen; sie enthalten zugleich die Vorstellung der Objekte und ihrer bestimmten Bewegung; sie gehören zu derselben Klasse von Substantiven wie Wasserfall, Zug, Flug, Prozession, Fluß, Strom usf., die eine Menge oder eine Masse in Bewegung bezeichnen; auch Rauch, Qualm kann hierher gezogen werden, sofern man dabei an den aufsteigenden Rauch oder Qualm denkt. Daraus ergibt sich, daß das Substantiv Regen und das Verbum regnen genau denselben Vorstellungsinhalt bezeichnen, nur das eine Mal als zusammengefaßtes Ganzes, das andere Mal nach seiner Erscheinung in der Zeit und seinem zeitlichen Verlauf; das Verbum finitum kann wiederum nur sagen, daß das Gegenwärtige ein Regnen, Schneien, Hageln ist, also eine Benennung enthalten, die durch die demonstrative Kraft der Endung ihre Wirklichkeit zugleich aussagt; eine Hindeutung auf irgendein Subjekt, das den Regen oder Hagel sendet, ist unter dieser Voraussetzung gar nicht vorhanden. Allerdings, wenn man regnen als Aktivum fassen wollte (1), Regen machen, Regen entsenden (wie yei und brechei Aktiva sind, die netzen, nass machen bedeuten, vgl. il fait de la pluie [er macht Regen - wp]), dann würde sich fragen, ob nicht doch ein Subjekt - die Wolke, der Himmel - wenn auch noch so blaß hinzugedacht und sprachlich angedeutet ist; es gießt, es schüttet legen dieselbe Frage nahe; allein für unsere heutige Anschauung vermag ich nicht zu glauben, daß, wer sagt: dort regnet es, dabei auch nur einen Schatten mehr denke, als bei den Worten: dort fällt Regen; und dann ist auch bei den ursprünglich aktiven Ausdrücken doch kein wirkendes Subjekt gedacht, sondern nur die Erscheinung benannt.

Auf der anderen Seite muß zugestanden werden, daß nicht auszumachen ist, wie weit noch schattenhafte Vorstellungen oder auch Personifikationen des Wolkenhimmels im Einzelnen mitspielen mögen; es bewölkt sich, hellt sich auf, läßt leicht die Ergänzung "der Himmel" zu; wenn wir sagen: es besinnt sich lange, ob's regnen will, wird ihm doch nicht einfallen zu schneien, so liegt ja darin der Anfang oder der Rest einer Personifikation; und beachtenswert ist es immerhin, daß bei HOMER yei, astraptei [es blitzt - wp] immer nur von ZEUS ausgesagt werden und der impersonale Gebrauch dieser Verba weit später ist; einen Übergang bildet HERODOT, der nur allgemein theos [Gott - wp]zu sagen pflegt. Das Subjekt, das diese Erscheinungen hervorbringt, in der Phantasie bestimmt zu gestalten war das nächstliegende; die nüchterne Auffassung verzichtet darauf und hält sich bloß an die Erscheinung als solche. Wer will nun sicher feststellen, welche Vorstellungen die überlieferten Formeln der Sprache in den Einzelnen erwecken? Den sichtbaren Vorgang lernen wir von Jugend auf mit den Worten "es regnet, es schneit" bezeichnen; wir können das vollkommen unachtsam auf die Bedeutung der Bestandteile der Formel nachsprechen, ihr nächster Sinn ist klar - was wir etwa über die Erscheinung weiter denken und ob wir mehr in die Formel hineinlegen, kann individuell verschieden sein.

Ähnlich ist die Vorstellung, die mit Sturm und Wind verbunden ist; die Substantiva bezeichnen strömende Luft, die sich meinem Gefühl bemerkbar macht und in ihren Wirkungen, dem Jagen der Wolken, dem Aufwirbeln des Staubes, dem Heulen und Brausen sich ankündigt; aber es wird nicht analysiert, nicht zwischen dem wirkenden Ding und seiner Bewegung und Tätigkeit unterschieden, dem Ganzen werden vielmehr die einzelnen Bewegungen zugeschrieben - der Sturm bricht los, fährt dahin. Es windet, es stürmt sagt nichts anderes, als der Wind, der Sturm weht.

16. Tag und Nacht, Morgen und Abend, Frühling, Sommer, Herbst und Winter und alle ähnlichen Bezeichnungen bieten eine doppelte Seite dar. Von der einen Seite ist in der Bedeutung von Tag und Nacht ein unanalysierter Gesamtzustand ausgedrückt, dessen vornehmste Züge Helligkeit und Dunkelheit sind, an die sich eine Menge weiterer Assoziationen anschließen; so bieten sie sich leicht der Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] und Personifikation: der Tag naht, kommt, Nacht bedeckt die Erde. Das überall verbreitete Licht, die Sichtbarkeit der ganzen Umgebung ist die Wahrnehmung; dieser jetzt gegebene Zustand meines ganzen Gesichtskreises ist das wirkliche Subjekt meiner Aussage - nicht die Dinge, die mir in wechselnder Beleuchtung erscheinen, Himmel und Erde, obgleich sie notwendig im Hintergrund mit vorgestellt werden -, diesen Zustand bezeichne ich mit Tag; Tag und Nacht sind zunächst nur qualitativ unterschieden, wirkliche Prädikate, wie hell und dunkel. Ich wache auf - es ist noch Nacht, es ist schon Tag; Tag war es und OCTAVIO stand vor mir - Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen. Ebenso wird bei Sommer und Winter an Gesamtzustände gedacht; wie dort hell und dunkel, so sind warm und kalt die hervorstechendsten Züge, an die sich die weiteren Vorstellungen anschließen. Wenn im April die Sonne heiß scheint, sage ich: es ist schon Sommer; muß ich im Mai heizen: es ist noch Winter; es muß doch Frühling werden. Die von diesen Substantiven gebildeten Verba es tagt, es wintert ein, haben diese qualitative Bedeutung; das Verbum drückt aber den Tag nicht als ruhenden, sondern als kommenden, werdenden Zustand aus. (Vergleichbar sind die Wendungen: es war Krieg, Friede war's im WALLENSTEINschen Lager,  s  war doch sonst wie Jahrmarkt hier - Krieg, Friede, Jahrmarkt sind die allgemeinen Bezeichnungen von Gesamtzuständen, die auf bestimmte Zeitverhältnisse Anwendung finden.)

Aber der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht, von Sommer und Winter drängt den Zeitunterschied, den Gedanken von abgemessenen Zeitabschnitten auf, die eine Reihe bilden und sich zählen lassen; dann ist das Subjekt nicht der gegenwärtige  Zustand,  sondern der gegenwärtige  Zeitabschnitt,  der, ähnlich den räumlich abgegrenzten Dingen, ein für meine Vorstellung abgegrenztes Ganzes bildet. Es ist Sonntag, es ist Ostern, meint: heute ist Sonntag, der heutige Tag ist der Ostertag; es waf Pfingsten sagt: der Tag, in den meine Geschichte fält, war der Pfingsttag. Man kann also nicht behaupten, daß es diesen Wendungen an einem Subjekt fehle; die Gegenwart selbst, die ich zwar nicht wie ein äußeres Ding sinnlich wahrnehme, die aber doch meinem unmittelbaren Bewußtsein als Glied einer Reihe aufeinanderfolgender Zeitmomente gegeben ist, ist dieses Subjekt; darum kann ich stets ein jetzt (respektive damals) hinzusetzen. Es ist Morgen, Mittag, Essenszeit, vier Uhr, der erste Mai - gleich ist's Morgen - benennen ebenso den gegenwärtigen oder bevorstehenden Zeitpunkt, indem sie ihn mit einem Glied einer feststehenden Reihe von Zeitabschnitten identifizieren; die qualitativen Unterschiede kommen nicht in Betracht, nur die Ordnung unterscheidbarer Zeitteile.

17. Damit haben wir bereits das Gebiet der in engerer Bedeutung sinnlichen Wahrnehmung verlassen, auf dem sich die früheren Beispiele bewegten. Noch weiter davon entfernt sind die Redensarten, die zu ihrer Voraussetzung Zustände und Verhältnisse haben, die nur vom kombinierenden Verstand erfaßt werden können; als Vertreter derselben bietet sich die zahllose Gruppe der Wendungen mit "es geht" und "es steht" und ihrer Verwandten.

"Gehen" zeigt zwar schon in seiner ursprünglichen Bedeutung impersonale Verwendung, wo es sich nur darum handelt, Tempo oder Richtung der Bewegung der im Übrigen bekannten Subjekte auszudrücken - so geht es über Stock und Stein - und diese Betonung der Bewegung für sich tritt am leichtesten ein, wo sie einer Mehrheit von Subjekten gemeinschaftlich ist. Wohin geht's? frage ich eine im Aufbruch begriffene Schar - den Einzelnen würde ich eher fragen: Wohin gehst Du? Mit der Vorstellung des Gehens verknüpft sich dann besonders leicht die des Wegs - es ging am Rande des Sees dahin, steil bergauf usw. Dann wird das Prädikat auf den Weg selbst übertragen - statt der Weg geht rechts, links, sage ich nur es geht rechts nach  A,  links nach  B;  und man wird häufig nicht entscheiden können, ob der Weg selbst gemeint, das Verb also nicht im strengen Sinne unpersönlich ist oder ob es wirklich nur die Bewegung in ihren besonderen Umständen bezeichnen will.

Wo es in übertragener Bedeutung ohne Nebenbestimmung gesetzt wird - es geht, es geht nicht, meint "es" immer etwas Bestimmtes, die auf ein Ziel gerichtete Tätigkeit; - "so geht es fort, man möchte rasend werden", meint Vorgänge von bestimmtem Charakter; es geht nicht vorwärts - eine bestimmte Unternehmung, die in's Stocken geraten ist. Die Redensart ist nur scheinbar unpersönlich. (2) Anders aber, wo nur der Verlauf einer Reihe von Tätigkeiten und Ereignissen selbst gemeint ist, die unter bestimmten Bedingungen stattfinden -  s  ist hier just, wie's beim Einhau'n geht; und dieser Gedanke eines Verlaufs der Dinge wird in immer steigender Ausdehnung und Verallgemeinerung gedacht - so geht's im Leben, so geht's in der Welt; dieselbe unanalysierte Gesamtvorstellung, die substantivisch als der Welt Lauf, der Gang der Begebenheiten bezeichnet wird. In den Redensarten mir geht's gut, mir geht's schlecht, wird dieses unbegrenzte "Gehen" auf ein bestimmtes Subjekt bezogen und nur der für dieses Subjekt wichtige Teil des gesamten Gehens gedacht; die fühlbaren Veränderungen seiner Umstände erscheinen als ein über ihn kommendes und dadurch sind diese Ausdrücke den andern, mir ist wohl, mir ist wehe, verwandt.

Ähnlich bezeichnet die Redewendung "es steht gut" eine unanalysierte Gesamtheit von Umständen und Zuständen; irgendein "Stehen" ist immer da und diese allgemeine Vorstellung wird in irgendeiner Spezialisierung auf den einzelnen Fall bezogen - wie steht es denn mit ihrem Herzen - steht es so um mein Kommando?

In ganz ähnlichen Verbindungen erscheinen dann die noch farbloseren Verba Sein und Werden, die im Wesentlichen denselben Inhalt haben - so war's von je - wird es nicht alle Tage schlimmer - wie war's damit - wie war's mit Eggenberg - in meinem Frankreich war's doch anders. Je nach dem Zusammenhang können bestimmbare Verhältnisse gemeint sein und kann man "es" mit "alles" oder einem verwandten Ausdruck ersetzen, zum Beweis, daß ein wenn auch nicht ausführlich gedachtes Subjekt vorliegt; oder es liegt nur der ganz unbestimmte Gedanke des irgendwie Seins und irgendeiner Richtung Werdens zugrunde, der keine Beziehung auf ein angebbares Subjekt mehr gestattet. Die eigentliche Aussage liegt in der näheren Bestimmung des Gehens, Stehens, Seins und Werdens. Logisch betrachtet findet derselbe Prozeß statt, wie wenn ich einen abstrakten Begriff eines Zustandes oder eines Geschehens, unter den ich zunächst das Gegebene gestellt habe, näher determiniere; sage ich vom Storch: sein Gang ist langsam, sein Flug ist rasch, so liegt zunächst eine Benennung darin, daß ich die wahrgenommene Bewegung als Gang oder Flug bezeichne; dieser lege ich dann das speziellere Merkmal bei: das Verhältnis von Subjekt und Prädikat ist das des Allgemeineren zu seiner näheren Bestimmung. Ebenso wird in den obigen Redensarten das, was ich im Sinn habe, zunächst unter den allgemeinsten Begriff des Stehens, Seins, Werdens subsumiert; es ist ein irgendwie Sein, Werden, Stehen; dann aber die genauere Bestimmung beigefügt. Wenn der Arzt den Patienten untersucht hat, so handelt es sich umd die Erkenntnis eines gegebenen Zustandes; das findet seinen Ausdruck in "es steht" - aber das ist selbstverständlich, daß es irgendwie steht; die erwartete Aussage muß das  Wie  betreffen, das nun adverbial angefügt wird.

18. Die letzte Hauptgruppe von Impersonalien wird von denjenigen gebildet, welche einfach  Existenz  aussagen und um diese zu erörtern, müssen wir etwas weiter ausholen, zumal da eine der vorhandenen Theorien in den Impersonalien überhaupt Existentialurteile sieht.

Ohne auf die schwierige metaphysische Frage nach dem Begriff des Seins überhaupt einzugehen, oder am herkömmlichen aber denkbar ungeeignetsten Beispiel: Gott existiert, unsere Untersuchung zu beginnen, können wir im vorliegenden Gebiet als allgemein zugestanden voraussetzen, daß der Grund, die Existenz von irgendeinem Ding oder einem Vorgang zu behaupten, die Wahrnehmung, in der äußeren Welt die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung ist. Was ich sehe und taste, das gilt mir als seiend und es gibt schließlich kein anderes Mittel, mich von der Existenz eines Dings schlechthin unwiderleglich zu überzeugen, als indem es mir vor Augen gestellt und greifbar gemacht wird; wer in diesem Sinne behauptet, daß etwas in der Welt existiere, behauptet, daß es irgendwie an irgendeinem Ort und zu irgendeiner Zeit wahrnehmbar sei. Mit den Gegenständen unserer sinnlichen Wahrnehmung ist der Gedanke, daß sie existieren, von Haus aus so unlöslich verflochten, daß die Frage gar nicht entstehen kann, ob sie existieren; wenn einer also versicherte, daß die Sonne am Himmel, dieses Haus und dieser Tisch existiert, würde man gar nicht verstehen, was er will. (3)

Die Möglichkeit, zur Frage nach der Existenz eines Dings zu kommen, ist erst dann gegeben, wenn die gegenwärtige Anschauung fehlt und nur ein inneres Erinnerungsbild, eine bloße Vorstellung vorhanden ist. Und nun wissen wir zunächst aus der Erfahrung des Vergehens und Verschwindens der Dinge, die wir früher gesehen haben, daß wir auch Nichtexistierendes, d. h. nicht mehr Wahrnehmbares vorstellen. Wer nach langer Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt, hat ein getreues Bild in der Erinnerung, mit dem er nun die gegenwärtige Anschauung vergleicht - das alte Stadttor ist nicht mehr da, die Linde davor ist verschwunden - er fragt: existiert das und das Haus noch - es ist abgebrannt; ist der und der noch da - er ist gestorben. Zu seinen Erinnerungsbildern fehlen am gewohnten Ort die sichtbaren Objekte. Dieselbe Erfahrung machen wir, so oft uns etwas verloren geht oder abhanden kommt; indem wir suchen, haben wir das Bild des Dings, dessen frühere Existenz uns innerhalb eines gewissen Raums aus der Anschauung gewiß war, wir vermögen es nicht zu finden - es ist jedenfalls nicht an dem Ort, wo wir es suchen, es ist weg, fort - und je nach seiner Beschaffenheit vermuten wir, daß es überhaupt nicht mehr existiert; die Vorstellung des Daseins, die ursprünglich damit verknüpft war, muß nun davon getrennt werden, es hat aufgehört zu sein, es ist vernichtet - finde ich es aber oder findet es ein anderer für mich, so heißt's: da ist's, da liegt's, da steht's - das gegenwärtig Wahrgenommene wird jetzt als identisch mit dem Gesuchten erkannt.

Es liegt in der Natur der Sache, daß in diesem Fall meist nicht vom Sein überhaupt, sondern vom Sein an einem bestimmten Ort die Rede ist, vom da-sein, vorhandensein usw.; und diese ursprüngliche räumliche Beziehung behält die Sprache im Ausdruck auch bei, wo sie sinnlos geworden ist, wie wenn das "Dasein" Gottes bewiesen wird. Nur erschlossen können die Sätze sein, daß etwas Verlorenes oder Verschwundenes überhaupt noch irgendwo vorhanden ist, erschlossen aus seiner Unzerstörbarkeit.

Nun scheint aber das Dasein nicht bloß von ganz individuellen Dingen, wie in den bisherigen Beispielen, sondern auch von  Begriffen  ausgesagt werden zu können; wenn ich sage: es existieren einzellige Organismen oder phönizischen Inschriften oder fossile Menschen, so scheint damit einem Begriff Realität zugesprochen zu werden und ich werde veranlaßt sein, diese Sätze einem solchen gegenüber zu behaupten, der die Existenz solcher Gebiete unwahrscheinlich oder wenigstens überraschend findet. Genauer zugesehen kann aber Existenz immer nur von Einzelnem behauptet werden; die Meinung ist, da und dort existieren einzelne Wesen, welche unter den Begriff der einzelligen Wesen fallen, Steine, die phönizischen Schrift, zeigen, fossile Knochen, die Menschenknochen sind; ein Teil der existierenden Einzeldinge ist es, der unter diese allgemeinen Begriffe fällt. Sage ich ebenso: es sind Erdbeeren in diesem Wald, Blütenknospen an diesem Baum, so habe ich einzelnes Gesehenes als Erdbeeren, als Blütenknospen erkannt; dem Hörer sage ich, was er unter Erdbeere, Blütenknospe versteht, werde er in einer unbestimmten Anzahl von sichtbaren Objekten wiedererkennen und ganz zutreffend ist also der Ausdruck: Erdbeeren finden sich, werden gefunden - denn beim Suchen und Finden geht ja eben die Vorstellung voran, der Anblick folgt nach.

Das Wort "Existieren" kann also zu seinem Subjekt niemals einen  Begriff als solchen,  d. h. den allgemein gedachten Begriffsinhalt haben; es fordert durch seine Bedeutung selbst die Vorstellung eines oder mehrerer einzelner konkreter Dinge, respektive Vorgänge oder Verhältnisse an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit, welche Teile der Gesamtheit der in Raum und Zeit wirklichen Welt und des Geschehens in ihr und der in ihr bestehenden Beziehungen sind; und die Möglichkeit eines Existenzialurteils liegt eben darin, daß derselbe Vorstellungsinhalt in verschiedener Weise gedacht werden kann, als allgemeines und als einzelnes konkretes in Raum und Zeit vorgestelltes Objekt und daß er in verschiedenem Verhältnis zu meinem Bewußtsein stehen kann, als bloß vorgestellter und zugleich als angeschauter. Um von einem allgemeinen Begriff aus zu einem Existentialurteil zu gelangen, muß ich also erst seinen Inhalt in konkreter Einzelheit denken und dann zu dieser Einzelvorstellung die entsprechende Anschauung oder die entsprechenden Anschauungen aufweisen. Was ich beim Wort Urmensch (in DARWINs oder HÄCKELs Sinne) denke, ist zunächst eine hypothetische Begriffskonstruktion; ich rede darum von ihm in der Einzahl, wenn ich seine Merkmale angebe. Handelt es sich um die Realität dieser Hypothese, so verwandelt sich dieser begriffliche Typus sofort in eine unbestimmte Anzahl von Individuen, die irgendwo und irgendwann auf der Erde waren; nur von diesen kann die Existenz in Frage kommen; nicht "der Urmensch" kann existiert haben, sondern so und so viele Urmenschen; und daß sie existiert haben, würde unwiderleglich nur durch greifbare fossile Reste bewiesen werden, welche mit der Definition übereinstimmen.

Die Existentialurteile kehren somit den Prozeß der Benennungsurteile um. (4) Bei diesen ist der anschauliche einzelne Gegenstand gegeben, der als solcher ohne Weiteres als existierend gedacht wird; die früher gewonnene und bekannte Vorstellung tritt dazu und wird als übereinstimmend mit jener erkannt. Beim Existentialurteil ist die innere Vorstellung das erste; es fragt sich, ob ihr ein einzelnes wahrnehmbares Ding entspricht; bietet sich dieses der Anschauung dar, so sage ich: ein  A  ist vorhanden, findet sich, existiert.

19. Wenden wir diese Erwägungen nun zunächst auf die Theorie an, welche in den Impersonalien: "es blitzt, es donnert" Existentialurteile sieht und als ihren wahren Sinn angibt: Blitzen ist, Donnern ist. Kein Zweifel, daß der Satz: "es blitzt" einen wirklichen Vorgang meint und insofern ist also die Interpretation berechtigt, welche in ihm die Behauptung einer Wirklichkeit sieht; sie enthält auch darin einen richtigen Gedanken, daß sie die Vorstellung eines blitzenden Dings aus dem Sinn des Satzes eliminiert. Allein so gewiß die Wirklichkeit eines Vorgangs behauptet wird, so gewiß ist doch die Aussage nicht ihrer Form nach darauf gerichtet, diese Existenz zu behaupten, so daß "Blitzen" in der Tat das Subjekt, "sein" das Prädikat wäre. Denn die Sätze: Ich esse, trinke, spreche, schreibe, er kommt, geht usw., wollen ebenso etwas Wirkliches ausdrücken und werden von niemand anders verstanden, als daß das Essen usf. eben jetzt stattfindet; man könnte sie ebenso übersetzen wollen: mein Essen und Trinken ist, sein Kommen ist. Aber in diesen Fällen ist die Wirklichkeit dessen, was ausgesagt wird, schon darin eingeschlossen, daß das Subjekt als wirklich existierendes vorgestellt und darum gar kein Grund vorhanden ist, dieses Existieren zu behaupten; es handelt sich um die Angabe seines gegenwärtigen Zustandes. Ebenso wollen aber auch die Impersonalien direkt durch die Form des Urteils von einem Wirklichen das Blitzen, nicht vom Blitzen das Wirklichsein aussagen.

Und was sollte denn der Satz: "Blitzen ist" bedeuten? Soll er von der allgemeinen Vorstellung, welche durch das Wort Blitzen zunächst ausgedrückt ist, die Existenz aussagen? Aber daß Blitzen oder Frieren überhaupt keine bloßen Fiktionen, sondern Begriffe wirklicher Vorgänge sind, kann nicht gemeint sein; behauptet wird nicht die Realität des Begriffs, sondern die Wirklichkeit einer einzelnen Erscheinung, die unter den allgemeinen Begriff fällt; nicht: "Blitzen ist", sondern:  ein  Blitzen, wiederholtes Blitzen ist jetzt und hier, müßte das Existentialurteil lauten, das diesen Sinn von "es blitzt" ausdrücken wollte.

Obgleich nun direkt nicht gesagt werden soll, daß das Blitzen stattfindet, sondern daß das eben Gesehene, also Stattfindende, ein Blitzen ist, so sind doch die beiden Gedanken so nahe beieinander, daß, je nach dem Zusammenhang, der direkt ausgesprochene oder der nur indirekt mitenthaltene in den Vordergrund treten kann. Wo in der Gegenwart aus der Wahrnehmung geurteilt wird, dominiert die Benennung; wo aber bloß nach der Aussage eines anderen berichtet oder aus der Erinnerung erzählt wird, das ist psychologisch betrachtet der Prozeß ein mehr vermittelter und der Gedanke des Stattfindens als Inhalt der Aussage mach sich gerade darum in erhöhtem Maße geltend, weil das beharrliche Subjekt fehlt, das in den Sätzen: ich schrieb gestern usw. die Vorstellung der Wirklichkeit von selbst einschließt. (5)

Dasselbe gilt von den Erscheinungen, denen erfahrungsgemäß eine längere Dauer zukommt - es regnet, es brennt und dgl.; mit der Benennung selbst wird vermöge der Bedeutung des Worts über den gegenwärtigen Moment hinausgegangen und ein länger dauernder Zustand als wirklich behauptet; und ebenso gilt es von allgemeinen Sätzen: wenn es donnert, so hat es geblitzt und dgl. Aber die Form der Aussage ist auch jetzt von der Benennung hergenommen, gerade wie im Satz: das war ein Drängen, Schreien usw., der ebenso in der Form des Benennungsurteils die Behauptung einer Tatsache enthält.

20. Muß also der Auffassung, welche in den Impersonalien Existentialurteile sieht, darum eine gewisse Berechtigung zuerkannt werden, weil sie ursprünglich immer nur von konkreten Erscheinungen gebraucht werden, so steht es anders mit der Lehre, welche die Existentialsätze überhaupt als eine ganz besondere Klassen von Aussagen hinstellt und behauptet,  Existieren falle gar nicht unter den Begriff des Prädikats. 

Was zu dieser Auffassung führte, war die Schwierigkeit, sein oder existieren in demselben Sinn von einem Ding ausgesagt zu denken, wie rundsein, rotsein, gehen oder fallen. Bei diesen Prädikaten wird die gegebene Gesamtvorstellung in die Elemente Ding und Eigenschaft, Ding und Tätigkeit zerlegt; beide sind in derselben Weise gegeben, das Prädikat bildet einen Bestandteil des Inhalts der Subjektsvorstellung. "Sein" aber ist kein Bestandteil des Inhalts der Subjektsvorstellung. "Sein" aber ist kein Bestandteil des vorgestellten Inhalts; ob ich sage  A  ist oder  A  ist nicht, Atome existieren oder Atome existieren nicht, beide Mal denke ich inhaltlich genau dasselbe  A,  im einen Fall nicht mehr und nicht weniger als im andern; ja der Sinn der Aussage selbst setzt voraus, daß ich dem ganzen ungeteilten Inhalt der Subjektvorstellung das Sein zu- oder abspreche. Das hat KANT unwiderleglich festgestellt, indem er erklärt, daß "Sein" niemals zu den inhaltlichen Bestimmungen eines Begriffs gehört, die er allein "Prädikate" zu nennen pflegt. Darum kann der Satz "A ist", niemals ein analytischer Satz sein; Sein ist überhaupt kein Begriff von etwas, was zum  Begriff  eines Dings hinzukommen könnte, der Satz "A ist" ist also auch kein synthetischer Satz in demselben Sinne, wie diejenigen synthetischen Sätze (z. B. alle Körper sind schwer), die einen Begriff durch ein weiteres Merkmal bestimmen und vergrößern; es ist, nach KANTs Ausdruck, kein "reales Prädikat". Sein ist vielmehr bloß die Position eines Dings oder gewisser Bestimmungen an sich selbst; es setzt den "Gegenstand" in Beziehung auf meinen Begriff; zu meinem  Begriff  kommt der  Gegenstand  synthetisch hinzu; der Gegenstand aber kann nur durch Erfahrung, also durch eine vom Begriff bildenden Denken verschiedene Funktion gegeben werden. KANT stellt also eben das fest, was oben ausgeführt wurde: das Prädikat der Existenz betrifft nicht den Begriff als solchen, sondern einen mi dem Begriff übereinstimmenden, im Gebiet der Erfahrung nachweisbaren Gegenstand. Sein ist mit anderen Worten dem Begriff gegenüber ein  Relationsprädikat,  das sein "Verhältnis zum Erkenntnisvermögen" ausdrückt, es sagt daß, was begrifflich gedacht, auch der Anschauung gegeben sei (oder mit einer Anschauung nach allgemeinen Gesetzen zusammenhänge). Vom logischen Gesichtspunkt aber ist KANT weit davon entfernt, im Satz "A existiert" etwas anderes als die Aussage des Existierens vom Subjekt  A  zu erkennen; sonst könnte er ihn nicht einen synthetischen Satz nennen.

An einzelne Sätze KANTs anknüpfend, andere ebenso wesentliche aber übersehend, hat zuerst HERBART (Einleitung in die Philosophie § 63 vgl. § 53) die Konsequenz gezogen, im Existentialsatz dürfe nicht der Begriff des Seins für das ursprüngliche Prädikat gehalten werden; vielmehr werde  der Begriff,  der im gewöhnlichen Satz nur bedingt und beschränkt, unter der Voraussetzung des Subjekts, aufgestellt werden,  unbeschränkt  und  unbedingt  "gesetzt". Im gewöhnlichen Satz nämlich - das Wasser verdunstet - denkt man an Verdunsten nur, sofern dieses Merkmal im Begriff des Wassers vorkommt; man denkt nicht an wohlriechende Dünste usw. Die Beschränkung richtet sich ganz nach dem Subjekt; setzt man Flüssigkeit statt Wasser, so wird das Prädikat weniger beschränkt; verschwindet der Inhalt des Subjektbegriffs ganz, wird gar nicht angegeben was das Verdunstende sei, so erreicht die freie Stellung des Prädikats ihr Maximum - es ist unbeschränkt; freilich bleibt, da das Subjekt fehlt, kein gewöhnliches Urteil mehr übrig, es muß etwas anderes an dessen Platz getreten sein. Zugleich wird das Prädikat mit dem Wegfallen des Subjekts  unbedingt  aufgestellt. Im gewöhnlichen Satz  A  ist  B,  den HERBART als  Verknüpfung von Begriffen  betrachtet, wird der Prädikatsbegriff aufgestellt, nur sofern er an das Subjekt angeknüpft werden soll; umgekehrt wird auch der Subjektsbegriff nicht absolut aufgestellt, sondern hypothetisch, in Erwartung irgendeines Prädikats;  A  ist  B  enthält keineswegs die Behauptung, daß  A  sei; sondern sagt nur:  wenn A  gedacht wird, muß es als  B  gedacht werden. Jedes Urteil von dieser Form ist als hypothetisch. Wird nun aber ein Begriff nicht so aufgestellt, daß er an einen andern soll angelehnt werden, wie vorher, da er ein Subjekt hatte, so wird er  unbedingt  und  absolut  aufgestellt. Das ist nun der Fall bei den Impersonalien: es friert, es regnet usw. Sage ich: ZEUS donnert, so fragt sich, ob ZEUS existiere; damit schlechthin die Tatsache als vorhanden bezeichnet werden, muß das Subjekt fehlen: es donnert; dann fällt die Frage, ob das Subjekt existiert, weg, das Donnern ist  absolut aufgestellt;  das Urteil: ZEUS donnert, sagt nicht, daß wirklich das Donnern geschieht.

In anderer Weise begründet BRENTANO (6) eine Auffassung, die, der HERBARTschen hinsichtlich der gewöhnlichen Sätze entgegengesetzt, für die Existentialsätze zu einem ähnlichen Resultat führt. Vorstellen und Urteilen, führt er aus, seien zwei gänzlich verschiedene Weisen des Bewußtseins von einem Gegenstand; indem der Gegenstand einer Vorstellung Gegenstand eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils werde, trete das Bewußtsein in eine völlig neue Beziehung zu ihm, ähnlich, wie wenn das Vorgestellte nun auch begehrt oder geliebt werde. Er bespricht dann die Annahme, daß Urteilen in einem Verbinden und Trennen von Vorstellungen bestehe und zeigt, daß mit dem bloßen Verbinden von Vorstellungen das Wesen des Urteils nicht erschöpft sei; "grüner Baum" ist auch eine Verbindung von Vorstellungen, aber kein Urteil. Es ist aber nicht einmal richtig, fährt er Seite 276 fort, daß bei allem Urteilen ein Verbinden und Trennen vorgestellter Merkmale stattfindet. Auch ein einzelnes Merkmal kann anerkannt oder verworfen werden. Im Satz "A ist", ist nicht die Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit  A,  sondern  A  selbst ist der Gegenstand, den wir anerkennen.

Nun ist kein Zweifel, daß in jeder Behauptung nicht bloß das Bewußtsein einer subjektiven Vorstellungsverbindung, sondern das Bewußtsein der objektiven Gültigkeit des Gedachten und Ausgesprochenen mitgesetzt ist, daß eben dadurch die Behauptung sich teils von der bloß attributiven Verbindung, teils von der Frage oder der bloßen Vermutung unterscheidet; und wenn wir von der psychologischen Genesis des Urteils absehen, kann jedes Urteil so dargestellt werden, als ob es eine Frage durch Ja oder Nein entschiede. Daß in dieser Entscheidung, in der "Anerkennung" oder "Verwerfung", eine andere Funktion liegt, als im bloß subjektiven Beziehen zweier Vorstellungen aufeinander, ist unbedingt zuzugeben; daß diese Funktion aber einem ganz anderen Gebiet der Seele angehört, als das Vorstellen und mit Liebe und Hass näher verwandt sei als mit dem Denken und Vorstellen bestimmter Objekte, folgt daraus nicht. Denn mit dem Vorstellen der Objekte ist notwendig auch die Vorstellung bestimmter Beziehungen derselben, der Gleichheit, Verschiedenheit, Zusammengehörigkeit usf. gegeben; und das Bewußtsein der Gültigkeit dieser Beziehungen geht schließlich, wie ich in meiner Logik gezeigt zu haben glaube, auf das unmittelbare oder vermittelte Bewußtsein der  Notwendigkeit  der Tätigkeiten zurük, in denen wir Vorstellungen denkend aufeinander beziehen. Der Sinn der Gültigkeit aber ist je nach dem Charakter der Vorstellungen verschieden; betrifft unser Urteilen Objekte, die wir aufgrund unserer Wahrnehmung als wirklich existierend voraussetzen, so meint die Gültigkeit das wirkliche Stattfinden dessen, was wir aussagen, innerhalb der gegebenen Welt; betrifft es bloße Begriffe, so meint die Gültigkeit des Urteils eine im vorgestellten Inhalt selbst liegende Notwendigkeit, ein bestimmtes Prädikat von ihm auszusagen. Sage ich: hier steht der Buchstabe  A:  so zwingt mich die Wahrnehmung, dieses Urteil für gültig zu halten, seine Wahrheit ruht auf der sinnlich gegebenen Notwendigkeit, an dieser Stelle des Raums diesen Buchstaben zu sehen; sage ich: ein schlechterdings unteilbares Atom kann keine Ausdehnung haben, so zwingt mich das Verhältnis der Begriffe Ausdehnung und Teilbarkeit zu dem Satz, der gilt, ob ich an die Wirklichkeit solcher Atome glaube oder nicht. Darum ist sowohl HERBARTs Meinung, alle Urteile von der Form  A  ist  B  seien hypothetisch, als die Meinung BRENTANOs, alle seien zuletzt Existentialurteile, unhaltbar; beide dehnen, was von einem Teil der Urteile und dem Sinn ihrer Gültigkeit richtig ist, auf alle Urteile überhaupt aus.

Wenn nun aber auch sicher ist, daß das Bewußtsein der Gültigkeit oder Ungültigkeit, das "Anerkennen" oder "Verwerfen" von der bloßen Vorstellung einer Beziehung zweier Vorstellungen aufeinander  unterschieden  werden muß: so ist andererseist ebenso sicher, daß in den einfachsten und unmittelbaren Urteilen das Bewußtsein der Gültigkeit vom Gedanken der Prädikation gar nicht  getrennt  werden kann; daß beides mit einem Schlag gegeben ist. Ich kann ja nicht  fragen,  ob Kohle schwarz oder Schnee weiß, ob dieser Tisch eckig oder jene Kugel rund ist; die Vorstellungen Kohle und schwarz usw. können gar nicht in Beziehung gesetzt werden, ohne daß sich zugleich das Bewußtsein der Notwendigkeit und Gültigkeit ihrer Zusammengehörigkeit einstellt; ich habe nicht erst die bloße Vorstellung, daß Kohle vielleicht die Schwärze an sich hat, um sie dann - wenn es nach CARTESIUS ginge, durch einen freien Akt meines Willens - zu bejahen oder zu verneinen; sondern beides, die Beziehung der Vorstellungen Kohle und schwarz aufeinander und das Bewußtsein ihrer Gültigkeit entsteht zugleich. Erst wo es sich um  vermittelte  Prädikationen handelt, kann die Trennung der subjektiven Vorstellungsverbindung von der Gewißheit ihrer Gültigkeit eintreten und damit die bloße Vermutung oder die Frage; wenn ich ein weißes Pulver sehe, kann ich nicht fragen, ob es weiß ist, wohl aber ob es Zucker oder Salz ist, weil meine Gesichtsvorstellung noch nichts vom Geschmack enthält und nur durch vermittelnde Assoziation der Gedanke eines süßen oder salzigen Geschmacks ensteht. Aber die Frage selbst ist doch auf die Entscheidung gerichtet; sie wäre gar nicht möglich, wenn nicht die Fälle der einfachen und unmittelbarsten Gewißheit vorangegangen wären; sie schließt den Gedanken der Gültigkeit der einen oder anderen Entscheidung, den Gedanken der Anerkennung oder Verwerfung schon ein. Logisch, psychologisch und darum auch grammatisch ist das einfache, unmittelbare Urteil früher als die Frage. (7)
LITERATUR - Christoph Sigwart, Die Impersonalien - eine logische Untersuchung, Freiburg/i. B. 1889
    Anmerkungen
    1) LUTHER übersetzt Matth. 5, 45 das persönliche pater brechei nicht "er regnet" sondern "er läßt regnen"; der Ausdruck: die Wolke regnet entspricht schwerlich der ursprünglichen, sondern eine abgeleiteten Bedeutung des Verbums.
    2) Im Lateinischen entspricht die vielfache Verwendung von  res  im Singular und Plural.
    3) Übereinstimmend mit SCHUPPE, a. a. O. Seite 256
    4) Vgl. SCHUPPE, a. a. O. Seite 284 und oben
    5) Die von LOTZE (Logik, 3. Auflage, Seite 71) vertretene Auffassung, daß in den Sätzen: es blitzt, es regnet, es ist kalt, also auch in den Sätzen: es blitzt im Osten, es blitzt im Westen, es blitzte gestern, schließlich immer dasselbe, in der ganzen Welt und durch alle Zeit identische Subjekt gemeint sei, an welchem alle diese Erscheinungen als Prädikate hängen, der allumfassende Gedanke der Wirklichkeit, die bald so bald anders gestaltet ist - diese Auffassung schiebt der gewöhnlichen Sprache ein logisches Kunstprodukt unter, das keine Stelle im natürlichen Denken hat.
    6) FRANZ von BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. I, 1874, Seite 266f
    7) Vgl. §§18 und 19 meiner Logik und meine Ausführung Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. V, Seite 97f. PAUL a. a. O. Seite 110