cr-4tb-4Stirner als SprachkritikerMarx / Engels - Deutsche Ideologie    
 
WERNER PETSCHKO
Ich und Stirner
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"Es hat keinen Sinn, vom allgemeinen Sprachgebrauch auszugehen, um zu einer Verständigung zu gelangen."

Auch Herrn HOLZ scheint nicht klar zu sein, daß es eine als solche erkennbare "ganze Welt" nicht gibt und nicht geben kann. Es gibt nur die subjektive Bedeutung des Begriffs "Welt". Es gibt nur die Welt des Einzigen. Das ist für die Objektivisten wiederum Grund genug, frech die Isoliertheit STIRNERs zu folgern, der in einem nebelhaften Wolkenkuckucksheim hausen muß, weil ihm niemand folgen kann.(14) Der gleichen Fehlinterpretation sind MARX und ENGELS erlegen, denen das STIRNERsche "Ich" ebenso abstrakt ist wie der FEUERBACHsche "Mensch". Auch PLECHANOW wirft STIRNER vor, daß sein Ich eine Abstraktion ist und die magerste dazu.(15) Hier wird der Einzige unsinnigerweise als Abstraktum aufgefaßt, was das ganze Buch dann ziemlich wertlos macht.

Es ist der alte Vorwurf gegen den Anarchismus, daß er, "der" Anarchismus, glaubt, im abstrakten bzw. luftleeren Raum leben zu können und keiner sozialen Heimstätte bedarf.(16) Auch PETER HEINTZ, ein sonst verdienter Schriftsteller um den Anarchismus, sieht in STIRNER einen extremen Individualisten, für den das isolierte Individuum die einzige Quelle ist, aus der das menschliche Handeln erwächst und erwachsen soll.(17) Dagegen erscheint KARL GRÜN direkt wie ein Lichtblick am vernebelten Kritikerhimmel, wenn er von einer Warnung STIRNERs an den deutschen Sozialismus spricht, gründlich zuzusehen, ob das allgemein Menschliche nicht ebenso religiösen Charakter habe wie alles Allgemeine überhaupt, das nicht sofort identisch ist mit dem Einzelnen und Subjektiven. wollen".(18)

Herrschaft des Geistes ist Herrschaft durch Abstraktionen. STIRNER prangert den Begriffsrealismus an, der Abstraktionen für die Wirklichkeit nimmt. Der Begriffsrealist hat keine Ahnung, was Abstraktion ist. Wer begriffsrealistisch denkt, übersieht, daß wir bereits bei der Wahrnehmung interpretieren. Eine bloße Wirklichkeit kann gar nicht wahrgenommen werden. Der Begriffsrealist lebt in der künstlichen Welt der Abstraktionen und hält diese für das Original. STIRNER dagegen lehnt alle Abstraktionen als nicht ihm eigen und deshalb als Gewalt über ihn ab. Wirklich ist für ihn nur, was er sich zu eigen macht. Kein Machthaber kann sich auf die Dauer ohne Ideologie behaupten. Die beste Ideologie ist die, welche nicht als solche erkannt wird. Die Abstraktionen erfüllen hier ganz ausgezeichnet diesen Zweck.

STIRNER stellt deshalb seinen ihm wirklichen Egoismus gegen die allgemeine Gewalt der Abstraktionen, wobei er als einziges Korrektiv die "Gewalt" der anderen Einzigen anerkennt. Das hat mit "Faustrecht" nichts zu tun. Faustrechte gibt es nur, wo es ein absolutes Recht gibt. Wir haben aber kein anderes Recht als das Recht, das wir uns von Mensch zu Mensch geben oder nehmen. Wenn es keine allgemeingültige Wahrheit gibt, heißt das nicht, daß es nicht persönliche Wahrheiten geben sollte. Der Denkfehler der Relativisten liegt darin, daß sie weiter an irgendeinem Objektivismus festhalten und lediglich da relativieren, wo es ihnen opportun erscheint. STIRNER lehnt dagegen jede Verallgemeinerung ab.

Es ist deshalb müßig, in STIRNER den Ideologen der Mittelklasse zu sehen oder den STIRNERanismus als Variationsform des Nationalsozialismus, die Faschisten als Exekutoren STIRNERs usw. usw.(19) STIRNER gibt zwar offen zu, ohne Skrupel Gewalt anzuwenden, aber er tut es nicht im Namen irgendeiner Idee. Er macht uns sogar klar, daß diese objektive "Gewalt" auch nur wieder eine Idee ist, die mit seiner Gewalt nichts gemein hat. STIRNER verweigert seinen Gegnern nicht etwa die Gewalt, sondern er spricht ihnen jede Art, der Legitimation ab. Wo der Ideologe aber fadenscheinige Rechtfertigungen gibt, ist STIRNER wenigstens ehrlich. STIRNER strebt auch Verbindlichkeit an, wenn er ohne alle Heuchelei seine Interessen äußert, er verspricht sich nur nichts von einer Scheinkommunikation, in der Einbildungen wie "Staat" und "Gesellschaft" für Realitäten ausgegeben werden.
"Die Gesellschaft, von der Wir alles haben, ist eine neue Herrin, ein neuer Spuk, ein neues höchstes Wesen, das Uns in Dienst und Pflicht nimmt! (135)
STIRNER lehnt diese abstrakten Verhältnisse als unwirklich ab. STIRNER tut, was er tut. Seine persönliche Entscheidung ist in keinem Fall durch irgendeine "allgemeingültige" Theorie oder Lehre gerechtfertigt.
"Es ist ein Anderes, ob Ich an einem Ich abpralle, oder an einem Volke, einem Allgemeinen. Dort bin Ich der ebenbürtige Gegner meines Gegners, hier ein verachteter, gebundener, bevormundeter; dort steh' Ich Mann gegen Mann, hier bin Ich ein Schulbube, der gegen seinen Kameraden nichts ausrichten kann, weil dieser Vater und Mutter zu Hilfe gerufen und sich unter die Schürze verkrochen hat, während Ich als ungezogener Junge ausgescholten werde und nicht räsonieren darf-, dort kämpfe Ich gegen einen leibhaftigen Feind, hier gegen die Menschheit, gegen ein Allgemeines, gegen eine Majestät, gegen einen Spuk" (233).
Dem Objektivisten ist der Wille das Prinzip der Subjektivität. Die Willkür der Subjektivität ist aber mit der Objektivität gesetzt und verliert mit dem Wegfall der Objektivität auch ihre Bedeutung. Negativität und Irrationalität des Subjektiven bestehen nur im Gegensatz zum Objektivismus. Nur in einem gesellschaftlichen Klima, das auf Allgemeinheit ausgerichtet ist, hat der subjektive Vorbehalt schon von vornherein negativen Charakter. Solange abstrakte Verhältnisse wirksam sind, versteht es sich von selbst, daß durch die bloße Existenz eines Subjekts seine Unberechenbarkeit mitgegeben ist. Unberechenbarkeit ist eine Kategorie der Herrschaft und beruht auf einer mehr oder weniger "natürlichen Ordnung". Eine nichtkategorisierte Welt empfindet unser Verstand als Chaos und Wahnsinn. In der noch nicht festgelegten Wirklichkeit bestehen alle Möglichkeiten.

Die lebendige Spontaneität und Individualität unserer Mitmenschen machen Vertrauen, aber auch Zweifel zum Gegenstand unserer Erfahrung. Wir erleben uns und andere im direkten Umgang. Das bedeutet gleichzeitig die Entrümpelung des eigenen Denkens von Phrasen, Allgemeinplätzen und Selbstverständlichkeiten. Wir kehren den Prozeß um. Die Abstraktionen sind nicht mehr über uns, wir sind über ihnen. Wir sollten uns jedoch hüten, aus uns selbst ein Prinzip zu machen und die eigene Subjektivität dogmatisch zu verallgemeinern. Jede Verallgemeinerung ist zugleich immer auch eine Vermächtigung der Wirklichkeit. Herrschaftsfreie Kommunikation setzt die Offenlegung der mir eigenen Bedeutungen voraus, was meiner Rechtfertigung ihrer Verwendung anderen gegenüber gleichkommt. Wer einleuchten will, muß die Überlegungen verdeutlichen, die zu der ihm eigenen Begriffsbildung führen. Es hat keinen Sinn, vom allgemeinen Sprachgebrauch auszugehen, um zu einer Verständigung zu gelangen.

Es gibt keine andere Alternative: Entweder sinnvolle Kommunikation und das heißt sprachkritisches Denken oder aber Gewalt, physisch oder psychisch. Wo diese Kommunikation fehlt, herrscht Gewalt - offen oder subtil. Auch "Freiheit" oder "Gleichheit" sind Spuks, genau wie "Menschheit" oder "Moral" - wenn sie mir nicht eigen sind, d. h. wenn sie für mich keine konkrete, wenn auch subjektive Bedeutung haben. Die Bedeutung meiner Begriffe ist letztlich nie eine andere als die Bedeutung, die meine individuelle Existenz für mich hat. Der abstrakte Mensch sagt: "Ich bin." Das Eigenwesen: "So bin ich." Wir haben zu einem anderen Menschen nur über seine Individualität einen echten Zugang. Individualität ist konkretes Erlebnis. Die unwiederholbare seelische Einmaligkeit ist die spezifische Eigenart der existentiellen Begegnung.

Eine echte Gemeinschaft ist nur zwischen voll entfalteten Individuen möglich. Der Individualismus behauptet deshalb den absoluten Vorrang des Einzelnen: Eigenverantwortlichkeit, die ihm keine Gemeinschaft abnehmen kann, Unvertretbarkeit. Es gibt nur Individualverpflichtungen. Alle ethische Verantwortung ist im Grunde Selbstverantwortung. Moralität meint die Verantwortung des Einzelnen nur dem Aspekt der Verbindlichkeit. Verbindlichkeit bedeutet, daß das Einverständnis des Adressaten mit dem, was gesprochen wurde, angestrebt wird. Da wir über die Wirklichkeit gar nichts ohne Abstraktionen wissen können, bleibt uns zuerst gar nichts anderes übrig, als unsere subjektive Bedeutung der Dinge so transparent wie möglich zu machen, um vielleicht und hoffentlich Verständnis zu finden. Wir können dieses Verständnis aber nicht einfordern oder gar erzwingen.

Wirkliches Verständnis, tief und nicht oberflächlich, findet jenseits der Worte statt. Kommunikation ist wichtig, aber nur, wenn sie individualisiert. Sprachkritische Kommunikation stutzt die Abstraktionen auf ein Mindestmaß herab. Ich bin das Maß aller Abstraktionen. Jede Kommunikation ohne Selbsterkenntnis, und das heißt Wissen um die potentielle Abstraktheit des eigenen Ich, ist eitle Phrasendrescherei und Zeitverschwendung. Auch STIRNER hat für das bloße Geschiebe mit Worthülsen nur Verachtung übrig. "Ist nicht alles dumme Geschwätz, z.B. unsere meisten Zeitungen, das Geplapper von Narren, die an der fixen Idee (Ihrer selbst), der Sittlichkeit, Gesetzlichkeit, Chnstlichkeit, des Staates usw. leiden, und nur frei herumzugehen scheinen, weil das Narrenhaus, worin sie wandeln, einen so weiten Raum einnimmt?" (46).

STIRNER erweist sich als echter HEGELschüler, wenn er auf das gemeine, d. h. dingliche Bewußtsein hinweist, welches nur für Gegenständliches und Wahrgenommenes Empfänglichkeit hat. STIRNER beschreibt die Geisterzeit in der Entwicklung der Menschen im allgemeinen, denen die Gedanken über den Kopf wachsen und die von der schauervollen Macht der abstrakten Gedanken wie von Fieberphantasien umgarnt werden. Als Kinder versuchen wir, hinter die Dinge zu kommen, danach versuchen wir, auf den Sinn der Dinge zu kommen, bis wir endlich merken, daß wir mit der Welt nach unserem Interesse verfahren, nicht nach unseren Idealen.

Der Weg führt vom naiven Realismus des Kindes, über den utopischen Idealismus des Jünglings zur echten Selbst- und gleichzeitig Welterkenntnis jenseits der Begriffe. Die Geister und Ideen haben nun keine Macht mehr über uns. Aus dem Menschen wird der "Einzige". Die "Alten" glaubten noch, die Welt ist, wie wir sie wahrnehmen: wirklich und tatsächlich, richtig und wahr. "Hinter der daseienden Welt suchten sie das Ding an sich. " (42) Diese unbedarfte Weltanschauung ist voller abstrakter Wesenheiten, die es aber nur in der Vorstellung gibt. Existenz ist hier allein schon durch den Augenschein oder das bloße Wort bewiesen". Die Wertfreiheit der Tatsachen steht innerhalb dieses Denkens außer Frage. Die subjektiven Anteile des Wissens werden als unwesentlich vernachlässigt, weil die in der Wahrnehmung enthaltene Abstraktion als solche gar nicht bewußt wird.

Es ist uns nicht klar, daß wir im Grunde eine andere Welt erzeugen, und diese andere Welt ist das Erzeugnis unseres Geistes: unsere Sinne fassen und wissen aber nichts von einer anderen, unsinnlichen Welt, nur unser Geist lebt dann. (76) Im naiven Alltagsdenken übernehmen dann die Leute unkritisch fremde Begriffskonstruktionen als Wirklichkeit.
"Hören Wir den Namen Gottes, so sollen Wir Gottesfurcht empfinden, hören Wir den der fürstlichen Majestät, so soll er mit Ehrfurcht, Ehrerbietung, Untertänigkeit aufgenommen werden, hören Wir den der Moral, so sollen Wir etwas Unverletzliches zu hören meinen, hören Wir von dem und den Bösen, so sollen Wir schaudern usw. Auf diese Gefühle ist's abgesehen, und wer z.B. die Taten der Bösen mit Wohlgefallen vernähme, der mußte durch die Zuchtrute gezüchtigt und erzogen werden. ... Wir dürfen nicht bei jeder Sache und jedem Namen, der Uns vorkommt, fühlen, was Wir dabei fühlen möchten und könnten, dürfen z. B. bei dem Namen Gottes nichts Lächerliches denken, nichts Unehrbietiges fühlen, sondem es ist uns vorgeschrieben und eingegeben, was und wie Wir dabei fühlen und denken sollen. So mit eingegebenen Gefühlen vollgestopft, erscheinen Wir vor den Schranken der Mündigkeit und werden mündig gesprochen. Mündig sind die Jungen dann, wenn sie zwitschern wie die Alten." (70f)
Begriffsrealismus ist eigentlich das, was bisher immer als Ideologie verstanden wurde. Hier wie da werden Gedanken für Tatsachen ausgegeben. Das ist der Inbegriff aller Dogmatik: die willkürliche Umdeutung des Subjektiven in etwas Objektives.
"Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige, lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten." (254)
Es spielt dann auch keine Rolle, ob das mit Abstraktionen wie "Staat", "Recht", "Freiheit" oder etwa "Ökonomischen Verhältnissen" geschieht.

Das Problem ist "ökonomisch" kein anderes als "politisch": Ausübung von Herrschaft mittels rechtfertigender Ideologien. Jede Abstraktion ist eine Verallgemeinerung des Individuellen und soll allem dadurch schon allgemeine Gültigkeit rechtfertigen. Wir haben es aber nie mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun, sondern immer nur nur von uns objektivierten Begriffen. Ideologie ist die Postulierung einer objektiven Bedeutung der Begriffe, welche immer Notwendigkeit und Zwang enthält. Objektivität ist nur ein anderer Terminus für Notwendigkeit. Allgemeingültige Definitionen sind aber Humbug. Immer ist ein leibhaftiger Mensch der Urheber der Verallgemeinerung, und diese hat nur für ihn selbst diese Bedeutung und ist nicht logisch zwingend auf andere übertragbar.

Die Bedeutung von STIRNERs "Einzigem" besteht gerade darin, daß wir ihn als nicht verallgemeinert verstehen. Wir müssen das Streben nach und die Postulierung von Objektivität als Form der Konfliktlösung betrachten, die Singularität ist im Prinzip unerschöpflich. Die unermeßliche Vielfalt der Tatsachen wird als Chaos, Verwirrung und Unordnung empfunden. Klassifizierung der Tatsachen nach gemeinsamen, d. h. allgemeinen Gesichtspunkten ist ein simpler Ordnungszweck. Allgemeine Fakten werden dann wichtiger als spezielle, das sich Wiederholende wichtiger als das Einmalige. Das Subjektive ist vom rationalistischen Standpunkt aus betrachtet "irrational".

Berechenbarkeit bedeutet Wiederholbarkeit, kontrollierte Wiedererzeugung eines Sachverhalts. Gegenstände brauchen wir, um überhaupt etwas begreifen zu können. Was keinen Anfang und kein Ende hat, also etwas, das keine genau aufweisbaren Grenzen in Raum und Zeit hat, können wir rational nicht begreifen. Nur indem wir aus einem kontinuierlichen sinnlichen Zusammenhang Dinge herausgrenzen, erhalten wir faßbare Gegenstände. Die Objektivierung, d. h. Vergegenständlichung ist deshalb wesentlich für die technische Ausübung von Herrschaft, ja für den technischen Prozeß überhaupt. Jede Herrschaft vergegenständlicht die Beherrschten. "Macht ist nur über Objekte möglich."(20) Darum ist es von großer Bedeutung, daß den Beherrschten der Objektcharakter unseres Wissens nicht bewußt wird. Wer begreift, daß die Objekte erst geschaffen werden müssen und nicht schon fertig in der Wirklichkeit vorhanden sind, läßt sich nicht mehr so leicht vor vollendete Tatsachen stellen. Objektivierung heißt Versachlichung und bedeutet, daß das Herrschaftsinteresse am Gegenstand auf einmal nicht mehr vorhanden ist oder als unerheblich erklärt wird.

Für den Staat sind die Individuen nur das, was objektiv an ihnen erkennbar ist. Der Staat will Ruhe und Wohlstand. Beides erhält man in dem Grade leichter, indem das Einzelne weniger miteinander streitet.
"Der Staat hat immer nur den Zweck, den Einzelnen zu beschränken, zu bändigen, zu subordinieren, ihn irgend einem Allgemeinen untertan zu machen." (249)
Die Ordnungsmächte predigen einen unfehlbaren, objektiven Maßstab, der jeder Kritik widerstehen soll und deshalb unbedingten Gehorsam verlangt. Zur Fixierung allgemeiner Gesetze bedarf es der Ausschaltung des konkret-lebenden Subjekts. Wie kann es aber ein allgemeines Gesetz geben, wenn es keinen allgemeinen Menschen gibt? Der Subjektivismus bestreitet deshalb das Gelten an sich. Die lebendige Individualität gehorcht keinem toten Begriff. Alle Institutionen entstehen aus dem Geist der Allgemeinheit, der Wiederholbarkeit, der Gewohnheit. Starre und unbewegliche Institutionen sind der Feind aller spontanen Lebendigkeit.

Objektive Kategorien bringen die Einzigartigkeit der Menschen zum Verschwinden und erniedrigen sie zur bloßen Illustration allgemeiner Prinzipien. Überall, wo sich ein Mensch seiner individuellen Entscheidungsfreiheit erfreut, empfindet er überindividuelle Strukturen als Einschränkung. Je entwickelter die Individualität, um so weniger bedeutet dies die Unterordnung des Einzelnen. Eigenverantwortung fördert den Ungehorsam. Daß jemand seine Entscheidungsfreiheit auch mißbraucht, ist das Risiko, das wir eingehen müssen. Als Einziger ist STIRNER deshalb der unversöhnliche Feind einer jeden Allgemeinheit. (237)

STIRNER lehnt die Verallgemeinerung als Fundament des Mehrheitsprinzips ab, weil es eine Vergewaltigung des Einzelnen bedeutet. Jede Verallgemeinerung von Prinzipien zielt auf Mehrheiten ab, welche die Ausübung von Macht und Herrschaft über ihn rechtfertigen sollen. Der Majoritätenwahn beruht auf dem Irrtum bzw. der idealistischen Vorstellung, daß das, was die Mehrheit der Menschen denkt und tut, auch automatisch das Richtige wäre. STIRNER dehnt das Mehrheitsprinzip auch auf die Sprache aus. Im begriffsrealistischen Denken glaubt die Allgemeinheit der Menschen z. B. an eine "Substanz" oder "Materie", bloß weil ein Wort dafür existiert. Es gibt aber keine Substanz, genausowenig wie es eine Materie gibt. Substanz ist nur ein bloßes Wort - bar jeden Inhalts. Der Begriff der 'Seele ist nicht weniger abstrakt als die Idee der 'Materie.

Das gilt auch für alle anderen Tatsachen. Die sogenannte Realität wird konstruiert und nicht als solche wahrgenommen. Wir sind im Grunde alle Idealisten, weil jeder Begriff ein Ideal ist, ein Prototyp. Alle Objektivität ist ein Ideal und die ganze Logik durchtränkt vom Optimismus. Der Argwohn gegen den utopischen Charakter des Idealismus müßte eigentlich ein Argwohn gegen die Sprache und die Logik sein. Mit unseren Begriffen treffen wir die Wirklichkeit immer nur mehr oder weniger genau, je nach dem jeweiligen Abstraktionsgrad. Um so abstrakter desto idealer. Unser ganzes Wissen ist kategorial, d. h. bereits verallgemeinert. Wir können gar nicht anders als verallgemeinert denken. Schon die bloße Wahrnehmung ist kategorial vorgeformt. Dieser Vorgang in unserem Sinnesapparat ist uns gar nicht bewußt. Was im Bewußtsein erscheint, ist immer bereits abstrahiert.

Wir unterliegen deshalb einem folgenschweren Irrtum, wenn wir glauben, etwas erklärt zu haben, bloß weil wir etwas beschreiben können. Wenn wir äußere Gegenstände beschreiben, reden wir eigentlich von uns. Es sollte im Grunde nicht heißen: "etwas" ist schwarz und orange, sondem "mir" ist schwarz und orange. Was wir sprachlich vergegenständlichen, ist im Grunde ein sprachlich unfaßbarer Prozeß, der sich zwischen mir, d. h. meinen Sinnen und dem Rest der Welt abspielt. Wir haben es aber nie mit Gegenständen zu tun, die wir in der Wirklichkeit als solche vorfinden, sondern mit kontinuierlichen Vorgängen und unabgeschlossenen Prozessen.

Die Substantivierungen sind bloß praktische Hilfsmittel, nur denen wir uns wohl oberflächlich besser verstehen. Wenn unsere Beziehung zu anderen Menschen jedoch intensiver werden soll, kommen wir nicht umhin, sprachkritisch die Verwendung unserer Begriffe zu durchleuchten, um so die Gespenster zu vertreiben. Wir leben in einer verkehrten Weit, wenn wir den Dingen Eigenschaften zuschreiben, die aus unserem eigenen Geist entspringen. Die Verdinglichung unserer Empfindungen im objektiven Denken ist es, welche die vielen Irrtümer und Mißverständnisse zu Stande bringt. (394)
"Wahrheit erwartet und empfängt alles von Dir und ist selbst nur durch Dich: denn sie existiert nur in - deinem Kopfe." (396)

"Und darum sind die Dinge und ihre Anschauung nicht das Erste, sondem Ich bin's, mein Wille ist's. Man will Gedanken aus den Dingen herausbringen, will Vernunft in der Welt entdecken, will Heiligkeit in ihr haben: daher wird man sie finden. Suchet, so werdet Ihr finden. (378)
HEISENBERG sagt mit seiner Unschärferelation im Prinzip nichts anderes. Ob uns das Licht als Welle oder als Teilchen erscheint, hängt von der Untersuchungsmethode ab, die wir anwenden. Auch STIRNER darf als Subjektivist reinsten Wassers gelten. Jedes Urteil, welches er über ein Objekt fällt, ist das Geschöpf seines Willens. (378)

STIRNERs Verdienst liegt im unnachsichtigen und unerbittlichen Aufstöbern all der Begriffsgötzen und des immerfort lauernden Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsgeistes, der uns unter den groteskesten Verkleidungen aufgeblasene Abstraktionen zum rechtmäßigen Herrn vorlügen will. Sein Kampf gilt der von allen für heilig gehaltenen, mumienhaft einbalsamierten verkehrten Welt: dem "Staat", dem "Recht", der "Familie", der "Freiheit", dem "Eigentum", der "Kirche", dem "Gewissen-, der "Gewalt", dem "Geist", der "Vernunft", der "Wahrheit", der "Wirklichkeit", "Gott" usw. - gilt allen Abstraktionen, als den Ruinen des wirklichen Lebens.(21) STIRNER macht uns den dogmatischen Herrschaftsanspruch der allgemeingültigen Wahrheiten deutlich. Er war sich der vielen Täuschungen und Verdrehungen bewußt, die durch den "objektiven" Gebrauch der Abstraktionen möglich sind.

Hierarchie ist Gedankenherrschaft, Herrschaft der Abstraktionen. Wir sind unterdrückt von denen, die sich auf Abstraktionen stützen. Die Herrschaftsdisziplin wird durch eine Sachdisziplin abgelöst. "Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe 'herrschen. ... Nach Begriffen wird Alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d. h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. Kann es eine ärgere Gesetzesherrschaft geben?" (104f) Heilig gesprochen ist die Wahrheit, heilig das Recht, das Gesetz, die gute Sache, die Majestät, die Ehe, das Gemeinwohl, die Arbeit, die Ordnung, das Geld, das Vaterland usw. usw. (46) Die fixe Idee mit dem Namen "Wahrheit" spielt dabei eine Hauptrolle. Die Wahrheit ist nur ein - Gedanke, aber nicht bloß einer, sondern sie ist der Gedanke, der über alle Gedanken ist, der unumstößliche Gedanke, sie ist der Gedanke selbst, der alle andern erst heiligt, ist die Weihe der Gedanken, der "absolute", der "heilige" Gedanke. (396)

Der Glaube an die Objektivität wähnt sich als "Wissen", ist aber im Grunde unfreiwillig-freiwillige Knechtschaft. "Solange Du an die Wahrheit glaubst, glaubst Du nicht an Dich und bist ein - Diener." (397) "Die Wahrheit ist - der Herr, und Alle, welche die Wahrheit suchen, suchen und preisen den Herrn. Als Du die Wahrheit suchtest, wonach sehnte sich dein Herz da? Nach deinem Herrn! Wo existiert der Herr? Wo anders als in deinem Kopfe?" (397) Wir schaffen die Herrn hauptsächlich in unseren Vorstellungen durch die vielen Ideen, die wir den leiblichen Herrschern zu Unterstützung beigeben. Auf physische Gewalt läßt sich Macht nur vorübergehend gründen. Nur wenn die Herrschaft in den Köpfen sitzt, ist sie fest verankert. Im Namen der Idee wird alles unterworfen, das Panier der Idee überall aufgepflanzt. (409)

STIRNER enttarnt die Objektivität als vorgeschobenen Grund. Er "hat mit der nominalistischen und psychologistischen Ausrüstung seines Kampfes gegen den Universalismus, wirklich den innersten Kern der Herrschaftsfrage getroffen. Wie im Schachspiel neben dem König die Dame als stärkste Figur, steht die Idee neben dem Herrscher. Um die Herrschaft matt zu setzen, greift STIRNER die Dame Ideologie an."(22) Die Objektivität ist das Prinzip des "An sich", ein Merkmal des Absolutismus. Der Kampf gegen die Allgemeingültigkeit ist ein Kampf gegen die dogmatischen Autoritäten und den Totalitarismus. Kritik und Widerstand sind aber sinnlos, wenn sie nur die eine gegen eine andere Herrschaft austauschen.
"Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die - Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d. h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, PROUDHON, GEORGE SAND, BLUNTSCHLI usw. usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip." (392f)
Der Einzige ist kein Prinzip und hat keine allgemeine Gültigkeit.
"Der Mensch ist nur ein Ideal, die Gattung nur ein Gedachtes. Ein Mensch sein, heißt nicht, das Ideal des Menschen erfüllen, sondern sich, den Einzelnen, darstellen. Nicht, wie Ich das allgemein Menschliche realisiere, braucht meine Aufgabe zu sein, sondern wie Ich Mir selbst genüge. Ich bin meine Gattung, bin ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster u. dgl. Möglich, daß Ich aus Mir sehr wenig machen kann; dies Wenige ist aber Alles und ist besser, als was Ich aus Mir machen lasse durch die Gewalt Anderer, durch die Dressur der Sitte, der Religion, der Gesetze, des Staates usw. Besser - wenn einmal von besser die Rede sein soll - besser ein ungezogenes, als ein altkluges Kind, besser ein widerwilliger, als ein zu Allem williger Mensch. Der Ungezogene und Widerwillige befindet sich noch auf dem Wege, nach seinem eigenen Willen sich zu bilden, der Altkluge und Willige wird durch die Gattung, die allgemeinen Anforderungen usw. bestimmt, sie ist ihm Gesetz." (200)
Auch wenn STIRNER von apollinischer Selbsterkenntnis nichts wissen will, sondern uns sein "Verwerthe Dich!" zuruft, ist seine Sicht des Einzigen, sein Subjektivismus vor allem erkenntnistheoretisch und ideologiekritisch von Bedeutung. Im wesentlichen sagt STIRNER nichts anderes als: "Unterwirf dich keiner Idee!" Das haben all diejenigen verkannt, die STIRNER eine Lehre andichten wollen, indem sie seine Aussagen verallgemeinern. STIRNER macht das immer wieder deutlich. Es gibt kein Prinzip des Einzigen. Der Einzige ist keine Verallgemeinerung.
"Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit, ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein." (3)

"Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die 'gute Sache' sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn." (5)

Die Welt ist weder gut noch schlecht, weder schön noch häßlich usw., sondern dies sind Prädikate, welche Ich ihr gebe. An sich sei weder etwas gut, noch sei es schlecht, sondern der Mensch denke sich's nur so oder so. (25) Jedes Ansich ist ein Idealbild, etwas, das sein soll, aber nicht ist. Jedes höhere Wesen, wie die Wahrheit, das Leben, die Menschheit usw. ist ein Wesen über Uns. (40) STIRNER läßt sich nicht täuschen. "Was Mir heilig ist, das ist Mir nicht eigen." (40)

"Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das 'Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist einzig, wie Ich einzig bin." (5)
STIRNER ist erklärter Feind aller Objektivismen auch der moralischen, und der Bigotterie seiner Zeit. Das utopische Idealbild des "Menschen-an sich" ist ganz besonders seinen Angriffen ausgesetzt. Wer für "den" Menschen schwärmt, läßt die konkrete Person außer Acht. "Der auf das Wesen gestützte Verkehr ist ein Verkehr mit dem Spuk, nicht mit Wirklichem. ... Verkehre Ich mit dem Wesen des Menschen, so verkehre ich nicht mit den Menschen." (323) Wir sehen nicht den wirklichen, leibhaftigen Menschen, sondern ein Unwirkliches, den Spuk, d. h. einen Gedanken, einen Begriff (191) "Nicht Mich, den Einzelnen, sondem die Idee, das Allgemeine, soll Ich zur Geltung bringen." (400)

Jeder Begriff ist ein Ideal, auch der Begriff 'Wirklichkeit. Wenn wir Begriffe als Tatsachen ansehen, sind damit gleichzeitig die Ideen verwirklicht. Wenn es einen "Menschen an sich" gäbe, wäre das der ideale Mensch. Die "Menschlichkeit" als solche ist daher auch eine fixe Idee und bleibt unrealisiert, weil sie eben "Idee" ist und bleiben soll. (401) Wahre und konkrete Vermenschlichung dagegen geschieht durch die Entwicklung der Eigenheit. "Nicht als Mensch und nicht den Menschen entwickle Ich, sondern als Ich entwickle Ich Mich." (406)
LITERATUR, Werner Petschko, Ich und Stirner in Knoblauch J. / Peterson P. (Hrsg.), Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt, Texte zur Aktualität von Max Stirner, Berlin 1996
    Anmerkungen
    14) Ernst Viktor Zenker, Anarchismus, Berlin 1979, Seite 69
    15) Georg Plechanow, Anarchismus und Sozialismus, Graz 1973, Seite 23
    16) Hans G. Helms, Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, Köln 1966, Seite 316
    17) Peter Heintz, Anarchismus und Gegenwart, Zürich 1951, Seite 105
    18) Karl Grün, Rheinische Jahrbücher zur gesellschaftlichen Reform (Hrsg. H. Püttmann), Bd.2, Bellevue bei Constanz 1846, Seite 22
    19) Hans G. Helms, Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, Köln 1966, Seite 4 und 186
    20) Nikolai Berdijaev, Das Ich und die Welt der Objekte, Darmstadt 1933, Seite 157
    21) Anselm Ruest, Vorwort zum Einzigen, Berlin 1924, Seite 19f
    22) Hans Sveistrup, Stirners drei Egoismen, Freiburg/Br. 1983, Seite 34