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MAX VERWORN
Die Frage nach den
Grenzen der Erkenntnis

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"Die Aufgabe der Forschung kann nur darin bestehen, die Bedingungen festzustellen, die Abhängigkeitsverhältnisse zu ermitteln. Das ist die einzige  wissenschaftliche  Forschung. So erkennen wir die Gesetzmäßigkeit des Seins und Geschehens, so erkennen wir die Dinge selbst, denn jede Bedingung ist ja eben zugleich auch ein Ding. Das ist daher auch die einzige Methode, nach der wir das Problem der Materie wissenschaftlich behandeln können. Nur auf diesem Weg werden wir allmählich zu widerspruchslosen Vorstellungen in dieser Frage gelangen. Aber wie auch einst die Antwort ausfallen mag: eine  prinzipielle  Grenze für die Erkenntnis ist auf diesem Weg nicht zu erblicken. Unabsehbare Strecken unbebauten Landes leigen vor uns, aber nirgends ein Zaun."

"Ich" erkenne "Etwas".  Jeder Erkenntnisprozeß stellt eine Beziehung dar zwischen den beiden Faktoren  "Ich" und "Etwas". 

Was ist dieses "Ich"? Dieses "Ich", das dem Menschen ans Herz gewachsen ist, wie nichts auf der Welt, das ihm die herrlichsten Freuden, aber auch den schwersten Kummer bereitet, das er bald liebt, bald haßt, bald aufs höchste verehrt, bald aufs tiefste verflucht, das der mächtigste Hebel geworden ist für die Veredelung des Menschen und seiner Ideale und das ihn doch wieder niederziehen kann in den Sumpf niedrigster Leidenschaft und gemeinsten Verbrechens, das er bald um keine Preis hergeben, bald gänzlich abstreifen möchte und das er doch nicht wegwerfen kann, ohne auf alles zu verzichten, das untrennbar wie sein Schatten an ihm haftet und an allem teilnimmt, was er erfährt und ausführt. Was ist dieses mächtige, unvermeidliche, aufdringliche "Ich"?

Die nüchterne Analyse wissenschaftlicher Kritik zeigt uns, daß auch dieses "Ich" uns nur als ein Produkt der Erfahrung bekannt wird. Das Kind, das mit seinen Sinnen eben die ersten Erkenntnisse gewinnt, nimmt eine Menge von Dingen wahr, die es unterscheidet, und die es später nach der Anweisung seiner Erzieher mit verschiedenen Namen belegt: Bett, Stuhl, Tisch, Mama, Papa usw. Unter diesen Dingen befinden sich auch seine eigenen Körperteile: Bein, Hand, Kopf, usw. Im Laufe der Entwicklung macht das Kind die Beobachtung, daß gewisse Dinge immer dabei sind, wenn es irgendetwas sieht, hört, fühlt, denkt, usw. Das sind seine eigenen Körperteile. Für diesen Komplex von Dingen lernt das Kind die Bezeichnung "Ich". Wenn das erste "Ich" vom Kind verwendet wird, ist indessen die Vorstellung des "Ich" durchaus noch nicht scharf umgrenzt. Das Kind verwechselt anfangs noch das eigene "Ich" mit anderen "Ichs", die das Wort "Ich" auf sich selbst anwenden. Erst allmählich lernt es das eigene "Ich" von anderen "Ichs" unterscheiden. Da das "Ich" immer an allem beteiligt ist, was das Kind tut und denkt, so schleift sich der "Ich"-Vorstellungskomplex besonders tief aus, im Gegensatz zu anderen Vorstellungen, die immerfort wechseln. So entsteht der primäre "Ich"-Begriff. Er bezeichnet, kurz gesagt, den Komplex von Dingen, der immer dabei ist, was auch der Mensch empfindet und denkt, fühlt oder tut. Der "Ich"-Begriff vergrößert sich immer mehr, je mehr Bestandteile sich ihm durch Erfahrung ankristallisieren. Die Erkenntnis vom anatomischen Bau des Körperinnern erweitert den Inhalt der "Ich"-Vorstellung enorm. Beim Naturforscher und Arzt umfaßt der "Ich"-Begriff schließlich die unabsehbare Fülle der Vorstellungen vom ganzen komplizierten Zellenbau des Körpers, von den Zellen der Leber und Niere bis zum erstaunlich fein geordneten System der Ganglienzellen und Nervenfasern des Gehirns.

Aber noch mehr. Diesem "primären Ich"-Begriff mischen sich unwillkürlich auch andere Bestandteile bei. Man gewöhnt sich allmählich, seine  gesamten  Empfindungen, Vorstellungen, Ideen zum eigenen "Ich" zu rechnen und so zerfließt schließlich dieses "sekundäre Ich" ohne Grenze in die umgebende Welt. So wird das  sekundäre  "Ich" aber zuletzt zur Chimäre.

Für die wissenschaftliche Betrachtung ist es daher notwendig, den Begriff des "Ich" nur im  primären  Sinn zu verwenden. Dann bedeutet das "Ich" die Summe der  physiologischen  Bedingungen, die zur Entstehung der gesamten Empfindungen und Vorstellungen, Gedanken und Gefühle, kurz aller Bewußtseinsvorgänge notwendig sind, d. h.  der menschliche Körper.  Dieses engere "Ich" stellt also ein System von Bedingungen vor, das geeignet ist, mit den Dingen außerhalb des Körpers Empfindungen und weiterhin Vorstellungen, Gedanken, Gefühle zu bilden. Kurz das "Ich" ist ein Apparat zur Herstellung von Bewußtseinsvorgängen. Behalten wir aber im Auge, daß auch dieses primäre "Ich" keinesfalls ein wirklich stabiles System ist. Es ändert sich von der Geburt bis zum Tod. Auch die mannigfaltigsten äußeren Faktoren, wie Nahrung und Gifte, Ermüdung und Krankheit und viele andere wirken auf dieses System und seine einzelnen Glieder verändernd ein. Da aber die Empfindungen und Vorstellungen, Gedanken und Gefühle eindeutig bestimmt sind, nicht bloß durch die Dinge der Außenwelt, sondern ebenso durch den Bedingungskomplex des "Ich"-Systems, so ist es klar, daß jede Veränderung im Bedingungssstem des "Ich" auch eine entsprechende Veränderung in den Bewußtseinsvorgängen nach sich zieht, genauso, wie das der Fall ist bei allen Veränderungen in der Außenwelt.

Werfen wir nunmehr auch einen Blick auf den zweiten Bedingungskomplex, der das Erkennen beherrscht, auf das "Etwas", auf  die Dinge außerhalb des  "Ich". Ja, existiert denn überhaupt etwas außerhalb des "Ich"? Habe ich nicht, indem ich ein "Ich" und Dinge außer dem "Ich" unterscheide, eine ganz willkürliche Annahme gemacht? Ich will mich ja nur an die Erfahrung halten und jede Hypothese vermeiden. Die Erfahrung liefert mir aber nur meine eigenen Empfindungen und davon abgeleitete Vorstellungen. Ist daher nicht die Unterscheidung von "Ich" und Außenwelt eine reine Hypothese? Der Gedankengang, den man als  "Solipsismus"  zu bezeichnen pflegt, behauptet das in der Tat, und er glaubt besonders exakt zu verfahren, indem er die Annahme einer außer dem "Ich" existierenden Außenwelt gänzlich verwirft. Auf den ersten Blick imponiert dieser Standpunkt; bei genauerem Zusehen ist er absurd.

Betrachten wir ihn etwas näher! Man folgert etwa so: Wenn ich analysiere, was ein Gegenstand ist, so zeigt mir die Erfahrung nur eine bestimmte Summe von Empfindungen. Wenn ich prüfe, was ich einen anderen Menschen nenne, so finde ich wiederum nur einen besonderen Komplex von Empfindungen. Außer meinen eigenen Empfindungen liefert mir die Erfahrung nichts. Das heißt: die ganze Welt ist nur meine eigene Empfindung und Vorstellung. Solus ipse [das Selbst allein - wp]. Etwas anderes kann ich nicht nachweisen, wenn ich mich immer nur streng an die Erfahrung halte. So sagt der Solipsismus. Aber nehmen wir einmal an, die Behauptung, daß nur "Ich" allein existierte, wäre richtig, dann würde die Welt höchst wunderlich sein. Dann wäre die Welt höchst wunderlich sein. Dann wäre die Welt jeden Augenblick etwas anderes: in diesem Moment ein schöner Festsaal mit vielen Menschen, im nächsten ein Blatt Papier, im folgenden eine elektrische Lampe und in der Nacht wäre sie gänzlich verschwunden, um am Morgen als Decke eiens Schlafzimmers wieder neu zu erstehen. Ein wildes Gewirr von Empfindungen und Vorstellungen ohne Zusammenhang, das wäre die Welt. Aber weiter. Das "Ich" verlöre vollständig seinen Sinn, denn es hat nur Sinn als Gegensatz zu anderen Dingen. Wenn aber nur "Ich" allein existiere, so fällt der Gegensatz fort, und das "Ich" ist identisch mit dem Sein überhaupt. Das Sein aber existierte nur zeitweilig und zwischen seinen Existenzen klaffte das Nichts jede Nacht. Es lohnt nicht, die seltsamen Konsequenzen weiter zu verfolgen, die aus dem Gedankengang des Solipsismus logisch entspringen. Trotz seiner scheinbar streng erfahrungsmäßigen Grundlage muß dieser Gedankengang einen Fehler enthalten. Das liegt auf der Hand.

In der Tat ist es nicht schwer, diesen Fehler zu finden. Der Solipsismus berücksichtigt nur die unmittelbaren, primären Erfahrungen, die Empfindungen. Er übersieht die abgeleiteten, sekundären Erfahrungen, die uns die Existenz einer Gesetzmäßigkeit zeigen. Diese konditionale Gesetzmäßigkeit, die täglich und stündlich durch zahllose Erfahrungen von neuem bestätigt wird, liefert mir ebensoviele experimentelle Beweise dafür, daß die Dinge auch bestehen, wenn ich sie  nicht  sinnlich wahrnehme. Zum Beispiel: Die Erfahrung hat mir gezeigt, daß ein Stück Natrium, das ich auf Wasser werfe, sofort zu einer Kugel zusammenschmilzt, die zischend unter lebhafter Bewegung an der Wasseroberfläche zusammenschrumpft und schließlich verschwindet. Dabei hat sich unter der Entwicklung von Wasserstoff, den ich auffangen kann, Natronlauge im Wasser gelöst. Die sinnliche Erfahrung hat tausend gezeigt, daß dieser Vorgang sich mit unfehlbarer Gesetzmäßigkeit abspielt, sobald ich seine Bedingungen realisiert habe. Stelle ich nun die nötige Versuchsanordnung auf, werfe ich ein Natriumstück auf Wasser, und verlasse ich darauf das Zimmer, so spielt sich dieser Vorgang ebenso genau ab, als ob ich dabei wäre, obwohl er sich vollständig meiner sinnlichen Wahrnehmung entzieht. Ich kann das kontrollieren, indem ich das Resultat feststelle, oder den Ablauf des Vorgangs von einem andern erfahre, der den Vorgang inzwischen beobachtet hat. So liefert mir die Erfahrung den unumstößlichen Beweis, daß die Dinge außerhalb meines "Ich" existieren, auch wenn ich sie gar nicht empfinde. Das gleiche gilt aber auch für mein "Ich"selbst. Ich empfinde ja mein "Ich" d. h. meinen Körper ebenfalls nicht immer. Im Schlaf, in der Narkose, aber auch bei angestrengter Aufmerksamkeit und scharfem Nachdenken bin ich mir meines "Ich" durchaus nicht bewußt, und auch sonst nehme ich gleichzeitig immer nur einzelne Teile davon wahr. Ich empfinde immer nur etwas von meinem "Ich", wenn ich seine einzelnen Teile zueinander, wenn ich diesen oder jenen Teil zu diesem oder jenem Sinnesorgan in Beziehung setze. Und doch existiert mein gesamtes "Ich" andauernd fort, auch wenn ich von ihm kein Bewußtsein habe. Mein "Ich", mein Körper ist genau ebenso ein "Ding" wie die anderen Dinge, wie alle Dinge, ein System von bestimmten Bedingungen, und es ist gewissermaßen nur eine "physiologische" Form der Eitelkeit, die im Kampf ums Dasein gezüchtet ist, wenn ich aus der gesamten Mannigfaltigkeit von Dingen, die den Weltinhalt bilden, das eigene "Ich" besonders heraushebe und der Gesamtheit aller übrigen Dinge gegenüberstelle. In Wirklichkeit stehen wir nicht  außer  oder gar  über  der Welt, sondern  in  der Welt wie alle anderen Dinge.

"Ich erkenne ein Ding" heißt nach alldem: Es stellt sich zwischen meinem "Ich" und dem betreffenden Ding ein solcher Beziehungskomplex her, daß Empfindungen, Vorstellungen, Gedankengänge entstehen.

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Von dieser Basis aus können wir jetzt an die Frage herantreten, wieweit die Erkenntnisfähigkeit reicht und ob sie begrenzt ist. Die Antwort wird uns jetzt leicht:  Die Möglichkeit des Erkennens reicht so weit wie der Inhalt der Welt, denn es besteht für uns kein prinzipielles Hindernis, mit jedem anderen Bestandteil der Welt in Beziehung zu treten. 

Der Weg, auf dem ich diese Beziehungen herstelle, geht, wie wir sahen, zuerst immer durch meine Sinnesorgane. Indem ich ein Ding mit meinen Sinnesorganen und dadurch mit den Ganglienzellen meines Gehirns in Beziehung setze, bilde ich mit ihm Empfindungen, die ich weiterhin zu Vorstellungen und Schlüssen verarbeite. Die Erkennbarkeit aller sinnlich wahrnehmbaren Dinge liegt also von vornherein auf der Hand. Aber es gibt Dinge, die meine Sinnesorgane überhaupt nicht affizieren, wie der Stickstoff der Luft oder gewisse Strahlenarten. Sind diese erkennbar? Die Erfahrung sagt: ja, denn wir  haben  sie ja erkannt. Der Weg der Erkenntnis ist hier der, daß wir diese Dinge erkennen durch die Veränderungen, die andere, unseren Sinnen zugängliche Dinge durch sie erfahren. Auf diesem Weg wurden z. B. die RÖNTGEN-Strahlen entdeckt. Aber man wird sagen: in diesen Fällen erkenne ich die Dinge nicht selbst, sondern nur indirekt aus ihren Wirkungen. Darauf erwidere ich: das macht keinen Unterschied, denn auch unsere  sinnlichen  Wahrnehmungen sind ja niemals die wahrgenommenen Dinge selbst, sondern immer nur komplexe Systeme von Dingen, in denen das wahrgenommene Ding als  ein  Bestandteil enthalten ist kombiniert mit dem "Ich" oder seinen Teilen. Das Ding selbst und meine Empfindung des Dings ist  niemals  identisch, und meine Empfindung eines und desselben Dings ist gänzlich verschieden, je nachdem das betreffende Ding mit diesem oder mit jenem Sinnesorgan von mir in Beziehung tritt.

Hier ist nun der Punkt, wo mancher eine unübersteigliche Grenze der Erkenntnis zu sehen geneigt ist. Man sagt sich: da ich die Dinge immer nur in Form von Empfindungen wahrnehme, die völlig verschieden sind je nach dem Sinnesorgan, durch das ich sie gewinne, und da ich doch andererseits nachweisen kann, daß die Dinge auch existieren, wenn ich sie  nicht  empfinde, so entsteht die Frage, was die  "Dinge ansich"  sind, losgelöst aus dem Komplex der Empfindung, außerhalb ihrer Kombination mit dem "Ich". Hier scheint die Erkenntnis ihre Grenze erreicht zu haben. Hier scheint uns ein unüberbrückbarer Abgrund völliger Hoffnungslosigkeit entgegen zu gähnen, denn wenn wir nicht erkennen können, was die "Dinge ansich" sind - so sagt man - dann ist uns die Erkenntnis der  Wirklichkeit  für immer verschlossen. Wir bewegen uns dann ewig in einer Welt des Scheins, und quälend kehrt immer die Frage zurück: Was sind die "Dinge ansich"?

Gibt es von dieser Tantalusqual denn keine Erlösung? Ist hier wirklich eine Grenze der Erkenntnis vorhanden? Ja, was will ich denn? Ich besinne mich: ich will erkennen, was ein Ding ist, wenn ich es  nicht  wahrnehme. Wie? Ein Ding erkennen,  ohne  es wahrzunehmen? Das heißt ja ein Ding erkennen,  ohne  es zu erkennen, und das ist kompletter Unsinn, aber kein Problem, denn hier liegt ein vollkommener Widerspruch vor. Indessen:
    "... ein vollkommener Widerspruch
    Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren."
und so pflegen dann auch heute noch Kluge sowohl wie Toren den Reizen dieses geheimnisvollen Scheinproblems mit ehrfurchtsvoller Scheu zu erliegen. Es ist aber durchaus notwendig, daß wir uns von solchen Scheinproblemen frei machen, denn in erkenntnistheoretischen Fragen bedarf es vor allen Dingen vollkommener Klarheit. "Erkennen" drückt ja ein Inbeziehungsetzen aus. Ich erkenne ein Ding, wenn ich es zu mir in Beziehung setze und  nur  dadurch,  daß  ich es zu mir in Beziehung setze. Wie kann ich also verlangen, ein Ding zu erkennen,  ohne  daß ich es zu mir in Beziehung setze! Aber  indem  ich es zu mir in Beziehung setze, kann ich  jegliches  Ding erkennen. Der Erkenntnisprozeß  hat  hier keine Grenze. Ich muß der Erkenntnis nur keine Scheinprobleme stellen.

Schließlich ist es auch völlig irrig, wenn man denkt, daß wir niemals die  Wirklichkeit  selbst erkennen, sondern stets nur eine Welt des Scheins. Wir selbst  sind  ja ein Stück Wirklichkeit, unsere Empfindungen sind Dinge wie alle anderen Dinge, in unseren Empfindungen fällt das Sein und Erkennen zusammen, in unserer Erkenntnis erleben wir die Wirklichkeit selbst. Meine Empfindung ist ja doch auch ein "Ding ansich" wie jeder andere Komplex von Dingen. Ich darf nur nicht den vorhin berührten Fehler machen, daß ich mich lediglich im  Gegensatz  zu den übrigen Dingen fühle, als etwas prinzipiell Anderes.

In unserer Kultur, in der sich der Mensch gewöhnt, die Dinge als Objekt  sich  gegenüberzustellen, um sie zu analysieren, zu kritisieren, zu vivisezieren, zu mikroskopieren, wird dieses Gefühl des Gegensatzes künstlich gezüchtet. Unter solchen Bedingungen wird dem Menschen die Tatsache, daß er selbst zu Dingen gehört, daß er selbst ein Bestandteil der Wirklichkeit ist, allmählich ganz fremd. Sobald wir uns aber einmal von einer gewaltig wirkenden Landschaft umgeben sehen, in der wir uns selbst wandernd befinden, sobald "fühlen" wir uns in dieselbe "hinein" - um diesen treffenden Ausdruck ROBERT VISCHERs zu gebrauchen - sobald wird uns die Tatsache wieder bewußt, daß wir selbst ein Stück dieser Wirklichkeit  sind.  Wer je einmal im Herzen der Wüste von all ihren spannungsvollen Schauern, soweit das Auge reicht, tage- und wochenlang umgeben war, wird dieses eigenartige Gefühl kennen. Hier fühlen wir uns nicht mehr außerhalb der Welt als beherrschende, sezierende Beobachter, denen die Welt als Objekt gegenübersteht. Hier fühlen wir uns selbst dazu gehörig als ein einziger Teil, hier fühlen wir uns mitten darin, hier wird es uns klar, daß wir mit all unserem Empfinden die Wirklichkeit selbst erleben und Wirklichkeit sind.

Es ist ein unglücklicher Gedanke gewesen, zu unterscheiden zwischen einer Welt der Wirklichkeit und einer Welt der Erscheinungen. Die Welt ist einheitlich, nicht doppelt, und wir sind ein Bestandteil derselben wie andere auch. Infolgedessen können wir auch mit allen anderen Bestandteilen in Beziehung treten, wie die anderen Bestandteile unter sich in Beziehung treten, nach gleicher Gesetzmäßigkeit. Unsere Empfindungen  sind  solche Beziehungen zwischen uns und anderen Dingen, wie die Beziehungen anderer Dinge untereinander, und so besteht hier auch keine Grenze für unser Erkennen. Oder doch?

In seiner bekannten und viel erörterten Rede über "die Grenzen des Naturerkennens" (12) hat DUBOIS-REYMOND, der bekannte Berliner Physiologe an zwei Punkten unübersteigliche Grenzen für unsere Erkenntnis zu finden geglaubt. Darf ich Sie bitten, auch diesen Grenzen noch eine kritisch Prüfung zu widmen.

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Die eine Grenze findet DUBOIS-REYMOND in der Unmöglichkeit,  das Wesen der Materie  zu begreifen. Prüfen wir diese Angelegenheit etwas näher! Verstehen wir unter Materie das Substrat der "Dinge ansich", wie es ist, wenn wir die Dinge nicht wahrnehmen, dann ist, wie wir sahen, das Problem von der Erkenntnis dieses Substrates absurd. Verstehen wir unter Materie die Gesamtheit der Formen des Seins und Geschehens, so erkennen wir das Wesen der Materie in jedem einzelnen Fall, indem wir die sämtlichen Bedingungen des betreffenden Zustandes oder Vorganges ermitteln. Beides ist aber hier gar nicht gemeint. Gemeint ist mit dem Begriff der Materie vielmehr ein Substrat, aus dem sich alle erkennbaren Dinge aufbauen. Das setzt voraus,  daß  alle Dinge aus einem einheitlichen Substrat bestehen. Diese Voraussetzung ist aber trotz ihres hohen Alters ein noch keineswegs durch die Vorstellungsselektion korrigiertes Gedankengebilde. Auch unsere Naturwissenschaft enthält ja, selbst an den äußersten Spitzen, an denen sie am weitesten in der Erkenntnis vorgerückt ist, noch immer eine Menge von Vorstellungen, deren Keime aus den ältensten Zeiten der Menschheit stammen und an denen wir dauernd herumkorrigieren. (13) Dahin gehören auch die Vorstellungen von der Materie und von der Erfüllung des Raums. Aber diese Vorstellungen sind noch immer in der Entwicklung begriffen. Wir können sie nur als provisorische Arbeitshypothesen betrachten, an denen wir fortwährend Korrekturen anbringen müssen aufgrund neuer Erfahrungen. Wie sehr sie sich noch im Fluß befinden, zeigt gerade die neueste Entwicklungssphase der physikalischen Forschung recht deutlich. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten die Atome der chemischen Elemente allgemein als die letzten Grundbestandteile der Welt. Heute kennen wir bereits den Atomzerfall, und die Vorstellung von der Umwandlung der Metalle ineinander, die längst in die Rumpelkammer alchimistischer Phantasien verworfen war, scheint wieder zu Ehren zu kommen. Die Elektronentheorie, die sich als Arbeitshypothese auf physikalischem Gebiet von ähnlicher Fruchtbarkeit zu erweisen beginnt wie die Atomtheorie auf chemischem Gebiet, gewöhnt uns immer mehr an den Gedanken viel kleinerer Teilchen, aus denen die Elementatome zusammengesetzt sind und von denen selbst ein Wasserstoffatom noch etwa 2000 beherbergt. Auch auch mit den Elektronen voraussetzen, die negativen und die positiven. Auch wenn es gelänge, wie man vermutet hat, die positiven Elektronen etwa als Komplexe der negativen aufzufassen, was vorläufig noch auf sehr große Schwierigkeiten stößt, so bliebe noch neben den Elektronen der Äther als zweiter Bestandteil der Welt, und es würde sich fragen, ob auch die Beziehungen, die zwischen diesen beiden Bestandteilen existieren, derart sind, daß sich der eine auf den andern zurückführen läßt. Hier ist trotz des mächtigen Impulses, den die physikalische Forschung nach einer Periode verhältnismäßiger Stagnation durch die interessanten Entdeckungen unserer Zeit erfahren hat, noch immer kein Ende abzusehen. Aber  das  können wir schon jetzt mit Sicherheit sagen, daß die Voraussetzung eines einheitlichen Substrats aller Dinge in der bisherigen Form nicht richtig sein  kann,  denn sie führt in  jedem  Fall zu Widersprüchen. Nehme ich an, daß das hypothetische Substrat der Dinge aus distinkten Teilchen besteht, und wären sie auch noch so klein, so erhebt sich die Frage, womit die Zwischenräume ausgefüllt sind. Vor dem absoluten Nichts schrickt selbst die kühnste Phantasie zurück. Es müßte also noch ein zweites Substrat bestehen, durch das hindurch die materiellen Teilchen sich gegenseitig beeinflussen können. Nehme ich andererseits an, daß das Substrat aller Dinge stetig den Raum erfüllt, so wird es uns aufgrund der Vorstellungen, an die wir gewöhnt sind, wiederum schwer, die Verschiebungen, d. h. die Verdichtungen und Verdünnungen in diesem Substrat zu verstehen, die notwendig wären, um uns den Ablauf irgendeines Vorgangs begreiflich zu machen. Auf jeden Fall werden sich unsere augenblicklichen Vorstellungen über die Raumerfüllung also ganz wesentlich ändern müssen, und zahlreich neue Erfahrungen sind nötig, bis wir in diesem Punkt imstande sein werden, die Widersprüche und Schwierigkeiten zu vermeiden.

Nur  eine  Tatsache ist wichtig, und die Durchdringung unseres Denkens mit ihr wird zweifellos dazu beitragen, uns auch in der Frage der Materie allmählich zu widerspruchsfreien Vorstellungen zu führen, das ist die Tatsache, daß die Erfahrung uns keine isolierten, unabhängigen, absoluten Dinge zeigt, sondern stets nur Zusammenhänge. Nirgends finden wir bei genauerer Analyse Dinge, die nicht von anderen abhängig wären. Nur die naive Betrachtung läßt uns ein Ding, etwa einen Menschen, als ein selbständiges, isoliertes System auffassen. Es ist aber ein Irrtum,
    "Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
    Gewöhnlich für ein Ganzes hält."
Der Mensch ist vielmehr in jeder Beziehung abhängig von seiner Umgebung. Ein ununterbrochener Stoffstrom geht von außen her durch den menschlichen Organismus hindurch. An ihn ist das Leben des Menschen gebunden. Die äußeren Lebensbedingungen spielen also eine ebenso große Role wie die innerne, denn beide sind eben  notwendig,  und nur wo beide Komplexe realisiert sind, da ist ein lebendiger Mensch. Ein Mensch ist identisch mit dem System dieser sämtlichen inneren und äußeren Bedingungen, und dasselbe gilt für jedes Ding, mag es ein Organismus oder ein lebloser Gegenstand sein. Auch ein Atom oder ein Elektron kann immer nur da vorhanden sein, wo ein bestimmter Komplex von Bedingungen besteht. Absolute, unabhängige, unbedingte Atome können nicht existieren. Jedes Atom ist abhängig von einer Menge von Bedingungen und bedingt selbst wieder andere Dinge. So ist jedes Ding Bedingtes und Bedingung zugleich. Die Aufgabe der Forschung kann nur darin bestehen, die Bedingungen festzustellen, die Abhängigkeitsverhältnisse zu ermitteln. Das ist die einzige  wissenschaftliche  Forschung. So erkennen wir die Gesetzmäßigkeit des Seins und Geschehens, so erkennen wir die Dinge selbst, denn jede Bedingung ist ja eben zugleich auch ein Ding. Das ist daher auch die einzige Methode, nach der wir das Problem der Materie wissenschaftlich behandeln können. Nur auf diesem Weg werden wir allmählich zu widerspruchslosen Vorstellungen in dieser Frage gelangen. Aber wie auch einst die Antwort ausfallen mag: eine  prinzipielle  Grenze für die Erkenntnis ist auf diesem Weg nicht zu erblicken. Unabsehbare Strecken unbebauten Landes leigen vor uns, aber nirgends ein Zaun.

Schließlich dürfen wir niemals vergessen, daß wir das, was wir als Materie, als Atom, als Elektron bezeichnen, imemr nur als Gedankenkonstruktionen, also als Bewußtseinsbestandteile kennen.

Diese Tatsache versetzt uns unmittelbar an DUBOIS-REYMONDs andere Grenze des menschlichen Erkennens, die nach seiner Meinung in der Unmöglichkeit liegt, die  Bewußtseinsvorgänge  zu erklären.

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Seit uralter Zeit besteht bekanntlich die Idee eines Dualismus von Leib und Seele. Diese Idee, die vom naiven Denken des prähistorischen Menschen geboren wurde (14), ist so bequem, so einfach und so plausibel, daß sie in den geistigen Besitz aller Kulturvölker übergegangen ist. Ja, sie wird sogar heute durch die Lehre vom "psychophysischen Parallelismus" auf wissenschaftlichem Nährboden künstlich gezüchtet. Es ist wahr, die primitiven Gedanken des vorgeschichtlichen Menschen allein können für uns heute keine zureichende Begründung mehr bilden. Ich frage also: was veranlaßt uns  heute  noch, diesen Dualismus einer körperlichen und einer geistigen Reihe von Vorgängen anzuerkennen? Die Antwort lautet stets: es ist die Beobachtung, daß die Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken eines anderen Menschen, an deren Existenz niemand zweifelt, nicht sinnlich objektiv wahrgenommen werden können, während eine bestimmte Reihe von körperlichen Vorgängen im Gehrin ganz gesetzmäßig und untrennbar mit diesen Bewußtseinsvorgängen parallel gehend objektiv nachweisbar ist.

Aber ist das wirklich eine richtige Beobachtung? Ich behaupte, es ist eine Täuschung und die Idee eines Dualismus von körperlichen und geistigen Vorgängen ist wiederum eins von den falschen Gedankengebilden in der Geistesgeschichte des Menschen, die noch nicht durch die Vorstellungsselektion eliminiert worden sind. In Wirklichkeit existieren hier gar nicht zwei parallele Reihen von Vorgängen, sondern, was man künstlich in eine Zweiheit gespalten hat, ist in Wahrheit eins. (15) Sehen wir also etwas näher zu! Warum glaubt man denn, die Empfindung, die ein anderer Mensch hat, nicht objektiv wahrnehmen zu können? Lediglich weil man von einer falschen Voraussetzung ausgeht. Man deduziert so: Angenommen, wir wären in der Analyse der Vorgänge in den Ganglienzellen des Gehirns soweit fortgeschritten, daß uns bei einem Menschen in dem Moment, wo er eine bestimmte Empfindung hat, genau die Lageverschiebung aller einzelnen Atome bekannt wäre, die gerade dieser Empfindung entspricht, so würden wir immer nur bewegte Atome wahrnehmen, aber niemals seine Empfindung. Das ist der Gedanke, der DUBOIS-REYMOND veranlaßt, an den Empfindungen eine Grenze für die menschliche Erkenntnis zu sehen.

Ich sagte, man geht bei dieser Deduktion von einer falschen Voraussetzung aus. Das zeigt sich, sobald wir uns die Frage vorlegen, was man denn bei der Analyse des Geschehens in den Ganglienzellen zu finden erwarten würde, wenn man von dieser Anschauungsweise aus sich die Empfindung des anderen etwa aussehen? Hier liegt der Fehler. Man denkt immer, man müßte die Empfindung, die der andere hat, etwa die Empfindung des Schmerzes bei einem Nadelstich,  selbst haben,  wenn man, während sie bei ihm besteht, in seine Ganglienzellen hineinsehen könnte. Da man aber überzeugt ist, daß man unter solchen Umständen den Schmerz des andern nicht selbst empfinden würde, so schließt man daraus: seine Empfindung ist sinnlich nicht wahrnehmbar. Welche groteske Idee! Man läßt dabei wieder völlig den Fundamentalsatz des wissenschaftlichen Konditionismus außer acht, diesen Fundamentalsatz, der in seiner lapidaren Einfachheit lautet: ein Vorgang oder Zustand ist eindeutig bestimmt durch die Summe seiner sämtlichen Bedingungen. Also doch nur wo  gleiche  Bedingungen sind, kann Gleiches resultieren, wo  ungleiche  Bedingungen sind, ergibt sich auch Ungleiches. Wie kann ich also dieselbe Schmerzempfindung haben, die ein anderer hat, wenn er sich mit einer Nadel sticht, obwohl doch bei mir ein ganz anderer Bedingungskomplex realisiert ist, während ich sein Gehirn ansehe! Selbstverständlich muß  ich  eine ganz andere Empfindung haben als  er.  Ich könnte ja nur dieselbe Schmerzempfindung haben wie er, wenn bei mir der  gleiche  Bedingungskomplex hergestellt wäre wie bei ihm, d. h. wenn ich mich selbst mit einer Nadel stäche. So aber kann ich, während ich sein Gehirn betrachte, doch nur die Gesichtsempfindung seines Gehirns erhalten.

Aber daraus, daß ich seine Schmerzempfindung nicht selbst  habe,  während ich sein Gehirn untersuche, folgt doch nicht, daß seine Empfindung nicht objektiv  wahrnehmbar  wäre. Ich sage vielmehr: was ich da beim anderen sehe, wenn ich die sämtlichen Vorgänge innerhalb und außerhalb seines Gehirns analysiere, während er die Schmerzempfindung hst, das  ist  seine Empfindung, und der von DUBOIS-REYMOND vorausgesetzte LAPLACEsche Geist, der die Analyse aller dieser Vorgänge in idealer Vollständigkeit durchgeführt hat, gleicht dem "Reiter über dem Bodensee", wenn er das nicht bemerkt.

Die konditionale Betrachtungsweise der Dinge macht uns auch das wieder eindrucksvoll klar. Eine Empfindung ist ein Ding wie andere komplexe Dinge, die ich mit kurzen Namen benenne. Wie "Feuer" oder "Elektrizität" oder "Licht" ist die "Empfindung" eindeutig bestimmt durch ihren spezifischen Komplex von Bedingungen. Analysiere ich diesen Komplex von Bedingungen, so analysiere ich auch die Empfindung und erkenne damit was sie ist. Diese Bedingungen sind aber sämtlich ebenfalls Dinge und daher wie alle Dinge der objektiven Untersuchung zugänglich. Hätte ich sie also alle ermittelt, dann wäre die Empfindung erkannt, denn sie ist ja identisch mit diesem Komplex von Bedingungen, und der wissenschaftlichen Analyse bliebe hier keine Aufgabe mehr. (16)

Also auch die Bewußtseinsvorgänge sind der wissenschaftlichen Erkenntnis genauso zugänglich wie alle anderen Dinge. Auch hier besteht für das menschliche Erkennen keine Grenze. Wir dürfen der Erkenntnis nur keine Scheinprobleme hinstellen. Sonst geraten wir in Widersprüche.

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Eine einfache Überlegung bestätigt uns zum Schluß das Ergebnis unserer mühevollen Betrachtung. Wenn uns die Erfahrung zeigt, daß alle Dinge in gesetzmäßigen Abhängigkeitsbeziehungen untereinander stehen, dann müssen auch alle Dinge erkennbar sein. "Ich erkenne ein Ding" heißt, ich setze ein Ding zu mir in Beziehung. Kann ich daher vom gesamten Weltinhalt auch nur einen einzigen Bestandteil erkennen, dann kann ich  alle  Bestandteile erkennen, die mit ihm und untereinander in Beziehung stehen, auch diejenigen, die nicht meine Sinnesorgane unmittelbar affizieren. Nur Dinge, die zu den gesetzmäßig bedingten Bestandteilen der Welt in  keinerlei  Beziehung ständen nur Dinge, die mit unserem Weltinhalt sich in  keinem  Punkt berührten, wären unerkennbar. Es bleibt jedem überlassen, ob er neben  unserer  Welt noch eine Welt annehmen steht. (17) Wenn ihn das befriedigt, so mag er es tun. Wissenschaftlich erledigt sich eine solche Phantasieschöpfung von selbst. Erkennbar ist auf jeden Fall die ganze bestehende Gesetzmäßigkeit  unserer  Welt. Hier finden sich keine prinzipiellen Schranken für unsere Erkenntnis. Das ergibt sich mit eiserner Notwendigkeit.

Aber noch Eins. Die Erfahrung zeigt uns nirgends in der Welt ein Ende, nirgends einen Punkt, wo die Dinge begrenzt wären. Der Begriff der Endlichkeit und Begrenztheit entspringt nur  oberflächlicher  Beobachtung, die bedingt ist durch den Umstand, daß wir mit unseren Sinnen immer nur eine beschränkte Zahl, ein begrenztes System von Dingen gleichzeitig  wahrnehmen  können. Bei  genauerer  Analyse dagegen ergibt sich stets, daß die Dinge untereinander in unabsehbaren Zusammenhängen stehen. Ein begrenztes Ding wäre ein absolutes Ding und absolute Dinge kennen wir nicht. Nicht der Begriff der Endlichkeit und Begrenztheit, sondern der Begriff der Unendlichkeit und Unbegrenztheit entspricht der Erfahrung.
Unendlich und unbegrenzt wie unsere Welt ist demnach für uns auch die Möglichkeit ihrer Erkenntnis.
Also nur kein lähmendes "Ignorabimus" [Wir werden es niemals wissen. - wp], nur keine trübe Resignation - dazu ist kein Grund - sondern frische freudige Forschung!
LITERATUR - Max Verworn, Die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis, Jena 1908
    Anmerkungen
    12) EMIL DUBOIS-REYMOND, Über die Grenzen des Naturerkennens. In der zweiten allgemeinen Sitzung der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August gehaltener Vortrag. Abgedruckt in "Reden, erste Folge", Leipzig 1886. Vgl. zur Ergänzung auch von demselben: "Die sieben Welträtsel". In der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 8. Juli 1880 gehaltene Rede (ebd.).
    13) Es liegt im Interesse einer solchen Korrektur unserer Vorstellungen, daß wir uns immer mehr und mehr gewöhnen, die Begriffe, mit denen wir wissenschaftlich arbeiten, nicht bloß scharf zu definieren, sondern auch genau auf ihre Herkunft und Vorgeschichte zu prüfen. Unsere sämtlichen Begriffe sind vom Menschen geschaffen und es ist daher in allen Fällen zu fragen, ob die Beobachtungen und Überlegungen, aus denen sie einst in früher Zeit entsprungen sind, heute noch eine genügende Motivierung für ihre Erhaltung abgeben. Wir sollten uns üben, an allen Grenzen der wissenschaftlichen Arbeit diese Paßrevision möglichst gewissenhaft durchzuführen.
    14) Es ist bedauerlich, daß die schulmäßige Philosophie, besonders die Psychologie und Begriffskritik bisher mit der Ethnologie und Urgeschichte nur sehr vereinzelt Fühlung gewonnen hat und meistens ganz ahnungslos an den höchst wichtigen psychologischen Ergebnissen dieser Wissenschaft vorbeiarbeitet. Die ethnologische und urgeschichtliche Forschung scheint in diesen Kreisen noch immer als ein dilettantisches Sammeln von Götzenbildern und Steinbeilen der jetzigen "Wilden" und vorgeschichtlichen "Urmenschen" aufgefaßt zu werden. In Wirklichkeit hat die ethnologisch-urgeschichtliche Forschung ein Tatsachenmaterial zusammengebracht, das zahllose Vorstellungen und Gedankengänge unseres heutigen Geisteslebens in einem ganz neuen Licht erscheinen läßt. Dahin gehört vor allem der unabsehbare Gedankenkreis, der die Seelenidee umgibt, jene Idee, die zu einer dualistischen Spaltung des menschlichen Wesens in Leib und Seele geführt hat.
    15) Was nachweisbar ist, das ist nicht ein Parallelismus von gewissen körperlichen Vorgängen im Gehirn und gewissen psychischen Vorgängen, sondern lediglich die Tatsache, daß die Entstehung bestimmter Bewußtseinsvorgänge notwendig  bedingt  ist durch bestimmte Vorgänge in den Bestandteilen der Hirnrinde. Das ist die einzige tatsächliche Grundlage. Die Lehre vom psychophysischen Parallelismus ist nichts als eine falsche Auslegung dieser Tatsache.
    16) Was sollte man denn etwa noch als Rest erwarten, wenn die sämtlichen Bedingungen einer Empfindung ermittelt wären? Was bleibt denn noch übrig, wenn man z. B. die sämtlichen Bedingungen für die Entstehung einer Gasflamme ermittelt hat? Man wird mit der Antwort in Verlegenheit kommen, sobald man noch etwas anderes sucht. Die Empfindung ebenso wie dei Flamme  ist  nicht weiter als der Komplex ihrer sämtlichen Bedingungen. Der unklare Gedanke, daß auch nach Ermittlung sämtlicher Bedingungen einer Empfindung neben diesen sinnlich feststellbaren Bedingungen noch irgendetwas nicht sinnlich Wahrnehmbares vorhanden sein müßte, ist nichts weiter als ein heimlicher Rest der uralten Vorstellung des primitiven Denkens, daß die Seele als ein unsichtbares, äußerst feines, hauchartiges Etwas irgendwo im Körper ihren Sitz habe und von dort aus als "Ursache" die bewußten Tätigkeiten des Körpers bewirke. Wie tief diese naiv materialistische Vorstellung auch heute noch eingewurzelt ist, zeigen besonders die mmer wiederkehrenden Versuche, die beim Tod entweichende Seele mit sehr empfindlichen Mitteln durch ihre körperlichen Wirkungen nachzuweisen. Noch kürzlich ging durch alle amerikanischen, englischen und zum Teil auch deutschen Zeitungen die ernsthaft aufgenommene Nachricht, daß es einigen Ärzten gelungen sei, das Gewicht der Seele festzustellen. Der "Daily Telegraph" vom 12. März 1907 berichtet: "The doctors, through their spokesman, Dr. DUNCAN MacDOUGALL of Boston, which is a centre of light and learning, is regarded very highly in the United States, declare that they made their investigations reverently and earnestly, to determine the existence or non-existenc of a soul in the human body, and to determine also whether the departure of that soul from the human body is attended by any manifestation of nature that can be made evident to the material senses. The net result, is the conclusion that the human soul weighs about an ounce." Also das bemerkenswerte Gewicht von etwa 30 Gramm besitzt eine Menschenseele! Es handelt sich hierbei vermutlich um einen schlechten Witz, den sich einige amerikanische Mediziner gemacht haben. Aber daß eine solche Nachricht in ernsthafter Weise von angesehenen Journalen verbreitet und diskutiert wird, ist außerordentlich charakteristisch für die naiven Anschauungen selbst der gebildeten Kreise. Daß in der Tat derartige Versuche noch heute von unterrichteten Leuten ganz ernsthaft und mit einer gewissen Spannung hinsichtlich des Resultates angestellt werden, zeigen folgende Mitteilungen, die mir vor wenigen Jahren ein russischer Gymnasiallehrer, der, wie er anführt, in Dorpat studiert hatte, gemacht hat. In einem Brief vom 24. November 1904 teilte der betreffende Herr mir mit, daß er in Anlehnung an den von Professor WILHELM WUNDT aufgestellten Satz, daß die tierische Seele das innere Sein derselben Einheit sei, welche wir äußerlich als den zugehörigen Leib wahrnehmen, Experimente ausgeführt habe, um darüber Klarheit zu erlangen, ob dieses innere Sein nicht ein materielles ist. Er schreibt: "Einige Streifen von Schaumgold, welche ich frei balanzierend an Stecknadelspitzen anbrachte, setzten sich, nachdem ich mehrere, mit ihren Beinen und Flügeln an einem Eisenstab festgebundene Krähen (bzw. Fledermäuse) in eine große mit Wasser gefüllte Glasburke getaucht und über die Wasserfläche eine mit obigen Stecknadeln versehene Platte aus dicker Pappe (bzw. porösem Holz) angebracht hatte, einige Minuten nach dem Ertrinken der Tiere in eine andauernde, heftige Bewegung, welche an das Flattern von Krähen, bzw. Fledermäusen erinnerte." Analoge Versuche "unter Anwendung von dickflüssigem Gummi als Ertränkungsmittel und feinem Spinngewebe" als Indikator hatten denselben Erfolg. Der Experimentator spricht nach diesen Versuchen die "Vermutung" aus, daß die von ihm "konstatierte tierische Seele jedenfalls eine farblose, luftförmige Stickstoffmasse ist, welche, wie es scheint, die Form ihres zugehörigen, zum weiteren Verbrauch von Sauerstoff unfähigen Körpers beibehält". In einer Postkarte vom 30. November widerruft er aber seine Schlußfolgerung, da er sich überzeugt hat, daß die Bewegungen des Flittergoldees und der Spinnweben durch fehlerhafte Versuchsanordnung zustande gekommen waren. In einem Telegramm vom 1. Dezember nimmt er dann diesen Widerruf wieder zurück und in einer darauffolgenden Postkarte bestätigt er durchaus die Richtigkeit seiner ersten Angaben. Man sieht, wie außerordentlich die Frage den Herrn erregt hat. Dieses charakteristische Beispiel zeigt, daß selbst in gebildeten Kreisen die naive Idee der Naturvölker von einer luftförmigen, farblosen Seele, welche die Gestalt ihres Besitzers hat und mit dem Tod in dieser Gestalt entweicht, noch heute ihr spukhaftes Dasein fristet. Räumen wir doch wenigstens auf dem Gebiet der modernen Bildung mit diesen steinzeitlichen Anschauungen endlich auf!
    17) Wenn aber eine solche andere Welt auch nur an  einer  einzigen Stelle mit der unsrigen zusammenhinge, wenn sie nur an  einem  einzigen Punkt auf die unsrige einen Einfluß ausübte, dann wäre sie keine zweite Welt mehr, dann wäre sie ein Bestandteil der unsrigen, dann unterläge sie derselben Gesetzmäßigkeit und wäre erkennbar wie unsere Welt. Das darf nicht übersehen werden.