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HANS VAIHINGER
(1852-1933)
Die Philosophie des Als Ob
[4/4]

"Unser Gegenstand ist die  fiktive  Tätigkeit der logischen Funktion, die Produkte dieser Tätigkeit sind  die Fiktionen.  Wir behandeln die Kunstgriffe des Denkens, die Art, wie dieses sich  behilft,  um sein Ziel indirekt zu erreichen - wir behandeln die  Hilfsbegriffe und Hilfsoperationen des Denkens." 

Kapitel II
Das Denken als eine Kunst,
die Logik als eine Kunstlehre betrachtet
(1)

Wir nannten das Denken eine  organische Funktion.  Jede natürliche Fähigkeit, wie dies eine jede organische Funktion ist, kann durch Übung, Entwicklung und Vererbung zur  Kunst  gesteigert werden. Nur in diesem Sinne kann das Denken eine Kunst sein. Man nennt die Logik hie und da eine  Kunstlehre. 
    Vgl. BENEKE, Lehrbuch der Logik als Kunstlehre des Denkens, Berlin 1832. Vgl. SIGWART, Logik, Seite 1 und 19 (2. Auflage Seite 1 und 21) Ähnlich MILL, System der Logik I, Einleitung (vgl. mit Logik III, Seite 365f) Der Ausdruck "Kunstlehre" scheint von SCHELLING zu stammen, der, gegenüber der gewöhnlichen, empirischen Logik eine  Dialektik  verlangt, welche, eine wahre Wissenschaft der Form, eine  Kunstlehre der Philosophie  sein soll. Vgl. SCHELLING, System des transzendentalen Idealismus, Tübingen 1800, Seite 35 - 37 und Verlesungen über die Metahode des akademischen Studiums, Tübingen 1803, Seite 122 - 129.
Wer die Logik Kunstlehre nennt, muß also das Denken als Kunst betrachten.
    So MILL, System der Logik I, (Einleitung). Die Logik von  Port Royal  führt den Titel: "L'art de penser", ebenso die von CONDILLAC. Vgl. BERGK, "Kunst zu denken", Leipzig 1802. Wie bemerkt, kann man die  Logik  selbst nicht als eine  Kunst,  sondern nur als eine  Kunstlehre  bezeichnen. Unklarheit hierüber bei BACHMANN, System der Logik, Leipzig 1828, Seite 24.
Es ist ungenau, die Logik selbst als eine Kunst zu betrachten. Das Denken ist eine Kunst, die Logik aber ist eine Wissenschaft und als solche speziell eine  Kunstlehre. 
    So unterscheidet auch ÜBERWEG mit Recht genau z. B. bei PLATO die Vervollkommnung, welche die  logische Kunst  und die Förderung, welche die  Theorie des Denkens  durch PLATO erfahren hat. Siehe "System der Logik", 3. Auflage, Bonn 1868, Seite 21. Es wäre verdienstvoll gewesen,  dieselbe  Scheidung auch bei  ARISTOTELES und so weiterhin bei allen Philosophen festzuhalten. 
Es ist wohl kaum daran zu erinnern, daß bei der obigen Verwendung des Wortes und Begriffes Kunst diejenige Bedeutung festzuhalten ist, in welcher die ästhetische Seite nicht betont wird. (2) Es handelt sich nicht um eine künstlerische Tätigkeit, sondern um eine kunstreiche Fertigkeit. Solange die organische Tätigkeit des Denkens noch mehr im Gebiet des Unbewußten (des hypo-"psychischen" nach LAAS, a. a. O. Seite 263) sich befindet, nennen wir sie lieber  zwecktätig,  wie wir ja eine solche Zwecktätigkeit ohne Bedenken allen organischen Funktionen zuschreiben, wobei wir das metaphysische Problem der Teleologie ganz bei Seite lassen; wenn aber die organische Tätigkeit das Gebiet der unbewußten, mehr dämmernden Tätigkeiten verläßt, wenn das Bewußtsein das Ruder ergreift, so nennen wir dieselbe organische Tätigkeit lieber  kunstmäßig.  Je mehr die natürliche Fähigkeit des Denkens, die instinktive Tätigkeit der logischen Funktionen verfeinert und raffiniert wird, je mehr sich die logischen Operationen spezialisieren und je mehr infolge der Arbeitsteilung in der Ökonomie der Natur die feineren logischen Funktionen besonderen Individuen als Aufgabe zufallen, desto mehr findet jene Bezeichnung ihre sachliche Berechtigung. Ist auch das Denken eine allgemein verbreitete Tätigkeit, welche dem Individuum im Verlauf seiner Entwicklung angelernt wird, wie so manche andere Kunst, welche zur  Notdurft  des menschlichen Daseins gehört, so wird doch der schwierigere Teil der logischen Aufgabe von einzelnen, besonders dazu befähigten und dazu ausgebildeten Individuen ausgeführt; sobald aber eine allgemeine natürliche Fähigkeit sich in dieser Weise spezialisiert, daß besondere Individuen sie mit besonderer Fertigkeit ausüben, so nennen wir sie eine  Kunst.  Es bilden sich bestimmte  Kunstregeln  aus; das  Ganze dieser Kunstregeln  nennt man die  Kunstlehre  und eine solche ist die Logik, als deren Hauptaufgabe sich eben die Darstellung und Begründung der  technischen Regeln  des Denkens ergibt. (3) Wir stellen mit gutem Grund die "Begründung" als einen Teil der Aufgabe dieser Kunstlehre auf; denn ohne eine solche Begründung bleibt eine Kunstlehre eine bloße Sammlung von  empirisch  gemachten Beobachtungen, von Regeln der Routine; in allen Kunstlehren, speziell in denen, welche sich mit den Künsten im engeren Sinn befassen, wie auch in anderen, z. B. in der Pädagogik - denn auch die Pädagogik ist eine Kunstlehre - besteht die wissenschaftliche Behandlung zuletzt in der  Begründung der Regeln.  Im Laufe der Entwicklung (sowohl allgemein kulturgeschichtlich, als individuell genetisch) vermehrt sich nicht nur der Reichtum der Produkte, welche immer eine Generation auf die andere vererbt, ein Tag auf den andern überträgt, sondern es sammelt sich auch die Erfahrung der formellen Tätigkeit an (4) und schlägt sich in der Form von Kunstregeln nieder, welche bald mehr unbewußt aus der stetigen Übung der Tätigkeit von selbst entstehen und fortwirken, bald mehr bewußt fortgepflanzt werden. Das sind jene  Regeln des Verfahrens,  von denen wir oben sprachen, sie sind der Gegenstand des  technischen Teils der logischen  Theorie, als einer Theorie der wissenschaftlichen Praxis, zu welcher sich die einfache, ursprüngliche, organische Funktion des Denkens im Laufe der Zeit entwickelt.


Kapitel III.
Unterschied der Kunstgriffe
von den Kunstregeln des Denkens
(5)

Die bisherige Methodologie hat sich bemüht, die Kunstregeln des Denkens in ihrer Vollständigkeit zu sammeln und systematisch zu verarbeiten. Sie hat es versucht und es ist ihr gelungen, diejenigen technischen Operationen und Manipulationen zu registrieren und zu analysieren und systematisch zu begründen, welche die häufigsten, regelmäßigsten und wichtigsten sind. Gerade diejenigen Operationen, auf deren geschickter Anwendung, kluger Verwertung und rationeller Verfeinerung die Fortschritte der modernen  Naturwissenschaft  beruhen, sind aus der Praxis in die Theorie erhoben worden und wurden auf die einfachen und primitiven Formen der logischen Funktion zurückgeführt. Die bewunderungswürdigen Methoden der empirischen Wissenschaften, Methode, welche sich ihrem Gegenstand mit einer staunenswerten Geschmeidigkeit anschmiegen und mit jener klugen Benutzung aller Umstände anzupassen wissen, welche wir bei den organischen Wesen beobachten - diese Methoden fanden einen würdigen und vollständig entsprechenden Ausdruck in der modernen Methodologie, welche ihre glänzendsten Vertreter in England, Frankreich und Deutschland fand.

Es werden indessen, scheint mir, in der wissenschaftlichen Praxis außerdem Methoden angewandt, welche bisher in der Theorie noch nicht die gehörige Beachtung und Verwertung gefunden haben.
    Es sind Methoden, welche weniger in der Naturwissenschaft, als in der Mathematik und in den moralisch-politischen Wissenschaften zur Anwendung kommen, also in der exaktesten Wissenschaft und in solchen Gebieten, denen die Exaktheit geradezu abgesprochen wird. Es ist ganz natürlich, daß, nachdem die naturwissenschaftlichen Methoden in einer sehr ausgiebigen Weise behandelt worden sind, nun die Methoden anderer Wissenschaftsgebiete zur Untersuchung sich herandrängen, welche über der Naturwissenschaft vernachlässigt worden sind. In den modernen logischen Systemen prävaliert [herrscht vor - wp] die Naturwissenschaft unverhältnismäßig über die genannten Wissenschaften, nicht zum Vorteil der Logik. MILL widmet den Spezialmethoden der Mathematik fast gar keine Aufmerksamkeit und die Methoden der moralischen Wissenschaften sind zu kurz behandelt. Nun aber entfaltet sich in diesen beiden Gebieten die bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit der logischen Funktion viel glänzender als in den einfacheren Methoden der empirischen Naturwissenschaften, aus dem einfachen Grund, weil in jenen Gebieten der logischen Funktion ungleich größere Schwierigkeiten gegenübertreten und Phänomene, deren Verwicklung viel bedeutender ist als diejenige der naturwissenschaftlichen Phänomene. Gerade in denjenigen Punkten, wo die empirische Methode der Naturwissenschaft sich zuspitzt einerseits zu den Methoden der exakten Mechanik und mathematischen Physik und wo sie andererseits übergeht zu den verwickelten Phänomenen des sozialen Lebens, zeigt sich deutlich das Ungenügen der rein induktiven Methoden; hier beginnen Methoden, welche eine höhere Synthese von Deduktion und Induktion darstellen, wo also diese beiden Methoden vereint sich anstrengen zur Lösung der Schwierigkeiten, die nur indirekt zu überwinden sind.
Wir meinen damit Methoden, welchen wir im Gegensatz zu den regulären Methoden der gewöhnlichen Induktion den Charakter des Irregulären vindizieren dürfen. Aber auch auf anderen Gebieten pflegt man das Reguläre vor dem Irregulären systematisch zu bearbeiten und das Letztere beiseite zu lassen. Wo man aber bisher diejenigen Methoden, welche wir meinen, berührte, behandelte man sie entweder viel zu kurz und viel zu oberflächlich oder am unrechten Ort und nicht im rechten systematischen Zusammenhang oder man warf sie mit anderen ähnlichen Formen zusammen, wie dies ja in jeder Wissenschaft so zu gehen pflegt; oder man behandelte sie auch mit jener Scheu, wie man anfangs alles Irreguläre behandelt. Auch in der Logik wob man ums solche Formen einen geheimnisvollen Schleier und anstatt schonungslos mit der logischen Sonde in dieselben einzudringen, verschwendete man ahnungsvolle Gefühle an diese Formen, die man ähnlich behandelte, wie man dies in vielen Museen sieht, wo seltsame Gegenstände auf die Seite gelegt werden, bis eine künftige Generation sie analysiert.

Nachdem die regulären und häufigsten logischen Operationen eine Bearbeitung gefunden haben, welche relativ nichts mehr zu wünschen übrig läßt, scheint es an der Zeit und gerechtfertigt, auch diejenigen Operationen in die logische Diskussion hineinzuziehen, welche bis jetzt ignoriert oder vernachlässigt wurden. Man tat recht daran, diese irregulären Formen solange zu übersehen und auf die Seite zu stellen, bis die logische Theorie durch die Analyse der wichtigsten und häufigsten Operationen diejenige Festigkeit und Sicherheit erlangt hatte, welche absolut notwendig ist, wenn exzeptionellen, irregulären und dem gewöhnlichen Verlauf widersprechenden Phänomenen zu Leibe gegangen werden soll, deren logische Analyse bedeutenderen Schwierigkeiten begegnet als die häufigeren Operationen.

Wir unterscheiden  Kunstregeln  und  Kunstgriffe  des Denkens, eine Einteilung der Denkmittel, welche wir vorläufig festhalten wollen. Auch bei anderen Funktionen ist diese Unterscheidung von Wert;  Kunstregeln  sind das Zusammen aller jener technischen Operationen, vermöge welcher eine Tätigkeit ihren Zweck, wenn auch mehr oder weniger verwickelt, so doch  direkt  zu erreichen weiß und welche aus der Natur jener Tätigkeit und der sie reizenden Umstände unmittelbar folgen, welche insbesondere in keinem Widerspruch stehen mit der allgemeinen Form der bezüglichen Tätigkeit. Auch in der Logik nennen wir solche Operationen, wie vor allem die Operationen der Induktion,  Kunstregeln des Denkens. Kunstgriffe  aber sind solche Operationen, welche, einen fast geheimnisvollen Charakter an sich tragend, auf eine mehr oder weniger paradoxe Weise dem gewöhnlichen Verfahren widersprechen, Methoden, welche, dem nicht in den Mechanismus eingeweihten, nicht so fertig geübten Zuschauer den Eindruck des Magischen machend, Schwierigkeiten, die das bezügliche Material der betreffenden Tätigkeit in den Weg wirft, indirekt zu umgehen wissen. Solche Kunstgriffe hat auch das Denken; sie sind wunderbar zwecktätige Äußerungen der organischen Funktion des Denkens. Und wie in gewissen Künsten und Handwerken solche Kunstgriffe geheim gehalten werden, so bemerken wir auch dasselbe beim logischen Geschäft. Wir ziehen hier nur  einen  eklatanten Fall zur Jllustration des Gesagten herbei: als es LEIBNIZ durch einen solchen genialen Kunstgriff - er wird im Folgenden für uns das typische Beispiel sein und einen Hauptgegenstand unserer Analyse bilden - gelungen war, Aufgaben, die bis dahin als unlösbar gegolten hatten, auf eine wunderbar einfache und ingeniöse Weise zu lösen, da suchte er eine geraume Zeit lang diesen logischen Kunstgriff ängstlich geheim zu halten und diejenigen, denen er ihn mitteilte, überraschten die damit nicht bekannt gemachten Mathematiker mit der Lösung schwieriger Aufgaben. Ähnlich verfuhr NEWTON, wie man aus der Geschichte der Mathematik wohl weiß; es ist interessant, wie die Mathematiker wetteifferten, durch ihre geheim gehaltenen Kunstgriff die von anderen für unlösbar gehaltenen Probleme rasch und elegant zu lösen. Auch von der PYTHAGORAS-Schule wird Ähnliches erzählt.

Diese historischen Fakta mögen zu dienen, die oben durchgeführte Vergleichung des Denkens mit einer Kunst und gewisser logischer Operationen mit Kunstregeln und Kunstgriffen als mehr, denn eine bloß spielende Vergleichung erscheinen zu lassen. Ist doch der Terminus "Kunstgriff" denjenigen sehr geläufig, welche mit den Methoden der Mathematik vertraut sind; denn in dieser werden schon lange solche Operationen, wie wir sie meinen, Kunstgriffe genannt und sie kommen dort sehr häufig zur Anwendung.
    Auch LOTZE wendet diesen Ausdruck an, Logik, Seite 13: "Als eine Betrachtung von Hindernissen und den  Kunstgriffen  zu ihrer Bewältigung muß diese Lehre (die Methodologie) etc. etc." Wir scheiden noch zwischen  Kunstregeln  und  Kunstgriffen,  indem wir unter den letzteren eine ganz spezielle Art logischer Operationen verstehen.

Kapitel IV.
Übergang zu den Fiktionen(6)

Wir behandeln also eine eigentümliche Art von logischen Produkten, eine besondere Tätigkeitsmanifestation der logischen Funktion. Schon im Vorhergehenen haben wir darauf hingewiesen, daß diese eigentümliche  Tätigkeit  sich in den von uns so genannten  Kunstgriffen  des Denkens äußert, daß ihre  Produkte Kunstbegriffe  sind. Wir substituieren schon hier, das Resultat antizipierend, für diese Ausdrücke anderer Termini: unser Gegenstand ist die  fiktive  Tätigkeit der logischen Funktion, die Produkte dieser Tätigkeit sind  die Fiktionen.  Wir behandeln die Kunstgriffe des Denkens, die Art, wie dieses sich  behilft,  um sein Ziel indirekt zu erreichen - wir behandeln die  Hilfsbegriffe und Hilfsoperationen des Denkens. 

Die  fiktive Tätigkeit  der Seele ist eine Äußerung der  psychischen Grundkräfte;  die  Fiktionen  sind  psychische Gebilde.  Aus sich selbst spinnt die Psyche diese Hilfsmittel heraus; denn die Seele ist erfinderisch; den Schatz an Hilfsmitteln, der in ihr selbst liegt, entdeckt sie, gezwungen von der Not, gereizt von der Außenwelt. Der Organismus ist hineingestellt in eine Welt voll widersprechener Empfindungen, er ist den Angriffen einer ihm feindlichen Außenwelt bloßgestellt und um sich zu erhalten, wird er gezwungen, sowohl von Außen als Innen alle möglichen Hilfsmittel zu suchen. An der Not und am Schmerz entzündet sich die geistige Entwicklung, am Widerspruch und Gegensatz erwacht das Bewußtsein und der Mensch schuldet seine geistige Entfaltung mehr seinen Feinden als seinen Freunden.

Um größerer Deutlichkeit und Übersichtlichkeit willen muß indessen folgende Bemerkung vorausgeschickt werden:

Unter der  fiktive Tätigkeit  innerhalb des logischen Denkens ist die Produktion und Benutzung solcher logischen Methoden zu verstehen, welche mit Hilfe von  Hilfsbegriffen  - denen die Unmöglichkeit eines ihnen irgendwie entsprechenden objektiven Gegenstanes mehr oder weniger an die Stirn geschrieben ist - die Denkzwecke zu erreichen sucht; anstatt sich Funktion diese zwitterhaften und zweideutigen Denkgebilde ein, um mit ihrer Hilfe ihre Ziele indirekt zu erreichen, wenn die Sprödigkeit des entgegenstehenden Materials ein direktes Vorgehen nicht gestattet. Mit einer instinktiven, fast möchte ich sagen, verschmitzten Klugheit weiß die logische Funktion diese Schwierigkeiten durch diese Hilfsgebilde zu umgehen. Die speziellen Methoden, Umwege, Fußwege, welche das Denken einschlägt, wenn es auf der Linie des direkten Denkens nicht mehr fortkommen kann - Fußwege, die recht oft durch dorniges Gestrüpp führen, wodurch sich aber das logische Denken nicht aufhalten läßt,  selbst wenn es von seiner logischen Reinheit und Unbeflecktheit etwas einbüßt  - sind sehr mannifgacher Natur und die Auseinanderlegung derselben ist eben unsere Aufgabe. Es ist hierbei noch die Bemerkung am Platze, daß die logische Funktion in ihrer zwecktätig-instinktiven Klugheit diese fiktive Tätigkeit von den unschuldigsten, unscheinbarsten Anfängen an durch immer feinere und klügere Windungen und Wendungen hindurch bis zu den schwierigsten und kompliziertesten Methoden durchzuführen weiß.

Sollte es uns gelingen, eine bisher unbeachtete Funktion der  logischen  Tätigkeit in ihrem Wirken zu schildern und nachzuweisen, daß und wie die wissenschaftliche Praxis dieselbe anwende zur Gewinnung von Wissen, so wäre (da die Logik immer auf die Erkenntnistheorie einen mitbestimmenden Einfluß ausübt), unsere erste Frage,  ob sich diese Funktion nicht auch als eine erkenntnistheoretisch wirksame  nachweisen lasse. Wir glauben, diesen Nachweis liefern zu können; die, wenn auch nicht gerade ganz neu entdeckte, so doch zum erstenmal in ihrem ganzen Umfang dargestellte Funktion hat unseres Erachtens für die Erkenntnistheorie eine ganz enorme Bedeutung; sie scheint geeignet zu sein, sowohl auf die bisherigen Gestaltungen der Erkenntnistheorie ein interessantes und aufhellendes Licht zu werden, als auch die zukünftige Ausbildung derselben wesentlich zu beeinflussen. (7)
LITERATUR - Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob - System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus, Leipzig 1922
    Anmerkungen
    1) Im Manuskript = § 5. Die dazwischenliegenden § 3 und § 4 sind hier weggelassen. Sie haben die Überschriften: "Die Logik ist die Theorie der wissenschaftlichen Praxis, zu der sich die logische Funktion entwickelt" und "Die Logik geht aus von der Psychologie und mündet ein in die Erkenntnistheorie".
    2) Vgl. die ähnlich lautende Bemerkung MILLs betreffs der Ethik in System der Logik III, Seite 361
    3) In diesem, von SIGWART mit einem glücklichen Ausdruck  technisch  genannten Teil handelt es sich um die Methoden, welche dem Denken zu Gebote stehen oder welche es erfindet und ersinnt, um von dem gegebenen primitiven Zustand der gewöhnlichen Wahrnehmung und des populären Denkens aus zu allgemeingültigen Urteilen, zu notwendigen und zwingenden Schlüssen, sowie zu scharfbestimmten Begriffen zu gelangen.
    4) Auch hier gilt der Satz:  Usus dat methodum. 
    5) Im Manuskript § 7. Nicht abgedruckt ist der dazwischenliegende § 6: "Die logische Theorie ist eine von der wissenschaftlichen Praxis abhängige Funktion".
    6) Dieses Kapitel besteht aus Bruchteilen der § 8, 9, 10 des MS: § 8: "Die Erkenntnistheorie ist eine von der Logik abhängige Funktion"; § 9: "Die Notwendigkeit psychologischer Voruntersuchungen"; § 10: "Methode der folgenden Untersuchung".
    7) Im MS folgen hier § 11-21 mit der Gesamtüberschrift: "Psychologisch-erkenntnistheoretische Grundlegung". Dieser Teil ist hier weggelassen; einzelne Partien daraus finden später Verwertung.