cr-4tb-2P. KampitsE. LeinfellnerR. HallerM. HerbertTractatus    
 
RUDOLF HALLER
Wittgenstein und Mauthner
- I I -

"Die Wahrheit ist nicht in einer Übereinstimmung des Gesagten mit einem Sachverhalt oder der Wirklichkeit, sondern ist nur in der Sprache zu suchen."

So kann es nicht wundernehmen, wenn man mit zunehmender Distanz die strikte Unterscheidung zwischen WITTGENSTEIN I und WITTGENSTEIN II wieder in Frage stellt (31). Die Brücke, über die eine vereinheitlichende Interpretation Eingang findet und finden konnte, stellen m. E. die 1964 erschienenen "Philosophischen Bemerkungen" dar, wenn man von den internen Interpretationsgründen, die die Einheitsthese stützen, absieht. Ich glaube heute, daß die These der strikten Unvergleichbarkeit und Diskontinuität des frühen und des späten WITTGENSTEIN falsch ist. Es bleibt nur die Frage, in welcher Beziehung die These gestützt werden kann und wie ihre Negation begründet wird.

Eine Schwierigkeit dabei stellt sich jedem Interpreten: die neu- und fremdartige Form der Gedankenführung, der Beispielführung, sowie des allgemeinen Gesichtspunktes, unter dem die Untersuchung steht. Gerade das Einstellen auf die Perspektiven, unter denen WITTGENSTEIN überhaupt Probleme sieht, verursacht ja die größte Schwierigkeit beim Verstehen und Interpretieren dieses Philosophen. Dabei meine ich nicht systeminterne Grunddeutungsschemata, wie etwa die Behauptung, WITTGENSTEIN sei ein Nominalist, oder die ihr entgegengesetzte, WITTGENSTEIN sei ein Realist.

Solche Grundinterpretationen liegen auf der gleichen Ebene wie das Schema der realistischen oder idealistischen Deutung des kantischen Transzendentalismus. Sie betreffen die ontologische und metaphysische Interpretation einer Theorie, wenn ich dieses Wort hier in einem weiteren Sinn verwende, d.h. sie beantworten die Frage, welche Deutung man dem Status einzelner Zeichen im System geben soll. - Was ich mit der Grundschwierigkeit meine, bezieht sich hingegen auf die Gesamtperspektive der Theorie, man könnte auch sagen, auf den Zugang zu ihr. Es scheint, daß einige nur zu den späteren, beispielsreichen Untersuchungen einen solchen Zugang finden und einige nur zum Traktat: RUSSELL oder H. SCHOLZ gehörten sicher zu den letzteren, MALCOLM eher zu den ersteren.

Wenn wir die These der Diskontinuität hinsichtlich ihrer Rechtfertigung überprüfen, so sind bereits von der Standardinterpretation hinreichend gestützte Argumente anzuführen:
  • Der Begriff der sprachlichen Zeichen, wie er im Traktat eingeführt wird, wird in der späteren Phase erweitert: Zeichen sind nicht an bestimmte Symbole gebunden. Sprechen ist eine Tätigkeit, Teil einer "Lebensform".
  • Der Begriff der Bedeutung sprachlicher Zeichen, wird nicht zweistellig -semantisch wie im Traktat, sondern funktionalistisch oder operativistisch durch die Regeln der Verwendung bestimmt. "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache." (32) Die entsprechenden Definitionen des Traktats werden kritisiert. Die Bedeutung eines Namens ist nicht der Gegenstand. Was "Gegenstand" ist und seine Einfachheit, ist nicht durch die Definition des Namens bestimmt.
  • Entsprechend den Änderungen von 1 und 2 wird die Analyse des Satzes als strukturabbildend erweitert: es gibt verschiedene Arten von Sätzen, und nicht alle haben die gleiche Funktion oder gar die gleiche Form. Arten und Funktionen aber ändern sich.
  • Die Sprache ist kein einheitliches System, keine Zeichensprache, die der logischen Grammatik gehorcht. "Die Philosophie der Logik redet in keinem andern Sinn von Sätzen und Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun." (33) Vielmehr gilt: "Alle Sätze unserer Umgangssprache sind tatsächlich, so wie sie sind, logisch vollkommen geordnet." Die Ansichten gewisser oder aller Logiker sind zu einseitig, an einem in der Umgangssprache nicht realisierten Ideal ausgerichtet.
  • Demzufolge wird auch der Begriff der Analyse in der späteren Phase erweitert, die enge Fassung im Traktat kritisiert. Der Gedanke einer und nur einer (vollständigen) Analyse des Satzes muß aufgegeben werden, da Elementarsätze nicht die unmittelbare Verbindung von Namen sein können. "Wir erkennen, daß, was wir Satz, Sprache nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger miteinander verwandter Gebilde." (34) Schließlich: "Die Aufgabe der Philosophie ist nicht, eine ideale Sprache zu schaffen, sondern den Sprachgebrauch der bestehenden Sprache zu klären." (35)
Wenn ich richtig sehe, sind dies die wesentlichsten der "schweren Irrtümer", die der Verfasser der "Philosophischen Untersuchungen" dem Autor des Traktats vorwirft und auf die er sich auch selbst bezieht. Ich halte daher die Behauptung einer tödlichen Rücksichtslosigkeit, mit der WITTGENSTEIN seine "ganze frühere Philosophie zerstört" haben soll und damit einzigartig in der Philosophiegeschichte dastünde, für übertrieben und - wie ich früher sagte - auch für falsch. Sicher, WITTGENSTEIN war rücksichtslos in seiner Ehrlichkeit auch gegenüber sich selbst. Wo andere über Inkonsistenzen in ihrem System einfach hinweggingen, hat er versucht, sie bloßzustellen, auszusprechen, zu beschreiben. Aber WITTGENSTEIN selbst spricht nur von schweren Irrtümern und deutet nirgends an, daß er seine ganze frühere Philosophie für verfehlt halte, und es spricht erst recht wenig oder nichts dafür, daß die späteren Positionen eo ipso [selbstverständlich, wp] die ganze frühere zerstört hätten.

Welche Gründe lassen sich für meine Meinung anführen? Kehren wir an dieser Stelle zu jenen Philosophen zurück, die die Entwicklung der Cambridger Philosophie unter dem Gesichtspunkt des logischen Empirismus betrachteten, die "neuen Gedanken" WITTGENSTEINs demzufolge als Fortsetzung und Abänderungen der Ideen des Wiener Kreises deuteten. Welche Gründe haben sie, oder besser, welche Gründe hätten sie für eine solche Auffassung anführen können? WITTGENSTEIN selbst sagt sehr deutlich in den "Untersuchungen", daß er seit 16 Jahren, also seit 1929 an diesen Problemen gearbeitet habe (36).

Folgt man diesem Hinweis, so läßt sich zeigen, daß gewissermaßen die unmittelbarsten Zeugen dieses Neubeginns, die "Philosophischen Bemerkungen", viele von den späteren Grundgedanken und Argumenten enthalten und einiges davon weniger vorsichtig formulieren, als es uns in den "Untersuchungen" begegnet. In den "Philosophischen Untersuchungen" heißt es: "Grammatik sagt nicht, wie die Sprache gebaut sein muß, um ihren Zweck zu erfüllen, um so und so auf Menschen zu wirken. Sie beschreibt nur, aber erklärt in keiner Weise, den Gebrauch der Zeichen." (37)

Und an mehreren Stellen des gleichen Werkes charakterisiert er die Art der philosophischen Untersuchung als eine hypothesenfreie, nicht empirische, kurz als eine grammatische. Dieser Gedanke findet sich im Traktat an der Stelle, wo die Notwendigkeit der Einführung der Zeichensprache abgehandelt wird: aber unter der Grammatik wird dort die logische Syntax Syntax (38) verstanden, wie sie z. B. in der Begriffsschrift FREGEs dargestellt wird. Die Interpretation dieser Syntax weist dem Satz bekanntlich die Funktion zu, die Wirklichkeit dadurch abzubilden, daß durch sein logisches Gerüst, d.h. durch seine Struktur auch die dargestellte Sachlage - der Sachverhalt - isomorph in seiner Struktur erfaßt wird.

Der Satz zeigt seinen Sinn, d.h. er zeigt, wie es sich verhält, wenn er (der Satz) wahr ist. Den Sinn eines Satzes zu verstehen, heißt dann entsprechend der oft zitierten Traktatstelle: "Wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist" (39). In dieser Stelle hat man die früheste Form eines Verifikationskriteriums des Sinnes von Behauptungssätzen diagnostiziert. Aber, wenn es auch richtig ist, daß WITTGENSTEIN eine Beziehung herstellt zwischen dem Sinn eines Behauptungssatzes und dem, was der Fall ist, wenn der Satz wahr ist, so wäre es doch unrichtig anzunehmen, WITTGENSTEIN hätte den Sinn mit der Möglichkeit der Verifikation identifiziert. Worauf WITTGENSTEIN nach eigener Aussage, nämlich in einem Brief an RUSSELL vom 19. 8. 1919 (40), den allergrößten Wert legt, ist, den kategorialen Unterschied darzulegen zwischen dem, was in der Sprache in Sätzen gesagt, und dem, was nur gezeigt werden kann.

Der Satz aber sagt nicht seinen Sinn, sondern er zeigt ihn dadurch, daß man - wenn man ihn versteht - auch weiß, was seine Wahrheitsbedingung ist oder sein müßte. Auf diesem Boden gelang WITTGENSTEIN die einflußreiche Deutung logischer Sätze als sinnloser Sätze, weil sie keine darstellende Beziehung zur Wirklichkeit haben, sondern den ganzen unendlichen logischen Raum - jede mögliche Sachlage - offen lassen. Die Möglichkeit des Aufweisens, des Sichzeigens der Wahrheitsbedingung, d.h. dessen, was eintritt, wenn der Satz wahr ist, gibt WITTGENSTEIN auch die Möglichkeit, die Grenzen der Sprache mit der Grenze der Welt zusammenfallen zu lassen. Sinnlosigkeit und davon unterschieden Unsinn liegen an bzw. jenseits der Grenze.

Wie ein Kommentar lauten dann einige der philosophischen Bemerkungen aus dem Jahre 1930, so, wenn es heißt:
"Das Wesen der Sprache aber ist ein Bild der Welt; und die Philosophie als die Verwalterin der Grammatik (sic!) kann tatsächlich das Wesen der Welt erfassen, nur nicht in Sätzen der Sprache, sondern in Regeln für diese Sprache, die unsinnige Zeichenverbindungen ausschließen." (41)
Welche Zeichenverbindungen müssen zufolge dieser kritischen Devise ausgeschlossen werden? Wieder antwortet WITTGENSTEIN im Einklang mit dem Verifikationspostulat: jene, die eine Überzeugung ob sie wahr oder falsch sind, nicht zulassen. Aber das Gedankenexperiment möglicher Sachlagen wird eingeschränkt: es genügt für ein Experiment nicht, es zu beschreiben, um aus der Beschreibung das Resultat zu entnehmen: "sondern das Experiment muß wirklich durchgeführt werden" (42). Natürlich kann man auch durch planloses Herumtappen, sozusagen auf gut Glück, etwas finden. "Dann - so fährt er fort - hat man es nicht gesucht, und das Verfahren, logisch betrachtet, war synthetisch; während Suchen ein analytischer Prozeß ist." (43)

D.h. nur dort, wo ein Problem besteht, kann das Behaupten gerechtfertigt werden. "Was man anfassen kann, ist ein Problem."(44) Man erinnert sich an die Traktatstelle, wo es heißt, daß eine Frage nur (zu Recht) gestellt werden kann, wo eine Antwort besteht, und Antworten eben als zur Klasse dessen gerechnet werden, was "gesagt werden kann" (45).

Wie aber weiß man, was zur Verifikation nötig ist? Man erwartet ein Ereignis, und dieses Erwarten stellt sich uns dar als ein Modell dieses Ereignisses. Sein Eintreffen bestätigt die Erwartung. "Wenn man das Element der Intention aus der Sprache entfernt, so bricht damit ihre ganze Funktion zusammen." (46) Die Überprüfung, Bekräftigung oder das Entkräften einer Annahme vollzieht sich innerhalb eines Systems, aus dem die Argumente, die wir zur Stützung oder Widerlegung benützen, stammen. Was aber bestätigt eine Annahme?
"Was als ausreichende Prüfung einer Aussage gilt, - gehört zur Logik. Es gehört zur Beschreibung des Sprachspiels",
heißt es in den Aufzeichnungen über Gewißheit, die WITTGENSTEIN in seinem letzten Lebensjahr niederschrieb (47). Die Feststellung, eine Aussage müsse wahr oder falsch sein, sagt noch nicht, auf welche Weise man die Aussage verifizieren kann, sie besagt nur: "es müsse eine Entscheidung für oder gegen (den Satz) möglich sein." (48) Wie wir sie tatsächlich überprüfen, hängt von der Funktion des Sprachspiels ab, d.h. zuerst davon, ob der entsprechende Satz beschreibt, erklärt, voraussagt oder fragt, kurz, wie er intendiert ist. Daß er auf verschiedene Weise überprüft werden kann, zeigt, daß er verschiedene Bedeutungen hat. Was uns die "Philosophischen Untersuchungen" vorführen, ist in dieser Perspektive die Verschiedenheit von Oberprüfungsverfahren sprachlicher Ausdrücke. Nur in der Anwendung zeigt sich die Bedeutung, wie nur ein wirkliches Experiment ein Resultat liefert.

WITTGENSTEINs Philosophie war und blieb also Sprachkritik Und die wesentlichen Bestimmungen dessen, was Philosophie als Sprachkritik zu leisten habe, bleiben im Laufe seines Schaffens unberührt. Daß die Philosophie keine Lehre ist, sondern eine Tätigkeit, daß das Resultat der Philosophie nicht in "philosophischen Sätzen", sondern im Klarwerden von Sätzen besteht, daß die Philosophie keine der Naturwissenschaften ist und sonach nicht empirisch-hypothetisch vorgeht: diese bereits im Traktat formulierten Aufgaben bleiben von der Selbstkritik nicht nur verschont, sondern werden in geringfügiger Variation in der späteren Phase wiederholt.

Die Anderung der Perspektive betrifft dabei die Bewertung der Möglichkeit und Fruchtbarkeit der Konstruktion idealer Zeichensprachen, die die Irrtümer der Umgangssprache ausschließen sollen. Hier zeigt WITTGENSTEIN nicht nur eine wachsende Skepsis gegenüber der Idee der Exaktheit solcher Sprachen, sondern findet in der Polyfunktionalität sprachlicher Außerungen auch den tieferen Grund, eine einheitliche Form aller deskriptiven Äußerungen zu leugnen. Die Wendung der Perspektive führt zur Untersuchung des tatsächlichen Gebrauchs der Wörter in der Sprache:
"Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen - Wissen, Sein, Gegenstand, Ich, Satz, Name - und das Wesen des Dinges zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort, in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück." (49)
Was durch solche Rückführung zerstört wird, ist nicht ein tieferer Sinn, den man. hinter der Oberfläche sprachlicher Außerungen zu suchen habe: "Es sind nur Luftgebäude, die wir zerstören" (50). Denn der Sinn der Äußerungen hängt ab von dem Sprachspiel, innerhalb dessen sie auftreten. Insoferne scheint es mir nicht völlig richtig, in dem Eliminationsverfahren ein Verfahren der Ausscheidung der "Bildungssprache" zu sehen, wie dies K. LORENZ (51 in seiner ansonsten weiterführenden ausgezeichneten Darstellung vorschlägt.

Es geht nicht darum, eine spezielle Sprache zu tabuieren oder zu eliminieren, sondern um die Konstitution des Sinnes von Texten durch de facto verstehbaren Gebrauch. Die Konzeption des Begriffes des Sprachspiels hat als Kernbegriff den der Bedeutung, die (entgegen einer namenstheoretischen Deutung) durch die Funktion eines Ausdrucks im Sprachspiel bestimmt wird. D. h. zunächst polemisiert WITTGENSTEIN gegen eine irreführende Bedeutungstheorie: die Bedeutung eines Ausdrucks ist nicht ein Etwas, zu dem der Ausdruck in Beziehung steht. Bei MAUTHNER kann man lesen:
"Die meisten Menschen leiden an (der) geistigen Schwäche zu glauben, weil ein Wort da sei, müsse es auch das Wort für Etwas sein; weil das Wort da sei, müsse dem Wort etwas Wirkliches entsprechen." (52)
Und WITTGENSTEIN verschärft diesen Gedanken dadurch, daß er meint, man solle überhaupt nicht nach Bedeutungen fragen, sondern nach dem Gebrauch. Genauso ist der Sinn eines Satzes "nicht pneumatisch, sondern das, was auf die Frage nach der Erklärung des Sinnes zur Antwort kommt" (53).

Wenn der Sinn eines Satzes "keine Seele" ist, dann muß man diesen Sinn auf andere Weise suchen. Dazu bedarf es zunächst der Einsicht in die Vielfalt menschlicher Sprachspiele, die ja verschiedenen Zwecken dienen. Die Philosophen - und auch theoretisierende Sprachwissenschaftler und Literaturhistoriker sind hier nicht ausgenommen - nähren sich von einseitiger Diät und verkennen, daß das nur eine Krankheit ist. So hat man z.B. die darstellende, beschreibende Funktion als grundlegend angesehen und vergessen, daß es eine Mannigfaltigkeit von Sprachspielen gibt: Befehlen, fragen, erzählen, plauschen, Geschichten erfinden, Theater spielen, Rätsel raten, bitten, danken, fluchen, grüßen, beten, Witze erzählen, Hypothesen aufstellen und überprüfen: Dies alles sind Beispiele von Tätigkeiten, die sich nicht auf ein Wesen reduzieren lassen.

Die Tätigkeit des Benennens eines Gegenstandes ist nur eine solche und keineswegs eine primäre Form. Worauf WITTGENSTEIN damit vehement aufmerksam macht, ist die Gefahr vorschneller und unverantwortlicher Verallgemeinerung, die die Geschichte der Philosophie und daher auch der Sprachphilosophie begleitet. Es gibt kein gemeinsames Wesen, das allen Sprachspielen zukäme; was es gibt, sind höchstens Ähnlichkeiten verschiedene Ähnlichkeitsrelationen zwischen verschiedenen Tätigkeiten. Indem er auf die Mannigfaltigkeit sprachlicher Leistung das Augenmerk lenkt, holt er die seit ARISTOTELES in die Rhetorik und Poetik verbannten Sprechweisen in den Gegenstandsbereich sprachphilosophischer und sprachkritischer Forschung zurück.

Die sprachkritische Absicht ist dabei vornehmlich darauf gerichtet, durch Deskription des Sprachgebrauchs einen irreführenden oder irregeführten philosophischen Gebrauch aufzuzeigen und ihn dadurch unschädlich zu machen. Wenn WITTGENSTEIN von der metaphysischen Verwendung spricht, dann meint er diesen philosophischen zum Unterschied vom gewöhnlichen Gebrauch. Aber es hieße ihn zu trivialisieren, wollte man in dieser Tendenz den Versuch sehen, den letzteren gegenüber einer möglichen Revision abzuschirmen. Sicher, so sagt er selbst, "die Philosophie läßt alles, wie es ist". Aber das heißt nur, daß sie als Sprachkritik nicht ein reformatorisches Unternehmen, sondern ein deskriptives ist, das den Leerlauf der Sprache aufzeigen soll, der dadurch erzeugt wird, daß die Regeln, die die Grenze der Sprache mitbestimmen, verletzt werden.

Es ist jedoch ein grober Interpretationsirrtum, diese Tätigkeit der sprachkritischen Problemauflösung als den systematischen Aufbau einer empirischen Theorie zu deuten. Der Verifikationismus, auf den sich WITTGENSTEIN beruft, ist zwar empirisch, insofern er beschreibbare Phänomene und nicht selbst einleuchtende "Offenbarungen" (54) als verifizierende Instanzen beansprucht. Aber diese Instanzen liegen in der Kompetenz des Sprechers, der eine Sprache gelernt hat, und sind ohne den Einbezug der pragmatischen Dimension nicht deutbar.

Damit ist die Richtung angedeutet, die eine Rekonstruktion auch der WITTGENSTEINschen Sprachphilosophie zu gehen hat. Wir müssen nämlich in die Analyse der Sprache und des Verstehens der Sprache nicht nur den Kontext der Sprache, sondern auch den nicht-sprachlichen Kontext der Handlungssituation einbeziehen. Ohne das Bezugssystem gemeinsamer menschlicher Handlungsweise können wir uns nicht nur keine fremde, sondern überhaupt keine Sprache deuten. Dies scheint mir die anthropologische Fundierung der Sprachkritik: daß am Anfang nicht das Wort, sondern die Tat steht.
LITERATUR - Rudolf Haller in Sprachthematik in der österreichischen Literatur des 20 Jahrhunderts, Institut für Österreichkunde (Hrsg), Wien 1974
    Anmerkungen
    31) RÜDIGER BUBNER, Die Einheit in Wittgensteins Wandlungen. In: Philosophische Rundschau, 15. Jg. (1968). Vgl. zum folgenden auch: KUNO LORENZ, Elemente der Sprachkritik, Frankfurt 1970
    32) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen I, Seite 43
    33) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen I, Seite 108
    34) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen I, Seite 107
    35) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Grammatik VI, p. 72
    36) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen, Vorwort
    37) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen 1, p. 496
    38) LUDWIG WITTGENSTEIN, Tractatus 3.325
    39) LUDWIG WITTGENSTEIN, Tractatus 4.024
    40) zitiert bei ELISABETH ANSCOMBE, An Introduction to Wittgenstein’s Tractatus, London 1959 Seite 161
    41) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Bemerkungen, Hrsg. von RUSH RHEES, Schriften 2, Frankfurt 1964, Seite 85
    42) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Bemerkungen, Seite 132. Vgl. MAX BLACK, Verifications and Wittgenstein’s Reflections on Mathematics. In: Wittgenstein et le Probleme d’une Philosophie de la Science, Paris 1970, Seite 138ff.
    43) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Bemerkungen, Seite 132
    44) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Bemerkungen, Seite 177
    45) LUDWIG WITTGENSTEIN, Tractatus 6.51
    46) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Bemerkungen, Seite 63
    47) LUDWIG WITTGENSTEIN, Über Gewißheit, Hrsg. von G.E.M. ANSCOMBE und GEORG HENRIK von WRIGHT, Frankfurt 1970, Nr. 82. - Vgl. auch R. HALLER, Über das sogenannte Münchhausen-Trilemma
    48) LUDWIG WITTGENSTEIN, Über Gewißheit, Nr. 200
    49) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen 1, Seite 116
    50) KUNO LORENZ, op. cit. Seiten 123, 113 u. ö., vgl. auch DAVID PEARS, op. cit., Seite 120 f.
    51) LUDWIG WITTGENSTEIN , Philosophische Untersuchungen 1, Seite 118
    52) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Seite 158 f.
    53) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Grammatik VI, Seite 84
    54) LUDWIG WITTGENSTEIN, Über Gewißheit, Nr. 172