ra-2L. BrentanoJ. C. KreibigF. SomloK. M. PoeschmannE. Dürr    
 
WALTER STRICH
Das Wertproblem
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"Mit der Einführung des  normalen Individuums ist man schon im Dogmatismus. Denn natürlich heißt das Individuum  normal, das so wertet, wie man es von Anfang an für richtig und seinsollend hält."

"Wir müssen fragen, wie wir denn zu diesem Wertobjekt gelangt sind. Die Antwort kann nur lauten: Wir haben es als tatsächliches Wertobjekt der Gesamtheit kennengelernt, wenigstens meint man, es als solches bewiesen zu haben. Man gibt also die Möglichkeit zu, daß das tatsächliche Wertobjekt der Gesamtheit nicht tatsächlich Wertobjekt der Gesamtheit zu sein braucht."

"Die praktische Werttheorie soll sämtliche bestehenden sozialen Verhaltensmaßregeln auf ihre Zielmäßigkeit hin taxieren und neue zielmäßige anstelle der alten zielwidrigen konzipieren. Als Ziel ist dabei das Wohl, die Gesundheit, die Entwicklung, das Begehren der Gesamtheit vorausgesetzt. Wann aber liegt eine Entwicklung der Gesamtheit vor? wann ist die Gesellschaft gesund? worin liegt das Wohl der Gesamtheit im Einzelfall? das gerade sind die Fragen."

Erkenne ich einmal die große Masseals höchsten Richter an, ist mir ihre Wertung heilig, dann braucht man überhaupt kein ethisches Problem mehr diskutieren.  Ehrenfels kommt ja auch zu der  Überzeugung, daß eine Ethik vor allen Dingen die Wertung der Masse intakt zu lassen hat, da sie sonst eine Gefahr für das Gemeinwohl bedeuten würde."


Kapitel V.
Kritik der
psychologischen Werttheorien

Wir haben nun zu untersuchen, wie die psychologischen Theorien in die Ethik übergehen. So unwissenschaftlich es auf den ersten Blick aussehen mag, so bleibt es doch wahr, daß wir das Resultat aussprechen können, ohne auf die ethische Untersuchung überhaupt einzugehen. Denn das Richtige was sie bieten könnten, dürften höchstens kulturpsychologische Betrachtungen sein. Was uns die Empirie bietet, sind immer nur Fälle von Bewertungen, die mit relativer Konstanz zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Gebieten und auch in verschiedenen Gesellschaftsklassen auftreten. Gerade eine kritische Ethik hätte sich klar zu machen, wie diesem Relativismus gegenüber trotzdem eine Ethik möglich ist, die sich ihrerseits damit das Recht nimmt, selber die Wertungen zu bewerten. Nur wenn man Ethik dem Wort nach gleich Kulturpsychologie setzt, gibt es überhaupt eine empirisch psychologische Ethik.

Trotzdem wollen wir etwas näher auf das Prinzip der Untersuchung eingehen, ohne im allgemeinen die Richtigkeit der inhaltlich behaupteten Tatsachen zu untersuchen. Wenn MEINONG sagt, daß die Wertfragen Tatsachenfragen sind, und die Ethik deswegen eine empirische Wissenschaft ist (1), so muß man es von vornherein als eine Einschränkung betrachten, daß man die Aufgabe darin sieht, den für "alle" Werttatsachen charakteristischen Gesichtspunkt zu bestimmen. (2) Untersucht man Tatsachen, so hat man kein Recht, vorher anzunehmen, daß es so "einen" Gesichtspunkt überhaupt gibt. Den Beweis, daß diese Annahme tatsächlich falsch ist, hat wohl SIMMEL in seinen geistreichen Untersuchungen an einer Fülle von Material erbracht (3). Haben wir einen Gesichtspunkt gefunden, so ist es die Relativität der Begriffe, wie etwa "Wohl der Gesamtheit" so einleuchtend, daß er in seiner Allgemeinheit gar nichts besagt. Aber lassen ir dies einstweilen dahingestellt.

Nach den psychologischen Ausführungen MEINONGs muß es uns wundernehmen, daß er lang und breit über das Wertobjekt handelt und später auf einmal die Frage nach dem Wertsubjekt stellt. Versteht man unter Wertsubjekt das, was man ursprünglich damit bezeichnet hat, nämlich das Subjekt, das Lust fühlt an der Existenz eines Gegenstandes, so ist es widersinnig, nachträglich die Frage nach dem Wertsubjekt zu stellen, da ja auf seiner Annahme die ganze Theorie ruht. Sonst hätte man gefunden, was wertgehalten wird, ohne zu wissen von wem. Natürlich ist es das "man" oder, anders ausgedrückt: das normale Individuum. MEINONG untersucht doch nichts anderes als, was "man" als normaler Mensch wertet. Nur geht er nicht streng kritisch dabei vor. Wertungsstatistik aufgrund von Fragebogen treibt man nicht, obwohl sie die einzige ideelle Möglichkeit gäbe, ein wirklich empirisches Resultat herauszubekommen. Selbstverständlich ist sie in der Praxis ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man nun von den täglichen Lebenserfahrungen ausgeht so ist es gar nicht einfach festzustellen, was man wertet, und die Resultat MEINONGs sind inhaltlich sehr anfechtbar.

Das Gut für "alter" als eine konstante Größe zu behandeln, erscheint mir von vornherein nicht angängig; das Leben berücksichtigt immer wer der "alter" ist, und worin das Gut besteht, und die Zurückführung des Gutes auf das Wertobjekt erscheint mir nicht förderlich zu sein, da man das Wertobjekt selbst auf Lust zurückführen oder ihm dogmatisch einen Inhalt geben muß, abgesehen von den Fällen, wo es sich um einen echten Irrtum handelt, den man korrigieren kann. Von speziellen Fällen möchte ich nur einige lediglich als Beispiele anführen, daß die formelhaften Aufstellungen MEINONGs dem Leben in keiner Weise gerecht werden. Wenn ich einen anderen zu meinem eigenen Vorteil schädige, ist das minderwertiger, als wenn ich es ohne eigenen Vorteil tue (4). Demgegenüber kann man aus der Erfarung ebenso Fälle anführen, wo man den eigenen Vorteil als Entschuldigungsgrund ansieht. Sogar die Rechtsprechung berücksichtigt dies. Allerdings gibt es auch Fälle, wo man gerade  den  Menschen für minderwertig hält, der des eigenen Vorteils wegen einen anderen schädigt. Zweitens ist das Leben keineswegs immer so unlogisch, daß man das Nichtwollen eines Guten gleichsetzt dem Wollen eines Übels (5)Nur in besonderen Fällen ist dies richtig. MEINONG meint, es bestehe kein Zweifel, daß der natürlich schon ansich unter Null stehende Wert des negativ altruistischen Vorgehens noch mehr sinken muß, wenn der Wollende sich auch durch Opfer nicht abhalten läßt, die er seiner bösen Sache bringen muß (6). Der Zweifel, ja der Beweis des Gegenteils leuchtet sofort ein, wenn wir sehen, daß man eine unter den schwierigsten Opfern ausgeführte Rache keineswegs für so verwerflich hält wie die kleinliche, bei der einem selbst nichts geschehen kann.

Wir könnten auf diese Weise alle Formeln durchgehen, doch kommt es uns nur auf das Prinzip der Untersuchung an. Als Resultat wird natürlich der Satz herausdestilliert: der unpersönliche Anteil am Wohl und Weh der Mitmenschen hat Wert (7). Hätte MEINONG ihn so ausgesprochen, wie es der Gang seiner Methode eigentlich mit sich bringt, nämlich, daß dieser Anteil wertgehalten wird, so hätte er wohl schwerlich die Frage nach dem Wertsubjekt gestellt. Wenn er nun sagt, daß es über den Gesichtskreis des Naiven geht, zu fragen, für wen denn nun die betreffenden Objekte Wert haben (8), so ist dies ganz richtig. Nur lautet diese Frage: Wem bringt dieses Objekt Nutzen? Wertsubjekt aber bedeutet, wer hält wert. Auch der Nachweis dieses Objekts als Wirkungswert für die Gesamtheit kann niemals eine Art Beweis erbringen, daß wirklich die Gesamtheit Wertsubjekt ist (9); denn es gibt hier nichts zu beweisen, sondern nur die Voraussetzung zu verkünden. Nun wäre die Gesamtheit als Zweckobjekt überhaupt etwas ganz anderes als die Gesamtheit als Wertsubjekt. Im zweiten Fall ist sie nur ein zusammenfassender Name für die Summe der normal wertenden Individuen, die man nur bildlich als ein Subjekt behandeln kann. Im ersten Fall aber handelte es sich um die abstrakte Gesellschaft, d. h. um das soziale Zusammenleben, wobei die anormal wertenden Individuen keine Ausnahme bilden. Zwei verschiedene Inhalte sind hier unter einem Namen zusammengefaßt. Wozu bemüht sich denn nun MEINONG so sehr um den Beweis der Gesamtheit als Wertsubjekt? Augenscheindlich zur Lösung der Frage, wie denn die Wertung des normalen Individuums an dem für die Gesamtheit Nützlichen zustande kommt. Aber dieses rein psychologische Problem wird eben nicht gelöst, sondern gewaltsam aus der Welt geschafft. Empirisch gegeben ist nur die Wertung des einzelnen Individuums. Für dieses substituiert MEINONG die Gesamtheit, dessen Wertung uns infolge des Nutzens verständlich sein soll. Er läßt also gleichsam im Einzelnen das metaphysische Subjekt  Gesamtheit  erscheinen. Die Frage: Beurteilt das Individuum als wollendes, betroffenes oder unbeteiligtes? (10) läuft doch darauf hinaus: "Warum" erfreut das Gute das Individuum, nicht aber darauf: "Wer ist das Wertsubjekt." Durch den obigen Beweis umgeht man metaphysisch das psychologische Problem. Aufgrund dieses Beweises behauptet dann MEINONG weiter, es sei unberechtigt, der Sozialethik eine Individualethik an die Seite zu stellen, weil kein Grund vorliegt, in diesem Fall die sonst als Wertsubjekt anerkannte umgebende Gesamtheit auszuschalten (11). Machen wir uns aber den eigentlichen Sinn dieser Behauptung klar, so besagt sie doch nur, daß für die ethische Beurteilung allein der Gesichtspunkt der umgebenden Gesamtheit maßgebend sein soll und nicht das Glück des Individuums. Eine empirische Fragestellung wäre hier eine Absurdität. Sie kann doch nur lauten: Wer soll über den Wert entscheiden, das Individuum oder die Gesamtheit, nicht aber, wer entscheidet darüber? Die Empirie muß eben voraussetzen, wessen Werthaltungen sie untersucht. MEINONG untersucht von vornherein, was "man" wertet, die sozialpsychologisch entstandenen Wertungen der Individuen. Folgerichtig hätte er an den Anfang der Untersuchung den Satz stellen müssen: Ich erkenne eine Individualethik nicht an, das Glück des Individuums kommt für mich nicht in Betracht, ich untersuche vielmehr, was die Gesellschaft für gut hält, und erkennen diese Wertung als maßgebend an. Gänzlich irreführend ist es, die Sache so darzustellen, als ob man bewiesen hätte, daß die Gesamtheit das Wertsubjekt "ist" und nicht das Individuum. Der scheinbare Beweis des Wertsubjekts verschleiert den Sprung in die normative Ethik, die nun bei MEINONG völlig dogmatisch zu Werke geht.

Von vornherein ist es ja klar, daß die Untersuchung nicht empirisch ist. Mit der Einführung des normalen Individuums ist man schon im Dogmatismus. Denn natürlich heißt das Individuum  normal,  das so wertet, wie man es von Anfang an für richtig und seinsollend hält. Die Ethik unterscheidet sich nach MEINONG von den anderen praktischen Disziplinen dadurch, daß diese anderen Wissenschaften die Werte - besser gesagt  Zwecke - voraussetzen und nur die Wege zu diesem Ziel untersuchen, während in ihr die Feststellung der Werttatbestände einen wesentlichen und vor allem anderen zur berücksichtigenden Teil der Forschungsaufgaben ausmacht. (12) Nun könnte man aus dem Inhalt der von MEINONG charakterisierten Tatsachen mit ganz demselben Recht folgern, daß die Ethik mit den praktischen Disziplinen gar nichts zu tun hat. Ich wüßte keinen fundamentaleren Unterschied für die Forschung als den, die Wege zu einem beliebigen Wert oder Zweck zu finden und diesen Wert selbst. Hat aber die Ethik tatsächlich nur zu finden, was wertgehalten wird - und dies wäre die einzige Frage, die für MEINONG aufgrund der Psychologie in Betracht kommen dürfte - so hat sie überhaupt nichts mit den praktischen Disziplinen gemein, da sie gar nicht untersucht, welche Wege zu einem Ziel führen. Nun gesteht MEINONG der Ethik das Recht zu,
    "Werte oder Unwerte zu statuieren, wo die naive Betrachtung bisher über die Gleichgültigkeit nicht hinausgekommen ist, oder, wo sie bereits Werthaltungen vorfindet, deren Intensität, selbst Vorzeichen, zu verändern oder präzise auszugestalten." (13)
Hier taucht dann aber die Frage auf, wer ist das Wertsubjekt, daß das empirische Wertsubjekt beeinflussen will, und wie kommt überhaupt eine Wissenschaft, die die Werthaltungen aufzeigen will, dazu, die Werthaltungen selber zu beurteilen? Für die Empirie ist die Werthaltung doch eine Tatsache, ein Unwert ist für sie ein Unwert. Sie kann nur nachweisen, daß die Werthaltungen in unserer Gesellschaft zu unserer Zeit sich nicht auf ein Prinzip zurückführen lassen, ohne erst die Geschichte in ihrer zeitlichen und örtlichen Entwicklung zu berücksichtigen. Wer kann nun vorschreiben, daß diese Werthaltungen einheitlich sein sollen? Die Empirie, die bewiesen hat, daß sie es nicht sind, sicherlich nicht ideal gedacht könnte man einen empirischen Normalfall aufstellen, man darf ihn aber nicht als einen Gegenstand des Sollens hinstellen. Gut und Böse droht nicht Sache eines Majoritätsbeschlusses zu werden (14), sondern in Wahrheit ist es für die Empirie nur ein Majoritätsbeschluß, wenn an der Theorie diesen einzigen Schein von Wissenschaft lassen will. MEINONG sagt, man braucht nicht das  gut  zu nennen, was tatsächlich Wertobjekt der Gesamtheit ist, sondern man kann auch  gut  nennen, was "wir oben als Wertobjekt kennengelernt haben", nämlich jenen Anteil. Dann müssen wir aber doch fragen, wie wir denn zu diesem Wertobjekt gelangt sind. Die Antwort kann nur lauten: wir haben es als tatsächliches Wertobjekt der Gesamtheit kennengelernt, wenigstens meint man, es als solches bewiesen zu haben. Man gibt also die Möglichkeit zu, daß das tatsächliche Wertobjekt der Gesamtheit nicht tatsächlich Wertobjekt der Gesamtheit zu sein braucht. Soll das keine Absurdität bedeuten, so bleibt nur übrig, daß man das tatsächliche Wertsubjekt doch in einem anderen Sinn versteht als empirisch tatsächlich. Der Dissenter wird sich nicht hindern lassen, eventuell, nämlich, wenn die Gesellschaft schlecht ist, das, was alle Menschen gut und wert halten, zu verabscheuen. (15) Die Tatsache existiert, wie die Geschichte lehrt. Die Empirie aber hat nichts anderes zu tun, als sie auszusagen und hinzuzufügen, daß dieser Mensch oft in seiner Zeit als  schlecht  bezeichnet wird. Ein Urteil über diese Beurteilung zu fällen, kommt ihr nicht zu, darf sie überhaupt nicht interessieren, wenn sie nicht immer wieder durch den Namen  Ethik,  den sie sich widerrechtlich aneignet, dazu verleitet würde, ihr Gebiet zu überschreiten.

Die inhaltliche Kritik müßte sich darauf richten, ob sich alle Werthaltungen auf den persönlichen Anteil am Wohl und Weh der Mitmenschen zurückführen lassen, und ob dieser Anteil auch wirklich das Wohl der Gesamtheit fördert. Zuvörderst aber hätte man zu untersuchen, ob der Ausdruck Wohl oder Wertobjekt für den Mitmenschen oder die Gesamtheit sich überhaupt inhaltlich eindeutig bestimmen läßt.

Die eminente Bedeutung, die die empirischen Untersuchungen der Werttatsachen in systematischer und historischer, nicht zum mindesten in soziologischer Hinsicht haben, kann natürlich nicht im mindesten bestritten werden. Nur Ethik ist es nicht. Darauf muß die Wissenschaft immer wieder hinweisen, wo die sogenannten empirischen Theorien für sich die Wissenschaftlichkeit in Anspruch nehmen und überlegen auf die metaphysischen Ethiken herabblicken. Vom Sein führt nun einmal kein Weg zum Sollen. Vom Standpunkt der Kultur aus aber kann man fragen, was mehr Wert hat, ein Werk, das von vornherein Unmögliches leisten will, nämlich aus den Tatsachen des Lebens heraus beweisen, daß wir Altruisten sein sollen - denn darauf läuft es ja immer hinaus -, oder ein System, das uns die Welt unter einem einheitlichen Gesichtspunkt vorführt, uns über die Stellung des Menschen in ihr etwas sagt und daraus auch über unsere Aufgabe, die sich meinetwegen im Altruismus erschöpfen kann, obwohl es dies nicht allein zu sein braucht. Ich glaube, die Antwort ist nicht zweifelhaft. Ich wüßte nicht, wie eine empirische Werttheorie einen Konfliktfall des Lebens lösen will, mag sie auch mit Binomen [zweiteiliger Name - wp], Brüchen usw. operieren, eine Möglichkeit, die MEINONG eröffnen will (16). Die Theorie beruth ja doch darauf, was "man" wertet. Warum also nicht gleich dort anfragen? In derartigen theoretischen Lösungen von Konfliktfällen, wo doch also lediglich aus der unendlichen Mannigfaltigkeit menschlicher Wertungen im unmittelbaren Leben eine kleine Anzahl herausgelöst, in Formeln gepreßt und nun dogmatisch als die einzig richtigen vorausgesetzt werden müssen, kann ich nur eine Wiedererweckung gerade der verderblichsten Seite der mittelalterlichen Scholastik sehen. Weder als Wissenschaft noch als Weltanschauung kann eine derartige Ethik auftreten. Man erweist der Philosophie einen schlechten Dienst, wenn man auf diese Weise den absoluten Relativismus bekämpft.

In die falsche Frage nach dem Wertsubjekt ist EHRENFELS nicht verfallen. Er folgert aus den Tatsachen, daß "man" die Dispositionen wertet, deren Vermehrung über den tatsächlichen Bestand f+r das Wohl der Gesamtheit förderlich ist. (17) In diesem Sinn spricht er von einem Grenznutzen der Gesellschaft, was allerdings nicht ganz einwandfrei ist. Schwierigkeiten, die ihm selbst aber nicht verborgen geblieben sind. Rein inhaltlich ist die Behauptung durchaus nicht gesichert. EHRENFELS hat das Material stark gesichtet, um dieses Prinzip herauszustellen. Es ist interessant, daß SIMMEL teilweise zu dem entgegengesetzten Resultat gekommen ist, indem nach ihm beim ethischen Wert  empirisch,  d. h. als sozialpsychologisch, die Häufigkeit und nicht die Seltenheit entscheidet. (18) Doch brauchen wir auf diese spezielle Frage hier nicht einzugehen, da wir mehr das Prinzip der Werttheorie als die sozialpsychologischen Ansichten von EHRENFELS', im Einzelnen untersuchen wollen.

Uns kommt es an dieser Stelle allein auf das Methodische an, was an dieser Werttheore wirklich empirisch und ethisch ist. Er nennt den zweiten Tei der Werttheorie "Grundzüge der Ethik". Er bildet nach ihm eine Psychologie der sittlichen Werttatsachen (19). Er sucht nach den gemeinsamen Merkmalen in den Tatsachen, die "man"  gut  oder  böse  nennt. Damit würde er einen wertvollen Beitrag zur Kulturpsychologie unserer heutigen Zeit geben, wenn er wirklich ein ausreichendes Material untersucht hätte. Derartige Untersuchungen können aber heute nur noch auf soziologischer Grundlage geführt werden, d. h. man muß die Mannigfaltigkeit der Wertungen im Zusammenhang des soziologischen Gebildes in der sie auftreten, untersuchen. Diese Forderung ist ganz unabhängig davon, daß die Wertungen bei den verschiedenen Völkern und Zeiten verschieden sind. Gehen wir auch mit EHRENFELS prinzipiell davon aus, nur die sittlichen Tatsachen unserer heutigen Kultur zu untersuchen, so sind wir gerade hier wegen der eingetretenen ungeheuren Differenzierung auf die soziologische Betrachtungsweise angewiesen. Im Proletariat wertet man in sexuellen Fragen gänzlich anders als in den "oberen" Schichten. Im Offizierskorps wertet man in Ehrenfragen anders, als es sonst üblich ist. Und zwar handelt es sich empirisch um eine ethische Wertung, um einen Ehrbegriff, der unbedingt erfüllt sein soll. Treibt man einmal Kulturpsychologie aus den Tatsachen heraus, so darf vor allen Dingen kein ethischer Gesichtspunkt entscheidend sein. Gerade die Interessen der Empirie möchte ich hier gegen EHRENFELS verteidigen. Seine Psychologie der sittlichen Werttatsachen erfüllt nicht im mindesten die Anforderungen, die eine empirische Wissenschaft stellt. Daß allen Wertungen gegenber als gemeinsames Merkmal der Gesichtspunkt des Wohls der Gesamtheit zukommt, ist den Tatsachen gegenüber schlechterdings nicht wahr, oder der Ausdruck "Wohl der Gesamtheit" sinkt zum bloßen Wortfetisch herab, der nichts und alles besagt. Nicht nur die Formen ändern sich, während das Prinzip dasselbe bleibt, sondern gerade die Prinzipien sind verschieden und vielmehr durch die soziologischen Formen oder Gebilde als durch die Gesamtheit überhaupt bedingt. In Wahrheit ist seine Werttheorie eben keine empirische Wissenschaft, sondern dogmatische Ethik. Was die üblichen Utilitarier als Ziel und Norm aufstellen, das findet EHRENFELS in seinem grenzenlosen Optimismus schon als Tatsache vor. Nur dadurch kann er seine Theorie als Tatsachenwissenschaft hinstellen. Seine These ist: wir brauchen keine normative Ethik, weil unsere Gesellschaft schon so gut und vollkommen ist, daß die Menschen von selbst das Wertvolle begehren, und wir ihnen nur zu sagen brauchen, was das Gesamtwohl fördert (20). Daß das keine wissenschaftliche Entdeckung, sondern eine leere Behauptung ist, die sich bei vorurteilsloser Betrachtung als falsch erweist, ist wohl klar. In Wahrheit stellt er wie alle Utilitarier das Wohl der Gesamtheit eben als absoluten Wert auf, d. h. als das, was sein  soll.  Nur unter dieser Voraussetzung kann ja von einer praktischen Bedeutung seiner Ethik die Rede sein.

Rein logisch ist die Untersuchung hier nicht ganz einwandfrei. Man will doch empirisch nachgewiesen haben, daß unseren Wertungen das Wohl der Gesamtheit zugrunde liegt, und zwar den einzelnen Wertungen, wie sie sich im gesellschaftlichen Leben herausbilden. Folglich können wir aus einer tatsächlichen Wertung auf die Nützlichkeit für das Gesamtwohl schließen. Dreht man den Schluß aber um, geht man vom Wohl der Gesamtheit aus, so behauptet man, daß wir empirische nicht nach dem Wohl der Gesamtheit werten, sondern daß wir nach ihm werten  sollen.  Man stellt einen dogmatischen Wertmaßstab auf im Gegensatz zu unseren tatsächlichen Wertungen. Ganz das Gleiche finden wir auf dem Gebiet des nationalökonomischen Wertes, den EHRENFELS auf die Ethik überträgt. Dort behauptet die Grenznutzentheorie, daß aufgrund der Tatsache, daß jeder Mensch naturnotwendig nach möglichst viel Lust strebt, mit derselben Naturnotwendigkeit jeder Mensch die Güter nach dem Grenznutzen schätzt. Folglich können wir aus jeder wirtschaftlichen Handlung - wirtschaftlich natürlich rein empirisch genommen - schließen, worin der Grenznutzen bestand. Würden wir aber den Grenznutzen als die Norm aufstellen, nach der man schätzen soll, so dürften wir nicht mehr behaupten, daß die Schätzung nach dem Grenznutzen ein empirisches Gesetz ist. Entweder empirische Tatsache oder praktische Regel aufgrund einer Norm. EHRENFELS dürfte als konsequent nicht von einer praktischen Bedeutung seiner Theorie sprechen, wenn er es wirklich als eine empirische Tatsache gefunden hätte, daß unseren Wertungen das Wohl der Gesamtheit zugrunde liegt. Man muß sich nur klar machen, daß diese Wertungen doch allein das Material der Untersuchungen abgeben. Die Empirie hat doch nicht gezeigt, daß wir nach dem Gemeinwohl werten wollen, daß unsere Erkenntnis aber nicht dazu ausreicht, und wir nun auf die Werttheorie angewiesen sind. Der Utilitarier sagt, wir sollen nach dem Gemeinwohl streben, der oberflächliche Sozialpsychologe sagt, wir werten alles nach dem Gemeinwohl. Aufgrund seiner falschen Theorie identifiziert nun EHRENFELS Werten und Begehren, hat somit gefunden, daß die Menschen alle das Gemeinwohl begehren, und will ihnen nun die Mittel zeigen, um dieses von ihnen tatsächlich erstrebte Ziel zu erreichen. Werten ist aber nicht gleich Begehren. Es entfernt sich genauso davon wie die Theorie von der Praxis. Handlungen nach dem Gemeinwohl beurteilen heißt nicht, nach ihm streben. Was die große Masse begehrt, das können uns nur ihre Taten sagen. Ob EHRENFELS auch nach ihnen zu dem Resultat kommt, daß sie nach dem Gemeinwohl strebt, weiß ich nicht. Die Tatsache der Scheinheiligkeit hat EHRENFELS hinwegbewiesen. Denn, wenn "nach einen Prinzip werten" eben gleichbedeutend ist mit "das Prinzip Begehren", so gibt es keine scheinheilige Gesellschaft. Allerdings kann jeder Mensch von sich behaupten, daß er in seiner Handlungsweise eine Förderung des Gesamtwohls sieht, ohne daß man ihn mit EHRENFELS widerlegen könnte. In dieser Allgemeinheit ist eben das Wohl der Gesamtheit ein leeres Wort.

"Die Gesellschaft strebt nach dem Wohl der Gesamtheit" ist genauso nichtssagen und ethisch unbrauchbar wie der Satz, "Jeder Mensch strebt nach Lust". Wichtig ist doch allein, wodurch sich der Mensch befriedigt fühlt, und worin das Wohl der Gesamtheit besteht. Die praktische Werttheorie soll sämtliche bestehenden sozialen Verhaltensmaßregeln auf ihre Zielmäßigkeit hin taxieren und neue zielmäßige anstelle der alten zielwidrigen konzipieren (21). Als Ziel ist dabei das Wohl, die Gesundheit, die Entwicklung, das Begehren der Gesamtheit vorausgesetzt. (22) Wann aber liegt eine Entwicklung der Gesamtheit vor? wann ist die Gesellschaft gesund? worin liegt das Wohl der Gesamtheit im Einzelfall? das gerade sind die Fragen. Von einer praktischen Bedeutung der Werttheorie kann daher nicht im mindesten die Rede sein, auch wenn man das Wohl der Gesamtheit als dogmatischen absoluten Wert hinnimmt. Ein Taxieren des Wertes gibt es nur da, wo ein fester Maßstab vorliegt, also dort etwa, wo der Wert auf dem Zuwachs im Besitz realer Gegenstände beruht.

Diesem Fördern des Gemeinwohls kommt nun auch ein individual-ethischer Wert zu, indem der normale Mensch nur zum inneren Frieden kommt, wenn er das Gemeinwohl fördert. (23) Natürlich ist das wieder keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern  normal  heißt hier so viel wie  sein  sollend, und nicht empirisch in der Mehrzahl, oder die Behauptung verliert psychologisch ihren Sinn. Denn es kommt doch darauf an, ob der innere Frieden erreicht wird durch das Bewußtsein, das Gemeinwohl zu fördern. Natürlich kann ich sagen, daß ein Schuster durch seine Tätigkeit das Gemeinwohl fördert, daß er aber "dadurch" zu einem inneren Frieden gelangt, ist psychologisch falsch. Gehen wir von der Mehrzahl der Menschen aus - und EHRENFELS behauptet, dies zu tun -, so ist es nicht richtig, daß der normale Mensch zum inneren Frieden gelangt dadurch, daß er das Gemeinwohl fördert. EHRENFELS identifiziert die beiden Tatsachen, nach dem Gemeinwohl streben und mit dem Begehren oder Werten der umgebenden Gesamtheit im Einklang sein. (24) Ob man nun das Bewußtsein, im Einklang mit der großen Masse zu stehen, ethisch allgemein als inneren Frieden bezeichnen wird, möchte ich bezweifeln. Ich persönlich würde darin nur ein absolut äußerliches, ethisch indifferentes Glück sehen. Mit der Tatsache des ethischen Reformators muß sich EHRENFELS natürlich abfinden. Nach ihm gelangt er dadurch zum inneren Frieden, daß er mit den "tatsächlichen" Begehrungen der Gesamtheit im Einklang steht. (25) Tatsächlich steht hier im Gegensatz zu  empirisch  "tatsächlich".Denn mit den realen Begehrungen steht der Reformator oder jeder, der sich gegen die herrschende Majorität auflehnt nicht im Einklang. Davon nun die "tatsächlichen" Begehrungen zu trennen, das ließe sich nur durch eine metaphysische Konstruktion der Geschichte rechtfertigen. Psychologissch ist die Behauptung einfach falsch. Daß ein Individuum leichter zu einer Ruhe des Gemüts kommt, wenn es sich darauf beschränkt, so zu handeln, wie alle handeln, ist klar. Der Reformator aber bildet dazu gerade den schroffsten Gegensatz. Er findet eine reine Befriedigung in dem Gedanken, daß er recht handelt und die anderen nicht, und das Zurückführen dieses "Rechthandelns" auf den Einklang mit den "tatsächlichen, aufstrebenden Begehrungen der Umgebung" ist meines Erachtens ein frivoles Spiel mit Worten. EHRENFELS war dazu gezwungen, denn sein Grundgedanke konnte der Tatsache nicht anders gerecht werden. Sanktioniert man einmal, wie die große Masse wertet, das ist richtig, oder mit der großen Masse im Einklang stehen, das ist wahrhaft innerer Friede, so mußte man, wenn man z. B.  Jesus  nicht als schlecht bezeichnen wollte, durch einen logischen Schluß zu der Behauptung kommen, daß  Jesus  mit den tatsächlichen Begehrungen im Einklang war. Leider waren die Begehrungen nur damals, als  Jesus  zum inneren Frieden gelangte, noch nicht "tatsächlich". Den Problemen der Individual-Ethik vermag dieser flache Utilitarismus in keiner Weise gerecht zu werden, weil sie in gar keinem Zusammenhang stehen. Erkenne ich einmal die große Masseals höchsten Richter an, ist mir ihre Wertung heilig, dann braucht man überhaupt kein ethisches Problem mehr diskutieren. EHRENFELS kommt ja auch zu der  Überzeugung,  daß eine Ethik vor allen Dingen die Wertung der Masse intakt zu lassen hat, da sie sonst eine Gefahr für das Gemeinwohl bedeuten würde. (26) Untersuchen wir, ohne irgendeine ethische Überzeugung gewinnen zu wollen - und dies ist die erste Vorbedingung wahrhafter Empirie -, die Psychologie der Wertungen, so werden wir niemals finden, daß ihnen das Wohl der Gesamtheit zugrunde liegt, oder daß dieses Wohl ein Wort ist, bei dem die Begriffe fehlen. Nach dem Inhalt, den man dem Wort ibt, wertet man, und gerade er ist verschieden. Gerade hierin würde die Aufgabe der Empirie liegen, zu untersuchen, von welchen Verschiedenheiten die Verschiedenheiten dieses Inhaltes abhängen. Ob man daneben noch von der Überzeugung durchdrungen ist, daß die Menschheit, so verschieden auch dieser Inhalt ist, doch immer nach dem Gemeinwohl strebt, diese ethische Rechtfertigung des Menschen ist wissenschaftlich gleichgültig. Es ist besser für die Kulturpsychologie, wenn sie kein einheitliches Prinzip beweisen will, sondern allein die Tatsachen befragt.

Daß mit der Betrachtung des ökonomischen und ethischen Wertes die Werttheorie erschöpft ist, ist eine unberechtigte Behauptung.
    "Es wäre verfehlt, der ökonomischen und ethischen Werttheorie eine ästhetische, szientifische usw. zur Seite zu stellen." "Kunst, Wissenschaft usw. rechnen in gewisser Wortbedeutung verstanden mit zu jenem großen Komplex von Eigenwerten, welche den ökonomischen wie den ethischen Wirkungswerten ihr Dasein verdanken." (27)
Natürlich kann man sagen, durch die Kunst wird das Gesamtwohl gefördert, denn der Genuß des Einzelnen bereichert die Lust der Gesamtheit. Das sind doch aber nur erkünstelte Zusammenhänge, die mit dem Problem des ästhetischen Wertes nicht das Geringste zu tun haben. Wenn EHRENFELS behauptet, daß die Wertbeziehungen, auf welche sich jene praktischen Disziplinen stützen, so leicht und einfach zu durchschauen sind, daß sie eine speziell werttheoretische Untersuchung nicht verlangen, so kann man dem das gerade Gegenteil entgegensetzen, wenn man sich nicht hinter den vagen Ausdruck "Lust" verschanzt. Geht man von der systematischen Betrachtung aus, so ist der ästhetische Wert gerade wegen seiner Wertbeziehung ein Problem, das sich an Schwierigkeit mit dem ökonomischen überhaupt nicht vergleichen läßt. Führt man aber die Untersuchung im Sinne von EHRENFELS, so würde das auf eine kulturgeschichtliche Untersuchung der Psychologie des Geschmacks führen. Auch hier herrschen Gesetze und Zusammenhänge der Wertungen, nur ihre Gegenstände sind andere als die der Ethik. Das Wort  Geschmack  werden wir allerdings in einem sehr weiten Sinn nehmen müssen. Denn die Empirie lehrt uns, daß die Menschheit keineswegs die Kunst allein nach ästhetischen Gesichtspunkten bewertet. Untersucht man rein empirisch die wertende Stellung der Menschen zur Kunst, wie "man" Kunst bewertet, analog der zu den Handlungen, so spielen religiöse, ethische, soziale, politische Verhältnisse stark hinein. Welches Gebiet schwieriger ist, ist eine müßige Frage. Bedenklich aber ist die Tatsache, daß sich noch niemand an eine psychologisch-ästhetische Werttheorie, eine Psychologie der wertenden Stellung der Menschheit gegenüber dem Schönen, herangetraut hat. Natürlich wäre eine solche Werttheorie nicht gleichbedeutend mit Ästhetik oder Kunstgeschichte. Ebenso könnte sich EHRENFELS durch einen Blick auf die heutige Philosophie leicht überzeugen, daß die Wertbeziehung der Wissenschaft zur Menschheit keineswegs so einfach zu durchschauen ist. Woher kääme der Streit um den Wert der Wissenschaft? Auch hier besteht daneben noch das kulturpsychologische Problem. Denn empirisch ist die wertende Stellung des Menschen zur Erkenntnis überaus mannigfaltig. Der Sinn des Wertes ansich ist allerdings überall derselbe, die spezifisch ethische Werttheorie unterscheidet sich aber von den anderen nur durch den Gegenstand der Wertung. So verstanden, müßten wir behaupten, daß auch der ethische Wert keine besondere Untersuchung der Wertbeziehung verlangt. Versteht man aber unter Wertbeziehung den Grund der Wertung, so steht der Wert der Kunst und Wissenschaft neben dem Wert der Handlungen und Kulturbetätigungen. Die Zurückführung auf den ökonomischen oder ethischen Wert ist in keinem Fall gerechtfertigt.

Im Gegensatz zu diesem reinen Utilitarismus hat KRÜGER auf die Psychologie des Wertens eine Individualethik aufbauen wollen. Wie EHRENFELS so geht auch er in seiner Untersuchung von einem Begehren aus, nur daß er nicht Werten mit Begehren, sondern mit konstantem Begehren definiert. Natürlich wird damit ein Werterlebnis geleugnet. Ein konstantes Begehren existiert nur für den beschreibenden Betrachter der gesamten Persönlichkeit, während als Phänomen Begehren Begehren bleibt. Nach KRÜGER scheint jedoch die Wertung ein selbständiges psychisches Element zu sein. Jedes Begehren kann sich zu einer Wertung auswachsen und in einem Kausationsprozeß des Willens für die Lusterwartung eintreten (28). Es soll hier nicht noch einmal die Frage nach dem Wesen des Wertens aufgerollt werden. Aus der Tatsache, daß wir den Gegenstand einer Laune nicht wertvoll nennen, wird der falsche Schluß gezogen, daß Werten gleich konstantem Begehren ist, wo doch die konstante Gefühlsbeziehung des Gegenstandes zu einem Subjekt für den Urteilenden nur der Grund der Wertung ist. Unsere Wertung ist doch nicht die konstante Beziehung selbst. Diese Ableitung werden wir in keinem Fall gelten lassen. Die Konstanz könnte aber ein unzweckmäßiger Ausdruck für den Unterschied sein, den wir EHRENFELS gegenüber zwischen dem Begehren und Werten hervorhoben. Wir nannten dort das Werten die theoretische Anerkennung des Sein-Sollens gegenüber der praktischen Verwirklichung. In der theoretischen Anerkennung liegt nun tatsächlich diese Konstanz darin, der Wert geht in den Begriff des Gegenstandes über und gilt von ihm nach dem Identitätsgesetz, wie LIPPS dies ausdrückt. Insofern liegt der Konstanz als Merkmal des Wertens eine ganz richtige Beobachtung zugrunde. Aber gleichwohl ist das Werten kein konstantes Begehren. Das ergibt sich aus der Kritik von EHRENFELS' Werttheorie.

Untersuchen wir aber näher, was KRÜGER unter Wertung versteht! Ihre Stellung im Willensprozeß wird nach seiner Definition unhaltbar. Sie ist natürlich nichts anderes als durch Gewohnheit konstant gewordenes Begehren, und es ist selbstverständlich, daß unsere Handlungen größtenteils auf die Gewohnheit zurückzuführen sind. Sie laufen gleichsam mechanisch ab ohne Abwägung von Lust und Unlust. Nimmt man interpretierend ein Element an, in dem derartige Handlungen begründet sind, so mag man sie immerhin auf Wertungen zurückführen. Ein eigentlicher Willensprozeß liegt aber in ihnen nicht vor, wenn man nicht gerade den Willen als ein Vermögen ansieht, das alle unsere Bewegungen lenkt. Nimmt man den Willen als ein tatsächliches psychisches Phänomen, so würde die Behauptung besagen, daß ein oft dagewesenes Begehren ein Begehren bedingen kann. Von einem Bedingen sollte man aber hier nicht sprechen. In Wahrheit liegt ja nur die Tatsache vor, daß wir manches aus Gewohnheit begehren. Das tatsächliche Phänomen ist ja nur eines von denen, die man als konstantes Begehren unter dem Namen  Wertung  "erklärt", in dem man grundlos das konstante Begehren als ein neues reales Element behandelt. Völlig falsch wird es dann, wenn man gleichsam als Gesetz aufstellt, daß im Konfliktfall die Wertung siegt. (29) Faßt man wirklich Wertung als das auf, was KRÜGER damit bezeichnet, so würde das heißenL wenn wir im Konflikt nicht wissn, was wir tun sollen, so handeln wir nach unserer Gewohnheit und nicht nach Lusterwartung. Daß dies der Erfahrung grundsätzlich widerspricht, braucht nicht besonders nachgewiesen zu werden. KRÜGER wollte wohl die Wertung als die tiefer begründete Möglichkeit einer Begehrung nachweisen, wen er sie im Gegensatz zu EHRENFELS mehr als ein aktuelles Begehren nennt. In diesem "tiefer begründet" würde eben ein ethischer Faktor stecken. Durch die bloße Konstanz gelangt man nie zu einer Überordnung der Wertung über das Begehren, wie sie KRÜGER tatsächlich behauptet. Er nennt das auf Wertung begründete Wollen gesetzmäßig. (30) Es liegt die ganz richtige Beobachtung zugrunde, daß das ethisch Wertvolle im Begründetsein gegenüber der oberflächlichen Annehmlichkeit liegt. Aber der Weg, den KRÜGER einschlägt, kann nie zum Beweis oder zur Verdeutlichung dieser Tatsache führen. Er hat eine ganz andere Konstanz im Auge als die, die er empirisch ableitet. Nicht darauf kommt es an, daß ein Begehren durch Gewöhnung, sondern daß es mit der Begründung durch die gesamte Weltanschauung der Persönlichkeit konstant wird. Das autonome Prinzip, das nach KRÜGER die empirische Psychologie im Gegensatz zum eudämonistischen nachweisen soll (31), ist bei ihm nichts weiter als die Gewohnheit. Selbstverständlich ist damit für die Ethik absolut nichts geleistet. Natürlich spielt auch bei ihm die Befriedigung herein. Ihre Stellung zum Willen wird aber nicht erläutert. Wir hören nur, daß das Übereinstimmen mit unseren Wertungen das Gefühl der Befriedigung hervorruft, das sich unter die allgemeine Lust einordnen läßt, aber jedenfalls doch etwas Eigenartiges ist (32). Diese Lust ist aber nur eine gütige Beigabe der Natur, nicht das Bestimmende, denn sonst wäre ja wieder der *Eudämonismus in seinem Recht (33). Der behauptete Einfluß der Wertung auf das Wollen ist also gänzlich unklar. Auf die Verletzung derartig zustande gekommener Wertungen reagieren wir nicht mit Unlust, Reue (34). Weder lehrt uns dies die Erfahrung, noch kann man es ethisch fordern. Die Pflicht muß einen anderen Grund haben als die zeitlich erworbene Konstanz. Im Laufe der Untersuchung identifiziert er ohne weiteres "Wertungsenergie" und die möglichst einheitliche Verknüpfung der "Begehrungsmöglichkeiten". (35) Man kann zugeben, daß Begehrungen konstant und damit nach KRÜGERs Terminologie zu Wertungen werden. Damit hat man aber viele nebeneinander stehende Wertungen. Von diesen kann sehr wohl die eine die andere zurückdrängen, aber nicht durch zeitliche Übung. Ihr öfteres Auftreten muß seinerseits begründet sein. Von einer solchen Begründung aber erfahren wir nichts. Wie vollzieht sich die einheitliche Zusammenfassung der verschiedenen kausal entstandenen Wertungen, wie ist sie begründet, und warum ist sie ethisch wertvoll?, das wären die entscheidenden Fragen. Wenn KRÜGER sagt, eine Begehrung erscheint als nicht sein sollend, wenn eine Wertung dagegen steht (36), so heißt das nach ihm, man soll nur das Begehren, was man oft begehrt. Natürlich kann dann aber auch Wertung gegen Wertung stehen. Mit einem konstanten Begehren kommt man hier nicht weiter. Mit der einheitlichen Wertung tritt eben etwas Neues gegenüber dem konstanten Begehren auf. KRÜGER vergleicht die Wertung dem Begehren gegenüber mit dem Begriff gegenüber der Empfindung (37). Ebensowenig wie der Begriff einer konstanten Empfindung entspricht, entspricht die Wertung einer konstanten Begehrung. Will man diesen Vergleich rechtfertigen, so muß man sagen, daß die begriffliche Zusammenfassung in der Wiederkehr der Merkmale begründet ist. Danach käme es eben darauf an, den Grund für die Zusammenfassung der Begehrungsmöglichkeiten zu finden.

Eine Analyse des absolut Wertvollen findet sich überhaupt nicht, mit Ausnahme des Hinweises, daß der Wert ein Subjekt voraussetzt nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Begriff (38), daß das Sittengesetz genauso für das Bewußtsein allein herrscht wie die Denkgesetze (39). Endzweck soll das absolut Wertvolle nicht bedeuten (40). Legt man seine eigene Definition zugrunde, so würde das heißen, absolut wertvoll ist das, was notwendig konstant begehrt wrid. Indessen hat er nicht die Untersuchung in diesem Sinn geführt. Vielmehr heißt absolut wertvoll schlechthin das Seinsollende. Denn was kann die Frage nach dem absolut gültigen Werturteil anders besagen, wenn auch KRÜGER diese Formulierung für besser hält, als die nach dem absoluten Sollen? (41) In Wahrheit liegt das Sollen in dem Begriff darin, wenn man nicht das absolut Wertvolle selber auf irgendein Gefühl oder Begehren zurückführt. KRÜGER kommt nun zu dem Resultat: Das Werten selber ist das absolut Wertvolle oder die Wertungsenergie, die das Werten ermöglicht. Als Grund findet sich folgender Gedanke: Die ethische Beurteilung fängt erst mit der Fähigkeit des Wertens an; nur wer konstante Begehrungen besitzt, kommt für die ethische Beurteilung in Betracht. Folglich ist das, was unbedingt zu einer Wertung nötig ist, absolut wertvoll, und dies ist die Wertungsenergie (42). Daß aber die ethische Beurteilung bei den konstanten Begehrungen beginnt, ist in der Erfahrung nicht begründet. Es ist nicht einzusehen, wie man den Tieren konstante Begehrungen absprechen will, und doch beurteilt man sie nicht nach ethischen Gesichtspunkten. Daraus, daß Wertungen der Gegenstand des ethischen Werturteils sind, ergibt sich nicht, daß sie wertvoll sind, sondern im Gegenteil, daß wir zwischen ihnen einen Unterschied machen, daß wir auch wertlose Wertungen anerkennen. Meint aber KRÜGER, wir beurteilen die tatsächlichen Begehrungen, aber nur dann, wenn die Möglichkeit der einheitlichen Wertung vorliegt, so liegt schon darin das Dogma eingeschlossen, daß die einheitliche Wertung das Wertvolle ist, nach dem wir beurteilen. Erst daraufhin behauptete man, daß die "richtige" ethische Beurteilung dann anhebt, wenn die Möglichkeit zu dieser Wertung vorliegt. Niemals aber ergibt sich dies als Folge aus einer Tatsache. Es wäre etwa so, wie wenn KANT seine Ethik folgendermaßen begründen würde: Ethische Beurteilung beginnt erst dann, wenn die Achtung vor dem Sittengesetz ein wirksames Motiv sein kann, folglich ist die Fähigkeit der Achtung vor dem Gesetz das absolut Wertvolle. Das was man beweisen will, wird also als ein Dogma vorausgesetzt. Wenn KRÜGER das Handeln aus einer einheitlichen Wertung heraus zum Schluß als das ethisch Wertvolle hinstellt, so ist er inhaltlich in gewissem Sinn im Recht, nur hat er eben die Psychologie der einheitlichen Wertung nicht klargelegt und andererseits sie nur dogmatisch als absolut wertvoll behauptet.
LITERATUR - Walter Strich, [Inaugural-Dissertation], Berlin 1909
    Anmerkungen
    1) MEINONG (Hg), Untersuchungen zur Gegenstandstheorie, a. a. O., Seite 225
    2) MEINONG, Gegenstandstheorie, Seite 85
    3) SIMMEL, Einleitung in die Moralwissenschaft
    4) MEINONG, a. a. O., Seite 121
    5) MEINONG, a. a. O., Seite 124
    6) MEINONG, a. a. O., Seite 120
    7) MEINONG, a. a. O., Seite 159
    8) MEINONG, a. a. O., Seite 163
    9) MEINONG, a. a. O., Seite 179
    10) MEINONG, a. a. O., Seite 166
    11) MEINONG, a. a. O., Seite 222
    12) MEINONG, a. a. O., Seite 224
    13) MEINONG, a. a. O., Seite 224
    14) MEINONG, a. a. O., Seite 169
    15) MEINONG, a. a. O., Seite 169
    16) MEINONG, a. a. O., Seite 222f
    17) von EHRENFELS, Werttheorie II, a. a. O.,§ 6
    18) Vgl. auch EHRENFELS, Werttheorie V, Seite 15
    19) EHRENFELS II, Seite 5
    20) EHRENFELS, a. a. O. II, Seite 260f
    21) EHRENFELS, a. a. O., II, Seite 258
    22) EHRENFELS, a. a. O. II, § 12.
    23) EHRENFELS, a. a. O. II, § 28 und 29.
    24) EHRENFELS, a. a. O. II, § 12
    25) EHRENFELS, a. a. O. II, Seite 145
    26) EHRENFELS, a. a. O. II, Seite 69
    27) EHRENFELS, a. a. O. I, Seite 268.
    28) FELIX KRÜGER, Der Begriff des absolut Wertvollen in der Moralphilosophie, Seite 47
    29) KRÜGER, a. a. O., Seite 66
    30) KRÜGER, a. a. O., Seite 36
    31) KRÜGER, a. a. O., Seite 39
    32) KRÜGER, a. a. O., Seite 68f
    33) KRÜGER, a. a. O., Seite 48
    34) KRÜGER, a. a. O., Seite 48
    35) KRÜGER, a. a. O., Seite 66
    36) KRÜGER, a. a. O., Seite 59
    37) KRÜGER, a. a. O., Seite 41
    38) KRÜGER, a. a. O., Seite 55
    39) KRÜGER, a. a. O., Seite 51
    40) KRÜGER, a. a. O., Seite 77
    41) KRÜGER, a. a. O., Seite 56
    42) KRÜGER, a. a. O., Seite 61