cr-4 Die ImpersonalienWundtCohenErdmannJerusalem    
 
CHRISTOPH SIGWART
L o g i k  I
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    Einleitung
§ 1. Aufgabe der Logik
§ 2. Grenzen der Aufgabe
§ 3. Postulat der Logik
§ 4. Einteilung der Logik
§ 5. Der Satz als Ausdruck des Urteils, Subjekt und Prädikat
§ 6. Die obersten Gattungen des Vorgestellten
§ 7. Die allgemeine Vorstellung und das Wort
§ 8. Notwendigkeit des Worts für das Prädikat
§ 9. Die Benennungsurteile
§ 10. Eigenschafts- und Tätigkeitsurteile
§ 11. Impersonalien und verwandte Urteilsformen
§ 12. Relationsurteile
§ 13. Urteile über Abstrakta
§ 14. Die objektive Gültigkeit des Urteils
§ 15. Die Zeitbeziehung der erzählenden Urteile
§ 16. Die erklärenden Urteile
§ 17. Der sprachliche Ausdruck des Urteilsaktes
§ 18. Analytische und synthetische Urteile
§ 19. Der Prozeß des synthetischen Urteils

"Die  Wörter  aber, wie sie als Ausdruck des natürlichen individuellen Denkens aus der vorhandenen Sprache angeeignet und verwendet werden, haben individuell differente und in vielfacher Umbildung begriffene  Bedeutungen;  vermöge dieser Umbildung hat die  Allgemeinheit,  welche ihrer Bedeutung zukommt,  verschiedenen  Sinn."

"Welche Vorstellungen in einem urteilenden Subjekt dem Urteilen selbst vorausgehen, wird im allgemeinen durch ihre sprachliche Bezeichnung angedeutet. Nun ist zwar mit dem Zweck der Sprache gegeben, daß jeder unter demselben Wort dasselbe denkt; allein im wirklichen Leben ist dieser Zweck durchaus nicht vollständig erreicht, vielmehr bedeuten die Wörter Verschiedenen Verschiedenes, und dem demselben Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten. Es darf also niemals, wenn wir das wirkliche Urteilen analysieren wollen, ohne weiteres von einer allgemeingültigen Bedeutung eines Wortes ausgegangen, sondern das Wort darf immer nur als Zeichen der eben im urteilenden Individuum gegenwärtigen Vorstellung angesehen werden."

"Es ist mit dem Gang unserer geistigen Entwicklung, die sich einmal tatsächlich nur mit Hilfe der Sprache und unter ihrem mächtigen Einfluß vollzieht, von selbst gegeben, daß jeder von uns erworbene und innerlich augeeignete Vorstellungsinhalt sein bezeichnendes Wort sucht; darum bemühen wir uns vor allem die Namen zu wissen und begnügen uns auf die Frage: was ist das? mit der Angabe eines neuen und nie gehörten Namens, indem wir uns leicht der Täuschung hingeben, als sei mit dem Lernen der Namen eine Bereicherung unserer Erkenntnis der Dinge gegeben, während wir doch damit, daß wir wissen, daß diese Pflanze  Aristolochia  und jene  Clematis  heißt, direkt gar nichts gewinnen."

"Sehen wir nur auf den Gehalt der Vorstellung, so kommt diese Art von Allgemeinheit nicht bloß den Bildern der Sonne, des Mondes usw., sondern auch den Bildern bestimmter Personen ohne weiteres zu. So oft die Sonne am Himmel aufgeht oder der Mond sichtbar wird, ist eine neue Einzelanschauung da, welche mit der von früher zurückgebliebenen Vorstellung in Eins gesetzt wird. Die Erkenntnis der materiellen Identität aller dieser Sonnen und Monde ist etwas Späteres und gar nichts Notwendiges, wo die Kontinuität der Anschauung fehlt. Ebenso wird das Spiegelbild einer Person oder ihr Porträt ohne weiteres mit dem Erinnerungsbild identifiziert und wieder ist die Erkenntnis, daß das bloße Bilder seien und der Name eigentlich nur  einem  zukomme, ein Zweites, das erst hinzutritt und den begonnenen Versuch, die Vorstellung als eine im vollen Sinn allgemeine zu behandeln, wieder aufhebt."

"Wie es für ein sichtbares Ding eine endlose Zahl von Stufen äußerer Abbildung gibt, von den paar Strichen mit denen die Schuljungen Pferde und Männer auf ihre Hefte malen, bis zur vollendeten Photographie: so gibt es eine analoge Stufenreihe von Vorstellungen, die nacheinander möglicherweise von demselben Objekt in immer zunehmenderer Bestimmtheit abgenommen werden und nebeneinander fortbestehen können. Je unbestimmter, desto leichter die Anwendung."

"Wenn mit dem Wort  Gras  nur ein paar zusammenstehende grüne, schmale zugespitzte Blätter reproduziert werden, die Differenzen der einzelnen Gräser gar nicht beachtet sind, so finden wir überall eine Menge Gras, eines ist Gras wie das andere. Sobald aber die einzelnen Auffassungen bestimmter und die Unterschiede dessen, was auf den ersten Blick mit einer gegebenen Vorstellung zusammenfällt beachtet werden, so tritt ein doppeltes ein: der gemeinschaftliche Name bleibt und es bilden sich zugleich die Namen für die bestimmteren Vorstellungen. Die bestimmteren aber verdrängen im Laufe der Zeit die unbestimmtere; diese kann in ihrer Verschwommenheit gar nicht mehr lebendig gemacht werden; der Botaniker hat keine bildliche Vorstellung mehr, die dem Wort  Gras  oder  Baum  entspräche, sondern es entsteht jetzt, wie der Wettstreit im Sehfeld zwischen verschiedenen Bildern die beiden Augen geboten werden, ein Wettstreit der verschiedenen bestimmteren Formen, die eine ungeübtere Auffassung gleich setzen konnte. Erst jetzt ist das Bedürfnis da, sich klar zu machen, was denn das Gemeinschaftliche neben dem Unterschiedenen sei, d. h. den Begriff im gewöhnlichen Sinn des Wortes durch Abstraktion zu bilden."



Erster analytischer Teil
D a s   W e s e n   u n d   d i e
V o r a u s s e t z u n g e n   d e s   U r t e i l e n s

§ 7.
Die allgemeine Vorstellung und das Wort

Alles Vorgestellte wird entweder vorgestellt als  einzeln existierend  (als einzelnes Ding oder als Eigenschaft, Tätigkeit, Relation einzelner Dinge) beziehungsweise unter den Bedingungen der Einzelexistenz (wie die Produkte der Bilder schaffenden Phantasie), oder es wird  abgesehen von den Bedingungen seiner Einzelexistenz vorgestellt  und insofern  allgemein,  als das Vorgestellte, wie es rein innerlich gegenwärtig ist, in einer beliebigen Menge von einzelnen Dingen oder Fällen existierend gedacht werden kann. Der Ausdruck für diesen allgemeinen Gehalt des Vorgestellten ist  das Wort  als solches.

Die  Wörter  aber, wie sie als Ausdruck des natürlichen individuellen Denkens aus der vorhandenen Sprache angeeignet und verwendet werden, haben  individuell differente und in vielfacher Umbildung begriffene Bedeutungen;  vermöge dieser Umbildung hat die  Allgemeinheit welche ihrer Bedeutung zukommt,  verschiedenen  Sinn.

1. Welche Vorstellungen in einem urteilenden Subjekt dem Urteilen selbst vorausgehen, wird im allgemeinen durch ihre sprachliche Bezeichnung angedeutet. Nun ist zwar mit dem Zweck der Sprache gegeben, daß jeder unter demselben Wort dasselbe denkt; allein im wirklichen Leben ist dieser Zweck durchaus nicht vollständig erreicht, vielmehr bedeuten die Wörter Verschiedenen Verschiedenes, und dem demselben Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten. Es darf also niemals, wenn wir das wirkliche Urteilen analysieren wollen, ohne weiteres von einer allgemeingültigen Bedeutung eines Wortes ausgegangen, sondern das Wort darf immer nur als Zeiche der eben im urteilenden Individuum gegenwärtigen Vorstellung angesehen werden.

2. Nun ist das Verhältnis der sprachlichen Ausdrücke, zu den durch sie bezeichneten Vorstellungen ein verschiedenes. Ein Teil der Wörter ist mit einem bestimmten Vorstellungsgehalt verbunden, der ihre Bedeutung ausmacht wie sie für das Individuum gilt, ein anderer Teil - wie Pronomina [Fürwörter, wp] z. B. - bezeichnet für sich durch den bloßen Wortlaut nichts bestimmtes, sondern dient nur dazu, eine Beziehung zum denkenden und sprechenden Subjekt auszudrücken und vermag also erst wenn diese Beziehung durch die Anschauung selbst bekannt ist, Zeichen einer bestimmten Vorstellung zu werden. Dieses und jenes, hier und dort, ich und du drücken durch ihren Wortlaut nicht die Vorstellung eines bestimmten Etwas, eines bestimmten Orts usw. aus, obgleich sie dazu verwendet werden, ein bestimmtes Etwas, einen bestimmten Ort zu bezeichnen; in verschiedenen Fällen aber bezeichnen sie ganz Verschiedenes und was sie bezeichnen wird erst anderswoher ergänzt.

3. Die für sich bedeutungsvollen Wörter aber sind alle, sofern sie verstanden werden, Zeichen von Vorstellungen die innerlich gegenwärtig, aus der Erinnerung reproduzierbar sind. Mag ein Wort ein Eigenname sein oder etwas ganz Allgemeines bezeichnen: immer ist es erst dann fähig gebraucht zu werden, wenn es die Macht erlangt hat, durch seinen bloßen Laut ohne Hilfe einer gegenwärtigen Anschauung einen bestimmten Vorstellungsgehalt ins Bewußtsein zu rufen. Umgekehrt ist was wir vorstellen nur dann unser sicherer und fester Besitz, der im Denken verwertet werden aknn, wenn wir das bezeichnende Wort dazu haben; wir empfinden das Fehlen des Wortes zu einer Vorstellung immer als einen Mangel und als ein Hindernis, das uns erschwert, sie in ihrer Eigentümlichkeit und Geschiedenheit von anderen festzuhalten, sicher zu reproduzieren und vor Verwechslung zu bewahren. Es ist mit dem Gang unserer geistigen Entwicklung, die sich einmal tatsächlich nur mit Hilfe der Sprache und unter ihrem mächtigen Einfluß vollzieht, von selbst gegeben, daß jeder von uns erworbene und innerlich augeeignete Vorstellungsinhalt sein bezeichnendes Wort sucht; darum bemühen wir uns vor allem die Namen zu wissen und begnügen uns auf die Frage: was ist das? mit der Angabe eines neuen und nie gehörten Namens, indem wir uns leicht der Täuschung hingeben, als sei mit dem Lernen der Namen eine Bereicherung unserer Erkenntnis der Dinge gegeben, während wir doch damit, daß wir wissen, daß diese Pflanze  Aristolochia  und jene  Clematis  heißt, direkt gar nichts gewinnen; wohl aber haben wir ein Mittel gewonnen, leichter auf diese Dinge zurückzukommen, sie in unserer Erinnerung zu befestigen und später unsere Erkenntnis zu erweitern. So ist auch jeder Fortschritt des Wissens von einer Veränderung und Erweiterung der wissenschaftlichen Terminologie begleitet.

4. Besinnen wir uns nun auf die Natur der Vorstellungen, welche unsere Wörter begleiten: so ist vor allem daran zu erinnern, daß wir es hier mit demjenigen Denken zu tun haben, das sich im natürlichen Verlauf der geistigen Entwicklung in den einzelnen Individuen vollzieht; und was sich hier für den Einzelnen mit einem und demselben Wort verknüpft, macht eine Reihe von Entwicklungsstufen durch, über die uns direkt weder die Sprachforschung, welche nur den allgemeingültigen Sinn des Worts feststellen wir, noch die gewöhnliche Auffassung des Wortes in der Logik Aufschluß geben kann.

5. Die Wörter gelten gewöhnlich als Zeichen von  Begriffen.  Allein, daß sie einem Begriff im logischen Sinn entsprechen, wie er ein Kunstprodukt einer bewußten Bearbeitung unserer Vorstellungen ist, in der seine Merkmale analysiert und in der Definition fixiert werden, ist ein idealer Zustand, den zu erreichen eben die Logik helfen soll; faktisch sind die meisten unserer Wörter nur in der Annäherung an diesen Zustand begriffen und gehen wir an den Anfang unseres Urteilens zurück, wie es mit der ersten Aneignung der einfachsten Sprachelemente beginnt, so kann es nur verwirren, wenn das unter dem Wort Gedachte ohne weiteres als Begriff bezeichnet wird, man müßte denn den Ausdruck "Begriff", wie HERBART tut, in einem viel weiteren als dem gewöhnlichen Sinn nehmen.

6. Nun scheint ein doppeltes Verhältnis hierbei unterscheidbar. Ein Teil unserer Vorstellungen, nämlich die auf unmittelbarer Anschauung beruhenden, bilden sich bis zu einem gewissen Punkt unabhängig von der Sprache und dies in jedem Einzelnen selbständig sich entwickelnden Vorstellungen sind die Bedingung, unter der überhaupt erst das Sprechen möglich ist, das also von dieser Seite zu einem fertigen Gebilde erst hinzukommt. Ein anderer Teil aber, z. B. das ganze Gebiet des Unsinnlichen, wird durch die Tradition in uns erweckt und die Bildung dieser Vorstellungen ist veranlaßt und bestimmt durch den Gedankenkreis der Gesellschaft, wie er sich in der gehörten Sprache ausdrückt; das Wort geht voran und erst allmählich erfüllt es sich mit einer reicheren und bestimmteren Bedeutung in dem Maße als der Einzelne sich in das Denken der Gesamtheit hineinlebt. Aber der Gegensatz ist nur scheinbar; denn jedes Verständnis eines Wortes muß an Selbsterzeugtes anknüpfen und der individuelle Gehalt desselben besteht eben aus den Elementen, welche der Einzelne wirklich mit Bewußtsein erfaßt und festgehalten hat. Auch schon die unmittelbare sinnliche Anschauung wird bald von der Sprache geleitet und umgekehrt sind die Termini der höchsten Abstraktion nur dann mehr als leere Laute, wenn ihr Inhalt selbständig durch Denken nacherzeugt ist; es ist immer eine Entdeckung, wenn die Übereinstimmung eines selbsterzeugten Gedankens mit der im Sprachgebrauch geltenden Bedeutung eines Worts erkannt wird; und alles Erklären der Wörter muß darauf ausgehen, die Bedingungen herzustellen, unter denen nach den psychologischen Gesetzen die ihnen entsprechenden Vorstellungen erzeugt werden müssen. Der wahre Unterschied besteht nur darin, daß in der natürlichen Entwicklung das Sinnliche vorangeht und auf ziemlich übereinstimmende Weise vollzogen wird; während mit der Zunahme der Menge von Voraussetzungen, welche die höheren und abstrakteren Vorstellungen erfordern, auch die Mannigfaltigkeit der Wege wächst, auf denen sie gebildet werden und damit die individuelle Verschiedenheit der Produkte schwerer darzulegen ist. Der allgemeine Gang aber, in dem sich Vorstellung und Wort für den Einzelnen vermählen, ist im Wesentlichen derselbe; das Wort knüpft an einen in irgendeinem Moment zum erstenmal selbsterzeugten Gehalt an und durchläuft einer Reihe von Entwicklungen, in denen sich dieser Gehalt bereichert und modifiziert.

7. Wenn wir ins Auge fassen, wie das Kind die - fast ausschließlich sinnlichen - Vorstellungen erwirbt, die zu seinen ersten Wörtern gehören und seine ersten Urteile möglich machen: so geschieht das immer von der einzelnen Anschauung eines Dings oder eines Vorgangs aus, die ihm benannt wird; an einzelnen Fällen geht das erste Verständnis der Wörter auf. Je weniger aber seine Auffassung geübt und durch einen Reichtum schon vorher vorhandener Vorstellungen vorbereitet ist, desto weniger kann das Anschauungsbild, das in die Erinnerung eingeht und später mit dem Wort reproduziert wird, ein getreues und erschöpfendes Abbild des sinnlich gegenwärtigen Dings selbst sein und alles das enthalten, was am Objekt wahrgenommen werden könnte; auch was der Erwachsene in der Regel von einem ihm gegenwärtigen Objekt wirklich sieht und in seine Anschauung aufnimmt, bleibt, wenn er nicht ein geübter Beobachtunger ist, weit hinter dem Objekt selbst zurück; umso mehr kann, was bei Beginn des Sprechenlernens vom einzelnen gesehenen Objekt haften bleibt, nur ein rohes und verwaschenes Abbild des Dinges sein, in welchem nur die hervorstechendsten Züge, wie in einer rohen Zeichnung, erscheinen; so daß wir meist gar nicht wissen können, welches Bild jetzt das Kind eigentlich mit dem gehörten Wort verknüpfte. Tritt eine ähnliche Anschauung ein wie diejenige, die es wirklich behalten hat: so sind die Bedingungen gar nicht gegeben, unter denen eine Differenz des früheren und jetzigen Objektes wahrgenommen werden könnte, die Verschmelzung erfolgt unmittelbar und spricht sich darin aus, daß das Neue mit dem gelernten Namen benannt wird. Daraus erklärt sich die Virtuosität der Kinder mit wenigen Wörtern hauszuhalten und auch entfernt Ähnliches, wenn es nur in den sicher aufgefaßten Zügen oder auch nur in einem oder dem anderen übereinstimmt, mit demselben Namen zu belegen; daraus erklärt sich einerseits der oft überraschende Witz der kindlichen Sprache, andererseits die zahllosen Verwechslungen, die ihnen nach unserer Meinung begegnen. Der Fortschritt, den sie machen, besteht nicht darin, daß sie Neues unter schon bekannte Vorstellungen subsumieren, sondern darin, daß sie vollständiger auffassen und genauer unterscheiden lernen. (1)

8. Für unser individuelles Denken knüpft sich also am Anfang seiner Entwicklung die Bedeutung jedes Wortes an eine einzelne Anschauung, umso mehr, als zwischen einer Einzelvorstellung und einer allgemeinen gar kein Unterschied besteht. Das Erinnerungsbild, das von einer ersten unvollkommenen Auffassung eines Objektes zurückbleibt, haftet ja nicht wie ein fester Abdruck in der Seele; seine Reproduktion ist eine neue Tätigkeit und wo wir von Bildern und Vorstellungen sprechen, wie von festen Dingen, die im Schacht des Gedächtnisses ruhen, sollten wir eigentlich von erworbenen und erlernten Gewohnheiten und Fertigkeiten des Vorstellens reden, die nicht ausschließen, daß bei jeder Reproduktion leichtere oder eingreifendere Veränderungen der Tätigkeit und damit ihres Produktes stattfinden. Wie oft machen wir die Erfahrung, wenn wir einen bekannten Gegenstand, ein Haus oder eine Landschaft usw. nach längerer Zeit wiedersehen, daß er ganz anders aussieht, als wir ihn in der Erinnerung gehabt haben. Diese Unsicherheit des Erinnerungsbildes und das allgemeine Gesetz, das BENEKE passend das der Anziehung des Gleichartigen genannt hat, genügen, um es mit einer Reihe von neuen Bildern zu vereinigen und ihm so die Funktion einer allgemeinen Vorstellung zu geben. Der Prozeß des fortwährenden Benennens neuer Dinge - um zunächst bei den Substantiven stehen zu bleiben - befestigt einerseits die hervorragenden und gemeinschaftlichen Züge und erhält andererseits doch das Bild flüssig und verschiebbar, so daß bald dieser, bald jener Zug desselben in den Vordergrund treten und neue Assoziationen bestimmen kann. Darum haben im natürlichen Verlauf des Denkens alle Wörter ein Bestreben, ihr Gebiet zu erweitern; ihre Grenzen sind unbestimmt und immer bereit, sich für neue verwandte Vorstellungen zu öffnen; und diese Erweiterung wird fortwährend dadurch begünstigt, daß an neuen Gegenständen immer dasjenige am leichtesten beachtet und aufgefaßt wird, was mit einem schon eingeübten Schema übereinstimmt; wir legen sozusagen unsere fertigen Bilder immer über die Dinge her und verhüllen uns dadurch das Neue und Unterscheidende an ihnen.

Diesem Prozeß geht nun aber ein anderer zur Seite. Mit der zunehmenden Übung der Auffassung werden nicht bloß die frappantesten Züge, sondern auch die weniger hervorstechenden beachtet; damit werden die Bilder bestimmter und inhaltsreicher und in demselben Maße beschränkt sich einerseits das Gebiet ihrer Anwendung auf Neues, vermehrt sich andererseits ihre Zahl und die Fähigkeit sie zu unterscheiden. Diese Unterscheidung aber vergleicht Ganzes mit Ganzem; sie geht nicht so vor sich, daß man sich zuerst Rechenschaft gäbe, worin der Unterschied im Einzelnen besteht und die übereinstimmenden und differenten Merkmale mit Bewußtsein sonderte; wir unterscheiden fortwährend ganz sicher unbekannte Personen von bekannten, ohne uns zu Bewußtsein zu bringen,  worin  sie sich denn eigentlich unterscheiden; es ist ein nicht analysierter Gesamteindruck, von der Unmittelbarkeit eines Gefühls, der uns das Bekannte als solches anerkennen und vom Unbekannten urteilen läßt, daß es nichts Bekanntes sei.

Weniger die Häufigkeit der Beobachtung, als das Interesse des Menschen bestimmt seine Aufmerksamkeit und die Genauigkeit seiner Auffassung. Die Bilder dessen, was ihn erfreut oder schreckt, was mit seinen Bedürfnissen und Trieben im Zusammenhang steht, prägen sich mit allen Einzelheiten dem Gedächtnis ein; was ihm gleichgültig ist, nimmt er sich nicht die Mühe genau aufzufassen und so läßt es nur einen verwaschenen Eindruck der hervorstechendsten Züge zurück, der sich in weitester Ausdehnung mit Ähnlichem verschmelzen kann.

So erklärt es sich, wie nebeneinander bestimmtere und inhaltsreichere Bilder und unbestimmtere, leichter verschiebbare ihn erfüllen und sich mit seinen Wörtern verknüpfen. Er benennt etwas das Huhn, das ihm Eier legt, den Sperling, der ihn in seinem Garten ärgert, den Storch, der auf seinem Dach nistet; alles weitere ist Vogel und er bekümmert sich um die Unterschiede der einzelnen Arten nicht, hat aber ebensowenig das Bewußtsein, daß die Vorstellung "Vogel" in ihrer Unbestimmtheit auch die speziellen bekannten Arten unter sich begreift; "es ist kein Vogel, es ist ein Huhn", kann man nicht bloß Kinder sagen hören. Das unbestimmtere und ärmere Bild, das nur von den Hauptzügen der Gestalt und des Fluges hergenommen ist, genügt, wo kein Interesse ist, die Dinge zu unterscheiden; es dehnt sich auf den fliegenden Käfer und den Schmetterling aus.

Die Geschichte der Sprache zeigt eine ganz ähnliche Entwicklung. Ihre Wurzeln haben eine sehr allgemeine Bedeutung; nicht weil von Haus aus durch einen umfassenden Abstraktionsprozeß gleich das Allgemeinste fixiert worden wäre, sondern weil wenig unterschieden und nur leicht auffassbare, besonders hervorstechende Erscheinungen behalten und benannt worden sind. Die einzelnen Dinge werden nach irgendeiner dieser Erscheinungen benannt, der Fluß vom Gehen, der Hahn vom Krähen usw. Indem man dann verschiedene Seite an ihnen aufgefaßt und sie nur nach diesen benannt werden, entstehen die zahlreichen Synonyma, welche sie in verschiedene Reihen gleichartiger Erscheinungen stellen; im Verlauf der Sprachentwicklung erst tritt weitergehende Spezialisierung durch Ableitung und Verwendung ursprünglicher Synomyme für verschiedene spezielle Klassen von Dingen und Vorgängen ein, aber das Allgemeinere besteht neben dem Spezielleren fort. Ganz entgegen der gemeinen Lehre von der Bildung der allgemeinen Vorstellungen ist im Individuum wie in der Sprache das Allgemeine früher als das Spezielle, so gewiß die unvollständigere Vorstellung früher als das Spezielle, so gewiß die unvollständigere Vorstellung früher ist als die vollständige, die eine weitergehende Unterscheidung voraussetzt.

Ein ähnlicher Prozeß vollzieht sich hinsichtlich der Vorstellungen der Eigenschaften und Tätigkeiten. Auch hier sind die ursprünglichen Auffassungen allgemeinster Art und betreffen nur die großen leicht unterscheidbaren Züge. Mit wenigen und unsicher geschiedenen Vorstellungen der Farben sehen wir das Kind wie die Sprache beginnen; erst allmählich übt sich der Blick zu unterscheiden, was früher ohne weiteres als gleich gesetzt wurde; die geläufigsten Formen der Bewegung werden aufgefaßt und ohne weiteres auf alles Ähnliche übertragen; die mannigfaltigsten Unterschiede finden erst später ihre Beachtung und Bezeichnung. Wie vielerlei Bewegungen muß ein Wort wie "gehen" oder "laufen" bezeichnen!

9. Dürfen wir voraussetzen, daß auf diesem Weg die mit einem Wort verbundene Vorstellung aus der Anschauung eines einzelnen Gegenstande ursprünglich entsteht, dessen unvollkommenes und verschiebbares Bild die erste Bedeutung des Wortes ausmacht, so ergibt sich daraus auch, in welchem Sinn einer solchen mit dem Wort verbundenen Vorstellung  Allgemeinheit  zukommt.

Die Fähigkeit irgendeiner Vorstellung, eine allgemeine, d. h. auf eine unbegrenzte Vielheit von Einzelvorstellungen anwenbare zu werden, ist schon mit ihrer Natur als Vorstellung gegeben und durchaus nicht davon abhängig, daß sie von einer Vielheit solcher Einzelvorstellungen schon erzeugt worden ist. Sobald sie sich von der ursprünglichen Anschauung und ihrem räumlichen und zeitlichen Verbindungen losgerissen hat und ein inneres Bild geworden ist, das frei reproduziert werden kann, hat sie auch die Fähigkeit, mit einer Reihe neuer Anschauungen oder Vorstellungen zu verschmelzen und als Prädikat derselben in einem Urteil aufzutreten. Sehen wir nur auf den Gehalt der Vorstellung, so kommt diese Art von Allgemeinheit nicht bloß den Bildern der Sonne, des Mondes usw., sondern auch den Bildern bestimmter Personen ohne weiteres zu; so oft die Sonne am Himmel aufgeht oder der Mond sichtbar wird, ist eine neue Einzelanschauung da, welche mit der von früher zurückgebliebenen Vorstellung in Eins gesetzt wird; die Erkenntnis der materiellen Identität aller dieser Sonnen und Monde ist etwas Späteres und gar nichts Notwendiges, wo die Kontinuität der Anschauung fehlt; ebenso wird das Spiegelbild einer Person oder ihr Porträt ohne weiteres mit dem Erinnerungsbild identifiziert und wieder ist die Erkenntnis, daß das bloße Bilder seien und der Name eigentlich nur  einem  zukomme, ein Zweites, das erst hinzutritt und den begonnenen Versuch, die Vorstellung als eine im vollen Sinn allgemeine zu behandeln, wieder aufhebt; es ist für die Vorstellung selbst zufällig, daß sie keine wahrhaft allgemeine wird.

Nicht in der besonderen Natur dessen, was vorgestellt wird, noch in seinem Ursprung also liegt es, ob es im gewöhnlichen Sinn allgemein wird oder nicht, sondern darin, daß die Vorstellung wirklich auf eine Vielheit von Einzelvorstellungen, die als Abbild einer realen Vielheit von Dingen gelten, angewendet wird und daß diese Vielheit als solche zu Bewußtsein kommt, daß der  Singularis  einen  Pluralis  erhält.

10. Diese Vielheit ist zuerst eine bloß  numerische.  Indem in der Anschauung gleichzeitig oder sukzessiv eine Reihe gleicher oder ununterscheidbar ähnlicher Dinge gegeben werden, wird nicht bloß jedes einzelne mit dem Erinnerungsbild identifiziert, sondern die Einheit des Inhalts der Vorstellung bringt das Bedürfnis des  Zählens  hervor, durch das die äußere, räumliche oder zeitliche Unterschiedenheit mit der Gleichheit des Bildes vermittelt wird. Erst damit tritt der Gegensatz der Einzigkeit und der Vielheit heraus.

11. Nicht diese numerische Allgemeinheit jedoch wird in der Regel gemeint, wenn davon die Rede ist, daß die Wörter allgemeine Bedeutung haben, sondern darin soll die Allgemeinheit bestehen, daß sie  verschiedene,  ihrem Inhalt nach unterscheidbare und wirklich unterschiedene Objekte unter sich befassen. So soll die Vorstellung  Baum  das Allgemeine zu Eichen, Buchen, Tannen usw. sein, die Vorstellung Farbe das Allgemeine zu rot, blau, grün usw.

Hier ist nun aber genau zu scheiden zwischen der  Allgemeinheit der Vorstellung  und der  Allgemeinheit des Wortes.  Bleiben wir in dem Gebiet stehen, in welchem die wirkliche individuelle Bedeutung der Wörter aus der Einzelanschauung stammt: so ist die Fähigkeit einer Vorstellung, auf nicht bloß räumlich und zeitlich, sondern inhaltlich Verschiedenes angewendet zu werden, zunächst mit ihrer  Unbestimmtheit  gegeben. Wie es für ein sichtbares Ding eine endlose Zahl von Stufen äußerer Abbildung gibt, von den paar Strichen mit denen die Schuljungen Pferde und Männer auf ihre Hefte malen, bis zur vollendeten Photographie: so gibt es eine analoge Stufenreihe von Vorstellungen, die nacheinander möglicherweise von demselben Objekt in immer zunehmenderer Bestimmtheit abgenommen werden und nebeneinander fortbestehen können. Je unbestimmter, desto leichter die Anwendung. So lange nun aber die Differenz der einzelnen Objekte, auf welche immer aufs Neue ein einmal entstandenes Bild angewendet wird, nicht zu Bewußtsein kommt, verhält sich eine solche Vorstellung nicht anders, als die Vorstellung der Sonne oder eine Vorstellung von bloß numerischer Allgemeinheit. Wenn mit dem Wort  Gras  nur ein paar zusammenstehende grüne, schmale zugespitzte Blätter reproduziert werden, die Differenzen der einzelnen Gräser gar nicht beachtet sind, so finden wir überall eine Menge Gras, eines ist Gras wie das andere. Sobald aber die einzelnen Auffassungen bestimmter und die Unterschiede dessen, was auf den ersten Blick mit einer gegebenen Vorstellung zusammenfällt beachtet werden, so tritt ein doppeltes ein: der gemeinschaftliche Name bleibt und es bilden sich zugleich die Namen für die bestimmteren Vorstellungen. Die bestimmteren aber verdrängen im Laufe der Zeit die unbestimmtere; diese kann in ihrer Verschwommenheit gar nicht mehr lebendig gemacht werden; der Botaniker hat keine bildliche Vorstellung mehr, die dem Wort  Gras  oder  Baum  entspräche, sondern es entsteht jetzt, wie der Wettstreit im Sehfeld zwischen verschiedenen Bildern die beiden Augen geboten werden, ein Wettstreit der verschiedenen bestimmteren Formen, die eine ungeübtere Auffassung gleich setzen konnte. Erst jetzt ist das Bedürfnis da, sich klar zu machen, was denn das Gemeinschaftliche neben dem Unterschiedenen sei, d. h. den Begriff im gewöhnlichen Sinn des Wortes durch Abstraktion zu bilden.

Derselbe Prozeß wiederholt sich mit den bestimmteren Vorstellungen. In dem Maße, wie die Auffassung schärfer und das Gedächtnis für kleine Unterschiede treuer wird, löst sich auch hier das ursprünglich einheitliche Bild in eine Reihe differenter auf. Die Sprache vermag aber mit ihren Ableitungen, Zusammensetzungen, Attributivbestimmungen usw. dieser Spezialisierung nicht zu folgen und ebensowenig vermag das Gedächtnis alles in gleicher Weise festzuhalten, die Einbildungskraft alle Bilder in gleicher Weise zu beleben. So bleibt schließlich jedem Wort ein Kreis von unterscheidbaren Vorstellungen, die durch dasselbe bezeichnet werden können; dieselben verhalten sich aber nicht gleich, sondern ein bestimmteres Bild bleibt vorzugsweise mit ihm verknüpft, als Mittelpunkt der Gruppe, um welchen sich die anderen anschließen. Der Bewohner einer Nadelholzlandschaft verbindet mit "Baum" zunächst das Bild einer Tanne oder Föhre; die übrigen Formen, die er etwa kennt, stehen verblaßt und im Hintergrund. Mit dem Wort  rot  verbindet sich zunächst ein besonders auffallender und von allen anderen leicht unterscheidbarer Eindruck; in dem Maße als es auf weitere und weitere Abstufungen der Farbe angewendet wird, hört es auf etwas bestimmtes zu bezeichnen; bald diese bald jene Abschattung wird mit dem Hören des Wortes zunächst reproduziert, aber so, daß eine Reihe von anderen sich als gleich möglich darbietet und durchlaufen wird; das Wort ist allgemein geworden, indem es die bestimmte Bedeutung verloren hat und eine, zunächst nicht bestimmt abgegrenzte Reihe von Schattierungen reproduziert. Jede derselben ist eine allgemeine Vorstellung, sofern sie wieder auf eine Mannigfaltigkeit einzelner Anschauungen anwendbar ist; ihre Bezeichnung (blutrot, kirschrot usw.) erinnert aber wieder an den ursprünglichen Prozeß, durch den die Wörter ihre Bedeutungen von Einzelanschauungen ableiten.

12. Von diesem natürlichen Gang der Beziehungen zwischen Wort und Vorstellung ist ein anderer Prozeß wesentlich zu unterscheiden, der dadurch bedingt ist, daß die Benennung fortwährnd unter dem Einfluß einer schon vorhandenen Sprache stattfindet und der vorhandene Sprachgebrauch die Kombinationen, die von selbst entstehen würden, aufdrängt. Anzugeben, was das Gemeinschaftliche aller Dinge ist, welche die Sprache mit demselben Wort bezeichnet, ist ein ganz anderes Geschäft, als anzugeben, was ein bestimmtes Individuum unter eine gegebene Vorstellung bringt und mit ihr ähnlich setzt; für das individuelle Denken gibt es eine Menge bloßer Homonymen, bei denen die innere Ähnlichkeit der Vorstellung gar nicht zu Bewußtsein kommt, welche ursprünglich die gleiche Benennung hervorgebracht hatte und ebenso werden eine Menge von Ähnlichkeiten der Dinge erst durch die Sprache zu Bewußtsein gebracht, auf welche das sich selbst überlassene Vergleichen eines Einzelnen niemals gekommen wäre. Andererseits verbietet und zerstört der Sprachgebrauch eine Menge von Ähnlichkeiten und drängt Unterscheidungen auf, welche das individuelle Denken nicht gefunden hätte. Während nun im letzteren Falle die Vorstellung gezwungen wird bestimmter zu werden, läßt sich im ersteren gar nicht ausmachen, wie viele unter sich zusammenhanglose Vorstellungen einem und demselben Wort entsprechen mögen. Die sprachliche Etymologie geht mit Recht darauf aus, auch die entlegendsten Kombinationen zu versuchen; ihre Aufgabe ist aber eine total andere als die, den wirklichen Prozeß des Denkens sich in den einzelnen Individuen zu vergegenwärtigen.

Aus dem bisherigen ergibt sich, daß die Meinung, welche die Wörter durchweg als  Namen von Dingen  auffaßt ihre wahre Natur nicht ausdrückt. (2) Was ein Name ist, bezeichnet das Einzelne als solches; das Wort aber ist das Zeichen eines bestimmten Vorstellungsgehaltes, der von der Anschauung des Einelnen losgerissen ein selbständiges Dasein in der Fähigkeit gewonnen hat, beliebig innerlich reproduziert zu werden. Was als Name angekündigt wird, setzt die Existenz des Bezeichneten voraus; das Wort als solches aber enthält nur die Tatsache, daß ein bestimmter Vorstellungsgehalt gedacht wir, nicht daß das Gedachte irgendwo oder irgendwann existiert. Darum kann das anschauliche Einzelne, wo es nicht ausdrücklich mit einem Eigennamen versehen wird, nur unvollständig von der Sprache bezeichnet werden; erst mit Hilfsmitteln wie Artikel, Demonstrativ usw. wird das Wort mit einer allgemeinen Bedeutung fähig, ein Einzelnes, wie es der Anschauung gegenwärtig ist, zu bezeichnen und nur sofern die Übereinstimmung des Einzelnen mit der durch das Wort bezeichneten Vorstellung erkannt wird, d. h. das Wort vermöge seiner Bedeutung auf das Einzelne anwendbar ist.


§ 8.
Notwendigkeit des Worts für das Prädikat

Vermöge ihrer eigentümlichen Funkton sind die  Wörter  der für das menschliche Urteilen  unentbehrliche Ausdruck der Prädikatsvorstellung,  während  der Subjektsvorstellung,  wie sie nicht selbst ein allgemein Vorgestelltes ist,  der  sprachliche Ausdruck fehlen kann.

1. Aus den obigen Ausführungen über das Wesen der Wörter folgt zunächst, daß genau zu unterscheiden ist, ob ein Wort nur den von ihm unmittelbar bezeichneten Vorstellungsgehalt bedeutet oder ob es dazu verwendet wird, ein bestimmtes Einzelnes zu bezeichnen, das als solches durch die Wortbedeutung noch nicht angezeigt ist, sondern nur dieselbe in sich darstellt und also mit dem Wort benannt werden kann.

Darauf beruth das wesentlich verschiedene Verhältnis der Wortbezeichnung zum Subjekt und Prädikat eines Urteils. Wo nämlich eine Aussage nicht den Gehalt des Subjektwortes als solchen trifft, wie z. B. eine Definition, sondern ein bestimmtes Einzelnes, da ist es durchaus nicht notwendig, daß die Subjektvorstellung durch ein bedeutungsvolles Wort bezeichnet werde oder bezeichnet werden könne. Es kann sprachlich ein bloßes Demonstrativ erscheinen - dies ist  Eis,  dies ist  rot,  das  fällt;  es kann dieses Demonstrative durch eine bloße Gebärde ersetzt, es kann ohne all das auch bloß das Prädikat ausgesprochen werden, ohne daß darum der innere Vorgang aufhörte, ein Urteil zu sein, in welchem etwas von etwas ausgesagt wird.

Dies tritt am klarsten bei den Urteilen hervor, mit welchen das Urteilen des Menschen überhaupt beginnt, in denen bestimmte sinnlich anschauliche Gegenstände wieder erkannt und benannt werden. Wenn das Kind die Tiere in seinem Bilderbuch benennt, indem es mit dem Finger hinweisend ihre Namen ausspricht, urteilt es; ebenso sind Ausrufe, welche ein überraschender Anblick hervorbringt, - der Vater! Feuer! die Kraniche des Ibikus! vollgültige Urteile; nur der sprachliche Ausdruck, nicht der innere Vorgang ist unvollständig. (3)

2. Dagegen ist es dem Urteil wesentlich, sich nur im  Aussprechen  des Prädikats zu vollenden. Es kann zwar Fälle geben, in welchen z. B. ein bestimmtes Objekt wieder erkannt wird, für welches uns das bezeichnende Wort fehlt und darum der innere Vorgang nicht ausgesprochen werden kann; aber wir betrachten eben darum denselben als mangelhaft, als eine unreife Geburt und als unvollendetes Urteil nur das, in welchem das Prädikat mit der Wortbezeichnung erscheint. Und war ist es dem Prädikat wesentlich, daß, wo nur das Urteil wirklich ausgesprochen ist, die zugehörige Vorstellung eben die  Bedeutung des Wortes ist,  der mit dem Wort verbundene Vorstellungsgehalt als solcher, der in unser Eigentum übergegangen ist; gleichgültig, ob diese Vorstellung eine allgemeine im gewöhnlichen Sinn oder die Vorstellung eines einzigen ist. "Dieser ist Sokrates" ist so gut ein Urteil, als "Sokrates ist ein Mensch"; "der heutige Tag ist der 1. Januar 1871" so gut als "der heutige Tag ist kalt", obgleich weder "Sokrates" noch "der 1. Januar 1871" allgemeine Vorstellungen sind. Es genügt, daß sie überhaupt Vorstellungen sind, die auf Veranlassung des gesprochenen Wortes und mit diesem reproduziert werden können.
LITERATUR - Christoph Sigwart, Logik I, Tübingen 1873
    Anmerkungen
    1) Vgl. die treffenden Bemerkungen STEINTHALs, Abriss der Sprachwissenschaft I, Seite 148f und 401f.
    2) In dieser Beziehung ist MILLs Auseinandersetzung (Logik, 1. Buch, Kap. 2) durchaus oberflächlich, wenn er die Adjektiva "weiß", "schwer" doer gar das Demonstrativ "dies" als Namen von Dingen bezeichnet.
    3) HERBART, Psychologie, Werke IV, Seite 169: Der Anblick geht voran, die Vorstellung, die er unmittelbar gibt, weckt die frühere Vorstellung welche mit jener verschmilzt; die unmittelbare Wahrnehmung gibt das Subjekt, die Verschmelzung ist das, was die Kopula zu bezeichnen hätte, die frühere, erwachende und mit jener ersten verschmelzende Vorstellung nimmt die Stelle des Prädikats ein.