cr-4tb-4Stirner als SprachkritikerMarx / Engels - Deutsche Ideologie    
 
WERNER PETSCHKO
Ich und Stirner
[3/3]

"Er lehnt sogar die allseits beliebte Gedankenfreiheit ab, weil sie ihm keine echte Freiheit ist."

"Die Begriffsfrage: Was ist der Mensch? - hat sich dann in die persönliche umgesetzt: Wer ist der Mensch? Bei was suchte man den Begriff, um ihn zu realisieren-, bei wer ist's überhaupt keine Frage mehr." (411) "Die Geschichte sucht den Menschen: er ist aber Ich, Du, Wir. Gesucht als ein mysteriöses Wesen, als das Göttliche, erst als der Gott, dann als der Mensch (die Menschlichkeit, Humanität und Menschheit), wird er gefunden als der Einzelne, der Endliche, der Einzige." (271)
Echte Selbsterkenntnis, die, nebenbei bemerkt, gleichzeitig Welterkenntnis ist, ist nur möglich, wo es uns gelingt, den Schleier der Abstraktionen zu lüften. Nur wer sich seiner gewiß ist und sich nicht mehr sucht, ist wahrhaft sein Eigentum. Dagegen kann nimmermehr froh werden, wer denkt, sein wahres Ich erst noch finden zu müssen. (359) Jede wirksame Moral gründet auf der Gewissensfreiheit des Einzelnen. "Gewissensfreiheit des Einzelnen" ist dabei nur ein anderer Terminus für die Eigenheit des Einzigen. Gewissen bedeutet meine Entscheidungsfreiheit über Gut und Böse. Das Gute- oder Böse-An sich bleibt eine fixe Idee, auch wenn es unter tausenderlei Namen und Gestalten wiederkehrt. (394) Das objektiv Gute existiert nicht. Das objektiv Böse, das Böse-Ansich, existiert ebensowenig. Es gibt kein Gutes oder Böses, das nicht von uns geschaffen wäre. Moralische Vorschriften sind wertlos, wenn sie nicht von der unverwechselbaren Individualität der Menschen ausgehen. Ich bin das Maß aller Dinge.

Es ist ganz klar, daß sich die gewöhnliche, d. h. allgemeingültige Sittlichkeit nicht mit der STIRNERs verträgt, weil sie nicht Ihn, sondern nur den Menschen-an sich an Ihm gelten läßt. (196) STIRNER wird verteufelt von denen, die sich das Mäntelchen christlicher Nächstenliebe umwerfen, aber selbst nur fanatisch Besessene sind.
"Was die Religion den Sünder nennt, das nennt die Humanität den Egoisten. Nochmals aber, brauche Ich's keinem Andern recht zu machen, ist dann derEgoist, in welchem die Humanität sich einen neumodischen Teufel geboren hat, mehr als ein Unsinn? Der Egoist, vor dem die Humanen schaudern, ist so gut ein Spuk, als der Teufel einer ist: er existiert nur als Schreckgespenst und Phantasiegestalt in ihrem Gehirne." (403)

"Was hat also deine Menschenliebe gefunden? Lauter liebenswürdige Menschen! Und woher stammen sie alle? Aus Dir, aus deiner Menschenliebe! Du hast den Sünder im Kopfe mitgebracht, darum fandest Du ihn, darum schobst Du ihn überall unter. Nenne die Menschen nicht Sünder, so sind sie's nicht: Du allein bist der Schöpfer der Sünder: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst, Du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde, Du gerade scheidest sie in Lasterhafte und Tugendhafte, in Menschen und Unmenschen, Du gerade besudelst sie mit dem Geifer deiner Besessenheit; denn Du liebst nicht die Menschen, sondem den Menschen. Ich aber sage Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur - geträumt." (405)

"Wir sind allzumal vollkommen! Denn wir sind in jedem Augenblick Alles, was Wir sein können, und brauchen niemals mehr zu sein. Da kein Mangel an uns haftet, so hat auch die Sünde keinen Sinn. Zeig- Mir noch einen Sünder in der Welt, wenn's Keiner mehr einem Höheren recht zu machen braucht!" (403)
Wir selbst schaffen erst die Untaten, auf die wir uns hinterher stürzen. Es gibt kein Verbrechen "an sich", genausowenig wie es ein Unrecht als bestehende Tatsache gibt. Beides ist abhängig von unseren im Grunde willkürlichen Moralvorstellungen mund unserem ganz persönlichen Rechtsverständnis, mdas sich lediglich als objektives gibt.

STIRNER hat die geistige Gewalt des gegenständlichen, d. h. begrifflichen Denkens klar erkannt. Die subtile Gewalt der Abstraktionen hat die physische Gewalt in ihrer Bedeutsamkeit abgelöst. Er hat uns gezeigt, daß wir nicht nur in bezug auf religiöse Dinge abergläubisch sind und Götzendiener, sondern auch hinsichtlich anderer Ideen wie Recht, Staat, Gesetz, Arbeit, Geld etc. recht fanatisch sein können. (164) Das spukhafte Reich der Wesen, gefüllt mit Gespenstern, Göttern, Geistern und Dämonen, ist die verkehrte Welt. Die Wesen allein und nichts als die Wesen zu erkennen und anzuerkennen, das ist Götzenglaube. (43) Wir unterwerfen uns den Begriffen. Die Abhängigkeit wird um so inniger und unauflöslicher. (94f)
"Es gehört dazu, daß man etwas außer sich für mächtiger, größer, berechtigter, besser usw. hält, d. h. daß man die Macht eines Fremden anerkennt, also nicht bloß fühlt, sondern ausdrücklich anerkennt, sich gefangen gibt, sich binden läßt." (77f)
Abstraktionen sind das Heilige. (79) "Begegnen Uns etwa bloß vom Teufel Besessene, oder treffen Wir ebensooft auf entgegengesetzt Besessene, die vom Guten, von der Tugend, Sittlichkeit, dem Gesetze, oder irgend welchem Prinzip besessen sind? Die Teufelsbesitzungen sind nicht die einzigen." (47) Mißfällt Euch das Wort "Besessenheit", so nennt es Fanatismus. (48)

STIRNER sieht sich nicht dazu in der Welt, um fremde Ideen zu realisieren, etwa zur Verwirklichung der Idee "Staat" als Bürger zu fungieren oder durch die Ehe, als Ehegatte und Vater, die Idee der Familie zu einem Dasein zu bringen. Was ficht ihn ein solcher Beruf an! Er lebt so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach einem Berufe wächst und duftet. (411) Alle Wahrheiten unter Ihm sind Ihm gut und recht; eine Wahrheit über Sich, eine Wahrheit, nach der Er Sich richten müßte, kennt Er nicht. Für Ihn gibt es keine Wahrheit, denn über Ihn geht nichts! Auch nicht sein Wesen, auch nicht das Wesen des Menschen! Und zwar über Ihn, diesen "Tropfen am Eimer", diesen "unbedeutenden Menschen"! (399) Er hält sich nicht für etwas Besonderes, sondem für einzig. Er hat wohl Ähnlichkeit mit Andern; das gilt jedoch nur für die Vergleichung oder Reflexion; Sein Fleisch ist Sein Fleisch, Sein Geist ist Sein Geist. Bringen wir ihn unter die Allgemeinheiten "Fleisch bzw. Geist", so sind das unsere Gedanken, die mit Seinem Fleisch und mit Seinem Geist nichts zu schaffen haben. (153)

Wie viele irrige Anschauungen berufen sich auf ein Subjekt-an sich, auf einen Spuk, der nirgends und nimmer existiert. Wie viele Menschen haben keine Identität und sind entfremdet, weil sie sich mit ihrem abstrakten Ich identifizieren? Es ist ein Irrtum zu glauben, viele und verschiedene Zustände eines Menschen, sein Denken, Fühlen, Wollen usw. wären die Wirkung eines einzigen Substrats, "Subjekt" oder "Ich" genannt. Wirklich ist nur das Ich des Augenblicks und der Gegenwart. "Das nie seiende Ich, das endliche Ich ist wirklich Ich." (199) Das abstrakte Subjekt ist keine Realität, sondem ein logischer Beziehungspunkt. Die Seelentiefe des MAX STIRNER enthält viele Schichten, die nicht objektivierbar und auch nicht vergesellschaftungsfähig sind. STIRNER macht keinen Hehl daraus. Es geht ihm auch nicht darum, was wir als Menschen an sich tun sollten, sondem uns als Einzige zu finden.

STIRNER macht keine Vorschriften. Jedes Sollen ist ihm zuwider. Es geht nicht darum, daß wir keine Begierden haben sollen, sondem daß wir uns nicht von unseren Begierden bestimmen lassen. "Ist denn aber die Sinnlichkeit meine ganze Eigenheit? Bin Ich bei Mir selbst, wenn Ich der Sinnlichkeit hingegeben bin?" (187) Die Begierden dürfen nicht fix, unbezwinglich, unauflöslich werden. (67) Wer sich vom stummen Zwang der Abstraktionen befreit hat, der mag tun, was ihm beliebt. F.A. LANGE sagt dazu in seiner Geschichte des Materialismus, daß von dieser Position aus jede Idee wieder möglich wird, "weil ich sie will".(23) "Wer religiös frei ist, dem ist die Religion eine Herzenssache, ist ihm seine eigene Sache, ist ihm ein heiliger Ernst.

So auch ist's dem politisch Freien ein heiliger Ernst mit dem Staate, er ist seine Herzenssache, seine Hauptsache, seine eigene Sache." (116) STIRNER lehnt lediglich das Interesse für unwirkliche Abstraktionen als "fixe Ideen" ab. Wer objektive Interessen hat, ist entfremdet.
"Nach der Vernünftigkeit streben kann ich wohl, Ich kann sie lieben, wie eben Gott und jede andere Idee auch. Aber was Ich, wonach Ich strebe, das ist nur in Meiner Idee, Meiner Vorstellung, Meinen Gedanken: es ist in Meinem Herzen, Meinem Kopfe, es ist in Mir wie das Herz, aber es ist nicht Ich, Ich bin es nicht." (88)

"Früher eiferte man im Namen der göttlichen Vernunft gegen die schwache menschliche, jetzt im Namen der starken menschlichen gegen die egoistische, die als Unvernunft verworfen wird. Und doch ist keine andere wirklich als gerade diese Unvernunft. Weder die göttliche noch die menschliche Vernunft, sondem allein deine und meine jedesmalige Vernunft ist wirklich, wie und weil Du und Ich es sind. " (225)

"Herrscht aber die (objektive/wp) Vernunft, so unterliegt die Person."(115)
Die Vorwürfe gegen STIRNER sind nur dann sinnvoll, wenn wir vom "Egoismus an sich" sprechen, von der "Liebe an sich", der "Herrschaft an sich". STIRNER spricht aber jedem "an sich" die Berechtigung ab. Für ihn gibt es nur seine Welt, seine Gedanken, sein Wollen. Das soll aber nicht heißen, daß nicht jeder andere auch sein eigenes Denken und Fühlen hätte, das für sich einzigartig und unvergleichlich ist. Der Egoismus ist kein Gegensatz zur Liebe, kein Gegensatz zum Denken, kein Feind der Kritik, kein Feind des Sozialismus, kurz kein Feind des wirklichen Interesses: er schließt kein Interesse aus. Nicht gegen die Liebe, sondem gegen die heilige Liebe, nicht gegen das Denken, sondem gegen das heilige Denken, nicht gegen die Sozialisten, sondem gegen die heiligen Sozialisten usw. STIRNER wendet sich also gegen die Absolutheit, das Dogma der objektiven und allgemeinen Gültigkeit, und das Ansich dieser Abstraktionen.

STIRNER liebt die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber er liebt sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; er liebt sie, weil die Liebe Ihn glücklich macht, er liebt, weil's ihm gefällt. Er kennt kein "Gebot der Liebe". (324) Als eines seiner Gefühle hegt Er die Liebe, aber als Macht über Ihm, als eine göttliche Macht oder Leidenschaft, der Er Sich nicht entziehen soll, als eine religiöse und sittliche Pflicht - verschmäht er sie. (328) Gleicherweise erhebt Er Sich über die Wahrheiten und ihre Macht: STIRNER sieht sich als Einzigen so übersinnlich wie überwahr. Die Wahrheiten sind vor Ihm so gemein und so gleichgültig wie die Dinge, sie reißen Ihn nicht hin und begeistern ihn nicht. Da ist auch nicht eine Wahrheit, nicht das Recht, nicht die Freiheit, nicht die Menschlichkeit usw., die vor Ihm Bestand hätte und der er sich unterwürfe. Es sind ihm Worte, nichts als Worte. (390)
"Die Wahrheit ist tot, ein Buchstabe, ein Wort, ein Material, das Ich verbrauchen kann. Alle Wahrheit für sich ist tot, ein Leichnam; lebendig ist sie nur in derselben Weise, wie meine Lunge lebendig ist, nämlich in dem Maße meiner eigenen Lebendigkeit; Die Wahrheiten sind Material wie Kraut oder Unkraut, darüber liegt die Entscheidung in Mir." (398)
Jede sogenannte Wahrheit ist ihm nur ein Nahrungsmittel für seinen denkenden Kopf, wie die Kartoffel für seinen verdauenden Magen und der Freund für sein geselliges Herz. (398) Wahrheiten sind Ihm Phrasen, Redensarten, Worte, in Anhang oder in Reih' und Glied gebracht, bilden sie die Logik, die Wissenschaft, die Philosophie. (391) Was wir für die Rationalität unseres Verstandes halten, ist Konstruktion und Einbildung. Die Beschäftigung mit dem Wesen der Welt ist Ihm eine Verrücktheit. (381)

STIRNERs eigenes Denken, sein Denken, ist ein Denken, welches nicht Ihn leitet, sondern von Ihm geleitet, fortgeführt oder -abgebrochen wird, je nach seinem Gefallen. (381) STIRNER macht sich mit seiner Kritik nur ein Vergnügen, amüsiert sich nach seinem Geschmack: je nach seinem Bedürfnis zerkaut er die Sache oder zieht nur ihren Duft ein. (396) Jedes "An sich" und jede Verallgemeinerung ist ihm ein Greuel. Er lehnt sogar die allseits beliebte Gedankenfreiheit ab, weil sie ihm keine echte Freiheit ist. Solange wir noch denken, sind wir den Gesetzen der Sprache unterworfen.
"Und wirklich habe Ich nur als Mensch Gedanken, als Ich bin Ich zugleich gedankenlos. Wer einen Gedanken nicht los werden kann, der ist soweit nur Mensch, ist ein Knecht der Sprache, dieser Menschensatzung, dieses Schatzes von menschlichen Gedanken. Die Sprache oder das Wort tyrannisiert uns am ärgsten, weil sie ein ganzes Heer von fixen Ideen ge gen uns auffährt. Beobachte Dich einmal jetzt eben bei deinem Nachdenken, und Du wirst finden, wie Du nur dadurch weiter kommst, daß Du jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wirst. Du bist nicht etwa bloß im Schlafe, sondern selbst im tiefsten Nachdenken Gedenken- und sprachlos, ja dann gerade am meisten. Und nur durch diese Gedankenlosigkeit, diese verkannte Gedankenfreiheit oder Freiheit vom Gedanken bist Du dein eigen. Erst von ihr aus gelangst Du dazu, die Sprache als dein Eigentum zu verbrauchen. Ist das Denken nicht mein Denken, so ist es bloß ein fortgesponnener Gedanke, ist Sklavenarbeit oder Arbeit eines Dieners am Worte." (389)

"Sind die Gedanken frei, so bin Ich ihr Sklave, so habe Ich keine Gewalt über sie und werde von ihnen beherrscht. Ich aber will den Gedanken haben, will voller Gedanken sein, aber zugleich will Ich gedankenlos sein, und bewahre Mir statt der Gedankenfreiheit die Gedankenlosigkeit." (388)
STIRNER denkt nicht daran, sich Abstraktionen auszuliefern. Als Eigner seiner Gedanken deckt er sein Eigentum so gut mit dem Schilde, wie er als Eigner der Dinge nicht Jedermann gutwillig zugreifen läßt, aber lächelnd wird er dem Ausgang der Schlacht entgegensehen, lächelnd den Schild auf die Leichen seiner Gedanken und seines Glaubens legen, lächelnd, wenn er geschlagen ist, triumphieren. Das ist eben sein Humor an der Sache. Seinen Humor an den Kleinlichkeiten der Menschen auszulassen, das vermag Jeder, der "erhabnere Gefühle" hat; ihn aber mit allen "großen Gedanken, erhabenen Gefühlen, edler Begeisterung und heiligem Glauben" spielen zu lassen, dazu muß man der Eigner von Allem sein. (403)

STIRNER wechselt seinen Standpunkt und seine Handlungsweise möglicherweise recht unvermittelt; aber nicht darum, weil sie nicht der Christlichkeit entsprechen, nicht darum, weil sie gegen die ewigen Menschenrechte laufen, nicht darum, weil sie der Idee der Menschheit, Menschlichkeit und Humanität ins Gesicht schlagen, sondem - weil er nicht mehr ganz dabei ist, weil es ihm keinen Spaß mehr macht, weil er an seinem früheren Gedanken zweifelt oder sich in der eben geübten Handlungsweise nicht mehr gefällt. Das hat mit Inkonsequenz nichts zu tun, sondem ist als Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit viel "wahrer" als die geheuchelte Wahrheitsliebe der meisten seiner Mitmenschen. STIRNER macht sich nichts vor. Er ist Realist. Er kennt keine Tabus. Wie die Welt als Eigentum zu einem Material geworden ist, mit welchem er anfängt, was er will, so muß ihm auch sein Geist als Eigentum zu einem Material herabsinken, vor dem er keine heilige Scheu mehr hat.
"Sind einst die Dinge der Welt eitel geworden, so müssen auch die Gedanken des Geistes eitel werden. Kein Gedanke ist heilig, kein Gefähl ist heilig, kein Glaube ist heilig. Sie sind alle veräußerlich, mein veräußerliches Eigentum, und werden von Mir vernichtet und geschaffen. " (402)
STIRNER verwirft den Absolutheitscharakter des Wissens und hat deshalb für die Wahrheit mehr getan, als ihre vielen Priester.

STIRNER suchte die Wahrheit - hinter den Begriffen. Vielleicht glaubt ANSELM RUEST, ein STIRNERianer der Zwanziger Jahre, deshalb bei STIRNER uralte mystische Gedankengänge entdeckt zu haben. (24) Denken können wir nur das, was gegenständliche Gestalt hat. Gegenstände erhalten wir durch Abstraktion. Was abstrahiert wurde, ist logisch. Alle Logik ist deshalb der Sprache unterworfen. Als Verstand stehen wir faßbaren Dingen gegenüber. Die Wirklichkeit als solche ist aber in beständigem Fluß, ein kontinuierlicher Prozeß. Kontinuierliche Vorgänge, als Ausdruck einer aktuellen Gegenwart, erscheinen unserem rationalen Verstand als irrational, überbegreiflich, undenkbar. Das Begrifflose ist das Irrationale.

Mit dem Erlöschen der natürlichen Formenwelt sind wir im Bereich der Mystik. Wirklichkeit an sich, unabhängig vom jeweiligen Aufgefaßt- und Vorgestelltwerden, ist nicht wißbar und nicht sagbar. Im mystischen Erleben empfinden wir wohl, daß etwas ist, wissen aber nicht, wie und was es ist. Rätselhaft ist die Realität hinter den Begriffen. STIRNER wußte, daß die Sprache unzureichend für die Erkenntnis einer höchsten geistigen Wirklichkeit ist. Das haben die Mystiker schon immer geahnt. Wir können uns von einer solchen keine richtigen Begriffe machen und sollten deshalb gar nicht von ihr reden.

STIRNER beschreibt uns die Fülle seiner subjektlosen Zustände, die wir nicht rational begreifen können. Das Absehen von der Objektivität bedeutet zugleich einen Bruch mit der klassischen Rationalität. Seine Einzigkeit hat für uns kein logisches Prädikat. Mystik heißt Abkehr von der Illusion der Realität, auch der des eigenen Ich. STIRNERs Eigenheit hat im Grunde keinen Maßstab, sie ist auch keine Idee - wie etwa die Freiheit, Sittlichkeit, Menschlichkeit u. dgl.: sie ist nur eine Beschreibung des - Eigners. (188)
"Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich mich mache, d. h. daß nicht ein anderer Mich macht, sondem Ich mein eigen Werk sein muß." (256)

"Ich setze Mich nicht voraus, weil Ich Mich jeden Augenblick überhaupt erst setze oder schaffe, und nur dadurch Ich bin, daß Ich nicht vorausgesetzt, sondem gesetzt bin, und wiederum nur in dem Moment gesetzt, wo Ich Mich setze, d. h. Ich bin Schöpfer und Geschöpf in Einem." (167)
STIRNERs Eigenheit ist gleichbedeutend mit Anarchie und Gesetzlosigkeit, einer Gesetzlosigkeit, an die keine Abstraktion hinreicht. (115) Für Mich hat die armselige Sprache kein Wort, und das Wort, der Logos, ist Mir ein bloßes Wort." (201) Die Namen nennen es nicht, es ist das Einzige.
"Das Denken, als Vorausgesetztes, ist ein fixer Gedanke, ein Dogma. Dein Denken hat nicht das Denken zur Voraussetzung, sondern Dich. Vor meinem Denken bin - Ich." (395)

"Ich bin aber weder der Champion eines Gedankens, noch der des Denkens; denn Ich, von dem Ich ausgehe, bin weder ein Gedanke, noch bestehe Ich im Denken. An Mir, dem Unnennbaren, zersplittert das Reich der Gedanken, des Denkens und des Geistes." (164)

"Ich bin Ich, und Du bist Ich, aber Ich bin nicht dieses gedachte Ich, sondern dieses Ich, worin wir alle gleich sind, ist nur mein Gedanke. Ich bin Mensch und Du bist Mensch, aber Mensch ist nur ein Gedanke, eine Allgemeinheit-, weder Ich noch Du sind sagbar, Wir sind unaussprechlich, weil nur Gedanken sagbar sind und im Sagen bestehen. " (348)
STIRNER aber deshalb als Mystiker zu bezeichnen, halte ich für übertrieben. Sein Egoismus hat so gar nichts mit der mystischen Selbstaufgabe gemein. STIRNER war jedoch ein Ketzer erster Güte.
"Man sagt von Gott: Namen nennen Dich nicht. Das gilt von Mir: kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft Mich; es sind nur Namen." (412)

"Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir. Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen (412) weiß." (25)
An Selbstbewußtsein hat es diesem MAX STIRNER nicht gemangelt. Dessen ungeachtet war mir STIRNERs Buch eine Lektion und hat meine Weltanschauung in mancher Hinsicht gefestigt. Das gilt besonders für einen Punkt: Auch wenn es Menschen gibt, die mir physisch oder psychisch unterlegen sind, ist das für mich noch kein Grund, sie für meine Zwecke zu mißbrauchen. Und genauso werde ich meine ganzen Kräfte einsetzen, um zu verhindern, daß andere mich zu ihren Zwecken benützen. Ich bin kein Mittel für irgendwelche Zwecke, sondern mein eigener Zweck.

Wer glaubt, Einzigartigkeit verleihe irgendwelche Rechte, macht meiner Meinung nach einen großen Fehler. Wir haben alle das gleiche Recht - nämlich keines. Weder Individualität noch Objektivität sind Grund, um für andere Menschen zwingende Direktiven "abzuleiten". Darin sehe ich einen anarchistischen Grundsatz. Der "Gipfel meiner Weisheit" stellt sich als Paradox dar: Die einzige allgemeine Wahrheit ist, daß es keine allgemeine Wahrheit gibt. Einem Verein, der sich diesen Satz zum Leitspruch wählt, würde ich sofort beitreten.
LITERATUR, Werner Petschko, Ich und Stirner in Knoblauch J. / Peterson P. (Hrsg.), Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt, Texte zur Aktualität von Max Stirner, Berlin 1996
    Anmerkungen
    23) F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, Ffm 1974, Seite 529
    24) Anselm Ruest, Vorwort zum Einzigen, Berlin 1924, Seite 14
    25) Dieser Gedanke findet sich schon bei Meister Eckhart: "Gott der ohne Namen ist - er hat keinen Namen -, ist unaussprechlich, und die Seele ist in ihrem Grunde ebenfalls unaussprechlich, so wie er unaussprechlich ist." in Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, Zürich 1979, Seite 229