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Vergleichung des Skeptizismus und des kritischen Idealismus
Auf dieser bloßen Subjektivität unserer Erkenntnis beruth aber die ganze skeptische Philosophie, das ist ihr wahres Wesen, und wenn darin die kritische Philosophie mit ihr übereinstimmt, so kann sie sich unmöglich versprechen, die skeptische zu widerlegen. Auch scheinen sich über diesen Punkt Herr KANT und Herr REINHOLD geradezu zu widersprechen. Der erstere behauptet von der kritischen Philosophie, daß sie imstande ist, den Skeptizismus zu widerlegen; der letztere hingegen nennt diese Philosophie selbst skeptisch, und er unterscheidet bloß in seinem berühmten Resultat ihren Skeptizismus, den er den kritischen nennt, vom älteren Skeptizismus, den er den dogmatischen nennt. Ein dogmatischer Skeptizismus des PYRRHO und HUME ist aber ein völliges hölzernes Eisen (1) ; wenn also die kritische Philosophie den Skeptizismus enthält, so muß sie ihn ebenso enthalten, wie die Philosophie des PYRRHO unter den Alten, und des HUME unter den Neueren. Die gänzliche Subjektivität unserer Erkenntnis haben beide miteinander gemein; diese ist aber der Grund des pyrrhonischen Skeptizismus; die kritische Philosophie ist also so weit entfernt, diesen widerlegen zu können, daß sie vielmehr notwendig zu demselben führen muß. Die kritische Philosophie stimmt, wegen ihrer Theorie von der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis, völlig mit dem pyrrhonischen Skeptizismus in der Lehre von der Ungewißheit derselben überein. Denn
2. hat die kritische Philosophie mit der skeptischen die Theorie von der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis gemein. Um die Allgemeinheit und Notwendigkeit einer Erkenntnis zu beweisen, muß bewiesen werden, daß sie, sobald sie den gehörigen Grad der Deutlichkeit hat, in allen erkennenden Subjekten einerlei sein muß. Diese Identität der Erkenntnis folgt aber nur aus der Identität ihrer objektiven Gründe. Daß jeder endliche Verstand notwendig fehlbar sein muß, und daß diese Wahrheit von jedem, der sie sich deutlich denkt, erkannt werden muß, folgt bloß daraus, daß er sich einerlei Objekt denkt, durch dessen Begriff das Prädikat bestimmt wird, und daß dieses Prädikat nicht allem zukommen muß, was unter dem Begriff des Subjekts im Urteil enthalten ist. Der vermeintliche allgemeine Erfahrungssatz hingegen, den man lange Zeit für wahr gehalten hat: alle himmlischen Körper sind selbstleuchtend, ist nicht allgemein wahr, weil die Gründe seiner Wahrheit nur bei einigen dieser Körper im Objekt, bei anderen aber nur in dem Subjekt sind, welches in seinem Standort, das eigene Licht von dem bloß zurückgeworfenen nicht unterscheiden kann. Da aber dieser Standort zufällig ist, und der Anschauer auch an einem Ort sein kann, wo er die Opazität [Lichtundurchlässigkeit - wp] eines Himmelskörpers erkennt; so ist die Wahrheit des Satzes nur zufällig. Solange man ihn noch für allgemein wahr gehalten hat, glaubte man auch, daß die Gesichtsempfindung, worauf man seine Wahrheit gründete, objektive Gründe hat, und daß er also notwendig und für alle wahr ist. Man urteilte also mit Recht, daß, was allgemein wahr sein soll, auch objektiv sein muß, und daß es erst dann notwendig und für alle wahr sein kann. Solange also der Grund der Wahrheit nicht im Objekt ist, und bei den Vernunftwahrheiten nicht aus dem deutlichen Begriff des Objekts erkannt wird; solange folgt daraus, daß ich bloß etwas als wahr erkennen, schlechterdings nicht, daß es von jedem denkenden Subjekt muß für wahr gehalten werden. Denn ich habe keinen Grund, anzunehmen, daß die Gründe, die meine Erkenntnis bestimmen, notwendig auch in Anderen sein müssen. Daß sie das sein müssen, könnte ich nur aus ihrer objektiven Notwendigkeit beweisen, sie müßten in mir deswegen sein, weil sie ansich objektiv notwendig sind. Ich kann die subjektive Notwendigkeit des Satzes vom zureichenden Grund für alle denkenden Wesen nicht anders beweise, als wenn ich zeige, daß dieser Satz ansich und objektiv notwendig wahr ist, und daß ihm daher alle Dinge, und folglich auch die Erkenntnis aller denkenden Subjekte, gemäß sein muß. Es ist also augenscheinlich, daß die Wahrheit keines allgemeinen Urteils anders, als um seiner objektiven Wahrheit willen stattfinden kann. Ist folglich alle Erkenntnis bloß subjektiv: so ist kein Urteil einer allgemeinen Gewißheit fähig; die Parallelogramme von gleicher Höhe und Grundlinien, welche ich mir denke, sind zwar einander gleich; aber die, welche sich mein Nachbar vorstellt, können sehr wohl ungleich sein, und folglich kann ich nicht gewiß erkennen, daß alle diese Parallelogramme einander gleich sind. Soll ich das gewiß erkennen: so muß ich annehmen, daß die Wahrheit dieses Satzes im Begriff des Objekts begründet ist. Wenn also alle unsere Erkenntnis bloß subjektive Gründe hat: so kann sie keine gewisse Erkenntnis allgemeiner Wahrheiten sein. pyrrhonischen Skeptizismus Darin aber besteht das Wesen des Skeptizismus. Er ist diejenige Philosophie, welche die Gewißheit unserer allgemeinen Erkenntnis leugnet, und er leugnet sie, weil er behauptet, daß unsere Erkenntnis bloß subjektiv ist, oder bloß subjektive Gründe hat. Er behauptet also, daß keine bloß subjektive Erkenntnis allgemein wahr sein kann. In dieser Folgerung hat der Skeptizismus, wie wir eben gesehen haben, vollkommen Recht; und man sieht also, wie genau und richtig WOLFF den Skeptizismus dadurch charakterisiert, daß er, aus Furcht sich zu irren, im Allgemeinen weder etwas bejaht, noch verneint (4). Der Hauptgrund des pyrrhonischen Skeptizismus ist also: Es gibt keine gewisse allgemeine Erkenntnis, weil es keine gewisse Erkenntnis der Objekte gibt. Das läßt sich aus folgenden Gründen beweisen. 1. Sie ließen die Wahrheit der einzelnen Empfindungen zu, darüber rechtfertigt sie SEXTUS EMPIRICUS in einem eigenen Kapitel (5). Der Skeptiker zweifelte nicht, wenn er seine Hand an ein Feuer brachte, daß ihn dieses Feuer brennt, und daß dieser Brand schmerzt, aber er getraute sich nicht, im Allgemeinen zu behaupten: alles Feuer brennt; oder - in einem Beispiel, das SEXTUS selbst anführt - er zweifelte nicht, daß ihm ein Stück Honig süß schmeckt, aber er wagte nicht zu sagen, daß es süß ist und daß folglich aller Honig süß schmecken muß. Sie zweifelten also an der Allgemeinheit der Erkenntnis, weil sie an ihrer objektiven Wahrheit zweifelten; sie hielten daher ihre objektive Wahrheit von ihrer Allgemeinheit unzertrennlich; die letztere war ihnen ohne die erstere unmöglich; und darin hatten sie völlig Recht. Dieser Satz war die Seele ihrer Philosophie: ohne objektive Wahrheit ist keine Allgemeinheit der Erkenntnis möglich. Das beweisen 2. ihre Mittel der Suspension; denn so wage ich es die tropoi epoches [Weisen der Urteilsenthaltung - wp] zu übersetzen. Von diesen hatte PYRRHO selbst ein eigenes Werk geschrieben, woraus DIOGENES LAERTIUS und SEXTUS EMPIRICUS beide geschöpft zu haben scheinen; denn sie kommen oft selbst in den Beispielen über diese Materie miteinander überein. Diese Mittel der Suspension waren nun nichts anderes, als Gründe gegen die Allgemeinheit eines Urteils, die aus der subjektiven Verschiedenheit der vorstellenden Subjekte hergenommen sind. Wenn jemand z. B. behauptete: alles Wasser, das über dem Feuer gestanden hat, ist warm; so machten sie diesen allgemeinen Satz mit ihrem vierten Suspensionsmittel ungewiß. Sie sagten: du fühlst es war, das hat aber bloß seinen Grund in der gegenwärtigen Disposition deines Körpers, welcher kalt ist; einem andern, dessen Körper warm ist, wird es kalt erscheinen. Dieser Einwurf gegen die Allgemeinheit eines Urteils konnte keine Bündigkeit haben, wenn sie nicht voraussetzten, daß sie gänzlich von der objektiven Wahrheit der Erkenntnis abhängt. Daß endlich 3. die Skeptiker die Ungewißheit der allgemeinen Erkenntnis aus ihrem Mangel an Erkenntnis der objekte bewiesen, sieht man aus dem Paradox, bei welchem so mancher schon gestutzt hat, daß selbst der Satz: alles ist ungewiß, nicht gewiß ist. Bei DIOGENES LAERTIUS (6) wird daher dieser Satz mit einer Purganz [Abführmittel - wp] verglichen, "welche, nachdem sie die Krankheitsmaterie abgeführt hat, zuletzt selbst mit fortgeht." Das ganze Paradox wollte aber nichts weiter sagen, als: die Objekte selbst sind ansich nicht ungewiß, sondern bloß unsere Erkenntnis von denselben ist es; denn diese hat, so viel wir wissen, bloß subjektive Gründe, und da diese Gründe bei den verschiedenen Subjekten verschieden sind, so können wir keinen Satz weder allgemein bejahen, noch allgemein verneinen; dies könnten wir nur, wenn unsere Erkenntnis objektive Wahrheit hätte. Wir können jedoch auch die Unmöglichkeit der Erkennbarkeit der Objekte nicht beweisen; wir haben daher auch keinen Grund zu behaupten, daß wir nie eine allgemeine Wahrheit mit Gewißheit erkennen werden. Ich darf es also als erwiesen ansehen, daß die Skeptiker die Ungewißheit der allgemeinen Erkenntnis aus der Ungewißheit ihrer objektiven Wahrheit hergeleitet haben. Wenn darin das Wesen des Skeptizismus besteht, so ist es ebenso gut zu beweisen, daß die kritische Philosophie ihn nicht nur nicht widerlegen kann, sondern daß sie vielmehr völlig mit ihm übereinstimmt, und in ihren Grundsätzen selbst noch weiter geht. Um uns davon zu überzeugen, dürfen wir uns nur an ihre Theorie von der apodiktischen Gewißheit erinnern. Die kritische Philosophie hält die Mathematik für eine Wissenschaft apodiktisch-gewisser Wahrheiten. Sie erfordert aber zur apodiktischen Gewißheit Anschauungen a priori, in der Geometrie die reine Anschauung des Raums. Wenn also die Wahrheiten der Geometrie allgemeine Wahrheiten sein sollen, so muß die Notwendigkeit, sich die Gegenstände der äußeren Sinne im Raum vorzustellen, eine objektive sein. Sie ist aber in der kritischen Philosophie nur eine subjektive.
Wenn daher die kritische Philosophie mit dem Beweis der Notwendigkeit und Allgemeinheit ihrer Erkenntnis ins Gedränge kommt; so muß sie den Beitrag der Anschauungen zu der apodiktischen Gewißheit der allgemeinen Wahrheiten der Geometrie aufgeben. Sie sagt alsdann:
Es ist also augenscheinlich, daß die kritische Philosophie, sofern sie zur apodiktischen Gewißheit sinnliche Anschauungen erfordert, die Allgemeinheit und unbedingte Notwendigkeit der geometrischen Wahrheiten nicht beweisen kann, daß sie sie folglich erschleichen muß; es ist augenscheinlich, daß ihre Prinzipien dieser Allgemeinheit und unbedingten Notwendigkeit ebenso stark und unüberwindlich entgegenstehen, als die Prinzipien der skeptischen Philosophie der Allgemeinheit unserer Erkenntnis überhaupt. In Anbetracht der reinen Vernunftwissenschaften ist sie ohnehin durch nichts vom Skeptizismus verschieden; ja sie geht noch einen beträchtlichen Schritt weiter als dieser; indem sie die Erkenntnis dieser Wissenschaften für völlig unmöglich erklärt, jedoch die skeptische Philosophie dieser Erkenntnis die Möglichkeit nicht abspricht, und auch in diesem Stück konsequenter ist, als die kritische. All das ist nach der Theorie des Vorstellungsvermögens nicht anders. Nach dieser Theorie sollen aus dem Bewußtsein die allgemein geltenden oder wenigstens allgemeingültigen Urteile hergeleitet werden, daß alle Vorstellungen einen Stoff, eine Form, ein Subjekt und ein Objekt haben müssen. Soll das allgemein gültig oder allgemein wahr sein: so kann es nicht bloß aus meinem gegenwärtigen individuellen Bewußtsein, das ich eben jetzt zergliedere, hergeleitet werden; denn ich kann es mit nichts beweisen, ich muß es erschleichen, daß es von jedem Bewußtsein, und von jedem Bewußtsein jedes Menschen wahr ist, und notwendig wahr sein muß. Die allgemeine Wahrheit dieser Urteile kann nur aus objektiven Gründen im Bewußtsein bewiesen werden. Eine Vorstellung ist etwas, das einen Grund in dem haben muß, worin es ist, es ist eine Bestimmung von Etwas, und dieses Etwas ist sein Subjekt, es muß einen äußeren Grund haben, und das ist sein Objekt, es muß sich von einem anderen Bewußtsein durch etwas unterscheiden, und das ist sein Stoff. Die Allgemeinheit dieser Sätze also: eine jede Vorstellung muß ein Subjekt, ein Objekt, eine Form und einen Stoff haben, - kann nur aus objektiven Gründen bewiesen werden mit Hilfe der allgemeinen objektiven Wahrheit des Satzes vom zureichenden Grund (10). Dies alles wird noch klarer werden, wenn wir das Verhältnis der kritischen und der leibniz-wolffischen dogmatischen Philosophie zu HUMEs Skeptizismus etwas genauer betrachten. Herr KANT sagt selbst (11), er sei durch DAVID HUME erst aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt worden; dieser Metaphysiker habe ihn veranlaßt, die Aufforderung, zu beweisen, daß alles Mögliche einen Grund haben muß, in das allgemeinere Problem zu verwandeln: wie ist überhaupt Vernunfterkenntnis möglich; und die Auflösung dieses Problems habe er in seiner Kritik der reinen Vernunft wirklich zustande gebracht. Wie sehr er sich selbst täuscht, indem er glaubt, diese Schwierigkeit bestanden zu haben, darüber darf ich mich im Allgemeinen immer auf das berufen, was bereits zur Genüge bewiesen worden ist, - daß nämlich die kritische Philosophie auf die gänzliche Subjektivität unserer Erkenntnis gebaut ist, also auf eben den Grund, worauf die skeptische gebaut ist. Wenn also die skeptische Philosophie, um dieses Grundes willen, alle allgemeine Erkenntnis für ungewiß erklären muß: so wird die kritische, um desselben Grundes willen, den sie mit der skeptischen gemein hat, ohne Erschleichung die Allgemeinheit keines Satzes beweisen können. Das wird sich durch den Augenschein bewähren, wenn wir etwas genauer anzeigen, wie Herr KANT in der Widerlegung von HUMEs Skeptizismus zu Werke gegangen ist. HUME erkannte keine anderen Begriffe, als Impressionen und Ideen; die Ideen waren aber nichts, als schwächere Impressionen (12). Da er einmal die Begriffe so unvollständig angegeben hatte, daß er alle anderen überging, und keine als bildliche Begriffe der Sinne und Einbildungskraft annahm, so war es sehr konsequent, daß er die Gewißheit aller allgemeinen Erkenntnis leugnete. Er hatte Recht, diese Gewißheit auch den Wahrheiten der Geometrie abzusprechen. Denn da alle bildlichen Begriffe derselben bloß einzelnen Gegenständen von bestimmter Größe vorstellen, von denen ich nicht einmal wissen kann, ob sie völlig genau sind: so darf ich auch keinen allgemeinen Satz allgemein für wahr halten. Wenn ich z. B. finde, daß sich zwei gerade Linien, die einen Zoll lang sind, nur in einem Punkt schneiden: so weiß ich doch nicht, ob sich Linien, die sich in einer Entfernung von zwanzig Meilen gegeneinander neigen, ja endlich Linien von jeder beliebigen Größe, nur in einem Punkt berühren werden (13). Wir haben gesehen, daß die unsinnlichen objektiven Gründe dieser Bilder, die in den Begriffen des Verstandes gedacht werden, die Prinzipien der Allgemeinheit der Wahrheiten sind, die die Geometrie von ihren Gegenständen beweist. Wie sucht die kritische Philosophie diese Allgemeinheit zu retten? - Sie nimmt reine Anschauungen a priori an, die nichts an Individuellem enthalten, wodurch sich ein Bild der Sinne oder der Einbildungskraft vom andern unterscheidet. Wie beweist sie aber die Allgemeinheit und Notwendigkeit dieser Anschauungen a priori, da sie keine objektive Wahrheit zuläßt? Sie sagt: ich habe eine reine Anschauung des Raums a priori, denn ich kann mir den Raum nicht wegdenken! Wie folgt aber daraus, daß ihn kein anderer wegdenken kann? Wie, daß er schlechterdings nicht weggedacht werden kann? Wir haben gesehen (14), daß wir dieses aus objektiven Gründen beweisen mußten. Die kritische Philosophie nimmt Denkformen, Verstandesgesetze, Funktionen des Verstandes an. Wie beweist sie die Allgemeinheit und Notwendigkeit dieser Gesetze des Verstandes und der Vernunft, da sie die absolute objektive Wahrheit der Erkenntnis leugnet? daraus, daß ich danach denken muß, folgt nicht, daß ein jeder anderer danach denken muß. Mit welchem Recht kann sie die Widerlegungen von HUMEs Skeptizismus nach REIDs, BEAUTTIEs und OSWALDs Methode verwerfen? Es ist wahr, die Prinzipien des common sense [gesunder Menschenverstand - wp] werden von diesen schottischen Philosophen ohne Beweis, und nur aus subjektiven Gründen für gewiß angenommen; haben aber die Denkformen und die reinen Anschauungen eine andere Gewißheit, und können sie mit mehrerem Recht als allgemein gewiß angenommen werden? Die allgemeine Wahrheit einer Erkenntnis läßt sich nur aus objektiven Gründen erkennen. Die kritische Philosophie befindet sich also in dem unausweichlichen Dilemma: Entweder sie hält die objektive Realität der Erkenntnis für unmöglich, und alsdann ist auch keine Gewißheit allgemeiner Wahrheiten möglich, und sie ist skeptisch, sie kann also den Skeptizismus nicht widerlegen; oder sie läßt diese objektive Realität zu, alsdann haben die Wahrheiten der reinen Vernunft transzendentale Gültigkeit und wir erkennen etwas von Dingen-ansich. Einer Erkenntnis alle objektive Realität absprechen, und sie doch objektiv notwendig und also allgemein nennen, heißt die Allgemeinheit dadurch erschleichen, daß man ihre bloß subjektiven Gründe um einen Schritt weiter dahin zurückschiebt, wo ihre Notwendigkeit und Allgemeinheit ebenso wenig erweislich ist, als da, wo der Skeptizismus ihre Ungewißheit gesteht. Der Skeptizismus bekennt, wegen unseres Mangels an Erkenntnis der transzendentalen Objekte, die Ungewißheit all unserer allgemeinen Erkenntnis; die kritische Philosophie behauptet die Gewißheit der allgemeinen Erkenntnis der Mathematik, indem sie die bloß subjektiven Gründe derselben ohne allen Beweis für allgemein erklärt. Denn daraus, daß ich in mir die reine Anschauung es Raumes finde, folgt schlechterdings nicht, daß sie sich in jedem vorstellenden Wesen finden muß. Wenn die Denkgesetze und die reinen Anschauungen keine realen Gründe haben: so kann das, was von den Objekten, die in meinem Verstand daraus entstehen, erkannt wird, nicht allgemein als wahr erkannt werden, weil kein Grund vorhanden ist, woraus ich erkennen kann, daß es von jedem Verstand muß erkannt werden. Ist der Satz: alles Mögliche hat seinen Grund, ansich und objektiv wahr: so muß er allgemein wahr sein für jede Vernunft und für jedes wahre Urteil, das jede Vernunft denkt. Ist er nur um einer notwendigen Anschauung willen wahr, so kann ich ihn, ohne Erschleichung [Subreption - wp], nicht für allgemein wahr halten, weil ich nicht mehr mit Gewißheit weiß, als daß diese Anschauung für mich notwendig ist. Die kritische Philosophie ist also mit sich selbst im Widerspruch; sie behauptet die Gewißheit allgemeiner Wahrheiten und leugnet die objektive Wahrheit all unserer Erkenntnis, um welcher willen allein die Erkenntnis allgemein wahr sein kann. Es ist natürlich, wenn die Gründe eines Systems so widersprechend sind, daß es auch auf mehrere widersprechende Folgerungen führen muß. Wir haben deren schon verschiedene im bisherigen Verlauf unserer Untersuchungen angeführt, und wir wollen sie nur kurz wiederholen, um ihren Zusammenhang mit den Prinzipien der kritischen Philosophie über die gänzliche Subjektivität unserer Erkenntnis sichtbar zu machen. 1. Die Erscheinung des Raumes führt auf einfache Gründe außerhalb der Erscheinung. Da wir aber, vermöge der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis von einem Ding ansich erkennen, so können sie nicht etwas außerhalb der Erscheinung sein. Sie sind also Teile des Sinnendings, das wir Raum nennen. Der Raum ist gleichwohl ins Unendliche teilbar. Es ist also etwas ins Unendliche teilbar und hat doch einfache Teile (siehe "Philosophisches Magazin", Bd. 3, drittes Stücke, Seite 267). 2. Die kritische Philosophie erfordert zur Wahrheit eines synthetischen Urteils, daß das Subjekt desselben mit einem Gegenstand übereinstimmt, der keine Vorstellung ist. Das sind ihre eigenen Worte, wie wir sie schon an einem anderen Ort ("Philosophisches Magazin", Bd. 2, drittes Stück, Seite 277) angeführt haben. Vermöge der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis aber ist ein jeder Gegenstand eine Erscheinung; eine Erscheinung ist eine Vorstellung. Zur Wahrheit eines synthetischen Urteils gehört also, daß es mit einem Gegenstand übereinstimmt, der eine bloße Vorstellung ist. Dieser Widerspruch nötigte die dogmatische Philosophie, den Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile, wenn man diese Terminologie beibehalten wollte, so zu bestimmen, wie an mehreren Orten in diesem Magazin (Bd. 1, drittes Stück, Nr. IV; Bd. 2, zweites Stück, Nr. II und drittes Stück, Nr. III; Bd. 3, drittes Stück, Nr. II) 3. Die kritische Philosophie erklärt den Raum für unendlich. Nach den Grundsätzen der dogmatischen Philosophie heißt das, der Raum in abstracto ist in Anbetracht der Dinge, worin er ist, nach seiner Ausdehnung und Grenzen unbestimmt, und er verhält sich zum Raum der individuellen räumlichen Dinge, wie das Höhere zum Niedrigeren. Vermöge der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis ist der unendliche Raum eine sinnliche Anschauung und also völlig unbestimmt; er verhält sich also zu den indivuellen räumlichen Dingen, nicht wie das Höhere zum Niedrigeren, sondern wie das Ganze zu seinen Teilen. Daraus entspringen folgende Widersprüche:
2) Der Widerspruch, daß man dem Ganzen vor den Teilen, dem Gegründeten vor den Gründen, ansich Priorität beilegt. 3) Der Widerspruch, daß diese Priorität des Ganzen vor den Teilen einigen Aggregaten nicht zukommt, sondern bei den beiden Aggregaten des Raumes und der Zeit ganz etwas Besonderes ist; daß man also bei einigen Aggregaten von Teilen Priorität vor dem Ganzen beilegen muß. Nun ist es mathematisch bewiesen, daß nur diese zwei Aggregate möglich sind. Also sagte man die handgreifliche Ungereimtheit, daß einigen Aggregaten die Priorität der Teile vor dem Ganzen ansich zukommt, und daß sie keinem zukommt. Vielleicht wird uns die Betrachtung der Gewißheit der allgemeinen Wahrheiten der Naturlehre noch sicherer zur wahren Quelle der Gewißheit der allgemeinen Erkenntnis überhaupt führen. Welche ist diese Quelle? Der Verstand, sagt die kritische Philosophie. Denn nur
Was sagt zu dieser Theorie der Skeptiker? Er sagt: diese notwendige Allgemeinheit der Verstandesgesetze, samt ihrer Anwendung auf einzelne Wahrnehmungen, um sie zu allgemeinen notwendigen Erfahrungsurteilen zu erheben, ist, da Du bloße subjektive Gewißheit davon hast, erschlichen. Denn 1. Das Bewußtsein, welches du davon zu haben vorgibst, und welches ich nicht bezweifeln kann, ist ein bloßes Faktum, von dessen Wahrheit du durch deine innere Empfindung gewiß bist. Du kannst also, ohne Erschleichung, nicht behaupten, daß dieses Bewußtsein in jedem Verstand, noch auch daß es immer in dem deinigen sein muß. Um davon gewiß zu sein, und um jeden anderen davon zu überzeugen, müßtest du nicht bloß sagen: ich fühle, daß es mir notwendig ist, diese Wahrnehmung als eine allgemeine Erfahrungswahrheit zu denken; du müßtest beweisen, daß es ansich notwendig ist. Um z. B. zu beweisen, daß die Wahrnehmung von einer Billiardkugel, die angestoßen wird, und sich alsdann in gerader Linie fortbewegt, sich dem ersten newtonischen Gesetz gemäß so bewegen muß, mußt du beweisen, daß das ansich und objektiv notwendig ist. Denn erst dann ist es gewiß, daß keine Bewegung ohne eingedrückte Kräfte und anders als gleichförmig nach einerlei Richtung möglich ist, bis andere Kräfte eine Veränderung dieses Zustandes notwendig machen. 2. Um das aber zu begreifen, mußt du die transzendentale Gültigkeit des Satzes vom Grunde voraussetzen. Denn nur weil dieser allgemein objektiv wahr ist, eben darum ist es auch notwendig, daß alle Veränderungen in der Natur, daß also jede Veränderung des Zustandes eines Körpers, jede Veränderung seiner Richtung und seiner Geschwindigkeit einen zureichenden Grund haben muß. 3. Ohne die transzendentale Wahrheit des Satzes vom zureichenden Grund, würde der Skeptiker fortfahren, kannst du nicht einmal gewiß sein, daß dein Verstand, um die Gesetze der Natur richtig zu denken, immer nach einerlei Gesetzen denken muß. Ferner: dein denkendes Ich ist selbst ein Teil der Natur. Wie kannst du wissen, daß die Gesetze, die dein Verstand denkt, auch in der Natur befolgt werden, wenn die Urteile deines denkenden Ich und die übrige Natur nicht einem gemeinschaftlichen höheren Gesetz, dem Satz des zureichenden Grundes gemäß sein müssen? Nur wenn deine Vernunfterkenntnis der Gesetze der Natur diesem allgemeinen Maßstab gemäß ist, kannst du gewiß sein, daß er mit dem wahren Maß der Dinge übereinstimmen wird; denn diese sind mit eben dem Maßstab gemessen. Es sind also die ewigen allgemeinsten übersinnlichen Wahrheiten, welche der Natur und ihrer Erkenntnis übereinstimmende Gesetzmäßigkeit geben. Durch sie besteht die Harmonie zwischen dem regelmäßigen Gang der körperlichen Natur und dem Vernunftspiegel dieses Ganges in den geistigen Naturen; so wird das, was in der physischen Natur Gesetzmäßigkeit ist, im denkenden Verstand Wahrheit. 4. Du kannst also nicht sagen: "der Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur"; sondern du mußt sagen: das transzendentale Reich des Möglichen ist der gemeinschaftliche Quell der Gesetze der Vernunft in der Geisterwelt, und der Gesetze der Natur in der Körperwelt; durch sie erkennt die Vernunft die physisch notwendigen Gesetze der Ordnung der Natur. Du kannst nicht sagen: "der Verstand ist der Quell der formalen Einheit der Natur"; du mußt sagen: das transzendentale Reich des Möglichen ist der Quell der systematischen Einheit der Theorie der Bewegungsgesetze im Verstand eines NEWTON und der Bewegungen in der Welt, die er nach dieser Theorie berechnet. Die allgemeine Wahrheit der Bewegungsgesetze in der Natur und die allgemeine Wahrheit ihrer Theorie im Verstand haben eine gemeinschaftliche Quelle: das transzendentale Gesetz des zureichenden Grundes. Leugnest du dies: so kannst du entweder von der Wahrheit der allgemeinen Naturgesetze nicht gewiß sein: oder du mußt ihre Allgemeinheit erschleichen. Wie willst du also meinem Skeptizismus entgehen? 5. Die Wahrnehmungen können auch die objektive Wahrheit der Verstandesgesetze weder erzeugen, noch vermehren. Denn
Zweitens, daß es wirklich in der Natur einige gleichförmige und geradlinige Bewegung gäbe; so könnten doch die Verstandesgesetze von den Wahrnehmungen keine apodiktische Gewißheit erhalten. Denn bei diesen Verstandesgesetzen kommt es auf ihre objektive Notwendigkeit und Allgemeinheit an, und die haben sie entweder bereits an sich, und dann können sie dieselbe nicht erst von den Wahrnehmungen erhalten, oder sie haben sie nicht an sich, und dann können sie ihnen die Wahrnehmungen nicht geben. Die Verallgemeinerung der Wahrnehmungen würde auf einem Schluß des Besonderen auf das Allgemeine beruhen. Beruhte sie aber auch auf der vollständigsten Induktion: so würde eine so entstandene Allgemeinheit doch keine Notwendigkeit derselben mit sich führen. 1. Dieser Zweifel sollte dem PYRRHO vielmehr den Namen eines Philosophen sichern; weit entfernt, daß er ihn um dieses Zweifels willen sollte verwirkt haben. Das Wesen seiner Philosophie, wie wir oben gesehen haben, bestand darin, daß unsere gegenwärtige Erkenntnis nur subjektive Gründe hat, er konnte also ihre objektive Wahrheit oder ihre notwendige Übereinstimmung mit den Gegenständen zwar nicht behaupten, er konnte aber auch ihre notwendige Verschiedenheit von den Gegenständen nicht beweisen. Denn da er nicht leugnete, daß die Gegenstände ansich gewiß sind, da er also die Gründe der Ungewißheit nicht in die Beschaffenheit der Gegenstände, sondern in die gegenwärtige Beschaffenheit unserer Erkenntnis setzte: so konnte er nicht sagen: unsere Erkenntnis ist notwendig ungewiß, sie muß folglich ewig ungewiß bleiben; er konnte folglich den Satz: Alles ist ungewiß, nicht als völlig ausgemacht festsetzen. Er philosophierte also sehr zusammenhängend. 2. Ist es philosophisch zu sagen: ich habe ein System, wodurch der Skeptizismus widerlegt werden kann, und hinterher zu erklären: der Skeptiker geht mich nichts an, er ist in meinen Augen nichts weniger als ein Philosoph? Was würden die Verteidiger der kritischen Philosophie zu einem Dogmatiker sagen, welcher sich erst vermessen hätte, ihr System zu widerlegen, und hinterher, wenn er es nicht könnnte, in der Verzweiflung erklärt: die kritische Philosophie geht mich nichts an, ihr Verteidiger ist in meinen Augen nichts weniger als ein Philosoph?
1) Der Pyrrhonismus beruth auf der gänzlichen Subjektivität unserer Erkenntnis, um derentwillen wir nichts von den Objekten außer derselben erkennen; er kann also unmöglich, auch im Sinne der Kr. d. r. V., dogmatisch genannt werden. Es hat schon vor dem Pyrrho einen dogmatischen Skeptizismus gegeben, der aber weder der pyrrhonische, noch der kritische ist. Diesen hat bereits Aristoteles widerlegt, und seitdem ist er nicht wieder in der Geschichte der Philosophie erschienen. 2) Über die apodiktische Gewißheit, Philosophisches Magazin, Bd. 2, Seite 141. 3) ebd. Seite 140 4) Psych. rat. § 41 5) Pyrrh. Hyp. I. 8 6) L IX. c. XI. n. 8. 7) siehe Allgemeine Literaturzeitung, 1790, Seite 790; vgl. Philosophisches Magazin, Bd. 3, Stück 4, Seite 434-435. 8) siehe Philosophisches Magazin, Bd. 3, viertes Stück, Seite 436. 9) siehe Rezension von Bd. 2 des "Philosophischen Magazins" in der Allgemeinen Literatur-Zeitung, 1790, Nr. 282, Seite 782 und die Beantwortung der Rezension aus Nr. 281 und 282 der Allgem. Literatur-Zeitung von 1790 in diesem Magazin, Bd. 3, § 14 und 36. 10) Das ist schon ausführlich gezeigt worden in Bd. 3 dieses Magazins, Stück 1, Nr. VI; wovon mir noch keine Widerlegung bekannt geworden ist. 11) siehe Prolegomena, Vorrede. 12) siehe "Philosophisches Magazin", Bd. 1, drittes Stück, Seite 248. 13) siehe "Philosophisches Magazin", Bd. 2. zweites Stück, Seite 162, 163. 14) "Philosophisches Magazin", Bd. 3, viertes Stück, Seite 437. 15) Gebhard Ulrich Brastberger, Untersuchungen über Kants Kritik der reinen Vernunft, Seite 169. 16) Kr. d. r. V., Seite 126 (Ausgabe A) 17) siehe Reinholds, Beiträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen, Seite 414. |