tb-1 H. RickertA. RiehlHerbartvon KirchmannFrischeisen-Köhler    
 
WILHELM WINDELBAND
Was ist Philosophie?
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"Auf moralischem Gebiet nehmen wir einen, von der Art der psychologischen Entstehung völlig unabhängigen Wert für die Würdigungen der Handlungen, der Gesinnungen und der Charaktere als gut oder böse, auf ästhetischem Gebiet nehmen wir ihn für jene eigentümlichen Gefühle in Anspruch, die ohne jede Rücksicht auf irgendwelche bewußten Zwecke oder Interessen ihren Gegenstand als wohlgefällig oder mißfällig charakterisieren. Auf beiden Gebieten wird der Philosophie also die Aufgabe zufallen, zu untersuchen, mit welchem Recht diese Ansprüche erhoben werden. Sie ist auch hier nicht eine  quaestio facti,  sondern eine  quaestio juris." 

"Von einer Beurteilung des Universums unter einem hedonistischen Gesichtspunkt könnte nur dann die Rede sein, wenn es den subjektiven Lust- und Unlustgefühlen gegenüber ein Maß der Berechtigung dafür gäbe. Da dies fehlt, so bleibt Optimisten und Pessimisten nur übrig, einen ungefähren Überschlag der einzelnen empirischen Lust- und Unlustgefühle und eine Schätzung ihrer Quantitäts- und Intensitätsverhältnisse vorzunehmen, die vollständig in der Luft schwebt. Wer das Philosophie nennen will - meinetwegen; ich halte es für eine Entladung des Lusttriebes, welche in die Geschichte der Pathologie des menschlichen Denkens gehört."


Es ist hier nicht der Ort (4), darauf einzugehen, mit welchen Mitteln und in welcher Weise KANT diese Kritik vollzogen hat, oder nachzuweisen, wie sich bei ihm das neue Prinzip überall aus den Umschlingungen der psychologistischen Betrachtungsweise mühsam hervorarbeiten muß. Nur darauf kommt es an, den ganz neuen Begriff der Philosophie, den seine Kritik eröffnet hat, in voller Klarheit hervortreten zu lassen. So weit sie theoretisch ist, will sie nur eine Untersuchung darüber sein, mit welchem Recht für gewisse Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen der Charakter einer über die Notwendigkeit der empirischen Entstehung hinausgehenden höheren Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit in Anspruch genommen wird. Die Vorstellungen kommen und gehen; wie sie das tun, mag die Psychologie erklären: die Philosophie untersucht, welcher Wert ihnen unter dem kritischen Gesichtspunkt der Wahrheit zukommt.

Allein dies zunächst für die Erkenntnistheorie und an der Bearbeitung ihrer besonderen Aufgabe entwickelte Prinzip erweitert sich bei KANT mit großer Folgerichtigkeit. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist durchaus nicht das einzige Gebiet des psychischen Lebens, auf welchem wir unter den Erscheinungen, die hinsichtlich ihrer Verursachung sämtlich in gleichmäßig naturgesetzlicher Weise bedingt sind, solche unterscheiden, denen ein notwendiger und allgemeingültiger Wert zugeschrieben wird, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist. Auf moralischem Gebiet nehmen wir denselben, von der Art der psychologischen Entstehung völlig unabhängigen Wert für die Würdigungen der Handlungen, der Gesinnungen und der Charaktere als gut oder böse, auf ästhetischem Gebiet nehmen wir ihn für jene eigentümlichen Gefühle in Anspruch, die ohne jede Rücksicht auf irgendwelche bewußten Zwecke oder Interessen ihren Gegenstand als wohlgefällig oder mißfällig charakterisieren. Auf beiden Gebieten wird der Philosophie also die der erkenntnistheoretischen völlig parallele Aufgabe zufallen, zu untersuchen, mit welchem Recht diese Ansprüche erhoben werden. Sie ist auch hier nicht eine  quaestio facti,  sondern eine  quaestio juris. 

In dieser Verallgemeinerung erscheint nun die "kritische" Philosophie als die Wissenschaft von den notwendigen und allgemeingültigen Wertbestimmungen. Sie frägt, ob es Wissenschaft gibt, d. h. ein Denken, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Wahrheit besitzt; sie frägt, ob es Moral gibt, d. h. ein Wollen und Handeln, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Güte besitzt; sie frägt, ob es Kunst gibt, d. h. ein Anschauen und Fühlen, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Schönheit besitzt. In allen diesen drei Teilen steht die Philosophie ihrem Objekt (also im ersten Teil, dem theoretischen, auch der Wissenschaft) nicht so gegenüber, wie die übrigen Wissenschaften ihren besonderen Gegenständen, sondern, kritisch, d. h. derartig, daß sie das tatsächliche Material des Denkens, Wollens, Fühlens am Zweck der allgemeinen und notwendigen Geltung prüft, und daß sie das, was dieser Prüfung nicht standhält, ausscheidet und zurückweist. So zeigt, um nur das hervorragendste und bekannteste Beispiel zu nennen, KANT, daß Metaphysik im alten Sinne als Wissenschaft der Weltanschauung nicht mit Allgemeingültigkeit aufgestellt werden kann, so notwendig auch der psychologische Trieb des Wissens dazu führen mag.

Es läßt sich leicht verfolgen, in welchem eigentümlichen, zusammenfassenden und dabei doch gänzlich umbildenden Verhältnis diese neue Begriffsbestimmung der Philosophie zu den früheren steht. Diese Philosophie macht am allerwenigsten den Anspruch, die ganze Wissenschaft zu sein; aber indem sie in ihrem theoretischen Teil die Gründe untersucht, auf denen die Allgemeingültigkeit allen wissenschaftlichen Denkens beruth, macht sie den ganzen Umfang der Wissenschaften zu ihrem Objekt. Allein, die Entstehungsgeschichte und die Gesetzmäßigkeit dieses ihres Objekts zu begreifen, überlaßt sie der besonderen Wissenschaft, der Psychologie, und untersucht ihrerseits, worauf der Wahrheitswert der Vorstellungen, welches auch immer ihr Ursprung sei, sie gründet. Indem sie aber diese ihre Kritik auf sämtliche allgemeingültige Wertbestimmungen des vernünftigen Geistes ausdehnt, erscheint sie als die allgemeine Untersuchung der höchsten Werte: und wenn die sukzessive Verwandlung des Wortsinns der "Philosophie" charakteristisch für die Bedeutung war, welche jeweils der wissenschaftlichen Erkenntnis zugeschrieben wird, so gab KANT in der zusammenhängenden Beantwortung seiner kritischen Fragen durch die drei großen Werke auch für dieses Interesse eine ganz neue, er gab die den Verhältnissen der gegenwärtigen Kultur angemessene Formulierung.

Wie schon erwähnt, hat viel daran gefehlt, daß das Prinzip KANTs seitdem verstanden worden und zur Alleinherrschaft gelangt wäre. Am meisten hat von seinen Nachfolgern HERBART formell daran festgehalten. Andere haben seine Resultate sogleich wieder in eine Metaphysik oder in eine philosophische Universalwissenschaft umgedeutet, deren letzte Bestimmungen sie dann mit ausdrücklichen Bekenntnis in ethischen Postulaten oder in ästhetischen Anschauungen suchen mußten. Viele haben die Philosophie wieder auf Erkenntnistheorie zu beschränken gedacht, und die meisten von diesen sind entweder mit selbständigen Untersuchungen oder mit einer Reproduktioin der Theorien des 18. Jahrhunderts in die psychologische Tendenz zurückgefallen. Selbst als solchen Stimmen hat es nicht gefehlt, welche die Philosophie wieder zu einer Untersuchung nur dessen machen wollten, was für die praktischen Lebenszwecke des Menschen Bedeutung hat.

Alle diese Versuche unterliegen der einen oder der anderen von zwei Gefahren: sie heben den Charakter der Philosophie entweder als Wissenschaft überhaupt oder als einer besonderen, sich von den übrigen bestimmt abgrenzenden Wissenschaft auf. Im einen Fall machen sie die Philosophie zu einem "Roman" von Begriffen, im anderen Fall machen sie dieselbe zu einem aus psychologischen und kulturgeschichtlichen Abfällen zusammengesuchten Ragout. Eine selbständige Wissenschaft kann die Philosophie nur bleiben oder werden, wenn sie das kantische Prinzip voll und rein zum Austrag bringt. Ohne daher die historische Flüssigkeit der Bedeutung des Wortes Philosophie zu verkennen, ohne irgendjemand das Recht, Philosophie zu benennen, was ihm beliebt, zu verkümmern, mache ich nur von eben diesem Recht, das aus dem Mangel einer festen historischen Bedeutung folgt, auf Grund der entwickelten historischen Betrachtung Gebrauch, wenn ich unter Philosophie im systematischen (nicht im historischen) Sinne nicht anderes verstehe, als  die kritische Wissenschaft von den allgemeingültigen Werten.  Die Wissenschaft von den  allgemeingültigen Werten:  das bezeichnet die Gegenstände; die  kritische  Wissenschaft: das bezeichnet die Methode der Philosophie.

Von dieser Auffassung bin ich überzeugt, daß sie nichts weiter ist, als die allseitige Ausführung des kantischen Grundgedankens: aber ich würde mir nicht gestatten können, für diese Definition den Namen der Philosophie in Anspruch zu nehmen, wenn sich nicht unabhängig von der historischen Entwicklung, ohne die Formeln der kantischen Lehre, die Notwendigkeit einer solchen besonderen Wissenschaft, an welcher der umherflatternde Name der Philosophie festen Halt gewinnen kann, überzeugend nachweise ließe. Nachdem KANT das Ei des Kolumbus zum Stehen gebracht hatte, ist es nicht schwer, das Kunststück nachzumachen.

Alle Sätze, in denen wir unsere Einsichten zum Ausdruck bringen, unterscheiden sich trotz der scheinbaren grammtischen Gleichheit in zwei genau voneinander zu sondernde Klassen: die  Urteile  und die  Beurteilungen.  In den ersteren wird die Zusammengehörigkeit zweier Vorstellungsinhalte, in den letzteren wird ein Verhältnis des beurteilenden Bewußtseins zum vorgestellten Gegenstand ausgesprochen. Es ist ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Sätzen: "dieses Ding ist weiß" und "dieses Ding ist gut", obwohl die grammatische Form dieser beiden Sätze ganz dieselbe ist. Einem Subjekt wird - der grammatischen Form nach - in beiden Fällen ein Prädikat zugesprochen: aber dieses Prädikat ist im einen Fall - als Urteilsprädikat - eine in sich fertige, dem Inhalt des objektiv Vorgestellten entnommene Bestimmung; es ist im anderen Fall - als Beurteilungsprädikat - eine auf ein zwecksetzendes Bewußtsein hinweisende Beziehung; es ist im anderen Fall - als Beurteilungsprädikat - eine auf ein zwecksetzendes Bewußtsein hinweisende Beziehung. In einem Urteil wird jedesmal ausgesprochen, daß eine bestimmte Vorstellung (das Subjekt des Urteils) in einer nach den verschiedenen Urteilsformen verschiedenen Beziehung zu einer bestimmten anderen Vorstellung (dem Prädikat des Urteils) gedacht wird. In einer Beurteilung dagegen wird einem Gegenstand, der als vollständig vorgestellt, bzw. erkannt vorausgesetzt wird, (dem Subjekt des Beurteilungssatzes) das Beurteilungsprädikat hinzugefügt, durch welches die Erkenntnis des betreffenden Subjekts in keiner Weise erweitert, wohl aber das Gefühl der Billigung oder der Mißbilligung ausgedrückt wird, mit welchem sich das beurteilende Bewußtsein zum vorgestellen Gegenstand verhält. Alle Urteilsprädikate sind deshalb positive, auf die vorgestellte Welt als Gattungsbegriffe, als Eigenschaften, Tätigkeiten, Zustände, Verhältnisse usw. bezogene Vorstellungen. Ein Ding ist ein Körper, ist groß, hart, süß usw., es bewegt sich, es stößt, es ruht, es bringt andere hervor, usw. Alle Beurteilungsprädikate dagegen sind Äußerungen des Beifalls oder des Mißfallens von seiten des vorstellenden Bewußtseins: Ein Ding ist angenehm oder unangenehm, ein Begriff ist wahr oder falsch, eine Handlung ist gut oder oder schlecht, eine Landschaft ist schön oder häßlich, usw. Es ist klar, daß die Beurteilung nichts mehr zur Einsicht in das Wesen des beurteilten Gegenstandes beiträgt. Das Ding muß vielmehr als bekannt, d. h. als fertig vorgestellt, vorausgesetzt werden, ehe es einen Sinn hat, von ihm zu behaupten, daß es angenehm, gut, schön, usw. sei. Und alle diese Prädikationen der Beurteilung haben wieder nur insoweit Sinn, als der vorgestellte Gegenstand daraufhin geprüft wird, ob er einem Zweck, nach welchem ihn das beurteilende Bewußtsein auffaßt, entspricht oder nicht entspricht. Jede Beurteilung setzt als Maß ihrer selbst einen bestimmten Zweck voraus, und sie hat nur für denjenigen Sinn und Bedeutung, der diesen Zweck anerkennt. Jede Beurteilung tritt deshalb in der alternativen Form der Billigung oder Mißbilligung, auf. Das vorgestellte Subjekt des Satzes entspricht entweder dem Zweck oder es tut das nicht, und so verschieden die Grade dieses Entsprechens oder Nichtentsprechens bzw. Widersprechens, so verschieden deshalb die Grade der Billigung oder der Mißbilligung sein mögen, eins von beiden, Beifall oder Mißfallen, muß eintreten, wenn überhaupt von einer erfolgreichen Beurteilung die Rede sein soll.

Diese Unterscheidung von Urteilen und Beurteilungen würde in ihrer fundamentalen und weittragenden Bedeutung viel mehr verstanden werden, wenn wir nicht fortwährend eine eigentümliche Kombination zwischen beiden vollzögen. Die Urteile, d. h. die rein theoretischen, in verschiedenen Formen sich vollziehenden Vorstellungsverbindungen, werden im gewöhnlichen Vorstellungsverlauf wie im wissenschaftlichen Leben nur in dem Sinne gebildet, daß ihnen eine über die naturgesetzliche Notwendigkeit der Assoziation hinausgehender Wert zugesprochen oder abgesprochen, daß sie für wahr oder falsch erklärt, daß sie bejaht oder verneint werden. Soweit unser Denken auf Erkenntnis, d. h. auf Wahrheit, gerichtet ist, unterliegen alle unsere Urteile sofort einer Beurteilung, welche entweder die Gültigkeit oder die Ungültigkeit der im Urteil vollzogenen Vorstellungsverbindung ausspricht. Das rein theoretische Urteil ist eigentlich nur in der Frage oder dem sogenannt problematischen Urteil gegeben, in welchen nur eine gewisse Vorstellungsverbindung vollzogen, aber nichts über ihren Wahrheitswert ausgesprochen wird,. Sobald ein Urteil bejaht oder verneint wird, hat sich mit der theoretischen Funktion auch diejenige einer Beurteilung unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit vollzogen. Dieser dem Urteil hinzutretenden Beurteilung geben wir, weil die Tendenz auf den Wahrheitswert der Urteile in der Mitteilung als selbstverständlich vorausgesetzt wird, keinen eigenen sprachlichen Ausdruck, wenn die Beurteilung bejahend ausfällt, während die Mißbilligung sich durch die Negation ausdrückt. Jede sogenannte affirmative Behauptung  A  ist  B,  involviert als die Meinung: das Urteil, welches die Vorstellungen  A  und  B  in der ausgesprochenen Weise verbindet, so als wahr gelten, und jede negative Behauptung  A  ist nicht  B,  involviert die Meinung, jenes, entweder vorher ausgesprochene oder zu befürchtende Urteil soll als falsch angesehen werden. Alle Sätze der Erkenntnis enthalten somit bereits eine Kombination des Urteils mit der Beurteilung: sie sind Vorstellungsverbindungen, über deren Wahrheitswert durch die Affirmation oder Negation entschieden worden ist. (5)

Der Unterschied zwischen Urteil und Beurteilung ist aber deshalb von höchster Wichtigkeit, weil auf ihm die einzig übrig bleibende Möglichkeit beruth, die Philosophie als eine besondere, schon durch den Gegenstand scharf von den übrigen sich abgrenzende Wissenschaft zu bestimmen. Alle übrigen Wissenschaften haben nämlich theoretische Urteile aufzustellen: das Objekt der Philosohie bilden die Beurteilungen.

Die besonderen Wissenschaften müssen entweder als historische und beschreibende diejenigen Urteile bilden, welche bestimmten, in der Erfahrung gegebenen Gegenständen, bestimmte teils einmalige, teils konstante Prädikate von Eigenschaften, Zuständen, Tätigkeiten und Verhältnissen zu anderen Gegenständen zuschreiben, oder sie haben als erklärende Wissenschaften diejenigen allgemeinen Urteile zu suchen, von welchen sich alle besonderen Eigenschaften, Zustände, Tätigkeiten und Beziehungen der einzelnen Dinge als Spezialfälle ableiten lassen. Eine beschreibende Naturwissenschaft stellt fest, daß einem bestimmten Ding, z. B. einer Pflanze oder einem seelischen Organismus, diese oder jene Prädikate entweder konstant oder unter gewissen Bedingungen zukommen; eine historische Wissenschaft hat zu konstatieren, daß sich einzelne Menschen oder Völker in diesen oder jenen Verhältnissen befunden, diese oder jene Taten vollbracht, diese oder jene Geschicke erlebt haben. Eine erklärende Wissenschaft stellt unter dem Namen von Gesetzen diejenigen allgemeinen Urteile fest, aus welchen sich als geltenden Obersätzen der Ablauf der Veränderungen, in denen sich die wirklichen Dinge und ihre Zustände zu als Ursache und Wirkung verhalten, als eine notwendige Folgerung ergibt. Die mathematischen Wissenschaften endlich stellen, unabhängig von allem zeitlichen Geschehen, die allgemeinen Urteile über die anschauliche Notwendigkeit auf, mit welcher die räumlichen und die zahlenmäßigen Formen miteinander in bestimmten Beziehungen stehen.

Alle diese Urteile, so speziell im einen Fall, so allgemein im anderen Fall sie sein mögen und so verschieden sich ihre erkenntnistheoretische Bedeutung gestalten mag, enthalten Vorstellungsverbindungen, Verknüpfungen eines vorgestellten Subjets und eines vorgestellten Prädikats, deren Wahrheitswert durch die Wissenschaft bestimmt werden soll. Unter der Voraussetzung, daß einigen unter den möglichen Urteilen die Wahrheit zukommt, anderen dagegen nicht, suchen die Wissenschaften den ganzen Umfang des zu bejahenden festzustellen, und zu diesem Zweck dasjenige, was in Gefahr ist, irrtümlicherweise bejaht zu werden, mit einer ausdrücklichen Begründung zu verneinen. Sie üben also auf dem Gebiet der Erkenntnis fortwährend eine Bejahung und Verneinung, Billigung und Mißbilligung aus, und in ihrer Gliederung erstrecken sie diese ihre Tätigkeit über alle Gegenstände, welche überhaupt der menschlichen Einsicht zugänglich sind.

In dieser Hinsicht bleibt der Philosophie nichts zu tun übrig. Sie kann weder beschreibend, noch erklärende, noch mathematische Wissenschaft sein wollen: sie findet alle Gruppen von Gegenständen durch besondere Wissenschaften besetzt, welche sich zu denselben in einer dieser drei Weisen verhalten, und sie würde aus lauter Anleihen bestehen, wenn sie etwa nur einiges davon mit willkürlicher Auswahl zusammenfassen wollte. Die Aufgabe der Philosophie kann nicht darin bestehen, in der Weise der übrigen Wissenschaften Urteile, in denen bestimmte Gegenstände erkannt, beschrieben oder erklärt werden sollen, zu bejahen oder zu verneinen.

Das Objekt, das für sie übrig bleibt, sind die Beurteilungen. Aber auch diesen gegenüber hat sie sich, wenn sie selbständig sein will, ganz anders zu verhalten, als die anderen Wissenschaften zu ihren Objekten. Die Philosophie hat die Beurteilungen weder zu beschreiben noch zu erklären. Das ist Sache der Psychologie und der Kulturgeschichte. Jede Beurteilung ist die Reaktion eines wollenden fühlenden Individuums gegen einen bestimmten Vorstellungsinhalt. Sie ist ein Vorgang des Seelenlebens, der aus dem Bedürfniszustände auf der einen Seite und dem Inhalt der Vorstellung auf der anderen Seite mit Notwendigkeit resultiert. Aber sowohl dieser Vorstellungsinhalt, als auch jener Bedürfniszustand, beide sind ihrerseits wieder notwendige Produkte der gesamten Lebensbewegung. Sie müssen als solche begriffen werden; und da für ihre Erklärung die Individualpsychologie nicht ausreicht, da die Zwecke und Bedürfnisse, an denen das Individuum seinen Vorstellungsinhalt prüft, um ihn zu billigen oder zu mißbilligen, vielfach nur aus der Bewegung der Gesellschaft zu verstehen sind, so muß die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur hinzugenommen werden, um die gesetzmäßige Entstehung der Beurteilungen in ihrer ganzen Ausdehnung begreiflich zu machen und um die Gesetze zu erkennen, nach denen diese Beurteilungen vonstatten gehen.

Die psychologisch-entwicklungsgeschichtliche Behandlung der Beurteilungen und ihrer Gesetzmäßigkeit ist somit ansich ein vollständig berechtigtes Problem der erklärenden Geisteswissenschaft überhaupt. Die erklärende Wissenschaft würde ihre Aufgabe nur unvollständig erfüllen, wenn sie vor diesen Tatsachen Halt machte. Aus den psychologischen Gesetzen und aus den Bewegungen des gesellschaftlichen Geistes muß erklärt werden, wie die in unserem allgemeinen Bewußtsein anerkannten Formen der Beurteilung darin durch seine naturnotwendige Entwicklung zustande gekommen sind, wie wir gelernt haben, das Wahre, das Gute, das Schöne von ihren Gegenteilen zu unterscheiden, und wie die besondere Art und Weise, in der wir diese Beurteilungen ausführen, die spezifische Gestaltung, welche wir diesen höchsten, Maß und Wert bestimmenden Zwecken gegeben haben, durch die Notwendigkeit unserer Geschichte bedingt ist. Diese Untersuchungen entsprechen also einer nicht zu bestreitenden Aufgabe der Wissenschaft; aber sie bilden keine selbständige Disziplin, sondern sie sind aus Kapiteln der Psychologie und der Kulturgeschichte zusammenzufassen. Wer diese höchst interessanten Zusammenstellungen Philosophie nennen will, wie das die französischen und englischen "Philosophen" seit der Aufklärungszeit tun und wie das in deren Nachahmung hie und da auch bei uns geschehen ist, -  habeat sibi  [meinetwegen - wp]: über Namen wollen wir nicht streiten. Protestieren aber müssen wir im Namen der deutschen, von KANT inaugurierten Philosophie dagegen, wenn auch bei uns mit einer solchen Namensgebung die flache Meinung importiert werden soll, als ob es über diese psychologische und kulturhistorische Entwicklungsgeschichte hinaus keine höhere Aufgabe der Wissenschaft gäbe.

Die Philosophie, wie wir sie verstehen, hat einen ganz anderen Ausgangspunkt. Alle Beurteilungen, die sich nur jeweils in Individuen oder in der Gesellschaft vollziehen, sind gesetzlich notwendige Produkte des psychischen Lebens. Von dieser Seite her sind sie deshalb alle gleich berechtigt: sie alle haben, wie sie auch auftreten mögen, wenn sie einmal auftreten, zureichende Ursachen. Denn ohne diese träten sie nicht auf. Als empirische Tatsachen also, wie sie von der Psychologie und Entwicklungsgeschichte erklärte werden, sind sie gleichmäßig alle einfach da. Sie gehörten zur empirischen Wirklichkeit und haben, wie alles andere, ihre zureichenden Ursachen der Existenz und die Gesetze ihrer Entstehung und Bewegung: sie unterliegen solchen Gesetzen ebenso wie die Objekte, auf welche sich die Beurteilungen beziehen und welche, ebenfalls als empirische Tatsachen, derselben gesetzmäßigen Naturnotwendigkeit unterworfen sind. Die Empfindungen und Vorstellungen mit den Gefühlen des Angenehmen und des Unangenehmen, die sie erregen; die Vorstellungsverbindungen samt der Gewißheit, mit der sie für wahr oder falsch erklärt werden; die Willensbestimmungen und Handlungen, wie die Beurteilungen, vermöge deren sie als gut oder böse charakterisiert werden; die Anschauungen und ebenso die Gefühle, welche sie als schön oder häßlich bewerten, - alles das ist als empirische Tatsache des individuellen oder des allgemeinen Menschengeistes ein naturnotwendiges Produkt gegebener Bedingungen und Gesetze. Und doch - das ist die Fundamentaltatsache der Philosophie - bei all dieser Naturnotwendigkeit ausnahmslos aller Beurteilungen und ihrer Gegenstände sind wir unerschütterlich überzeugt, daß es gewisse Beurteilungen gibt,  welche absolut gelten, auch wenn sie gar nicht oder nicht allgemein tatsächlich zur Anerkennung gelangen. 

Gewiß, ein jeder denkt notwendig so, wie er eben denkt, und er hält seine oder fremde Vorstellungen eben für wahr, weil er sie notwendig dafür halten muß: dennoch sind wir überzeugt, daß gegen diesen Notwendigkeiten des naturgesetzlich sich vollziehenden Fürwahrhaltens es eine absolute Wertbestimmung gibt, wonach über wahr und falsch entschieden werden  soll,  gleichgültig ob das geschieht oder nicht. Diese Überzeugung haben wir alle: denn indem wir irgendeine Vorstellung aufgrund unseres notwendigen Vorstellungsverlaufs für wahr erklären, so hat diese Erklärung gar keinen anderen Sinn, als den Anspruch, daß sie nicht nur für uns, sondern auch für alle anderen als wahr gelten soll. Ob dieser Anspruch im einzelnen Fall erfüllt wird und selbst ob er im einzelnen Fall berechtigt war, darauf kommt es nicht an: nur soviel ist klar, daß die Beurteilung der Vorstellungen unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit einen solchen absoluten Maßstab, der für alle gelten soll, voraussetzt. Das Gleiche gilt auf ethischem und ästhetischem Gebiet. Gewiß ist es durch den Kulturzustand und den persönlichn Lebensverlauf eines jeden gesetzlich bedingt, was er einerseits gut oder öse, und was er andererseits schön oder häßlich nennt: aber in beiden Fällen involvieren die darin ausgesprochenen Prädikationen den Anspruch, daß sie für alle gelten, von jedem in derselben Weise notwendig anerkannt werden sollen. So relativ sich diese Beurteilungen in ihrer empirischen Wirklichkeit gestalten mögen, so erheben sie doch stets den Anspruch auf absolute Geltung und haben ihren Sinn darin, daß sie die Möglichkeit einer absoluten Beurteilung voraussetzen.

Dieser Anspruch und diese Voraussetzung nun sind es, welche die drei charakterisierten Formen der Beurteilung - wir nennen sie am besten die logische, ethische und ästhetische - von all den tausendfachen Beurteilungen unterscheiden, in denen sich nur das individuelle Gefühl der Lust oder Unlust an einem vorgestellten Gegenstand ausspricht. Wer an einer Farbe Gefallen findet, wenn ein Ding angenehm (6) schmeckt, wer sich an einem Gegenstand freut, weil er diesen oder jenen Vorteil davon hat, dem wird es bei rechter Besinnung niemals einfallen, zu verlangen, daß jeder andere diese Beurteilung auch zu der seinigen macht. Die Gesetzmäßigkeit der physiologischen Funktionen bringt es freilich mit sich, daß bei gleich oder ähnlich organisierten Wesen dieselben Empfindungen mit demselben Gefühlston aufzutreten pflegen: wenn aber vermöge irgendeiner habituellen Störung oder momentanen Disposition das eine oder das andere Individuum von dieser allgemeinen Gefühlsweise abweicht, so sehen wir darin nichts einer besonderen Beachtung Bedürftiges und nehmen daran nicht den geringsten Anstoß. Je mehrh wir aber von diesen elementaren Gefühlstönen der Empfindungen zu den weit mannigfaltigeren und verwickelteren Lust- und Unlustgefühlen aufsteigen, welche sich an die zusammengesetzten Vorstellungen von Dingen und deren Verhältnissen anknüpfen, umso geringer wird, ohne daß uns dies irgendwie verwundert oder verletzt, die Übereinstimmung der Individuen. Die Mannigfaltigkeit der Kombinationen läßt bei aller gesetzmäßigen Gleichheit der Grundprozesse keine Gleichheit des Resultats zustande kommen. Niemand setzt für seine Lust- und Unlustgefühle Allgemeingültigkeit voraus; niemand meint auch, daß es einen absoluten Maßstab gibt, wonach sich für jeden Menschen die Beurteilung der Annehmlichkeit der Dinge bestimmen läßt. Eine solche Anforderung hat keinen Sinn, und eine Hedonik, d. h. Lustlehre, kann deshalb wiederum nur ein Kapitel aus der Psychologie und der Entwicklungsgeschichte, niemals eine philosophische Disziplin sein.

Wer daher der Philosophie die Entscheidung über die Streitfrage des Optimismus und des Pessimismus aufbürdet, wer von ihr verlangt, daß sie ein absolutes Urteil darüber abgebe, ob die Welt mehr geeignet sei, Lust als Unlust oder umgekehrt zu erzeugen, der arbeitet sich, wenn er überhaupt mehr als dilettantisch verfährt, an dem Phantom ab, eine absolute Bestimmung auf einem Gebiet aufzufinden, auf welchem kein vernünftiger Mensch sie je gesucht hat. Denn von einer Beurteilung des Universums unter einem hedonistischen Gesichtspunkt könnte nur dann die Rede sein, wenn es den subjektiven Lust- und Unlustgefühlen gegenüber ein Maß der Berechtigung dafür gäbe. Da dies fehlt, so bleibt Optimisten und Pessimisten nur übrig, einen ungefähren Überschlag der einzelnen empirischen Lust- und Unlustgefühle und eine Schätzung ihrer Quantitäts- und Intensitätsverhältnisse vorzunehmen, die vollständig in der Luft schwebt. Wer das Philosophie nennen will,  habeat sibi;  ich halte es für eine Entladung des Lusttriebes, welche in die Geschichte der Pathologie des menschlichen Denkens gehört. (7)

Nach Ausschluß des Hedonismus bleiben nur drei Formen der Beurteilung übrig, in denen sich der Anspruch auf Allgemeinen als wesentlicher Bestandteil herausstellt, - die drei, welche durch die drei Begriffspaare wahr und falsch, gut und böse, schön und häßlich charakterisiert sind. Es gibt deshalb nur diese drei im eigentlichen Sinne philosophischen Grundwissenschaften: Logik, Ethik und Ästhetik. Die Psychologie (8) ist eine empirische, teils beschreibende, teils erklärende Wissenschaft; die Metaphysik in alten Sinn eines dogmatischen Wissens von den letzten Gründen aller Wirklichkeit ist ein Unding: Erkenntnistheorie dagegen, Naturphilosophie, Gesellschafts- und Geschichtsphilosophie, Kunstphilosophie und Religionsphilosophie haben nur insofern eine Berechtigung, als sie nicht im metaphysischen, sondern im kritischen Sinn unter dem Gesichtspunkt jener drei philosophischen Grundwissenschaften als ihre Auszweigungen, Anwendungen oder Vollendungen behandelt werden.

In allen dreien soll also der Anspruch geprüft werden, welchen die logische, die ethische und die ästhetische Beurteilung auf Allgemeingültigkeit erheben: und von vornherein ist zu bemerken, daß mit der gleichen Fragestellung zwar auch eine methodisch gleiche und systematisch parallele Untersuchung sich für diese drei Disziplinen ergibt, daß dadurch aber nicht im geringsten eine Gleichheit des Resultats und der Antwort bedingt oder präjudiziert ist. Es wäre z. B. denkbar, daß die kritische Philosophie das Anrecht etwa der logischen Beurteilung auf Allgemeingültigkeit in ihrem Sinne bestätigte, dagegen den entsprechenden Anspruch auf einem den beiden anderen Gebiete entweder ganz zu verwerfen oder nur mit sehr erheblichen Modifikationen anzuerkennen sich genötigt sähe. In diesem Fall würde das betreffende Gebiet wegen des nachgewiesenen Mangels eines absoluten Maßstabes der psychologischen und entwicklungsgeschichtlichen Behandlung gänzlich anheimzugeben sein. Aber da einmal darin der Anspruch auf die absolute Geltung vorliegt und da dieser Anspruch weder von der beschreibenden noch von der erklärenden Wissenschaft geprüft werden kann, so muß eben durchaus eine philosophische Untersuchung darüber stattfinden, selbst wenn diese zu lediglich negativen Resultaten führen sollte. Auch wer also etwa durch kritische Untersuchungen oder durch eine mehr oder minder klare Voreingenommenheit zu der Ansicht gekommen sein sollte, daß auf dem einen oder dem anderen dieser Gebiete - oder gar auf allen dreien - immer nur, wie auf dem hedonistischen, relative, aber nie absolute Beurteilungen möglich sind, der würde doch die Tatsache des Anspruchs auf die letzteren zugeben und damit die Berechtigung der philosophischen Fragestellung einräumen müssen. Und nur darum handelt es sich hier; die Resultate der Philosophie sollen nicht vorweggenommen werden.

Ist so das Objekt der Philosophie bestimmt, so fragt es sich, worin die Kritik besteht, der es unterworfen werden soll, und durch welches wissenschaftliche Verfahren sie möglich ist.

Wenn zunächst hier immer vom Anspruch der logischen, ethischen und ästhetischen Beurteilungen auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit die Rede gewesen ist, so muß genauer darauf hingewiesen werden, daß diese Allgemeingültigkeit keine faktische und diese Notwendigkeit nicht die kausale ist. Wer von der Wahrheit eines Urteils überzeugt ist, der ist gemeinhin weit davon entfernt, zu glauben, daß dieses Urteil von jedermann anerkannt worden ist oder auch nur anerkannt werden wird. Die tatsächliche Allgemeinheit der Anerkennung ist in unserem Ringen nach der Wahrheit ein völlig ausgeschlossener Gesichtspunkt. Andererseits gibt es zweifellos für niedere Kulturzustände eine Tatsächlichkeit der allgemeinen Geltung von Vorstellungen und Beurteilungsweise, welche offenbar irrig und verfehlt sind. Nicht darauf also kommt es an, daß sich etwa alle Exemplare der Spezies  homo sapiens  in der Anerkennung eines Urteils einig sind, und durch vergleichende Induktion der wirklichen Beurteilungen ist folglich die Allgemeingültigkeit im philosophischen Sinne nicht zu finden. Da gleiche Ursachen gleiche Wirkungen haben, so ist es möglich - und tausendfach wirklich -, daß dieselben Veranlassungen überall denselben Irrtum hervorrufen. Für die Wahrheit oder Unwahrheit einer Vorstellung ist es ganz gleichgültig, wie viele Menschen sie anerkennen oder nicht anerkennen. Die Allgemeingültigkeit, um die es sich hier handelt, ist keine tatsächliche, sondern eine ideale; keine, welche wirklich ist, sondern eine, welche sein sollte.

Ebenso steht es mit der Notwendigkeit dieser Beurteilungen. Kausal notwendig ist der Wahnsinn so gut wie die Weisheit, ist die Sünde so gut wie die Tugend, ist das Schönheitsgefühl so gut wie das Gegenteil. Die Sonne der Naturnotwendigkeit scheint über Gerechte und Ungerechte. Die Notwendigkeit, mit der wir die Geltung logischer, ethischer und ästhetischer Bestimmungen fühlen, ist ebenfalls eine ideale, eine Notwendigkeit nicht des Müssens und Nichtanderskönnens, sondern des Sollens und des Nichtandersdürfens. Es ist jene höhere Notwendigkeit, welche durch die naturgesetzliche Notwendigkeit, der unser Vorstellen, Wollen und Fühlen unterworfen ist, durchaus nicht stetig erfüllt wird, - die Notwendigkeit des Sollens. Kein Naturgesetz zwingt den Menschen, immer so zu denken, so zu wollen, so zu fühlen, wie er nach der logischen, der ethischen und der ästhetischen Notwendigkeit immer denken, wollen oder fühlen sollte!

Wenn daher die Philosophie die Prinzipien der logischen, ethischen und ästhetischen Beurteilung festsetzen soll, so kann sie nicht dabei stehen bleiben, zu fragen, welche Bestimmungen auf diesen Gebieten etwa wirklich allgemein gelten, oder zu untersuchen, welche sich mit psychologischer und kulturgeschichtlicher Notwendigkeit immer geltend machen oder geltend gemacht haben. In keiner von beiden Richtungen findet man ein Kriterium dessen, was gelten soll. Die Masse oder gar die Majorität ist nicht das Tribunal, vor dem der absolute Wert entschieden wird, und der Nachweis der Ursachen ihres Verhaltens ist keine Begründung ihrer Berechtigung.

Andererseits aber zeigt sich in der Energie, mit welcher der einzelne gegen den Widerspruch einer Welt an demjenigen festhält, was er für wahr, gut, schön erkannt hat, kein Eigensinn individueller Willkür, sondern ein Drang der Überzeugung, daß in ihm etwas zum Durchbruch gekommen ist, was für alle gelten sollte und wovon er nicht lassen darf. In der naturnotwendigen Bewegung der Menschengeschichte freilich kann die Verteidigung dieser Überzeugung dem persönlichen Wahn verzweifelt ähnlich sehen: der Entdecker einer neuen Wahrheit, der Reformator des sittlichen Lebens, der Schöpfer einer neuen Kunst erscheint seinen Zeitgenossen und vielleich vielen Generationen nach ihm noch als wahnbetört. Aber so schwierig, so unmöglich es im einzelnen sein mag, zu entscheiden, welche von beiden Erscheinungen im gegebenen Moment vorliegt, wir alle glauben an die Unterscheidung, wir alle sind überzeugt, daß, auch wenn wir es nicht immer und vor allem nicht immer sofort verstehen, es ein Recht des im höheren Sinne Notwendigen gibt, welches für alle gelten  sollte.  Wir glauben an ein höheres Gesetz als das der naturnotwendigen Entstehung aller unserer Beurteilungen, - an ein Recht, das ihren Wert bestimmt.

Ich sage: wir alle glauben daran. Vergesse ich jene Theoretiker des Relativismus, welche in allen diesen Bestimmungen und Überzeugungen nichts weiter als naturnotwendig Produkte der menschlichen Gesellschaft sehen? Aber sie wollen doch ihre Theorie nicht nur so als Meinung hinwerfen, sondern behaupten und beweisen. Und was heißt beweisen? Es heißt voraussetzen, daß über jenen Notwendigkeiten der jedesmaligen Vorstellungsbewegung eine höhere Notwendigkeit steht, die jeder anerkennen sollte. Wer den Relativismus beweist, vernichtet ihn. Der Relativismus ist eine Theorie, an welche noch nie jemand ernsthaft geglaubt hat, an welche eben niemand ernsthaft glauben kann, er ist eine  fable convenue  [ohne weitere Prüfung akzeptiert - wp]. (9)

Überall also, wo das empirische Bewußtsein diese ideale Notwendigkeit dessen, was allgemein gelten soll, in sich entdeckt, stößte es auf ein  normales Bewußtsein,  dessen Wesen  für uns  darin besteht, daß wir überzeugt sind, es soll wirklich sein, ohne Rücksicht darauf, ob es in der naturnotwendigen Entfaltung des empirischen Bewußtseins wirklich ist. So gering der Grad und der Umfang sein mag, in welchem dieses normale Bewußtsein das empirische durchdringt und darin zur Geltung kommt, so sind doch alle logischen, ethischen und ästhetischen Beurteilungen auf die Überzeugung gebaut, daß es ein solches Normalbewußtsein gibt, zu welchem wir uns zu erheben haben, wenn unsere Beurteilungen auf eine notwendige Allgemeingültigkeit Anspruch erheben sollen: ein Normalbewußtsein, welches nicht im Sinne einer faktischen Anerkennung gilt, sondern gelten sollte, - keine empirische Wirklichkeit, aber ein Ideal, an dem der Wert aller empirischen Wirklichkeit gemessen werden soll. Die Gesetze dieses "Bewußtseins überhaupt" - das ist KANTs Ausdruck dafür - sind nicht mehr Naturgesetze, welche unter allen Umständen gelten und wonach die einzelnen Tatsachen sich gestalten müssen, sondern Normen, welche eben gelten sollen und deren Verwirklichung den Wert des Empirischen bestimmt.

Nichts anderes nun ist die Philosophie als die Besinnung auf dieses Normalbewußtsein, als die wissenschaftliche Untersuchung darüber, welche von den Inhaltsbestimmungen und Formen des empirischen Bewußtseins den Wert des Normalbewußtseins haben. Im empirischen Bewußtsein des Individuums, der Völker, der Menschheit kommen sie ebenso notwendig, wie alle Torheit, alle Verworfenheit, alle Geschmacklosigkeit zustande: und die Aufgabe der Philosophie ist es, aus diesem Chaos individueller oder tatsächlich allgemeiner Werte diejenigen herauszufinden, denen die Notwendigkeit des normalen Bewußtseins anhaftet. Diese Notwendigkeit ist in keinem Fall irgendwoher abzuleiten, sie kann nur aufgewiesen werden; sie wird nicht erzeugt, sondern nur zum Bewußtsein gebracht. Das einzige, was die Philosophie tun kann, besteht darin, dieses Normalbewußtsein aus den Bewegungen des empirischen Bewußtseins hervorspringen zu lassen und auf die unmittelbare Evidenz zu vertrauen, mit welcher seine Normalität sich, sobald sie einmal zum klaren Bewußtsein gekommen ist, in jedem Individuum ebenso wirksam und geltend erweist, wie sie gelten soll. Ein Satz, wie der logische des Widerspruchs, ein Prinzip, wie das moralische des Pflichtbewußtseins, sind nicht zu beweisen: man kann nur am wirklichen Vorstellungs- und Willensleben des Menschen sie zum Bewußtsein, zur klaren Formulierung bringen, und man muß dann darauf vertrauen, daß in jedem, der sich ernstlich besinnt, das normale Bewußtsein mit unmittelbarer Evidenz sich in ihrer Anerkennung geltend machen wird. Mit niemandem könnten wir mehr logisch und wissenschaftlich verhandeln, der die Geltung der Denkgesetze leugnete: mit niemandem könnten wir uns sittlich verständigen, der jegliche Pflicht ablehnte. Die Anerkennung des normalen Bewußtseins ist die Voraussetzung der Philosophie: es ist  in abstracto  dieselbe Voraussetzung, welche  in concreto  allem wissenschaftlichen, allem sittlichen, allem ästhetischen Leben zugrunde liegt. Jede Verständigung über irgendetwas, was die Individuen als geltende Norm über sich anerkennen sollen, setzt dieses Normalbewußtsein voraus.

Philosophie also ist die  Wissenschaft vom Normalbewußtsein.  Sie durchforscht das empirische Bewußtsein, um festzustellen, an welchen Punkten darin jene normative Allgemeingültigkeit entspringt. Sie ist selbst ein Erzeugnis des empirischen Bewußtseins, sie tritt ihm nicht als eine fremde Eingebung gegenüber: aber sie fußt auf der allen Wert des menschlichen Lebens ausmachenden Überzeugung, daß mitten in den naturnotwendigen Bewegungen des empirischen Bewußtseins eine höhere Notwendigkeit erscheint, und sie forscht nach den Punkten, an denen diese durchbricht.

Dieses "Bewußtsein überhaupt" ist also ein System von Normen, welche, wie sie objektiv gelten, so auch subjektiv gelten sollen, aber in der empirischen Wirklichkeit des menschlichen Geisteslebens nur teilweise gelten. Nach ihnen erst bestimmt sich der Wert des Wirklichen. Diese Normen machen somit erst die allgemeingültigen Beurteilungen möglich für die Gesamtheit der Objekte, welche in den Urteilen der übrigen Wissenschaften erkannt und beschrieben und erklärt werde. Die Philosohie ist die Wissenschaft von den Prinzipien der absoluten Beurteilung.

Man würde vielleicht kaum auf Widerspruch stoßen, wenn man behauptete, dieses Normalbewußtsen sei dasjenige, was die populäre Sprache unter dem Wort "Vernunft" recht eigentlich versteht und bezeichnet haben will, das überindividuell Geltensollende, und man darf deshalb auch die Philosophie die Wissenschaft von der Vernunft nennen. Allein ich verzichte auf diese Bezeichnung, weil das Wort "Vernunft" von den deutschen Philosophen in so verschiedenen Bedeutungen gebraucht worden ist, daß seine Verwendung in einer Definition vieldeutig und mannigfachen Mißverständnissen ausgesetzt sein würde.

Die Philosophie als Wissenschaft vom Normalbewußtsein ist nun selbst ein Idealbegriff, der nicht realisiert ist und dessen Realisierung überhaupt, wie sich weiterhin zeigen wird, immer nur in gewissen Grenzen möglich ist: die Fundamente für ihren Aufbau hat die kantische Philosophie gelegt. Aber von diesem Begriff aus gesehen, erhält nun auch sogleich dasjenige, was man Geschichte der Philosophie nennt und als solche zu behandeln hat, ein anderes, genau bestimmtes Ansehen.

Die Geltung des Normalbewußtseins als des absoluten Maßes der logischen, ethischen und ästhetischen Beurteilung liegt zwar als eine unumgängliche Voraussetzung allen höheren Funktionen des Menschen und vor allem denjenigen zugrunde, welche als Produkte der gesellschaftlichen Kultur die Erzeugung und Erhaltung des über der Willkür der Individuen Stehenden zu ihrem Inhalt haben: aber sie zeigt sich zunächst als unbefangene und selbstverständliche Unterordnung unter ein durch den notwendigen Prozeß der Volksseele erzeugtes Gesamtbewußtsein. Erst nach dessen Erschütterung tritt die Besinnung auf ein ideales Maß, dem sich alle beugen sollten, ein, und aus dieser Besinnung erwächst das Bestreben, sich zu diesem Normalbewußtsein zu erheben und es im empirischen Bewußtsein zur Geltung zu bringen. Aber der menschliche Geist ist mit diesem idealen Bewußtsein nicht identisch, er unterliegt den Gesetzen seiner naturnotwendigen Bewegung, und nur hie und da führt sie zu einem Resultat, in welchem die unmittelbare Evidenz der normativen Geltung zustande kommt.

Der historische Prozeß des menschlichen Geistes läßt sich daher unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß in ihm allmählich mitten in der Arbeit an den einzelnen Problemen, im Wechsel seiner Interessen, in der Verschiebung seiner einzelnen Fäden das Bewußtsein der Normen zum Durchbruch gekommen ist, daß er in seiner fortschreitenden Bewegung ein immer tieferes und umfassenderes Ergreifen des Normalbewußtseins darstellt. Es wird nichts im Weg stehen, wenn von dieser Begriffsbestimmung der Philosophie aus dieses allmähliche Bewußtwerden der Normen als der eigentliche Sinn der Geschichte der Philosophie aufgefaßt wird. Es ist das eben eine der Linien, welche man, von einem festen Begriff der Philosophie ausgehend, in die Geschichte hineinkonstruieren kann, ohne damit ihren ganzen vieverzweigten Inhalt zu umfassen. Diese Linie liefe an den Spitzen entlang, welche aus dem breiten Untergrund der übrigen Vorstellungen in den Äther des Normalbewußtseins aufragen, und sie bezeichnete damit auch die höchsten Auszackungen der kulturhistorischen Entwicklung; denn die Besinnung auf absolute Normen ist schließlich das Produkt jeder Kulturtätigkeit, und der Philosophie vindizieren [übertragen - wp] wir nur die Aufgabe, sie im Zusammenhang, in der notwendigen Gliederung auf dem Weg einer wissenschaftlichen Untersuchung zu Bewußtsein zu bringen.

Eine solche Geschichte der Philosophie wäre also eine Auswahl, die den allmählichen Fortschritt zu zeigen hätte, in welchem der wissenschaftliche Geist an der Lösung der hier formulierten Aufgabe gearbeitet hat. Damit hörte sie keineswegs auf, eine empirische Wissenschaft zu sein, wie es jede historische Disziplin eben sein muß. Betrachtet man die Geschichte vom Gesichtspunkt einer zu lösenden Aufgabe, so hat man erst recht die Pflicht, den kausalen Prozeß aufzuweisen, durch welchen die Bewältigung derselben sukzessive fortgeschritten ist. Die Aufgaben realisieren sich nicht, sie werden realisiert. Auch die Bestimmungen des Normalbewußtseins, zu denen sich das philosophische Denken aufringt, sind im naturnotwendigen Prozeß der geschichtlichen Denkbewegung als Inhaltsbestimmungen des empirischen Bewußtseins zustande gekommen. Diese ihre empirische Genesis hat die Geschichte der Philosophie zu begreifen, unbeschadet des Wertes, der ihnen, wenn sie in das empirische Bewußtsein eingetreten sind, vermöge ihrer normativen Evidenz zukommt. (10)

Nicht in dem Sinne also möchte diese Auffassung gedeutet sein, als ob sie - etwa nach HEGEL'schem Rezept - eine geheimnisvolle Selbstrealisierung der "Ideen" statuierte, vermöge deren die empirischen Vermittlungen als unnötiges Beiwerk erscheinen. Wir haben in der empirischen Erkenntnis keinen anderen Ort, wohin wir die Ideen versetzen sollten, als die Köpfe denkender Menschen, und in diesen sind sie erst dann bestimmende und wirkende Mächte, wenn sie zu Bewußtsein gekommen sind. Die Geschichte der Philosophie hat mit ihnen nicht als Faktoren zu rechnen, sondern sie als Produkte zu erklären. Das "Prinzip", das der Philosoph findet, wird eine in der empirischen Geistesbewegung wirksame Macht erst dadurch, daß er es als Resultat seiner Arbeit zu Bewußtsein bringt.

Oder ist etwa der Philosophe etwas anderes, als ein Mensch unter Menschen? Es ist ihm doch keine andersartige Denkkraft gegeben als allen anderen, und er beweist dies am besten selbst, wenn er durch die Veröffentlichung seiner Werke den Wunsch ausdrückt, andere so wie sich selbst denken zu machen, und dabei - trotz intellektueller Anschauung und ähnlicher mystischer Begabungen - von der Annahme ausgeht, daß die anderen unter seiner Anleitung dieselben Denkbewegungen durchmachen sollen wie er selbst. Aber seine Gedanken sind auch auf keine andere Weise entstanden, als die der übrigen. Er wächst wie alle aus gedankenloser Kindheit zu einem langsamen Erwachen heran; er saugt aus dem Lebenskreis, in dem er geboren und erzogen wird, Kenntnisse und Ansichten ein, welche als ein Schatz ursprünglicher "Wahrheiten" sich in ihm festsetzen, er bereichert beide durch eigene Forschung und eigenes Urteil: aber immer bleibt ihm der Gesichtskreis des Denkens und die Richtung des Interesses, welches ihm die Fragen stellt, durch die ganze Summe dessen, was er bisher gedacht und erlebt hat, unausweichlich vorgezeichnet. So bildet sich von den verschiedenen Seiten, von den entlegendsten Ansatzpunkten, wie bei jedem Menschen, eine recht oft heterogene [uneinheitliche - wp], aber doch nach allen Richtungen hin miteinander verschmolzene Vorstellungsmasse, ein psychisches System, welches wie überall nach Vereinheitlichung hinstrebt. Statt aber, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, sich mit dem oberflächlichen Ausgleich der gerade am auffallendsten einander widerstrebenden Vorstellungen zu begnügen und statt sich die allgemeinsten Linien der Weltauffassung, den Rahmen der einzelnen Ansichten, von einer der herrschenden Meinungen geben zu lassen, ist derjenige, dessen Tätigkeit wir als philosophisch bezeichnen, durch persönliche Verhältnisse, geistige Begabung und Energie des Charakters in der Lage, den einheitlichen Zusammenhang seiner Vorstellungen durch die eigene Bemühung des Nachdenkens aufzusuchen. Allein man darf nie vergessen, daß eben diese Tätigkeit des Suchens in ihrer ganzen Richtung und in der ganzen Ausdehnung des in Frage kommenden Vorstellungsinhalts, also natürlich auch in ihrem Resultat, vollkommen bedingt ist durch die ganze Masse des schon vorher vorhandene Denkstoffes. Kein philosophisches Prinzip fällt vom Himmel oder regnet dem Philosophen in den Schoß, sondern jedes ist das schließliche Ergebnis seiner mannigfachen Gedankentätigkeiten. Daß dabei in der schließlichen Herbeiführung eines Gleichgewichtszustandes gewisse Vorstellungen sich anderen gegenüber als die mächtigeren und bedeutsameren erweisen, ist selbstverständlich: aber diese Macht und diese Bedeutsamkeit gebührt ihnen  zunächst  auch nur in den statischen Verhältnissen dieses individuelle Vorstellungssystems. Ist es dem Philosophen nun mit größerer oder geringerer Mühe gelungen, ein einheitliches Prinzip für die Anordnung seines Gedankenstoffes aufzufinden, so werden sich die einzelnen Teile des letzteren offenbar sehr verschieden dazu verhalten. Manche, und hauptsächlich diejenigen, welche bei der Erfassung des Prinzips bestimmend waren, fügen sich leicht und wie von selbst in das so sich gestaltende Weltbild ein; andere aber erweisen sich als mehr oder weniger spröde. Da müssen sich dann manchmal zugunsten jenes Grundgedankens andere Meinungen, die aus ganz anderen Regionen stammen und ein ganz anderes Gesicht zeigen, es gefallen lassen, verschoben und umgegossen zu werden; der Grundgedanke öffnet nun auch neue Vorstellungskreise und Erkenntnisse; gegen diese treten wohl alte Gedanken in den Hintergrund und werden, wenn nicht gänzlich verdrängt, so doch teilweise verändert: aber stets bilden sie doch das Material, in welchem sich die assimilierende und umgestaltende Tätigkeit der neuen Kraft allein geltend machen kann. Selten aber werden wir einen Philosophen in der glücklichen Lage sehen, daß sich sein ganzer Vorstellungsstoff zum gefundenen Prinzip in eine gleichmäßig innige Beziehung setzen läßt: und unter den widerstrebenden Gedanken werden dann doch immer einige sein, welche dem neuen Prinzip nicht weichen, sondern mit ihrer ursprünglichen Gewalt der Seele so tief eingewurzelt sind, daß sie sich - ungeachtet ihrer Beziehungslosigkeit oder gar ihres Widerspruchs zu jenem Prinzip - daneben behaupten und ihren oft sehr bedeutsamen Platz in der Weltanschauung des Mannes mit nicht geringerer Gewalt in Anspruch nehmen. Da gibt es dann Risse und Klüfte im System, aber sie überbrücken und verdecken sich in der subjektiven Gewißheit des Philosophen, und je energischer er seine verschiedenen Überzeugungen nebeneinander aufrecht zu erhalten sucht, um so geneigter werden wir ihn sich der Täuschung hingeben sehen, sie als übereinstimmend zu betrachten, wo sie es in Wahrheit nicht sind und nie werden können, oder einen Zusammenhang zwischen ihnen anzunehmen, in welchen sie ihrem Wesen nach nie treten können. So erklären sich die heterogenen Bestandteile, welche in einem sonst unbegreiflichen Gegensatz zum sogenannten Grundprinzip sich in größerer oder geringerer Anzahl bei jedem philosophischen System vorfinden: und auch der eigentümliche Umstand, daß gerade an diesen Punkten die Philosophen am hartnäckigsten auf der notwendigen Zusammengehörigkeit disparater [unvereinbarer - wp] Auffassungen zu bestehen pflegen, wird uns verständlich werden, wenn wir bedenken, daß sich unabhängig von dem neu gefundenen Prinzip nur die mit der Persönlichkeit des Philosophen am allerinnigsten verflochtenen Überzeugungen zu erhalten vermögen und daß das Gefühl gleich hoher Gewißheit nun auch die sonst verschiedenartigen Vorstellungen zusammenschmilzt, so daß unter diesem Interesse die Fähigkeit, scheinbare Übergänge und Zusammenhänge zu erdenken, ganz außerordentlich gesteigert wird. Alle solche Zusammenhangslosigkeiten aber und Widersprüche mit ihren künstlichen Verhüllungen könnten nicht auftreten, wenn ein philosophisches System wirklich von vornherein so ganz unabhängig für sich aus der treibenden Kraft seines Grundgedankens organisch emporwüchse: sie sind dagegen durchaus begreiflich, wenn man sich klar macht, daß alle die mannigfachen Gedankenstoffe, von den verschiedenen Seiten her erzeugt und befördert, sich lange vorher im Kopf des Philosophen ansammeln und befestigen, ehe er auch nur an die Aufsuchung seines Prinzips gedacht hat, und daß daher später dieses Prinzip in der Überwältigung des von ihm vorgefundenen Materials eine Arbeit von sehr verschiedener Schwierigkeit und teilweise von völliger Unlösbarkeit zu leisten hat.

Die teleologische Auffassung der Geschichte der Philosophie unter dem Gesichtspunkt der sukzessiven Lösung einer in einem festen Begriff der Philosophie ausgesprochenen Aufgabe ist daher eine Betrachtung, welche als solche gerechtfertigt und im Interesse der so bestimmten Philosophie vielleicht nötig und wünschenswert ist. Aber sie ist für sich allein nicht schon die ganze Geschichte der Philosophie. Geschichte ist empirische Konstatierung und empirische Erklärung. Diese Aufgabe muß auch diesem Gegenstand gegenüber rein erhalten werden, sie verlangt eine durchaus psychologische und kulturhistorische Behandlung.

Auf der anderen Seite jedoch - und diese muß freilich gegenwärtigen Neigungen und Richtungen gegenüber noch mehr hervorgehoben werden - hat die Philosophie das lebhafteste Interesse daran, erkannt und anerkannt zu wissen, daß dieser naturnotwendige Prozeß durch die Besinnung auf das normale Bewußtsein zu Überzeugungen geführt hat, welche nicht bloß so einfach da sind, wie andere eben auch, welche auch nicht etwa nur gerade, weil es der Lauf der Vorstellungen so mit sich gebracht hat, vielfach Geltung erlangt haben, sondern welche den absoluten Wert haben, gelten zu sollen. Es darf nicht vergessen werden, daß dieses Produkt der Naturnotwendigkeit identisch ist mit einer höheren, mit der normativen Notwendigkeit.

Die empirische Bewegung des menschlichen Denkens ringt dem normalen Bewußtsein eine seiner Bestimmungen nach der anderen ab. Wir wissen nicht, ob sie damit je an ein Ende gelangen wird: wir wissen noch weniger, ob die historische Reihenfolge, in der wir uns einzelner dieser Bestimmungen bemächtigen, irgendeine auf deren inneren Zusammenhang hinweisende Bedeutung hat. Für unsere Erkenntnis bleibt das normale Bewußtsein ein Ideal, dessen Saum wir nur erfassen. Menschliches Denken kann nur entweder als empirische Wissenschaft das gegebene Einzelne in seinem kausalen Zusammenhang und in seiner werthaften Bestimmtheit verstehen oder sich als Philosophie auf die selbstverständlichen Prinzipien einer absoluten Beurteilung an der Hand der Erfahrung selbst besinnen. Eine vollständige Erfassung des Ganzen des Normalbewußtseins durch wissenschaftliche Einsicht ist uns versagt. Im Umkreis unserer Erfahrung leuchtet das Ideal an der einen oder der anderen Stelle durch, und sollen wir von der Wirklichkeit eines absoluten Normalbewußtseins überzeugt sein, so ist das Sache des persönlichen Glaubens, aber nicht mehr der wissenschaftlichen Erkenntnis.
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Was ist Philosophie? [Über Begriff und Geschichte der Philosophie], in Präludien - Aufsätze und Reden zur Einleitung in die Philosophie, Tübingen 1907
    Anmerkungen
    4) Der Verfasser verweist in dieser Hinsicht auf die von dem oben entwickelten Gesichtspunkt aus entworfene Darstellung der kantischen Lehre in seiner "Geschichte der neueren Philosophie" (Leipzig 1907). Für diejenigen, welche jener schwierigen Frage näher stehen, sei jedoch ausdrücklich hinzugefügt, daß die Lösung des Problems, ihre Voraussetzungen und ihre Methode lediglich der "Kritik der reinen Vernunft" zu entnehmen sind, während die "Prolegomena" nur die Geschichte von KANTs Entdeckung, d. h. den  psychologischen  Prozeß erzählen, durch welchen er selbst zur Erfassung dieser "Wahrheit" geführt worden ist. Vgl. auch des Verfassers "Geschichte der Philosophie" (1907), §§ 38 - 40.
    5) Diese für die Logik äußerst bedeutsame, ja fundamentale Unterscheidung der beiden Elemente im "Urteil" ist, von DESCARTES (Meditationen IV) nur gestreift, ebenso von FRIES (Neue Kritik I, Seite 208f) nur flüchtig berührt, erst in der neueren Logik durch die Untersuchungen über das negative Urteil von SIGWART (Logik I, § 20), LOTZE, (Logik, 1874, Seite 61) und namentlich BERGMANN (Reine Logik I, Seite 177f) einem richtigen Verständnis näher gebracht worden. Von psychologischer Seite her hat, obwohl in barocker Form, BRENTANO (Psychologie I, Seite 266f) darauf aufmerksam gemacht. Vgl. hierzu meine "Beiträge zur Lehre vom negativen Urteil", in den "Straßburger philosophischen Abhandlungen zu Zellers 70. Geburtstag" (Freiburg i. Br. 1884) und den Aufsatz "Vom System der Kategorien" in den "Philosophischen Abhandlungen zu Sigwarts 70. Geburtstag" (Tübingen 1900).
    6) Die gewöhnliche Ausdrucksweise spricht bei der Flüssigkeit ihrer Bezeichnungen auch von "gut" oder "schön" schmecken, riechen etc. Es ist zu wünschen, daß man im wissenschaftlichen Ausdruck diese Fahrlässigkeit überall vermeidet.
    7) Vgl. meinen Vortrag "Der Pessimismus und die Wissenschaft", verborgen in der Zeitschrift "Der Salon", 1877, Heft 7 und 8.
    8) Für die vollständige Ablösung der Psychologie von der Philosophie habe ich schon in meiner Züricher Antrittsrede "Über den gegenwärtigen Stand der psychologischen Forschung" (Leipzig 1876) plädiert.
    9) Näheres hierüber, wie über das Folgende in der Abhandlung "Kritische und genetische Methode".
    10) Die Behandlung der Geschichte der Philosophie unter diesem im Jahre 1884 entworfenen Gesichtspunkt habe ich in meinem Lehrbuch der "Geschichte der Philosophie" durchzuführen versucht. Vgl. in der vierten Auflage (Tübingen und Leipzig 1907) die Einleitung und den Schlußparagraphen, dazu meine Abhandlung über "Geschichte der Philosophie" in der Festschrift für Kuno Fischer, Bd. II, Heidelberg 1905.