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(1802-1880) Der gläubige Standpunkt
Bei DUNCKER und nach ihm bei SCHWARTZ werden die jüdischen, d. h. auch die christlichen Mythen ebenso erklärt, wie die heidnischen.
Ebensowenig, wie sich aus der Erklärung aller Fabeln ein Glaube an ihren Inhalt herleiten läßt, gehört die Gläubigkeit der ersten Auffassung und poetischen Darstellung der Naturereignisse an. SCHWARTZ führt in seiner Vorrede von JAKOB GRIMM an: "daß die Anfänge der Mythologie es mit den mehr oder minder rohen Anfängen des menschlichen Glaubens zu tun haben." Wenn das richtig ist, so muß das Ende sich aus diesem Anfang entwickeln, wie es dann auch wirklich der Fall ist: Alle Religionen sind nichts anderes, als die Ausbildung der ursprünglichen Märchen von den naturgewaltigen Personen, "den himmlischen Mächten". JAKOB GRIMM hat viel mehr gesagt, als er sagen wollte, aber was SCHWARTZ daraus entnimmt, das hat er im Grunde weder gesagt, noch gemeint. SCHWARTZ nennt "diese Anfänge des Glaubens" den "gläubig-volkstümlichen Standpunkt". Dies gibt aber leicht eine falsche Auffassung. "Der Anfang des Glaubens", - an Was? Doch wohl an den Mythos, an das Märchen oder an den prägnanten Ausdruck! z. B. "den Alten, der mangelt." - Und den schafft doch die erregte Anschauung des Naturereignisses. Diese und ihr Ausdruck gehen also doch sicherlich dem Glauben an das Märchen voraus. Der poetische Ausdruck der Anschauung, welcher durch die Naturerscheinung in der Phantasie des Dichters erregt wird, ist offenbar noch nicht "der gläubig volkstümliche Standpunkt", obgleich GRIMM in dieser Geschichte allerdings den "Anfang des menschlichen Glaubens" finden kann. Offenbar gibt aber erst die eingelebte und oft wiederholte Geschichte den "Glauben" an sie, oder gar den "gläubigen Standpunkt". Diese nachher, - wenn auch vielleicht gleich beim ersten Anhören des Märchens oder des malerischen Ausdrucks, - eintretende Gläubigkeit ist schon eine Verwendung der erklärenden Phantasie oder Darstellung, die ohne Zweifel als Theorie entsteht. Die Erklärung, welche die dichtende Phantasie z. B. mit dem Gewitter vornimmt, ist nach SCHWARTZs eigener Darstellung das Hineinbilden der irdischen Geschichte in die himmlische Erscheinung, wobei der Dichter also doch notwendig wissen muß, daß er dichtet, oder diese (phantastische) Erklärung vorbringt. Diese Hineinbildung der irdischen Geschichte in die Wolken weist nun SCHWARTZ mit großer Klarheit und Anschaulichkeit nach. Er schildert, wie man sich "das himmliches Terrain", "gedacht als Wolkenberg", "als ein Wolkenmeer", und "wie dort dann in Sturm, Blitz und Donner die himmlischen Schlangen, Wölfe, Stiere, Pferde, Böcke und Hasen auftreten, die Wolkenvögel geflogen kommen, und die Wolkenschwäne sich in den himmlischen Wassern baden". "Dort oben, lebte man, dem Glauben nach, wie hier unten", sagt SCHWARTZ (1). "Dem Glauben nach", der an diese Dichtung glaubte. Der Dichter, der die Geschichte zuerst erzählt, wer er auch ist, kann aber doch noch nicht in dem Sinne "gläubig" gewesen sein, wie der, dem seine Mähr zur Genüge wiederholt wurde, der sie auswendig gelernt, oder dem sie gar als ehrwürdige und heilige Sage überliefert wurde. Denn wer die Geschichte hervorbringt, um das Naturereignis darin zu malen, kann nicht gleich vergessen, daß sein Ausdruck der seinige ist, er kann ausfinden, daß er treffend ist und daß sein Märchen das richtig ausdrückt, was es ausdrücken soll. Der Gläubige hat dann freilich keine Wahl mehr und entschläg sich aller Prüfung, während die erste Phantasie notwendig kritisch also nicht "gläubig" ist; denn sie ist willkürlich und hat die Wahl z. B. zwischen den Hunden, die im Donner bellen, und dem Stier, der darin brüllt, oder dem Wagen, der darin rasselt etc. Ja, SCHWARTZ hat selbst gezeigt, daß zwei mythische Gebilde sich in den Gemütern der noch nicht Gläubigen um den Sieg streiten, und daß der Sieger der Gott, der Besiegte der Dämon wird. So fiel es dem New Yorker Literaten, dem Verfasser des Buchs der Mormonen, nicht ein, daran zu glauben; die Mormonen aber sind "gläubig". "Gläubig" ist überhaupt nur ein rücksichtsvoller Ausdruck für blödsinnig und abergläubisch, wenn es nicht das demokratische Stichwort des geflissentlich Kindlichen gegen die wenigen Aristokraten ist, die nichts unbesehen in Kauf nehmen. SCHWARTZ bietet die anziehende Eigenheit dar, daß er, man möchte sagen, zu gleicher Zeit in beiden Lagern erscheint, wobei er aber offenbar stark auf die "Gläubigkeit" des einen Lagers rechnet. Er sagt (2):
Aber der Trank muß ja durch diese Erklärungen selbst seine Wirkung verlieren. Es heißt auch weiter wörterlich bei ihm (3)
"Die Stürme", sagt SCHWARTZ (5), "namentlich die Äquatorial- und Nordstürme, als die stärksten, sind dasjenige Element vor allem gewesen, welches als das lebensvollste und herrschende im himmlischen Haushalt überall den Mittelpunkt der Handlung hergegeben hat und so auch als der Kern und Ausgangspunkt der göttlichen Persönlichkeiten anzusehen ist." - "Die an diese Gewittererscheinungen sich anschließenden und durch die ganze Mythologie hindurchgehenden Vorstellungen von himmlischen Schlangen, brüllenden Löwen und Stieren, verbunen mit Wolkensturmesvöglen, gruppieren sich ebenso um den Thron des Herrn Zebaoth, der im Nordwind von der Stiftshütte, von ihnen umgeben, herniederfährt, wie auch in seinem himmlischen Haus Schlangen, Apfelbaum und Baum des Lebens wiederkehrt." Nachdem nun SCHWARTZ den Ursprung aller, auch der jüdischen und der christlichen, Götter des Paradieses und der Stiftshütte auf dieselbe Weise dargetan hat, macht er einen Unterschied im Inhalt der Märchendichtung, der sehr wichtig wird, und nennt den Teil der Mythologie, der noch ohne Götter ist, niedere Mythologie. Er setzt die handelnden Tiere, ja selbst die Heroen, diese Rivalen und Embryonen der Götter, früher, als die Götter. Er nennt Götter ganz richtig die Personen, die als Herren der Naturerscheinungen ihren Einfluß fühlbar machen und dafür den Kultus erlangen. Und diese Reflexion auf die Wirkung der Naturerscheinungen sei eine spätere. Aber der Kultus entsteht ja nicht aus der Reflexion auf die Wirkung der Naturereignisse, sondern auf die in ihnen wirken sollenden Personen. Sonst konnte das praktische Verhältnis oder die Wirkung der Stürme und Gewitter den allerersten Beobachtern und Märchenvätern wohl schwerlich entgehen. Dagegen ist gewiß richtig die Auffassung "der niederen Mythologie", also einer vorreligiösen Periode, wo die Dichtung noch keine Personen als willkürliche Urheber und also auch keinen Kultus d. h. keine Beeinflussung des Willens dieser himmlischen Personen in den Wolken zugunsten der Menschen kannte. Folgt nun aber dann nicht aus SCHWARTZs eigener Darstellung, daß der ursprüngliche, mythische Standpunkt kein gläubiger, weil noch kein religiöser ist? Wenn Tiere verehrt werden, so wird ihnen ebenfalls die Macht, sich dem Menschen nützlich zu machen, und menschlicher Wille und freie Entschließung angedichtet. Immer aber ist die erste phantastische oder dichterische Versetzung der Tiere und Personen von der Erde in die Wolken noch eine Tätigkeit der Theorie, der unpraktischen Dichtung; und erst die Verwendung dieser poetischen Naturkunde zur theologischen Heilkunde, zur Zauberei durch Soma- und andere Opfer, zur Beschwörung, zum Beten, zu einer förmlichen "Heilsordnung", gibt die Praxis der Religion, den Kultus, d. h. allerdings die Religion. Diese Praxis ist ohne die Theorie nicht zu verstehen, wenn aber die Theorie einmal verstanden ist, so braucht man sich nicht länger bei der Praxis aufzuhalten, an die ohnehin die Menschheit unerhört viel Kraft verschwendet hat. Ihr Budget ist einzuziehen; ihre Tempel sind der wahren Theorie, der wahren Wissenschaft zu widmen. Wie wir an die Stelle der Märchen - die Wahrheit, an die Stelle des Aberglaubens - die Wissenschaft setzen, so setzen wir an die Stelle des Kultus - die Kultur. Wer aber die Religion in die Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne setzt, der verliert sicherlich ihren Inhalt nicht, wenn er die Gestalten des Aberglaubens, die alten Götter schließlich durchschaut und darum ihre Kultus beiseite setzt. Es ist richtig: Nur die Wahrheit macht uns frei; sie kommt aber nicht aus Palästina, sondern aus den Köpfen der Europäer, aus Wissenschaft und Philosophie. Und hiermit glaube ich den Gebildeten unter den Verehrern der Religion klar gemacht zu haben, welche Gegenstände der Begeisterung und Verehrung ihnen noch übrig bleiben, seitdem die Meteore der Vorwelt sich in ihre Elemente aufgelöst haben. ![]() ![]()
2) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVII. 3) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVI. 4) Wie der Gott noch immer wirklich in Fleisch und Blut verwandelt werden muß, damit er wirklicher Mensch wird - versteht sich, ohne es zu werden. So macht ja auch das Wasserpeitschen keinen Regen, und so bringt das Feuer die Butter und den Somatrank, die ihm anvertraut werden, nicht zu Indra. Aber es wird gemeint, gewollt und - geglaubt. 5) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVIII. |