cr-4ra-3ra2-4 Die ImpersonalienMauthner - ZweckJhering - Der Zweck im Recht    
 
CHRISTOPH SIGWART
Der Kampf gegen den Zweck
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"Niemand fällt es ein, etwa Sonnen- und Mondfinsternisse als Naturzwecke zu betrachten und die Lage der Mondbahn gegen die Ekliptik für zweckmäßig zur Hervorbringung der Finsternisse zu erklären."

"Keine Physiologie kann aus den hervorbringenden Ursachen, aus der Mechanik der einzelnen Stoffbestandteile zeigen, daß das Auge sich rund bilden muß, daß die Hornhaut durchsichtig wird, erklären, wie sich die Kristalllinse wölbt, wie es zugeht, daß sie eine Flüssigkeit von anderen Brechungskoeffizienten enthält als der Glaskörper und so einen achromatischen Apparat herstellt, nach welchen physikalischen oder chemischen Gesetzen der Sehnerv in der Entfernung des Brennpunkts der Linse sich in ein Mosaik von Endgebilden ausbreitet, die durch Licht chemisch veränderlich sind, woher die Fasern stammen, die die Krümmung der Linse für verschiedene Entfernungen des Objekts akkomodieren und warum sich an der Innenfläche des Auges ein schwarzes Pigment ablager, welches die innere Reflexion verhindert."

"Der Gegensatz von Gesundheit und Krankheit ist auf dem Boden des Zweckbegriffs erwachsen. Schließt man den aus, so kann man zwar das, was sich in der Mehrzahl der Fälle findet, als  normal,  das war nur als Ausnahme vorkommt, als  abnorm  bezeichen; aber die so bestimmten Begriffe von  normal  und  abnorm  decken sich mit den Begriffen von Gesundheit und Krankheit nicht, sonst müßte derjenige, dem ein der Mehrzahl seiner Mitmenschen schädlicher Exzess keine Nachwehen hinterläßt, zu den Kranken gerechnet werden."

"Obgleich Verstümmelung, Zerstörung und Tod der organischen Individuen ein ebenso regelmäßig unter wechselnden Bedingungen eintretender Erfolg ist, wie die zeitweilige Erhaltung des Lebens und seine harmonische Entfaltung, denkt doch niemand daran, den Tod und die Zersetzung als den Zweck zu betrachten, dem das Leben dient und zwar nicht bloß darum nicht, weil wir die Notwendigkeit nicht einsehen, warum zur Herstellung der Verwesungsprodukte der ganze Apparat des Lebens aufgeboten werden mußte, sondern vorzugsweise darum nicht, weil unser gemütliches Interesse und unser ästhetisches Gefühl widerstreitet."


Es sind dieselben Kausalbeziehungen und Wirkungsgesetze, welche die eine und die andere Betrachtungsweise zugrunde legt; die Auffassung, welche irgendeinen Erfolg als Zweck betrachtet, läßt ihn zunächst durch dieselben Ursachen zustande kommen, von denen die kausale Betrachtung ausgeht. Hätten wir eine durchgängige Einsicht in den Kausalzusammenhang der Welt, vermöchten wir alles was ist und geschieht aus seinen Ursachen als notwendig zu begreifen, so würden sich beide Betrachtungsweisen vollkommen decken; wir würden rückwärts und vorwärts ganz denselben Weg durchlaufen.

Aber diese durchgängige Einsicht steht uns nicht zu Gebot; wir besitzen die Formel nicht, wleche uns alle wirksamen Dinge der Welt in ihrem Zusammenhang nach bestimmten Wirkungsgesetzen zeigt und darum treten jene beiden Betrachtungsweisen zunächst im Einzelnen auseinander.

Wo wir durch lange Reihen von Vorgängen hindurch verfolgen können, wie von einer gegebenen Anordnung wirksamer Elemente aus nach bekannten Naturgesetzen wechselnde Erfolge sich auseinander erzeugen, da wäre es willkürlich, irgendein Glied in dieser Reihe herauszugereifen und nun als den festen Ausgangspunkt hinzustellen, auf den die vorangehenden Bedingungen bezogen werden. Niemand fällt es ein, etwa Sonnen- und Mondfinsternisse als Naturzwecke zu betrachten und die Lage der Mondbahn gegen die Ekliptik für zweckmäßig zur Hervorbringung der Finsternisse zu erklären. Die Finsternisse ergeben sich vielmehr einfach als periodisch eintretende vorübergehende Folgen bekannter und konstanter Ursachen. Ebensowenig verfallen wir mehr darauf etwa die Flußbette oder einen Wasserfall unter den Gesichtspunkt des Zwecks zu stellen; wir sehen ein, wie die Natur der Erdoberfläche und die Schwere des Wassers diese Erscheinungen zur notwendigen Folge haben.

Anders aber steht es, wo uns die Kenntnis der hervorbringenden Ursachen und ihrer Wirkungsgesetze im Stich läßt; wo wir nicht einsehen, wie nach bekannten Naturgesetzen eine bestimmte Anordnung oder Verbindung von Elementen und damit eine gewisse Reihenfolge von Wirkungen zustande kommt und doch ein konstanter sichtbarer Erfolg da ist. Hier ist der gegebene Ausgangspunkt der Erfolg und auf ihn zunächst sind wir genötigt, dasjenige zu beziehen, was ihn hervorbringt, wenn wir überhaupt einen Zusammenhang finden wollen. In diesem Falle befinden wir uns den Organismen gegenüber. Das Dasein, die Erhaltung und Fortpflanzung der lebenden Wesen ist ein konstanter, immer in derselben Weise sich wiederholender Erfolg; aber mit welcher physikalischer oder chemischer Notwendigkeit sich die organischen Formen bilden und entwickeln, nach welchen allgemeinen Naturgesetzen sich der verwickelte Apparat einer Pflanze oder eines Tieres aufbaut, ist noch nicht erforscht; es ist noch nicht möglich gewesen zu zeigen, wie unter bestimmten Bedingungen Kohlenstoff und Wasserstoff, Stickstoff und Sauerstoff vermöge ihrer Eigenschaften sich zu einer Zelle zusammenfinden müssen und nach welchen allgemeinen Gesetzen diese Zellen sich verändern und teilen und sich zu diesen oder jenen Geweben umbilden müssen. Dagegen drängt sich der Betrachtung von selbst das Verhältnis der Glieder eines Organismus untereinander und zu den äußeren Umgebungen auf, vermöge dessen sie geeignet sind, durch ihre Wechselwirkung mit der Außenwelt und ihr Zusammenwirken untereinander das organische Individuum in seinem Bestand zu erhalten und den Lebensprozeß weiter zu führen; versagen sie den Dienst oder werden sie von außen zerstört, so hört das Leben auf und das Individuum zerfällt.

Darum ist der Weg, den die Untersuchung der Organismen von Anfang an damit gegangen ist, daß sie unter den Gesichtspunkt des Zwecks gestellt wurden, der natürliche gewesen; in die Vielheit der einzelnen Bestandteile, die von der kausalen Betrachtung aus zufällig erscheint, kommt verständlicher Sinn und Zusammenhang, sobald wir sei als  Organe,  als Werkzeuge, als Mittel zu einer bestimmten Leistung für die Erhaltung des Ganzen betrachten; von diesem Punkt aus erscheint die Form und die Funktion der einzelnen Teile begründet und damit ist zunächst der Forderung genügt, von irgendeiner Seite aus das "Warum" des Gegebenen einzusehen. Keine Physiologie kann aus den hervorbringenden Ursachen, aus der Mechanik der einzelnen Stoffbestandteile zeigen, daß das Auge sich rund bilden muß, daß die Hornhaut durchsichtig wird, erklären, wie sich die Kristalllinse wölbt, wie es zugeht, daß sie eine Flüssigkeit von anderen Brechungskoeffizienten enthält als der Glaskörper und so einen achromatischen Apparat herstellt, nach welchen physikalischen oder chemischen Gesetzen der Sehnerv in der Entfernung des Brennpunkts der Linse sich in ein Mosaik von Endgebilden ausbreitet, die durch Licht chemisch veränderlich sind, woher die Fasern stammen, die die Krümmung der Linse für verschiedene Entfernungen des Objekts akkomodieren und warum sich an der Innenfläche des Auges ein schwarzes Pigment ablager, welches die innere Reflexion verhindert; vom Standpunkt der wirkenden Ursachen können wir aus allgemeinen Gesetzen nicht einsehen, wie diese verschiedenen Bestandteile einander gegenseitig ihre Form und ihre Lage bestimmen, oder welche gemeinschaftliche Ursache sie gerade so bildet und disponiert; das Licht ferner und das Auge, das sich im Dunkel bildet, sind für die kausale Betrachtung unabhängig von einander. Aber diese Menge einzelner Bestandteile wird verständlich, sobald wir vom Zweck des Sehens ausgehen; auf diesen erscheint jetzt alles als Mittel bezogen, von diesem Punkt aus ist der Zusammenhang der Forum und die Beschaffenheit der einzelnen Teile klar; der Bau des ganzen Organs wird einer einheitlichen Auffassung zugänglich, wenn wir ihn nach Analogie eines einem Zweck dienenden künstlichen Apparats betrachten.

Auch hier schließt die teleologische Betrachtung die kausale nicht aus. Schon die Zweckmäßigkeit des Apparats ruht ja eben darauf, daß nach den allgemeinen Gesetzen der Refraktion [Brechung, wp] das Bild auf der Netzhaut entstehen muß. Die naturgesetzliche Wirksamkeit der einzelnen Teile bringt den Erfolg hervor, den wir als Zweck betrachten und nur dann, wenn die Wirkungsweise jedes einzelnen Bestandteils genau erkannt und ihr Beitrag zum Resultat festgestellt ist, schließt sich die Erkenntnis der Zweckmäßigkeit ab. So ist die teleologische Betrachtung eine Aufforderung, die kausalen Beziehungen nach allen Seiten zu verfolgen, durch welche der Zweck verwirklicht wird. Sie hat die Bedeutung eines  heuristischen Prinzips,  denn die Voraussetzung, daß der Organismus zweckmäßig gebaut sei, nötigt nach der Wirkungsweise jedes einzelnen Teils zu fragen und die Bedeutung seiner Form, seiner Struktur und seiner chemischen Eigenschaften zu erkennen und führt zugleich zur Erklärung etwa vorhandener Nebenerfolge, die sich dem Zweck nicht unterordnen, aber durch die verwendeten Mittel unvermeidlich werden.

Und da weiterhin in der Natur nicht der Punkt auffindbar ist, an dem eine zwecksetzende und durch Zwecke bestimmte Macht ähnlich der des Menschen nachweisbar in den Naturlauf abändernd eingriffe, um jene Bildungen herzustellen, so hindert die teleologische Betrachtung nach keiner Seite hin die natürlichen Ursachen und Bedingungen der Entstehung und Entwicklung der organischen Wesen zu verfolgen; im Gegenteil, je deutlicher die Eigentümlichkeit der zweckmäßigen Anlage des Organischen erkannt ist, desto stärker fordert sie auf zu fragen, aus welchen Ursachen so verwickelte Kombinationen hervorgegangen sein können; wird damit allerdings von einer Seite die ganze Natur unter den Gesichtspunkg des Zweckes gestellt, sofern sie darauf angelegt erscheint, diese höchsten Formen des Mechanismus hervorzubringen, so wird andererseits eben damit auch die Erforschung der natürlichen Ursachen auf das Ganze ausgedehnt.

Die allgemeine Bedeutung der von DARWIN ausgegangenen Bewegung besteht ja eben darin, daß sie, indem sie die Zweckmäßigkeit der Organismen unbefangen anerkennt, sich die Aufgabe stellt, diese Zweckmäßigkeit aus allgemeinen Gesetzen kausal zu erklären und als den streng notwendigen Erfolg gegebener Ursachen und ihrer Kombinationen hinzustellen; sie versucht diese Aufgabe zu lösen, indem sie das Verhältnis, das durch den Begriff des Zwecks ursprünglich angedeutet ist, umkehrt. Nicht aus einem Zweck als vorangehender Ursache wird das Dasein zweckmäßiger Bildungen erklärt, sondern die naturnotwendig entstandene tatsächliche Zweckmäßigkeit bildet den Erklärungsgrund für die Existenz der bestehenden Organismen, weil die weniger zweckmäßig organisierten Individuen im Kampf ums Dasein untergehen mußten. So hat DARWIN unternommen, die mechanische Betrachtungsweise mit der Anerkennung der Zweckmäßigkeit auszusöhnen.

Sobald man sich das vergegenwärtigt, kann man es nur als eine auf Mißverstand beruhende Prüderie bezeichnen, wenn es eine zeitlang Mode war, auch nur die Nennung des Wortes Zweck für wissenschaftlich unanständig zu halten, während im harten Kontrast zu dieser Ächtung jeder Redewendung, die an Teleologie auch nur von Ferne erinnerte, fort und fort unbeanstandet Physiologie und Pathologie unterschieden wurden. Und doch ist der Gegensatz von Gesundheit und Krankheit ja nur auf dem Boden des Zweckbegriffs erwachsen; schließt man den aus, so kann man zwar das, was sich in der Mehrzahl der Fälle findet, als normal, das war nur als Ausnahme vorkommt, als abnorm bezeichen; aber die so bestimmten Begriffe von  normal  und  abnorm  decken sich mit den Begriffen von Gesundheit und Krankheit nicht, sonst müßte derjenige, dem ein der Mehrzahl seiner Mitmenschen schädlicher Exzess keine Nachwehen hinterläßt, zu den Kranken gerechnet werden.

Eben dieser Gesichtspunkt aber, der unabweisbar immer wieder dazu geführt hat, am Gedanken des Zwecks die Variationen der Konstitution und der Lebensprozesse der Organismen zu messen, deckt uns eine neue Seite des Zweckbegriffs auf, nach welcher er eine höhere Bedeutung, als die bisher betrachtete bloß formelle beansprucht. Nicht bloß der Gedanke, aus der Einheit eines konstanten Erfolges in die Vielheit seiner Bedingungen verständlichen Zusammenhang zu bringen, pflegt uns zu leiten, wenn wir den Zweckbegriff verwenden, sondern wir sind hauptsächlich darum geneigt, diesen Gesichtspunkt gelten zu lassen, weil dieser Erfolg uns irgendeinen  Wert  zu haben scheint und darum geeignet ist, uns den Eindruck eines Zieles zu machen, das die Verwirklichung verdient, weil er also seiner Bedeutung und seinem Wert nach sich ebenso verhält, wie das, was wir selbst wünschen und  wollen.  In Beziehung auf uns selbst ist uns der Wert von Leben, Gesundheit und Wohlsein selbstverständlich. Unser unmittelbares Gefühl entscheidet darüber. Nun ist es allerdings eine beschränkte Auffassung, welche SPINOZA mit Recht bekämpft, unser Wohlsein und unseren Nutzen zum Maßstab der Zweckmäßigkeit in der Welt zu machen und den Wert der Dinge nur nach der Hilfeleistung zu bemessen, die sie uns zur Befriedigung unserer gemeinen Bedürfnisse zu gewähren imstande sind. Aber es gibt auch eine andere weniger egoistische und spießbürgerliche Gedankenrichtung, welche jenem unmittelbaren Gefühl vom Wert unseres Wohlseins entspringt; durch eine von keinem praktischen Interesse verunreinigte, sympathische Übertragung desselben gewinnt das Fortbestehen und Wohlsein des Lebendigen für uns auch da einen Wert, wo unser individueller Nutzen gar nicht in Frage kommt; wir sind durch die Erfüllung der Zwecke, die uns selbst wertvoll sind, überall gemütlich befriedigt, durch ihre Nichterfüllung verletzt; und wo uns die Natur der Dinge nicht gestatten will, in sie selbst irgendeinen Genuß ihres Daseins und ihrer Vollkommenheit zu verlegen, wie bei den Pflanzen, da läßt uns der  ästhetisch Eindruck, den sie machen, ihnen einen Wert beilegen, der sie berechtigt, als Zwecke der Natur zu gelten. Obgleich Verstümmelung, Zerstörung und Tod der organischen Individuen ein ebenso regelmäßig unter wechselnden Bedingungen eintretender Erfolg ist, wie die zeitweilige Erhaltung des Lebens und seine harmonische Entfaltung, denkt doch niemand daran, den Tod und die Zersetzung als den Zweck zu betrachten, dem das Leben dient und zwar nicht bloß darum nicht, weil wir die Notwendigkeit nicht einsehen, warum zur Herstellung der Verwesungsprodukte der ganze Apparat des Lebens aufgeboten werden mußte, sondern vorzugsweise darum nicht, weil unser gemütliches Interesse und unser ästhetisches Gefühl widerstreitet. Tod und Zerstörung erscheinen uns als ein Schicksal, das mit der Endlichkeit vielleicht unvermeidlich verknüpft ist, aber uns nichts destoweniger weh tut, als der Schatten, der unsere Freude an der Natur trübt.

Nun läßt sich freilich mit SPINOZA sagen, gut und schlecht, vollkommen und unvollkommen, schön und häßlich seien nur subjektive Begriffe und die Maßstäbe, nach denen wir sie unterscheiden, unserer beschränkten Natur entnommen; wir haben kein Recht, etwas darum als von der Weltordnung beabsichtigt zu betrachten, weil es unserem Gemüt wohltut und unserem Geschmack zusagt. Aber wir können aus dieser unserer beschränkten Natur einmal nicht vollständig heraustreten und unsere Menschlichkeit nicht verleugnen; keine umfassende Weltanschauung, auch die SPINOZAs selbst nicht, hat es vermeiden können, daß unter der Hand doch jene Unterschiede der Wertschätzung in die vermeintlich ganz kalt intellektuelle und objektive Betrachtung der Notwendigkeit allen Geschehens sich einschleichen. Bei SPINOZA ist es besonders auf ethischem Gebiet deutlich, wo er die Menschen und ihr Tun am Maßstab der Vernünftigkeit mißt, der reinen Erkenntnis den Vorzug vor der Imagination gibt und das wahre Gut des menschen dem vermeintlichen gegenüberstellt, das Streben nach jenem als berechtigt und vernünftig, das Streben nach diesem als töricht hinstellt. In der Naturwissenschaft aber durchbrechen da jene ästhetischen Gesichtspunkte überall die rein mechanische Auffassung, wo von Entwicklung des Niederen zum Höheren, der unvollkommeneren Organisation zur vollkommeneren geredet wird. Auch der strengste Anhänger einer alles aus blind wirkenden Ursachen erklärenden Selektionstheorie vermeidet es doch nicht, eine Stufenreihe de Organisationen anzuerkennen, die nicht bloß eine zeitliche Aufeinanderfolge darstellt, sondern eine vom Niederen zum Höheren aufsteigende Bahn beschreibt und einen Fortschritt enthält. Damit aber wird anerkannt, was eliminiert werden sollte, die Bedeutung der Vorstellung eines Zwecks, an welchem die verschiedenen Formen gemessen werden. Oder von wo aus soll denn der Gegensatz von vorwärts und rückwärts, von fortschreitender und rückschreitender Umbildung bestimmt werden, wenn nicht vom Gedanken des Ziels aus, das erreicht werden soll, weil es eine wertvollere Form des Daseins ist? Wird dieser Gesichtspunkt wirklich ausgeschlossen, dann ist nicht abzusehen, warum das Säugetier oder der Mensch einen höheren und vornehmeren Rang in der Welt einnehmen soll, als ein Regenwurm oder der früh verstorbene BATHYBIUS HÄCKELii. Fragen wir aber nach dem Maßstabe, nach welchem die Höhe der Organisation bestimmt wird, so begegnen wir Ausdrücken wie "Teilung der Arbeit", "Differenzierung der Organe" und ähnlichen, zum deutlichen Zeichen, daß die Herrschaft des Zwecks über ein immer reicheres Gebiet von Mitteln doch der leitende Gedanke ist und sich in all diesen Vergleichungen und Abstufungen zuletzt nur die geheime Freude am Verstand in der Natur ausspricht, der in der Weise menschlicher zweckmäßiger und künstlerischer Tätigkeit die blinden Kräfte vieler Elemente zu immer verwickelteren und mannigfaltigeren Leistungen zusammenbindet.

Läßt sich also die teleologische Betrachtung, die in der verschiedenen Wertschätzung der Dinge wurzelt, nicht zum Schweigen bringen, weil bei jeder vergleichenden Übersicht über die Gesamtheit der Lebensformen sich ihre Gesichtspunkte unvermerkt mit der mechanischen Berechnung der Ursachen und Wirkungen verbinden, so kann es sich im Interesse der Klarheit der Begriffe nur darum handeln, die Gesichtspunkte reinlich und sauber auseinanderzuhalten, die in unserer Weltanschauung zusammenwirken und eine sorgfältige Grenzbestimmung zwischen mechanischer und ästhetisch-teleologischer Auffassung vorzunehmen.

Das hat, in ähnlichem Sinn wie BACON, KANT in der Kritik der Urteilskraft versucht. Beide Auffassungen, die mechanische wie die teleologische, sind notwendig, weil sie Grundrichtungen unserer geistigen Tätigkeit überhaupt entsprechen und durch apriorische Gesetze bestimmt sind; aber beide sind streng voneinander zu scheiden. Die rein kausale Betrachtung ist die der eigentlichen Wissenschaft; in ihr werden die Erscheinungen nach den a priori feststehenden Grundsätzen der Substantialität und der Kausalität in einen durchgängigen Zusammenhang gebracht und so erst die Wahrnehmung zum Wissen erhoben. Der Satz, daß das Quantum der Substanz in der Welt unveränderlich ist und daß alles, was geschieht, etwas voraussetzt, worauf es nach einer Regel folgt, sind die Axiome, denen sich alle Erscheinungen fügen müssen, wenn die Vielheit der Erscheinungen zur Einheit des Bewußtseins zusammengefaßt werden soll, sie sind die Grundpfeiler aller Naturwissenschaft und diese ist also notwendig eine mechanische, nicht im engeren Sinn, daß sie alles Geschehen auf Bewegung, alle Ursachen auf Bewegungskräfte reduziert, aber wenigstens in dem weiteren, daß alles unter reine Kausalgesetze gestellt wird, welche sagen, daß, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, bestimmte Veränderungen nach unabänderlichen Gesetzen in der Zeit darauf folgen müssen.

Die Auffassung der Natur unter dem Gesichtspunkt des Zwecks aber befriedigt das gleichfalls unabweisbare Bedürfnis, die Vielheit von Ursachen und Gesetzen, auf welche die mechanische Betrachtung führt, unter einen einheitlichen Gesichtspunkt zu bringen. Die bestimmten Formen der Dinge, die wir in der Erfahrung finden, sind aus mechanischen Gesichtspunkten ebensowenig als notwendig nachzuweisen, wie die besonderen Gesetze, welche ihre Veränderungen regeln; wir verlangen aber auch dies zu begreifen und vermögen dieses Bedürfnis nur so zu befriedigen, daß wir die gegebene Welt unter den Gesichtspunkt des Zwecks stellen, teils so, daß wir aus einem Zweck die Übereinstimmung des Gegebenen mit den Formen unseres Auffassens und Denkens ableiten, welche eine systematische Ordnung aller einzelnen Erkenntnisse möglich macht, teils so, daß wir die Welt als in sich selbst zweckmäßig betrachten; und der letzte Halt, den in dieser Hinsicht der Zweckbegriff findet, liegt im sittlichen Bewußtsein, in der Anerkennung eines unbedingt gültigen Endzwecks für unser Wollen, der ums zum Glauben treibt, daß die Natur, in welcher die sittliche Aufgabe realisiert werden soll, von Anfang an auf die Verwirklichung des höchsten Gutes angelegt ist. Jenes führt dazu, die Natur so zu betrachten, als ob ein Verstand den Grund der Einheit des Mannigfaltigen ihrer empirischen Gesetze enthielte, dieses führt zum Glauben an einen moralischen Welturheber. Aber diese Annahmen sind streng von der wissenschaftlichen Erkenntnis zu unterscheiden; sie lassen sich nicht beweisen; ihre Bedeutung liegt nur darin, daß sie unser Gemüth durch die Harmonie befriedigen, in welche sie unsere sittlichen Überzeugungen mit unserer theoretischen Erkenntnis zu bringen gestatten; denn über die Wirkungsweise jener höchsten Ursache vermögen wir uns keine bestimmte Vorstellung zu machen, da die Analogien des zwecksetzenden menschlichen Tuns unzureichend sind.

Es würde uns zu weit führen, wenn wir untersuchen wollten, inwiefern von KANTs Voraussetzungen aus diese Lösung des Konflikts zwischen Mechanismus und Teleologie konsequent ist oder die Frage zu beantworten uns anschickten, ob nicht die teleologische Auffassung in ihrem ganzen und vollen Sinne zuletzt doch die eigentliche Philosophie KANTs, seine positive Weltanschauung, seine innerste Überzeugung war, die heutzutage über der einseitigen Betonung der kritischen Ergebnisse seiner Analyse der Erfahrungserkenntnis in den Hintergrund gestellt und verdeckt zu werden pflegt.

Aber für die gewöhnlichen Voraussetzungen der Wissenschaft, die nicht der Meinung ist, daß ihre Sätze nur Erscheinungen betreffen, denen als Vorstellungen des Subjekts dieses selbst Gesetze gibt, vielmehr glaubt, daß sie eine Erkenntnis des wirklichen Seins und der Gesetzmäßigkeit realer Dinge einschließen, ist diese strenge Scheidung KANTs, so tief sie gedacht ist und so viel sie zur Klärung beigetragen hat, doch zuletzt ungenügend. Zweck und Ursache rücken vielmehr noch näher zusammen, sobald wir den Begriff der Ursache, wie er der Naturwissenschaft zugrunde liegt, ganz zu Ende denken, sie sind so unauflöslich verknüpft, daß, wie jede teleologische Betrachtung den Kausalzusammenhang voraussetzt, so jede kausale Auffasung, selbst wenn sie im engsten Sinne mechanisch wäre, in der teleologischen endigt.

Nach den herrschenden Voraussetzungen der mechanischen Theorie sind die letzten Elemente, die wir als wirksame Ursachen betrachten müssen, kraftbegabte Atome; und ihre Kräfte sind der Art, daß vermöge ihrer jedes Atom zu allen Atomen in der Welt eine gesetzmäßige Beziehung hat. Das Wesen jedes einzelnen wird dadurch ausgedrückt, daß es z. B. gegen alle anderen gravitiert und seine Bewegung durch seine jeweilige Lage zu allen anderen bestimmte ist, daß es ferner zu gewissen Klassen von Atomen diese, zu anderen jene besonderen Beziehungen hat, die sich in seinem chemischen Verhalten usw. äußern. Der methodische Gang der Forschung bringt es dabei mit sich, daß wir zuerst die einzelnen Elemente isolieren müssen, um sie einzeln zu verstehen und dann erst zum Ganzen überzugehen, das sich aus ihnen bildet; für diese isolierende Betrachtung drückt sich die Natur des einzelnen Atoms nur in hypothetischen Sätzen aus:  wenn  ein zweites in bestimmter Entfernung ist, erfolgt eine aus ihrer gegenseitigen Anziehung hervorgehende Bewegung,  wenn  zu einem Sauerstoffatom zwei Wasserstoffatome unter bestimmten Bedingungen treten, vereinigen sie sich zu einem Wassermolekül. Dadurch wird aber schon in den Begriff eines jeden Atoms die Beziehung zu anderen Atomen aufgenommen; es ist in der Tat kein isoliertes, für sich denkbares Element der Welt, wenn es doch nur durch Kräfte bestimmbar ist, die auf andere hinausweisen. Und machen wir uns nun klar, wie wir es denken müssen, sobald wir jenen bloß hypothetischen Standpunkt verlassen, der einstweilen unbestimmt gelassen hat, ob und wie viele andere Atome in der Welt sind, sobald wir es vielmehr in seiner konkreten Wirklichkeit nehmen: so folgt aus den Grundlagen der mechanischen Theorie, daß sein Begriff nur durch die tatsächlichen Beziehungen zu allen anderen, welche die Welt bilden, vollkommen und erschöpfend bestimmt ist; sein wirkliches Wesen ist durch sein Verhältnis zu allen anderen wirklich vorhandenen ausgedrückt, seine jeweilige Bewegung durch das ganze Universum vorgeschrieben; in jedem Augenblick vereinigen sich in ihm die Folgen, welche aus seinem Zusammensein mit jedem der anderen Atome notwendig hervorgehen, in jedem Augenblick richtet es sich nach der Lage und Entfernung aller übrigen. Es ist also in der Tat, um mit LEIBNIZ zu reden, sowohl seinem Begriff, als auch seinem augenblicklichen Zustand nach ein Spiegel des Universums, es enthält alle anderen in sich, weil es zu allen andern in Wechselbeziehung steht. In Wahrheit ist also das Ganze ebenso die Voraussetzung jedes einzelnen Teils, wie dieser ein konstituierendes Element des Ganzen; es ist eine bloße Fiktion, wenn wir so reden, als könnten wir die Welt aus isolierten Elementen aufbauen; sie taugen dazu ja nur, wenn sie ihre notwendige Beziehung zu allen andern schon in sich tragen und durch diese selbst mitbestimmt sind.

Verfolgen wir aber diese Betrachtung weiter, so führt sie zu der Frage, worin denn dieser durchgängige Zusammenhang zuletzt gegründet sei und es ist, genauer betrachtet, der ungeheuerliche Gedanke, der bei der Vielheit dieser Elemente als einer letzten Annahme stehen bleiben und sich beruhigen und nicht weiter fragen wollte, wie denn dieses wunderbare Zusammentreffen möglich sei, daß jedes einzelne dieser Atome eine Natur habe, welche mit der aller einzelnen anderen so vollständig übereinstimmt? Es gibt auf diese Fragen keine andere Antwort, als daß dieser Zusammenhang auf einen einheitlichen Grund zurückweise, aus dem allein begreiflich ist, wie das Wesen eines einzelnen Atoms dadurch bestimmt sein soll, daß es von anderen in gesetzmäßiger Weise abhängt und sich nach ihnen richten muß. Und wollte man selbst in der Art, wie wir in jener hypothetischen Weise das Atom durch seine Kräfte definieren, noch keinen Grund zur Verwunderung finden, so kann ja doch aus diesem Begriff weder das Dasein der anderen überhaupt abgeleitet werden, noch die bestimmte Stelle, die jedes in der tatsächlichen Welt einnimmt; von jenem Begriff aus ist es rein zufällig, daß es noch unzählige andere gibt und daß sie gerade so im Raum verteilt sind. Alle Beziehung von Verschiedenem muß doch zuletzt in einer Einheit wurzeln, von der sie abhängen und welche das räumlich Getrennte zusammenbindet. Man redet häufig von Naturnotwendigkeit, von Gesetz, von Wechselwirkung nach bestimmten Gesetzen so, als ob es sich von selbst verstünde, daß die einelnen Dinge, die wir unterscheiden, sich nacheinander richten und ihr Verhalten vom Verhalten anderer abhängig machen müßte; aber ein Gesetz kann niemals für sich eine Ursache sein oder eine Macht ausüben, sondern nur der Ausdruck der Tätigkeitsweise von Subjekten sein, welche ihre Natur notwendig macht. Diese Natur aber wäre genauer zugesehen das unbegreiflichste Wunder, wenn wir bei den Begriffen der einzelnen Elemente stehen bleiben wollten, zumal wenn wir sie bloß mechanisch durch Bewegungskräfte bestimmen. Es war ein verständlicher Gedanke, wenn die Philosophie der Alten, welche noch KEPLERs Spekulationen anfangs bestimmte, den Gestirnen Seelen zuschrieb und diesen eine Kenntnis ihres Abstands voneinander und einen Trieb zur Bewegung, vermöge dessen sie ihre Leiber, die Planeten, in bestimmten Bahnen führten; es ist, so geläufig uns die Vorstellung sein mag, eine viel abenteuerliche Auffassung, daß die bloße Masse der Sonne der Masse der Erde in jedem Augenblick befehle, welche Geschwindigkeit und welche Krümmung der Bahn sie einhalten soll und daß unser Planet sich nicht bloß nach seinem jeweiligen Abstand von der Sonne, sondern zugleich nach seinen Abständen von allen störenden Planeten richte. Die Vorstellung verbirgt ihre Paradoxie nur darum, weil  wir  denkend und rechnende diese Bewegungen verfolgen und als mathematisch genaue Konsequenz gewisser Grundsätze darstellen können; aber daß es so ist, wird höchst ungenügend damit erklärt, daß man sagt, es sei notwendig so und die Naturgesetze gebieten es. Was sollen Sonne und Erde einander angehen, wenn nicht ein Grund da ist, aus dem diese ihre Beziehung notwendig ist, eine Macht, welche Sonne und Planeten gleichzeitig bestimmt, ihre Bewegungen nacheinander zu richten? Und ebenso unbegreiflich bliebe jede kleinste Wirkung eines Elements auf das andere.

So löst sich also die Vielheit der Ursachen, auf welche die mechanische Betrachtung als ihr Letztes zurückführte, durch den Begriff dieser Ursachen selbst wieder auf in eine Einheit; der einheitliche Grund des Ganzen bestimmt Wesen und Wirkungsweise der Teile, wie diese wiederum das Ganze bilden; der Begriff des Naturzwecks, den KANT formuliert hat und den er auf die Organismen anwendet, tritt uns damit entgegen: daß die Teile nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich sind und daß sie voneinander wechselseitig Ursache und Wirkung ihrer Form sind.

Aber noch von einer anderen Seite treibt die mechanische Betrachtung weiter. Die Unveränderlichkeit der Substanzen und die Unveränderlichkeit der Gesetze ihrer Wechselbeziehungen läßt den letzten Grund allen Geschehens als einen vollkommen zeitlosen, in ewiger Gegenwart das wechselnde Geschehen bestimmenden erscheinen. Aus jeder Bewegung in der Welt folgt allerdings wieder Bewegung und von dieser Seite liegt die Ursache jedes augenblicklichen Zustandes der Welt im vorangegangenen Zustand; allein daß jener aus diesem hervorgeht, daß dieser kontinuierliche Zug von Veränderungen stattfindet, hat seinen Grund immer in denselben, allezeit gegenwärtigen Kräften, die nach unwandelbaren Gesetzen wirken. Jene wechselnden Zustände sind nur die veränderlichen Bedingungen, unter denen die stets gleiche Kraft wirksam ist; die letzte Ursache bleibt ein schlechthin beharrliches, das die ganze Reihe der Veränderungen in der Zeit noch  einem  Gesetz bestimmt. Das Gesetz der Erhaltung der Kraft, dieses große Prinzip, in dem sich die mechanische Wissenchaft vollendet, hebt den zeitlichen Unterschied von Ursache und Erfolg auf; der ganze Verlauf der Welt kann nun ebenso als Einheit gefaßt werden, wie er in Zeitdifferentiale zerschlagen werden kann, deren jedes die Bedingungen für das folgende enthält; es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen einem Anfangszustand, der nur als Ursache, einem Endzustand, der nur als Wirkung betrachtet werden müßte, denn in jedem Moment ist dasselbe gesetzt, die ganze Welt ist ebenso ein einheitlicher Erfolg, wie einheitliche Ursache,  ein  Grund setzt das Ganze zumal, das sich nur der sondernden Betrachtung im Einzelnen in wirkende Ursachen und ihre Wirkungen auflöst.

Gehen wir nun noch vollkommen davon ab, daß sich Intelligenz und Wille als wirksame Kräfte innerhalb dieser mechanischen Welt finden, bleiben wir ganz im Gebiet der mechanischen Wissenschaft, um aus ihr allein abzuleiten was denn in jenem einheitlichen Grund gesetzt werden muß, auch wenn wir ihn so abstrakt als möglich fassen, so ist die Voraussetzung aller Wissenschaft ja doch jedenfalls das, daß die Gesamtheit der Beziehungen, die in der Welt sind,  erkennbar  sei und vom Denken durchdrungen werden könne; daß die Gesetzmäßigkeit, mit der die einzelnen Veränderungen erfolgen, identisch sei mit der logischen Konsequenz, welche sie aus gewissen Obersätzen zu berechnen gestattet. Die höchsten Leistungen mathematischen Scharfsinns wären machtlose gegenüber der Natur, wenn sie nicht selbst eine verkörperte Mathematik wäre, das wirkliche Geschehen wäre in keine Formel zu fassen, wenn nicht seine Bestandteile ein System von Gedanken darstellten. Die Voraussetzung aller Forschung, daß Gesetze in der Welt herrschen, sagt nur in anderen Worten, daß die Natur Gedanken realisiert, daß Naturnotwendigkeit und logische Notwendigkeit dasselbe sei. Dann ist aber auch gesagt, daß die wirkliche Welt nicht erklärbar wäre, wenn sie nicht durch Gedanken bestimmt ist. Läßt sich die ganze Welt in  einer  mechanischen Formel darstellen, welche ihren ganzen Verlauf rückwärts und vorwärts enthält, so müßte es doch der ungeheuerlichste Zufall sein, wenn diese durchgängige Konruenz mit unserem Denken nicht selbst in ihrem Grund gelegen wäre; ist sie aber nur aus Gedanken erklärbar, so muß sie ebenso als Zwecke wie als bloße Wirkung einer Ursache gelten; beides fällt auch hier zusammen. In unserem beschränkten menschlichen Tun besteht eine Differenz zwischen Zweck und wirkender Ursache, weil der Zweck des Menschen an gegebene Mittel gebunden ist; im Ganzen fällt beides zusammen, Wirken und Gedanken verwirklichen ist ein und dasselbe.

Wir enthalten uns, die Grundlinien des Begriffs eines einheitlichen Grundes, die sich uns so ergeben, weiter auszufüllen und diese Gedanken auf das eigentlich theologische Gebiet zu verfolgen; denn es könnte ja nicht ohne Erwägungen geschehen, die weit über die Gebiete hinausgreifen, aus denen der Kampf gegen den Zweckbegriff stamt. Nur zwei Punkte mögen noch angedeutet werden, welche zeigen, wie die Bekämpfung des Zwecks den Zweck nicht los wird. Wann glaubt denn die mechanische Naturwissenschaft sicher zu sein, daß sie ein Kausalgesetz vollständig erkannt und sicher bestimmt hat? Nach allgemeiner Übereinstimmung dann, wenn sie experimentierend die Erscheinung aus den Ursachen, welche sie ihr anweist, wirklich hervorbringen kann. Alle Versicherungen, daß das organische Leben nur aus den physikalischen und chemischen Kräften der Elementarstoffe, welche den Leib des Organismus bilden, zu erklären sei, werden tauben Ohren predigen, so lange nicht im Laboratorium eine Zelle mit ihrem Kern gemacht und gezeigt wird, daß sie lebt und sich teilt; ist aber das einmal wirklich gelungen, so wird auch jeder Widerspruch verstummen. Was heißt das aber anderes, als daß wir nur dann sicher sind, die Natur erkannt zu haben, wenn wir sie nun rückwärts zwingen können, unsere Gedanken zu verwirklichen? Wir setzen den Erfolg als Zweck unseres Experimentierens; wir ordnen die Mittel zweckmäßig an; trifft unsere Berechnung zu, tritt ein, was wir gedacht haben, erweist sich unser Gedanke als das, was den Erfolg wirklich hervorzubringen imstande ist, so ist der Beweis erbracht; der Zweck kontrolliert die Ursache. Darum legt BACON so großen Wert auf den Nutzen der Wissenschaft; die Werke, die wir hervorbringen, sind die Gewähr der Wahrheit unserer Erkenntnis; erst wenn die Natur unseren vorausgehenden Gedanken gehorcht, wissen wir, daß sie mit ihr übereinstimmen.

Und endlich: Die Auffassung, welche alle und jede Gültigkeit des Zweckbegriffs leugnet und nur die Betrachtung der wirkenden Ursachen für zulässig erklärt, hebt sich selbst auf, indem sie den Unterschied von Wahr und Falsch zerstört. Nein nach den wirkenden Ursachen betrachtet ist alles gleich notwendig, Wahrheit und Lüge, Wissenschaft und Aberglauben, Wahnsinn und gesunder Verstand. Alle Gedanken, mögen sie gedacht sein von wem sie wollen, haben hier dasselbe Recht; auch die teleologische Auffassung wäre nicht da, wenn sie nicht notwendig wäre und ist in der Welt kraft des Rechts der Kausalität, so gut als die mechanische Wissenschaft. Wer Wahres und Falsches scheidet, mißt das menschliche Denken an einem Zweck und erkennt an, daß es dazu da sei, die Wahrheit zu finden. Würde aber die Natur der Dinge ihm das vermöge ihrer Notwendigkeit versagen, so wäre sein Beginnen wahnwitzig; er muß voraussetzen, daß seine eigene geistige Organisation auf Erkenntnis der Wahrheit ausgelegt ist und daß darum auch die Natur der Dinge darauf angelegt ist, erkannt zu werden. Die Lebhaftigkeit also, mit der die Verbannung des Zweckbegriffs verkündigt und die Betrachtung der wirkenden Ursachen als die allein wissenschaftliche und wahre verteidigt wird, "spottet ihrer selbst, und weiß nicht wie".
LITERATUR - Christoph Sigwart, Der Kampf gegen den Zweck, Kleinere Schriften II, Freiburg 1889