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Eine Attacke auf den Skeptizismus
1. Ist der Skeptizismus widerspruchsfrei? Das ist ein sehr alter Einwand, der schon gegen die frühesten griechischen Skeptiker erhoben wurde. Und wenn er richtig ist, dann ist er ein durchschlagender Einwand. Eine selbstwidersprüchliche Position kann nicht wahr sein, und wenn der umfassende Skeptizismus nicht wahr sein kann, dann können wir ihn vergessen. Die griechischen Skeptiker suchten diesem Einwand zu begegnen, indem sie ihre Position so formulierten, daß sie aufhört, selbstwidersprüchlich zu sein. Sie fanden zwei Weisen, das zu tun. Die erste war die, den Skeptizismus als die Auffassung zu formulieren, daß man nichts wissen kann außer der Tatsache, daß man nichts wissen kann, und daß nichts bewiesen werden kann außer der Tatsache, daß man nichts beweisen kann. Diese Version des Skeptizismus wurde später "akademischer Skeptizismus" genannt, nicht, weil sie "nur akademischen" Charakter hatte, sondern weil sie die Art des Skeptizismus war, die man in PLATONs Akademie in Athen gelehrt haben soll. Historisch ist sie verbunden mit PLATONs Lehrer SOKRATES, der behauptet hat, daß das Einzige, was wir wissen können, die Tatsache ist, daß wir nichts anderes wissen und daß es wichtig ist, das zu wissen. Der akademische Skeptizismus sieht wie ein Trick aus, und gewissermaßen ist er dies auch. Aber es ist wichtig zu erkennen, daß es ein erfolgreicher Trick ist. Der Einwand war, der Skeptizismus sei selbstwidersprüchlich und er sei daher nicht widerspruchsfrei zu formulieren. Der Trick des akademischen Skeptikers zeigt, daß das nicht der Fall ist: durch eine geringfügige Umformulierung, die für den Skeptizismus selbst eine Ausnahme macht, bekommen wir eine Position, die, was immer man sonst über sie sagen kann, zumindest widerspruchsfrei ist. Die offenkundige Frage in Bezug auf den akademischen Skeptizismus ist nur die folgende: Wenn eine Sache auf irgendeine Weise gewußt werden kann, warum können dann nicht andere Sachen in ähnlicher Weise gewußt werden? Aber das ist eine knifflige Angelegenheit: wenn irgendetwas anderes gewußt werden kann, dann ist der akademische Skeptizismus falsch, denn er sagt, daß nur der akademische Skeptizismus gewußt werden kann, und wenn er falsch ist, dann kann er ebenfalls nicht gewußt werden, denn wir können nicht etwas wissen, was falsch ist. Hier berühren wir die Eigentümlichkeiten, die daraus resultieren, daß Aussagen sich unter anderem auf sich selbst beziehen. Andere griechische Skeptiker hatten nichts für den akademischen Skeptizismus übrig: sie nannten ihn "negativen Dogmatismus" und sagten, daß er überhaupt keine konsequente Form des Skeptizismus ist. Sie zogen es vor, den Skeptizismus umzuformulieren als die Auffassung, daß man nichts wissen kann, nicht einmal die Tatsache, daß man nichts wissen kann, und daß man nichts beweisen kann, nicht einmal die Tatsache, daß man nichts beweisen kann. Diese Version des Skeptizismus nannte man später nach dem Skeptiker PYRRHON, der ihn gegründet hat, "pyrrhonischen Skeptizismus". Der pyrrhonische Skeptizismus sieht ebenfalls wie ein Trick aus, und er ist es auch. Aber er ist auch wieder ein erfolgreicher Trick, denn er formuliert den Skeptizismus in einer logisch widerspruchsfreien Weise. Der Einwand, der Skeptizismus könne nicht widerspruchsfrei formuliert werden, scheint tatsächlich kein sehr entscheidender zu sein, wenn wir ihm mit geringfügigen Umformungen begegnen können, die den Kern der attackierten Position bewahren. Aber bewahrt der pyrrhonische Skeptizismus tatsächlich den Kern des Skeptizismus? Wenn die Pyrrhonistin nicht beweisen kann, daß sie recht hat, warum sollten wir uns ihretwegen den Kopf zerbrechen und nicht stattdessen den Dogmatismus akzeptieren? Die traditionelle skeptische Antwort auf Fragen wie diese funktioniert so, daß sie die Waffen des Gegners benutzt, um ihn zu schlagen, ohne zu glauben, daß diese Waffen besonders wirksam sind. Dogmatiker glauben, daß Argumente irgendetwas begründen können. Skeptiker zeigen dagegen, daß Argumente - wie zum Beispiel das Argument des unendlichen Regresses - genau so gut zeigen, daß nichts begründet werden kann. Die wahre Skeptikerin stellt ihre Argumente keineswegs über die des Dogmatikers, und sie meint auch nicht, daß sie etwas begründen kann, während der Dogmatiker nicht dazu imstande ist. Sie sagt einfach, daß der Skeptizismus, wenn wir die Verfahrensweisen des Dogmatikers einmal um des Arguments willen akzeptieren, eine ebenso vernünftige Position wie der Dogmatismus ist, und zwar nach den Maßstäben des Dogmatikers. Andererseits kann der wahre Dogmatiker diese Auffassung niemals akzeptieren. PYRRHONs Nachfolger SEXTUS EMPIRICUS setzte sich mit dem Einwand auseinander, die Skeptikerin widerspreche sich selbst, wenn sie versuche zu beweisen, daß man nichts beweisen kann. Er beantwortete ihn, indem er den Gebrauch, den die Skeptikerin von der Beweismethode des Dogmatikers macht, mit unserem Gebrauch einer Leiter verglichen hat, um einen höheren Platz zu erreichen: Nachdem man die Leiter hinaufgeklettert ist, kann man sie wegstoßen:
Verlassen wir nun die Metapher vom Wegstoßen der Leiter, nachdem man sie erklettert hat, und kommen zurück zum Hauptpunkt. Wir haben einen logischen Einwand gegen den umfassenden Skeptizismus betrachtet, nämlich daß er nicht widerspruchsfrei zu formulieren ist, und haben gesehen, auf welche Weise die Skeptiker ihm zu begegnen suchten. Nun kann es sein, daß die skeptische Antwort nicht überzeugend ist. Das würde aber nicht viel ausmachen, denn, wie ich oben erwähnt habe, gibt es nur wenige umfassende Skeptiker. Die meisten Skeptiker sind skeptisch in Bezug auf irgendeine besondere Art des Wissens, während sie in Bezug auf andere Arten weit von einer skeptischen Auffassung entfernt sind. Umfassender Skeptizismus ist eine extreme Position, die durch eine Kombination der beschränkten Formen des Skeptizismus konstruiert werden kann, die tatsächlich vertreten wurden. Und selbst wenn es sich herausstellen sollte, daß der totale Skeptizismus aus logischen Gründen zurückgewiesen werden kann, dann hätten wir dennoch die weniger extremen skeptischen Anschauungen ernst zu nehmen, aus denen er zusammengesetzt ist. unpraktisch? Es gibt einen anderen, sehr alten Einwand gegen den Skeptizismus, der besagt, daß die Skeptikerin, gleichgültig, was sie sagt, ihre Philosophie selbst nicht ernst nehmen und nach ihr leben kann. Denn man sehe sich an, was das heißen würde. Die Skeptikerin behauptet, wir könnten nicht sicher wissen, daß das nächste Stück Brot, das wir essen, uns nähren und der Teller, auf dem es liegt, uns nicht nähren wird. Daher sollte die konsequente Skeptikerin, wenn ihr belegte Brote auf Tellern angeboten werden, ebenso oft in die Teller wie in die Brote beißen. Ebenso behauptet die Skeptikerin, die ein hohes Gebäude verlassen will, wir könnten nicht sicher wissen, daß es ungefährlich ist, den Aufzug zu benützen, während es sehr ungesund wäre, aus dem Fenster zu springen. So sollten wir also regelmäßig Skeptiker antreffen, die aus den Fenstern springen, um auf die Straße zu kommen. Einer der konsequentesten Skeptiker scheint PYRRHON gewesen zu sein. BERTRAND RUSSELL erzählt eine hübsche Geschichte über ihn:
Diese Geschichten sind nur geeignet, den Einwand zu verstärken, man könne nicht konsequent skeptischen Prinzipien anhängen und sehr lang leben. Aber die griechischen Skeptiker rechtfertigten die Handlungen der Schüler PYRRHONs in folgender Weise: Jeden Tag müssen wir alle zahllose Entscheidungen treffen, um in einer Weise statt in einer anderen zu handeln. In jeder Gesellschaft gibt es bestimmte übliche Verhaltensweisen: In unserer Gesellschaft ist es Sitte, das belegte Brot zu essen und nicht den Teller, auf dem es serviert wird, den Aufzug zu nehmen, um auf die Straße zu kommen und nicht aus dem Fenster zu springen usw. Nun gibt es nichts, was die Skeptikerin hindern könnte, da sie sich nun einmal irgendwie verhalten muß, sich in der üblichen Weise zu verhalten. Und das pflegen die Skeptiker dann auch zu tun. Der Unterschied zwischen dem Dogmatiker und der Skeptikerin liegt daher nicht in der Art, wie sie sich verhalten, sondern darin, ob sie meinen, die üblichen Verhaltensweisen könnten als richtig erwiesen werden. Der Dogmatiker beansprucht zu wissen, daß ihn das belegte Brot nährt und nicht der Teller. Auch die Skeptikerin ißt das belegte Brot, aber ohne einen solchen Anspruch auf Wissen. Einer von PYRRHONs Anhängern schreibt:
relevant? An diesem Punkt wird man wahrscheinlich ungeduldig werden. Und die Ungeduld führt zu einem weiteren Einwand, nicht so sehr gegen den Skeptizismus als gegen das ganze Unternehmen, mit dem wir beschäftigt sind. Wenn der Dogmatiker und die Skeptikerin sich in derselben Weise verhalten, wenn sie die gleichen Dinge in gleichen Situationen tun, inwiefern ist es dann relevant, wer von beiden recht hat? Ist nicht der ganze Disput bloß akademisch und daher unwichtig? Das ist ein ernster Einwand. Er kann auf zwei Ebenen beantwortet werden. Erstens könnte man mit der impliziten Annahme unzufrieden sein, daß "nur akademische" Fragen unwichtig sind und daher nicht wert, daß man sich darüber Gedanken macht. Daß man diese Auffassung in Bezug auf andere Disziplinen als die Philosophie vertritt, ist weniger wahrscheinlich. Kosmologen sind zum Beispiel an der Frage interessiert, ob das Universum vor langer Zeit in einem sogenannten "Ur-Knall" entstanden ist oder obe es in einem "stabilen Zustand" immer schon bestanden hat. Ich habe den Eindruck, daß gegenwärtig das Tatsachenmaterial die erste der beiden Ansichten begünstigt. Nun ist dies eine rein akademische Frage, und zwar in dem Sinne, daß es keinen Unterschied für unser alltägliches Verhalten macht, welche Antwort die richtige ist. Aber man hört doch selten die Aufforderung an die Vertreter der Kosmologie, sie sollten aufhören, sich ihren Kopf über diese Frage zu zerbrechen. Bei der Frage des Dogmatismus und des Skeptizismus geht es, so könnte man sagen, um ein in dieser Hinsicht ähnliches Problem. Es würde schön sein zu wissen, ob wir irgendetwas sicher wissen können, auch wenn die Antwort keinen Unterschied machen würde für die Weise, in der wir uns im Alltag verhalten. Aber ist unser Problem wirklich ein "nur akademisches" Problem, das keinen praktischen Unterschied macht?`Das bringt mich zur zweiten Ebene, auf der diesem Einwand begegnet werden kann. Es macht nämlich doch einen Unterschied, ob man ein Dogmatiker oder eine Skeptikerin ist. Ein Weg, das zu sehen, ist zu erkennen, daß die üblichen Weisen des Verhaltens nicht immer und überall dieselben sind. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der es Sitte ist, andere Leute nicht zu verspeisen, und in der einige Leute zu wissen meinen, daß es falsch ist, Leute zu verspeisen, und daß jeder, der es tut, zur Strafe auf ewig das Feuer der Hölle erdulden muß. Vielleicht leben wir in seiner solchen Gesellschaft, vielleicht auch nicht. Stellen wir uns nun weiter vor, daß ein Dogmatiker und eine Skeptikerin aus dieser Gesellschaft eine andere Gesellschaft besuchen, in der es Sitte ist, Leute zu verspeisen. Wie werden sich die beiden in dieser neuen Umgebung verhalten? Der Dogmatiker, der in seinem Wissen sicher ist, daß es falsch ist, Leute zu verspeisen, und daß es die furchtbarsten Konsequenzen im Jenseits hat, wird sicherlich die Leute von der Irrtümlichkeit ihrer Lebensweise zu überzeugen suchen. Und wenn er zufällig dazu kommen sollte, die Verantwortung für diese Gesellschaft zu übernehmen und Macht über ihre Mitglieder zu erlangen, wird er sicherlich versuchen, sie mit Gewalt zu zwingen, in ihrem eigenen besten Interesse das Verspeisen von Leuten aufzugeben. Die Skeptikerin, andererseits, wird zur Kenntnis nehmen, daß die Sitten und Gebräuche in der anderen Gesellschaft verschieden sind, und sie wird, indem sie mit den Wölfen heult, anfangen, selbst andere Leute zu verspeisen. Das Beispiel ist zwar weit hergeholt, aber nicht der Punkt, den es illustriert. Es gab Institutionen wie die Inquisition, die Leute gezwungen haben, und zwar, wie man dachte, in ihrem eigenen besten Interesse, bestimmte religiöse Überzeugungen anzunehmen. Skeptiker pflegen keine Inquisition zu veranstalten. Der französische Skeptiker MONTAIGNE lebte in einer Stadt, in der die lokalen Funktionäre der Inquisition damit beschäftigt waren, Frauen als Hexen anzuklagen, unter Anwendung altehrwürdiger Methoden zu beweisen, daß sie Hexen sind und sie zu verbrennen. MONTAIGNEs Kommentar dazu lautete: "Es heißt unsere Vermutungen sehr hoch einzuschätzen, wenn man auf ihrer Grundlage Leute röstet." Nun ist es gut, sich daran zu erinnern, daß die berüchtigte Inquisition nicht die einzige war. Es hat im Laufe der Geschichte viele Inquisitionen gegeben, und es gibt immer noch welche: Eine Inquisition ist jede Institution, die Leute verfolgt, weil sie in Religion, Moral oder Politik Dinge glauben, von denen man weiß, daß sie falsch und böse sind. Nur Dogmatiker veranstalten Inquisitionen. Und wir sollten uns auch daran erinnern, wieviele Kriege in der menschlichen Geschichte religiöse Kriege waren, geführt von Leuten, die die Wahrheit wußten und die ihre Gegner vom Irrtum ihres Weges zu überzeugen suchten. Es gibt sogar so etwas wie eine philosophische Rechtfertigung für die Verfolgung von Leuten wegen Überzeugungen, die wir als irrtümlich ansehen. Es ist eine Rechtfertigung, die nur für Dogmatiker verfügbar ist und deren Kern in dem Schlagwort enthalten ist "Unkenntnis ist Sünde". Wie konnte jemand auf den Gedanken kommen, daß es eine Sünde ist, etwas nicht zu wissen oder es falsch verstanden zu haben? Nehmen wir einmal an, wir glauben, daß die Wahrheit sicher gewußt werden kann. Es soll vielleicht eine Methode geben, mit deren Hilfe man die Wahrheit sicher erkennen kann. Wenn diese Methode jedem von uns zugänglich ist, dann können wir alle sie anwenden, um herauszufinden, was die Wahrheit ist. Wie sollen wir dann die Tatsache erklären, daß manche Leute die in Frage kommenden Wahrheiten nicht kennen oder daß sie falsche Überzeugungen über die betreffenden Dinge haben? Die Antwort kann nur lauten, daß sie nicht die richtige Methode angewandt haben? Und wenn unsere Unkenntnis oder unsere Irrtümer unsere eigene Schuld sind, dann sind die anderen berechtigt, uns für sie zu bestrafen. Wie wir später sehen werden, haben sich die Dogmatiker oft auf die merkwürdige Aufgabe eingelassen zu erklären, wie wir Fehler machen. Dieses "Problem des Irrtums", wie es genannt wird, geht nur auf den Dogmatismus zurück: Nur diejenigen, die glauben, es gebe eine Methode zur Aufspürung der Wahrheit, sind verpflichtet zu erklären, warum wir nicht immer die Wahrheit finden. Und die "Theorien des Irrtums", die zur Lösung dieses Problems vorgebracht wurden, sind alle "Verschwörungstheorien des Irrtums", wie POPPER sie nannte. Sie behaupten, daß ein Irrtum stets die Schuld derjenigen ist, die ihn begehen. Skeptiker, die nicht an sicheres Wissen glauben und daher leugnen, daß es einen Königsweg dahin gibt, haben das Problem der Erklärung des Irrtums nicht. Diese Verschwörungstheorien des Irrtums mit ihrem Schlagwort, daß Irrtum und Unkenntnis Sünde sind, liefern die philosophische Rechtfertigung für Inquisitionen, religiöse Kriege und alle anderen Praktiken der Verfolgung von Leuten wegen ihrer Fehler oder dessen, was man für ihre Fehler hält. Man kann also die These vertreten, der Disput zwischen Dogmatismus und Skeptizismus sei keineswegs ein "nur akademischer" Disput, der keinen praktischen Unterschied macht. BERTRAND RUSSELL hat einmal einen populären Aufsatz geschrieben mit dem Titel Über den Wert des Skeptizismus". Der Aufsatz beginnt folgendermaßen:
Zunächst möche ich mich gegen die etwaige Vermutung verwahren, ich nähme einen extremen Standpunkt ein ... Der von mir vertretene Skeptizismus läuft kurz gesagt auf Folgendes hinaus: 1. Sind die Fachleute einig, kann die gegenteilige Ansicht nicht als sicher gelten; 2. stimmen sie nicht überein, kann ... keine Ansicht als sicher betrachtet werden; 3. meinen alle, daß keine ausreichenden Gründe für eine positive Ansicht sprechen, wartet der gewöhnliche Sterblich am besten mit seinem Urteil ab. Die Sätze klingen ganz harmlos, würden aber, wenn sie allgemein anerkannt werden, eine völlige Umwälzung des menschlichen Lebens zur Folge haben. Diejenigen Anschauungen, für welche die Menschen zu kämpfen und andere zu verfolgen bereit sind, gehören alle zu einer der drei Arten, die dieser Skeptizismus verwirft." (Russell, a. a. o., Seite 9f) Man kann also die These vertreten, daß eine gesunde Dosis an Skeptizismus die Welt zu einem glücklicheren Platz machen würde - und die Skeptiker haben stets diese These vertreten. Die griechsischen Skeptiker sind sogar darüber hinaus gegangen. Sie haben behauptet, man werde dadurch, daß man Skeptiker wird, ein glücklicherer Mensch. Die Skeptikerin jagt nicht hinter dem Irrlicht der Gewißheit her und macht sich elend, weil sie es nicht erreicht oder weil sie sieht, daß andere Leute ihre Meinungen nicht teilen und gegen sie argumentieren. Stattdessen ist es das Ziel der skeptischen Argumente, einen Punkt zu erreichen, wo man das Urteil über alle Fragen - oder über alle strittigen Fragen, wenn man kein totaler Skeptiker ist - suspendiert. Und es wurde die interessante psychologische Behauptung aufgestellt, daß diese Suspendierung [Enthaltung - wp] des Urteils zum Seelenfrieden und zum Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks führt. Die griechischen Skeptiker behaupteten, ihre Philosphie bringe diesen Seelenfrieden oder diese Seelenruhe, während der Dogmatismus nur dazu führt, daß man sich unglücklich fühlt. Ich weiß nicht, ob die psychologische Behauptung der Skeptikerin wahr ist. Und wie kommt sie überhaupt dazu, solche Behauptungen aufzustellen? Dagegen kann man das Argument vorbringen, daß man nicht damit glücklich sein wird, das Urteil über eine Frage in der Schwebe zu lassen, wenn man unbedingt die richtige Antwort auf sie zu wissen wünscht. Aber das Problem illustriert jedenfalls eine andere Weise, in der unser Disput einen praktischen Unterschieden machen könnte. |