cr-4 Die ImpersonalienWundtCohenErdmannJerusalem    
 
CHRISTOPH SIGWART
L o g i k  I
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    Einleitung
§ 1. Aufgabe der Logik
§ 2. Grenzen der Aufgabe
§ 3. Postulat der Logik
§ 4. Einteilung der Logik
§ 5. Der Satz als Ausdruck des Urteils, Subjekt und Prädikat
§ 6. Die obersten Gattungen des Vorgestellten
§ 7. Die allgemeine Vorstellung und das Wort
§ 8. Notwendigkeit des Worts für das Prädikat
§ 9. Die Benennungsurteile
§ 10. Eigenschafts- und Tätigkeitsurteile
§ 11. Impersonalien und verwandte Urteilsformen
§ 12. Relationsurteile
§ 13. Urteile über Abstrakta
§ 14. Die objektive Gültigkeit des Urteils
§ 15. Die Zeitbeziehung der erzählenden Urteile
§ 16. Die erklärenden Urteile
§ 17. Der sprachliche Ausdruck des Urteilsaktes
§ 18. Analytische und synthetische Urteile
§ 19. Der Prozeß des synthetischen Urteils

"Das objektive Dasein kommt nie dem Urteil selbst, sondern nur seinem sinnlichen Zeichen, dem gesprochenen oder geschriebenen Satz zu, der, äußerlich für andere gegenwärtig und erkennbar, beurkundet, daß ein bestimmter Denkakt im lebendigen Denken vollzogen worden ist und auffordert, denselben aufs Neue zu vollziehen."

"Wir fassen den Baum, den Stein als Einheit auf, indem ihre Form die allseitige Umgrenzung und Unterscheidung begünstigt. Aber indem sich innerhalb der zuerst so gewonnenen Einheit neue Unterschiede zeigen, neue Grenzen sich ziehen lassen, entstehen untergeordnete räumliche Einheiten innerhalb des ersten Umrisses; die Glieder des menschlichen und tierischen Leibes setzen sich vermöge ihrer relativ freien Beweglichkeit als solche Einheiten heraus. Wenn wir nun so ein Ganzes zerlegen, entsteht zunächst nur eine Mehrheit neuer Einheiten, neuer Dinge für uns, die wir abgrenzen; damit, daß wir die Vorstellung des Kopfes neben der des ganzen Leibes, des Fingers neben der der ganzen Hand haben, ist der Kopf noch nicht als Teil des Leibes, der Finger noch nicht als Teil der Hand vorgestellt, wenn auch durch unmittelbare weiter gehende Anschauung oder Reproduktion zum Kopf der Leib, dem er angehört, zum Finger die Hand ergänzend vorgestellt wird; erst indem wir uns des Verhältnisses der untergeordneten Einheit zur höheren bewußt werden, das Zerlegte wieder zusammensetzen und beide Prozesse wieder aufeinander beziehen, erscheint der Kopf als Teil des Leibes, der Finger als Teil der Hand; und mit der Vorstellung der Dinge, die wir, wie die Glieder des Leibes, immer nur als Teile, niemals als isolierte Ganze wahrnehmen, verknüpft sich allerdings neben dem anschaulichen Bild die Vorstellung der Relation, der Angehörigkeit an ein Ganzes, (Kopf, Arm, Glied usw.) während es anderen zufällig ist, ob sie als Teile oder als selbständige Ganze vorgestellt werden (Blume als Ganzes, Blüte als Teil)."

"Die Vorstellung des  Unterschieds  ist nichts Gegebenes; damit daß mehrere unterschiedene Objekte im Bewußtsein sind, ist wohl das Unterscheiden vorausgesetzt; aber zunächst kommt nur das Resultat dieser Funktion zu Bewußtsein, das im Nebeneinander mehrerer Objekte, deren jedes für sich festgehalten wird, besteht. Die Vorstellung des Unterschieds aber, der Gleichheit oder Verschiedenheit, entwickelt sich erst, wenn das Unterscheiden mit Bewußtsein vollzogen und auf diese Tätigkeit reflektiert wird."

"Die Vorstellung des Wirkens ist niemals anschaulich; der Übergang der Kausalität von einem Ding auf das andere ist immer hinzugedacht und ein Produkt des zwischen ihnen verknüpfenden Denkens; anschaulich ist nur das Tun selbst, die Veränderung der in Relation tretenden Dinge."

 "Ein Reiter zu Fuß  ist ein lächerlicher Widerspruch, wenn ich mit  Reiter  den Mann bloß bezeichnen will, solange er zu Pferde sitzt; bezeichne ich aber damit den Mann, der in der Reiterei dient, so ist es eine ganz selbstverständliche Sache, daß er auch zu Fuß geht. Der Satz:  Kein Objekt ohne Subjekt  ist in demselben Sinne wahr, wie der Satz: Ein Reiter kann nicht zu Fuß gehen."

"Was wir als irgendwie seiend denken, das ist nicht von unserem Denken hervorgebracht und es geschieht ihm realiter nichts damit, daß es gedacht wird; und doch soll es ein Objekt unseres Denkens sein und in Beziehung dazu stehen. Nennen wir diese Klasse von Relationen die  modalen:  so fallen darunter alle Beziehungen, in welche wir die Dinge zu uns setzen, sofern wir sie  vorstellen  und als vorgestellte  begehren, wünschen,  in ihrem Wert für uns beurteilen; also nicht bloß alle die Verba, welche eine auf Objekte bezogene ideelle Tätigkeit ausdrücken, sondern ebenso die Adjektiva und Adverbia, welche wie  wahr  und  falsch  das Verhältnis meiner Vorstellung zu dem Ding, auf welches sie sich bezieht oder wie  schön  und  gut  eine Beziehung des Inhalts einer Vorstellung zu einem Maßstab der Wertschätzung ausdrücken und darum nur wo dieser Maßstab absolut feststeht, indirekt Ausdruck für eine Eigenschaft werden können, die dem Ding als solchem zukommt."



Erster analytischer Teil
D a s   W e s e n   u n d   d i e  
V o r a u s s e t z u n g e n   d e s   U r t e i l e n s

§ 5.
Der Satz als Ausdruck des Urteils, Subjekt und Prädikat

Der Satz, in welchem etwas von etwas ausgesagt wird, ist der sprachliche Ausdruck der  Urteils.  Dieses ist ursprünglich ein  lebendiger Denkakt,  der jedenfalls voraussetzt, daß  zwei unterschiedene Vorstellungen  dem Urteilenden gegenwärtig sind, indem das Urteil vollzogen und ausgesprochen wird, die  Subjekts-  und die  Prädikatsvorstellung,  die sich vorerst nur äußerlich so unterscheiden lassen, daß das Subjekt dasjenige ist, wovon etwas ausgesagt wird, das Prädikat dasjenige, was ausgesagt wird.

1. Was uns als Urteil entgegentritt in Form eines ausgesprochenen Behauptungssatzes, erscheint zunächst als ein fertiges Ganzes, als ein abgeschlossenes Resultat unseres Denkens, das als solches im Gedächtnis wiederholbar, in neue Kombinationen einzugehen fähig, durch Mitteilung an andere übertragbar, in der Schrift für alle Zeit fixierbar ist. Aber dieses objektive Dasein und diese selbständige Existenz, vermöge der wir zu sagen pflegen, daß das Urteil aussage, verknüpfe, trenne, ist bloßer Schein und diese Redensarten sind Tropen [Redefigur, bei der von der gewöhnlichen Wirkung der Sprache abgewichen wird. - wp]; so wie wir eigentlich reden wollen, hat das Urteil als solches seine wirkliche Existenz nur im lebendigen Urteilen, in demjenigen Akt eines denkenden Individuums, der sich in einem bestimmten Moment innerlich vollzieht und im Satz ausspricht und jedes Fortbestehen des Urteils als lebendigen Vorgangs im Denken ist nur dadurch möglich, daß dieser Akt immer und immer wieder, in der Regel aus Veranlassung seines äußeren Ausdrucks, mit dem Bewußtsein seiner Identität wiederholt wird. Das objektive Dasein kommt nie dem Urteil selbst, sondern nur seinem sinnlichen Zeichen, dem gesprochenen oder geschriebenen Satz zu, der, äußerlich für andere gegenwärtig und erkennbar, beurkundet, daß ein bestimmter Denkakt im lebendigen Denken vollzogen worden ist und auffordert, denselben aufs Neue zu vollziehen.

Das Wesen des Urteils untersuchen heißt also den  Denkakt  betrachten, den wir vollziehen, wenn wir im lebendigen Urteilen begriffen sind; und da jede Wiederholung eines Urteils seine erstmalige Erzeugung voraussetzt, so sind wir an diejenigen Fälle gewiesen, in denen wir denkend ein Urteil neu erzeugen und ihm seinen sprachlichen Ausdruck schaffen (wie es z. B. immer geschieht, wenn wir eine neue Beobachtung in einem Wahrnehmungsurteil aussprechen). Dabei kann niemals davon abgesehen werden, daß alles Vollziehen und Aussprechen eines Urteils die Tendenz auf Mitteilung an sich hat und diese herrschende Tendenz den sprachlichen Ausdruck auch derjenigen Urteile bestimmt, die zunächst nur innerlich gebildet werden. Es ist ferner schon hier zu unterscheiden zwischen dem inneren Vorgang, der die ursprüngliche Erzeugung des Urteils begleitet, das sich seinen sprachlichen Ausdruck erst schafft und dem Vorgang, der durch einen gehörten Satz hervorgerufen wird, welcher die Nacherzeugung eines Urteils veranlaßt.

2. Das, was vorgeht, indem ich ein Urteil bilde und ausspreche, kann zunächst äußerlich so bezeichnet werden, daß ich etwas von etwas aussage. Es sind jedenfalls zwei Elemente da; das eine ist das, was ausgesagt wird, das Prädikat, das andere das, wovon ausgesagt wird oder auf welches hingesagt wird, das Subjekt. Damit ist aber nur eine äußerliche, von der Sprache hergenommene Bezeichnung gegeben; Aussagen ist eine Tätigkeit der Sprachorgane und es fragt sich, was innerlich in unserem Denken vorgeht, wenn wir "etwas von etwas aussagen."

3. Gehen wird vom gesprochenen Satz aus: so ist vor allem ein Unterschied zu machen zwischen denjenigen Sätzen, in denen als Subjekt oder Prädikat nur die  Wörter als solche  gemeint sind, als Lautkomplexe, die ihre Bedeutung erst erhalten sollen, (Alexandros ist Paris, Jagsthausen ist ein Dorf und Schloß an der Jagst usw.) oder ob die Wörter als Zeichen auftreten, von denen vorausgesetzt wird, daß sowohl der Sprechende, als auch der Hörende sie versteht, d. h. eine bestimmte und zwar dieselbe Vorstellung mit ihnen verbindet. Jene, die bloß  hermeneutischen  [interpretierenden, wp] Aussagen lassen wir beiseite und wenden uns zur Untersuchung darüber, was in den Urteilen vorgehe, in denen Subjekts- und Prädikatswort nur als Zeichen von Vorgestelltem auftreten.

4. In diesem Falle müssen beide Elemente, Subjekt und Prädikat, wenn die Aussage Sinn haben soll, etwas meinem Bewußtsein  Gegenwärtiges, eben jetzt  Vorgestelltes sein. Die  Subjektsvorstellung  erscheint als dasjenige, was mir zuerst gegenwärtig ist; jedes beliebige Objekt, das ich im Bewußtsein für sich festhalten kann, ist an und für sich fähig, Subjekt eines Urteils zu werden, sei's eine unmittelbare Anschauung von Einzelnen, sei's eine abstrakte Vorstellung, sei's ein Ding, ein Geschehen etc. Zu ihr tritt als zweites in unserem Bewußtsein die  Prädikatsvorstellung.  Ihr ist es wesentlich, daß sie dem schon bekannten und durch verstande Wörter bezeichneten Gebiet unserer Vorstellungen angehört, daß sie also eine durch frühere Akte aufgenommene, im Bewußtsein mittels des Wortes festgehaltene und mit ihm reproduzierbare, von allen anderen Vorstellungen unterschiedene ist. Um zu sagen: das ist blau, das ist rot, muß ich die Vorstellungen blau, rot usw. schon von früher her kennen und eben jetzt als bekannte reproduzieren; und Urteilen ist erst von da an möglich, wo eine Anzahl solcher festgehaltener und unterschiedener Vorstellungen leicht ins Bewußtsein tritt. Das bewußte Urteilen setzt also voraus, daß diese Vorstellungen  schon gebildet  sind.

Nun ist allerdings in dem Prozeß, durch den sie sich bilden, bereits ein Denken enthalten; mag man die Funktionen, durch welche wir zur Vorstellung bestimmter Gegenstände und überhaupt zu Vorstellungen gelangen, die wir als Prädikate verwenden können, sich im Einzelnen denken wie man will, so ist unzweifelhaft dabei ein Unterscheiden verschiedener Empfindungen, ein Zusammenfassen eienr Mannigfaltigkeit zu einem Ganzen, ein Beziehen dieses Ganzen als Einheit auf seinen mannigfaltigen Inhalt, ein Festhalten des so gewonnenen Produkts nötig - lauter Akte die wir nur in Analogie mit bewußten, urteilsartigen Denkakten uns vorzustellen vermögen. Aber diese Tätigkeit, durch welche uns bestimmte von einander unterschiedene und für sich festhaltbare Vorstellungen entstehen, fällt vor unser bewußtes und absichtliches Denken und folgt unbewußten Gesetzen; wenn wir anfangen uns zu besinnen, sind nur die Resultate dieser Prozesse in Form von fertigen benannten Vorstellungen im Bewußtsein und die Prozesse selbst müssen teils ursprünglich durch eine psychologische Notwendigkeit geleitet worden sein, da sie von allen Menschen im Wesentlichen übereinstimmend vollzogen werden, teils sind sie so eingeübt und zur mechanischen Fertigkeit ausgebildet, daß sie auch innerhalb des bewußten Lebens mit unbewußter Sicherheit vor sich gehen. Andererseits ist die ursprüngliche Entstehung und die erste Aneignung der Sprache ebenso schon vorausgesetzt, da sich alles bewußte und willkürliche Denken schon mit Hilfe derselben vollzieht. Es fällt also zunächst außerhalb unserer Aufgabe, dasjenige Denken zu betrachten, durch welches Vorstellungen zuerst entstehen und ebenso, die Entstehung der Sprache zu untersuchen, wenn auch vielleicht die fortschreitende Analyse diese Fragen berühren muß; wohl aber ist es nötig, das Gebiet der Vorstellungen zu übersehen, welche als Elemente, sei es als Subjekt oder als Prädikat, in unsere Urteile einzugehen vermögen und das Verhältnis des innerlich Vorgestellten zu seinem sprachlichen Ausdruck zu bestimmen.


Erster Abschnitt
D i e   V o r s t e l l u n g e n   a l s   E l e m e n t e   d e s   U r t e i l s
u n d   i h r   V e r h ä l t n i s   z u   d e n   W ö r t e r n

§ 6.
Die obersten Gattungen des Vorgestellten

Was wir vorstellen und was als Subjekt oder Prädikat oder Teil des Subjekts und Prädikats in unsere Urteile einzugehen vermag, sind:

I.  Dinge, ihre Eigenschaften und Tätigkeiten,  mit deren  Modifikationen; 
II.  Relationen der Dinge,  und zwar teils  räumliche  und  zeitliche,  teils  logische,  teils  kausale,  teils  modale. 

1. Die Sprache selbst scheint durch ihre Unterscheidung der verschiedenen Wortgattungen den Leitfaden zu geben zur Aufsuchung der verschiedenen Arten des Vorgestellten; ein Leitfaden den ARISTOTELES bei der Aufstellung der  Kategorien  als der obersten Gattungen des Vorgestellten und Seienden jedenfalls mit benützt hat. Allein dieser Leitfaden ist nicht untrüglich. Denn es ist das Eigentümliche der Sprachbildung, daß ihre verschiedenen Formen im Verlauf der Entwicklung verschiedene Funktionen annehmen; nicht für jede neue Art von Vorstellung wird eine besondere Form ausgeprägt, sondern wie im organischen Gebiet morphologisch gleichwertige Organe doch physiologisch wesentlich verschiedene Verrichtungen besorgen können, so ist es auch mit den Wortgattungen des Substantivs, Verbs, Adjektivs usw. Die Unterschiede der Wortgattungen sind nicht notwendig kongruent [deckungsgleich, wp] den Unterschieden der Bedeutungen, so daß sich an diesen äußeren Charakteren alles ablesen ließe; der Versuch läßt sich nicht umgehen, immer die Andeutungen der Sprache im Auge, doch aus der Natur des Vorgestellten heraus eine Übersicht zu gewinnen und daraus erst zu erkennen, inwieweit die Unterschiede der Sprachformen den inneren Unterschieden ihres Inhalts gefolgt sind.

2. Als der allgemeinste menschliche Besitz, dessen Entstehung wir auch ohne Sprache in jedem Individuum auf dieselbe Weise möglich denken müssen, wenn er auch faktisch in der Regel schon unter Mitwirkung der Sprache entsteht, tritt uns der Kreis von Vorstellungen entgegen, deren Gesamtheit die  Welt des Seienden  ausmacht, zu der neben der Vorstellung unserer selbst die Vorstellung unserer gesamten erfahrungsmäßig erkannten Umgebung und weiterhin die Vorstellung alles dessen gehört, was in derselben Weise existierend gedacht wird, wie wir selbst und die Gegenstände unserer unmittelbaren Wahrnehmung.

a) Den Grundstock dieser Welt bilden die Vorstellungen einzelner  Dinge,  welche durch die konkreten Substantiva sprachlich bezeichnet werden; aber diese Dinge werden immer vorgestellt als  Eigenschaften  an sich tragend und in Bewegung und Veränderung,  Tätigkeiten  aus sich entwickelnd, welche sich in Adjektiven und Verben aussprechen. (1)

b) Diese Trennung der Vorstellungen der Dinge von denen der Eigenschaften, die ihnen inhärerieren [innewohnen, wp] und der Tätigkeiten, in denen sie begriffen sind, zusammen mit der Notwendigkeit, sie fortwährend aufeinander zu beziehen und jeden für sich denkbaren und festhaltbaren Gegenstand als Einheit eines Dings mit seinen Eigenschaften und Tätigkeiten zu betrachten, gilt uns hier als ein Grundfaktum unseres Vorstellens, weil sie unserem bewußten und von der Reflexion leitbaren Urteilen immer schon vorausgesetzt ist, wie auch die sprachliche Unterscheidung der Wortformen in allen entwickelteren Sprachen - und nur innerhalb dieser können wir eine Logik aufstellen wollen - dem Aussprechen des Urteils immer zugrunde liegt. Es sind zwar dieselben Eindrücke, welche uns die Vorstellung des Leuchtens und des leuchtenden Gegenstands, die Vorstellung der Kälte und des kalten Dings geben; aber wir können uns für unser bewußtes Denken nicht mehr auf den Standpunkt zurückschrauben, auf dem die Trennung noch nicht geschehen war, so wenig, als wir in den Wurzeln reden können, aus denen die Verbal- und Nominalformen emporgewachsen sind. Die Bedeutung der Wortformen des Substantivs, Verbs und Adjektivs ist keine andere, als daß sie in ihrem Unterschied eben auf jene Einheit hinweisen; jedes Verbum weist auf ein Subjekt, jedes Adjektiv auf ein Substantiv hin und erst wenn sie ihre Ergänzung gefunden haben, kommt das Denken in einem relative abgeschlossenen Akt zur Ruhe und hat ein für sich als selbständig vorstellbares Ganzes erreicht. Dem Substantiv kommt es dabei zu, überwiegend die Einheit zu bezeichnen, welche sich aber immer in ihre Elemente zu entfalten drängt; das Adjektiv und Verb stellen diese Elemente für sich heraus, aber so, wie sie immer zur Einheit zurückstreben. Wo also die Objekte unseres Vorstellens in dieser Weise bezeichnet werden, da ist das nach den Kategorien des Dings, der Eigenschaft und der Tätigkeit unterscheidende und verknüpfende Denken wirksam gewesen; höchstens in einigen onomatopoetischen [lautmalerischen, wp] Wörtern wie  patsch, plumps  können wir einen Eindruck auf der Stufe wiedergeben, auf der sich jenes Denken desselben noch nicht bemächtigt hat.

c) Der Gegensatz von Verb und Substantiv ist sachlich und sprachlich der ursprünglichere. Wenn es wahr wäre, daß die Urbedeutungen der Wurzeln verbaler Natur und Vorgänge, Veränderungen, Bewegungen das Erste gewesen wären, was bezeichnet wurde, so bewiese dies nur, daß die lebendige Bewegung und Tätigkeit den stärkeren Reiz ausgeübt und leichter den begleitenden Laut erregt hätte, nicht daß die Vorstellung des Tuns früher gewesen wäre, als die des Tätigen, denn die Grundanschauung, die aller Vorstellung von Tätigkeit außer uns zugrunde liegt, die Bewegung, kann nicht wahrgenommen werden, ohne das Bewegte und seinen Hintergrund zu fixieren und eine Vergleichung anzustellen, welche festgehaltene und ruhende Bilder voraussetzt; (2) gerade in der Bewegung ist die Identität des Tätigen in seiner Tätigkeit wie der Unterschied des beharrlichen Dinges vom zeitlichen Geschehen am leichtesten zu erfassen; schwerer im Werden und Verschwinden, in der Veränderung der Eigenschaften. Denn die Eigenschaft, die das Adjektiv ausdrückt, ist da, wo es rein sinnliche Bedeutung hat, wie z. B. in der Farbe, gar nicht von der Vorstellung des Gegenstandes gesondert, beharrlich wie dieser; was wir vom Ding wahrnehmen ist eben seine Eigenschaft. Erst in der Vielheit der Eigenschaften, welche dieselbe Eigenschaft an Verschiedenem in verschiedenen Kombinationen zeigen kann und in der Veränderlichkeit der Eigenschaften an demselben kontinuierlich angeschauten Ding liegt das Motiv sie für sich loszulösen und zu einem für sich Vorstellbaren zu machen; erst in der Wiederholung des Tuns das Motiv, seinen bleibenden Grund in einem Adjektiv auszusprechen. Daraus ergeben sich die zwei Klassen der Adjektive, diejenigen, welche dem Nominalcharakter und diejenigen, welche dem Verbalcharakter näher liegen.

d) Während die Vorstellungen des Dings, der Eigenschaft und Tätigkeit aneinander gebunden sind, ein Tun immer das Tun von Etwas, eine Eigenschaft die Eigenschaft von Etwas sein muß, das als ein Ding vorgestellt wird und umgekehrt ein Ding immer mit bestimmter Eigenschaft und Tätigkeit vorgestellt werden muß: so liegt doch in der Unterscheidung die Möglichkeit, eine Eigenschaft oder Tätigkeit für sich festzuhalten und von der Beziehung auf ein bestimmtes Ding in Gedanken loszulösen. So vorgestellt werden sie  abstrakt  gedacht, d. h. in künstlicher Isolierung der Einheit ferngehalten, der sie ihrer Natur nach zustreben. In dieser Abstraktion liegt zugleich mit der Losreissung von der Einheit bestimmter Dinge die Erhebung in die  Allgemeinheit,  d. h. die Möglichkeit sie auf beliebig vieles Einzelnes zu beziehen und darin wiederzufinden; und beide Prozesse, die Auflösung eines bestimmten Vorstellungsganzen in die unterschiedenen Elemente von Eigenschaften und Tätigkeiten und die Bildung abstrakter und allgemeiner Vorstellungen von diesen bedingen sich gegenseitig oder sind vielmehr ein und derselbe Prozeß, dessen Resultat nur von verschiedenen Seiten erscheint. Indem ich mir die Anschauung eines Steins als eines runden weißen usw. Dings zu Bewußtsein bringe, sind zugleich die Vorstellungen der runden Form, der weißen Farbe usw. aus diesem bestimmten Verband losgelöst in mir und eben darum fähig, in jeden beliebigen andern einzugehen und in jedem anderen wiedererkannt zu werden.

e) Indem mit der Unterscheidung der Eigenschaften und Tätigkeiten von den Dingen dieselbe Eigenschaft und dieselbe Tätigkeit in verschiedenen Dingen vorgestellt wird, ist zugleich die Basis dafür gegeben, die gleichartigen Tätigkeiten und Eigenschaften verschiedener Dinge unter sich zu vergleichen und ihre Unterschiede zu Bewußtsein zu bringen, die teils als verschiedene  Grade,  teils als verschiedene  Weisen  gedacht werden; und wie die Dinge sich durch ihre Tätigkeiten und Eigenschaften unterscheiden, so die ähnlichen Tätigkeiten und Eigenschaften der einzelnen Dinge nach Graden und Weisen, die wir zusammenfassend  Modifikationen  nennen mögen. Damit ist eine neue Unterscheidung und eine neue Einheit gegeben, die sich sprachlich in der Beziehung der Adverbia zu den Adjektiven und Verben ausdrückt. Es ist wiederum mit der Wortform des Adverbs gegeben, daß es sich als ein unselbständiges Element ankündigt und die Einheit mit einer Eigenschafts- oder Tätigkeitsvorstellung fordert; nur an einer solchen, als ihre Bestimmung gedacht, hat es seinen verständlichen Sinn.

f) Sofern die abstrakten Vorstellungen für sich festgehalten werden und als Anknüpfungspunkte von anderen Vorstellungen auftreten können, verleiht ihnen die Sprache substantivische Form, indem sie die  Substantiva abstracta  bildet, deren Bedeutung Vorstellungen von Eigenschaften und Tätigkeiten sind. Die Analogie der Sprachform weist ihnen damit insofern eine Vergleichbarkeit mit den Dingen zu, als sie zu Adjektiven und Verben in ähnlicher Weise in Beziehung treten sollen, wie die konkreten Substantiva. Allein sie sind darum nicht Dinge und die Einheit, welche zwischen ihnen und ihren adjektivisch oder verbal ausgedrückten Bestimmungen besteht, ist nicht die der Inhärenz oder Aktion, durch welche sie selbst als Abstrakta rückwärts auf ihre Träger hinweisen. Vielmehr kann es nur - wo nicht Relationen hereintreten - die  Modifikation  der Eigenschaft oder Tätigkeit sein, welche in analoger Weise mit ihr zusammengedacht und auf sie bezogen wird, wie die Eigenschaft auf das Ding; und das Gemeinschaftliche beider Verhältnisse ist zunächst nur das, daß sie eine Eins-Setzung in dem Sinne gestatten, daß in der substantivischen Vorstellung ihre näheren Bestimmtheiten und die unterscheidenden Merkmale, die sie dem vergleichenden Denken darbietet, zugleich für sich zu Bewußtsein gebracht und in Einheit mit ihr gehalten werden. (Der Ball ist rund - der Ball bewegt sich - die Bewegung ist schnell - die Schnelligkeit wächst usw.)

Das Gemeinschaftliche der bisher betrachteten Vorstellungen der Dinge, ihrer Eigenschaften und Tätigkeiten ist, daß sie ein unmittelbar anschauliches Element haben, das der Funktion eines oder mehrerer unserer Sinne oder der inneren Wahrnehmung seine Bestimmtheit verdankt. Dieser anschauliche Gehalt ist für sich niemals das Ganze der Vorstellung; er ist vom Denken ergriffen und geformt, als Vorstellung der Eigenschaft oder Tätigkeit eines Dings festgehalten und auf dieses als beharrliche Einheit bezogen; und diese Einheit liegt im Vorgestellten ebenso mit, wie das sinnlich anschauliche Element; aber während jene Kategorien des Dings, der Eigenschaft und Tätigkeit überall dieselben sind, macht das Produkt sinnlicher Anschauung oder einer dieselbe nachbildenden Imagination den eigentlichen Kern der Vorstellung aus und gibt ihr den unterscheidenden Inhalt.

3. Dadurch unterscheiden sich diese Vorstellungen der Dinge mit ihren Eigenschaften und Tätigkeiten von der zweiten Hauptklasse, den  Relationsvorstellungen.  Diese setzen einerseits die Vorstellung von Dingen immer schon voraus und haben andererseits einen Gehalt der immer erst durch eine beziehende Tätigkeit erzeugt ist und infolge dessen von Haus aus eine Allgemeinheit an sich hat, vermöge der die entsprechenden Wörter niemals für sich die Vorstellung eines Einzelnen zu erwecken vermögen.

a) Die Relationen, welche am frühesten und leichtesten aufgefaßt werden, weil sie implizit schon in unserer Anschauung der Dinge und ihrer Tätigkeiten mitliegen, sind die  des Orts  und  der Zeit.  Rechts und links, oben und unten, vor und nachher sind Vorstellungen, die ihren Ursprung nur einer subjektiven, zwischen den schon in räumlicher und zeitlicher Ausbreitung vorgestellten Dingen hin und her gehenden Tätigkeit verdanken und deren Gehalt im Bewußtsein der Bestimmtheit dieser den Raum und die Zeit durchlaufenden Tätigkeit besteht, also von den jeweiligen Beziehungspunkten von Haus aus unabhängig ist. Indem wir die Dinge als räumlich ausgedehnt und zeitlich dauern vorstellen, ihre Vielheit in räumlicher und zeitlicher Ordnung ausgebreitet vor uns haben, ist in diesem Vorstellen allerdings schon die ganz Menge dieser Beziehungen implizit enthalten; sie sind aber nicht  für sich  zu Bewußtsein gekommen. Damit, daß wir ein räumliches Objekt vorstellen, das ein rechts und links, ein oben und unten hat, daß unsere den Raum durchlaufende Anschauung in diesen verschiedenen Richtungen hin und her geht, um ein räumliches Gebilde als Einheit festhalten zu können, ist noch nicht gegeben, daß wir uns des Hin und Hergehens selbst und seiner unterschiedlichen Richtungen bewußt sind; zunächst ist nur das Resultat, die bestimmte Gestalt und ihre Lage zu anderen in unserem Bewußtsein. Erst wenn uns die Tätigkeit des Hin- und Hergehens selbst zu Bewußtsein kommt, wenn wir eine Richtung von der andern, die weiter fortschreitende Bewegung des Blicks oder der Hand von der kürzeren unterscheiden und sie fixieren, entsteht uns der Gehalt jener Beziehungswörter, die eben darum, weil sie eine zum unmittelbar gegebenen Stoff hinzukommende spontane Bewegung der Vorstellung voraussetzen, auch von jeder bestimmten sinnlichen Affektion sich loslösen und so eine ganz eigene Art von Allgemeinheit haben. "Bewegung" können wir uns immer zuletzt nur vorstellen als Bewegung von Etwas, wenn es auch noch so blaß als sinnliches Bild gedacht wird; "Richtung" aber setzt nur unser eigenes Linienziehen im Raum voraus und das Bewußtsein seiner Unterschiede. Der sprachliche Ausdruck dieser Relationen sind die Orts- und Zeitadverbien, die, wo sie dazu verwendet werden, die Relationen bestimmter Objekte als mit diesen zusammen vorgestellt auszudrücken, zu Präpositionen werden oder als Präfixe usw. mit den Adjektiven und Verben verschmelzen, während in anderen Wörtern (folgen, fallen usw.) eine räuliche oder zeitliche Relation mit der Bedeutung des Wortes verschmolzen ist und keinen gesonderten Ausdruck findet.

Auf räumliche Verhältnisse geht ursprünglich auch die Relation des  Ganzen  und der  Teile  zurück. Es liegt in der Entstehung unserer Anschauungen, daß, was wir als ein einheitliches Ding auffassen, durch eine begrenzende Unterscheidung aus der weiteren Umgebung losgelöst ist, der unmittelbaren Empfindung zugleich mit ihm gegeben war; so entstehen uns die Bilder der Menschen und Tiere in Folge ihrer freien Beweglichkeit, die sie vom Hintergrund zu unterscheiden zwingt, so fassen wir den Baum, den Stein als Einheit auf, indem ihre Form die allseitige Umgrenzung und Unterscheidung begünstigt. Aber indem sich innerhalb der zuerst so gewonnenen Einheit neue Unterschiede zeigen, neue Grenzen sich ziehen lassen, entstehen untergeordnete räumliche Einheiten innerhalb des ersten Umrisses; die Glieder des menschlichen und tierischen Leibes setzen sich vermöge ihrer relativ freien Beweglichkeit als solche Einheiten heraus; das Blatt löst sich selbst vom Baum los, die Zerschlagung des Steines vollzieht eine Trennung zwischen den einzelnen Stücken für die Anschauung, der die vorangehende Form noch gegenwärtig war. Wenn wir nun so ein Ganzes zerlegen, entsteht zunächst nur eine Mehrheit neuer Einheiten, neuer Dinge für uns, die wir abgrenzen; damit, daß wir die Vorstellung des Kopfes neben der des ganzen Leibes, des Fingers neben der der ganzen Hand haben, ist der Kopf noch nicht als Teil des Leibes, der Finger noch nicht als Teil der Hand vorgestellt, wenn auch durch unmittelbare weiter gehende Anschauung oder Reproduktion zum Kopf der Leib, dem er angehört, zum Finger die Hand ergänzend vorgestellt wird; erst indem wir uns des Verhältnisses der untergeordneten Einheit zur höheren bewußt werden, das Zerlegte wieder zusammensetzen und beide Prozesse wieder aufeinander beziehen, erscheint der Kopf als Teil des Leibes, der Finger als Teil der Hand; und mit der Vorstellung der Dinge, die wir, wie die Glieder des Leibes, immer nur als Teile, niemals als isolierte Ganze wahrnehmen, verknüpft sich allerdings neben dem anschaulichen Bild die Vorstellung der Relation, der Angehörigkeit an ein Ganzes, (Kopf, Arm, Glied usw.) während es anderen zufällig ist, ob sie als Teile oder als selbständige Ganze vorgestellt werden (Blume als Ganzes, Blüte als Teil).

Diese Relationsvorstellung ist sodann die Voraussetzung aller Vorstellung von  Größe. A  ist  B  gegenüber groß, wenn  B  ein Teil von  A  ist oder (durch Aneinander- oder Übereinanderlegen usw.) als Teil von  A  angesehen werden kann; alles Vergleichen von Größen und alles eigentliche Messen beruth auf nichts anderem, als auf der Beobachtung oder der Herstellung eines Verhältnisses von Teilen zu einem Ganzen und der Grundsatz, daß das Ganze größer ist als der Teil, enthält genommen eine Interpretation der Vorstellung "groß". (Erst in zweiter Linie, nämlich wenn wir die Gewohnheit eines bestimmten Maßstabes gewonnen haben, können groß, hoch usw. den Schein absoluter Prädikate, den Schein von Eigenschaften annehmen.)

Weiterhin bleibt dann die Vorstellung des Ganzen als Dinges mit Eigenschaften und Tätigkeiten nicht gleichgültig gegen die Vorstellung der Teile; diese stehen nicht bloß in ihrem äußerlichen Aneinander da, sind nicht bloß im Ganzen als dem umfassenden Rahmen; es verknüpft sich vielmehr damit eine kausale Relation - das Ganze hält die Teile zusammen,  hat  sie. Davon weiter unten.

Dieselbe Unterscheidung ist auf dem Gebiet der  Zeit  zu vollziehen. Das Wort zerfällt in Silben, die Melodie in einzelne Absätze; auch hier entwickeln sich die Vorstellungen der Zeitgrößen, des länger und kürzer in dem Maße als die Zeitrelationen für sich zum Bewußtsein kommen.

b) Gehen diese Gruppen von Vorstellungen auf die beziehende Tätigkeit zurück, die sich in Raum und Zeit bewegt und haben sie ihren Inhalt am anschaulichen Bewußtsein des Durchlaufens von Raum und Zeit, so können sie sich doch nicht vollziehen, ohne daß zugleich Funktionen des beziehenden  Denkens  mitwirken und andere Relationsvorstellungen als Resultate des  Unterscheidens  und  Vergleichens  entstehen. Die Vorstellung des  Unterschieds  ist nichts Gegebenes; damit daß mehrere unterschiedene Objekte im Bewußtsein sind, ist wohl das Unterscheiden vorausgesetzt; aber zunächst kommt nur das Resultat dieser Funktion zu Bewußtsein, das im Nebeneinander mehrerer Objekte, deren jedes für sich festgehalten wird, besteht. Die Vorstellung des Unterschieds aber, der Gleichheit oder Verschiedenheit, entwickelt sich erst, wenn das Unterscheiden mit Bewußtsein vollzogen und auf diese Tätigkeit reflektiert wird; die Vorstellung der Identität setzt nicht bloß voraus, daß eine identische Vorstellung längere Zeit wiederholt gegenwärtig war, sondern sie entsteht erst durch Negation des Unterschieds und hat ihren Inhalt an dieser Tätigkeit; sie kann einem Objekt nur zugesprochen werden, sofern es die Bedingungen und den Grund zu dieser Tätigkeit darbietet. Unterschied, Identität, Gleichheit sind niemals als bloße Abstraktionen vom anschaulichen Inhalt zu begreifen, der immer nur sich selbst zu geben vermag, sie sind bewußt gewordene Denkprozesse und haben an diesen ihren Inhalt. Aus solchen Denkprozessen entspringen die  Zahlen,  indem Gleiches räumlich oder zeitlich unterschieden wird und die Tätigkeit der unterscheidbaren Wiederholung derselben Anschauung als solche zu Bewußtsein kommt, jeder Schritt der Wiederholung im Gedächtnis behalten und mit jedem die Reihe der vorangegangenen zu einer neuen Einheit zusammengefaßt wird. Die Vorstellung der Zahl  drei  ist ja nicht damit gegeben, daß ich drei Dinge sehe und diese einen anderen Eindruck machen, als zwei und eines. Daß die Verschiedenheit dabei die der  Zahl  ist, erkenne ich erst indem ich zähle, d. h. den Akt des Fortschreitens von einer Einheit zur anderen vollziehe.

c) Die dritte Hauptklasse der Relationen sind die  kausalen,  welche sämtlich die Vorstellung des  Wirkens  (des auf ein anderes bezogenen Tuns) zu ihrem unendlich mannigfaltig modifizierten Gehalt haben (Verba transitiva). So wenig der Kausalbegriff nach seinem Ursprung hier erklärt oder auch nur genauer bestimmt werden soll, was wir einem späteren Zusammenhang vorbehalten, muß ihm doch seine Stelle in der Gesamtheit unserer Vorstellungen angewiesen werden; und das ist insofern nicht ganz leicht, als durch den engen Zusammenhang des Wirkens mit dem Tun die Auffassung des Wirkens als einer Relation auch das Tun in dieselbe Betrachtung mit hineinzureissen und demgemäß auch das Verhältnis des Tätigen zu seinem Tun als bloße Relation hinzustellen droht, wonach das Tun eines Subjekts als etwas ihm gegenüber Zweites, als ein selbständiges von ihm Erzeugtes erschiene; und die Betrachtung des Verhältnisses eines Dings zu seinem wechselnden Tun unter dem Gesichtspunkt einer Relation scheint umso näher zu liegen, als ja ohne eine zusammenfassende Synthesis die Identität eines Dings in seinen Veränderungen gar nicht festzuhalten ist und diese in der Tat von ihm unterschieden werden müssen. Die Unmöglichkeit eine feste Grenze zu ziehen scheint noch in doppelter Hinsicht eine Bestätigung zu finden. Wenn der Mensch geht, so bewegt er seine Beine; dasselbe, was von einer Seite als bloßes Tun dargestellt wird, erscheint von der anderen als bloßes Tun dargestellt wird, erscheint von der andern als Wirkung auf seine Glieder, die etwas relativ Selbständiges sind; und ebenso in allen Fällen, wo wir schwanken können, was wir als einheitliches Ding festhalten, was wir als Komplex verschiedener Dinge betrachten sollen; selbst das ruhende Verhältnis des Ganzen zu den Teilen erscheint als ein gegen diese oder von ihnen ausgeübtes Wirken, das Ganze hat, d. h. hält die Teile, bindet sie durch ein Wirken zur Einheit zusammen, die Teile "bilden" das Ganze. Wird ferner darauf gesehen, daß, was wir gewöhnlich als Eigenschaft auffassen, wie Farbe, Geruch, usw., der fortschreitenden Erkenntnis sich in eine Wirkung auf unsere Sinnesorgane aufgelöst hat, so hat der Satz, daß auch Wirken und Eigenschaft ineinander übergehen, daß die Substanz in ihren Eigenschaften kausal sei, viel für sich und Inhärenz und Kausalität sind dann nur verschiedene Betrachtungsweise eines und desselben Verhältnisses.

Allein alle diese Betrachtungen heben doch bloß die Schwierigkeiten hervor zu entscheiden, auf was die Bestimmungen der Eigenschaft, des Tuns, des Wirkens mit objektiver Gültigkeit angewendet werden können, ohne daß darum der Unterschied der Begriffe  Eigenschaft, Tun, Wirken  als  unterschiedener Elemente in unserer Vorstellung  aufgehoben wäre. Wenn erkannt wird, daß was wir erst als eine einem Ding inhärierende Eigenschaft angesehen haben, wie die Farbe, dem Ding nicht inhäriert, sondern seine Wirkung auf unsere Sinnlichkeit ist: so wirkt es doch vermöge einer Eigenschaft, die jetzt nur nicht sinnlich direkt erkennbar ist, sondern erschlossen werden muß: vermöge seiner Beweglichkeit und seiner Kraft Lichtwellen zurückzuwerfen etc.; und um  wirken  zu können, muß es vor allem  tätig sein,  an sich selbst eine Veränderung seines Zustands, eine Bewegung oder dgl. vornehmen. Es bleibt bestehen, daß wir, um ein bestimmtes Ding zu denken, es mit Eigenschaften denken müssen, die ihm inhärieren, die sein unterschiedenes Wesen ausmachen und von ihm, wie es an sich ist, prädiziert werden können. Ebenso ist es mit dem Tun. Wenn nicht alles in ein Chaos zusammenstürzen soll, in welchem wir keine festen Unterschiede mehr zu erkennen vermögen, so müssen wir die Welt als eine Vielheit von einzelnen individuellen Dingen denken, deren jedes seine Bestimmtheit hat und tätig ist, indem es in der Zeit diese Bestimmtheit wechselt und ändert, sich bewegt, wächst etc. Daß es in diesem Tun einerseits von anderen Dingen bestimmt wird, die wirken, andererseits auf andere Dinge wirkt und ihr Tun bestimmt, ist eine davon verschiedene Betrachtung; das Wirken kann gar nicht ausgesagt werden, ohne daß es vom Tun unterschieden wird. Es ist der Gegensatz der  causa immanens  [Innenwirkung einer Sache, wp] und der  causa transiens  [Außenwirkung, wp]. Was aus der ersteren hervorgeht, ist von der Vorstellung des Subjekts untrennbar, eine Seinsweise desselben; was aus der zweiten hervorgeht, kann nur durch sein Verhältnis zu einem zweiten gedacht werden. Somit ist der Unterschied nicht aufzuheben, daß die Vorstellung des Wirkens zu den Relationsvorstellungen zwischen verschiedenen Dingen gehört, während die des Tuns einen integrierenden Bestandteil der Vorstellung des einzelnen Dinges für sich ausmacht und ihr nur die Relationen des Raums und der Zeit anhängen, ohne die überhaupt nichts Einzelnes gedacht werden kann. Darum ist auch die Vorstellung des Wirkens niemals anschaulich; der Übergang der Kausalität von einem Ding auf das andere ist immer hinzugedacht und ein Produkt des zwischen ihnen verknüpfenden Denkens; anschaulich ist nur das Tun selbst, die Veränderung der in Relation tretenden Dinge.

Auf die Mannigfaltigkeit des sprachlichen Ausdrucks dieser Relation können wir nur kurz hinweisen. Ihre nächste und eigentlichste Bezeichnng findet sie in den transitiven Verben; indem diese aber aus beharrlichem Grund hervorgehend gedacht werden, entwickeln sich die Adjektive, welche ein Ding als einer Wirkung fähig, zu derselben bereit, sie stetig übend bezeichnen und indem die Vorstellung des Wirkens mit dem Ding selbst zusammengedacht und dieses von der Wirkung benannt wird, entstehen die zahlreichen Substantiva, welche die Dinge nur nach einer kausalen Relation bezeichnen. Hier ergibt sich leicht eine Inkongruenz der substantivischen Form, die das Dauernde und für sich Seiende andeutet, mit der Zufälligkeit und dem Wechsel der Relation und die Möglichkeit von Verwechslungen dessen, was bloß von der Relation und dessen, was vom Ding gilt. Dies findet auf den Ausdruck  Ursache  selbst Anwendung; einerseits ist etwas Ursache nur sofern es wirkt und in dem Moment in welchem es wirkt; andererseits bezeichnen wir mit Ursache ein Ding, das dauernde Existenz hat. Sagt man nun: wo keine Wirkung ist, ist auch keine Ursache, so ist das vollkommen richtig in Beziehung auf die Relation; aber es wird unrichtig, sobald es auf die Dinge ausgedehnt wird, welche unter Umständen Ursache werden könnte oder in anderer Hinsicht Ursachen sind. Dasselbe ist es - auf dem Gebiet einer anderen Relation - mit dem berühmten Satz: Ohne Subjekt kein Objekt; denn wenn ich beim Wort "Objekt" nur an die Relation denke, nach der etwas nur insofern als Objekt bezeichnet werden kann, als es wirklich vorgestellt wird, so sit der Satz eine Binsenwahrheit; verstehe ich aber unter Objekt "Ding überhaupt", das so benannt ist, weil es unter Umständen fähig ist vorgestellt zu werden: so folgt aus dem Fehlen des Subjekts und dem Aufhören der Relation nicht das Verschwinden des Dings selbst. "Ein Reiter zu Fuß" ist ein lächerlicher Widerspruch, wenn ich mit "Reiter" den Mann bloß bezeichnen will, solange er zu Pferde sitzt; bezeichne ich aber damit den Mann, der in der Reiterei dient, so ist es eine ganz selbstverständliche Sache, daß er auch zu Fuß geht. Der Satz: "Kein Objekt ohne Subjekt" ist in demselben Sinne wahr, wie der Satz: Ein Reiter kann nicht zu Fuß gehen.

d) Mit keiner anderen Relation vergleichbar ist diejenige, in welcher die  Objekte unseres subjektiven Tuns,  unseres Anschauens und Denken wie unseres Begehrens und Wollens zu uns selbst, als dem Subjekt geistiger Tätigkeit stehen. Das Gedachte oder Gewollte als solches, als bestimmter Inhalt, enthält alle Kategorien, die wir bisher betrachtet haben; es ist Ding, Eigenschaft, Tätigkeit, Wirkung usw.; aber unter welcher Kategorie gehört "sehen, hören, anschauen, denken, wollen", wenn wir diese Funktionen in Beziehung auf ihre Objekte und nicht bloß als Tätigkeitsäußerungen des Subjekts betrachten? Gehört "sehen, hören, vorstellen" unter die kausalen Relationen? Sie sind weder ein bloßes Tun, denn sie sind auf ein vom tätigen Subjekt Verschiedenes bezogen; sie sind aber auch kein Wirken, denn sie erzeugen weder ein Ding, noch verändern sie es. Nur dasjenige, was wie die freien Bildungen der Phantasie von vornherein nur als Gedachtes gilt, kann unter den Gesichtspunkt der kausalen Relation des Hervorbringens und Schaffens fallen, sofern wir auch einen Gedanken, ein Traumbild usw. als ein "Ding" anzusehen berechtigt sind; was wir aber als irgendwie seiend denken, das ist nicht von unserem Denken hervorgebracht und es geschieht ihm realiter nichts damit, daß es gedacht wird; und doch soll es ein Objekt unseres Denkens sein und in Beziehung dazu stehen. Nennen wir diese Klasse von Relationen mit einer Erweiterung des kantischen Sprachgebrauchs die  modalen:  so fallen darunter alle Beziehungen, in welche wir die Dinge zu uns setzen, sofern wir sie vorstellen und als vorgestellte begehren, wünschen, in ihrem Wert für uns beurteilen; also nicht bloß alle die Verba, welche eine auf Objekte bezogene ideelle Tätigkeit ausdrücken, sondern ebenso die Adjektiva und Adverbia, welche wie "wahr" und "falsch" das Verhältnis meiner Vorstellung zu dem Ding, auf welches sie sich bezieht oder wie "schön" und "gut" eine Beziehung des Inhalts einer Vorstellung zu einem Maßstab der Wertschätzung ausdrücken und darum nur wo dieser Maßstab absolut feststeht, indirekt Ausdruck für eine Eigenschaft werden können, die dem Ding als solchem zukommt; endlich Substantiva wie Zeichen, Zweck etc.
LITERATUR - Christoph Sigwart, Logik I, Tübingen 1873
    Anmerkungen
    1) Es beeinträchtigt die Allgemeinheit des Prozesses, durch welchen sinnliche Affektionen auf Dinge bezogen werden, nicht, daß diese Beziehung im Einzelnen schwankend und die Auffassung des Dinges, das in einer bestimmten Erscheinung wahrgenommen wird, wechselnd sein kann. Nacht, Schatten, Regenbogen, Wind usw. sind ursprünglich Dinge im vollen Sinn des Wortes, konkrete Einzelwesen; erst die wissenschaftliche Reflexion entkleidet sie dieser Festigkeit und läßt sie als bloße Wirkungen bestimmter Verhältnisse von Dingen erkennen. Wir vermeiden darum auch den Ausdruck "Substanz" in diesem Zusammenhang, weil er bereits an eine wissenschaftliche Reflexion und eine Kritik der unmittelbar auf natürlichem Weg entstehenden Vorstellungen erinnert. Nicht alles, was das gewöhnliche Bewußtsein unbefangen, von den Analogien seiner Denkprozesse geleitet, als Ding auffaßt, ist darum Substanz im strengen Sinne und hält der bewußten Anwendung dieser Kategorie stand. - Unter "Tun" verstehen wir im Unterschied von "Wirken" nur, was allein auf  ein  Ding bezogen wird, die Aktion ohne ein Korrelat von Passion, das also was im Allgemeinen durch die Verba intransitiva [Zeitwörter, bei denen kein Akkusativ-Objekt stehen kann - wp] ausgedrückt wird. Die Grammatik hat hier richtiger als manche Logik die Aktiva in Transitiva [Ich habe das Auto gefahren. - wp] und Intransitiva [Ich bin mit dem Auto gefahren. - wp] unterschieden, von denen nur bei jenen von einem Passivum die Rede sein kann.
    2) Übereinstimmend STEINTHAL, Abriss der Sprachwissenschaft I, Seite 396f